STICHPUNKT
1105
Für Kohle blasen
Die
Künstler haben doch einen gewissen Ehrenkodex oder nicht? - Sie haben ihn
natürlich nicht, weil jeder Künstler in seinem Stipendium und in seiner
Sozialversicherung so in sich selbst versunken ist, dass er keine Zeit hat, zu
beobachten, was rund um ihn geschieht. Da kommt es leicht zu herzergreifenden
Cross-Overs der Moral und Gesinnung. Wenn etwa bei der Eröffnung des Stalineums am Bergisl der
Progressiv-Trompeter Franz Hackl seine erigiert nach oben gebogene Trompete
auspackt, um mit den Kaiserjägern einen zu blasen, während Kulturinitiativen
sich zu Boden werfen, dann hat er etwas von der Realität nicht mitgekriegt. Da
sind jetzt zwanzig Tiroler Kultur-Jahresbudgets in Vitrinen verbunkert,
es gibt kein Zurück mehr, und natürlich wird bei der Eröffnung jeder
eingekauft, der eine Trompete halten kann. Franz Hackl hat sich offensichtlich
einkaufen lassen nach dem Motto, Musik hat keinen politischen Hintergrund. (Das
haben angeblich die unwissenden Musiker im letzten Jahrhundert auch immer
geglaubt.) Natürlich bläst er wie immer wild haarig und wild geformt, aber sein
politisches Bewusstsein dürfte darunter etwas geradlinig stromförmig gebügelt
sein. Vielleicht hat seine Musik keinen gesellschaftlichen Hintergrund und er unterrichtet
die reine Improvisation. Mag sein, dass er Kohle für seinen Lehrstuhl braucht
und daher am Bergisl einen für die Politik blasen
musste. Wenn er demnächst wieder sein Gerät auspackt und es als Konzert
verkauft, wissen wir, dass alle seine Töne auch Gebläse sein können, eine
Modulation zu einer gekauften politischen Gesinnung.
Helmuth
Schönauer 13/03/11
STICHPUNKT
1104
Stalineum
Oft
erschließt sich der Sinn erst über den Unsinn. Während der Ägyptischen
Revolution wird auch das Nationalmuseum in Kairo aufgebrochen und teilweise
geplündert. Ein paar durch Master-Studies wütend gemachte Bologna-Absolventen
schänden eine Mumie, Ausdruck der höchsten Verachtung für direkte und indirekte
Geschichte. Wie gut dass die wirklich guten Sachen längst geklaut sind und in
London oder Wien zur Schau gestellt werden. In Innsbruck ist für diesen Zweck
auf dem Bergisel das „Stalineum“
eröffnet, ein Museum zu Ehren von Van Staa. Das Museum für Geschichtslosigkeit
muss, wenn es einmal eine Ägyptische Rebellion gegen Platterak geben sollte, natürlich verwüstet werden. Zu
diesem Zweck sind schon Anleitungen im Netz. So soll man den Aluminium-Duce wortlos bei der Plünderung missachten, die Mütze des
Ötzi wegen Lausbefall liegen lassen und die Pfeife des Wallnöfer
einfach mit dem Mundstück nach Westen drehen. Mehr gibt es in diesem Stalineum nicht zu sehen. Und auch jeder Revolutionär, der
es dereinst devastieren will, ist schon jetzt enttäuscht. Dieses
Tirol-Panorama, wie es offiziell heißt, ist so ein flacher Scheiß, dass man es
bei Revolutionsplänen getrost auslassen kann.
Helmuth
Schönauer 10/03/11
STICHPUNKT
1103
Habe die Ehrung!
Nach 25
Jahren kriegt der Tiroler Arbeiter von der Kammer eine Urkunde und eine Jause,
bei der neben ausreichend Alkohol der windige Herr Reindl als Arbeits-Moderator
zu Gast ist. Allein schon, wie er in seiner Montur mit dem Mullwägelchen auf
die Bühne fährt, ist zum Schreien. Tiroler Arbeiter haben es sehr gerne, wenn
sie nach 25 Jahren Arbeit auf die Müllschaufel genommen und ordentlich
verarscht werden. Der Vize-Landtagspräsident geniert sich ein wenig, weil man
ihm bei dieser Fete besonders heftig zuprostet und ihn ständig fragt, ob er zum
Autofahren auch immer einen in der Hupe habe. Aber das Gute kommt nach dem
witzigen Müllmann: es sind die Zillertaler-Trillertaler!
Seit der Abspaltung von den einfachen Zillertalern
und dem Streit mit der Zillertaler Doppelhelix nennen
sie sich Zillertaler-Trillertaler, und da geht die
Post ab, das heißt, alle anwesenden Postler werden schon beim Eröffnungsmarsch
in die Pension geblasen. Der Kammer-Häuptling, selbst ein ziemlich verblasener
Postler, prostet allen zu, egal ob sie in die Pension gejagt oder mit schräger
Schunkelmusik aus dem Saal gefegt werden. Der Arbeiter von heute, hat nicht nur
nichts mehr zu melden, seit das Meldeamt ins Magistrat verlegt worden ist, er
hat auch ausgeschissen und nicht einmal mehr Luft für einen Verzweiflungsfurz.
Der Arbeiter von heute, sitzt stumm und schunkelig
bei der Arbeiterkammerehrung und betet inbrünstig,
dass der Alkohol zu wirken anfängt. Für irgendwas muss die Arbeit ja gut sein,
und sei es, dass man nach 25 Jahren mit einem Kammerfetzen geehrt wird.
Helmuth
Schönauer 09/03/11
STICHPUNKT
1102
Remler
folgt der Scheide nach
Remler folgt der Scheide nach, die
Vorgängerin tut nämlich scheiden, wie es in einem politischen Kinderlied heißt.
Die alte Scheide geht als abgetakelte Kartoffel in die Wiener Politik, während Remler außer ihrem schönen Namen auch eine Herkunft aus
Osttirol als Vorschusslorbeer ausfährt wie ein männliches Geschlechtsorgan.
Alle sind baff und geil, der hoffentlich kurze Auftritt der Osttirolerin auf
dem Wiener politischen Bankett gilt schon jetzt als hohl und schön. Die Erde
bebt wirklich, bei solchen diffusen Entscheidungen der Einheitspartei. Die Erde
bebt von Osttirol über Innsbruck nach Wien und zurück und endet als ausgelebter
Gartenzwerg unter der Vulkanasche des Daseins am Bergisl,
am Mitterweg oder Vögele-Bichl.
Aber jetzt kommt schon der nächste Schub an Remler,
die Zeit im Bild kommt ins Haus und erledigt, was die Todeltodel
tagsüber nicht geschafft hat. Völlig hingelechzt,
kommt die Mandatarin nach der Angelobung in der Wirklichkeit an und meldet sich
zum Dienst, es war mir eine Ehre, unter dem satten Reifen der Demokratie zu
liegen, ich hätte mich auch überfahren lassen! Sie redet einen Scheiß wie wenn
sie in der Osttiroler Frisur ein Loch hätte. Von dieser Remler
wird noch einiges zu erwarten sein, aber sicher nichts Gutes.
Helmuth
Schönauer 08/03/11
STICHPUNKT
1101
Hohl und schön
Gute Romane
lassen sich nur in der Stille des Untergrundes schreiben. Unter dem Titel
"Hohl und schön - Ein Pixelroman" wallt der
Untergrund an die Oberfläche. Die Methode des Pixel-Romans besteht darin, dass
in jeder Sequenz das Ganze enthalten ist. Kleines Beispiel: Das Rotz-Zentrum
gleicht bei Alpenbewohnern erstaunlich dem Weltall, wiewohl dieses noch nicht
endgültig vermessen ist. Das Aufziehen von Rotz ergibt in Geräusch und
Konfiguration eine Sequenz, wie wir sie auf You-Tube
von Tausenden von Raketenstarts kennen. Generell ist das Hirn des
Landtagspräsidenten aufgebaut wie das Weltall, schwarze Löcher inbegriffen,
Antimaterie, und was es in den schauerlichen Sagen alles so gibt, die rund ums
tägliche Lagerfeuer von ORF eines herum erzählt werden. - Ich verspüre einen
Druck mit Dunkelheit. - Ist das alles? - Das ist alles. Manchmal sind
Nachrichten so belanglos, dass sie in keinem Hirn des Kontinents Platz haben.
Täglich sterben in der EU hundert Menschen im Straßenverkehr, diese Meldung
läuft ohne festen Ankerplatz in irgendeinem Hirn frei am Kontinent herum
Helmuth
Schönauer 05/03/11
STICHPUNKT
905
Nine-Six-Nine
der Literatur
Amis lieben
es, Katastrophen-Tage mit Zahlen abzukürzen, während sie erfolgreichen Tagen
einen Buchstaben voranstellen. So kennen wir mittlerweile allen den Nineeleven, der ja wirklich für New York und Washington
eine Katastrophe war, und den D-Day, an dem die Landung an der Normandie
einsetzte. Österreich produziert beides, Figuren, zu deren Eliminierung man
einen D-Day braucht, und Typen, die für Katastrophen gut sind. Die Katastrophe
für Intelligenz, Lektüre und Fähigkeit zur Fiktion heißt Arnold Schwarzenegger.
Seit 9-6-9 gilt wieder das eherne Gesetz der Körperphysik: Wer alles in den
Bizeps steckt, hat nicht mehr viel Kraft für das Hirn! Mit einem Kraftakt hat
der österreichische Muskelprotz als Gouverneur von Kalifornien verkündet, dass
es in Zukunft keine Schulbücher mehr geben wird. Da alle einen Laptop haben,
kann man sich die paar Zeilen, die man zum Mailen braucht, leicht irgendwo aus
dem Sillikon Valley herunterladen. Die Botschaft ist
verheerend. Wenn man das Trägerelement der Bildung abschafft, kann man gleich
den Hut auf die Bildung hauen. Denn selbstverständlich ist die digitale Welt
nützlich und kompetent, aber sie hat eben für den Menschen nur dann einen Sinn,
wenn der Übergang zur analogen Erfahrungswelt des Users gelingt. Also das Buch
ist etwas Analoges wie unser Körper, zerknittert, träge, altmodisch frech,
während das Digitale bloß eines ist: Unberechenbar unzurechnungsfähig. So,
jetzt kriegen also die Kalifornier keine Schulbücher mehr, zumindest die
proletarischen, denn in den Elite-Schulen wird weiterhin auf das Buch gesetzt.
Digital lachen muss man, wenn man die Sorge Österreichs zur gleichen Zeit
bedenkt. Darin beklagen sich die Piloten des Eurofighters,
dass sie nur am Simulator fliegen dürfen aber selten echt. So kann man es auch
sehen, das Notebook ist der Simulator, das Buch ist das Leben in echt.
Helmuth
Schönauer 09/06/09
STICHPUNKT
904
Wanzo
sechs reitet wieder
Obligate
Szene: Ein weißbekutteter Weißer als Kuttenträger
küsst den afrikanischen Boden, machen tut er ein Winke-Winke in die Kolonien
und auch so sprechen tut er. In seiner Hand hält er versteckt das Winke-Kondom.
Vor dem Mikrophon macht sein Hirn Sendepause, denn was dieses theologische
Spezialhirn ausspuckt, kriegt die Öffentlichkeit in einem Pre-View
aus dem Flugzeug mit: „Schas euch allen, die ihr
nicht mein Hirn von Gott habt!“ - Aber ganz so wie früher traut sich der im
Augenblick von Gott getroffene Winke-Träger nicht mehr
aufs Podium. In seinen Augenwinkeln gibt er zu, dass er Scheiße gebaut hat,
obwohl diese von Gott stammt. Kein Wunder, winkt doch zur gleichen Zeit Mister
Obama mit einem ganz anderen Charisma. Da macht endlich ein Schwarzer Dampf
gegen die gottserbärmlichen Sprüche der weißen
Weltansprüche. In der Innsbrucker Provinz mitten in einem Saggener
Altenheim fragt Opa aus der Demenz heraus nach dem Lebenssinn und begründet
dies: „Vielleicht ist Gott das Gegenteil vom Papst. Vielleicht ist er schwarz.
Auch das ist vorstellbar.“ - Gegen diese Aufklärung reißt ein Wiener Szene-Witz
alle diese Papst-Scheiße auf und fügt es auf den schönen Kommentar zu den
permanenten Papstbesuchen zusammen: - „Wo du hin schmeckst, habe ich schon
längst geschissen.“ Aber es könnte auch anders kommen. Das Krisenmanagement
Obamas hat unter der Sicht unserer verlorenen Tage vielleicht schnell
ausgeschissen, während der Papst durchaus sterben kann, obwohl dann sein
Nonsens weitergeht. Denn ein echter Papst schmeckt in diese Niederungen des
Alltags gar nicht hinein und übergibt seine Floskel an den nächsten. „Wanto sechs“ ist sicher einer, der auf die Frage: wann es
Sex gibt mit „6“ antwortet. Warum heißt diese Glosse so? – Weil jeder von uns
einen Papst braucht, der sich Wanto „6“ nennt. Nur so
können wir die Jahrzehnte bis zur Erledigung unseres Lebens erreichen. Das Ziel
nennen wir dann Pension, aber wenn diese Pension jemand erreicht, hat er erst
recht nichts gewonnen. – Ein bisschen Umarmung zur Lebenszeit, mehr ist in
unseren Bodies nicht drin.
Helmuth
Schönauer 21/03/09
STICHPUNKT
903
Wer zeugt, vermehrt
sich
Die
wenigsten Beteiligten wissen, dass sie gerade gezeugt haben. Meistens gibt es
den Überraschungssatz: Oh, Baby, wir haben gezeugt. Ob OK oder W O, etwas
später stoßen Elternsplitter auf den Fakt, dass diese Zeugung kostet. Im
glattesten Fall 5.000, EUR per Anno, kommt bei einer Ansässigkeit des „Hindes“ (Hund und Kind) über dreißig Jahre die .stolze
Summe von 150.000,- zusammen. Und da musst du immer den Hund austauschen,
während dein Kind durchgehend an deinem Euter hängt. Und diese Rechnung ist
erst für das für das erste Kind. aufgestellt. Divers verwegene oder unentkuppelte Paarschaften zeugen dann in der Folge bis in
Sankt -Nimmerlein-Tag hinein. -Finanziell ein
Desaster. Die Geilheit allein kann es nicht sein, warum diese Vermehrungsgene in Front gesetzt sind, vielleicht ist es
aber diese schlichte Lust, schlechte Gene am Leben zu erhalten. Also
beispielsweise: Ein Bauer hat der Gemeinde den Grund gestohlen, ist schon in
der dritten Generation seit dem Diebstahl: Dieser Bauer pudert sich ums Leben
in die Agrar-Gemeinschaft, damit sein Hof nie auf die Möglichkeit gestoßen
wird, dass alles illegal ist. Ein Universität-Bediensteter hat eine Ehe mit
einer Universität-Bediensteten; er zeugt um sein Leben, um das Kind wieder an
der Uni unterzubringen. Ein Kultur-Schaffender hat als Markenzeichen einen Hut
und tut alles, um seine Tochter mit straffer Frisur im örtlichen
Freizeitzentrum ohne Hut über die Runden zu bringen. Wenn es dann am Abend fern
weg im Fernsehen ein Massaker gibt, fragt niemand warum habt ihr dieses Ding
gezeugt. Was immer unsere wortlosen Jugendlichen anstellen, wir haben sie
gezeugt, sie sind die Datenträger von uns. Wir werden uns mit den Jugendlichen
herumschlagen, bis wir den erlösedenden Alzheimer
kriegen, bitte bitte im Sinne des Papstes: Nicht mehr
zeugen – erhöht die Lebensqualität.
Helmuth
Schönauer 15/03/09
STICHPUNKT
902
Kassieren please:
Tirol isch lei oans!
Nona, irgendwo hat jeder Tiroler Trottel
schon einmal dieses Lied vom Tirol isch lei oans gehört, als leicht
angesoffener Obertrottel hast du vielleicht schon einmal mitgesummt,
als Untertrottel hast du dich über diesen Lied-Text gewundert. Denn nix ist oans, ein Poststück braucht Wochen zwischen Innsbruck und
Bozen und kostet zudem noch als Porto den Preis des Inhalts, die
Zugverbindungen sind tapfer daneben, denn du kriegst beispielsweise am
Automaten kein Ticket von einer Einheits-Stadt in die andere, und am Handy
darfst du gar nichts riskieren, du kriegst immer ein Roaming zwischen Bari in
Apulien und Baden bei Wien. Selbst der gut aufgestellte (soll er vielleicht umkugeln?) Nordtiroler Landeshauptmann bedauert, dass es
keine Strom- und Erdgasleitung zwischen Nord- und Südtirol gibt. Schas also, mit Tirol isch lei oans. Aber halt! In den
Landtagen funktioniert es bereits oder noch immer. Hier wie dort hat die
Einheitspartei gerade noch soviel Stimmen, dass sie
zwar nichts mehr bewirken, aber immerhin sich selbst befördern kann. In
Südtirol hat diese Obstbauern-brünftige Volkspartei
dieser Tage einen Angriff aller feindlichen Abgeordneten abgewehrt, wonach die
Abgeordneten vom hohen Ross ihrer horrend satten Bezüge hätten steigen sollen,
zwanzig Prozent, allein diese zwanzig Prozent wären drei Durchschnittsgehälter
gewesen. Njet. Eh klar, als Volksvertreter brauchst
du einfach das Zwanzigfache eines Normaleinkommens. Und in Nordtirol haben
diese edlen Volksvertreter der Kühe-Partei den Rechnungshof-Leiter geschmissen,
weil er es gewagt hat, beim Überprüfen der Volksvertreter-Pfründe wirklich zu
prüfen. Die Tiroler Einheitsparteien sind lei oans: a groaßes Schasl a kloans.
Helmuth
Schönauer 05/02/09
STICHPUNKT
901
Verschrottungsprämie für Literatur
Man darf es
nicht laut sagen, aber es gibt einfach dumme Produkte und dumme Arbeitsplätze
auf dieser Welt. Etwas vom Doofsten ist sicher das Auto. Schon das
Zusammenbasteln eines Automobils am Fließband macht die armen
Menschentiere in der Fabrik alles andere als glücklich. Und wenn dann
jemand ein Auto kauft und damit herum fährt, hat er noch gar nichts gewonnen.
Mit einem Auto kann man nämlich gar nichts zum eigenen Lebensglück beitragen,
denn es fährt im besten Fall ohne blutigen Unfall von A nach B, und in B musst
du erst recht aussteigen und mit dir etwas Sinnvolles unternehmen. Jetzt hat
die Menschheit endlich das Glück, dass weniger Autos gekauft werden, weniger
Trottel am Fließband stehen müssen und die Leute endlich mit sich selbst etwas
anfangen wollen, statt ihren Körper in voller Selbstausbeutung von einem Ort
zum anderen zu chauffieren. Aber nein, die Politik reagiert in Automonotonie
auf die sogenannte Autokrise. Eine Verschrottungsprämie muss her, man zahlt dir
also etwas, wenn du dein altes Auto wegschmeißt und ein neues kaufst. Wie blöd
dieses Unterfangen ist, sieht man sofort, wenn man diese Prämie auf andere
Dinge umlegt. Zahnbürste, Schuhe, Radiergummi oder gar Löffel, wenn man den
alten Löffel abgibt, kriegt man einen neuen. Auch wir Schriftsteller sind
naturgemäß ununterbrochen in der Wirtschaftskrise, obwohl oder weil wir etwas
Intelligentes herstellen. Warum gibt es keine Verschrottungsprämie für
Literatur? Du gibst den alten gelesenen Roman ab und kriegst dafür einen frisch
geschriebenen neuen. Leider beschließt
das niemand. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass die Politiker gerne doof
mit ihren Dienstautos herum fahren aber nie etwas lesen.
Helmuth
Schönauer 04/02/09
STICHPUNKT
805
Pfoti-Simulation
Der
Triebfahrzeug-Mensch segelt mit uns in der Eleganz der täglichen Trift
punktgenau an das Deck Zwo des Innsbrucker
Hauptbahnhofs, eine Lady stellt den Bus aus dem Mittelgebirge exakt an der Aussttiegskante ab, der dänische Pilot von Schas-Wings landet trotz Föhn millimetergenau auf der
Innsbrucker Landebahn. Warum können diese feinen Berufsmenschen etwas, was die
großen Tiere nicht können? Erstens sind sie Menschen, die unter Menschen
bleiben wollen. Also wenn sie aus ihren Vehikeln aussteigen, sind sie welche
von uns. Zweitens sind sie alle an einem passenden Simulator ausgebildet. Sie
haben alle den Weg von der Realität über den Zoom der
Simulation zur Realität beibehalten. Anders diese armen Schweine, die für uns
kandidieren. Deren Simulator schaut so aus, dass sie ein Grinsen und eine Pfote
im Dauerbetrieb trainieren wollen. Niemand von ihnen will wieder in die
Realität zurück, keiner von denen ist einer von uns. Manchmal hat jemand das
Glück, dass er kotzen kann, wie neulich in Vorarlberg der starke Mann der Abschieber-Partei, manchmal verschluckt sich auch einer und
bringt hinter seinem Paternoster-Gesicht keinen Satz mehr hervor, ein dritter
hat vielleicht in einem Fehl-Simulator das Botox-Lächeln
gelernt und kriegt die Augenbrauen nicht mehr herunter. Wir Volk fordern
jedenfalls einen Pfoti-Simulator. Darin wollen wir
trainieren, wie wir jenen Leichen da oben die Hand geben, ohne dass diese in
ihrer Erstarrung erstarren.
Helmuth
Schönauer 06/09/08
STICHPUNKT
804
Vühlfeder
Die Herbste
kommen mit Kastanien und Depression. Kluge Menschen setzen den Urlaub in den
Sommer, der durch seine Regenschübe die Hormone herunterfährt und so manches
Familienglück rettet. In voller Schiffe finden die Familien endlich zu einander
und alle freuen sich auf Schule, Beruf und was eigentlich? Dass das Leben
vielleicht doch noch kommt, wenn auch mit einer anderen Regierung? Allmählich
kriegen wir die Ausmaße der Vorvor-Regierung mit. Da
hat doch glatt eine geriatrisch auf der Flöte spielende Unterrichtsministerin
das Bibliothekswesen in Österreich aufgelöst, Lesen ab jetzt auf Krankenschein.
Und damit sie ordentlich Spuren hinterlässt, hat sie die gehrersche
Rechtschreibreform durchgeführt, ab jetzt ist Vühlfeder
zwar ein Fehler, aber richtig. Eine Aufbruchsstimmung kotzt durch das Land. An
alle Ecken stehen speib-grün-blaue Wahl-Standeln, an denen die Restfreiwilligen ihre Hufe herunterstehen, weil sie auf die politische Karte setzen.
Nehmen wir es von der schönen Seite: Zu Schulbeginn wird die Anzahl der Schüler
in den Klassen geringfügig kleiner, weil die Anzahl der Schüler geringfügig
kleiner wird. In der Sprache der Politik gibt es daher eine geringfügige
Nivellierung nach unten. Dafür wird in der Rechtschreibung das Niveau durch den
Vühlfeder-Paragraphen gehoben. Wenn es weniger
Schüler bei weniger Rechtschreibung gibt, gibt es eines Tages vielleicht
weniger Dodeln, die eine dieser Parteien wählen. – So
gesehen ist dieser Herbst eine Weichenstellung ins Leere. Aber die Bäume sind
noch im Herbstsaft, solange nicht der graue Bär der Grünen daran wetzt als
letztes Armutszeugnis einer Bewegung.
Helmuth
Schönauer 05/09/08
STICHPUNKT
803
Rückzug der Zunge
An der
Universität einer provinziell-mittelmäßigen Kleinstadt wird viel über die
Zukunft diskutiert, die aber niemand erleben will, zumindest nicht in einer
intellektuell fassbaren Form. Sicher wird die Zukunft kommen, und wenn sie
Überschwemmungen und Unheil bringt, wird man ihre Schäden aus dem Kulturbudget
abfedern, wie bisher. Das Tiroler Kulturbudget gleicht einer Katastrophe, seit
man daraus kaputt gegangene Häuser in so kulturell wertvollen Orten wie Pfunds,
Pfons und Vazzur speist.
Die Nachkommen dieser Kulturpflege mögen ja nie fragen, warum diese Orte so
wichtig sind. An dieser Universität, an der kaum wichtige Fragen gestellt
werden, gibt es auch das Untergrund-Kompliment an die Ideen-Leitung: „Das
Wildeste an dieser Uni ist der Rektor, er unterrichtet nämlich tote Sprachen.“
Im Foyer der Bibliothek stehen seit Jahren zur Nachmittagsschicht zwei Bibliothekare
und kommentieren zwischendurch ihre miese Lage, denn im Abendland des Eventes werden die intellektuellen Echtzeiterlebnisse immer
rarer. Von den Kollegen händewinkend als Depp-Fixi
und Trottel-Foxi bezeichnet, wollen eigentlich alle
wissen, was diese zwei Typen besprechen, aber man kann nur über ihre
Körpersprache erahnen, was sie denken. Übersetzte Körpersprache: Die Gletscher
ziehen sich vom Gebirge zurück, wie sich das Buch vom Leser zurückzieht. Was
bleibt, ist im einen Fall das Kar, und im andern der Bibliothe-Kar.
Aber die Zunge bleibt? – Die Gletscherzunge lässt in ihrem Rückzug viel Geröll
zurück, während die Zunge des Bibliothekars, wenn sie sich zurückzieht,
absolute Leere hinterlässt. So ist es auch zu verstehen, dass der Bibliothekar Casanova
letztlich durch den Rückzug seiner denkenden Zunge aus diversen Leibern am
meisten in der Literaturgeschichte punkten konnte. Alle im Foyer beneiden diese
beiden Bibliothekare, die aus ihrem Untergang stündlich Witz formen.
Helmuth
Schönauer 19/06/08
STICHPUNKT
802
Wenn die Unterhose
dreimal klingelt
Da
war doch letzte Woche etwas. Ach ja, diese Wahlen, wo alle amtierenden Heinis
abgewählt worden sind. Aber jetzt, eine Woche später? Niemand von den Bonzen
hat den Griff in den Schritt und die Alarmglocke in der Unterwäsche gehört.
Alle machen weiter, als wäre kein Trottel zur Wahl gegangen. Einer Polizistin,
der die Mütze falsch sitzt, einem Postler, der den Brief quer zustellt, beiden
wird sofort ein Disziplinarverfahren angehängt, womöglich mit Stillstand des
Dienstverhältnisses. Wenn aber die Mister Staa, Gschwentner
und Willi vom Wähler den Auftrag kriegen, leise abzutreten, legt deren
Amtsverständnis des Durchsitzens erst so richtig los. Also gegen diese Tiroler Durchhocker ist Stalin geradezu ein Schas
in seiner Argumentation, dass er das Volk am besten schützt, indem er es
vernichtet.
Die
Tiroler Abwatschkanonen schießen durchaus frech auf
das Volk, indem sie was von Auftrag, Missverständnis, Einverständnis und dem
Jenseits murmeln. Offensichtlich gilt weder weiß wählen, abwählen oder nicht
zur Wahl gehen etwas im Vergleich zum Klebstoff, den diese Typen am Hintern
haben. Wenn jetzt alle drei abgewählt sind, warum treten sie dann nicht zurück?
Soll eines von uns Wahlviechern noch jemals OVP/SPO/GRUNE wählen, wenn deren
Gremien sowieso auf unsere Zustimmung scheißen und ihre Bonzen im Sattel sitzen
lassen? Gaggy sagen die Kinder zu Dingen, die
unerklärbar sind. Hoffentlich kommen in der nächsten Generation viele Gaggy-WählerInnen zu Tage. „Einfach diese geschissene
Partie abwählen!“ heißt die Parole. Aber wie? Muss man vielleicht talibanisch nachhelfen?
Helmuth
Schönauer 16/06/08
STICHPUNKT
801
Gemeinde-Stier mit Hormonbremse
Es gibt ihn
natürlich nur mehr in Dorferzählungen, den Gemeinde-Stier, der im Laufe eines
Vormittags so lange auf diverse Geschlechtsorgane hinaufspringt, bis seine
Bewacher und Betreiber müde geworden sind und den Vormittag abbrechen. Der
Kapitalismus und die Börse leben von solchen Bullen, die im Laufe eines
Vormittages so lange den Geldsack bespringen, bis die Hormone durchgeschüttelt
und die Eier leer sind. Einem Bullen der kapitalistischen Art Moral anzudichten
oder so etwas wie ‚Verantwortung‘, ist etwa so sinnlos, wie dem Gemeindestier
den Bock abzubauen, während er diesen bespringt. Langsam kriegt dieser nimmersatte Managerkapitalismus ein Problem. Nicht nur dass
kaum mehr jemand zur Wahl geht, um einen Geldsack zu wählen, der Radikalismus
rechts und links nimmt zu, nicht nur in Deutschland. In Tirol sind diese springenden
Geld-Tiere etwas kleiner ausgeprägt, aber in ihrer Präpotenz
immer anwesend. Wer staunt nicht über einen Möchtegern-Landtagsabgeordneten,
der als Wirtschaftskammerpräsident ununterbrochen eine dritte Autobahnspur
durch Tirol fordert und selber mit einem Ami-Bock-Schlitten Offroad-Trials
bestreitet? Wer kennt nicht den Speck-Oberboss, der
mit dänischen Schweinen ständig Tiroler Sprüche klopft und ab und an im
Naturschutzgebiet mit seinem Hubschrauber auf Mission ‚Naturpflege‘ erwischt
wird? Solchen provinziellen Gemeinde-Stieren hat das Proletariat nur einen
Bobfahrer entgegenzuschleudern, der ständig aus den
Stauden springt und vor Aufregung keinen Satz zu Ende bringt. Der Kapitalismus
ist eine geile Sache, wo du ununterbrochen mit einer Erektion durch die
monetären Kanüllen zischen musst. Eine dieser Säue
durch Moral zähmen zu wollen ist etwa so pervers, wie einem Imker durch
Honiggeruch das Imkern auszutreiben. In Tirol gibt es immer noch eine Anzahl
von Börsenmitspielern, die katholisch einwandfrei auftreten und ihre
Geschlechtsorgane längst in Erektion gebracht haben wie die echten Bosse in
Lichtenstein. ‚Was sollen wir machen, wenns so geil
ist?‘ - Ehrlich, auch als Gemeinde-Stier bist du eines
kapitalistischen Tages nicht mehr ganz da und kippst aus den eigenen Eiern.
Schön für die Eier, sagen dann alle.
Helmuth
Schönauer 16/02/08
STICHPUNKT
706
Schwächelnde Glossitis
Die Provinz
ist unbarmherzig zentral. Was immer wir in Tirol denken, die Gedanken sind aus
dem Weltzentrum geklaut. Wir wissen freilich nicht, wo dieses Zentrum sitzt.
Eine steirische Friseuse macht dir mitten in Innsbruck am Mitterweg
einen Weltschnitt, den sie aus dem Internet herunter geladen hat. Eine
einheimischer Eisverkäuferin schmiert dir in Hall Kreationen wie Waldviertler Mohneis / Waidhofner Honig auf die Zunge, eine Straßenbahn aus dem
Jahre 1962 bleibt einfach stehen, weil sie in Simmering
gebaut worden ist.So etwa schaut ein Nachmittag in
Innsbruck und Umgebung aus. Eine Glosse ist dazu da, in einem schmalen Streifen
am Rande einer Zeitungsseite mit Augenflunkern einen andern Blick auf triviale
Ereignisse zu werfen. Die Leser sollten bei einer guten Glosse keine Empfindung
haben, sondern bloß zu einem Nicken veranlasst werden. In Tirol machen drei
Leute die Glosse. Alois Schöpf schreibt seit 1950 für die Tiroler Tageszeitung,
(so called TT) manchmal geht bei ihm das Geburtsdatum
mit dem Erscheinungsdatum konform. Die Tiroler Tageszeitung war bei der Geburt
Alois Schöpfs übrigens fünf Jahre alt. Heuer hat A. S. das große Keks des
Landes Tirol gekriegt, vermutlich weil die Tageszeitung fünf Jahre älter ist
als ihr Glossist und weil A.S. das Würdigungsdatum
„fünf“ erreicht hat. Die Würdigung ist übrigens kompatibel mit dem Datum der
Überreichung am 15. August. Gutes Glossieren nämlich wird zumindest in Tirol
verlässlich belohnt, wenn die richtige Ziffern-Konnektion
im Würdigungssubjekt drin steckt. Für nächstes Jahr sollten laut
Glossengerüchten die Autoren/innen Stefanie Holzer und Walter Klier drankommen.
Sie sind immerhin auch bei einem wichtigen Medium wie der TT auftrittig und haben in den letzten beiden Jahren vor allem
über Kinder in der verpissten Sandkiste im Umgang mit Hunden und über die
Sitzplatzverteilung mit Kindern auf öffentlicher Verkehrsfläche starke
Meldungen abgegeben. In debilen Kreisen spricht man bereits von einem
gelungenen Tiroler Glossismus.
Helmuth
Schönauer 17/10/07
STICHPUNKT
705
Abseiltag
Ein
gleichzeitiger Almauf- und abtrieb ist ein purer Schas gegen jenen Auftrieb, den es am so genannten Seilbahntag
gibt. Die hohen Tiere sind dementsprechend geschmückt und begrüßen einander mit
dem heftigen Händedruck von Seilbahnpionieren. Im Inneren der Handflächen sind
die Rippungen zu sehen, durch welche das Seil läuft,
mit dem sie ihre Projekte in die Höhe treiben. Und auch so mancher Satz fällt
als selbstbewusster Flüsterer im Sound einer Geheimbotschaft: „Nit lugg lassen, die Berge kean ins, mir kennen bauen, was mir wellen!“ Am
diesjährigen Seilbahntag steht das Thema Sicherheit am Podium. Es gibt nämlich
allenthalben Schidiebstähle und Schiversicherungsbetrug, und wenn jeder zweite
Schifahrer ohne Schier zu Tale fahren muss, weil sie ihm in der Höh gestohlen
worden sind, geht am Ende die generelle Seilbahnleistung zurück. Die Presse
berichtet über diese Orchideen-Themen der Gesellschaft wie wild, weil sie
ständig Freikarten kriegt für die profitable Berichterstattung. Journalisten
reißen sich um die Akkreditierung beim Seilbahntag, denn da gibt es zum Buffet
Karten für die ganze Verwandtschaft über die komplette Saison. Das Thema
Sicherheit könnte man auch einmal bei einem Radlertag
zur Sprache bringen, aber diesen Tag gibt es in dieser großen Aufmachung
überhaupt nicht. Und weil es nur Pedale zu verschenken gibt, wenn das Thema
ansteht, geht auch kein Journalist hin, wenn es um das Radeln geht. Denn wer
will schon treten, wenn er akkreditiert ist? Die Grünen, die beim Seilbahntag
immer uh! Und ah! Schreien, weil es um die Sicherheit in freier Natur geht, blenden sich selbst beim Radeln aber völlig aus. Wo Radler
unterwegs sind, herrscht mittlerweile Lebensgefahr. Keine Seilbahn ist so
gefährlich wie ein Radler, der mit dem grünen Mäntelchen wie wild auf den
Gehsteigen die Fußgänger verprellt und fallweise niederfährt. Also ihr Grünen!
Aufwachen! Der Feind sitzt nicht in der Seilbahnwirtschaft am Berg sondern am
Rad auf dem Gehsteig! Macht einen Radlertag zum Thema
Sicherheit, und lasst den Gehsteig wieder den Fußgängern. Das wäre die richtige
Antwort zum Seilbahntag.
Helmuth
Schönauer 16/10/07
STICHPUNKT
704
Niemand macht mehr gaggi
Da gehst du
zitternd die Innpromenade quer durch Tirol hinauf und hinunter, im Gesicht
immer den frischen Schiss, ob dich ja auch alle mögen und dich niemand
anscheißt. Und es wird gerade in Zeiten der verschifften Sonnwendfeuer eine
echte Zitterpartie, denn niemand kotet dich an. Kein Köter weit und breit. Und
wer einen so genannten Hund hat, redet inzwischen wie Jesus oder einer seiner
Jünger mit dir, während er den Stuhl seines Freundes einsammelt. Manchmal das
Glänzen dieses Totalfreundes, ob er dir nicht einen hinten heraus wischen
könnte, du aber bist am After stark und sagst nein! Aber nicht nur Innsbruck
ist mittlerweile eine Gegend des Paradieses geworden. Ganz Österreich hat im
letzten Halbjahr eine Ruhe hingelegt, so dass weder Glossist
noch Kabarettist jemals mehr eine Meldung zusammenbringen. Erklärbar ist dies Totalöde vielleicht durch den negativen Grasser-Effekt.
Grasser-Bua hat ja oft während des Interviews Gaggi gemacht, ihm ist die Wurst sichtbar in die Kamera
hinausgehangen, aber vor dem Mikrophon hat er kitzbühel-steinernplatte-mäßig gegrinst: - Ich bin sauber! Jetzt sagt
Voll-Job-Grassi, dass er kein Fernsehen mehr auf sich nimmt, weil ohne ihn
ohnehin nichts mehr los ist. Viele haben sich dieser These angeschlossen. Kaum
jemand schaut heute noch fern. Es gibt ja auch kaum jemanden mehr, der so wie
eine frisch geschissene Wurst lügen kann. Können Sie sich noch an die Gehrerein erinnern? – Mah, das
war eine Wurst! Schade, jetzt gibt es oft wochenlang keinen so genannten Stoff
mehr in Österreich.
Helmuth
Schönauer 21/06/07
STICHPUNKT
703
Bitte nehmt uns nicht den letzten
Sex!
Au, jetzt
wird es für die Genitalien knapp. Die Frau Landesrat für Gesundheit will die
Prostitution bekämpfen und denkt daran, nach schwedischem Modell jene Freier zu
bestrafen, die sich die Entlüftung des männlichen Hauptorgans durch Professionistinnen gönnen. Was heißt gönnen! - Eine Qual
ist es, und kein Mann geht freiwillig zu einer Prostituierten, wie auch kein
Wähler freiwillig eine Partei wählt. Es ist diese depperte Konstellation von
denkenden Hormonen im Körper, die dir einfach in der Früh befiehlt, es zu tun
und hinzugehen. Wenn du Glück hast, ist an diesem Tag gerade irgendeine
politische Veranstaltung oder der Opernball, so dass du dir dort in der
Öffentlichkeit die Hormone ausschütteln lassen kannst. Wenn nichts ist, und das
ist in der Provinz häufig der Fall, dann hilft eben an diesen bescheuerten
Tagen nur eine Professionistin. Wir Männer
appellieren also an die Frau Landesrätin: „Bitte nimm uns nicht unseren letzten
Sex!“ Die Landesrätin ist, was diese unglücklichen Konstellationen betrifft,
sehr verständnisvoll. Dass sie als alleinerziehende Mutter ihr Kind groß
gezogen hat, hat Tausenden Frauen im verklemmten Hinterland der diversen
Bezirke Auftrieb gegeben. Dass die heile Familie in der Sonntagsrede was anders
ist, als unter der Woche, hat sie am eigenen Leib verspüren müssen. Als Ärztin
weiß sie, dass wir Männer durchdrehen, wenn wir nicht den notdürftigsten Sex
bekommen. Schon aus medizinischen Gründen wird sie hoffentlich dafür sorgen,
dass die Rohre klinisch sauber und moralisch einwandfrei entleert werden
können. Wer nämlich den Männern das Trinken und das Vögeln nimmt, muss mit
einem flächendeckenden Untergang des Landes rechnen.
Helmuth
Schönauer 16/02/07
STICHPUNKT
702
Verkotet
Wer mit
einer schmutzigen Linse den Raum betritt, hat eine schmutzige Sicht. – Bereits
in der ersten Stunde des Journalismus lernt man, dass man die Linse putzen
soll, ehe man filmt, zoomt oder sonst etwas Informatives macht. In den jüngsten
Tagen wird in Österreichs Medien immer die Schmutzlinse aufgesetzt, weil das
unausgesprochene Thema lautet: Kind im Dreck, Wohlfahrt in der Warteschlange,
Eltern im Dreck. Jeden Tag gibt es mittelweile aus jedem Bezirk einen Bericht
über eine Wohnung, die verkotet ist. Haha, als ob das nicht immer schon so
gewesen sei. Natürlich läuft ein sozial geschichteter Knigge ab, welcher in der
Oberschicht durch die Nase ausbläst, was sauber ist und was nicht, in der Mitte
hygienische Parameter festlegt, wann selbst das bloße Wohnen in dieser
Gesellschaft gefährlich ist, und unten den bloßen Dreck in der Wohnung
vorfindet und zu einem Österreichbild macht. In den Berichten über verkotete
Wohnungen spielen immer Kinder eine Rolle, die von Psychologen gerettet und in
Wohlgefallen aufgefangen werden. So nebensächlich fallen immer Wörter wie Kot,
Hunde, Katzen, unhygienisch. Da zwei Hauptgruppen von Kotliebhabern, nämlich
Eltern und Tierliebhaber bedient werden müssen, löst man in der öffentlichen
Darstellung das Problem psychologisch: - Wenn etwas stinkt, hole einen
Psychologen. Kinder sind immer im Dreck, wenn Tiere in der Nähe sind, aber erwähne die Tiere nicht! Dein Medienschicksal ist von der
Postleitzahl abhängig, wenn noch kein Bericht aus deinem Bezirk dran war, kann
es leicht sein, dass sie in zwei Stunden bei dir läuten und deinen Kot filmen,
ob du einen hast oder nicht.
Helmuth
Schönauer 16/02/07
STICHPUNKT
701
Waggerl-Universität
Österreich
ist auch ohne Schnee total gut aufgestellt, wie das in der wirtschaftlichen
Wohlfühlsprache heißt. Jetzt kommen im Stundentakt die aktuellen europäischen
Statistiken über das vergangene Jahr zum Vorschein, und Österreich ist überall
spitze. Beim Alkoholkonsum, bei der Brauereidichte, beim Suizid, was Häufigkeit
und Intelligenz der Durchführung betrifft. Der bekannteste Österreicher ist
Gouverneur von Kalifornien, er schaut seinerseits durch Bestätigung von
Todesurteilen, dass alles spitze ist. Und der reichste Österreicher ist ein Dosenfabrikant,
der in diese Unnützsprudel abfüllt, damit die Dosen nicht von alleine abheben.
Einen kleinen Schönheitsfehler, wenn man einmal vom Gesicht des gegenwärtigen
Bundeskanzlers absieht, hat Österreich freilich noch: Es hat keine Elite-Uni,
oder zumindest noch keinen Namen dafür, was als Elite-Uni aufgestellt werden
soll. Auf dem Gelände der ehemaligen Nervenklinik Gugging
sollen bald nervenstarke Professoren auf Englisch unterrichten und im
Topbereich abcashen. Was und wie gelehrt wird, ist
bei einer Elite-Universität ohnehin sekundär. Das wichtigste freilich ist ein
hinreißender Name. Nachdem sich die Erben des legendären Aussteiger-Philosophen
Ludwig Wittgenstein weigern, den Namen für eine Nervenklinik herzugeben, steht
die Uni wirklich nackt und deppert und ohne Namen da. Gehrer-Universität, was
ja das Logischste für diesen Unfug wäre, kann man diese Uni nicht nennen, weil
dieser Name mit einer unglücklichen Rechtschreibreform und dem schrägen Motto
„Pudern statt Party!“ auf ziemlich lange Zeit negativ besetzt ist. Jetzt geht
es also darum, einen unbestritten schlichten, österreichischen, intellektuell
wackeligen Typen zu finden, der der österreichischen Elite-Universität einen
zünftigen Namen gibt. Österreichkenner plädieren für Karl Heinrich Waggerl
(KHW), aufregend blöder kann niemand einen Namen mit so viel österreichischer
Seele spenden! Und mehr als eine Adventgeschichte mit Krippenschau wird die
Eliteuniversität in Gugging ohnehin nicht sein.
Helmuth
Schönauer 22/01/07
STICHPUNKT
623
Doktor Minimundus
Wenn man
sich mit Google-Earth in die Karawanken zoomt, taucht
jäh der Wörther See auf und man sieht an seinem Ufer vom Weltraum aus Leute
jammern. Wo das Jammergeschrei besonders groß ist, liegt auf dem Gelände von Minimundus die Universität. Einst als Freizeitarena für
badende Forscher errichtet, ist diese Universität in kultureller Randlage für
jene Studenten interessant, die zwar nicht in ein exotisches Land übersiedeln
aber doch in einem solchen studieren wollen. Obwohl es in der Wissenschaft
scheinbar objektiv zugeht, nützt einem in der akademischen Welt die beste
Wissenschaft nichts, wenn man nicht mit einem ordentlichen akademischen
Fettpolster ausgestattet ist. Zu diesem Fettpolster gehört das gegenseitige
Hofieren in näselndem Ton, aus Ausbremsen von Konkurrenten, das Überholen von
Mitbewerbern über die Abkürzung diverser Darmschlingen und das kundige Bewohnen
der akademischen Welt. Diese hat mit der übrigen Welt kaum etwas zu tun,
weshalb man sich als intellektueller Mensch noch zu Lebzeiten entscheiden muss,
ob man in der akademischen oder in der realen Welt leben möchte. An die
Universität Klagenfurt wurden Jahrzehntelang offensichtlich Menschen gespült,
die mit der realen Welt nichts zu tun haben wollten und sich der reinen Akademitis hingaben. Wer sonst nirgendwo unterkam,
ergatterte immer noch eine kleine Professur in Klagenfurt, wer es als Student
schnell und billig zu einem akademischen Grad bringen wollte, inskribierte an
der Sonnenuniversität am Wörthersee. Jetzt sind allerhand dieser Schnellstudien
ins Gerede gekommen. Nicht nur, dass man an der Klagenfurter Uni stets denkt,
was andere denken, man schreibt auch hemmungslos diese Gedanken ab. Fast jede
zweite so genannte wissenschaftliche Arbeit soll abgeschrieben sein, heißt es grüchtehalber. Wenn die Klagenfurter klug sind, machen sie
daraus einen eigenen Forschungszweig. Wer das Studium auf diese Art rasch
absolviert, sollte sich Doktor Minimundus (Dr. min)
nennen dürfen.
Helmuth
Schönauer 15/11/06
STICHPUNKT
622
Amadeus Kotzart
Das Jahr
2006 wird als das Jahr der Apathie eingehen, wenn nicht im letzten Quartal noch
halbwegs was passiert. Politisch ist das Land sowieso im Koma. Die einzigen,
die so tun, als ob Wahlen wären, sind die paar hysterischen Abgeordneten, die
um ihre Sessel fürchten. Denn bei so einem blöden Volk wie dem Österreichischen
weiß man nie, wie man dran ist. Plötzlich siehst du Landesrätinnen und –räte auf der Kreuzung Arschfolder verteilen. Aber du bist
schon in Apathie. Immer, wenn du dich an eine ihrer Abteilungen gewandt hast,
haben sie dir den Stinkefinger oder den Schmecks
gezeigt, jetzt bist du apathisch gegenüber all diesen wahlwerbenden
Arschlöchern und Österreich ist schön. Apathie ist auch in der Musik nötig,
seit irgendein Konzert-Konzern das Mozartjahr ausgerufen hat. Jeden Tag Mozart
in allen Stellungen, selbst beim Scheißen kommt dir hinten schon der Mozart
heraus, da hilft nur mehr die generelle Apathie. Ab und zu fließt noch ein
Hörfragment ans Ohr, weil du den Sender nicht schnell genug hast wechseln
können, und diese paar Töne eines Symphonie-Kotzertes
sagen dir, diese Musik ist tot, nachdem sie heuer alle tot gemacht hat. Es wird
Jahre brauchen, bis die Menschen wieder aus diesem Koma erwachen. Ich will
nicht mehr aufwachen, ich tauche den Rest des Lebens durch Österreich durch.
Ich drehe die Hörfunksender ab, damit ich dem Mozart auskomme, ich drehe den
Fernseher ab, damit ich die Arschgesichter nicht sehen muss. Wenn ich einen
Hund scheißen sehe, denke ich mir, es ist ein Politiker, wenn ich einen Schnellkotzer an der
Gehsteigkante würgen sehe, denke ich mir, es ist Mozart, der noch rasch eine
Symphonie auskotzt. Und irgendwann wird dieses apathische Jahr doch wohl zu
Ende gehen.
Helmuth
Schönauer 26/09/06
STICHPUNKT
621
Tret-Willi
Präpotenz ist nicht nur was Schönes, sondern
auch was Nützliches. Der Präpotentzanwender kann
nämlich dabei so richtig die Sau heraus lassen und der Präpotenzbeobachter
kann sich glücklich fühlen, dass er kein so ein präpotentes Schwein sein muss
wir jenes, das er gerade beobachtet. Ein gutes Präpotenzmittel
ist das Dienstauto, mit dem es sich zu jeder Tageszeit
gut sichtbar irgendwo vorfahren lässt. Besonders aufregend sind die getönten
Scheiben, wenn man als Passant zuerst raten muss, welche gigantische Nudel da
anrollt. Und beim Aussteigen zieht sich dann das Flüstern durch die
Fleischkäsgasse: - Ah, das ist der Gefönte, ah das ist die Matratzentussi, ah,
das ist der wahnsinnig tolle Politiker vom Wahlplakat gegenüber. Die Grünen,
ursprünglich Gegner von Dienstkarossen, haben mittlerweile das schöne Spiel der
Präpotenz gelernt und üben es auch mit Hingabe aus.
Freilich verwenden sie dazu jeweils das Fahrrad, mit dem sie auf dem Gehsteig
dem blöden Fußvolk so auf die Pelle rücken, dass dieses seinerseits auf die Fahrbahn
springen muss. Denn in ihrer Ideologie sind die Grünen pure Anhänger des
Darwinismus, der jeweils Höhere in der Verkehrskette frisst den Niedrigeren. So
hat dieser Tage der Landtagsabgeordnete Georg Willi wieder einmal große
Bewunderung ausgelöst, als er mit seinem Dienstfahrrad mitten in Innsbruck
gegen die Einbahn und auf dem Gehsteig in eine spazierende Fußgängertruppe
geradelt ist, denn auch am Fahrrad lässt sich herrlich diese Präpotenz ausüben. Das ist der Unterschied zwischen den
Grünen und den anderen Parteien. Während die flotten Karosseriebenützer darüber
streiten, ob sich nicht auch im Stadtgebiet ein Hunderter ausgeht, scheuchen
die Grünen mit ihren Fahrrädern die Fußgänger vom Gehsteig herunter, damit
wenigstens genug Futter zum Überfahren da ist, wenn die Karossen durch die
Städte brausen.
Helmuth
Schönauer 04/09/06
STICHPUNKT
620
Die neue Penis
Seit es die
neue Penis gibt, können endlich die Tiroler jene Wörter ungeniert und in voller
Zipfellänge aussprechen, die sie früher hinunterschlucken mussten. Offiziell
heißt die Zeitung ja „Die Neue“, aber jeder spricht mittlerweile von der neuen
Penis, denn in der Neuen ist jeden Tag ein sexuelles Highlight abgedruckt.
Dabei geht die Erfolgszeitung immer im Dreierschritt vor. Erster Schritt: Irgendwo
in einem hinteren Winkel dieser Erde passiert etwas sexuell Ungeheueres.
Zweiter Schritt: Eine Tiroler Person, der fast schon etwas Ähnliches passiert
ist, kommt zu Wort. Dritter Schritt: Ein Arzt oder Wissenschaftler rückt die
Ungeheuerlichkeiten wieder ins rechte Lot. Da wird am ersten Tag einmal eine
Frau in England ausgeforscht, die eine Vibrationsstörung hat. Immer, wenn sie
Rolltreppe fährt, widerfährt ihr ein Orgasmus. Am nächsten Tag erzählt eine
Tirolerin, dass sie am Bahnhof knapp an einem Orgasmus vorbei geschremmt ist, aber dennoch nicht auf die Rolltreppe
verzichten musste. Am dritten Tag schließlich erklärt ein
Sexualwissenschaftler, dass es bei eins zu einer Milliarde möglich ist, dass
eine Rolltreppe einen Orgasmus auslöst. Ähnlich geil werden Themen vorgestellt
wie: Erektionsstörung am After, Penisverkrümmung bei Tageslicht, Potenzstörung
beim Mikroskopieren, Genitalien im Rasenmäher, Krämpfe in der Sauna. Die
Tiroler sind hellauf begeistert von diesen Storys, an manchen Tagen glauben sie
es gar nicht, was man mit so einem mickrigen Ding wie einem Geschlechtsorgan
für tolle Abenteuer anstellen kann. Und auch politische Aussagen,
Reiseplanungen, Sommerinterviews mit Landespolitikern, Geschäftsanbahnungen
oder Wetterberichte werden nach dem Modell Penis total in der Neuen
aufgerissen. Für ganz Schnelle gibt es mittlerweile die Pendlerzeitung „Neue
express“, im Volksmund folgerichtig Penisexpress genannt.
Helmuth
Schönauer 08/08/06
STICHPUNKT
619
Der Spion, der aus der Uni kam
Ah, waren das
Zeiten, als die Kinder noch Spione werden wollten. Mit Zitronensaft wurden
Nachrichten geschrieben und über einem Kerzenflämmchen dechiffriert. Gleich
hinter der Sandkiste schaute man auf kleine Hundstrümmerl,
ob sie eine Botschaft darstellten, und die Treffpunkte mit anderen
Kinderspionen waren so öffentlich, dass sie schon wieder geheim waren. Aber
niemand fragte, wo denn diese Spione ausgebildet werden. Nun, heute wissen wir,
dass Spione manchmal auch ganz offiziell an der Uni unterrichten. Dieser Tage
wurde so ein Giga-Spion standesgemäß am Flughafen verhaftet und in
Untersuchungshaft genommen. Der Lehrmeister soll Metallurgisches unterrichtet
und anschließend an Russland verraten haben. An dieser Stelle müssen wir
stutzen. Denn wie kann man etwas, was man unterrichtet, gleichzeitig
spionagemäßig verraten? Besteht nicht der Sinn der Lehre darin, dass nach deren
Verbreitung alle davon wissen? Liegt nicht die Aufgabe einer Universität darin,
dass das allumfassende Wissen für die Allgemeinheit zugänglich gemacht wird?
Hier tun sich durch die Privatisierung der Universitäten neue Wissens-Tabus
auf. Also man holt sich als öffentliche Uni einen Professor aus einem
metallurgischen Topbetrieb, der letztlich nur geheime Sachen forscht. Was
erwartet man sich von so einem Geheimforscher? Dass er für die Studenten am
Vormittag mit dem Bunsenbrenner Binsenweisheiten unterrichtet und am Nachmittag
für seinen Geheimbetrieb topsecret forscht? Und wenn dieses arme
Forscherschwein dann etwas verwechselt, wird dann gleich ein Spion aus ihm? Was
ist das für ein Wissen, das da gelehrt wird? Gibt es folglich ein
Zweiklassenwissen, ein etwas seichteres, dümmeres für
die Studenten, deren Sinn ausschließlich darin besteht, dass sie durch dummes
Studieren den Arbeitsmarkt entlasten, und ein echtes, spionagetaugliches, mit
dem man Geld verdienen kann? Dieser so genannte Spion, der von der Uni kam, ist
wie alle Spione ein Kind seiner Zeit. Mittlerweile werden keine
Staatsgeheimnisse mehr verraten, sondern Wirtschaftsgeheimnisse. Einen guten
Professor erkennt man künftig daran, dass er auch ein guter Spion sein könnte.
Undenkbar, dass etwa ein Germanistikprofessor zur Spionage fähig sein könnte.
Was sollte er auch ausspionieren? Dass der Dichter Georg Trakl an jedem Fuß
fünf Zehen hatte und dennoch Vierzeiler schrieb?
Helmuth
Schönauer 07/08/06
STICHPUNKT
618
Tussig
Provinz
erkennt man verlässlich daran, dass das falsche Besteck gewählt wird. Also wenn
beispielsweise jemand „foin“ mit einem
Silberlöffelchen einen Knödel zerlegt, hat man es mit einem Fachmann der
Provinz zu tun. Prinzipiell gilt die Regel, dass in der Provinz jedes
Instrument, das feiner als eine Lawinenschaufel ist, deplaziert ist. Denn mehr
als Geröll und Lawinen gibt es in der Provinz nicht zu verschaufeln. In der Kultur
wird dabei meist mit urban-intellektuellen Überlegungen über rural-authentische
Ereignisse berichtet, damit es etwas Besonderes wird. Generell hofft jeder
Kulturberichterstatter, dass das Zeugs, das er da geschrieben hat, entweder
nicht gelesen oder nicht als Kulturbeitrag erkannt wird. In der Innsbrucker
Gratiszeitung Tip hat sich das Genre dieser
provinziellen Kulturberichterstattung mustergültig eingenistet. Sie dient in
der Hauptsache dazu, dass oben auf der Markierungsleiste das Wort Buch oder Szenario
untergebracht werden kann. So dürfen auch alle irgendwas rezensieren, wenn es „tussig“ genug ist.
Kriterien
für eine tussige Rezension sind:
# Hinweis
auf das Preis- Leistungsverhältnis des Buches, das Buch wird mit der
Schnäppchenkeule erschlagen: „Der Ladenpreis scheint aber ein wenig gewagt.“
# Der
Rezensent mokiert sich über den Verlag und seine Größe, wie man am Pissoir den
Penis des Nachbarn begutachtet: „schmales Bändchen, kleinformatige Reihe“
# Der Autor
kommt schlecht weg, indem man ihn schlicht und unbedeutend macht: „Schlicht und
präzise erzählt X, manchmal zu schlicht, allerdings auch ohne Aufregung.“
# Der Leser
ist ein Mann von Welt und muss sich leider in der Provinz kurz aufhalten:
„Leider bietet das Bändchen nicht mehr Lesestoff als gerade soviel Zeit, wie
man auf den nächsten Zug wartet.“
So lange
mit dem Silberlöffelchen aus dem literarischen Weltkaffeehaus in der
urgewaltigen Lawine der archaischen Provinzliteratur herumgestochert wird, wird
man sicher keine verschütteten Leser damit ausbuddeln können.
Helmuth
Schönauer 26/06/06
STICHPUNKT
617
Happy Pudel to You!
Seit der
ORF ein öffentlich rechtlicher Parteifunk geworden ist, tut man sich bei der
Auswahl des Abendprogramms wieder leicht. Nicht nur alphabetisch sondern auch
inhaltlich in Top-Position bietet sich ATV an. Dieser Sender macht mittlerweile
das, wozu eigentlich der ORF da wäre - er informiert witzig, hinterfotzig und
mit hochgezogenen Mundwinkeln. Ab und zu saust ein schwarzer Hund über den
Screen, ein Zeichen, dass man den richtigen Kanal hat. Die Reportagen des
Pudelsenders haben es in sich. Mal gibt es Nutten in Stadtrandlage, Polizisten
im Nachteinsatz, Psychotherapeuten bei österreichischen Wahnsinnigen oder
wahnsinnigen Österreichern. Und dieser Tage machte sich der Sender mit dem Hund
ein schönes Geburtstagsgeschenk, indem er eine Reportage über Schoßmenschen
machte, die irgendwie auf den Hund gekommen sind. Am Höhepunkt der Dokufiktion über närrische Hunde hat ein Pudel Geburtstag.
Er wird gebadet, gefönt und gestriegelt. Weil es gerade wie geschissen regnet,
wird er auch noch von der Herrin zur Geburtstagsparty getragen. Auf der
Hundeparty gibt es sodann einen Giga-Knochen aus Faschiertem, Hundedecken und
Hundespielzeug. Die Hunde pissen ein wenig und stimmen ein Ständchen an, als
die Hundebesitzerinnen stolz ihre Lieblinge bewundern und in einer mimischen
Einlage ihren Liebling nachmachen. Während man diesem Affenzirkus zusieht und
sich wundert, warum es so dramatisch beschissen zugeht, tauchen die
Hinterbilder auf. Diese Pudelparty ist letztlich nichts anderes als eine
Nachäffung einer Kinderparty. Schreiende und halb angeschissene Kleinkinder
tummeln sich auf einer Babyparty, es gibt eine Torte aus Milupa, die
Kleinstkids kläffen und wauwauen, die alleinerziehenden
Mütter unterhalten sich mit dem adretten Quotenalleinerzieher. Die Produzenten
dieser urigen Kids sehen in allen Bewegungen und Gesichtszügen die eigenen
Antlitze und Gebärden. Und über allem schwebt die Lebensweisheit des Tages:
Wenn schon das Leben keinen Sinn macht, macht es doch starken Sinn, die
Reproduktion des eigenen Lebens in Gestalt von aufgepudelten
Kindern zu feiern.
Helmuth
Schönauer 19/06/06
STICHPUNKT
616
Leichnamssex
Der
witzigste Feiertag im Kirchenjahr ist sicher der Fronleichnamstag. Allein schon
der Name ist ein Spektakel, klingt nach „Frohe Leiche“, wo man wie in New
Orleans vor der Überschwemmung mit Blasorchester tanzend, klatschend hüpfend
ein Begräbnis abfeiert. In der offiziellen Innsbrucker Kulturszene ist ja
nichts deppert genug, was nicht für ein Festival ausgeschlachtet werden könnte.
So finden heuer tatsächlich Fronleichnam-Festspiele statt. Weltbekannte Stars
geben dabei im Congress eine Leiche ab, indem sie offensichtlich totes Zeug
singen und dabei fröhlich sind. Ziemlich geschissenes Programm, das da unter
dem Titel „Prozession durch die Musikgeschichte“ ablaufen soll. Nächstes Jahr
will man dieses erbärmliche Fronleichnamsfestival dann auch auf das
Landestheater ausdehnen, wo ja bekanntermaßen die besten kulturellen Leichen
auf die Bühne gestellt werden. Der geile Höhepunkt findet auch heuer wieder
naturgemäß vor dem Museum Ferdinandeum statt. Während
drinnen kümmerliche Zipfel und zerfranste Reizwäsche aus viertausend Jahren (so
lange schon gibt es den Sex von hinten!) ausgestellt werden, zelebriert draußen
an einem Spontan-Altärchen die frisch gewadelte, gewixte und gepuffte Fronleichnamskompanie den katholisch
einwandfreien Umzug. Das Sexschildchen zur Museumsausstellung wird während der
göttlichen Darbietung verhüllt oder abgehängt, damit es keine Erregung gibt.
Die Schützen nehmen an diesem Tag ohnehin Antiviagra, damit sie während der
Prozession keinen Steifen kriegen. Frommleichnam in
Tirol ist eine große Gaudi, es ist alles sehr verlogen und schaut aus wie ein Fronleichnamsstudel, in den man zuerst die kulturellen
Rossäpfel wickelt und dann verspeist.
Helmuth
Schönauer 14/06/06
STICHPUNKT
615
Dranbleiben
Der
moderne Journalismus ist provinziell und daher ist auch der provinzielle
Journalismus modern. So gesehen herrscht in Tirol immer Weltniveau, was die
Nachrichtenlage betrifft. Gab es früher einmal ein Ereignis, das den
Journalismus auslöste und auf Touren brachte, so bringt heute der Journalismus
die Ereignisse auf Touren. Im klassischen Fall sitzt also die Redaktion
beisammen und erfindet ein Thema. Finanzminister mit Glasperlenspiel zum
Beispiel. Jetzt braucht es nur noch einen Tirolbezug, der ja in Gestalt einer
alten Bauernhofhülle ohne Bauernhaus drin gegeben ist. Am Abend schreibt die
Redaktion eine Geschichte, worin die Wörter Finanzminister, Möchtegerntiroler,
Glasschmuckdynastie und Bauernhof vorkommen. Das sind übrigens die
Lieblingswörter der Tiroler, weshalb diese Nachricht sofort zu einer
Lieblingsnachricht für ganz Tirol wird. Anderntags erscheint diese Nachricht in
Gestalt einer patriotischen Einheitszeitung, für die etwas schmalbrüstigeren
Hirne gibt es diese Nachricht auch noch als Kleinformat. Schon am Vormittag
untersucht ein Meinungsforschungsinstitut, wie die Nachricht ankommt. Wenn die
Leute zufrieden sind, wird die magische Parole ausgegeben: Dranbleiben! Jetzt
wird im Halbtagesrhythmus befragt und drangeblieben. Nach etwa drei Wochen
zeigt die Nachricht erste Ermüdungserscheinungen, das heißt, ab und zu sagt
jemand, dass er jetzt mehr Tiwag statt Finanzminister
möchte. So macht die Redaktion jetzt eine Nachricht mit den Ekelwörtern Tiwag, Bruno, Stausee und Atomstrom. Das Spiel wiederholt
sich mit anderen Wörtern. Das Meinungsinstitut befragt und die Redaktion bleibt
dran. Weil das Wort Bruno von der Tiwag her so böse
aufgenommen worden ist, beschließt man, aus Bruno etwas Nettes zu machen. Brumms, da rennt ein Bär durch die Gegend und heißt Bruno.
Jetzt heißt es dranbleiben, denn der Bär ist sehr flott unterwegs. Undsofort. Man sollte unbedingt auch an der Psychiatrie in
Lienz dranbleiben. Die neuen Lokomotiven in Osttirol sind gelb wie früher die
Irrenhäuser. Kann bitte jemand dranbleiben und eine schöne Nachricht daraus
machen?
Helmuth
Schönauer 02/06/06
STICHPUNKT
614
Gender-Lyrik
Die Welt im
Kopf ist selbst gemacht und daher immer ungerecht. Besonders die
Gender-Diskussion zeigt Tag für Tag zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten.
Beispielsweise fahren zu manchen Zeiten mehr Männer auf der Autobahn, an
anderen Stoßzeiten mehr Frauen. Hier sollte man unbedingt beim
Bemauten ein System entwickeln, wonach stets
gleich viel Männer wie Frauen auf der Autobahn sind. Also musst du als Mann
beispielsweise an einem Schranken so lange warten, bis die passende Frau
aufgefahren ist, erst dann kannst die auf die
Beschleunigungsspur. Oder diese ewige Ungerechtigkeit an den Kassen. Warum gibt
es keine Männerkasse, wo ein Mann umständlich kassiert, bis den wartenden
Männern der Kragen platzt. Ok, und die Lyrik erst, da gibt es fast nur Männer,
die diese großartigen Werke verfassen, die ohnehin niemand zu Lebzeiten liest.
Aber jetzt soll es wieder einmal eine Spur gerechter werden, es gibt einen
Wettbewerb, wo weibliche Lyrics gefördert wird. Also Frauen, dichtet und
erkundet die Welt! Es wird herzergreifende Texte geben, Gerechtigkeit wird
eingefordert werden, alle werden nicken. Am Schluss gibt es sicher eine
Anthologie, wie bei solchen Anlässen üblich. Als Leser ist mir das alles
wurscht, so lange ich nicht nach dem Gender-Quotienten lesen muss. Also im Worst-Case darf ich nur ein Männergedicht lesen, wenn ich
auch ein weibliches dazu nehme. In der Buchhandlung darf ich nur ein männliches
Buch meiner Wahl kaufen, wenn ich als Doppelpack auch ein weibliches nehme. Und
bei den Bibliotheken muß ich vielleicht auch immer
einen Gender-Dummy mitnehmen, damit die Quote stimmt.
Bei Literaturverbänden und literarischen Veranstaltungen hat diese komische
Sitte schon um sich gegriffen, da muß zuerst die
Quote stimmen, ehe dann die Literatur zu Wort kommen darf. Den Verweigerinnen
und Verweigerern dieser Gerechtigkeitsrituale ist es egal, ob Mandl oder Weibl an der Texttastatur gehockt sind. Wenn es nur mehr um
das Geschlecht und nicht mehr um die Substanz geht, dann geht man einfach lyriklos von dannen und legt sich einen Lyric
von Elvis auf. Love me gender,
was so viel wie „leck mich“ heißt.
Helmuth
Schönauer 08/05/06
STICHPUNKT
613
Zu gescheit
Die
Wahrheit sitzt oft wie Fliegendreck zwischen den glatten Fliesen schöner Worte.
So hören wir etwa Tag und Nacht von der schönen Dolomitenstadt Lienz, dass dort
geklaute Egger-Lienz-Bilder mit frohem Herzen restituiert werden, die
saftigsten Männerärsche vor der Kamera zum permanenten Dolomitenmann
heranreifen und überhaupt das Klima herzergreifend sonnig und schön ist. Die Wahrheit
aber sitzt zwischen diesen polierten Bildern und besagt: - Im Bezirk Osttirol
herrscht eine Stimmung, dass darin nicht einmal Psychiater ihre Stunden
absitzen möchten. Wie ist es sonst zu erklären, dass sie Osttiroler ums
Verrecken nicht ihre Psychiatrie voll kriegen? Hängt es damit zusammen, dass
man wie in Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Physiker“ letztlich nie sagen kann,
who ist who in der Anstalt?
Wer ist Patient und wer ist Primar? Haben die Welt erfahrenen Psychiater Angst,
von den Osttiroler Schlitzohren für deppert gehalten zu werden, wenn sie sich
mit ihren Kranken zu lange beschäftigen? Oder ist Lienz einfach der Inbegriff
für tote Hose, Ende, Liegebett, Psychiatrie! Seit einigen Jahren nämlich bemüht
man sich, dem Krankenhaus Lienz eine psychiatrische Station einzuverleiben.
Aber siehe, niemand will diese Krankenstation führen. Ein wenig lässt dieses
psychiatrische Vakuum darauf schließen, wie Osttiroler manchmal ticken. Als der
Schriftsteller Johannes E. Trojer einmal schmunzelte,
dass am Abend vom Friedhof aus betrachtet alle Haushalte den gleichen Schatten
der Zeit im Bild in ihren Wohnzimmern schimmern hätten, und Hell Dunkel jeweils
synchron in allen Haushalten wechselten, meinte ein Orts-Insasse: „Lehra, tua nit
bled vom Friedhof aufs Dorf schauen, sondern selber
mitschauen.“ Eine andere Überlebensweisheit der Osttiroler lautet: „Gescheit
ist gescheit, aber zu gscheit ist nimma
gescheit.“ So gesehen ist es sicher übergescheit, wenn sich kein Psychiater für
die Psychiatrie in Lienz finden lässt.
Helmuth
Schönauer 02/05/06
STICHPUNKT
612
Wenn Schwänze rechnen
Tiroler
können sich keine Babys mehr leisten! - Der Aufreißer dieser Tage ist ziemlich
intellektuell, weil er an die Rechenkünste der Geschlechtsorgane appelliert,
und die können bekanntlich überall auf der Welt schlecht rechnen. Oder gibt es
etwa eine Rechenolympiade für Schwänze und Eierstöcke? Dabei sind die Zahlen
wie immer beim Rechnen sehr läppisch. Ein Kind kostet im Jahr 5000 Euro und
bleibt im Tiroler Durchschnitt 30 Jahre lang auf deiner Geldtasche sitzen. Ist
so ein Kind einmal in die Nähe deiner Geldtasche gekommen und hat Witterung
aufgenommen, kannst du dich weder von ihm scheiden lassen noch es auf den
Adoptionsstrich schicken. Du zahlst also pro Kind 150.000 Euro, wenn du mit dem
Schwanz rechnest und nicht mit dem Hirn! So versteht man auch den Tipp von
Börsianern: Sex in der Ehe ist die teuerste Form von Sex! Schon um die Hälfte
dessen, was so Ehesex kostet, kriegst du sowohl als
Mann als auch als Frau wirklich guten Sex und mußt
mit dem Partner nicht einmal zusammen leben. Immer mehr Tiroler fangen
offensichtlich zu rechnen an, was auf eine Restintelligenz schließen läßt. Wenn du dir absolut nichts mehr leisten kannst außer
einem Baby, dann läßt du das Baby sausen, denken sich
immer mehr Patrioten und verstopfen ihre Geschlechtsorgane mit mehr oder
weniger Lust killenden Apparaturen. Denn die Gesellschaft braucht dein Baby nur
für kurze Augenblicke, etwas für die Statistik, für die Lehrer, damit diese was
zum Unterrichten haben, und für die Stellungskommission, damit sie ein paar
Trottel zum Grenzeinsatz im Burgenland haben. Die restliche Zeit werden die
Eltern mit ihren Kindern aber schon völlig allein gelassen. Nur die Wirtschaft
schaut ab und zu vorbei, dreht den Kids etwa einen schweineteuren Handyvertrag
an, den dann erst wieder die Eltern ausbaden können. Es wird Zeit, dass die
Tiroler mit den Schwänzen zu rechnen anfangen.
Helmuth
Schönauer 15/04/06
STICHPUNKT
611
Adelsohren
An
Sonntagen hängen im ganzen Alpenland die Nachrichten sehr tief und du erfährst
in den Mistblättern jene Wahrheit, die etwa hundshoch ist. Es ist eine
verlässliche Freude, die diese kleinen Blätter für die kleinen Leute in idealer
Zugriffshöhe ausgehängt haben. Da wo etwa in der Osterwoche bei den Kruzifixen
die unteren Nägel herausstehen, da hängen diese Schatzkästlein der freien
Information. Heute ist exclusiv in dem kleinen
Mistblatt mit der Krone eine kleine Nachricht drin von der Rückgabe eines Drakula Schlosses an einen weit entfernten Sperma-Ableger
der Habsburger Dynastie. Rumänien will damit bei der EU punkten, denn die EU
schaut vor allem, dass alle Adeligen wieder ihre Schlösser kriegen. Dieses
kleine Rückgabe-Schloss in Rumänien wurde übrigens den Habsburgern vom Volk
geschenkt, wie es süffisant heißt. Wenn also zwei Nachfahren von damals heute
in der EU aufeinander treffen, schlägt wie beim Kartenspiel der Adelige Ober
den Volks-Unter. Aber irgendwie ist diese Restauration des Adels verständlich,
ganz Russland baut die Zarenpaläste wieder auf, weil man damit Tourismus machen
kann, der neue Papst empfängt den alten Otto von der ewig jungen
Habsburger-Samenbank. Wir brauchen den Adel für unsre Sehnsüchte. Stell dir
vor, die Gewerkschaftsheinis müßten unsre Sehnsüchte
stillen. Also wir müßten in die BAWAG-Wohnung des
ehemaligen Gewerkschaftspräsidenten pilgern, um uns echte Arbeiterkultur mit
Spiegel und Schwimmbad anzuschauen, oder auf den Golfplatz, um mit dem
ehemaligen Arbeiterbanker ein Ei ins Loch zu putten. Also da haben wir lieber
die Habsburger, ehrlich. Und wenn wir uns schon keinen Windsor mit abstehenden
Ohren leisten können, nehmen wir eben einen leicht vertrottelten Karli oder
Franz Ferdinand. Das Rechtschreibprogramm empfiehlt übrigens statt Habsburger
regelmäßig Hamburger, was ja passt, die ganze Monarchie heute ist eine einzige
Fastfood-Kette von großen Orden, großen Ohren und großen Schlössern.
Helmuth
Schönauer 09/04/06
STICHPUNKT
610
Analgebühr
In einem
dieser besonders guten Witze wacht ein sogenannter
Kathole im Nichts auf und hält es für das Jenseits. Und was ist mit meiner
Kirchensteuer? fragt er ins Nichts. Und siehe, das Nichts antwortet ex kathedra und sagt: Deine Kirchensteuer ist aus dem Auspuff
des Papamobils gepufft, ist in der Sixtinischen
Kapelle unter der Schöpfungspatina von Sony und liegt in Bündeln verpackt in
den Verließen des Vatikans. An diesen Wunderwitz müssen mittlerweile auch die
Gewerkschafter denken, die ihre Beiträge gerade in die Karibik versenkt
gekriegt haben. Aus beiden Witzen kann man fürs echte Leben lernen. Für gute
Unterhaltung muss man nämlich überall Eintritt bezahlen. Also die Performance,
die da Arbeiter-Banker und Arbeiter-Vertreter liefern und geliefert haben, hat
Bestsellerniveau und daher ihren Preis. Um fünfzehn Euro Monatsgebühr kannst du
dir entweder ein Abonnement für Pay-TV kaufen oder eine Mitgliedschaft bei der
Gewerkschaft. Beim einen Programm kriegst du was für die Augen, beim anderen
was für den Hintern, du zahlst ja bei der Gewerkschaft genaugenommen eine
Analgebühr. Schriftsteller wundern sich immer, warum sie in unserer
Gesellschaft nichts verdienen. Na eh klar, weil unsere Gesellschaft an großen
Worten interessiert ist, nicht an Literatur. Wenn du erfolgreich abzocken
willst, mußt du entweder etwas vom Jenseits erzählen
oder von der Karibik, wo das Paradies der Arbeiter liegt. Und bereits das
Verkünden dieser Verheißungen macht reich, egal ob es diese Reiche der
Verheißung nun gibt oder nicht. Also ihr Arbeiter, lehnt euch zurück, zahlt
eure Beiträge und lüpft ein wenig den Hintern, dass euch die Botschaft der
Arbeiter-Bosse auch erreicht und Einlass findet.
Helmuth
Schönauer 31/03/06
STICHPUNKT
609
Doof und teuer
Das Auto
ist ein tertiäres Geschlechtsmerkmal. Wer eines hat, gilt als potent, wer zu
Fuß oder mit einem Öffi unterwegs ist, gilt als Verkehrsmasturbant. In diesem Kontext von Potenz und
Genitalien werden von den Tirolerinnen und Tirolern auch die Gespräche über das
Auto geführt. Potenzgespräche haben die Eigenschaft, unerwartet aufzutauchen
und ohne zu blinken aus der Kolonne von ausgewiesenen Sexgesprächen
auszuscheren. Also da redet die Tirolerin von einer Brustvergrößerung und
erzählt im gleichen Atemzug, dass sie den Turbo hat nachladen lassen. Der
Tiroler hingegen schwärmt gerade von seinen eigenen Eiern und erzählt, wie er
sich jetzt den Tempomaten hat hinaufsetzen lassen. Aber all diese Schwärmereien
über die Potenz münden in einen furchtbaren Verbalkater, wenn es dann doch
unausweichlich zum Ende jeglichen Autotums kommt.
Denn wo immer du fährst, irgendwann kommst du in eine Innsbrucker Tiefgarage,
und das heißt: Ende! – Impotenz! - Eier ab!- Busen down! Die Innsbrucker
Tiefgaragen sind nämlich nicht nur ausweglos, wer in ihnen parkt, muss
irgendwann wieder umkehren und aus ihnen hervor kriechen, sondern auch
schweinisch teuer und ungerecht in der Abrechnung. Dass es sich bei den
Tiefgaragen um einen besondere Art von Sex handelt, erkennt man daran, dass ihn
die Betreiber nicht verbessern, obwohl er mies ist, und dass die Benützer
keinesfalls auf ihn verzichten wollen. Also was wäre dabei, wenn die
Automobilisten, die sich übervorteilt fühlen, die Innsbrucker Tiefgaragen
einfach meiden würden? Stell dir vor, kein Schwein parkt mehr in diesen
schweinisch teuren Garagen, dann wäre die Tarifpolitik in ein paar Tagen auf
den Kopf gestellt. Aber das gehört eben zur Autofahrerei dazu: Zuerst wird mit
dem eigenen Gerät geprotzt und dann über die Kosten geraunzt. Der Sprit ist
teuer, die Werkstatt auch, die Tiefgarage sowieso. In Wirklichkeit ist das Auto
nicht teuer sondern doof. Die dümmste Art, seine Zeit zu vergeuden, ist, sie im
Auto zu verbringen. Oder das Auto in die Innsbrucker Tiefgarage zu stellen, das
ist teuer und mega-doof.
Helmuth
Schönauer 21/03/06
STICHPUNKT
608
Alles battle-paletti!
Manchmal ist
man ganz nah am Weltgeschehen und der künftige Schauder der Geschichte läuft
einem bereits in der Gegenwart über den Rücken. Der Schrecken hat immer Namen und Treffpunkte. So ist der größte Schrecken
der Weltgeschichte mit Wannsee verbunden, wo am 20. Jänner 1942 fünfzehn
Ministerialbürokraten, wie das heute auf der Gedenkhomepage heißt, die
systematische Vernichtung der Juden beschlossen haben. Jede Maßnahme hat einen
formulierenden Mund, der die ungeheuerlichsten Sätze erstmals ausspricht.
Dieser Tage kam es in der Weltstadt Innsbruck zu einem Treffen der europäischen
Kriegsminister, die sich heutzutage schelmisch Verteidigungsminister nennen.
Als Hausherr fungierte Battle-Platti, ein Charmeur
von Gottes Gnaden, der gerüchtehalber immer eine zusammengeklappte Gitarre
unter der Hose tragen soll. Wie er dann am Vorabend großer Battle-Besprechungen
den Befehl gegeben hat: „Marketenderinnen vortreten zum Schnapsausschenken!“,
das war ganz große tirolerische Klasse. Am nächsten Tag hockte auf den
grünstichigen Kirchenkuppeln die verklemmte Wintersonne, die Bevölkerung war
artig hinter Gittern postiert und in der Sicherheitsglocke des Kongresshauses
planten die Minister die nächsten Battles. „Also
Kongo wäre nicht schlecht!“ – „Gut, Boys, nehmen wir Kongo!“ So also werden
Kriege geplant und Schlachten vorbereitet. Was Platti
einst in seiner Zammer Baumhütte mit den Nachbarboys
durchgespielt hat, kann er jetzt mit seinen Verteidigungsboys kontinental
durchführen. Denn eines haben die Kriegsminister mitgekriegt, Kriege musst du
immer wo anders machen, daheim ist es nicht gut. Außerdem gibt’s für entfernte
Kriege gute Dienstreisen und schöne Fotos, auch Battle-Länder sind
zwischendurch faszinierend schön, wenn Kampfpause ist. Wir Innsbrucker standen
in diesen Tagen hinterm Gitter, uns hingen die Unterkiefer hinab vor
Fassungslosigkeit, wir waren mitten in der Weltgeschichte und überlegten, wie
viele Tote dieses Battle-Treffen wohl fordern wird.
Helmuth
Schönauer 09/03/06
STICHPUNKT
607
Universal-Jaukerl
Vermutlich
ist keine Sprache der Welt so geil wie der kernalpine Dialekt mit seinen Wiener
Ausläufern. Der Ausdruck „Jaukerl“ steht für eine
Spritze, die wie angegossen passt. Sowohl Inhalt, Verabreichung wie Gefühl der
Erleichterung sind in diesem Wiener Wort perfekt verpackt. Die harte alpine
Form des Jaukerls ist der Schröcksnadel.
Hierbei handelt es sich um eine Verabreichung der unguten Art, der Delinquent
bricht in Angstschweiß und Flucht aus. Bei den letzten Olympischen
Winterspielen wurden allerhand Schröcksnadeln
verabreicht mit dem Erfolg, dass die Athleten entweder geflüchtet sind oder
gewonnen haben. Doping mit Angst ist nicht verboten, obwohl es die wirksamste
Form der Beschleunigung des Körpers ist. Weil die Jaukerln
bei den Olympischen Spielen so gut eingeschlagen haben, wird mittlerweile der
Ruf nach einem Universal-Jaukerl laut. Beispielsweise
als Maßnahme gegen die Vogelgrippe. In Frankreich setzt man bereits dem
Federvieh die entsprechenden Schröcksnadeln, worauf
das Geflügel so schnell wird, dass es vom Erreger nicht mehr erreicht werden
kann. Hierzulande geht man den Weg der Menschenimpfung. Also nicht die Katze,
die die Vogelgrippe überträgt, wird geimpft, sondern der Mensch, damit er
schnell genug vor ihr flüchten kann. In diesem Lichte ist auch verständlich,
warum etwa in Innsbruck die Hunde prinzipiell nicht angeleint sind und somit
alles übertragen dürfen, was so an Viren und Erregern herumläuft. Nirgendwo auf
der Welt sind die Jogger so schnell wie in Innsbruck, weil sie entweder vor
physisch anwesenden Tieren davonlaufen oder vor der Urangst, ein Universal-Jaukerl oder gar einen Schröcksnadel
ins Gesäß zu bekommen.
Helmuth
Schönauer 06/03/06
STICHPUNKT
606
Kohle-Zeit-Fiktion
„Jeder
Trottel derstirbt es!“ – Dieser wunderschöne Satz aus
der Wiener Alltagsphilosophenszene deutet darauf hin, dass das Leben vielleicht
eine ziemlich einfache Sache ist, die wir nur deshalb ständig kompliziert
darstellen, weil wir alle nicht wahr haben wollen, dass letztlich alles
ziemlich primitiv abläuft. Genau genommen geht es um die drei Dinge „Kohle“,
„Zeit“ und „Fiktion“. Wenn man von allen halbwegs genug hat, ist man glücklich.
Den größten Wert stellt die „Kohle“ dar. Ordentlich betreut vermehrt sie sich
ununterbrochen. Das Endziel ist, dass sämtliche Kohle dieser Welt auf einem
einzigen Haufen liegt, das ist dann die Entropie des Kapitalismus. Damit sich
die Kohle vermehrt, muss sie eine kritische Masse erreichen, deshalb können nur
Reiche reich werden, was die Armen nicht wahrhaben wollen. Aus dieser Erkenntnis
stammt auch der Satz: „Wenn du arm sein willst, brauchst du bloß zu arbeiten!“
Freilich ist der Kapitalismus viel intelligenter, als seine Kritiker glauben.
Wenn es ihm schlecht geht, repariert er sich aus sich selbst, macht etwa
Zinsnachlässe oder gewährt Kredite, bis das Spiel von der Umverteilung nach
oben wieder aufgenommen werden kann. Die „Zeit“ freilich ist etwas Gerechtes,
jeder hat gleich viel davon. Wenn es gelingt, Zeit ohne Kohle zu verbringen,
kann das Leben sehr interessant und sinnvoll verstreichen. Freilich kann sich
jemand mit Kohle auch Zeit kaufen, also nicht bloß Pensionsversicherungsjahre
sondern auch Dienstleistungen, die sonst Zeit kosten würden. Die dritte Währung
ist die „Fiktion“. Hier sind alle Dinge versammelt, die einen Sinn ohne Kohle
und Zeit versprechen. Also das Jenseits beispielsweise, die Bürgergesellschaft,
das hohe Ansehen der Feuerwehr oder auch die schöne Fahne der Republik
Österreich. Die Fiktion stößt manchmal auch an gewisse Grenzen, etwa wenn man
einem Zivildiener begreiflich machen soll, dass es was Schönes ist, wenn man
einem Geldarsch ohne Entlohnung den Arsch auswischen soll, nur weil dieser alt
und reich ist und der Zivi jung und arm. Aber die Aussicht, später einmal
selbst den Arsch ausgewischt zu bekommen, lässt den Zivi dann doch zum
Waschlappen greifen und in den sauren Apfel wischen. Immer wieder gibt es
interessante Versuche, andere Währungen einzuführen. Die Religionen probieren
es mit Moral, die Wellnessgesellschaft mit
Wohlbefinden, die Kunst mit Ästhetik und die Literatur mit tollen Geschichten.
Aber das alles funktioniert nur, wenn man die große Spielregel einhält: Erst
geht es um die Kohle, dann um die Zeit und dann kannst du dir noch was im Kopf
ausmalen als Fiktion. So einfach ist das Leben.
Helmuth Schönauer
05/02/06
STICHPUNKT
605
BÖ
Eine Bö ist
in der Literatur immer etwas Nettes. Meist entkommt die Bö einer Figur aus dem
Hintern und fährt dann mehr oder weniger geräuschvoll in die Szenerie. Bei
Gedichten ist die Bö immer gefährlich schön, da schlägt es dem lyrischen Ich
oft die Stimmung aus der Hand oder das Segel des Lebens schnappt über.
Gefährlich ist die Bö im Seilbahnwesen, wenn sie schon mal einen frechen Gast
aus dem Sessel wirft. Und auch Medicopter-Piloten
fürchten die Bö, weil es dann oft einen Absturz vor laufender Rettungskamera
gibt. Aber all diese Bös sind nichts gegen die BÖ, die jetzt politisch ansteht.
Die Vereinigung der gelb-orangen Overalls muss wahrscheinlich das Zett abgeben,
so dass aus BZÖ die BÖ wird. Eigentlich egal, aber irgendwer hat schon die
Zukunft ins Vereinsregister eintragen lassen, und jetzt darf niemand mehr die
Zukunft in seine Parteibezeichnung hineintun. Also kein Zett mehr, bloss noch BÖ! Mit dieser schönen Bezeichnung ist auch
schon das Parteiprogramm dieser gelb-orangen Funktionärstruppe voll
ausgeschrieben. Es geht um BÖ und sonst nichts. Böse Zungen behaupten, BÖ sei
die Abkürzung für das Böse! Das stimmt so nicht, denn die BÖ ist einzig dazu
auf der Welt, um diese windige Wolferl-Regierung am
Ruder zu halten. Und Wolferl ist ja was Gutes, zumal
wir ja ein Wolferl-Jahr haben, bei dem es
Marzipanjoghurt im Mozartdesign gibt. BÖ ist also der Deckel am
Regierungsjoghurt, und am Deckel ist immer das Ablaufdatum eingestanzt.
Hoffentlich kommt es bald. Irgendwie ist unter dieser Regierung alles kürzer
geworden, auch diese Glosse ist sehr kurz und irgendwie böd!
Helmuth
Schönauer 28/01/06
STICHPUNKT
604
... kommt von oben
Jeder echte
Tiroler ist, was das Kunstverständnis betrifft, ein geklonter Bauer. Das heißt
Vorsicht, Ausrichtung nach hinten und gestyltes Gottvertrauen. Und diese
raffinierte Kunsthaltung gibt dem gestandenen Tiroler recht. Denn alles, was
ein bisschen von der Architektur einer Bauernstube abweicht, ist schlichtweg
gefährlich. Ganz Architektureuropa lacht heute noch, wie die damaligen
Architekturprofessoren für sich die Baufakultät an der Uni Innsbruck mit einem
Flachdach ausgestattet haben, das ein Leben lang rinnt und leckt und friert.
Und auch das wunderbare Sowi-Dach aus Glas ist
entgegen allen Beteuerungen eines Tags einfach in sich zusammengefallen und hat
einen Scherbenhaufen von zerborstenem Architekturglück hinterlassen. Dieser Tage ist das Werk des beleuchtenden Wunderwuzzis in der Innsbrucker Museumstraße in die Tiefe
gegangen. Wenn dir mitten am Tag ein hochintellektueller indirekter
Beleuchtungskörper vor die Füße fällt, bist du als Kunstkritiker ziemlich
betroffen. Zumal diese indirekte Straßenbeleuchtung ohnehin ein Witz ist. Edel
geplant und indirekt verschränkt soll das Licht so zu Boden fallen, dass dafür
keine Abspanndrähte gespannt werden müssen. Die Innsbrucker freilich in ihrem
futuristischen Raffinement haben die Beleuchtungskörper oberhalb der
O-Busleitungen und Straßenbahndrähte montiert, denn ganz ohne Draht nach oben
will in Innsbruck niemand leben. – Jetzt ist statt des Lichtes gleich der
Beleuchtungsreflektor von oben gekommen! Fällig wird ein Unglück am Bahnhof. Da
ist nämlich der Asphalt rot aufgetragen, das wird nicht gut gehen. Zu
befürchten ist, dass jemand rote Bananenschalen auf den Asphalt wirft, auf
denen dann wirklich alle Tiroler ausrutschen werden. Tiroler bleib bei deinem
Leisten! Bau ein paar steile Giebel und verkriech dich hinter den
Lärmschutzmauern. Und ihr Architekten begreift endlich: In Tirol ist alles hart
und physikalisch bitter! Baut das Futuristische im warmen Kalifornien und gebt
uns echte Dächer und Beleuchtungskörper!
Helmuth
Schönauer 22/01/06
STICHPUNKT
603
Traktorsessel
Wenn man
auf einem Landtagssessel sitzt, sollte man angegurtet sein, denn es herrschen
dort gewaltige Fliehkräfte. Deshalb hat ja auch der neue Landesrat für Bauern
die größten Chancen, alle anderen zu überleben, weil er von Bauernkindheit an
am Traktor gelernt hat, wie man angeschnallt und zäh im Sessel bleibt. Damit es
nicht auffällt, dass seine Hauptaufgabe im Aussitzen der Sitzungen besteht, hat
man ihm zwei Ressorts zugeteilt, die verblüffend gut zueinander passen:
Landwirtschaft und Nahverkehr. Der Nahverkehr in Tirol ist nämlich so ziemlich
das Letzte, was man sich wünschen kann. Der höhere Sinn dieses Nahverkehrs
besteht darin, möglichst alle halbwegs intelligenten User auf das eigene Auto
umzudirigieren und die geistig etwas minder ausgestatteten Tiroler so lange in
der Kälte an Haltestellen stehen zu lassen, bis sie restlos doof und apathisch
sind. Jetzt kommt die Landwirtschaft ins Spiel! Diese verkauft den Städtern zitzerlweise Träume und Grundstücke. Und die Städter ziehen
wie wild zu den Bauern aufs Land, um sich dann ein Häuschen zu bauen, wie man
es in der Gartenlaube gelesen hat. Die Träume der Städter freilich zerbrechen
bald, denn ganz Tirol ist eigentlich schon eine Stadt geworden mit kleinen
Naturreservaten, die wir für Berge halten. So, und nun hocken die armen Häuslbauer alle am Land, die Kinder stehen sich die Füße im
Nahverkehr in den Bauch oder saufen sich zu Hause an, weil im Dorf nichts los
ist. Die Erwachsenen pendeln geduldig in die Stadt und hören bei dieser
Gelegenheit die Stausendungen des Landesfunks, der im Minutentakt aufmunternde
Worte und Musik spielt. Völlig apathisch und lebensunlustig kommen diese armen
Tropfs wieder am Abend nach Hause, wenn sie nicht der Bus überhaupt irgendwo an
einer Haltestelle vergisst. Und dann werden alle alt und die Altenpflege fährt
von Dorf zu Dorf, um die vereinsamten und wund gelegenen ehemaligen Häuslbauer irgendwie mit Trost zu versorgen. Der neue
Kombilandesrat für Nahverkehr und Bauern könnte also zwischen den Sitzungen
zweierlei veranlassen: a) Die Grundstücke der Bauern sollen nur mehr dann
verkauft werden dürfen, wenn auch eine Infrastruktur für die späteren Bewohner
da ist, b) die Kommunalpolitiker sollten bis dahin zwingend einmal in der Woche
mit dem Nahverkehr fahren müssen, damit sie persönlich sehen, wo sie bleiben.
Helmuth
Schönauer 12/01/06
STICHPUNKT
602
Wo Milch und Eiter fließen
Kennst du
das Land, wo Milch und Eiter fließen? Wo die Bauern den Ton angeben und die
große Pfeife rauchen? – Ei freilich, das ist Tirol. In den letzten Wochen hat
die so genannte Bauernschläue geputscht und ihre politischen Proponenten in den
Landtag gepusht und das Management der Tiroler Einheitspartei (TEP) übernommen.
Das ist vielleicht gar nicht so schlimm, denn die Bauern zeigen, wie man sich
politisch, kulturell und in Fragen der Kohle organisieren muss. Neidlos muss
man anerkennen, dass die Landwirtschaftlichen Lehranstalten wahrscheinlich die
besten Einrichtungen sind, die Berufsspezifisches und eben auch politisch
Handfestes der nächsten Generation zur Verfügung stellen. Zur Klugheit des
Bauernstandes gehört es auch, dass er sich fallweise einigelt und ein starkes „Miar“-Gefühl entwickelt, und andererseits bei den „Eis und Enks“ ständig auf die Mitleidstube drückt. „Miar Bauern homms gonz bsunders schwar!“
Als dieser Tage der Eiter- und Antibiotika-Skandal in Tiroler Kuhställen
aufgeflogen ist, wollte man zuerst noch mit Mitleid arbeiten. Also wir
Konsumenten sollten einsehen, dass wir Eiter schlürfen müssen, weil eben die
Landwirtschaft so hart ist. Mittlerweile hat man eingesehen, dass da ganze
Euter von Herzensmilch den Bach hinunter gegangen sind. Die Botschaft ist
katastrophal und lautet: Mir Bauern sind auch verlogen und tun unter den
schönen Worten, was wir wollen! Und die arme Tirolmilch, die sich so um die
Herzen von uns Konsumenten bemüht hat, tut sich plötzlich auch schwer mit ihren
patriotischen Argumenten. Warum soll ich eigentlich ein Eiterjoghurt aus Tirol
löffeln, wenn das berüchtigte Müllerjoghurt billiger, besser und gesünder ist?
Berufsstände, die mit großen Worten und höchster Pseudomoral arbeiten, tun sich
immer besonders schwer, einen Patzer zu erklären. Das haben die Bauern mit den
Lehrern und Pfarrern gemeinsam, denen man dunkle Ränder unter den Fingernägeln
nur mit Mühe verzeiht.
Helmuth
Schönauer 06/01/06
STICHPUNKT
601
Bartenscheck
Minister
sind immer für etwas anderes berühmt, als wofür sie installiert sind. Der
aktuelle Wirtschafts- und Arbeitsminister Bartenstein etwa ist vor allem für
seine Rabataktionen beim Kauf seiner Privatschuhe in die Galerie der
politischen Zeitgeschichte eingegangen. Für das neue Jahr hat er wieder eine
witzige Aktion geplant, damit er im Schaukabinett für verrückte Erfindungen
aufgehängt bleibt. Im Anzug ist der so genannte Bartenscheck.
Da kann sich jemand für Zehneurozwanzig einen Scheck im Nutzwert von zehn Euro
kaufen, um in grammatikalisch richtiger Reihenfolge den Gärtner, die
Heimfriseuse oder das Babysitter damit zu bezahlen. Husch - weg vom Pfusch!
heißt diese Pfuscheraktion. Der Staat lässt dich also nicht einmal beim
Ausgeben deines Geldes in Ruhe, du musst quasi wie früher bei
Lebensmittelkarten zusätzlich noch eine Berechtigung kaufen, damit du das Geld
dann ausgeben darfst. Der Kapitalismus verträgt vor allem eines nicht, dass man
ihn in seiner Währung stört. Geld ist Geld und darf nicht mit zusätzlichem
Ballast wie Soziales, Moral oder Gesinnung verbunden werden. Kapitalismus
heißt, dass ich dort einkaufe, wo es kapitalistisch gesehen am günstigsten ist.
Mit dem Bartenscheck allerdings soll ich zuerst eine
Kafka-Gebühr von zwanzig Cent hinlegen, und dann auch noch den Nachweis für
meine Geldtransaktionen liefern. Ehrlich gesagt, da mag niemand mehr
mitspielen, der das Geld auch nur halbwegs mag. Denn das ist ja das Schöne am
Geld, dass es farb-, geruchs- und gewissenlos ist, selbst wenn das dickste Blut
daran klebt. Wenn schon Gutscheine, dann reine Zeitgutscheine! Damit könnte man
beispielsweise jemandem eine Stunde schenken, die man dann vielleicht nach
öliger Christenlehre im Jenseits gut geschrieben bekommt. Aber Geld mit dem
Faktor Zeitgutschrift und Bürokratie zu verbinden, das ist unmoralisch und im
Sinne des Kapitalismus sogar gottlos!
Helmuth
Schönauer 01/01/06