STICHPUNKT 21|01

Polit-Jaukerl

In Österreich war damals der Stalinismus, sodass ich nach Amerika auswandern musste, um mein Bodybuilding zu machen.“ | Der das sagt, ist der stets berührende Schwarzenegger, der viele seiner Sager unter dem Aspekt von Körpermarketing tätigt. Später relativiert er den Satz in eine Aussage, wonach er in Österreich nahe am Stalinismus gelebt habe. || Aber er hätte es nicht korrigieren müssen, in Österreich gab es damals tatsächlich einen Stalinismus, nur sagte man Große Koalition dazu. Andere verwendeten das seltsame Wort Proporz, das bei den Kindern Gelächter auslöste, weil sie sich etwas anderes vorstellten, etwas, was den Körper hinten hinaus flieht. | Alle Männchen auf der Bühne hatten eine rote und schwarze Hälfte an sich, weshalb die Anzüge in einem durchgehenden Grau optisch auf das Publikum übersprangen. | Das aufkeimende Schwarzweiß-Fernsehen verstärkte diesen Eindruck vom Stalinismus, zumal überhaupt keine Frauen in der Politik auftraten, nicht einmal als vielgerühmte oder gar geschmähte Geliebte. | Ulbrich und Honecker hatten bürokratische Frauenaffären, aber in Österreich herrschte diesbezüglich eiserne Disziplin, vor allem weil die Roten ihren Gattinnen noch treuer waren als die gottesfürchtigen Schwarzen. | Das alles soll erklären, dass die politische Wirklichkeit oft etwas anderes verkörpert, als es die Ideologien und Wortidyllen vorgeben. || Im gut-meinenden Journalismus hat es sich inzwischen festgemacht, dass die polnischen und ungarischen Demokratien böse, weil illiberal sind. Und die darin handelnden Personen sind höllisch gefährlich für „unsere“ Demokratie. | Dabei wird selten erwähnt, wie diese Länder zu ihren aktuellen Systemen gekommen sind. | Orban etwa musste seinerzeit zusehen, wie er mit den zerfransten Splittergruppen des Postkommunismus keinen einzigen Mehrheitsbeschluss zustande bringen konnte. „Das wird mir nie mehr passieren!“ wird ihm ein legendärer Satz zugeschrieben. || Ähnliches ist dem ganz jungen Kurz widerfahren, der als Mittzwanziger sehen musste, wie die große Koalition nur mehr mit Hass und After vorwärts gegeneinander losgegangen ist. | Auch er soll gesagt haben: „Das wird unter mir nicht mehr passieren.“ | An die Stelle der steinernen Pressekonferenzen ist eine unsäglich verdummende Pressearbeit getreten, worin sich die Regierung stündlich dem Boulevard stellt. Dabei kommt viel fragwürdiger Gestus zum Einsatz, etwa wenn ein Kinder-Tausender an ein Kind überreicht wird, oder der Bundeskanzler auf nackte Impfoberarme starrt. Ein medizinischer Vorgang wird dadurch zu einem Polit-Jaukerl. || In Polen hingegen ist der Knackpunkt der Verfassung die Korruption der vormaligen Justiz. Seinerzeit sowjetisch geführt, war sie auch nach der Wende nicht imstande, zwischen politischem Agieren und der Korrektur falscher Entscheidungen die Materie auszutarieren. | Die Richter bekamen plötzlich die Aufgabe und wohl auch die Lust, über den Parteien zu stehen. Und jetzt sind sie eben in Rente geschickt. Das entspricht einem gewöhnlichen Akt, wenn die Arbeitszeit für alle auf 65 beschränkt wird. Freilich fehlen dabei noch die Politiker, die sich nicht einschränken lassen. || Da kommt jetzt ein Schweizer Gedankengang ins Spiel. Die haben ja keinen Verfassungsgerichtshof im Programm, weil sie eben vermeiden wollen, dass die Richter oberste Instanz sind. Oberste Instanz bleibt der Volksentscheid. | Das bringt die Schweiz regelmäßig in Konfrontation mit der EU, die den Kantonen durch die Hintertür der Assoziationsverträge jeweils einen Schwall ausjudizierter Demokratiefloskeln auf den Hintern setzen will, während vorne oft das Volk anders entschieden hat. || Die EU-Euphoriker müssen aufpassen, dass ihr elitäres Klüngeldenken, das für Staatstheoretiker sicher eine Fundgrube ist, nicht am Willen der Konsumenten und Hedonisten vorbeigeht. Die Menschen sind nun einmal in der Hauptsache Impfverweigerer, denn auch die Demokratie ist ja eine Art Impfung.

Helmuth Schönauer 02/01/21


STICHPUNKT 20|46

Blasensong für Blasmusik

Ich bin aufgewacht, / und das Pipi ist weg. / Yeah yeah. / Jetzt habe ich die Sanna* gefragt, / ob sie mit mir Pipi macht. / Yeah yeah. / Ich will mit dir spazieren gehen, / aber das Pipi ist weg. / Yeah yeah. / Jetzt musst du mich im Sitzen sehn, / wie ich den Song für dich in die Hose mach. / Yeah yeah. // *[Sanna entsteht aus dem Zusammenfluss von Rosanna und Trisanna.]

Helmuth Schönauer 04/12/20


STICHPUNKT 20|35

Mal langsam!

An einer politischen Akademie, die mit den Geheimdiensten zusammenarbeitet, hat man endlich eine Maschine zur Verlangsamung erfunden. Damit kann generell die Geschwindigkeit eines Landes heruntergesetzt werden. Die Machtinhaber freuen sich naturgemäß, weil sie so länger an den Hebeln sitzen können. | Die lähmende Leere wird von Aerosolen verbreitet, was diverse Abkommen über Giftgas und chemische Waffen elegant umgeht. Liegt ein Land einmal im Koma, lässt sich so gut wie jede politische Maßnahme durchführen, indem der Status quo hinausgezögert wird. | Die Suche nach einem Atomendlager ist kein Problem, wenn das Volk einmal das Zeitgefühl verloren hat, spielt auch eine Million Jahre keine Rolle mehr. | Auch für kurzfristige Maßnahmen empfiehlt sich die Verzögerungsmaschine auf Aerosol-Basis. | Der Schweinestau kann gemildert werden, indem die schlachtreifen Tiere einfach so lange narkotisiert werden, bis genügend Schlachtkapazitäten vorhanden sind. | „Wir können nämlich nicht auf einen Knopf drücken, um den Ferkel-Flow zu stoppen!“ jammert ein sogenannter Ferkelzüchter. Doch, ab jetzt kann man! | Ähnliches wird die Tierliebhaber freuen, die auf das Kücken-Schreddern schlecht zu sprechen sind. Die überflüssigen männlichen Kücken werden so lange in Narkose gehalten, bis man ihr Geschlecht im Ei feststellen kann. | Da ist etwas in der Reihenfolge falsch? Macht nichts, alle Probleme lassen sich lösen, wenn man sie lange genug hinausschiebt. | Die Maschine heißt übrigens „Austretard“, nach dem Ort mit der größten Verzögerungserfahrung.

Helmuth Schönauer 18/10/20


STICHPUNKT 20|28

Datenschutz für Gott

Wenn jemand eine Berühmtheit ist, die niemand kennt, handelt es sich fast immer um einen Osttiroler. Die Berühmtheit wird in dieser Fünfzigtausend-Seelen-Enklave nämlich pragmatisch geregelt, indem jeder einmal berühmt wird, sei es durch einen Unfall, eine seltene Krankheit oder eine rare Fähigkeit, wie die des Lesenkönnens. So wimmelt es im Osttiroler Boten nur so von Berühmtheiten, denn Ziel dieses heftigen Regionalblattes ist es, jedem Menschen einmal im Leben Sinn und Genugtuung zu verschaffen, indem sein Name erwähnt wird. | Das Gegenteil dieses Kults spielt sich in Hollywood ab. Auch dort ist jeder berühmt, aber gleichzeitig streng darauf bedacht, nicht erkannt oder erwähnt zu werden. Nicht umsonst spricht man von Göttern, und diese unterliegen einem besonders strengen Datenschutz, niemand darf wissen, wie alt sie sind und wo sie wohnen. | Wenn österreichische Halbberühmtheiten sich für einen Tag lang mit Ruhm schmücken wollen, laden sie sich gerne einen Gott ein. Dieser Tage presste sich die niederösterreichische Landeshauptmannfrau Mikl-Leitner auf Schloss Grafenegg zu einem engen Empfang, der schmucke Bilder liefern sollte. | Ja, wer wurde nun angeschmogen und angepresst? Zuerst stand in der Presse, dass es sich um den sensationell göttlichen Filmemacher Robert Dornhelm handele. Doch dann sprach man nur mehr von einem bekannten Regisseur, der auf dem Fest herumgegeistert sei. | Die Berühmtheit war nämlich mit einem Virus ausgestattet und hat offensichtlich nicht mit dessen Verbreitung gegeizt. | Die Presse schickte den Spreader verbal ins Krankenhaus, um zu suggerieren, dass hier ein schwerer Fall aufgetaucht sei. Anschließend wurden von der Landeshauptmannfrau abwärts alle in Quarantäne geschickt und aus dem Sog der öffentlichen Neugierde gezogen. | Und zuguterletzt vertuschte man den Namen der Berühmtheit mit dem Hinweis auf den Datenschutz Gottes. | Die Osttiroler hätten freilich den Namensvertuschern sagen können, dass alles halb so schlimm ist. Was eine echte Tagesberühmtheit ist, ist am andern Tag schon vergessen. Das ist der Wert der eigentlichen Berühmtheit, den die Osttiroler seit Jahrhunderten still und im Datenschutz Gottes für sich ausleben.

Helmuth Schönauer 01/09/20


STICHPUNKT 20|27

Killbühel

Wenn es in der Provinzliteratur passabel läuft, ist jeder Literaturanwender rund um die Uhr im Einsatz. Unter Literaturanwendern verstehen wir Berufsgruppen, die einmal am Tag ein Buch in die Hand nehmen oder ein File scrollen. Vor allem Bibliothekare, Lehrer und Lehra (gegendert), Psychologen und Buchhändler kommen ganz schön ins Schwitzen, wenn das Fiktionale seine Grenzen überschreitet und ins Reale übertritt. | Das kann für den einzelnen Literaturanwender bedeuten, dass er am Vormittag bei Gericht sitzt, um einen Fünffachmord in Killbühel als Geschworener zu beurteilen. | Am Nachmittag sitzt dieser Anwender vielleicht im Jugendgefängnis und unterstützt mit schönen Texten die Deradikalisierung von Straftätern, welche erst den Unterschied zwischen verbaler und haptischer Straftat erst lernen müssen. | Und am Abend sitzt dieser Mensch wieder zwischen zwei Welten und lässt sich in der Buchhandlung von einem Osttiroler Autor mit einem Krimi belabern, worin alles blutig und lustig ist. |Spätestens seit der weltweit erfolgreichen Fake-Kultur eines amerikanischen Präsidenten wissen wir, dass vielleicht gar kein Unterschied zwischen Fict und Fact besteht. Sieger ist jedenfalls jener, der sich in beiden Welten auskennt und dazwischen zu switchen vermag. | Anlässlich des echten Fünffachmordes in Kitzbühel ist es vielen wie Schuppen von den Augen gefallen, dass man mit den Leichen in Krimis nicht so herumspielen sollte. Denn spontan hatte der Buchtitel Killbühel seinen Charme verloren. Außerdem durfte man nicht Massaker sagen, denn die Tat wurde von einem Einheimischen begangen. Merke: Ausländer begehen Massaker, Inländer Tragödien! | Plötzlich wollte niemand mehr mit dem Täter mitfiebern, ob er wohl einen guten Verteidiger kriegt. Die Ermordeten waren jäh hingerichtete Menschen wie du und ich, und nicht mehr Beiwerk eines dahinplätschernden Falles. Die Literatur, die angetreten war, die Menschen zu bereichern und ihnen beim Leben zu helfen, hatte sich als blödelndes Geschäftsmodell herausgestellt, das nur abcashen will mit belanglosen Worten. | Die sonst so auf Home-Storys versessene Killbüheler Bevölkerung war plötzlich enttäuscht, dass über ihren Ort so realistisch herzlos und tourismusschädlich berichtet wurde. | Als minimale Wiedergutmachung wurde beim Prozess ausgewogen über Schuld und Sühne geurteilt, der Täter hat sein lebenslängliches Urteil angenommen, und „die Kinder spielen schon den Mord“, wie es in einer frühen Krimi-Analyse in Peter Handke „Hausierer“ heißt. | Für die Literaturanwender zeigt sich abermals, dass der Krimi-Kult eine Sackgasse ist, die nicht einmal für den Totschlag der Zeit tauglich ist. | Für Gerichtsverfahren ist der Krimi völlig ungeeignet, für die Deradikalisierung sucht man sich die Fallbeispiele besser im Leben als in der Krimiliteratur, und wer sich am Abend noch einen Virus einfangen will, wird überall besser bedient, als bei einer Krimipräsentation eines derangierten Provinzdichters.

Helmuth Schönauer 21/08/20


STICHPUNKT 20|26

Schweigrad

Im Großraum Innsbruck gibt es einen ehemaligen Piratensender, der vor einem Vierteljahrhundert legalisiert worden ist und sich seither „Freirad“ nennt. Dieser Legalisierung gingen jahrelange Verfolgungsjagden zwischen den Radiobetreibern und der Post einher, die damals die Schwarzsender ausfindig machen und eliminieren musste. | Endlich wurden österreichweit ein paar Frequenzen aufgemacht, und auf der Tiroler Frequenz machte sich mit Unterstützung des kräftig bellenden Bürgermeisters „Radio Maria“ breit. Nicht zuletzt wegen der vielen Kinderschändungen, die überall dort publik wurden, wo kurz eine Kutte gelüpft werden konnte, gab man schließlich Radio Freirad das Senderecht. | Die frischen Redakteure mussten alle einen Kurs über Sende-, Urheber- und Verunglimpfungsrecht machen, dann wurden sie losgelassen. Dieser Ausdruck ist durchaus als Bedrohung für die Zuhörer zu verstehen, denn „Freirad“ heißt seither, dass die Redakteurschaft machen kann, was ihr gefällt, und ihr sonst alles egal ist. | Die Zuhörerschaft braucht auf keiner Frequenz den Off-Knopf so oft wie bei jener von Freirad. Da in allen Sprachen gesendet wird, stehen für manche Sendung statistisch gesehen kaum einmal fünf Zuhörer zur Verfügung, weshalb diese Sendungen jenseits aller Ohren ablaufen. | Da sich ein gewisses Sendeschema etabliert hat, lassen sich durchgehustete Sendungen meist umgehen, am besten mit einer Zeituhr ausgestattet lässt man den Sender wieder anlaufen, wenn Musik kommt. | Die Wortbeiträge nämlich sind durch die Bank unverständlich, es hapert an den Kenntnissen der jeweiligen Sprache, so dass du nie weißt: „In welcher Sprache senden die eigentlich, ist das ein Code für die Geheimdienste?“ | Fast hat man den Eindruck, diese Sendungsmacher wollen der Sprache eins auswischen. Da ihnen das Publikum egal ist, kriegen sie kein Feedback und empfinden sich probehalber einmal selbst als genial. | Für diese akustischen Totalversager empfehlen besorgte Zuhörer, man möge doch eine eigene Sprech-Kabine installieren, wo die ihre Sendungen heruntersprechen, während von draußen Musik gesendet wird, damit das Publikum nicht durchdreht. | Aber nicht nur das Verweigern einer erkennbaren Sprache lässt Besorgnis aufkommen, auch Kindersendungen und Mitschnitte von Uni-Veranstaltungen geben einem als Zuhörer den Rest. Wenn das die gesprochene Denke ist, wo sind dann die echten Gedanken, die die Welt weiterbringen oder zumindest erträglich machen? | Als wichtige Maßnahme ist außerdem empfohlen, das „Freirad“ in „Schweigrad“ umzubenennen. Die Radiomacher halten dabei ihre krächzende Gosche und würdigen das Publikum, indem sie ihm die Freiheit lassen, abzuschalten oder zuzuhören. | Alternatives Radio ist im Zeitalter der Podcasts gefordert. Aber so ein Produkt wie durchgerülpstes Freirad hilft niemandem. Da wird keine Revolution daraus hervorgehen und schon gar keine Verbesserung der Welt.

Helmuth Schönauer 16/08/20


STICHPUNKT 20|25

Lieber im Dienst, als im Rücktritt bleiben!

Wenn etwas in der Gesellschaft funktionieren soll, brauchst du als erstes einen Lehrstuhl dafür, dann ein möglichst dichtes Netz von extra dafür angefertigten Psychologen, und schließlich unendlich viel Zeit. | Wollte man also den mit dem Mund herumgereichten Rücktritt in die Tat umsetzen, müsste man zuerst einmal einen Lehrstuhl schaffen. Von diesem aus sollte die Kultur des Rücktritts, seine Geschichte und seine besondere Schattierung in Österreich gelehrt werden. | Die aus dem Schatten dieses Katheders herausspringende Studentenschaft würde sich dann wohl-gegendert über das ganze Land verteilen und in Kassen-finanzierten Praxen niederlassen. Erst dieses Netz von Rücktrittspsychologen würde dann die jeweiligen Rücktritte selbstbestimmt zulassen. Denn wo kein passender Psychologe, da darfst du heutzutage nichts mehr in Angriff nehmen. | So eine Rücktrittsaufforderung ist zwar sehr schnell formuliert, aber über die Konsequenzen ist sich niemand im Klaren. Wenn jemand aus dem Bauch heraus zurücktritt, verliert er sofort jeglichen Rechtsanspruch und ist automatisch ein Fall für das Gericht, egal aus welcher Branche er zurückgetreten ist. | Ein hohes Tiroler „Psychiatrie-Tier“ hat in einer Studie sogar nachgewiesen, dass ein Mensch im Schnitt erst nach zwölf Jahren zu seiner adäquaten psychiatrischen Maßnahme kommt. | Wenn ich also heute zurücktrete, kann ich das Problem frühestens 2032 mit einem Facharzt klären. Da bleibt natürlich jeder normale Mensch bis dorthin lieber im Dienst als im Rücktritt. | Überhaupt ist die Forderung nach Rücktritt meist etwas für das Sommerloch, wenn selbst die Viren nicht mehr richtig arbeiten mögen. Dabei unterscheiden wir Sonntags-Eruptionen und Forderungen im Standgas. | Wenn etwas in seiner Tragweite noch nicht richtig abschätzbar ist, spricht man als niedrig gehaltene Opposition gerne einmal am Sonntag einen Rücktritts-Appell aus, weil sonst nichts los ist und man die betroffene Person so am falschen Fuß erwischt. | Beim permanenten Rücktritts-Sound handelt es sich hingegen meist um ideologische Geräusche. So haben etwa Künstler zwei Jahre lang im Dauerton den Rücktritt des damaligen Polizeipferdemeisters gefordert, ehe man diesem aus internen Parteigründen den blauen Teppich entzogen hat. | Aber in Österreich hält sich eben niemand an die Reihenfolge von Maßnahmen. Wann immer irgendwo eine Rücktrittsforderung auftaucht, sollte man diese aufgreifen und einen Lehrstuhl daraus machen. Dann die Psychologen, dann die Praxen, usf. Es wird schon, wir müssen nur Geduld haben.

Helmuth Schönauer 22/07/20


STICHPUNKT 20|20

Die Alpen sind eine Steigerung

Die Sprache, die in Tirol verwendet wird, ist kein Dialekt, sondern eine Funktion. Sätze, mit denen sich nicht ein Bezug zu Konsum, Tourismus oder Wirtschaft herstellen lässt, werden weder ausgesprochen noch als graphische Zeichenkette auf einem Display verwendet. | Mündlich gesprochen klingt das Konglomerat, das aus diversen Mäulern fällt, gleich wie überall, wo etwas aus einem Maul fällt. Man könnte analog zu den Tiersprachen sagen, überall, wo es noch Esel gibt, wiehern sie gleich. | Da über Jahrhunderte die Sprache im Gebirge nicht gegendert worden ist, klingt sie nicht geschlechtsneutral, sondern animalisch. Freilich wird das gerade in den Sprechblasen Schule und Universität nachgeholt, was zum übertriebenen Genderismus führt. Mustersatz für eine solche Übertreibung ist jener Lehrer, der als Virus-Maßnahme stolz verkündet: „Um die Schülerinnen und Schüler zu schützen, sind die Tischinnen und Tische in ausreichendem Abstand aufgestellt.“ | Eine zweite wesentliche Besonderheit in der Gebirgssprache ist die gewöhnungsbedürftige Steigerungsform mit „Alpen“ und „Tyrol“. | Wenn jemand eine gelungene Wurst in der Sanitärschüssel abgelegt hat, spricht er von seiner Wurst, wenn sein Nachbar eine größere zusammenbringt, von einer Alpen-Wurst, und wenn die Wurst bei jemandem aus der Schüssel heraushängt, spricht er von Tyrol-Wurst. | Diese Steigerungsform gilt auch in der Fleischindustrie. Damit die Deppen die Massenware aus den Schlachtfabriken wie wild kaufen, spricht man von von Alpenmetzgerei und Tyrol-Speck. Dabei handelt es sich um pure Ausscheidungen, die mit einem neuen Label als neues Fleisch um-etikettiert werden. Wenn die Kundschaft sieht, was nach dem Verzehr dieser Waren hinten herauskommt, stellt sich meist noch ein Austritt aus dem Gegenloch ein, Kotzen ist unabwendbar. | Diese sehr logische Steigerungsform lässt sich mit der Formel „X, Alpen, Tyrol“ auf so gut wie alles anwenden. Es gibt etwa das Haus, das Alpenhaus und das Tyrol-Haus. | Ähnliches gilt auch für die Steigerung von Kultur. Es gibt den Roman, den Alpenroman und den Tyrol-Roman. Beim Krimi ist diese Steigerung überlebensnotwendig, willst du etwa einen äffischen Krimi aus Osttirol am Weltmarkt unterbringen. | Und selbstkritisch bemerkt, das Ganze gilt auf für das sehr rare Feuilleton. Sie Steigerung heißt Alpenfeuilleton, später Tyrol-Feulliton. Denn auch hier gilt: Die Alpen sind eine Steigerung!

Helmuth Schönauer 26/06/20


STICHPUNKT 20|12

Zugeschaltete Berge

Da die Saisongefährtin des berühmten Everestlers aus Luxemburg stammt, kann der hyper-mobile Reinhard Messner während des kontinentalen Komas nicht über den Brenner nach Bozen. Er sitzt quaratinös in seiner Münchner Viertwohnung fest. | Von dort aus bestreicht er alle Redaktionen im Homeoffice und tritt auch fallweise in einer sogenannten Schalte auf. | Jeden Tag sieht man seine ewige Story auf einem anderen Kanal. Es gibt schon Internetwetten, mit denen man darauf setzen kann, in welchem Sender er wann auftreten wird. | Die Leute interessiert nur sein permanenter Auftritt, nicht aber sei Inhalt, deshalb muss er jeden Tag woanders auftreten, um glaubwürdig zu bleiben. | In einer Nebenschalte wird erklärt, dass die Vereine Angst haben, die Leute könnten sich sich neue Sportarten suchen, wenn nicht bald die Sportstätten aufgingen. Und die Dichter hätten Angst, dass sich die Leser neue Medien suchten, wenn noch längere Zeit keine frischen Krimis herauskämen. | Niemand nämlich bleibt seinen Gepflogenheiten treu, wenn diese nicht ununterbrochen zur Verfügung stehen. Alle Hobbys und Künste sind letztlich Ausdruck eines Geschäftes, das nur funktioniert, wenn es täglich abgewickelt wird. Wegen der Moral bleibt niemand einer Neigung treu, was sich nicht konsumieren lässt, muss entsorgt werden. | Auch Reinhold Messner steht vor dem Dilemma, dass sich bald niemand mehr um seine Erfolge kümmern wird, wenn nicht bald wieder seine Museen aufgehen, worin man ihn bestaunen kann. Er bettelt in jeder Sendung wie verrückt um Touristen, weil es sonst still wird in den Schautempeln, in denen angeblich die Stille der Berge ausgestellt wird. Auch für den Berg-Mediator gilt: Geschäfte machen Lärm, selbst wenn sie mit der Stille handeln. | Nach der Schalte mit Messner ist es jedes mal besonders still im Kanal.

Helmuth Schönauer 04/05/20


STICHPUNKT 20|08

Kriegsmatura

Wenn im vorigen Jahrhundert eine sogenannte Flasche an entscheidender Stelle in einem Amt gesessen ist, hat man sich unter der Hand die Glücksformel zugehaucht: „Der hat die Kriegsmatura!“ | Tatsächlich ist in den Nachkriegswirren so manches Maturazeugnis verlorengegangen, Schulen, an denen jemand gebüffelt haben wollte, waren bombardiert, Zeitzeugen ermordet, der frühere Lehrstoff für obsolet erklärt. | So streunten ein paar männliche Jahrgänge durch die ebenfalls verwaisten Ämter und hockten sich hinein, wenn der Sessel passte, oder zimmerten einen neuen. Was immer diese Kohorten auch von sich gaben, eines war gewiss, sie hatten unbändigen Lebenswillen und die Fähigkeit, aus jeder Situation das beste zu machen. | Aus dem abschätzigen Begriff Kriegsmatura wurde bald einmal eine Art Adelstitel. Denn wer imstande ist, seine Matura zu faken, der kriegt auch das übrige Leben hin. | Heuer steht wieder eine Kriegsmatura am Programm. Diesmal wird sie freilich nicht von den Kids organisiert, die dazu nicht imstande wären, sondern von der Bildungsbehörde, die allen eine bestandene Matura zuteilt. Im Fachjargon spricht man von Helikopter-Matura, weil die Aspiranten flächendeckend von oben her besprüht werden. | In ein paar Jahren wird kein Mensch mehr danach fragen, ob diese Matura auch echt ist. Alle werden auf eine Uni geströmt sein und von einem Multiple-Choice-Programm ausgebildet sein für das, was man in einer Zeit permanenter Notmaßnahmen brauchen wird. | Und wenn alles nichts hilft, wird man eben Matura-Roboter in die Klassen hocken und jene Prüfungsfragen abarbeiten lassen, welche von den Zentralrobotern in einem Ministerium mit künstlicher Intelligenz formuliert worden sind.

Helmuth Schönauer 14/04/20


STICHPUNKT 20|07

Drei Wappentiere krähen um die Wette

In der Provinz gibt es für alle Berufszweige einen Innungsmeister, der die oberste Meinung der Sparte vertritt. Ähnlich einem Wappentier auf einem mittelalterlichen Schild kräht er seine Botschaften heraus, die dann als gültige Meinung gilt. (Fürs Gendern gibt es übrigens eine eigene Innungsmeisterin!) | Eine besonders seltsame Form der Meinungsmache geht von den jeweiligen Leithammeln in Krisenzeiten aus. Da diese Wappentiere ja nur dafür gedacht sind, der Huldigung der Einheitspartei zu dienen, geraten sie in die Krise, wenn diese in die Krise gerät. | Anlässlich der neuen Zeitrechnung „v. C und n. C“ (vor und nach Corona) stehen auch die Leithammel vor dem Problem, dass man ihnen nicht mehr so alles glaubt wie früher. Dabei entwickeln manche erstaunliche Hellsichtigkeit, während andere in den tiefsten Jedermann zurückfallen. | Tobias Moretti ist als der berühmteste Schauspieler des Landes immer alles, was den Tiroler Adler beflügeln könnte. Mal fährt er mit seinem Bruder in Lausbubenmanier mit der Geländemaschine durch Naturschutzreservate in allen Kontinenten, mal gibt er den Tiroler Adler höchst persönlich, indem er unter den Bart von Andreas Hofer schlüpft, dann wieder macht er unsterbliche Posen als Jedermann, ehe er in Talkshows erklärt, dass die Schauspielerei ein ernster Beruf ist. Politisch äußert er sich nur insofern, als er für Ehrungen seine Brust zur Verfügung stellt und alles für gut findet, was der jeweilige Landesvater so macht. Sein Beitrag zur Coronakrise mündet denn auch in Floskeln wie Zammhalten und Solidarität. Die Feinde nämlich fallen wieder einmal über das Tiroler-Landl her und zerstören seinen Tourismus. | Dem Zammhalten-Appell widerspricht Markus Koschuh vorsichtig vehement, immerhin kräht er mit seiner Replik ja eine Adler-Ikone an. „Siehst du die Nebelgranaten nicht?“ ruft er dem Moretti zu, der im Film am liebsten durch Nebel reitet oder jettet. Jetzt wäre nämlich die Zeit gekommen, ein paar Sachen im Land zu ändern, statt nur die Sachen zammzuhalten. Eine fundamentale Kritik müsse in einer kritischen Zeit passieren, denn in der Gaudi-Zeit hat niemand Zeit für Kritik. | Als erster ist übrigens Peter Plaikner in den Diskurs galoppiert mit einer fundamentalen Analyse der Tiroler Ballermann-Szene. Wenn sich jetzt nichts tut, dann kann man das Land wohl endgültig abschreiben und sagenhafte Marionetten und Morettis weiterwerkeln lassen. Seine Analyse klingt sehr plausibel, allein die Position des Formulierenden lässt die Handbremse angezogen. Peter Plaikner hat jahrelang in jenem Einheitsblatt, das Demokratie mit hartem T wie Tourismus schreibt, gewerkelt und den Ton mit angegeben. Es wäre für alle schön, wenn er im Alter wirklich zu eigenen Gedanken gekommen wäre. | Alle diese Wappentiere haben einen handfesten Grund, warum sie jetzt so tun müssen, als ob sie nachdächten. Ihr Publikum sitzt auf den Balkonen in Quarantäne und hat das nächste Jahr lang keine Lust, in eine Massenveranstaltung zu gehen, wo ihnen jemand gegen Eintritt die Moral erklärt.

Helmuth Schönauer 04/04/20


STICHPUNKT 20|06

Konviktskaktus

J. H. gilt nach weitverbreiteter Ansicht als der humorloseste Dichter Österreichs. Das ist insofern interessant, weil dieser Autor immer wieder an der Uni literarische Ästhetik lehrt und so an der Verbreitung der These arbeitet, wonach ein Dichter umso tiefer wirkt, je ernst-triefender er schreibt. | Er selbst ist an manchen Tagen froh, dass seine Initialen in der richtigen Reihenfolge aufgezählt sind, denn sein eigenes Schreibprogramm widmet sich dem Kampf gegen den Faschismus und der Implementierung des literarischen Realismus in Österreich. | Zu den Höhepunkten dieses Realismus gehört sicher eine Beschreibung des Vorderradantriebs für einen PKW in der winterlichen Landschaft von Zwettl. | Immer wieder nützt er die sogenannte Realität, um ein autobiographisch schwermütiges Schicksal zu generieren. Beeindrucken ist seine Schilderung des Tsunami in Thailand, bei dem er ein (Finger-) Glied verloren hat. | Ein Leben lang freilich quält ihn die Schändung im Kloster Zwettl, mit der er ein Leben lang nicht zurecht kommt. Bereits beim Konviktskaktus bricht dieses Desaster unter der Kutte auf, aber die frühe Erzählsammlung wird meist als halb-lustiges Episoden-Set abgetan, wobei man im Kaktus entweder eine geheimnisvolle Ausscheidung oder eine stark befestigtes Geschlechtsorgan herausliest. | Und jetzt, wo alle Schänder gestorben sind, kommt es zum Showdown der Realität. Im Buch „Mein Fall“ (2020) wird realistisch aufgezeichnet, was sich in den frühen 1960ern in einem Waldviertler Kloster abgespielt hat. | Das Schicksal ist bedauerlich, das Timing der Aufklärung aber interessant. Längst nämlich bedeutet Realismus in der Literatur, dass die Zeit reif für ein Geschäft ist. Jetzt, wo die Nazizeit so gut wie aufgearbeitet ist, kann man sich um die subkutanen Kinderschänder kümmern, die nicht mehr beißen, weil sie ja schon gestorben sind. | Realität und Österreich, das ist immer noch diese süffisante Heimito-von-Doderer-Stimmung, wo jemand im Kaffeehaus seine Melange rührt und zuschaut, wie draußen die Straßenbahn einer Frau den Oberschenkel abfährt. | Und während man so die Fußgängerzone hinunterschaut, sprießen überall Konviktskaktusse hervor, das ist Österreich im beschaulichen Realismus.

Helmuth Schönauer 03/04/20


STICHPUNKT 20|05

Lebensretter auf der Maschin

Wenn man dem Kapitalismus Glauben schenkt, so ist nichts auf der Welt sinnlos, weil überall ein Geschäft dahintersteckt. Sollte etwas auf Anhieb ziemlich pervers daherkommen, muss man eben über Umwege und Umwegrentabilität zum wahren Kern des Unsinns vorstoßen. Ziemlich sinnlos erscheint auf den ersten Blick der Motorradkult. Sexuell unausgeglichene Männer stecken sich in Domina-Kluft und bezwingen die Landschaft mit Motorrädern. Manchmal fallen sie in Rudeln über eine Talschaft her, dann wieder als Kleingruppe, die sich Windschattenrennen liefert. | Das Ziel dieser Reisen ist das Nichts, weshalb die Reiserouten geheimnisvollen Moebiusschleifen gleichen, die in sich selbst enden und ewig sind. | Da diese Landschaftsaktivisten nichts mitführen außer sich selbst und eine Scheckkarte, sind sie überall gerne gesehen, denn sie konsumieren in einem fort, wenn sie nicht gerade Gas geben und die Maschine Sprit konsumieren lassen. | Für die Einheimischen an der Strecke freilich sind diese Rudel unerträglich, deshalb muss die Umwegrentabilität herhalten, damit die Anrainer nicht zur Mistgabel aus dem Gartencenter greifen und die Lederjacken abstechen, während sie am Gasgriff spielen. | Als oberstes Umweg-Argument galt bisher die große Lust der Freizeit-Fuzzis, Organe zu spenden. Tatsächlich wurden Transplantationskliniken unter dem Aspekt errichtet, dass gute Motorrad-Routen daran vorbeiführen. | In der Corona-Krise kommt jetzt noch das Argument der Intensivbetten hinzu. Weil eben jedes Wochenende so viele Racer verunglücken und ein Koma ansteuern, werden im Land überdurchschnittlich viele Intensivbetten vorgehalten, was jetzt den Virus-Patienten zugute kommt. | Das Land ist Durchrasern sehr dankbar, dass sie so tapfer verunglücken, was jetzt der Bevölkerung zugute kommt. Die Lebensretter sitzen eben oft auch auf der Maschin. | Nach dem Coronadesaster wird alles weitergehen wie früher. Vor dem Corona ist nach dem Corona, heißt es im Kapitalismus. Vielleicht könnte man aber beim Hochfahren des Motorradkultes eine kleine Klimaschikane einbauen. Wie wäre es, wenn man durch das Erholungsgebiet Hahntennjoch in Zukunft nur mehr elektrisch fahren dürfte? Der Lärm bliebe weg, die Spenderorgane blieben da.

Helmuth Schönauer 02/04/20


STICHPUNKT 20|04

Unfähige Pistoleros

Jedes Jahr warten wir, dass sich der frisch ausgerufene Kleist-Preisträger in den Kopf schießt. Wir haben nämlich gelernt, dass der Dichter Heinrich von Kleist sehr depressiv und ordnungsliebend gewesen sein soll, weshalb er sich eines Tages am Wannsee sitzend mit seiner Geliebten aus dem Leben entfernt hat. | An einer anderen Stelle der Literaturgeschichte haben wir gelernt, dass ein Preis nur jenem Dichter zugesprochen wird, der die Haupteigenschaft dieses Namensgebers erfüllt. | Im Falle von Kleist wäre es das Mindeste, dass sich der Preisträger eine Pistole zulegt und nach einem angemessenen Interview in einer Videobotschaft exekutiert. | Aber die Literatur hat eben nicht mehr die Qualität jener Dichter, nach denen sie ihre Preise benennt. Kein einziger Namensspender hätte übrigens einen Preis angenommen, der schwülstig seinen eigenen Namen getragen hätte. Man stelle sich vor, Kafka hätte den Kafka-Preis überreicht bekommen. | Ähnliches gilt für Ingeborg Bachmann, die wohl in Dauererregung im Grabe rotiert, wenn sie dem Treiben rund um ihren Bachmann-Preis zusehen muss. Längst abfällig als Wettlesen beschrieben sitzen sich dabei aufgeplusterte Juroren und niedergebügelte Dichter gegendert und schwitzend in Klagenfurt gegenüber. | Heuer hat es einmal ganz gut ausgesehen, dass man den Bachmannpreis wenigstens ein Jahr lang als Antivirenmaßnahme aussetzen könnte. Aber nichts da. Die Juroren sahen sich um ihre Auftrittsgelder geprellt und forderten wie im Fußball Geisterspiele, um in der Tabelle nicht abzurutschen. | Nach dem Virus wird vieles anders sein, hoffen viele auch in der Literatur. Vielleicht platzt dieses Event-Ding endlich, das mit Literatur nichts zu tun hat. Preise, Juroren, Pressemitteilungen für niemanden – alles kann auslaufen, ohne dass die Literatur leiden würde. Und wo ist ein Kleist, der sich mitsamt dem Kleistpreis aus dem Leben nimmt?

Helmuth Schönauer 31/03/20


STICHPUNKT 20|03

Lesen, Schreiben und Sich-Benehmen

Die Wahrheit muss täglich versteckt werden, sonst lässt sich der aktuelle Gesellschaftsbetrieb nicht aufrechterhalten. So dienen Kinder letztlich nur dazu, die Wirtschaft anzukurbeln und zu stützen, obwohl man sie in der Öffentlichkeit als Schatzkästlein und Lebenssinn bezeichnet. Kinder konsumieren heutzutage mehr als Senioren, allein was so ein Kind an Betreuung, Aufsicht, Psychologen und Sozialarbeiter verzehrt, kann sich durchaus mit dem Aufwand für die Alten beim Sterben vergleichen lassen. | In Wahrheit sind die Kinder die größten Arbeitsplatzsicherer für jene, die nach einem Studium nicht wissen, was tun. Längst sind die Schulen eine post-universitäre Spielwiese geworden, auf der jeder Berufszweig die Infantilisierung seines Wissens ausprobieren darf. | Sogenannte Projekte sollen das Schulpersonal bei Laune halten und den Kids Abwechslung beim monotonen Unterricht auf den diversen Displays verschaffen. Dabei sind die Themen Modeerscheinungen, die von Influencern an die Schule getragen werden. Superbeispiel ist etwa ein Projekte, bei dem Volksschulkids erfahren, wie das Zusammenleben von schwulen Eltern in einer Lesben-feindlichen Gesellschaft funktionieren könnte. Vor den Augen der Kids, die weder lesen, schreiben noch sprechen können, werden Rollenspiele für ein interessantes Zusammenleben entwickelt. Die Unterhaltung beim Lehrpersonal ist dementsprechend groß, das fade Interesse der Kids ebenso. | Immer öfter wird der Ruf nach der Kernkompetenz der Grundschule laut. Die Kids sollen in dieser Phase lesen, schreiben und sich benehmen lernen. Rechnen ist nicht so erwünscht, denn man braucht Zahlen-befreites Agieren, wenn später der Konsum einsetzen soll. | Es gibt bereits Privatschulen, die mit dem Minimalismus des Lernens werben und volle Häuser haben. In diesen Schulen erwerben die Kids verlässlich die Kompetenzen Lesen, Schreiben und Sich-benehmen, alles andere kann später mit Apps heruntergeladen werden. | Die Idee ist bestechend einfach: Man lässt in der Grundstufe alles weg, was über den Grunderwerb der Sprache hinausgeht. Das Modell erinnert entfernt an eine straffe Klosterschule, die zu einer einzigen Selbstfindung für die Lernkundschaft wird. | In der Praxis kommt bei diesem Schultypus freilich Langeweile auf und die Kids beginnen wieder früh zu onanieren und sich gegenseitig zu schänden. Die klassische Klosterschule hat da leider Übles hervorgebracht und den Schulmarkt für Generationen versaut. | Vermutlich müsste man im digitalen Zeitalter einfach gutes Benehmen trainieren und die Kids wären tauglich für jene letzte Welt, in der sich der Weltuntergang mit einem flotten Knigge bestens bewerkstelligen lässt.

Helmuth Schönauer 19/02/20


STICHPUNKT 20|02

Entstörung von Straßenschildern

Nichts ist so schnell vergessen wie der Namensspender jener Straße, in der man wohnt. Die Straßennamen sind für die Bewohner ja geradezu zu Gattungsnamen geworden, und wie niemand darüber nachdenkt, warum er zu seinem Handy Handy sagt, denkt auch niemand aus dem Mitterweg nach, warum er zu seiner Wohnadresse Mitterweg sagt. | Außenstehende freilich googeln meist die Straßennamen, in der Hauptsache, um nachzusehen, ob nicht ein unbekannter Nazi dahintersteckt. Zwei Generationen von Zeithistorikern und Zeitzeugen haben nämlich gelernt, dass zur Nazizeit alles mit Nazinamen unterlegt worden ist. Die schweren Fälle sind in den siebziger Jahren entstört worden, die leichteren Fälle werden beim jährlichen Reinemachen für die Jungbürgerfeier aufgefrischt, debattiert, und fallweise mit einer Ergänzungstafel versehen. | Dieses Reinemachen findet bei jedem Epochenwechsel statt, freilich vergisst man zwischendurch immer wieder jemanden, wie etwa den Feldherrn Conrad von Hötzendorf aus dem Ersten Weltkrieg, nach dem immer noch Kasernen, Straßen und Kreisverkehre benannt sind. | Für die künftigen Generationen stehen naturgemäß wieder Entstörungen auf dem Programm. Namen, die heute noch selbstverständlich klingen, werden dereinst verpönt sein und ausgetauscht werden müssen. Vermutlich wird es alle erwischen, die etwas mit dem Auto, Verbrennungsmotor oder Selbstzünder zu tun haben. Siemens, Diesel, Valier oder Porsche wird man von den Hauswänden herunterschrauben und pfui sagen. | Aber auch indirekte Weltzerstörer wie jenen österreichischen Heroen, der wechselweise als Formel-1-Rennfahrer und Airline-Inhaber das Klima im Alleingang zerstört hat, wird man mit einem Pfui bedenken, während man aus den Dosen jenes Rennstallbesitzers mit den Flügeln noch längere Zeit schlürfen wird. | Ein furchtbarer Verdacht tut sich auf: Wie nun, wenn alle zu Verbrechern werden müssen, weil man sonst auf keine Ehrentafel kommt? Und wird man nach dem unglücklichen Handke noch eine Straße benennen dürfen, wenn man schon jetzt weiß, dass er seine Füllfeder in einen seltsamen Letten getunkt hat? | Vielleicht sollte man einfach alle dreißig Jahre ein Drittel der Straßennamen austauschen, dann hätte man immer saubere Ortsangaben am Navi.

Helmuth Schönauer 17/02/20


STICHPUNKT 20|01

Das lyrische Geschlecht

Männlich und weiblich mögen zwar bei der Reproduktion der Menschheit eine gewisse Rolle spielen, wenn etwa beide auf einer Insel ausgesetzt sind und nichts zur Hand haben, außer den eigenen Genitalien, mit denen sie zukunftsträchtig herumfuhrwerken. | Sobald aber die Zivilisation in Reichweite ist, sind männlich und weiblich lästige Attribute, die sich in jeden Satz hineinschleichen. | Jedes Lebewesen ist hinter einem Vorhang des Geschlechtes versteckt, hinter dem diese Wesen mit überdimensionierten Genitalien herumlungern oder einen Kapitaleinsatz wagen. | Wann immer ein sogenannter Mann oder eine sogenannte Frau auftauchen, tun sie in einer kapitalistischen Gesellschaft nichts anderes, als sich in Gestalt von Geld zu reproduzieren. Da mittlerweile beide Geschlechter durchkapitalisiert sind, müssen alle Tätigkeiten durchgegendert werden. Es macht nämlich einen Unterschied, ob jemand als Mann oder Frau Kinder unterrichtet, auf die Straße geht oder ein Auto lenkt. | Seit alles gegendert ist, dauern die Sätze länger, was die Menschen früher in ihrer Aufmerksamkeit abschalten lässt. Und tatsächlich, beim primitiven Satzbau der gesprochenen Sprechfetzen ist es egal, an welcher Stelle man aussteigt. | In der Praxis ist die Sprache nämlich eine höchst pragmatische Tante. Sobald in einem Satz die handelnden Personen richtig gegendert sind, steigen Zuhörer und Sprecher quasi an der gleichen Stelle aus. | Nur noch ganz selten bleibt Aufmerksamkeit gefragt, wenn es nämlich um das dritte Geschlecht geht. Nicht nur am WC machen diese Un-Geschlechter Probleme beim Pissen, es beginnt schon bei der richtigen Anrede. Wie nenne ich jemanden, der weder Peter noch Petra heißt? | Eltern verstümmeln sich regelmäßig am eigenen Genital, wenn ihnen ein Kind des dritten Geschlechts auf die Welt kommt. Das darf uns nie mehr passieren! – Aber wie nennen wir unser Ding jetzt? | Versteckt gibt es Apps, mit denen man sich frische Vornamen für das dritte Geschlecht herunterladen kann. Momentane Spitzenreiter sind Divum, Nuttum, Zipfla und Ubuntu. | In manchen Gegenden mit starker Mundart passt sich auch die Sprache diesem dritten Geschlecht an. So wird im Kärntnerischen statt des früheren Togga durchwegs Tuttlum gerufen, wenn jemand eine besonders schwache Tagesform im Kopf hat. | Einzig die ewige Dichtung ist über all das erhaben. Schon seit Jahrhunderten sind die Gedichte unsterblich, weil sie sich an das lyrische Geschlecht halten.

Helmuth Schönauer 16/02/20