STICHPUNKT 805

Pfoti-Simulation

Der Triebfahrzeug-Mensch segelt mit uns in der Eleganz der täglichen Trift punktgenau an das Deck Zwo des Innsbrucker Hauptbahnhofs, eine Lady stellt den Bus aus dem Mittelgebirge exakt an der Aussttiegskante ab, der dänische Pilot von Schas-Wings landet trotz Föhn millimetergenau auf der Innsbrucker Landebahn. Warum können diese feinen Berufsmenschen etwas, was die großen Tiere nicht können? Erstens sind sie Menschen, die unter Menschen bleiben wollen. Also wenn sie aus ihren Vehikeln aussteigen, sind sie welche von uns. Zweitens sind sie alle an einem passenden Simulator ausgebildet. Sie haben alle den Weg von der Realität über den Zoom der Simulation zur Realität beibehalten. Anders diese armen Schweine, die für uns kandidieren. Deren Simulator schaut so aus, dass sie ein Grinsen und eine Pfote im Dauerbetrieb trainieren wollen. Niemand von ihnen will wieder in die Realität zurück, keiner von denen ist einer von uns. Manchmal hat jemand das Glück, dass er kotzen kann, wie neulich in Vorarlberg der starke Mann der Abschieber-Partei, manchmal verschluckt sich auch einer und bringt hinter seinem Paternoster-Gesicht keinen Satz mehr hervor, ein dritter hat vielleicht in einem Fehl-Simulator das Botox-Lächeln gelernt und kriegt die Augenbrauen nicht mehr herunter. Wir Volk fordern jedenfalls einen Pfoti-Simulator. Darin wollen wir trainieren, wie wir jenen Leichen da oben die Hand geben, ohne dass diese in ihrer Erstarrung erstarren.

Helmuth Schönauer 06/09/08

 

 

STICHPUNKT 804

Vühlfeder

Die Herbste kommen mit Kastanien und Depression. Kluge Menschen setzen den Urlaub in den Sommer, der durch seine Regenschübe die Hormone herunterfährt und so manches Familienglück rettet. In voller Schiffe finden die Familien endlich zu einander und alle freuen sich auf Schule, Beruf und was eigentlich? Dass das Leben vielleicht doch noch kommt, wenn auch mit einer anderen Regierung? Allmählich kriegen wir die Ausmaße der Vorvor-Regierung mit. Da hat doch glatt eine geriatrisch auf der Flöte spielende Unterrichtsministerin das Bibliothekswesen in Österreich aufgelöst, Lesen ab jetzt auf Krankenschein. Und damit sie ordentlich Spuren hinterlässt, hat sie die gehrersche Rechtschreibreform durchgeführt, ab jetzt ist Vühlfeder zwar ein Fehler, aber richtig. Eine Aufbruchsstimmung kotzt durch das Land. An alle Ecken stehen speib-grün-blaue Wahl-Standeln, an denen die Restfreiwilligen ihre Hufe herunterstehen, weil sie auf die politische Karte setzen. Nehmen wir es von der schönen Seite: Zu Schulbeginn wird die Anzahl der Schüler in den Klassen geringfügig kleiner, weil die Anzahl der Schüler geringfügig kleiner wird. In der Sprache der Politik gibt es daher eine geringfügige Nivellierung nach unten. Dafür wird in der Rechtschreibung das Niveau durch den Vühlfeder-Paragraphen gehoben. Wenn es weniger Schüler bei weniger Rechtschreibung gibt, gibt es eines Tages vielleicht weniger Dodeln, die eine dieser Parteien wählen. – So gesehen ist dieser Herbst eine Weichenstellung ins Leere. Aber die Bäume sind noch im Herbstsaft, solange nicht der graue Bär der Grünen daran wetzt als letztes Armutszeugnis einer Bewegung.

Helmuth Schönauer 05/09/08

 

 

STICHPUNKT 803

Rückzug der Zunge

An der Universität einer provinziell-mittelmäßigen Kleinstadt wird viel über die Zukunft diskutiert, die aber niemand erleben will, zumindest nicht in einer intellektuell fassbaren Form. Sicher wird die Zukunft kommen, und wenn sie Überschwemmungen und Unheil bringt, wird man ihre Schäden aus dem Kulturbudget abfedern, wie bisher. Das Tiroler Kulturbudget gleicht einer Katastrophe, seit man daraus kaputt gegangene Häuser in so kulturell wertvollen Orten wie Pfunds, Pfons und Vazzur speist. Die Nachkommen dieser Kulturpflege mögen ja nie fragen, warum diese Orte so wichtig sind. An dieser Universität, an der kaum wichtige Fragen gestellt werden, gibt es auch das Untergrund-Kompliment an die Ideen-Leitung: „Das Wildeste an dieser Uni ist der Rektor, er unterrichtet nämlich tote Sprachen.“ Im Foyer der Bibliothek stehen seit Jahren zur Nachmittagsschicht zwei Bibliothekare und kommentieren zwischendurch ihre miese Lage, denn im Abendland des Eventes werden die intellektuellen Echtzeiterlebnisse immer rarer. Von den Kollegen händewinkend als Depp-Fixi und Trottel-Foxi bezeichnet, wollen eigentlich alle wissen, was diese zwei Typen besprechen, aber man kann nur über ihre Körpersprache erahnen, was sie denken. Übersetzte Körpersprache: Die Gletscher ziehen sich vom Gebirge zurück, wie sich das Buch vom Leser zurückzieht. Was bleibt, ist im einen Fall das Kar, und im andern der Bibliothe-Kar. Aber die Zunge bleibt? – Die Gletscherzunge lässt in ihrem Rückzug viel Geröll zurück, während die Zunge des Bibliothekars, wenn sie sich zurückzieht, absolute Leere hinterlässt. So ist es auch zu verstehen, dass der Bibliothekar Casanova letztlich durch den Rückzug seiner denkenden Zunge aus diversen Leibern am meisten in der Literaturgeschichte punkten konnte. Alle im Foyer beneiden diese beiden Bibliothekare, die aus ihrem Untergang stündlich Witz formen.

Helmuth Schönauer 19/06/08

 

 

STICHPUNKT 802

Wenn die Unterhose dreimal klingelt

Da war doch letzte Woche etwas. Ach ja, diese Wahlen, wo alle amtierenden Heinis abgewählt worden sind. Aber jetzt, eine Woche später? Niemand von den Bonzen hat den Griff in den Schritt und die Alarmglocke in der Unterwäsche gehört. Alle machen weiter, als wäre kein Trottel zur Wahl gegangen. Einer Polizistin, der die Mütze falsch sitzt, einem Postler, der den Brief quer zustellt, beiden wird sofort ein Disziplinarverfahren angehängt, womöglich mit Stillstand des Dienstverhältnisses. Wenn aber die Mister Staa, Gschwentner und Willi vom Wähler den Auftrag kriegen, leise abzutreten, legt deren Amtsverständnis des Durchsitzens erst so richtig los. Also gegen diese Tiroler Durchhocker ist Stalin geradezu ein Schas in seiner Argumentation, dass er das Volk am besten schützt, indem er es vernichtet.

Die Tiroler Abwatschkanonen schießen durchaus frech auf das Volk, indem sie was von Auftrag, Missverständnis, Einverständnis und dem Jenseits murmeln. Offensichtlich gilt weder weiß wählen, abwählen oder nicht zur Wahl gehen etwas im Vergleich zum Klebstoff, den diese Typen am Hintern haben. Wenn jetzt alle drei abgewählt sind, warum treten sie dann nicht zurück? Soll eines von uns Wahlviechern noch jemals OVP/SPO/GRUNE wählen, wenn deren Gremien sowieso auf unsere Zustimmung scheißen und ihre Bonzen im Sattel sitzen lassen? Gaggy sagen die Kinder zu Dingen, die unerklärbar sind. Hoffentlich kommen in der nächsten Generation viele Gaggy-WählerInnen zu Tage. „Einfach diese geschissene Partie abwählen!“ heißt die Parole. Aber wie? Muss man vielleicht talibanisch nachhelfen?

Helmuth Schönauer 16/06/08

 

 

STICHPUNKT 801

Gemeinde-Stier mit Hormonbremse

Es gibt ihn natürlich nur mehr in Dorferzählungen, den Gemeinde-Stier, der im Laufe eines Vormittags so lange auf diverse Geschlechtsorgane hinaufspringt, bis seine Bewacher und Betreiber müde geworden sind und den Vormittag abbrechen. Der Kapitalismus und die Börse leben von solchen Bullen, die im Laufe eines Vormittages so lange den Geldsack bespringen, bis die Hormone durchgeschüttelt und die Eier leer sind. Einem Bullen der kapitalistischen Art Moral anzudichten oder so etwas wie ‚Verantwortung‘, ist etwa so sinnlos, wie dem Gemeindestier den Bock abzubauen, während er diesen bespringt. Langsam kriegt dieser nimmersatte Managerkapitalismus ein Problem. Nicht nur dass kaum mehr jemand zur Wahl geht, um einen Geldsack zu wählen, der Radikalismus rechts und links nimmt zu, nicht nur in Deutschland. In Tirol sind diese springenden Geld-Tiere etwas kleiner ausgeprägt, aber in ihrer Präpotenz immer anwesend. Wer staunt nicht über einen Möchtegern-Landtagsabgeordneten, der als Wirtschaftskammerpräsident ununterbrochen eine dritte Autobahnspur durch Tirol fordert und selber mit einem Ami-Bock-Schlitten Offroad-Trials bestreitet? Wer kennt nicht den Speck-Oberboss, der mit dänischen Schweinen ständig Tiroler Sprüche klopft und ab und an im Naturschutzgebiet mit seinem Hubschrauber auf Mission ‚Naturpflege‘ erwischt wird? Solchen provinziellen Gemeinde-Stieren hat das Proletariat nur einen Bobfahrer entgegenzuschleudern, der ständig aus den Stauden springt und vor Aufregung keinen Satz zu Ende bringt. Der Kapitalismus ist eine geile Sache, wo du ununterbrochen mit einer Erektion durch die monetären Kanüllen zischen musst. Eine dieser Säue durch Moral zähmen zu wollen ist etwa so pervers, wie einem Imker durch Honiggeruch das Imkern auszutreiben. In Tirol gibt es immer noch eine Anzahl von Börsenmitspielern, die katholisch einwandfrei auftreten und ihre Geschlechtsorgane längst in Erektion gebracht haben wie die echten Bosse in Lichtenstein. ‚Was sollen wir machen, wenns so geil ist?‘ - Ehrlich, auch als Gemeinde-Stier bist du eines kapitalistischen Tages nicht mehr ganz da und kippst aus den eigenen Eiern. Schön für die Eier, sagen dann alle.

Helmuth Schönauer 16/02/08

 

 

STICHPUNKT 706

Schwächelnde Glossitis

Die Provinz ist unbarmherzig zentral. Was immer wir in Tirol denken, die Gedanken sind aus dem Weltzentrum geklaut. Wir wissen freilich nicht, wo dieses Zentrum sitzt. Eine steirische Friseuse macht dir mitten in Innsbruck am Mitterweg einen Weltschnitt, den sie aus dem Internet herunter geladen hat. Eine einheimischer Eisverkäuferin schmiert dir in Hall Kreationen wie Waldviertler Mohneis / Waidhofner Honig auf die Zunge, eine Straßenbahn aus dem Jahre 1962 bleibt einfach stehen, weil sie in Simmering gebaut worden ist.So etwa schaut ein Nachmittag in Innsbruck und Umgebung aus. Eine Glosse ist dazu da, in einem schmalen Streifen am Rande einer Zeitungsseite mit Augenflunkern einen andern Blick auf triviale Ereignisse zu werfen. Die Leser sollten bei einer guten Glosse keine Empfindung haben, sondern bloß zu einem Nicken veranlasst werden. In Tirol machen drei Leute die Glosse. Alois Schöpf schreibt seit 1950 für die Tiroler Tageszeitung, (so called TT) manchmal geht bei ihm das Geburtsdatum mit dem Erscheinungsdatum konform. Die Tiroler Tageszeitung war bei der Geburt Alois Schöpfs übrigens fünf Jahre alt. Heuer hat A. S. das große Keks des Landes Tirol gekriegt, vermutlich weil die Tageszeitung fünf Jahre älter ist als ihr Glossist und weil A.S. das Würdigungsdatum „fünf“ erreicht hat. Die Würdigung ist übrigens kompatibel mit dem Datum der Überreichung am 15. August. Gutes Glossieren nämlich wird zumindest in Tirol verlässlich belohnt, wenn die richtige Ziffern-Konnektion im Würdigungssubjekt drin steckt. Für nächstes Jahr sollten laut Glossengerüchten die Autoren/innen Stefanie Holzer und Walter Klier drankommen. Sie sind immerhin auch bei einem wichtigen Medium wie der TT auftrittig und haben in den letzten beiden Jahren vor allem über Kinder in der verpissten Sandkiste im Umgang mit Hunden und über die Sitzplatzverteilung mit Kindern auf öffentlicher Verkehrsfläche starke Meldungen abgegeben. In debilen Kreisen spricht man bereits von einem gelungenen Tiroler Glossismus.

Helmuth Schönauer 17/10/07

 

 

STICHPUNKT 705

Abseiltag

Ein gleichzeitiger Almauf- und abtrieb ist ein purer Schas gegen jenen Auftrieb, den es am so genannten Seilbahntag gibt. Die hohen Tiere sind dementsprechend geschmückt und begrüßen einander mit dem heftigen Händedruck von Seilbahnpionieren. Im Inneren der Handflächen sind die Rippungen zu sehen, durch welche das Seil läuft, mit dem sie ihre Projekte in die Höhe treiben. Und auch so mancher Satz fällt als selbstbewusster Flüsterer im Sound einer Geheimbotschaft: „Nit lugg lassen, die Berge kean ins, mir kennen bauen, was mir wellen!“ Am diesjährigen Seilbahntag steht das Thema Sicherheit am Podium. Es gibt nämlich allenthalben Schidiebstähle und Schiversicherungsbetrug, und wenn jeder zweite Schifahrer ohne Schier zu Tale fahren muss, weil sie ihm in der Höh gestohlen worden sind, geht am Ende die generelle Seilbahnleistung zurück. Die Presse berichtet über diese Orchideen-Themen der Gesellschaft wie wild, weil sie ständig Freikarten kriegt für die profitable Berichterstattung. Journalisten reißen sich um die Akkreditierung beim Seilbahntag, denn da gibt es zum Buffet Karten für die ganze Verwandtschaft über die komplette Saison. Das Thema Sicherheit könnte man auch einmal bei einem Radlertag zur Sprache bringen, aber diesen Tag gibt es in dieser großen Aufmachung überhaupt nicht. Und weil es nur Pedale zu verschenken gibt, wenn das Thema ansteht, geht auch kein Journalist hin, wenn es um das Radeln geht. Denn wer will schon treten, wenn er akkreditiert ist? Die Grünen, die beim Seilbahntag immer uh! Und ah! Schreien, weil es um die Sicherheit in freier Natur geht, blenden sich selbst beim Radeln aber völlig aus. Wo Radler unterwegs sind, herrscht mittlerweile Lebensgefahr. Keine Seilbahn ist so gefährlich wie ein Radler, der mit dem grünen Mäntelchen wie wild auf den Gehsteigen die Fußgänger verprellt und fallweise niederfährt. Also ihr Grünen! Aufwachen! Der Feind sitzt nicht in der Seilbahnwirtschaft am Berg sondern am Rad auf dem Gehsteig! Macht einen Radlertag zum Thema Sicherheit, und lasst den Gehsteig wieder den Fußgängern. Das wäre die richtige Antwort zum Seilbahntag.

Helmuth Schönauer 16/10/07

 

 

STICHPUNKT 704

Niemand macht mehr gaggi

Da gehst du zitternd die Innpromenade quer durch Tirol hinauf und hinunter, im Gesicht immer den frischen Schiss, ob dich ja auch alle mögen und dich niemand anscheißt. Und es wird gerade in Zeiten der verschifften Sonnwendfeuer eine echte Zitterpartie, denn niemand kotet dich an. Kein Köter weit und breit. Und wer einen so genannten Hund hat, redet inzwischen wie Jesus oder einer seiner Jünger mit dir, während er den Stuhl seines Freundes einsammelt. Manchmal das Glänzen dieses Totalfreundes, ob er dir nicht einen hinten heraus wischen könnte, du aber bist am After stark und sagst nein! Aber nicht nur Innsbruck ist mittlerweile eine Gegend des Paradieses geworden. Ganz Österreich hat im letzten Halbjahr eine Ruhe hingelegt, so dass weder Glossist noch Kabarettist jemals mehr eine Meldung zusammenbringen. Erklärbar ist dies Totalöde vielleicht durch den negativen Grasser-Effekt. Grasser-Bua hat ja oft während des Interviews Gaggi gemacht, ihm ist die Wurst sichtbar in die Kamera hinausgehangen, aber vor dem Mikrophon hat er kitzbühel-steinernplatte-mäßig gegrinst: - Ich bin sauber! Jetzt sagt Voll-Job-Grassi, dass er kein Fernsehen mehr auf sich nimmt, weil ohne ihn ohnehin nichts mehr los ist. Viele haben sich dieser These angeschlossen. Kaum jemand schaut heute noch fern. Es gibt ja auch kaum jemanden mehr, der so wie eine frisch geschissene Wurst lügen kann. Können Sie sich noch an die Gehrerein erinnern? – Mah, das war eine Wurst! Schade, jetzt gibt es oft wochenlang keinen so genannten Stoff mehr in Österreich.

Helmuth Schönauer 21/06/07

 

 

STICHPUNKT 703

Bitte nehmt uns nicht den letzten Sex!

Au, jetzt wird es für die Genitalien knapp. Die Frau Landesrat für Gesundheit will die Prostitution bekämpfen und denkt daran, nach schwedischem Modell jene Freier zu bestrafen, die sich die Entlüftung des männlichen Hauptorgans durch Professionistinnen gönnen. Was heißt gönnen! - Eine Qual ist es, und kein Mann geht freiwillig zu einer Prostituierten, wie auch kein Wähler freiwillig eine Partei wählt. Es ist diese depperte Konstellation von denkenden Hormonen im Körper, die dir einfach in der Früh befiehlt, es zu tun und hinzugehen. Wenn du Glück hast, ist an diesem Tag gerade irgendeine politische Veranstaltung oder der Opernball, so dass du dir dort in der Öffentlichkeit die Hormone ausschütteln lassen kannst. Wenn nichts ist, und das ist in der Provinz häufig der Fall, dann hilft eben an diesen bescheuerten Tagen nur eine Professionistin. Wir Männer appellieren also an die Frau Landesrätin: „Bitte nimm uns nicht unseren letzten Sex!“ Die Landesrätin ist, was diese unglücklichen Konstellationen betrifft, sehr verständnisvoll. Dass sie als alleinerziehende Mutter ihr Kind groß gezogen hat, hat Tausenden Frauen im verklemmten Hinterland der diversen Bezirke Auftrieb gegeben. Dass die heile Familie in der Sonntagsrede was anders ist, als unter der Woche, hat sie am eigenen Leib verspüren müssen. Als Ärztin weiß sie, dass wir Männer durchdrehen, wenn wir nicht den notdürftigsten Sex bekommen. Schon aus medizinischen Gründen wird sie hoffentlich dafür sorgen, dass die Rohre klinisch sauber und moralisch einwandfrei entleert werden können. Wer nämlich den Männern das Trinken und das Vögeln nimmt, muss mit einem flächendeckenden Untergang des Landes rechnen.

Helmuth Schönauer 16/02/07

 

 

STICHPUNKT 702

Verkotet

Wer mit einer schmutzigen Linse den Raum betritt, hat eine schmutzige Sicht. – Bereits in der ersten Stunde des Journalismus lernt man, dass man die Linse putzen soll, ehe man filmt, zoomt oder sonst etwas Informatives macht. In den jüngsten Tagen wird in Österreichs Medien immer die Schmutzlinse aufgesetzt, weil das unausgesprochene Thema lautet: Kind im Dreck, Wohlfahrt in der Warteschlange, Eltern im Dreck. Jeden Tag gibt es mittelweile aus jedem Bezirk einen Bericht über eine Wohnung, die verkotet ist. Haha, als ob das nicht immer schon so gewesen sei. Natürlich läuft ein sozial geschichteter Knigge ab, welcher in der Oberschicht durch die Nase ausbläst, was sauber ist und was nicht, in der Mitte hygienische Parameter festlegt, wann selbst das bloße Wohnen in dieser Gesellschaft gefährlich ist, und unten den bloßen Dreck in der Wohnung vorfindet und zu einem Österreichbild macht. In den Berichten über verkotete Wohnungen spielen immer Kinder eine Rolle, die von Psychologen gerettet und in Wohlgefallen aufgefangen werden. So nebensächlich fallen immer Wörter wie Kot, Hunde, Katzen, unhygienisch. Da zwei Hauptgruppen von Kotliebhabern, nämlich Eltern und Tierliebhaber bedient werden müssen, löst man in der öffentlichen Darstellung das Problem psychologisch: - Wenn etwas stinkt, hole einen Psychologen. Kinder sind immer im Dreck, wenn Tiere in der Nähe sind, aber erwähne die Tiere nicht! Dein Medienschicksal ist von der Postleitzahl abhängig, wenn noch kein Bericht aus deinem Bezirk dran war, kann es leicht sein, dass sie in zwei Stunden bei dir läuten und deinen Kot filmen, ob du einen hast oder nicht.

Helmuth Schönauer 16/02/07

 

 

STICHPUNKT 701

Waggerl-Universität

Österreich ist auch ohne Schnee total gut aufgestellt, wie das in der wirtschaftlichen Wohlfühlsprache heißt. Jetzt kommen im Stundentakt die aktuellen europäischen Statistiken über das vergangene Jahr zum Vorschein, und Österreich ist überall spitze. Beim Alkoholkonsum, bei der Brauereidichte, beim Suizid, was Häufigkeit und Intelligenz der Durchführung betrifft. Der bekannteste Österreicher ist Gouverneur von Kalifornien, er schaut seinerseits durch Bestätigung von Todesurteilen, dass alles spitze ist. Und der reichste Österreicher ist ein Dosenfabrikant, der in diese Unnützsprudel abfüllt, damit die Dosen nicht von alleine abheben. Einen kleinen Schönheitsfehler, wenn man einmal vom Gesicht des gegenwärtigen Bundeskanzlers absieht, hat Österreich freilich noch: Es hat keine Elite-Uni, oder zumindest noch keinen Namen dafür, was als Elite-Uni aufgestellt werden soll. Auf dem Gelände der ehemaligen Nervenklinik Gugging sollen bald nervenstarke Professoren auf Englisch unterrichten und im Topbereich abcashen. Was und wie gelehrt wird, ist bei einer Elite-Universität ohnehin sekundär. Das wichtigste freilich ist ein hinreißender Name. Nachdem sich die Erben des legendären Aussteiger-Philosophen Ludwig Wittgenstein weigern, den Namen für eine Nervenklinik herzugeben, steht die Uni wirklich nackt und deppert und ohne Namen da. Gehrer-Universität, was ja das Logischste für diesen Unfug wäre, kann man diese Uni nicht nennen, weil dieser Name mit einer unglücklichen Rechtschreibreform und dem schrägen Motto „Pudern statt Party!“ auf ziemlich lange Zeit negativ besetzt ist. Jetzt geht es also darum, einen unbestritten schlichten, österreichischen, intellektuell wackeligen Typen zu finden, der der österreichischen Elite-Universität einen zünftigen Namen gibt. Österreichkenner plädieren für Karl Heinrich Waggerl (KHW), aufregend blöder kann niemand einen Namen mit so viel österreichischer Seele spenden! Und mehr als eine Adventgeschichte mit Krippenschau wird die Eliteuniversität in Gugging ohnehin nicht sein.

Helmuth Schönauer 22/01/07

 

 

STICHPUNKT 623

Doktor Minimundus

Wenn man sich mit Google-Earth in die Karawanken zoomt, taucht jäh der Wörther See auf und man sieht an seinem Ufer vom Weltraum aus Leute jammern. Wo das Jammergeschrei besonders groß ist, liegt auf dem Gelände von Minimundus die Universität. Einst als Freizeitarena für badende Forscher errichtet, ist diese Universität in kultureller Randlage für jene Studenten interessant, die zwar nicht in ein exotisches Land übersiedeln aber doch in einem solchen studieren wollen. Obwohl es in der Wissenschaft scheinbar objektiv zugeht, nützt einem in der akademischen Welt die beste Wissenschaft nichts, wenn man nicht mit einem ordentlichen akademischen Fettpolster ausgestattet ist. Zu diesem Fettpolster gehört das gegenseitige Hofieren in näselndem Ton, aus Ausbremsen von Konkurrenten, das Überholen von Mitbewerbern über die Abkürzung diverser Darmschlingen und das kundige Bewohnen der akademischen Welt. Diese hat mit der übrigen Welt kaum etwas zu tun, weshalb man sich als intellektueller Mensch noch zu Lebzeiten entscheiden muss, ob man in der akademischen oder in der realen Welt leben möchte. An die Universität Klagenfurt wurden Jahrzehntelang offensichtlich Menschen gespült, die mit der realen Welt nichts zu tun haben wollten und sich der reinen Akademitis hingaben. Wer sonst nirgendwo unterkam, ergatterte immer noch eine kleine Professur in Klagenfurt, wer es als Student schnell und billig zu einem akademischen Grad bringen wollte, inskribierte an der Sonnenuniversität am Wörthersee. Jetzt sind allerhand dieser Schnellstudien ins Gerede gekommen. Nicht nur, dass man an der Klagenfurter Uni stets denkt, was andere denken, man schreibt auch hemmungslos diese Gedanken ab. Fast jede zweite so genannte wissenschaftliche Arbeit soll abgeschrieben sein, heißt es grüchtehalber. Wenn die Klagenfurter klug sind, machen sie daraus einen eigenen Forschungszweig. Wer das Studium auf diese Art rasch absolviert, sollte sich Doktor Minimundus (Dr. min) nennen dürfen.

Helmuth Schönauer 15/11/06

 

 

STICHPUNKT 622

Amadeus Kotzart

Das Jahr 2006 wird als das Jahr der Apathie eingehen, wenn nicht im letzten Quartal noch halbwegs was passiert. Politisch ist das Land sowieso im Koma. Die einzigen, die so tun, als ob Wahlen wären, sind die paar hysterischen Abgeordneten, die um ihre Sessel fürchten. Denn bei so einem blöden Volk wie dem Österreichischen weiß man nie, wie man dran ist. Plötzlich siehst du Landesrätinnen und –räte auf der Kreuzung Arschfolder verteilen. Aber du bist schon in Apathie. Immer, wenn du dich an eine ihrer Abteilungen gewandt hast, haben sie dir den Stinkefinger oder den Schmecks gezeigt, jetzt bist du apathisch gegenüber all diesen wahlwerbenden Arschlöchern und Österreich ist schön. Apathie ist auch in der Musik nötig, seit irgendein Konzert-Konzern das Mozartjahr ausgerufen hat. Jeden Tag Mozart in allen Stellungen, selbst beim Scheißen kommt dir hinten schon der Mozart heraus, da hilft nur mehr die generelle Apathie. Ab und zu fließt noch ein Hörfragment ans Ohr, weil du den Sender nicht schnell genug hast wechseln können, und diese paar Töne eines Symphonie-Kotzertes sagen dir, diese Musik ist tot, nachdem sie heuer alle tot gemacht hat. Es wird Jahre brauchen, bis die Menschen wieder aus diesem Koma erwachen. Ich will nicht mehr aufwachen, ich tauche den Rest des Lebens durch Österreich durch. Ich drehe die Hörfunksender ab, damit ich dem Mozart auskomme, ich drehe den Fernseher ab, damit ich die Arschgesichter nicht sehen muss. Wenn ich einen Hund scheißen sehe, denke ich mir, es ist ein Politiker, wenn ich einen Schnellkotzer an der Gehsteigkante würgen sehe, denke ich mir, es ist Mozart, der noch rasch eine Symphonie auskotzt. Und irgendwann wird dieses apathische Jahr doch wohl zu Ende gehen.

Helmuth Schönauer 26/09/06

 

 

STICHPUNKT 621

Tret-Willi

Präpotenz ist nicht nur was Schönes, sondern auch was Nützliches. Der Präpotentzanwender kann nämlich dabei so richtig die Sau heraus lassen und der Präpotenzbeobachter kann sich glücklich fühlen, dass er kein so ein präpotentes Schwein sein muss wir jenes, das er gerade beobachtet. Ein gutes Präpotenzmittel ist das Dienstauto, mit dem es sich zu jeder Tageszeit gut sichtbar irgendwo vorfahren lässt. Besonders aufregend sind die getönten Scheiben, wenn man als Passant zuerst raten muss, welche gigantische Nudel da anrollt. Und beim Aussteigen zieht sich dann das Flüstern durch die Fleischkäsgasse: - Ah, das ist der Gefönte, ah das ist die Matratzentussi, ah, das ist der wahnsinnig tolle Politiker vom Wahlplakat gegenüber. Die Grünen, ursprünglich Gegner von Dienstkarossen, haben mittlerweile das schöne Spiel der Präpotenz gelernt und üben es auch mit Hingabe aus. Freilich verwenden sie dazu jeweils das Fahrrad, mit dem sie auf dem Gehsteig dem blöden Fußvolk so auf die Pelle rücken, dass dieses seinerseits auf die Fahrbahn springen muss. Denn in ihrer Ideologie sind die Grünen pure Anhänger des Darwinismus, der jeweils Höhere in der Verkehrskette frisst den Niedrigeren. So hat dieser Tage der Landtagsabgeordnete Georg Willi wieder einmal große Bewunderung ausgelöst, als er mit seinem Dienstfahrrad mitten in Innsbruck gegen die Einbahn und auf dem Gehsteig in eine spazierende Fußgängertruppe geradelt ist, denn auch am Fahrrad lässt sich herrlich diese Präpotenz ausüben. Das ist der Unterschied zwischen den Grünen und den anderen Parteien. Während die flotten Karosseriebenützer darüber streiten, ob sich nicht auch im Stadtgebiet ein Hunderter ausgeht, scheuchen die Grünen mit ihren Fahrrädern die Fußgänger vom Gehsteig herunter, damit wenigstens genug Futter zum Überfahren da ist, wenn die Karossen durch die Städte brausen.

Helmuth Schönauer 04/09/06

 

 

STICHPUNKT 620

Die neue Penis

Seit es die neue Penis gibt, können endlich die Tiroler jene Wörter ungeniert und in voller Zipfellänge aussprechen, die sie früher hinunterschlucken mussten. Offiziell heißt die Zeitung ja „Die Neue“, aber jeder spricht mittlerweile von der neuen Penis, denn in der Neuen ist jeden Tag ein sexuelles Highlight abgedruckt. Dabei geht die Erfolgszeitung immer im Dreierschritt vor. Erster Schritt: Irgendwo in einem hinteren Winkel dieser Erde passiert etwas sexuell Ungeheueres. Zweiter Schritt: Eine Tiroler Person, der fast schon etwas Ähnliches passiert ist, kommt zu Wort. Dritter Schritt: Ein Arzt oder Wissenschaftler rückt die Ungeheuerlichkeiten wieder ins rechte Lot. Da wird am ersten Tag einmal eine Frau in England ausgeforscht, die eine Vibrationsstörung hat. Immer, wenn sie Rolltreppe fährt, widerfährt ihr ein Orgasmus. Am nächsten Tag erzählt eine Tirolerin, dass sie am Bahnhof knapp an einem Orgasmus vorbei geschremmt ist, aber dennoch nicht auf die Rolltreppe verzichten musste. Am dritten Tag schließlich erklärt ein Sexualwissenschaftler, dass es bei eins zu einer Milliarde möglich ist, dass eine Rolltreppe einen Orgasmus auslöst. Ähnlich geil werden Themen vorgestellt wie: Erektionsstörung am After, Penisverkrümmung bei Tageslicht, Potenzstörung beim Mikroskopieren, Genitalien im Rasenmäher, Krämpfe in der Sauna. Die Tiroler sind hellauf begeistert von diesen Storys, an manchen Tagen glauben sie es gar nicht, was man mit so einem mickrigen Ding wie einem Geschlechtsorgan für tolle Abenteuer anstellen kann. Und auch politische Aussagen, Reiseplanungen, Sommerinterviews mit Landespolitikern, Geschäftsanbahnungen oder Wetterberichte werden nach dem Modell Penis total in der Neuen aufgerissen. Für ganz Schnelle gibt es mittlerweile die Pendlerzeitung „Neue express“, im Volksmund folgerichtig Penisexpress genannt.

Helmuth Schönauer 08/08/06

 

 

STICHPUNKT 619

Der Spion, der aus der Uni kam

Ah, waren das Zeiten, als die Kinder noch Spione werden wollten. Mit Zitronensaft wurden Nachrichten geschrieben und über einem Kerzenflämmchen dechiffriert. Gleich hinter der Sandkiste schaute man auf kleine Hundstrümmerl, ob sie eine Botschaft darstellten, und die Treffpunkte mit anderen Kinderspionen waren so öffentlich, dass sie schon wieder geheim waren. Aber niemand fragte, wo denn diese Spione ausgebildet werden. Nun, heute wissen wir, dass Spione manchmal auch ganz offiziell an der Uni unterrichten. Dieser Tage wurde so ein Giga-Spion standesgemäß am Flughafen verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Der Lehrmeister soll Metallurgisches unterrichtet und anschließend an Russland verraten haben. An dieser Stelle müssen wir stutzen. Denn wie kann man etwas, was man unterrichtet, gleichzeitig spionagemäßig verraten? Besteht nicht der Sinn der Lehre darin, dass nach deren Verbreitung alle davon wissen? Liegt nicht die Aufgabe einer Universität darin, dass das allumfassende Wissen für die Allgemeinheit zugänglich gemacht wird? Hier tun sich durch die Privatisierung der Universitäten neue Wissens-Tabus auf. Also man holt sich als öffentliche Uni einen Professor aus einem metallurgischen Topbetrieb, der letztlich nur geheime Sachen forscht. Was erwartet man sich von so einem Geheimforscher? Dass er für die Studenten am Vormittag mit dem Bunsenbrenner Binsenweisheiten unterrichtet und am Nachmittag für seinen Geheimbetrieb topsecret forscht? Und wenn dieses arme Forscherschwein dann etwas verwechselt, wird dann gleich ein Spion aus ihm? Was ist das für ein Wissen, das da gelehrt wird? Gibt es folglich ein Zweiklassenwissen, ein etwas seichteres, dümmeres für die Studenten, deren Sinn ausschließlich darin besteht, dass sie durch dummes Studieren den Arbeitsmarkt entlasten, und ein echtes, spionagetaugliches, mit dem man Geld verdienen kann? Dieser so genannte Spion, der von der Uni kam, ist wie alle Spione ein Kind seiner Zeit. Mittlerweile werden keine Staatsgeheimnisse mehr verraten, sondern Wirtschaftsgeheimnisse. Einen guten Professor erkennt man künftig daran, dass er auch ein guter Spion sein könnte. Undenkbar, dass etwa ein Germanistikprofessor zur Spionage fähig sein könnte. Was sollte er auch ausspionieren? Dass der Dichter Georg Trakl an jedem Fuß fünf Zehen hatte und dennoch Vierzeiler schrieb?

Helmuth Schönauer 07/08/06

 

 

STICHPUNKT 618

Tussig

Provinz erkennt man verlässlich daran, dass das falsche Besteck gewählt wird. Also wenn beispielsweise jemand „foin“ mit einem Silberlöffelchen einen Knödel zerlegt, hat man es mit einem Fachmann der Provinz zu tun. Prinzipiell gilt die Regel, dass in der Provinz jedes Instrument, das feiner als eine Lawinenschaufel ist, deplaziert ist. Denn mehr als Geröll und Lawinen gibt es in der Provinz nicht zu verschaufeln. In der Kultur wird dabei meist mit urban-intellektuellen Überlegungen über rural-authentische Ereignisse berichtet, damit es etwas Besonderes wird. Generell hofft jeder Kulturberichterstatter, dass das Zeugs, das er da geschrieben hat, entweder nicht gelesen oder nicht als Kulturbeitrag erkannt wird. In der Innsbrucker Gratiszeitung Tip hat sich das Genre dieser provinziellen Kulturberichterstattung mustergültig eingenistet. Sie dient in der Hauptsache dazu, dass oben auf der Markierungsleiste das Wort Buch oder Szenario untergebracht werden kann. So dürfen auch alle irgendwas rezensieren, wenn es „tussig“ genug ist.

Kriterien für eine tussige Rezension sind:

# Hinweis auf das Preis- Leistungsverhältnis des Buches, das Buch wird mit der Schnäppchenkeule erschlagen: „Der Ladenpreis scheint aber ein wenig gewagt.“

# Der Rezensent mokiert sich über den Verlag und seine Größe, wie man am Pissoir den Penis des Nachbarn begutachtet: „schmales Bändchen, kleinformatige Reihe“

# Der Autor kommt schlecht weg, indem man ihn schlicht und unbedeutend macht: „Schlicht und präzise erzählt X, manchmal zu schlicht, allerdings auch ohne Aufregung.“

# Der Leser ist ein Mann von Welt und muss sich leider in der Provinz kurz aufhalten: „Leider bietet das Bändchen nicht mehr Lesestoff als gerade soviel Zeit, wie man auf den nächsten Zug wartet.“

So lange mit dem Silberlöffelchen aus dem literarischen Weltkaffeehaus in der urgewaltigen Lawine der archaischen Provinzliteratur herumgestochert wird, wird man sicher keine verschütteten Leser damit ausbuddeln können.

Helmuth Schönauer 26/06/06

 

 

STICHPUNKT 617

Happy Pudel to You!

Seit der ORF ein öffentlich rechtlicher Parteifunk geworden ist, tut man sich bei der Auswahl des Abendprogramms wieder leicht. Nicht nur alphabetisch sondern auch inhaltlich in Top-Position bietet sich ATV an. Dieser Sender macht mittlerweile das, wozu eigentlich der ORF da wäre - er informiert witzig, hinterfotzig und mit hochgezogenen Mundwinkeln. Ab und zu saust ein schwarzer Hund über den Screen, ein Zeichen, dass man den richtigen Kanal hat. Die Reportagen des Pudelsenders haben es in sich. Mal gibt es Nutten in Stadtrandlage, Polizisten im Nachteinsatz, Psychotherapeuten bei österreichischen Wahnsinnigen oder wahnsinnigen Österreichern. Und dieser Tage machte sich der Sender mit dem Hund ein schönes Geburtstagsgeschenk, indem er eine Reportage über Schoßmenschen machte, die irgendwie auf den Hund gekommen sind. Am Höhepunkt der Dokufiktion über närrische Hunde hat ein Pudel Geburtstag. Er wird gebadet, gefönt und gestriegelt. Weil es gerade wie geschissen regnet, wird er auch noch von der Herrin zur Geburtstagsparty getragen. Auf der Hundeparty gibt es sodann einen Giga-Knochen aus Faschiertem, Hundedecken und Hundespielzeug. Die Hunde pissen ein wenig und stimmen ein Ständchen an, als die Hundebesitzerinnen stolz ihre Lieblinge bewundern und in einer mimischen Einlage ihren Liebling nachmachen. Während man diesem Affenzirkus zusieht und sich wundert, warum es so dramatisch beschissen zugeht, tauchen die Hinterbilder auf. Diese Pudelparty ist letztlich nichts anderes als eine Nachäffung einer Kinderparty. Schreiende und halb angeschissene Kleinkinder tummeln sich auf einer Babyparty, es gibt eine Torte aus Milupa, die Kleinstkids kläffen und wauwauen, die alleinerziehenden Mütter unterhalten sich mit dem adretten Quotenalleinerzieher. Die Produzenten dieser urigen Kids sehen in allen Bewegungen und Gesichtszügen die eigenen Antlitze und Gebärden. Und über allem schwebt die Lebensweisheit des Tages: Wenn schon das Leben keinen Sinn macht, macht es doch starken Sinn, die Reproduktion des eigenen Lebens in Gestalt von aufgepudelten Kindern zu feiern.

Helmuth Schönauer 19/06/06

 

 

STICHPUNKT 616

Leichnamssex

Der witzigste Feiertag im Kirchenjahr ist sicher der Fronleichnamstag. Allein schon der Name ist ein Spektakel, klingt nach „Frohe Leiche“, wo man wie in New Orleans vor der Überschwemmung mit Blasorchester tanzend, klatschend hüpfend ein Begräbnis abfeiert. In der offiziellen Innsbrucker Kulturszene ist ja nichts deppert genug, was nicht für ein Festival ausgeschlachtet werden könnte. So finden heuer tatsächlich Fronleichnam-Festspiele statt. Weltbekannte Stars geben dabei im Congress eine Leiche ab, indem sie offensichtlich totes Zeug singen und dabei fröhlich sind. Ziemlich geschissenes Programm, das da unter dem Titel „Prozession durch die Musikgeschichte“ ablaufen soll. Nächstes Jahr will man dieses erbärmliche Fronleichnamsfestival dann auch auf das Landestheater ausdehnen, wo ja bekanntermaßen die besten kulturellen Leichen auf die Bühne gestellt werden. Der geile Höhepunkt findet auch heuer wieder naturgemäß vor dem Museum Ferdinandeum statt. Während drinnen kümmerliche Zipfel und zerfranste Reizwäsche aus viertausend Jahren (so lange schon gibt es den Sex von hinten!) ausgestellt werden, zelebriert draußen an einem Spontan-Altärchen die frisch gewadelte, gewixte und gepuffte Fronleichnamskompanie den katholisch einwandfreien Umzug. Das Sexschildchen zur Museumsausstellung wird während der göttlichen Darbietung verhüllt oder abgehängt, damit es keine Erregung gibt. Die Schützen nehmen an diesem Tag ohnehin Antiviagra, damit sie während der Prozession keinen Steifen kriegen. Frommleichnam in Tirol ist eine große Gaudi, es ist alles sehr verlogen und schaut aus wie ein Fronleichnamsstudel, in den man zuerst die kulturellen Rossäpfel wickelt und dann verspeist.

Helmuth Schönauer 14/06/06

 

 

STICHPUNKT 615

Dranbleiben

Der moderne Journalismus ist provinziell und daher ist auch der provinzielle Journalismus modern. So gesehen herrscht in Tirol immer Weltniveau, was die Nachrichtenlage betrifft. Gab es früher einmal ein Ereignis, das den Journalismus auslöste und auf Touren brachte, so bringt heute der Journalismus die Ereignisse auf Touren. Im klassischen Fall sitzt also die Redaktion beisammen und erfindet ein Thema. Finanzminister mit Glasperlenspiel zum Beispiel. Jetzt braucht es nur noch einen Tirolbezug, der ja in Gestalt einer alten Bauernhofhülle ohne Bauernhaus drin gegeben ist. Am Abend schreibt die Redaktion eine Geschichte, worin die Wörter Finanzminister, Möchtegerntiroler, Glasschmuckdynastie und Bauernhof vorkommen. Das sind übrigens die Lieblingswörter der Tiroler, weshalb diese Nachricht sofort zu einer Lieblingsnachricht für ganz Tirol wird. Anderntags erscheint diese Nachricht in Gestalt einer patriotischen Einheitszeitung, für die etwas schmalbrüstigeren Hirne gibt es diese Nachricht auch noch als Kleinformat. Schon am Vormittag untersucht ein Meinungsforschungsinstitut, wie die Nachricht ankommt. Wenn die Leute zufrieden sind, wird die magische Parole ausgegeben: Dranbleiben! Jetzt wird im Halbtagesrhythmus befragt und drangeblieben. Nach etwa drei Wochen zeigt die Nachricht erste Ermüdungserscheinungen, das heißt, ab und zu sagt jemand, dass er jetzt mehr Tiwag statt Finanzminister möchte. So macht die Redaktion jetzt eine Nachricht mit den Ekelwörtern Tiwag, Bruno, Stausee und Atomstrom. Das Spiel wiederholt sich mit anderen Wörtern. Das Meinungsinstitut befragt und die Redaktion bleibt dran. Weil das Wort Bruno von der Tiwag her so böse aufgenommen worden ist, beschließt man, aus Bruno etwas Nettes zu machen. Brumms, da rennt ein Bär durch die Gegend und heißt Bruno. Jetzt heißt es dranbleiben, denn der Bär ist sehr flott unterwegs. Undsofort. Man sollte unbedingt auch an der Psychiatrie in Lienz dranbleiben. Die neuen Lokomotiven in Osttirol sind gelb wie früher die Irrenhäuser. Kann bitte jemand dranbleiben und eine schöne Nachricht daraus machen?

Helmuth Schönauer 02/06/06

 

 

STICHPUNKT 614

Gender-Lyrik

Die Welt im Kopf ist selbst gemacht und daher immer ungerecht. Besonders die Gender-Diskussion zeigt Tag für Tag zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten. Beispielsweise fahren zu manchen Zeiten mehr Männer auf der Autobahn, an anderen Stoßzeiten mehr Frauen. Hier sollte man unbedingt beim Bemauten ein System entwickeln, wonach stets gleich viel Männer wie Frauen auf der Autobahn sind. Also musst du als Mann beispielsweise an einem Schranken so lange warten, bis die passende Frau aufgefahren ist, erst dann kannst die auf die Beschleunigungsspur. Oder diese ewige Ungerechtigkeit an den Kassen. Warum gibt es keine Männerkasse, wo ein Mann umständlich kassiert, bis den wartenden Männern der Kragen platzt. Ok, und die Lyrik erst, da gibt es fast nur Männer, die diese großartigen Werke verfassen, die ohnehin niemand zu Lebzeiten liest. Aber jetzt soll es wieder einmal eine Spur gerechter werden, es gibt einen Wettbewerb, wo weibliche Lyrics gefördert wird. Also Frauen, dichtet und erkundet die Welt! Es wird herzergreifende Texte geben, Gerechtigkeit wird eingefordert werden, alle werden nicken. Am Schluss gibt es sicher eine Anthologie, wie bei solchen Anlässen üblich. Als Leser ist mir das alles wurscht, so lange ich nicht nach dem Gender-Quotienten lesen muss. Also im Worst-Case darf ich nur ein Männergedicht lesen, wenn ich auch ein weibliches dazu nehme. In der Buchhandlung darf ich nur ein männliches Buch meiner Wahl kaufen, wenn ich als Doppelpack auch ein weibliches nehme. Und bei den Bibliotheken muß ich vielleicht auch immer einen Gender-Dummy mitnehmen, damit die Quote stimmt. Bei Literaturverbänden und literarischen Veranstaltungen hat diese komische Sitte schon um sich gegriffen, da muß zuerst die Quote stimmen, ehe dann die Literatur zu Wort kommen darf. Den Verweigerinnen und Verweigerern dieser Gerechtigkeitsrituale ist es egal, ob Mandl oder Weibl an der Texttastatur gehockt sind. Wenn es nur mehr um das Geschlecht und nicht mehr um die Substanz geht, dann geht man einfach lyriklos von dannen und legt sich einen Lyric von Elvis auf. Love me gender, was so viel wie „leck mich“ heißt.

Helmuth Schönauer 08/05/06

 

 

STICHPUNKT 613

Zu gescheit

Die Wahrheit sitzt oft wie Fliegendreck zwischen den glatten Fliesen schöner Worte. So hören wir etwa Tag und Nacht von der schönen Dolomitenstadt Lienz, dass dort geklaute Egger-Lienz-Bilder mit frohem Herzen restituiert werden, die saftigsten Männerärsche vor der Kamera zum permanenten Dolomitenmann heranreifen und überhaupt das Klima herzergreifend sonnig und schön ist. Die Wahrheit aber sitzt zwischen diesen polierten Bildern und besagt: - Im Bezirk Osttirol herrscht eine Stimmung, dass darin nicht einmal Psychiater ihre Stunden absitzen möchten. Wie ist es sonst zu erklären, dass sie Osttiroler ums Verrecken nicht ihre Psychiatrie voll kriegen? Hängt es damit zusammen, dass man wie in Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Physiker“ letztlich nie sagen kann, who ist who in der Anstalt? Wer ist Patient und wer ist Primar? Haben die Welt erfahrenen Psychiater Angst, von den Osttiroler Schlitzohren für deppert gehalten zu werden, wenn sie sich mit ihren Kranken zu lange beschäftigen? Oder ist Lienz einfach der Inbegriff für tote Hose, Ende, Liegebett, Psychiatrie! Seit einigen Jahren nämlich bemüht man sich, dem Krankenhaus Lienz eine psychiatrische Station einzuverleiben. Aber siehe, niemand will diese Krankenstation führen. Ein wenig lässt dieses psychiatrische Vakuum darauf schließen, wie Osttiroler manchmal ticken. Als der Schriftsteller Johannes E. Trojer einmal schmunzelte, dass am Abend vom Friedhof aus betrachtet alle Haushalte den gleichen Schatten der Zeit im Bild in ihren Wohnzimmern schimmern hätten, und Hell Dunkel jeweils synchron in allen Haushalten wechselten, meinte ein Orts-Insasse: „Lehra, tua nit bled vom Friedhof aufs Dorf schauen, sondern selber mitschauen.“ Eine andere Überlebensweisheit der Osttiroler lautet: „Gescheit ist gescheit, aber zu gscheit ist nimma gescheit.“ So gesehen ist es sicher übergescheit, wenn sich kein Psychiater für die Psychiatrie in Lienz finden lässt.

Helmuth Schönauer 02/05/06

 

 

STICHPUNKT 612

Wenn Schwänze rechnen

Tiroler können sich keine Babys mehr leisten! - Der Aufreißer dieser Tage ist ziemlich intellektuell, weil er an die Rechenkünste der Geschlechtsorgane appelliert, und die können bekanntlich überall auf der Welt schlecht rechnen. Oder gibt es etwa eine Rechenolympiade für Schwänze und Eierstöcke? Dabei sind die Zahlen wie immer beim Rechnen sehr läppisch. Ein Kind kostet im Jahr 5000 Euro und bleibt im Tiroler Durchschnitt 30 Jahre lang auf deiner Geldtasche sitzen. Ist so ein Kind einmal in die Nähe deiner Geldtasche gekommen und hat Witterung aufgenommen, kannst du dich weder von ihm scheiden lassen noch es auf den Adoptionsstrich schicken. Du zahlst also pro Kind 150.000 Euro, wenn du mit dem Schwanz rechnest und nicht mit dem Hirn! So versteht man auch den Tipp von Börsianern: Sex in der Ehe ist die teuerste Form von Sex! Schon um die Hälfte dessen, was so Ehesex kostet, kriegst du sowohl als Mann als auch als Frau wirklich guten Sex und mußt mit dem Partner nicht einmal zusammen leben. Immer mehr Tiroler fangen offensichtlich zu rechnen an, was auf eine Restintelligenz schließen läßt. Wenn du dir absolut nichts mehr leisten kannst außer einem Baby, dann läßt du das Baby sausen, denken sich immer mehr Patrioten und verstopfen ihre Geschlechtsorgane mit mehr oder weniger Lust killenden Apparaturen. Denn die Gesellschaft braucht dein Baby nur für kurze Augenblicke, etwas für die Statistik, für die Lehrer, damit diese was zum Unterrichten haben, und für die Stellungskommission, damit sie ein paar Trottel zum Grenzeinsatz im Burgenland haben. Die restliche Zeit werden die Eltern mit ihren Kindern aber schon völlig allein gelassen. Nur die Wirtschaft schaut ab und zu vorbei, dreht den Kids etwa einen schweineteuren Handyvertrag an, den dann erst wieder die Eltern ausbaden können. Es wird Zeit, dass die Tiroler mit den Schwänzen zu rechnen anfangen.

Helmuth Schönauer 15/04/06

 

 

STICHPUNKT 611

Adelsohren

An Sonntagen hängen im ganzen Alpenland die Nachrichten sehr tief und du erfährst in den Mistblättern jene Wahrheit, die etwa hundshoch ist. Es ist eine verlässliche Freude, die diese kleinen Blätter für die kleinen Leute in idealer Zugriffshöhe ausgehängt haben. Da wo etwa in der Osterwoche bei den Kruzifixen die unteren Nägel herausstehen, da hängen diese Schatzkästlein der freien Information. Heute ist exclusiv in dem kleinen Mistblatt mit der Krone eine kleine Nachricht drin von der Rückgabe eines Drakula Schlosses an einen weit entfernten Sperma-Ableger der Habsburger Dynastie. Rumänien will damit bei der EU punkten, denn die EU schaut vor allem, dass alle Adeligen wieder ihre Schlösser kriegen. Dieses kleine Rückgabe-Schloss in Rumänien wurde übrigens den Habsburgern vom Volk geschenkt, wie es süffisant heißt. Wenn also zwei Nachfahren von damals heute in der EU aufeinander treffen, schlägt wie beim Kartenspiel der Adelige Ober den Volks-Unter. Aber irgendwie ist diese Restauration des Adels verständlich, ganz Russland baut die Zarenpaläste wieder auf, weil man damit Tourismus machen kann, der neue Papst empfängt den alten Otto von der ewig jungen Habsburger-Samenbank. Wir brauchen den Adel für unsre Sehnsüchte. Stell dir vor, die Gewerkschaftsheinis müßten unsre Sehnsüchte stillen. Also wir müßten in die BAWAG-Wohnung des ehemaligen Gewerkschaftspräsidenten pilgern, um uns echte Arbeiterkultur mit Spiegel und Schwimmbad anzuschauen, oder auf den Golfplatz, um mit dem ehemaligen Arbeiterbanker ein Ei ins Loch zu putten. Also da haben wir lieber die Habsburger, ehrlich. Und wenn wir uns schon keinen Windsor mit abstehenden Ohren leisten können, nehmen wir eben einen leicht vertrottelten Karli oder Franz Ferdinand. Das Rechtschreibprogramm empfiehlt übrigens statt Habsburger regelmäßig Hamburger, was ja passt, die ganze Monarchie heute ist eine einzige Fastfood-Kette von großen Orden, großen Ohren und großen Schlössern.

Helmuth Schönauer 09/04/06

 

 

STICHPUNKT 610

Analgebühr

In einem dieser besonders guten Witze wacht ein sogenannter Kathole im Nichts auf und hält es für das Jenseits. Und was ist mit meiner Kirchensteuer? fragt er ins Nichts. Und siehe, das Nichts antwortet ex kathedra und sagt: Deine Kirchensteuer ist aus dem Auspuff des Papamobils gepufft, ist in der Sixtinischen Kapelle unter der Schöpfungspatina von Sony und liegt in Bündeln verpackt in den Verließen des Vatikans. An diesen Wunderwitz müssen mittlerweile auch die Gewerkschafter denken, die ihre Beiträge gerade in die Karibik versenkt gekriegt haben. Aus beiden Witzen kann man fürs echte Leben lernen. Für gute Unterhaltung muss man nämlich überall Eintritt bezahlen. Also die Performance, die da Arbeiter-Banker und Arbeiter-Vertreter liefern und geliefert haben, hat Bestsellerniveau und daher ihren Preis. Um fünfzehn Euro Monatsgebühr kannst du dir entweder ein Abonnement für Pay-TV kaufen oder eine Mitgliedschaft bei der Gewerkschaft. Beim einen Programm kriegst du was für die Augen, beim anderen was für den Hintern, du zahlst ja bei der Gewerkschaft genaugenommen eine Analgebühr. Schriftsteller wundern sich immer, warum sie in unserer Gesellschaft nichts verdienen. Na eh klar, weil unsere Gesellschaft an großen Worten interessiert ist, nicht an Literatur. Wenn du erfolgreich abzocken willst, mußt du entweder etwas vom Jenseits erzählen oder von der Karibik, wo das Paradies der Arbeiter liegt. Und bereits das Verkünden dieser Verheißungen macht reich, egal ob es diese Reiche der Verheißung nun gibt oder nicht. Also ihr Arbeiter, lehnt euch zurück, zahlt eure Beiträge und lüpft ein wenig den Hintern, dass euch die Botschaft der Arbeiter-Bosse auch erreicht und Einlass findet.

Helmuth Schönauer 31/03/06

 

 

STICHPUNKT 609

Doof und teuer

Das Auto ist ein tertiäres Geschlechtsmerkmal. Wer eines hat, gilt als potent, wer zu Fuß oder mit einem Öffi unterwegs ist, gilt als Verkehrsmasturbant. In diesem Kontext von Potenz und Genitalien werden von den Tirolerinnen und Tirolern auch die Gespräche über das Auto geführt. Potenzgespräche haben die Eigenschaft, unerwartet aufzutauchen und ohne zu blinken aus der Kolonne von ausgewiesenen Sexgesprächen auszuscheren. Also da redet die Tirolerin von einer Brustvergrößerung und erzählt im gleichen Atemzug, dass sie den Turbo hat nachladen lassen. Der Tiroler hingegen schwärmt gerade von seinen eigenen Eiern und erzählt, wie er sich jetzt den Tempomaten hat hinaufsetzen lassen. Aber all diese Schwärmereien über die Potenz münden in einen furchtbaren Verbalkater, wenn es dann doch unausweichlich zum Ende jeglichen Autotums kommt. Denn wo immer du fährst, irgendwann kommst du in eine Innsbrucker Tiefgarage, und das heißt: Ende! – Impotenz! - Eier ab!- Busen down! Die Innsbrucker Tiefgaragen sind nämlich nicht nur ausweglos, wer in ihnen parkt, muss irgendwann wieder umkehren und aus ihnen hervor kriechen, sondern auch schweinisch teuer und ungerecht in der Abrechnung. Dass es sich bei den Tiefgaragen um einen besondere Art von Sex handelt, erkennt man daran, dass ihn die Betreiber nicht verbessern, obwohl er mies ist, und dass die Benützer keinesfalls auf ihn verzichten wollen. Also was wäre dabei, wenn die Automobilisten, die sich übervorteilt fühlen, die Innsbrucker Tiefgaragen einfach meiden würden? Stell dir vor, kein Schwein parkt mehr in diesen schweinisch teuren Garagen, dann wäre die Tarifpolitik in ein paar Tagen auf den Kopf gestellt. Aber das gehört eben zur Autofahrerei dazu: Zuerst wird mit dem eigenen Gerät geprotzt und dann über die Kosten geraunzt. Der Sprit ist teuer, die Werkstatt auch, die Tiefgarage sowieso. In Wirklichkeit ist das Auto nicht teuer sondern doof. Die dümmste Art, seine Zeit zu vergeuden, ist, sie im Auto zu verbringen. Oder das Auto in die Innsbrucker Tiefgarage zu stellen, das ist teuer und mega-doof.

Helmuth Schönauer 21/03/06

 

 

STICHPUNKT 608

Alles battle-paletti!

Manchmal ist man ganz nah am Weltgeschehen und der künftige Schauder der Geschichte läuft einem bereits in der Gegenwart über den Rücken. Der Schrecken hat immer Namen und Treffpunkte. So ist der größte Schrecken der Weltgeschichte mit Wannsee verbunden, wo am 20. Jänner 1942 fünfzehn Ministerialbürokraten, wie das heute auf der Gedenkhomepage heißt, die systematische Vernichtung der Juden beschlossen haben. Jede Maßnahme hat einen formulierenden Mund, der die ungeheuerlichsten Sätze erstmals ausspricht. Dieser Tage kam es in der Weltstadt Innsbruck zu einem Treffen der europäischen Kriegsminister, die sich heutzutage schelmisch Verteidigungsminister nennen. Als Hausherr fungierte Battle-Platti, ein Charmeur von Gottes Gnaden, der gerüchtehalber immer eine zusammengeklappte Gitarre unter der Hose tragen soll. Wie er dann am Vorabend großer Battle-Besprechungen den Befehl gegeben hat: „Marketenderinnen vortreten zum Schnapsausschenken!“, das war ganz große tirolerische Klasse. Am nächsten Tag hockte auf den grünstichigen Kirchenkuppeln die verklemmte Wintersonne, die Bevölkerung war artig hinter Gittern postiert und in der Sicherheitsglocke des Kongresshauses planten die Minister die nächsten Battles. „Also Kongo wäre nicht schlecht!“ – „Gut, Boys, nehmen wir Kongo!“ So also werden Kriege geplant und Schlachten vorbereitet. Was Platti einst in seiner Zammer Baumhütte mit den Nachbarboys durchgespielt hat, kann er jetzt mit seinen Verteidigungsboys kontinental durchführen. Denn eines haben die Kriegsminister mitgekriegt, Kriege musst du immer wo anders machen, daheim ist es nicht gut. Außerdem gibt’s für entfernte Kriege gute Dienstreisen und schöne Fotos, auch Battle-Länder sind zwischendurch faszinierend schön, wenn Kampfpause ist. Wir Innsbrucker standen in diesen Tagen hinterm Gitter, uns hingen die Unterkiefer hinab vor Fassungslosigkeit, wir waren mitten in der Weltgeschichte und überlegten, wie viele Tote dieses Battle-Treffen wohl fordern wird.

Helmuth Schönauer 09/03/06

 

 

STICHPUNKT 607

Universal-Jaukerl

Vermutlich ist keine Sprache der Welt so geil wie der kernalpine Dialekt mit seinen Wiener Ausläufern. Der Ausdruck „Jaukerl“ steht für eine Spritze, die wie angegossen passt. Sowohl Inhalt, Verabreichung wie Gefühl der Erleichterung sind in diesem Wiener Wort perfekt verpackt. Die harte alpine Form des Jaukerls ist der Schröcksnadel. Hierbei handelt es sich um eine Verabreichung der unguten Art, der Delinquent bricht in Angstschweiß und Flucht aus. Bei den letzten Olympischen Winterspielen wurden allerhand Schröcksnadeln verabreicht mit dem Erfolg, dass die Athleten entweder geflüchtet sind oder gewonnen haben. Doping mit Angst ist nicht verboten, obwohl es die wirksamste Form der Beschleunigung des Körpers ist. Weil die Jaukerln bei den Olympischen Spielen so gut eingeschlagen haben, wird mittlerweile der Ruf nach einem Universal-Jaukerl laut. Beispielsweise als Maßnahme gegen die Vogelgrippe. In Frankreich setzt man bereits dem Federvieh die entsprechenden Schröcksnadeln, worauf das Geflügel so schnell wird, dass es vom Erreger nicht mehr erreicht werden kann. Hierzulande geht man den Weg der Menschenimpfung. Also nicht die Katze, die die Vogelgrippe überträgt, wird geimpft, sondern der Mensch, damit er schnell genug vor ihr flüchten kann. In diesem Lichte ist auch verständlich, warum etwa in Innsbruck die Hunde prinzipiell nicht angeleint sind und somit alles übertragen dürfen, was so an Viren und Erregern herumläuft. Nirgendwo auf der Welt sind die Jogger so schnell wie in Innsbruck, weil sie entweder vor physisch anwesenden Tieren davonlaufen oder vor der Urangst, ein Universal-Jaukerl oder gar einen Schröcksnadel ins Gesäß zu bekommen.

Helmuth Schönauer 06/03/06

 

 

STICHPUNKT 606

Kohle-Zeit-Fiktion

„Jeder Trottel derstirbt es!“ – Dieser wunderschöne Satz aus der Wiener Alltagsphilosophenszene deutet darauf hin, dass das Leben vielleicht eine ziemlich einfache Sache ist, die wir nur deshalb ständig kompliziert darstellen, weil wir alle nicht wahr haben wollen, dass letztlich alles ziemlich primitiv abläuft. Genau genommen geht es um die drei Dinge „Kohle“, „Zeit“ und „Fiktion“. Wenn man von allen halbwegs genug hat, ist man glücklich. Den größten Wert stellt die „Kohle“ dar. Ordentlich betreut vermehrt sie sich ununterbrochen. Das Endziel ist, dass sämtliche Kohle dieser Welt auf einem einzigen Haufen liegt, das ist dann die Entropie des Kapitalismus. Damit sich die Kohle vermehrt, muss sie eine kritische Masse erreichen, deshalb können nur Reiche reich werden, was die Armen nicht wahrhaben wollen. Aus dieser Erkenntnis stammt auch der Satz: „Wenn du arm sein willst, brauchst du bloß zu arbeiten!“ Freilich ist der Kapitalismus viel intelligenter, als seine Kritiker glauben. Wenn es ihm schlecht geht, repariert er sich aus sich selbst, macht etwa Zinsnachlässe oder gewährt Kredite, bis das Spiel von der Umverteilung nach oben wieder aufgenommen werden kann. Die „Zeit“ freilich ist etwas Gerechtes, jeder hat gleich viel davon. Wenn es gelingt, Zeit ohne Kohle zu verbringen, kann das Leben sehr interessant und sinnvoll verstreichen. Freilich kann sich jemand mit Kohle auch Zeit kaufen, also nicht bloß Pensionsversicherungsjahre sondern auch Dienstleistungen, die sonst Zeit kosten würden. Die dritte Währung ist die „Fiktion“. Hier sind alle Dinge versammelt, die einen Sinn ohne Kohle und Zeit versprechen. Also das Jenseits beispielsweise, die Bürgergesellschaft, das hohe Ansehen der Feuerwehr oder auch die schöne Fahne der Republik Österreich. Die Fiktion stößt manchmal auch an gewisse Grenzen, etwa wenn man einem Zivildiener begreiflich machen soll, dass es was Schönes ist, wenn man einem Geldarsch ohne Entlohnung den Arsch auswischen soll, nur weil dieser alt und reich ist und der Zivi jung und arm. Aber die Aussicht, später einmal selbst den Arsch ausgewischt zu bekommen, lässt den Zivi dann doch zum Waschlappen greifen und in den sauren Apfel wischen. Immer wieder gibt es interessante Versuche, andere Währungen einzuführen. Die Religionen probieren es mit Moral, die Wellnessgesellschaft mit Wohlbefinden, die Kunst mit Ästhetik und die Literatur mit tollen Geschichten. Aber das alles funktioniert nur, wenn man die große Spielregel einhält: Erst geht es um die Kohle, dann um die Zeit und dann kannst du dir noch was im Kopf ausmalen als Fiktion. So einfach ist das Leben.

Helmuth Schönauer 05/02/06

 

 

STICHPUNKT 605

Eine Bö ist in der Literatur immer etwas Nettes. Meist entkommt die Bö einer Figur aus dem Hintern und fährt dann mehr oder weniger geräuschvoll in die Szenerie. Bei Gedichten ist die Bö immer gefährlich schön, da schlägt es dem lyrischen Ich oft die Stimmung aus der Hand oder das Segel des Lebens schnappt über. Gefährlich ist die Bö im Seilbahnwesen, wenn sie schon mal einen frechen Gast aus dem Sessel wirft. Und auch Medicopter-Piloten fürchten die Bö, weil es dann oft einen Absturz vor laufender Rettungskamera gibt. Aber all diese Bös sind nichts gegen die BÖ, die jetzt politisch ansteht. Die Vereinigung der gelb-orangen Overalls muss wahrscheinlich das Zett abgeben, so dass aus BZÖ die BÖ wird. Eigentlich egal, aber irgendwer hat schon die Zukunft ins Vereinsregister eintragen lassen, und jetzt darf niemand mehr die Zukunft in seine Parteibezeichnung hineintun. Also kein Zett mehr, bloss noch BÖ! Mit dieser schönen Bezeichnung ist auch schon das Parteiprogramm dieser gelb-orangen Funktionärstruppe voll ausgeschrieben. Es geht um BÖ und sonst nichts. Böse Zungen behaupten, BÖ sei die Abkürzung für das Böse! Das stimmt so nicht, denn die BÖ ist einzig dazu auf der Welt, um diese windige Wolferl-Regierung am Ruder zu halten. Und Wolferl ist ja was Gutes, zumal wir ja ein Wolferl-Jahr haben, bei dem es Marzipanjoghurt im Mozartdesign gibt. BÖ ist also der Deckel am Regierungsjoghurt, und am Deckel ist immer das Ablaufdatum eingestanzt. Hoffentlich kommt es bald. Irgendwie ist unter dieser Regierung alles kürzer geworden, auch diese Glosse ist sehr kurz und irgendwie böd!

Helmuth Schönauer 28/01/06

 

 

STICHPUNKT 604

... kommt von oben

Jeder echte Tiroler ist, was das Kunstverständnis betrifft, ein geklonter Bauer. Das heißt Vorsicht, Ausrichtung nach hinten und gestyltes Gottvertrauen. Und diese raffinierte Kunsthaltung gibt dem gestandenen Tiroler recht. Denn alles, was ein bisschen von der Architektur einer Bauernstube abweicht, ist schlichtweg gefährlich. Ganz Architektureuropa lacht heute noch, wie die damaligen Architekturprofessoren für sich die Baufakultät an der Uni Innsbruck mit einem Flachdach ausgestattet haben, das ein Leben lang rinnt und leckt und friert. Und auch das wunderbare Sowi-Dach aus Glas ist entgegen allen Beteuerungen eines Tags einfach in sich zusammengefallen und hat einen Scherbenhaufen von zerborstenem Architekturglück hinterlassen. Dieser Tage ist das Werk des beleuchtenden Wunderwuzzis in der Innsbrucker Museumstraße in die Tiefe gegangen. Wenn dir mitten am Tag ein hochintellektueller indirekter Beleuchtungskörper vor die Füße fällt, bist du als Kunstkritiker ziemlich betroffen. Zumal diese indirekte Straßenbeleuchtung ohnehin ein Witz ist. Edel geplant und indirekt verschränkt soll das Licht so zu Boden fallen, dass dafür keine Abspanndrähte gespannt werden müssen. Die Innsbrucker freilich in ihrem futuristischen Raffinement haben die Beleuchtungskörper oberhalb der O-Busleitungen und Straßenbahndrähte montiert, denn ganz ohne Draht nach oben will in Innsbruck niemand leben. – Jetzt ist statt des Lichtes gleich der Beleuchtungsreflektor von oben gekommen! Fällig wird ein Unglück am Bahnhof. Da ist nämlich der Asphalt rot aufgetragen, das wird nicht gut gehen. Zu befürchten ist, dass jemand rote Bananenschalen auf den Asphalt wirft, auf denen dann wirklich alle Tiroler ausrutschen werden. Tiroler bleib bei deinem Leisten! Bau ein paar steile Giebel und verkriech dich hinter den Lärmschutzmauern. Und ihr Architekten begreift endlich: In Tirol ist alles hart und physikalisch bitter! Baut das Futuristische im warmen Kalifornien und gebt uns echte Dächer und Beleuchtungskörper!

Helmuth Schönauer 22/01/06

 

 

STICHPUNKT 603

Traktorsessel

Wenn man auf einem Landtagssessel sitzt, sollte man angegurtet sein, denn es herrschen dort gewaltige Fliehkräfte. Deshalb hat ja auch der neue Landesrat für Bauern die größten Chancen, alle anderen zu überleben, weil er von Bauernkindheit an am Traktor gelernt hat, wie man angeschnallt und zäh im Sessel bleibt. Damit es nicht auffällt, dass seine Hauptaufgabe im Aussitzen der Sitzungen besteht, hat man ihm zwei Ressorts zugeteilt, die verblüffend gut zueinander passen: Landwirtschaft und Nahverkehr. Der Nahverkehr in Tirol ist nämlich so ziemlich das Letzte, was man sich wünschen kann. Der höhere Sinn dieses Nahverkehrs besteht darin, möglichst alle halbwegs intelligenten User auf das eigene Auto umzudirigieren und die geistig etwas minder ausgestatteten Tiroler so lange in der Kälte an Haltestellen stehen zu lassen, bis sie restlos doof und apathisch sind. Jetzt kommt die Landwirtschaft ins Spiel! Diese verkauft den Städtern zitzerlweise Träume und Grundstücke. Und die Städter ziehen wie wild zu den Bauern aufs Land, um sich dann ein Häuschen zu bauen, wie man es in der Gartenlaube gelesen hat. Die Träume der Städter freilich zerbrechen bald, denn ganz Tirol ist eigentlich schon eine Stadt geworden mit kleinen Naturreservaten, die wir für Berge halten. So, und nun hocken die armen Häuslbauer alle am Land, die Kinder stehen sich die Füße im Nahverkehr in den Bauch oder saufen sich zu Hause an, weil im Dorf nichts los ist. Die Erwachsenen pendeln geduldig in die Stadt und hören bei dieser Gelegenheit die Stausendungen des Landesfunks, der im Minutentakt aufmunternde Worte und Musik spielt. Völlig apathisch und lebensunlustig kommen diese armen Tropfs wieder am Abend nach Hause, wenn sie nicht der Bus überhaupt irgendwo an einer Haltestelle vergisst. Und dann werden alle alt und die Altenpflege fährt von Dorf zu Dorf, um die vereinsamten und wund gelegenen ehemaligen Häuslbauer irgendwie mit Trost zu versorgen. Der neue Kombilandesrat für Nahverkehr und Bauern könnte also zwischen den Sitzungen zweierlei veranlassen: a) Die Grundstücke der Bauern sollen nur mehr dann verkauft werden dürfen, wenn auch eine Infrastruktur für die späteren Bewohner da ist, b) die Kommunalpolitiker sollten bis dahin zwingend einmal in der Woche mit dem Nahverkehr fahren müssen, damit sie persönlich sehen, wo sie bleiben.

Helmuth Schönauer 12/01/06

 

 

STICHPUNKT 602

Wo Milch und Eiter fließen

Kennst du das Land, wo Milch und Eiter fließen? Wo die Bauern den Ton angeben und die große Pfeife rauchen? – Ei freilich, das ist Tirol. In den letzten Wochen hat die so genannte Bauernschläue geputscht und ihre politischen Proponenten in den Landtag gepusht und das Management der Tiroler Einheitspartei (TEP) übernommen. Das ist vielleicht gar nicht so schlimm, denn die Bauern zeigen, wie man sich politisch, kulturell und in Fragen der Kohle organisieren muss. Neidlos muss man anerkennen, dass die Landwirtschaftlichen Lehranstalten wahrscheinlich die besten Einrichtungen sind, die Berufsspezifisches und eben auch politisch Handfestes der nächsten Generation zur Verfügung stellen. Zur Klugheit des Bauernstandes gehört es auch, dass er sich fallweise einigelt und ein starkes „Miar“-Gefühl entwickelt, und andererseits bei den „Eis und Enks“ ständig auf die Mitleidstube drückt. „Miar Bauern homms gonz bsunders schwar!“ Als dieser Tage der Eiter- und Antibiotika-Skandal in Tiroler Kuhställen aufgeflogen ist, wollte man zuerst noch mit Mitleid arbeiten. Also wir Konsumenten sollten einsehen, dass wir Eiter schlürfen müssen, weil eben die Landwirtschaft so hart ist. Mittlerweile hat man eingesehen, dass da ganze Euter von Herzensmilch den Bach hinunter gegangen sind. Die Botschaft ist katastrophal und lautet: Mir Bauern sind auch verlogen und tun unter den schönen Worten, was wir wollen! Und die arme Tirolmilch, die sich so um die Herzen von uns Konsumenten bemüht hat, tut sich plötzlich auch schwer mit ihren patriotischen Argumenten. Warum soll ich eigentlich ein Eiterjoghurt aus Tirol löffeln, wenn das berüchtigte Müllerjoghurt billiger, besser und gesünder ist? Berufsstände, die mit großen Worten und höchster Pseudomoral arbeiten, tun sich immer besonders schwer, einen Patzer zu erklären. Das haben die Bauern mit den Lehrern und Pfarrern gemeinsam, denen man dunkle Ränder unter den Fingernägeln nur mit Mühe verzeiht.

Helmuth Schönauer 06/01/06

 

 

STICHPUNKT 601

Bartenscheck

Minister sind immer für etwas anderes berühmt, als wofür sie installiert sind. Der aktuelle Wirtschafts- und Arbeitsminister Bartenstein etwa ist vor allem für seine Rabataktionen beim Kauf seiner Privatschuhe in die Galerie der politischen Zeitgeschichte eingegangen. Für das neue Jahr hat er wieder eine witzige Aktion geplant, damit er im Schaukabinett für verrückte Erfindungen aufgehängt bleibt. Im Anzug ist der so genannte Bartenscheck. Da kann sich jemand für Zehneurozwanzig einen Scheck im Nutzwert von zehn Euro kaufen, um in grammatikalisch richtiger Reihenfolge den Gärtner, die Heimfriseuse oder das Babysitter damit zu bezahlen. Husch - weg vom Pfusch! heißt diese Pfuscheraktion. Der Staat lässt dich also nicht einmal beim Ausgeben deines Geldes in Ruhe, du musst quasi wie früher bei Lebensmittelkarten zusätzlich noch eine Berechtigung kaufen, damit du das Geld dann ausgeben darfst. Der Kapitalismus verträgt vor allem eines nicht, dass man ihn in seiner Währung stört. Geld ist Geld und darf nicht mit zusätzlichem Ballast wie Soziales, Moral oder Gesinnung verbunden werden. Kapitalismus heißt, dass ich dort einkaufe, wo es kapitalistisch gesehen am günstigsten ist. Mit dem Bartenscheck allerdings soll ich zuerst eine Kafka-Gebühr von zwanzig Cent hinlegen, und dann auch noch den Nachweis für meine Geldtransaktionen liefern. Ehrlich gesagt, da mag niemand mehr mitspielen, der das Geld auch nur halbwegs mag. Denn das ist ja das Schöne am Geld, dass es farb-, geruchs- und gewissenlos ist, selbst wenn das dickste Blut daran klebt. Wenn schon Gutscheine, dann reine Zeitgutscheine! Damit könnte man beispielsweise jemandem eine Stunde schenken, die man dann vielleicht nach öliger Christenlehre im Jenseits gut geschrieben bekommt. Aber Geld mit dem Faktor Zeitgutschrift und Bürokratie zu verbinden, das ist unmoralisch und im Sinne des Kapitalismus sogar gottlos!

Helmuth Schönauer 01/01/06