STICHPUNKT 1707

Hitler-Bike

Für einen halbwegs eingeschulten und durchgeschulten Menschen ist es nahezu ein Wunder, dass die Aufklärung manchmal nicht greift und mehr oder weniger gut erkennbare Wieder-Betätiger auftreten. Auch wenn die Gesellschaft an manchen Tagen nur Konsum und Sonne-Liegen im Auge hat, reagiert sie doch hellhörig, wenn jemand auf die falsche Art braun werden will. Aufmärsche, Parolen, Kampfkleidung und diverse Grußarten werden schon von weitem erkannt, eine Schar von Pädagogen macht sich an die Betreuung dieser Ausreißer und nur ganz schwere Fälle kommen vor Gericht. Im Alltagsleben müssen diese Vorfälle eine gewisse Reizschwelle überschreiten, ehe sie bekämpft werden. Zu diesen Grenzfällen der Wahrnehmung gehören auch diverse Buchstaben- und Zahlenfolgen, die etwa als Wunschkennzeichen geächtet und nicht ausgegeben werden. Eine solche Zahlenfolge ist die „88“, die den achten Buchstaben des Alphabets darstellt und für Eingeweihte eine Chiffre für den Hitlergruß ist. Alle diese Sensorien sind gesellschaftsbezogen und auf einen jeweiligen Kulturkreis beschränkt. So fahren in manchen Gegenden Autobusse herum, die ungeniert das Kennzeichen „KZ“ verwenden, auf anderen Kontinenten fahren Racer mit der Rennnummer 88 herum. Preisfrage: Wie muss man nun in der aufgeklärten Stadt Innsbruck reagieren, wenn man in einem öffentlich einsichtigen Hof ein Schaukel-Pferd als Hitler-Bike enttarnt? Denn als Rennnummer für das schaukelnde Kind ist eindeutig eine 88 auf den Lenker geschraubt. Kriegt das schaukelnde Kind einen Schaden, wenn es mit dem Hitler-Bike fährt? Wissen die Bewohner des Hauses überhaupt, was da im Hof herumsteht? Fragen über Fragen, die auch den aufgeklärtesten Menschen an den Rand der Denkmasse bringen.

Helmuth Schönauer 19/06/17

 

 

STICHPUNKT 1706

Luggerka, Niescherka, Vanstaaka

Wenn du ein Leben lang arbeitslos, angespuckt oder ausgelacht werden willst, musst du nur eine negative Adresse angeben und sagen: „Ich wohne in einer Chruschtschowka am Mitterweg!“ Hinter einer unglücklich abgewohnten Gegend steckt oft eine jahrelange Pressekampagne. In Innsbruck vergeht kaum ein Monat, wo nicht anhand von drei Symbolbildern aus dem Westend abwechselnd von Nutten, Brandlegung und Überfall die Rede ist. Selbst wenn es zu einem Verkehrsunfall kommt oder ein Bankräuber in die Sackgassen des Inns hineinflüchtet, kommt verlässlich die Chruschtschowka ins Bild. Die Original-Chruschtschowka ist ein Gebäudetypus aus den 1950er Jahren, der damals flächendeckend überall in der Sowjetunion hochgezogen worden ist. Was dem Tiroler sein Wüstenrothaus, ist dem Sowjetler seine Chruschtschowka. Und beide Gebäudetypen sehen irgendwie ähnlich aus. Mittlerweile sind die sowjetischen Häuser ermüdet und abgewohnt, aber erst jetzt erobern sie so richtig die Herzen der Bewohner. Folgt man der Tradition, Gebäudetypen nach den Bauherren und baufälligen Bürgermeistern zu benennen, so müssten unsere Buden in Innsbruck folgende Bezeichnungen führen: Luggerka, zweigeschossige Villa im Luftwaffenstil, Ständestaatbalkon südseitig. Niescherka, Vierzimmerwohnung im O-Dorf-Stil mit obligat integriertem Jagdstüberl und Geweih über dem Hauseingang. Vanstaaka, Parterre-Penthouse mit bronzenen Edi-Büsten links und rechts vom Haupteingang. Zachka, schräges Gebäude im Stil einer Sprungschanze, obligater Balkon mit Fleischkäs-Maserung, Highlights sind die aufgeweiteten Briefschlitze, die zum Einwerfen von Fleischkas-Semmeln geeignet sind. Oppitzka, verdichtetes Gebäude, bei dem die Menschen mal mit dem Kopf nach unten, mal nach oben in die Wohnungen gestapelt werden. Es ist nun Sache der städtischen Planung, die einzelnen Typen den Menschen so lange schmackhaft zu machen, bis sie das eigene Wohnen nicht mehr spüren.

Helmuth Schönauer 15/05/17

 

 

STICHPUNKT 1705

Andersen-Tag

- Großvater erzähle, wie habt ihr damals den Andersen-Tag am 2. April 2017 verbracht?

- Märchenhaft geil! Wie haben alle drei Minuten das Gespräch unterbrochen und in den Himmel gestarrt und die letzten Charterflüge dieses Winters begrüßt, die wieder Sonnencreme-Arschlöcher für die Ballermann-Täler eingeflogen haben. Wir selbst sind wie an allen Wochenenden nicht mehr außer Haus gegangen, weil alle Strecken verstaut gewesen sind. Zirlerberg, Fernpass, Kiefersfelden – mit diesen Zauberwörtern auf dem Mund sind wir auf den Balkons gestanden und haben gewartet, dass endlich der Pollenflug einsetzt. Dieses Jahr waren endlich aggressive Viren und Reizkörper für die Allergien angesagt, sodass wir unsere teuren Medikamente endlich in die Nasenlöcher schmieren konnten. (Für den Großvater ist alles endlich!) An solchen Wochenenden waren wir auf alles allergisch, inklusive auf uns selbst. Nicht einmal das Mädchen mit den Schwefelhölzern hat uns ermuntern können, weil uns die Augen übergeronnen sind und die Ohren zugeschnellt. Gegen Mittag haben wir den Polizeibericht der letzten Nacht am Smartphone abgescrollt, gefühlte zwanzig Algerier haben mit ihrer Mobilität gefühlte zweihundert Polizisten rund um die Uhr in Schach gehalten. Irgendjemand von der befreundeten CSU hat einen Plan für Familienförderung vorgestellt, damit man Besitz endlich schmerzlos vererben kann. Etwa dreißig Prozent des Besitzvolumens fällen nämlich demnächst als Erbschaft an. Im Zillertal ist der Andersen-Tag nicht gut ausgegangen, ein Belgier musste vor den Augen seiner drei Kinder tödlich gegen einen Baum fahren. So ist Familienförderung natürlich nicht gemeint. Auch nicht so wie am Kraftwerk Inn, wo man die Leiche einer jungen Mutter aus dem Kanal geholt hat, die von einem Familienangehörigen dort hineingestoßen worden sein soll. Das sind die schlechten Auswüchse des Andersen-Tages, der aber sonst ein Traum, wenn nicht gar ein Märchen gewesen ist.

Helmuth Schönauer 03/04/17

 

 

STICHPUNKT 1704

Fußfesselwähler

An jenem Tag, an dem in Amerika ein bunter älterer Herr zu irgendwas gewählt worden ist, hat in Österreich eine schwarze ältere Dame den gefühlt zweimillionsten Preis gekriegt. Der eine ist Präsident der Vereinigten Staaten geworden, die andere hat das Keks dieses Mal unter dem Titel Österreichischer Buchpreis entgegengenommen. An jenem Tag ist der Paradigmenwechsel in Kunst und Politik vonstattengegangen, wie man ihn klarer nicht sehen kann. Das Wilde, Künstlerische, Übertriebene und Fiktionale ist Merkmal der Politik geworden, in der Kunst hingegen tummeln sich nur mehr schwarz gekleidete, pragmatisierte und auf Smalltalk reduzierte Menschen. Ist man früher „in die Kunst gegangen“, weil man sich wild gefühlt hat und Widerstand leisten wollte, so muss man mit diesen Eigenschaften heute „in die Politik gehen“. Willst du es aber fein haben und wöchentlich dein Keks abholen, musst du Künstler werden. Unter diesem Wechsel der Aufgaben leidet auch das bisherige System Wahl, Wahlversprechen und Wahrheit. Die Wahlversprechen haben selten noch etwas mit der Realität zu tun, hinten nach sind immer wieder alle ganz anders unterwegs, als sie es vorher gepostet haben. Aber nüchtern betrachtet besteht unser politisches System aus Ying und Yang, die politische Realität in Regierung oder Opposition ist das eine, die Dekoration für die Wahl das andere. Es soll Wähler geben, denen ist die Realität egal, sie wollen nur einen unterhaltsamen Wahlkampf und belohnen jene, die diesen liefern. Etwas Ähnliches spielt sich in der Literatur ab. Da rennen seitenweise moralisch einwandfreie Helden durch die Gegend und zeigen dem Leser, wo es für gute Menschen entlanggeht. Und dann sitzt oft ein moralisches Arschloch hinter dem Text und beutet seine Leser in jeder Hinsicht aus und betrügt sie mit seiner alternativen Wahrheit. Gute Wähler jedenfalls machen sich bereit, denn spätestens im nächsten Jahr wird es massenhaft Wahlen geben. Ich persönlich wähle jemanden, der eine Fußfessel trägt, dann kann er mir nicht unter der Legislaturperiode abhauen. Und zum zweiten achte ich darauf, dass jemand, den ich wähle, in meiner Gegend wohnt. Momentan wohnen nämlich in Innsbruck alle politische Farben auf dem Höttinger Sonnenhügel, während unsereins an der Talsohle am Mitterweg ständig verhöhnt und mit Bauverdichtung zugeschissen wird.

Helmuth Schönauer 26/03/17

 

 

STICHPUNKT 1703

Postjournalistisch

Die Presse ringt ziemlich stark mit der neuen Zeit, die man vielleicht als post-journalistisch einstufen könnte. Ganz wie in der Postmoderne muss sich der User aus dem angebotenen Material selbst etwas zusammensetzen, das er für sich als brauchbar sieht und zur Wahrheit erklärt. Der post-journalistische Intellektuelle geht daher in einen Echoraum, wenn er Kommunikationskanäle anwählt, und auch in den Printmedien nimmt er nur noch Sachen in die Hand, die nicht wehtun und keine neue Sicht von der Welt bedingen. So gesehen erlebt die Todeltodel, wie das Tiroler Einheitsmedium seit Jahrzehnten liebevoll genannt wird, einen frechen Höhepunkt. Die tapferen Weltbilder haben es nicht leicht in dieser Zeit. Einerseits ist das Bashing von Präsidenten mit starker Frisur gang und gäbe, andererseits muss man zwischen den Zeilen zugeben, dass es auch durchaus vernünftige Maßnahmen unter der Frisur gibt. So wird zwar bedauert, dass die neue US-Bildungsministerin selbst zugibt, nichts mit Bildung am Hut zu haben, wenn man aber sieht, wie in Österreich ständig mit alten Hüten die Bildung zu Grabe getragen wird, ist vielleicht gerade die Verweigerung von Bildung der erste gute Bildungsansatz. Es gibt ja die Theorie, dass sich ein Land ohne Kriegserklärung und Feindeinwirkung selbst zerstören kann, wenn es das Bildungswesen in den Boden stampft. Österreich leidet noch immer unter den Folgen der unsäglichen Bildungsministerin Gehrer, die das Schulwesen mit der Rechtschreibung verwechselt und beides wie in einem Krieg zertrümmert hat. So kann der Blick auf die neue US-Ministerin nur ein Aha auslösen, bei euch wird jetzt auch alles kaputt. In die Schadenfreude flüchtet nämlich gerne, wer den Dreck nicht vom eigenen Stecken kriegt.

Helmuth Schönauer 08/02/17

 

 

STICHPUNKT 1702

Gold und Silber vor Gericht

Alle Unfälle, Anschläge, Definitionen und Handlungsmuster enden vor Gericht, wenn sie vom Mittelmaß der Übereinkunft abweichen. So kann man einen Wochenrückblick als Comics machen, indem man die Karikaturen der letzten Tage zusammenfasst, man kann sich aber auch durch frische Gerichtsereignisse scrollen, wenn man wissen will, wie die Gegenwart so tickt. Vor Gericht gibt es immer die Goldigen und die Silbernen, die einen reden, die anderen schweigen. So stellt ein Fernpsychiater anlässlich des NSU-Prozesses in München der Hauptangeklagten Zschäpe volle Schuldfähigkeit ins Dossier. Wer so konsequent schweigt, ist voll schuldfähig! Auch dazu sagt die Angeklagte nichts, sie würde ja sonst das Dossier widerlegen. Dafür kriegt zeitgleich in Istanbul ein Attentäter aus Usbekistan die Augen nicht mehr auf, man hat ihn offensichtlich so gekonnt zusammengeschlagen, bis er alles gestanden hat. Reden kann also auch schuldfähig machen. In Klagenfurt stehen diverse Sunnyboys aus der Haider-Ära vor Gericht. Ihr Weltverbrechen: Sie haben eine Broschüre statt mit dem Landesvogel mit dem Parteiwappen signiert. Natürlich kann das Betrug sein, wenn der viel zitierte Steuerzahler die absichtliche Vertauschung von Wappenvögeln bezahlen muss. Einer gesteht unter der Sonnenbrille heraus, dass er alles, wie von Haider gewünscht, durchgeführt hat. Das gilt als kluges Schuldbekenntnis. Von dem „Kurzen“ wissen wir leider nicht, ob er etwas ausgespuckt hat oder nicht. Der mexikanische Drogenexperte Guzmán ist so verblüfft, dass sie ihn jetzt in die USA ausfliegen, dass er gekränkt und ohne Widerstand mit den Amis mitgeht und in den Flieger einsteigt. In diesem Falle sind vor allem seine Anwälte stumm und fassungslos, sie haben soeben einen verschwiegenen Hinhalte-Plan für die nächsten dreißig Jahre entwickelt, und jetzt verlieren sie den Delinquenten mitten unter dem Strategie-Spiel. Wahlweise gilt Guzmán als Abschiedsgeschenk für Obama oder als Begrüßungsstrauß für Trump.

Helmuth Schönauer 21/01/17

 

 

STICHPUNKT 1701

Verdrängen mit Krimis

Zwischen 1981 und 1983 spielt sich der sogenannte Noricum-Skandal ab, bei dem man Kanonen der VOEST über Jordanien in den Irak liefert. Typisch österreichische Sprachfetzen bleiben einer ganzen Generation im Gedächtnis. - Pudelts euch nicht auf, ein bissal ein Gschäfterl wird man wohl noch machen dürfen! Jetzt 2017 tauchen diese Kanonen naturgemäß im syrischen Bürgerkrieg auf, und die österreichischen Sätze sind die gleichen geblieben. - Meingott, ein bissal schiaßen wird man wohl noch dürfen! Die Arbeiter und Manager von damals, meist aus der Sozialdemokratie, sind mittlerweile alle in Pension und haben ihr Leben schon zu Lebzeiten verdrängt. Sie schlagen sich das Frühstücksei auf und sagen, wenn sie gebildet sind, im Stile von Antonio Fian und in seiner unverwechselbaren Dramolette-Manier: - Da schau her, unsere Kanonen, gute Qualität, weit sind sie herumgekommen! Öffentlich kann man halt nicht stolz sein auf sein Lebenswerk, aber Hauptsache, die Pension passt. Für die Bewältigung solch ethischer Ungereimtheiten gibt es mittlerweile den Regional-Krimi, der meist mit leicht debilen Helden ausgestatteten ist. Viele warten schon heftig auf den Mauthausen-Krimi, wo ein angesoffener Lokal-Detektiv in den Gasöfen herumstochert und sagt, es sei nichts. An anderer Stelle soll jemand schon den Regional-Krimi vom Hitler-Haus schreiben, eine geschmacklose Farce, immer knapp an der Wiederbetätigung entlang. Der Kommissar soll darin während eines Verhöres Tapetenmuster mit Wasserzeichen entwerfen, die man auf die feuchten Mauern des Gebäudes kleben kann. Vielleicht steht auch das Design für ein Lesezeichen im Verhör-Notizblock, immerhin ist im Hitler-Haus lange die Volksbücherei untergebracht gewesen. In Österreich wird alles zuerst einmal klug verdrängt und dann deppert in einem Krimi aufgearbeitet.

Helmuth Schönauer 06/01/17

 

 

STICHPUNKT 1614

Nach vierzig Jahren ist alles neu.

Rentner sind generell ziemlich ungehalten, wenn irgendwo frisches Personal eingestellt ist, das erinnert sie an das eigene Alter und fordert das eigene Durchhalten heraus. Eine Brustschild-Monika mit Heliumstimme piepst etwas von einem Frufru, als sie auf zwei Gläschen zeigt, die vor dem Turm aus Kipferln ausgelegt sind, aus dem der Kunde etwas will. - Nein nicht das, das da hinten! Der Rentner ist schon vor dem Kipferl-Kauf völlig erschöpft gemacht worden, er wird sich zu Hause gleich niedersetzen, während ihm die sogenannte Zugeh-Frau für Pflegestufe eins einen Filterkaffee herunterlassen wird. Es ist vielleicht gar nicht das Kipferl, das ihn so fertiggemacht hat, sondern die Neue an der Wurstabteilung, die nur Wurst scannen kann und deshalb lange Warteschlangen produziert, wenn wieder einmal ein Gurkerl dabei ist. - Wie kann ich das Gurkerl berechnen? schreit sie nach hinten, wo jemand einen Eiersalat in Bodenhaltung für die Halb-Veganer zusammenmixt. Aus dem Off kommt die Beschreibung einer Taste: - Die musst du für das Gurkerl drücken! Der Wurstsemmelkunde bedauert seine Bestellung, der Rentner seine Absicht, ein Stück Wurst zu holen, er hat es zu Hause versprochen. Er ist der einzige Rentner am Mitterweg, der Wurst kauft, obwohl er keinen Hund hat. Aber die Zugeh-Frau ist es von der ukrainischen Kindheit her gewöhnt, dass man eine Wurst mitnimmt, wenn man sich Frühstückskipferl holt. - Das ist Sehnsucht, sagt sie. Aber heute ist alles neu an der Wurst und am Kipferl.

Helmuth Schönauer 18/12/16

 

 

STICHPUNKT 1613

Juckreiz in Bronze

Mit Wallis linkem Bronze-Arm stimmt etwas nicht. Vielleicht hätte er ursprünglich doch ein rechter werden sollen, aber der gute Guss-Rudi hat in seinem Mailänder Atelier nur linksdrehenden Gips vorrätig gehabt. Die Muskeln des Torsos sind jedenfalls stark genug ausgeprägt, dass man auch als rechter Arm was machen könnte. Das Volk grüßen zum Beispiel, aber nicht nach ihm ausstrecken, dafür ist die Bronze zu hoch angesetzt. Da wir in das Innere des Bronze-Kopfs nicht hineinsehen können, wissen wir folglich auch nicht, in welcher Schalt-Reihenfolge linker und rechter Arm in der Birne der Plastik verankert sind. Denn Nerven wird dieses Ding wohl haben, kann mir doch keiner sagen, dass man so ein Bronzeungetüm ohne Nerven auf die Leute loslässt. Vielleicht ist diese wilde Hand, die vorne am Metall draufsitzt nur auf dem Weg zum Bronze-Hintern, um sich selbst etwas abzuwischen. Immerhin ist viel Taubendreck in öffentlichen Räumen unterwegs und da kann es eine so lebendig gehaltene Bronzefigur schon mal an der Hinterseite zwicken. Vielleicht will der Arm auch nur auf etwas zeigen, das noch nicht aufgestellt ist, auf den Schwiegersohn etwa, der demnächst auch in Bronze gegossen werden soll, damit man ihn aus dem Landtag hinaustragen kann. Sehr umsichtig hat die zu Bronze erstarrte Familie die Büste für den öffentlichen Raum zurückgezogen, als man ihr geflüstert hat, dass der Gegossene zumindest im Guss an Stalin erinnert. Nicht einmal unter Putin kann man sich zurzeit vorstellen, dass man einen von der Zeit gekrümmten Stalin zeigt, auch wenn der Aufsteller einen ähnlich klingenden Namen trüge.

Helmuth Schönauer 12/11/16

 

 

STICHPUNKT 1612

Display zum Erschrecken

Wenn Gedanken vorerst auch scheinbar weit auseinanderliegen, so finden sie auf modernen Geräten durch eine kluge Drehung am Display schnell wieder zusammen. So funktioniert nämlich die Geheimwaffe Cloud: Die Gedanken werden einzeln in sie eingegeben und kommen völlig vermischt und verquirlt als neue Meldung wieder auf die Erde zurück. Diese Woche haben zwei Meldungen die Cloud aufgemischt. Einmal ist es das Hitler-Haus in Braunau, das abgerissen werden soll. Seit der Innenminister von der Keller-freien Übergabe des Schreckens an die Gegenwart träumt, denken alle Gemeinden nach, ob sie nicht auch ein Schreckenshaus zum Planieren hätten. In Lienz ist man fündig geworden. Dort wird jetzt das seit 2003 leerstehende Bundeskonvikt für Schüler abgerissen, um als Fläche einen höheren Preis zu erzielen. Wie Überlebende berichten, soll es in Lienz jede Menge Körperverletzungen durch Erschrecken gegeben haben. Dabei springen Pädagogen den Delinquenten ohne Vorwarnung ins Genick, um ihnen einen pädagogischen Quantensprung zu verpassen. Die zweite Meldung der Woche kommt aus dem Clown-Bereich, wonach Schreckensclowns durchaus zur Körperverletzung fähig sind. Der moderne Mensch ist durch Digitalisierung nicht mehr mit der analogen Welt vertraut, weshalb er alles, was sich außerhalb des Displays bewegt, als Horrorclown empfindet. So ist es kein Wunder, dass beim Zurückladen der Meldungen aus der Cloud die echte Meldung herauskommt: „Die Horrorclowns sind digitale Wesen, die es aus dem Display geschleudert hat. Ihre Vorfahren haben in den 1960-er Jahren in Lienz als Pädagogen verkleidet gelebt.“

Helmuth Schönauer 29/10/16

 

 

STICHPUNKT 1611

Notgeile Wörter

Bald wird wieder das Unwort des Jahres gewählt. Diese Wörter sind immer Betriebsunfälle und zeigen den wahren Sachverhalt, der erst mühsam mit einem Notbegriff eingefangen werden muss. Letztes Jahr hat der Zaun solche Schwierigkeiten gemacht. Lange durfte das Wort nicht öffentlich erwähnt werden. Erst als die Zaungegner höhnisch über die Zaunbauer herzogen und richtig bemerkten, dass jeder Zaun physisch überwunden werden kann, durfte das Wort wieder verwendet werden, weil analog die Sprache jeden Begriff semantisch übersteigt. Am liebsten klettert die Sprache in ihrer Notgeilheit ohnehin über tabuisierte Wörter, denn was man nicht sagen darf, sagt jeder am liebsten. Heuer werden wieder schöne Unwörter zu Tage treten und allerhand Hintergründe entlarven. Elegante Beispiele sind etwa „Euroslam“, das ist ein Islam, der wie angegossen nach Europa passt. Das Gegenbeispiel wäre Kafrikazismus, das ist ein Katholizismus der blendend nach Afrika passt. Aus Tiroler Sicht liegen gut im Rennen: „aufgittern“, für das Hin- und Herschwenken von geschmiedeten Botschaften im Befreiungsdenkmal vor dem Landhaus, und „Staalineum“, so wird das Murmeltiermuseum am Bergisl von Fans nach seinem Erbauer so ergreifend schön benannt.

Helmuth Schönauer 22/10/16

 

 

STICHPUNKT 1610

Sprung in der Hollywood-Schüssel

In Hollywood trennt sich gerade ein Traumpaar als Arschlochduo, es hat angeblich sechs Kinder und dutzende Filme zusammen gefickt und gedreht. Das ist nicht nur direkter Stoff für diverse Magazine und Postings, sondern auch das Methadon für alle, die in den alpinen Hollywoodschaukeln sitzen und nichts mehr erleben. Der wichtige Satz dieses modernen Heldenepos wird in einer Anmoderation gesagt: Bei diesen Finanzvolumina, die hier als Ehe zu Gange gehen, handelt es sich um zwei Firmen, die ab und zu einen gemeinsamen Werbeauftritt hinlegen. Am ehesten ist so eine Ehe mit einem Treffen von zwei Staatsoberhäuptern zu vergleichen, selbst wenn sie sich am liebsten ankotzen würden, gehen sie auf einem Roten Teppich aufeinander zu. (Österreich bringt übrigens schon seit fast einem Jahr keinen Teppich-Geher mehr zustande.) Im Hollywood-Drama haben indes längst die Stäbe das Tagesprogramm ausgemacht. Skype mit den Kids im Kinderbungalow, Anfahrt zum Brunch im geschlossenen Wagen mit der kleinen Vierer-Kolonne, um 18:00 Uhr gemeinsamer Fick im roten Saloon, um 20:00 Uhr, das ist knapp, getrennte Presse-Konferenzen zu getrennten Projekten mit getrennten Firmen. Allein die Angestellten-Stäbe des Noch-Paares füllen ganze Traglufthallen. In diesen werden sie wie die Tiere gehalten, weil in Hollywood nix fix ist und jeder jederzeit gefeuert werden kann, sodass niemand eine fixe Unterkunft braucht. Und das warme Wetter lässt die Menschen auch ohne Unterkunft glücklich sein.

Helmuth Schönauer 24/09/16

 

 

STICHPUNKT 1609

Burkus

Schas-Themen haben es so an sich, dass sie einfach im Raum stehen bleiben und sich weder durch Argumente noch durch Gebläse von der Bühne wehen lassen. Seit Wochen wird das sogenannte Burka-Thema die Diskussionsforen hinauf und hinuntergespielt und zu einer Kleinigkeit erklärt. Dabei muss die Burka oft für alles herhalten, was man sich sonst nicht erklären kann. Als in Graz vor Jahrzehnten nach der Geburt zwei Mädchen vertauscht worden sind, konnte sich das niemand erklären, weil die Feststellung von Geschlecht und Identität in unserem Kulturkreis ja als die eigentliche Geburt gilt. Erst die Erzählung einer Augenzeugin aus jener Zeit, dass man die Mädchen nach der Geburt in medizinische Burkas gesteckt habe, kann in der Gegenwart erklären, warum es zu dieser bedauerlichen Vertauschung gekommen ist. Allmählich geht das Burka-Thema der Bevölkerung wegen der fehlenden Genderei auf den Sack. In größtem Erklärungsnotstand versucht sie das Thema zu gendern. So soll gerüchtehalber der männliche Burkus erfunden worden sein, der bei Banküberfällen wertvolle Dienste leistet. Als alpine Sonderform des Burkus gilt schon seit Jahrhunderten die Lederhose, die einen Burkus eingenäht hat. Damit wird tagsüber das Gemächt zugeknöpft, ehe man dieses am Abend daraus breitbeinig hervorzieht. Auch der Burkus hat wie sein weibliches Gegenstück nichts mit Religion oder Politik zu tun, sondern dient ausschließlich dem Lustgewinn seines Trägers. Manchmal wird der Burkus mit der Zipfelmütze eines Ku-Klux-Klan-Mitglieds verwechselt, da sich angeblich unter der Kapuze ein freches Denken entwickelt. Aber auch dem Ku-Klux-Klan-Mitglied sei zugerufen: Deine Verhüllung hat absolut nichts mit Religion und Politik zu tun, sie macht dich nur frei!

Helmuth Schönauer 19/09/16

 

 

STICHPUNKT 1608

Anti-Keks-Spray

Seit allenthalben Aluminiumfreie Achselsprays propagiert werden, greifen sogar Grüne außerhalb des Wahlkampfs zu dieser Geruchswunderwaffe, um sich politisch korrekt und inkognito unter das fahrende Volk der Öffis zu mischen. Für Frischluft unter den Achseln ist offensichtlich ausreichend gesorgt, auf den Achseln freilich herrscht noch dumpfe Anarchie. Immer wieder nämlich werden Menschen, meist Männer, aus purem Jux mit einem Keks ausgezeichnet, welches diese schwer verunziert und aus dem psychischen Gleichgewicht bringt. Schon Billy Wilder hat seinerzeit die Kekse auf den Schultern und Ehrungen in der Schatulle mit Hämorrhoiden verglichen, die ab einem gewissen Alter jedes A bekommt. In Tirol wimmelt es am Null-acht-fuffzehn-Tag (15. August) und am Hofer-Dead-Day (20. Februar) nur so von Keksen, die auf diverse Achseln ausgestreut werden. Immer wieder sind Menschen einfach baff, wenn sie am Morgen mit freier Schulter aus dem Haus gehen und am Abend bekekst heimkommen. Offiziell leiden diese Menschen unter den Keksen, aber sie getrauen sich nicht, sie bei Tageslicht abzulehnen. Berühmt für seine Keks-Allergie ist jener christliche Arbeiterführer der Tiroler Einheitspartei (TEP), der in seiner überdimensionierten Gratiswohnung keinen Platz mehr für seine Orden gefunden hat und diese im Kofferraum an das Landhaus hat zurückschicken müssen. Für all diese schwer mit Orden und Keksen bestückten Menschen gibt es jetzt den Anti-Keks-Spray. Den sprühst du dir an gefährlichen Tagen auf die Schulter und du wunderst dich, wie oft es tagsüber klimpert, wenn ein Orden zu Boden rollt, weil er am Teflon-Spray auf deiner Schulter ausgerutscht ist.

Helmuth Schönauer 08/09/16

 

 

STICHPUNKT 1607

Bürokratische Erfinder

Was passiert eigentlich vor jenen Ereignissen, die wir später als solche bezeichnen und sie im Netz und in den Medien posten, ehe manche dann gar in die Geschichtsbücher kommen? Hinter den Ereignissen ist ständig etwas los, in einer grauen Masse, die einem großen Gehirn gleicht, arbeiten kleine Partikel der großen Bürokratie ständig an Gesetzen, Vorschlägen und Schlagzeilen. Im gigantischen Roman „Das Büro“ von J. J. Voskuil erlebt man auf 7000 Seiten, wie Büromenschen Wichtelmänner erforschen, das Liedgut von Migranten aufzeichnen und historische Spaten dokumentieren, mit denen über Jahrhunderte Gräber in verschiedenen Böden ausgehoben worden sind. Diesen aufzeichnenden Beamten für die Vergangenheit stehen mindestens so viele für die Zukunft von Gesetzen gegenüber. Wenn man etwa darüber sinniert, in welcher Farbe künftig jene Bankomaten angemalt werden sollen, in welchen das Geld-Abheben kostenpflichtig ist, dann hat darüber schon eine Armada von grauen Bürokraten getagt, ehe man auf den Vorschlag Blau-Rot am Automaten gekommen ist. Den Bürokraten ist es egal, was sie erfinden, ob sie bei Facebook die Daten abgreifen oder über Google organisiert dem Innenminister eine Notverordnung vorlegen, diese Erfinder machen immer nur Vorschläge, die an und für sich noch nicht kriminell sind. Manchmal tritt aus der Masse der bürokratischen Erfinder jemand heraus und macht einen ganz einzigartigen Vorschlag, wie etwa jener Robert Hecht, der dem österreichischen Bundeskanzler Dollfuß eine Notverordnung für den Ständestaat ausgegraben hat, die dieser freudig für seine Diktatur verwendet hat. Andere wieder wollen hintennach eher in der grauen Masse untergetaucht bleiben, wie jene Beamten, die die sogenannten Handouts auf der berüchtigten Wannseekonferenz 1942 kreiert haben, womit der Massenmord an Juden beschlossen worden ist. Die Bürokratie schläft nie, sie hat selten Einzeltäter und taucht immer als Moloch auf. In meinem Roman „Der Notstand des Generals Eyer“ heißt es daher ganz logisch: „Wer Beamte sät, wird Wahnsinn ernten.“

Helmuth Schönauer 30/08/16

 

 

STICHPUNKT 1606

Übungstext Literatur

Seit der Einführung der Zentral-Matura kommt die Literatur so gut wie nicht mehr vor. Manchmal wird neben der Möglichkeit zur Erörterung so etwas wie ein Blog vorgestellt, zu dem man als Abschlussarbeit für acht Jahre Denken einen kurzen Kommentar posten soll. Mehr ist für eine Karriere, die fließend in einem Bachelor enden wird, nicht vorgesehen. (Früher hat man zum Bachelor B-Matura gesagt.) So tauchen mittlerweile ganze Jahrgänge an den Unis auf, die noch nie ein Stück Literatur gesehen haben, weil es ja für die Prüfungen nicht mehr vorgesehen ist. Daher eine kurze Belehrung: Literatur ist etwas, wozu man nicht mit „gefällt mir“ postet und wozu auch kein Hass-Kommentar abgegeben wird. In der Literatur werden probehalber Sachen ausgesprochen, die man in der Political Correctness nicht mehr sagen darf. Eine Glosse ist ein Stück Literatur, weshalb es wenig Sinn macht, dazu einen Daumen zu posten. Als Übungsbeispiel hier eine kleine Glosse, zu der man nichts posten kann. „Der ehemalige Bundespräsident Graugrau unterrichtet nach seiner Amtszeit an einer Zwerguni im Westen des Landes und verblüfft die Studenten immer mit der Eingangsfloskel: - Während meiner gesamten Amtszeit von immerhin zwölf Jahren habe ich keine einzige Sirene gehört! An dieser Stelle geht für die Studenten immer eine App auf und erklärt ihnen die sieben klassischen Fälle, wann Sirene eingesetzt werden muss: Bei starker Erst-Erektion des Tages (1), Fehlen der kleinen Tageszeitung (2), Angelobung von irgendwas (3), Jagdunfall (4), bei wiederholter Erektion (5), bei einsetzendem Wahn (6), bei Ausbruch einer Erkenntnis (7), etwa, dass vorne alles Design und hinten hohl ist.“

Helmuth Schönauer 16/06/16

 

 

STICHPUNKT 1605

Weiches Gewaltmonopol

Jetzt sieht man wieder, wohin das antiautoritäre und fotzenfreie Erziehungsprogramm führt: Seit die Kühe nicht mehr angebunden sind und in Laufställen gehalten werden, benehmen sie sich auf freier Weide wie die Schweine. Attacken auf Bauern und rotweiß-karierte Wanderer häufen sich. Der Kuh-Kammer-Präsident bestätigt, dass das Vieh „leicht selbstbewusster“ geworden ist. Jetzt fehlt noch die Bemerkung, dass das Vieh wegen des niedrigen Milchpreises so verrückt spielt. Irgendwann wird auch das pädagogische Kleinvieh aus unseren Schulklassen wild werden, wenn es groß ist und auf freier Gesellschafts-Fläche herumrennen muss. Momentan freilich gibt es einen solchen Ekel gegen Gewalteinsatz, dass man Polizisten sogar mit Losentscheid dazu verdonnern muss, die Grenzen mit Gewalt zu sichern. Noch dazu werden diese Polizisten wie Tiere in miesen Unterkünften kurz angebunden gehalten, während draußen für Touristen und Zweit-Wohn-Residierende nicht genug Sterne am Eingangsportal ihrer Laufställe kleben können. Wer die Gewalt verlernt hat, muss eben friedlich sein Leben zu Ende bringen und sich fallweise unerwartete Kuhattacken gefallen lassen.

Helmuth Schönauer 30/05/16

 

 

STICHPUNKT 1604

Kleine Wünsche in großen Zeiten

Für einen braven Durchschnittsmenschen ist es in komplizierten Zeiten gar nicht so einfach, ein großes Thema wahrzunehmen, geschweige denn darüber zu diskutieren oder gar eine eigene Meinung zu haben. Große Themen erkennt man in Österreich einerseits an der Publikationsleistung der Medien und andererseits am Aufkommen von Resolutionen. Wenn irgendwo Korrespondenten in ein Nest abkommandiert sind, handelt es sich dort um ein großes Thema, ganz egal, worum es geht. Jeder Korrespondent muss seine Anwesenheit herein spielen, deshalb wird die Sache so lange groß gekocht, bis der Aufenthalt vorbei ist. Oft ist das Thema noch da, aber der Korrespondent ist schon abgezogen, so dass auch das Thema abgezogen wirkt. Der zweite Indikator für große Sachen sind die diversen Petitionen und Resolutionen. Über Nacht schreiben diverse Verbände, NGOs und Neigungsgruppen über Sorgen, Forderungen oder Ängste, die der Öffentlichkeit übermittelt werden. Die meisten dieser Resolutionen enden unter einem Magnetknopf am Kühlschrank oder in der Nationalbibliothek, wenn sie von Autorinnen und Autoren unterschrieben sind. Man möchte meinen, gerade die Schriftstellerinnen und Schriftsteller würden sich in ihren Werken so klar ausdrücken, dass sie keinen Beipackzettel für politische Gesinnung brauchten. Aber offensichtlich traut man Verfasserinnen und Verfassern von Landkrimis und Jade-Haikus nicht zu, dass sie auch eine Meinung haben, weshalb sie diese quasi als Readymade mit Extrapost veröffentlichen müssen. Momentan sind große Zeiten, keine Frage. Diese großen Zeiten haben den Nachteil, dass kein Platz mehr für den wirklichen Ärger bleibt, mit dem man sich durch den Alltag zu schleppen weiß. Daher eine kleine Resolution an die Innsbrucker Verkehrsbetriebe, verfasst von einem Schriftsteller, der sonst erwiesenermaßen nur große Themen angeht.

„Bitte, liebe Verkehrsbetriebe, verschrottet den Bus mit der Wagen-Nummer 830. Er ist von Energiesparhinweisen an den Fenstern so zugepickt, dass wir nichts mehr sehen, wenn wir aus Versehen eingestiegen sind. Es ist vielleicht gut gemeint, dass wir unsere angekotzte Gegend nicht sehen sollen, wenn wir mit dem Bus fahren. Aber wir lieben diese Kotze, zumal wir im Westen in einem informellen Settlement wohnen, das von der Stadtregierung schon aufgegeben ist. Wenn sich der Bus nicht verschrotten lassen sollte, baut wenigstens einen formidablen Unfall ohne Personenschaden damit, so dass wir endlich wieder was sehen, wenn wir Bus fahren.“

Helmuth Schönauer 30/04/16

 

 

STICHPUNKT 1603

Wörterzaun zum Durch-die-Finger-Schaun

Das hat Christian Morgenstern als Sinn-begabter Schriftsteller durchaus im Auge gehabt, dass nämlich seine Hymne vom Lattenzaun einmal das wichtigste Gedicht einer Epoche werden wird. „Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.“ Spätestens seit das Zaun-Wort von den gutwilligen Sprachanwendern der Regierung verboten worden ist, ist es in aller Munde. Die Sprache nämlich sucht am liebsten jene semantischen Flecken auf, die tabu sind. Seit Generationen gibt es diesen Diskurs, wer die Sprache richtig verwendet und wer entscheiden darf, was ein Tabu ist. Meist generieren sich die Jungen eine Sprache gegen die Alten, die Mächtigen gegen die Untertanen. Der Sprache macht das nichts aus, sie ist immer fit und zur richtigen Stelle. Momentan haben wir zwei Sprachbaustellen, die sich mitten durch die Gesellschaft schlängeln. Einmal ist es die offizielle Ebene, die mit feinen Wörtern heiße Tatsachen verschleiern muss. So hat es einige Wochen gebraucht, bis man zum Zaun an der Grenze auch wieder Zaun sagen hat dürfen. Ähnliche Wörter sind Flut, Ansturm, Festung. Zuerst sind diese Wörter für die offizielle Anwendung gesperrt, wenn der passende Sachverhalt aber eingetreten ist, dürfen sie verwendet werden. Generell gilt eine Inkubationszeit von etwa zwei Monaten, bis geächtete Wörter ins Freie dürfen. In der Warteschleife liegen momentan unter anderem Asys für Asylwerber, Asylfucker für jemanden, der auf das Asylrecht scheißt. Ab Mai wird man diese Wörter verwenden können. Die zweite Baustelle liegt im scheinbar anonymen Untergrund der Cloud, wohin Todl und Tuttl ihre Blog-Einträge schicken. Hier beginnt sich erst allmählich eine Art Überlebens-Tonlage zu etablieren, seit das Strafrecht auch in Foren und Blog-Meistereien Einzug findet. Ein Meilenstein ist hier vielleicht jener Prozess, den die Erste Grüne im Land gegen einen braunen Landwirt geführt hat, der sich daraufhin weinend vor der Öffentlichkeit für seine dummen Sager entschuldigt hat. Die Sprache ist ein großer Schwarm, der uns alle tagtäglich zu mehr oder weniger tollen Aussagen bringt.

Helmuth Schönauer 24/03/16

 

 

STICHPUNKT 1602

Air and Schrei!

Noch Tage später wird das Programm FM4 immer wieder unterbrochen, um riesiges Geschrei aus Innsbruck zu senden. Erst nach der dritten Ausstrahlung des Geschreis kommt so halbwegs der Inhalt rüber. In Innsbruck haben sich 14.000 vor einer Hochschaubühne versammelt, um sich endlich Luft zu verschaffen und sich selbst schreiend zu befreien. Beim sogenannten Air and Style Event, bei dem es schon Tote gegeben hat, geht es um verrückte Sprünge in der Luft und verzückende Musik auf der Bühne. Der Beitrag des Publikums: Schreien und frieren. Heuer freilich ist der Wind aus den Löchern des Publikums so warm und heftig, dass der Event vor den entscheidenden Sprüngen abgesagt werden muss. Seit Generationen ist im österreichischen Unterrichtssystem Information über den Faschismus und dessen Abwehr Pflicht. Zu diesem Zweck werden meist Nazi-Aufmärsche vom Air- und Spalier-Gelände in Nürnberg gezeigt, wo auf der Bühne gnadenlos geschrien wird, bis das marschierende Publikum zurückschreit. So hat man sich zuerst offensichtlich Luft verschafft und am nächsten Tag ist daraus der Faschismus hervorgekrochen. Wenn man mit diesem Geschrei aus der Innsbrucker Eiswelt überrollt wird, fängt man automatisch zu sinnieren an. Dieses Air and Schrei ist offensichtlich nach faschistischer Dramaturgie aufgebaut, freilich ohne faschistischen Inhalt. Hoffentlich bleibt's dabei, sonst müssten sich unsere Nachfahren in den Schulen dereinst Filme über das Innsbrucker Air and Style anschauen, um das Böse abzuwehren.

Helmuth Schönauer 07/02/16

 

 

STICHPUNKT 1601

Wintermücken

Entweder Sie meiden die Gegend oder die Schwangerschaft! Jetzt werden weltweit seltsame Ratschläge von hilflosen Behörden ausgegeben, weil sich das Zika-Virus angeklammert an Milliarden von Mücken über die Kontinente ausbreitet. Dieses Virus feiert demnächst den siebzigsten Geburtstag, denn Viren gelten erst dann als existent, wenn sie der Mensch entdeckt hat. Beim Zika ist das 1947 der Fall gewesen. Wie alle Viren ist auch dieses sehr kreativ und überrumpelt die Menschen gnadenlos. Das aktuell wild gewordene ist sehr asozial und geht wie immer auf die Armen los. In diesem Fall sind es Schwangere in sanitär prekären Situationen, wobei den Föten das Gehirn verkleinert wird wie seinerzeit die Gliedmaßen durch Contergan. Eine ganze Schwangerschaftsgeneration ist aus dem Häuschen, weil die Kinder so kleine Gehirne haben. Aus mythisch-perverser Sicht gesehen braucht der Mensch vielleicht kein großes Gehirn mehr, da er ja die meisten Denkprozesse von früher in die Cloud ausgelagert hat. So lange das Hirn mit dem Display kommunizieren kann, merkt ohnehin niemand, dass etwas fehlt, das Hirn beispielsweise. Vielleicht ist das Virus eine stille Antwort auf die Cloud. Warum kriegen wir keinen Schnee und stattdessen blöde Wintermücken? Die Menschen suchen fieberhaft nach einer App, die dieses Problem löst.

Helmuth Schönauer 27/01/16

 

 

STICHPUNKT 1501

Erektions-App

Wenn man als Künstler das Pech hat, länger als eine Saison zu leben, muss man ständig auf die Umgebung reagieren und kommt überhaupt nicht zur Ruhe. Ständig muss man was Neues erfinden bis es schmerzt. Das waren noch Zeiten, als man um die Jahrtausendwende Tasten am Handy hatte, die meisten Meldungen verbal oder in einer SMS absetzen konnte, und tatsächlich etwas von einem Gegenüber zu spüren vermeinte, und sei es auch nur an den Fingerkuppen, wenn sie die Tasten drückten. Zur Jahrtausendwende wurden die Geschlechtsverkehre noch analog durchgeführt, echte Genitalien taten ihr Bestes, um das Gegenüber zu befriedigen, in der Lyrik wurden die Zeilen mit Schmatzen oder gar haptisch vorgetragen und vorgestikuliert, zwischen dem Publikum und dem Autor gab es etwas wie seismische Schwingungen, die es mit jeder Baumumarmung aufnehmen konnten. Mittlerweile ist alles digitalisiert und das Gegenüber ist die Cloud, mit der man via App verkehrt. Als Künstler muss man seine Werke zuerst digitalisieren oder man wird gleich zum App-Künstler. Ich habe nach reiflicher Überlegung diesen Weg eingeschlagen und bin nun gerichtlich anerkannter App-Schriftsteller. Die wichtigsten Apps schaffe ich mir selber oder lasse sie mir patentieren. Ich lebe nur noch von und für die Apps, ohne Menschen, ein Segen kann ich nur sagen. Meine drei überlebenswichtigen Apps möchte ich hier nicht verschweigen. 1. Das Schuss-App, da kann ich mir, ohne dass ich eine Schützenuniform anziehen und außer Haus gehen müsste, einen Schuss herunterladen, ohne Kommando und Salutieren. 2. Das Gender-App, da wird alles, was ich sage oder schreibe, sofort gegendert, ich bin immer korrekt unterwegs, habe nur Freundinnen, auch wenn ich unverständlich wirke. 3. Das Erektions-App, da kann ich immer auf Prozent genau sehen, wie hoch mein Ständer aufgeladen ist. Es erspart mir auch die früher so lästige Anmache. Ich verschicke meinen Ständer über die Erektions-App in die Cloud, und dort wird alles wieder von einer guten Seele in Ordnung gebracht. Ich kann mir ein Leben ohne App nicht mehr vorstellen.

Helmuth Schönauer 13/01/15

 

 

STICHPUNKT 1419

Einipulvern, aussipulvern

Die sogenannte Jahres-Wasserscheide ist jeweils der Höhepunkt der Zeitrechnung. Das eine Jahr rinnt irgendwie südlich den Bach hinunter, während sich das neue Jahr nördlich seinen Weg bahnen wird oder umgekehrt. An dieser imaginären Zeitklippe werden selbst die mittelmäßigsten Menschen zu introvertierten oder extrovertierten Hasardeuren, die sich kurz der Gegenwart stellen, die sich auch um Mitternacht nicht anhalten lässt und sich ritsch-ratsch in Zukunft und Vergangenheit gleichermaßen auflöst. Die Extrovertierten sind die sogenannten Aussipulverer, die alles, was sie gerade an Kohle übrig haben, in Raketen und Alkohol anlegen und mit offenen Händen hinauswerfen. Manch einer hält dabei den Böller zu lange in der Hand und sprengt diese gleich weg als Gruß ans neue Jahr. Die Introvertierten freilich machen auf Besinnung und übergeben das verflossene Jahr der Geschichte. Vor allem Archivare, Dichter und Historiker packen alles, was vom vergangenen Jahr übriggeblieben ist, in Kisten und überantworten diese einem Bunker in der Hoffnung, dass nachfolgende Generationen ihr eigenes Leben unterbrechen werden, um diesen gespeicherten Scheiß zu lesen und aufzuarbeiten. In Sonderschichten müssen Journalisten diverser Medien ihre ausgestrahlten und ausgedruckten Meldungen kurz für einen  sogenannten Jahresrückblick zusammenfassen, ehe sie dem Vergessen überantwortet werden. Manch einer legt dabei eine kleine Besinnung hin, die ihm das ganze Jahr über nicht gelungen ist. Der Literaturchef im ORF-Tirol etwa verpackt das  persönlich gehaltene Resümee in eine grandiose Fügung: „In Tirol gibt es sehr viel tolle Kultur, aber letztlich haut einen nichts vom Sessel.“ Hinter dieser recht ernüchternden Formulierung steckt letztlich die Tatsache, dass die offizielle Kultur im Land von Fünfzig-Plus-Jährigen gemacht wird, die sich fallweise als Journalisten, Künstler, Beamte oder Publikum ausgeben. Diese unaufgeregte Kultur verschönert das Leben durch das ganze Jahr. In eine Krise gerät diese wohldosierte Lebensform höchstens zu Jahresende, wenn absolut nichts übrig bleibt, was man entweder in die Luft aussipulvern oder ins Archiv einipulvern könnte.

Helmuth Schönauer 29/12/14

 

 

STICHPUNKT 1418

Früh-Aufklärung

Mit der Sexualpädagogik muss unbedingt im Kindergarten begonnen werden.

-Fick gerade!

Befehl mit Zeigefinger an das Kind, das den Struwwelpeter ablehnt und nicht gehorchen will. Die Eltern wollen es am nächsten Tag der offenen Tür mit in das Bordell nehmen, damit das Kind schon früh mit der Realität in Berührung kommt.

-Darf ich dann auch ficken?

-Ei freilich.

Helmuth Schönauer 01/11/14

 

 

STICHPUNKT 1417

Ich untersage meine Ausstopfung

Manche DichterInnen küsst der Staat mit einer Ehrung, andere mit einem Gerichtsverfahren. In der GAV sind die Geehrten eindeutig in der Überzahl, weshalb sich dort generell eine sehr Staats-devote Haltung durchgesetzt hat. Im Sinne einer kalten Enteignung des Hirns, wirtschaftlich könnte man auch von einer feindlichen Übernahme sprechen, arbeitet die GAV jetzt mit dem Grillparzer-Museum zusammen. Die Direktorin der Nationalbibliothek, die von der IG Autoren zum Rücktritt aufgefordert ist, solange sie nicht den Ausverkaufsvertrag mit Google offenlegt, ist plötzlich Gastgeberin für ein Service, wo GAV das beisteuern kann, was sie am besten kann: Das allmähliche flutschen lassen von Gegenwartsliteratur in ein Museum. So lange meine Urheberrechte diffus an Google verkauft werden, und nicht einmal der Nationalrat Einsicht in den Vertrag hat, weil die Nationalbibliothek zwar das Pflichtexemplar kassiert, aber der NR keinen Einblick in die Geschäftsgebarung mehr hat, möchte ich nicht in einer Vitrine gelagert werden, bei der Geldgeber, Ideologie und Akteure im Dunkeln liegen. Meine Literatur ist nicht für ein Museum geeignet, dazu ist sie zu Lebzeiten staatlich zu sehr verfolgt und geächtet worden. Ich will nicht, dass GAV meine Literatur für perverse Diskussionen über die prekäre Situation der Schriftsteller nützt, die abschließend wie in einem Höfe-Museum für Touristen und Bobo-Kids ausgestellt und missbraucht wird. Wenn unsere Literatur zu Lebzeiten schon nicht gelesen wird, dann soll man sie erst recht nicht in die Vitrine legen und im Grillparzer-Hofratsmuseum zur Schändung freigeben. Gerade als wir in der IG uns bemühen, den nationalistischen Fokus des Schulfaches Deutsch mit der Benennung Deutsch und Literatur zu entschärfen, gerade als Robert Menasse uns Österreichern empfiehlt, auf dem Weg zu Europa unseren folkloristischen Nationalismus zu überwinden, wird ein nationalistisches, habsburgisches Kronmuseum geschaffen, in dem die zeitgenössischen Autorinnen und Autoren in Schauinterviews ihre miese Lage vor Touristen darlegen können, als eine Art Geistesfleischkäs aus Lipizzaner-Brät geschnetzelt. Die GAV-Delegation, die diese Kooperation ausgetüftelt hat, ist wahrlich ins Boot des Literaturmuseums gefallen, wie sie es selbst bezeichnet. Ich untersage die Verwendung meines Namens für diese Selbstaufgabe, ich untersage dem Literaturmuseum jegliche Verwendung meines Namens oder meiner Texte. Wenigstens im Protokoll der Vorstandssitzung, das manchmal von der Hälfte des GAV-Vorstandes gelesen wird, soll vermerkt sein, dass ich mich als von der Republik verfolgter Schriftsteller von dieser Kooperation verarscht fühle.

Helmuth Schönauer 15/10/14

 

 

STICHPUNKT 1416

Die Railjet-Ranger

Noch sind sie selten anzutreffen, das heißt es gibt mehr Railjets als Ranger. Aber bald wird in jedem Waggon an einem Vierer-Tisch eine Karten spielende Uniform-Partie sitzen, die wie seinerzeit die Vier im Jeep durch die Gegend braust. Einheimische Soldaten hocken in einheimischen Zügen und spielen ein einheimisches Spiel, meistens irgendwas am Bildschirm, manchmal auch pures Schnapsen, selten Tarock. Für die Auslandsstrecken über das deutsche Eck oder nach Budapest hinein gibt es eine wohlwollende Bewilligung, zumal die Ranger unbewaffnet sind und die Mütze auf fremdem Terrain respektvoll zusammengerollt auf der Schulter festzurren. Und die Kekse, die dieses Personal hochachtungsvoll trägt, werden gerade in Bayern und Ungarn mit ihren rechten Regierungen gerne gesehen. Eine rechte Regierung fährt immer auf Abzeichen und Kekse ab, darin verrät sie sich mit ihren Werten. Entstanden ist dieses moderne Rangertum wie immer aus einem unterzuckerten Budget heraus. Seit sich das Bundesheer immer öfter keine Transporte mehr mit Heeres eigenen LKW leisten kann, müssen eben alle Bahn fahren. Oft stehen die Rekruten auch vor verschlossenen Kasernen, weil diese gerade wegen Baufälligkeit gesperrt worden sind. Was liegt also näher, als diese Rekruten mit den Railjets herumreisen zu lassen. Wenn sie in Wien im Sud eindösen, gleiten sie hinüber nach Budapest und fahren anderntags nach einem kurzen Soldatenfick wieder zurück in die Heimat, wo sie für Ruhe und Gelassenheit sorgen. „Diese Railjet-Ranger sind ungemein beruhigend, ich fühle mich total sicher!“ sagen die Passagiere der Reihe nach, zumal die Bundesheerler niemanden belästigen und meist Mitleid auslösen. Immer öfter brechen auch Zivildiener ihren Einsatz an einem alten österreichischen Rentner-After ab und satteln auf das Bundesheer um, dem jetzt der große Relaunch gelungen ist.

Helmuth Schönauer 18/09/14

 

 

STICHPUNKT 1415

Wässrige Nachrichten

Kinder werden vom Wasser magnetisch angezogen, sagt der Tiroler Trivial-Meteorologe und beugt sich hinunter mit dem Mikrophon Richtung Bächlein in Tulfes. Gleich darauf kommt ein großes Kaliber ins Bild, der breite Schädel Brunzis verkündet, dass es zwar mit dem Strompreis bergab geht, das Kaunertal aber dennoch gebaut werden muss. Wir genießen diese sprachlichen Elemente, die uns an jene Zeiten erinnern, als das Bundesheer noch Schnaps in den Wasserflaschen hatte. Daneben verschluckt sich ein stotternder WWF-ler an den eigenen Tränen, wenn er sich vorstellt, was alles den Bach hinuntergeht und dabei eine Turbine antreibt. Auf einem anderen Kanal, den wir mit flüssiger Zapp-Bewegung ansteuern, wird ein Mühlviertler gezeigt, der statt in die Arbeit rechts abzubiegen mit seinem Mini einfach in die Donau gefahren ist in aller Früh. Die Mühlviertler sind für Oberösterreich das, was in Tirol die Osttiroler sind, nämlich unfallgefährdete wiffe Köpfe, die zwischendurch Probleme mit den Helligkeitsabstufungen haben. Dunkel ist es draussen beim Kreisverkehr und vollkommene Finsternis in der Donau selbst, wo jetzt die Feuerwehrleute zur Arbeit tauchen, indem sie rechts unter dem Schiffsverband abschwenken. Wenn es dabei um eine Richtungsänderung geht, geht es immer nach rechts! Und schon pumpen sie wieder die Freiwilligen Feuerwehren, jeden Tag geht vor den Kameras ein Sturzbach über und flutet die Pixel-Speicher in der Cloud. Da schon wieder, ein Gastwirt traut seinen Augen nicht, als im Kanal vor seiner Veranda eine Mutter mit ihren zwei Kleinkindern abzusaufen droht. Nicht im Fernsehkanal, im echten Kanal! sagt er immer wieder als er sich von seinem Einsatz abtrocknet. Lebensrettung ist eine feuchte Angelegenheit. Über das Wasser gebeugt spricht der Wassergeist die erlösenden Worte: Das Erbe der Väter kann auch ein Arschloch sein.

Helmuth Schönauer 16/09/14

 

 

STICHPUNKT 1414

Entwurf für einen digitalen Schäferroman

Der Schäfer der Gegenwart sitzt mit seinem Allrad-Dacia irgendwo in einer Einkerbung des Lechtales und onaniert, während er sich die neuesten Tarife eines Handy-Spezialisten durch Ö3 durchgeben lässt. Eigentlich will er bloß einen möglichst nahen Verkehrsfunk hören, denn er sitzt in der Nähe des Hahntennjochs und da sind immer die Grauhaarigen unterwegs, die es pünktlich ab- und ins Grab wirft. Ö3 am Punkt mit Punkt oder so, aber dann gibt es doch noch ein paar Konsumhinweise, so dass der Schäfer seine Schafe vergisst und wahrscheinlich etwas kaufen wird, in Imst vielleicht oder in Reutte oder gar in Füssen. Zum Kaufen brauchst du eine Stadt, im Schäferland kannst du dir nichts kaufen und auch der Speck unter dem Schweizer Messer zerbricht erstaunlich künstlich, weil er seit der Geburt des Ferkels sehr künstlich ist, eigentlich seit seiner Zeugung. Ein Ferkel musst du so lange künstlich zeugen, wie das Schnitzel später im Fett liegen muss oder der Speck in seiner Kunst-Panier aus Rauch und synthetischen Gedärmen. Nein das sind schon die Würste, die der Schäfer erst am Abend essen wird, wenn er sich vorher etwas Ordentliches in Reutte gekauft hat, ein neues Galaxy vielleicht. Immerhin ist er jetzt mit dem Wixen fertig und kann den Sender im Dacia ausmachen, die Hose hochziehen und draußen auf die Schafe schauen, die sich in einer Ecke der Botanik gegenseitig die Genitalien lecken, was als Lämmchen-Schulung durchgeht, wenn der Wolf als Polizist kommt. Jetzt gibt es aber erst mal einen Red Bull, denn nach dem Wixen stellt sich immer ein leises Kopfweh ein, mit diesem süßen Duft schon geht alles weg und es ist wie ein Formel 1 Sieg über das Führer-Auto Mercedes, wenn du einen Red Bull getrunken hast an die Hecktür des Dacia gelehnt. Der Schäfer blickt kurz auf die Schäfer-App, die ihm in Echtzeit zeigt, dass soeben zwei Schafe verendet sind. Er müsste sich jetzt gleich hin navigieren zu den Kadavern, damit er die Ohren-Marken noch frisch aus den Löffeln ziehen kann, denn ohne diese Subventions-Köder ist die ganze Schafzucht sinnlos, in der EU gilt nur, was als amtlicher Schaf-Code vorliegt. So ein Schaf besteht zu neunzig Prozent aus Subvention und zehn Prozent Wasser, weshalb Schafe bei Trockenheit auch sofort eingehen. Ah, bingo, noch zwei Schafe sind kaputt! - Für solche Fälle ist an die Schäfer-App eine Excel-Tabelle angeschlossen, auf der man hoch und quer den Ist-Stand auf der Alm ablesen kann sowie den Informationsstand der Schafbesitzer, schließlich ist der moderne Schäfer bloß ein Shareholder seiner Schafe.

Helmuth Schönauer 29/07/14

 

 

STICHPUNKT 1413

Geleaste Unfälle

Je weiter der Kapitalismus voranschreitet, umso mehr klumpt sich der Besitz um ein paar Wenige zusammen. Die Habenichtse müssen eben sehen, wo sie bleiben. Zum Trost für sie: Den Scheiß, den der Kapitalismus meistens anbietet, muss man nicht einmal als Hartz-Vier-Mensch (Tier?) besitzen. Als raffinierte Übergangsform bietet sich immer das Leasing an, Auto sowieso, aber auch die Bücher wandern in den Leasing-Modus ab und nicht etwa in die Leihbücherei. Das E-Book ist nichts anderes als ein Leasingvertrag auf Zeit, so dass man digitalisierte Zeichen für gewisse Zeit angaffen darf, ehe sie verlöschen und die Rechte wieder an den Anbieter zurückfallen, nicht aber an den Autor. Aber auch so blöde Dinge wie Unfälle werden im Zeitalter des Spätkapitalismus ausgesourcet. Nur mehr in Osttirol sind die Unfälle heimisch und eigenfinanziert, wenn etwa der vom Selbstgebrannten eingespritzte Bua auf dem Weg zum einheimischen Madl in den nächstbesten Baum crasht, der ein Natura-2000-Dokument darstellt. - Einheimisches Krankenhaus oder Friedhof der einheimischen Seelen sind die Endstationen einer solchen autochtonen Investition. Beim geleasten Unfall hingegen kommt die einheimische Gegend nur als Staffage für die Rettungskette vor. Berühmt sind Motorrad-Unfälle sogenannter EU-Deutscher auf Bergstraßen des Außerferns, die in den Haarnadelkurven des Hantennjochs verunglücken, sterben oder notamputiert nach Murnau geflogen werden. Diese Leasing-Unfälle hinterlassen keinen direkten Nutzen, wohl aber erzeugen sie hohe Umweg-Rentabilität. Für einen toten Motorradfahrer aus Deutschland kommen am Wochenende drauf gleich hundert neue Glüher, um zu sehen, wo ihr Kollege gestorben ist und ob die Strecke wirklich so wild ist wie im Unfallbericht angegeben. Die Unfälle werden geradezu in Auftrag gegeben, könnte man meinen, der Nutzen für den Tourismus ist hoch, zumal man für diese geleasten Unfälle nur etwas lockeres Bankett locker machen muss. Und die Rettungskette kommt Woche für Woche zu ihrer vorgeschriebenen Übung.

Helmuth Schönauer 22/06/14

 

 

STICHPUNKT 1412

Schweizer Problem

Wenn der Bus vorne beschriftet ist und nach Telfs oder Schwaz fährt, wohin fährt dann der Anhänger? Und warum ist er nicht ebenfalls beschriftet? Und warum sitzt nie jemand drin im Anhänger? Der Verfasser dieses Problems ist meist ein Schweizer, heißt nach Möglichkeit Jakob oder Urs und hat eine Zeit lang eines dieser sauberen Schweizer Literaturhäuser geleitet, die auf solche Ungenauigkeiten des Lebens spezialisiert sind. Nach ein paar Jahren, wir wissen noch nicht wann, vermuten den Grund aber im System Literaturhaus, wird so ein Leiter dann so dement, dass er nur noch zum Verfassen von Lyrik geeignet ist, die er tagsüber in ausgedünnter Schrift verfasst und abends vorm Schlafengehen durchstreicht, damit er besser einschläft. Diese abgezwackte Lyrik wird dann mit dem nächstbesten Railjet nach Innsbruck transportiert, wo sie eingedampft auf sechzehn Seiten im Haymon Verlag erscheint. Die Verleger erscheinen dem normalen Leser wie Riesen, die auf das Selbst-Verfüttern von trockenem Gras aus sind, und beim Umblättern dieses harmlosen Zeugs riecht es oft nach Vogelheu. Wohin fährt dieser Anhänger nun wirklich, der im Halbstundentakt immer artig hinter dem Bus grinsend vor der Uni vorfährt? - „Heinrich, wir fahren immer der Achse nach“, sagt ein sprechender Beiwagen unvermittelt, „und siehst du, es sitzen nie Leute drin, weil darin sitzend niemand wüsste wohin.“

Helmuth Schönauer 31/05/14

 

 

STICHPUNKT 1411

Den Ausstieg gut eincremen!

Was ein guter Körper ist, schreit Tag und Nacht nach eincremen. Bislang ist man sich nur in pervers ausgeleuchteten Seitenkammern des Lebens mit der Creme ins Gesicht oder zwischen die Beine gefahren. Jüngster Trend jedoch ist das Eincremen von Primär- und Sekundärgenitalien in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wer kann, cremt sich ein und schmiert damit die Haltestangen und alles ein, was man in einer Tram so angreifen kann, damit alles quietscht und gleitet vor Geilheit. Auf dem Signalknopf zum Aussteigen sind ganze Tuben aufgecremt. Manche dieser Creme-Girls haben auch ein kleines Hündchen, das an der Creme schlecken darf, ehe es in der weißen Paste verrieben wird. Aber auch die Männchen cremen, wenn sie in den Öffis sitzen. Heute hat so ein Austauschstudent so stark gegähnt, dass man in seinem Mundloch über das Zäpfchen hätte aussteigen können. Daraufhin hat seine Freundin seine Hände wach gerieben mit einer Bronze-braunen Creme, einen ganzen Tiegel voll, damit er die Alpen aushält, auf die er auch sofort hinauf geschaut hat, damit die Creme schneller eintrocknet. Neben mir auf einem Display leuchtet Butterflicker, seit einem Jahrzehnt schon befriedigt mich dieser Name, während er in Algerien Schrecken auslöst. Jetzt hat er sich wieder wählen lassen, sitzt bereits beschlaganfallt in seinem Rollstuhl, die Frisur ist genial, die wenigen Haare quer über die Glatze ausgelegt. Da er sich nicht viel bewegt, auch politisch nicht, bleibt die Frisur makellos für ein paar Stunden, die Frisur ist das wichtigste bei Diktatoren und Bibliothekaren. Für Butterflicker ist der Ausstieg schon längst eingecremt, aber er will nicht aussteigen.

Helmuth Schönauer 06/05/14

 

 

STICHPUNKT 1410

Mit dem Rasenmäher durchs Budget

Das Rasenmähen gilt als das letzte Abenteuer. Man kann dabei die Finger verlieren, wenn man dann doch unten hinein greift, weil sich das Gras am Propeller verwickelt hat. Gerade das doofe Nebenerwerbsgras der Zweitwohnsitze ist völlig widerborstig, weil es sinnlos ist und ständig von zu hartem Hundeschiss versiegelt wird. Wir bewohnen die mittlere Wohnung und können Rasenmähen, so viel wir wollen. In der unteren Wohnung kommt manchmal jemand von den Erben vorbei. Diese Absteige ist ein Versteck für Sachen, die noch nicht versteckt sind. Vielleicht ist es auch nur eine Bude, die aus einer Steuerhinterziehung hervorgegangen ist. Oben sitzt der neunzigjährige Herr Doktor, er ist sehr nett, wenn er das Hörgerät nicht drin hat. Wir können sehr laut sein. Demnächst werden wir ihm die Drähte des Hörgeräts abzwicken und die Story neu booten. Wir werden ihm über Funk mitteilen, dass er uns die Bude überschreibt, als innere Stimme oder so was. Wenn die ganze Chose einmal uns gehört, stellen wir auch das Rasenmähen wieder ein, irgendwie ist es ja doch gefährlich oder zumindest sinnlos.

Helmuth Schönauer 22/04/14

 

 

STICHPUNKT 1409

Diese sinnlosen Standpunkte

Manche Tibeter fangen zu weinen an, wenn der Name Dalai Lama fällt, und beklagen ihr Schicksal in China, dass sie nicht zu seiner Heiligkeit reisen dürfen. Seit der Dalai Lama von Tibet ausziehen musste werde ich etwa gleich lang in Tirol von einer Arschloch-Partei drangsaliert. Sechzig Jahre lang als Künstler unter den Pfoten von Ignoranten und Wahnsinnigen zu leben ist kein Honiglecken. Aber ich muss als Künstler durchhalten, so groß das Arschloch ober mir auch sein mag. Und dann diese Aufregung in der aktuellen Geschichte der Ukraine. Es geht letztlich darum, dass sich ein Staat von seinen Untertanen zurückzieht und sagt: - Macht ohne mich weiter, ich weiß nicht mehr weiter! Dagegen hält eine wundersame Anarchisten-Versammlung, wo ein paar Soldaten zu den Aufständischen sagen: - Nehmt die Radpanzer und Waffen, wir schießen nicht auf euch, aber tut es auch nicht, wir schmeißen alles hin, denn wir wissen nicht, warum wir schießen sollen, weil wir selber nicht wissen, wo wir stehen. Da ist jeder Staat am Ende, wenn seine Soldaten sagen, verpiss dich, anstatt wie ausgemacht mit dem erstbesten Massaker zu beginnen. In Österreich hat das Volk entschieden, dass die Rekruten und Zivis zu den Aftern der Alten eilen sollen, um sie zu wischen. Das ist an manchen Tagen wie Tibet und die Ukraine zusammen.

Helmuth Schönauer 21/04/14

 

 

STICHPUNKT 1408

Zauberformel Oaschloch

An der Endstation des 13 A in der Wiener Skodagasse hat der Lenker noch Zeit für eine Zigarette und liest nebenher in einem E-Book. Die modernen E-Books sind so raffiniert abgeschattet, dass man sie im Freien vor einem Bus stehend lesen kann. Die Menschen rasen mit dem schnell geklebten Schuhwerk aus Bangladesh dem Bus zu und bremsen schwarze Streifen in den Asphalt, als sie den eingefroren bedächtigen Lenker in seiner Pause sehen. Der Platz ist erfüllt von Beschaulichkeit und sozialer Emotion, denn Lesen beruhigt auch andere, die jemandem beim Lesen zuschauen. Wir alle wissen nicht, was da am Display aufleuchtet, aber es ist ein kompakter Text, denn der Lenker blättert mit dem Daumen um und ist mit dem Gerät verschweißt. Jetzt fahren wir hinein in die Hochburg der Grünen, die hier mit talibanischen Manieren auf den Gehsteigen herum kurven und mit den Fahrrädern alles anpöbeln, was nicht sofort Hallu Vassilaku schreit. Ein feister SUV versperrt dem 13 A die Weiterfahrt. Jetzt geht die Kraft des E-Book-Textes verloren, der Fahrer schreit fünfmal Oaschloch, ehe die Fahrbahn frei wird. Wir lernen daraus, dass Lesen zwischendurch beruhigt, zumal wenn daneben eine Zigarette geraucht wird. Veränderung bewirkt aber nur die Zauberformel Oaschloch, die auch in guten Romanen vorkommt, wenn der Held in Bedrängnis ist. Ich verwende in meinen Romanen regelmäßig das Oaschloch, weil meine Romane ja etwas bewirken sollen. Ab und zu erscheint dieses Zauberwort auch als Buchtitel wie im berühmten „Ich war ein Arschloch“, wo deshalb alles gut ausgeht, obwohl der Held Walter Aloh ziemlich in Bedrängnis gerät.

Helmuth Schönauer 05/04/14

 

 

STICHPUNKT 1407

Die Düse tritt ab

Wegen seiner jahrzehntelangen Lärmentwicklung wird der Innsbrucker Flughafendirektor von den Lärm-Geplagten „Düse“ genannt. Jetzt tritt die Düse ab, nicht ohne noch einmal mit einem lauten Interview Geräusch zu machen. „Der Flughafen Innsbruck ist an seinen Grenzen angelangt und wird nicht mehr weiter ausgebaut!“ Dem ist natürlich mit Skepsis zu begegnen, der Flughafen nämlich hat in den letzten Jahrzehnten so ziemlich alle angelogen, die auch nur in die Nähe seiner Startbahn gekommen sind, egal wie lange die Bewohner schon in den frisch geschlagenen Lärm-Flugschneisen wohnen. Man denke nur an diese unsägliche Argumentation, wonach die Innverlegung keine Verlängerung der Startbahn darstellt sondern eine international notwendige offensichtlich optische Maßnahme zum Augen-Auswischen ist. „Am Vormittag in Skandinavien einsteigen und am Nachmittag im Ötztal auf der Piste wedeln, das ist Qualität!“ Freilich liegt dazwischen das akustische Nadelöhr Flughafen, der die Hälfte des Jahres über jede Woche mit 72-stündigem Luftterror das halbe Land krank macht. Wie krank dieser Flughafen ist, merkt man erst, wenn man an Wochenenden weg fährt und überall Stille erlebt gemessen am Lärm in Innsbruck. Jetzt müssen wir offensichtlich alle warten, bis die Touristen in Innsbruck ausbleiben, weil sie sich nach Frankfurt oder ins Erdinger Moor versetzt fühlen, wenn sie aufs Goldene Dachl glotzen. Dann geht der Terror vielleicht zurück, wenn er die eigenen Schweine trifft. So ist das in der Wirtschaft, du musst sie mit Gegenwirtschaft ruhig stellen, und dann rennen sie erst recht zum Staat und lassen sich alles abgelten, was sie verbockt haben. Ein feiges System, das auf die Menschen spuckt, die sie mit kleinen Flügen bei Laune hält wie jene Innsbrucker Pensionisten, die dann eine Woche Korfu fliegen dürfen um zu sehen, ob es denen auch wirklich so mies geht wie im Fernsehen angedeutet. In der ersten Klasse wirst du Jesus nicht finden, soll der Papst neulich gesagt haben, am Innsbruck Flughafen ist er aber sicher auch nicht anzutreffen, wie wohl dort schon einmal ein polnischer Segens-Künstler gelandet ist.

Helmuth Schönauer 31/03/14

 

 

STICHPUNKT 1406

Hansi Bircher

Manche Gesichter entwickeln ihre volle Werbe-Tragkraft erst, wenn man sie beim Scheißen zeigt. Dieses befreiende Grinsen einer von einem Produkt herunter glotzenden gequälten Seele ermuntert üblicherweise zum Kauf dieses Tiegels oder jener Dose, denn wenn auch alles sinnlos ist, so erlöst doch der versprochene Schiss ungemein. Manchmal aber geht das Werbekonzept voll in die Hose und die Kundschaft scheißt sich vor dem Regal an, ohne etwas in den Einkaufswagen gelegt zu haben. Aktuelles Beispiel für einen Schnell-Schiss ist das Bircher Müsli vom Milchhof Tirol. Seit die patriotische Milchfirma an die Oberösterreicher verkauft worden ist, stimmt hinten und vorne nichts mehr. So merkt man gleich, wie die Oberösterreicher ticken, die glauben nämlich, dass es ein gutes Gefühl erzeugt, wenn Hansi Hinterseer vom Müsli tropft. Das Gegenteil ist der Fall. Der Tiroler greift sich, wenn er Hansis Visage ansichtig wird, mit einem Reflex an den Hintern, ob dort schon der Hinterseer heraus gekommen ist oder sich vielleicht noch etwas verklemmen lässt. Der nächste Reflex geht sofort an die Waden, wo üblicherweise die Zotteln eines Eisbär-Stiefels heraus wuchern, wenn man sich nicht schnell genug vom Winter und dem Wintergesicht des Barden abwendet. Und der dritte Reflex zischt an die Frisur. Wer in den Fokus vom Hansi-Face gerät, dem gehen sofort die Haare aus und er muss sich eine verfilzte Waben-Frisur eintun wie der Sänger, wenn er sich gegen das Sonnenlicht stemmt. Patrioten und Pragmatiker: Wenn ihr ans Jogurt-Regal kommt, wo dieses doofe Gesicht vom Hansi-Bircher glotzt, geht schnell weiter, es ist eine miese Werbekampagne für ein mieses Produkt, und wenn ihr ihm euch dennoch nähert, gehen euch die Haare aus und euch wächst ein Lawinen-weißes Fell an den Füßen und in euren Hosen sprudeln Sachen, die ihr nie gegessen habt!

Helmuth Schönauer 22/03/14

 

 

STICHPUNKT 1405

Kopf-Rollator

Rekonvaleszente treibt man im Frühjahr mit dem Rollator ins Freie hinaus, damit sie etwas Luft kriegen nach dem Winter und ein wenig die Witterung spüren auf der Haut. Diese kaputten Typen latschen dann verloren in der Umgebung herum, die sie nicht mehr authentisch spüren, weil sie längst in die digitale Empfindsamkeit des Fernsehens gewechselt haben. Regen, Asphalt-Schlieren und Hundeschiss kennen sie sonst nur noch aus Magazinen und ihnen hängt die Zunge heraus nach der Hausumrundung, sie wollen wieder heim vor den Fernseher. Mir geht es mit den Geschäften im Sillpark ähnlich, manchmal treibt es mich mit dem Kopf-Rollator hinein ins Kaufhaus, ich strolche die Kojen hinunter und mir kommt die Kotze hoch vor Angst, irgendetwas kaufen zu müssen. Jetzt habe ich mir einen Bademantel einpacken lassen, damit ich Konsum habe und spüre, wie diese Welt so tickt, der alle Welt nachrennt und wofür jeder die Seele verkauft, damit er in den Konsum gerät. Manchmal habe ich eine Idee, wie alles gut wird, wenn ich etwas Kluges erfinde. Einen Rollator zum Schiffen zum Beispiel, mit dem fährst du vor die Muschel und lässt es zischen. Für hartnäckige Stunden ist ein kleiner Container eingebaut, etwa blasengroß. Es ist eine anstrengende Tour mit dem Einkaufs-Rollator durch den Tschibo zu wackeln, nicht jeder packt es bis zur Kassa, manchen packt zuvor Todesangst und er flieht, aber wohin? Es gibt keinen einzigen Flecken ohne Konsum auf dieser Welt, das System ist lückenlos installiert.

Helmuth Schönauer 02/03/14

 

 

STICHPUNKT 1404

Mäßig gelungene Hinrichtung

Wie immer liefern die Amis den besten Stoff, wenn es um Hinrichtungen, Gewalt und Gericht geht. In Ohio geht mit Krawatte ein 53-Jähriger zur Hinrichtung, geschmückt, als ob es eine Firmung wäre. Ein bisschen erinnert er an Charles Bronson, der in seinen Filmen ja stets Gefängnisstufen bergauf bergab hinter sich bringt. Die Tat, Vergewaltigung einer Weißen und Ermordung, liegt fünfundzwanzig Jahre zurück. Genau um 1989 haben wir an der Uni zu digitalisieren begonnen, was aber kein Verbrechen ist. Es soll nur zeigen, wie lange es oft braucht, bis auf die Tat die Hinrichtung folgt. Die aktuelle Hinrichtung Marke Ohio soll je nach Lesart zwischen zehn und fünfundzwanzig Minuten netto gedauert haben. Krämpfe, Schmerzen und Widerwillen zu Sterben sollen den Delinquenten begleitet haben. Das neue Exekutionsmittel hat eben nicht diese verlässliche Wirkung wie jene europäischen, die gut hinrichten ohne Nebenwirkung, aber von den Europäern verboten worden sind. Ein überaus cleveres Hinrichtungsmittel stammt übrigens aus der Tiroler Biochemie Kundl, wo man Weltniveau erreicht hat, was Hinrichtungsmittel betrifft. Vor allem dass die Stoffe biologisch abbaubar sind, wird allenthalben goutiert. Jetzt klagen die Angehörigen den Staat Ohio auf Schmerzensgeld, weil der Delinquent furchtbare Schmerzen gehabt haben soll. Der Staatsanwalt kontert wie in einem Dramulett von Antonio Fian: „Der Delinquent hat kein Recht auf schmerzfreie Hinrichtung!“ Tirol-Reisende, die Bekannte aus der herrschenden Klasse in Ohio besuchen, könnten übrigens ein paar Fläschchen Hinrichtungsmittel aus Tirol als Mitbringsel einführen, zumindest für den Eigengebrauch sind diese Stoffe zollfrei.

Helmuth Schönauer 27/02/14

 

 

STICHPUNKT 1403

Mein Tagebuch in hundert Jahren

Tagebücher werden gerne vor die Kamera gezerrt und geframed, also mit einem journalistischen Tagesrahmen versehen. In Tirol heute zelebriert gerade Georg Laich hundert Jahre Erster Weltkrieg und zitiert aus den Aufzeichnungen eines Kaiserjägers oder was, der blöd schaut, als er in Kriegsgefangenschaft von einem jüngeren Franzosen ausgesackelt wird. Generell verdanken Tagebücher ihren Sinn einem Unglück oder Tumult. So werden in Kiew soeben Gigabytes voller Unglücksnachrichten verschossen, als digitale Untermalung der fünfundzwanzig Toten aus der ersten Nacht. Aus Lviv kommt die tolle Nachricht: „Dabei wurde eine Behörde überfallen und zerstört.“ So macht man das mit den Behörden! Dem allen steht ein Fontane-Anfall meinerseits gegenüber. Der Stechlin ist als Pfütze mit der Außenwelt verbunden, die Position des alten Stechlin modert, noch während sie erzählt wird. Fontane ist vor allem alt, senil abgewatscht, und dennoch seltsam frisch auf seine greisen Tage. Ein Vor-Klon vom Adenauer gewissermaßen, stur im Zustand einer reziproken Pension. Schriftstellerisch vielleicht die günstigste Position, die man überhaupt aufsuchen kann. Mit achtzig sich hinsetzen und das eigene Leben als Spätwerk betreuen. Die Sachen aufschreiben, damit sie zusammen mit einem verloren gehen. Die Literatur als Antimaterie der Erinnerung hinterlassen. Du bist dann ein Loch, worin deine Literatur verschwindet, weil du sorgfältig an diesen Aufzeichnungen des Verschwindens gearbeitet hast. Das System spricht mit dir in Verweigerung jeglichen Kontakts, du wirst nicht einmal abgelehnt, sondern dein Begehr wird für die Entsorgung von etwas gehalten, was in diesem System nicht vorgesehen ist.

Helmuth Schönauer 20/02/14

 

 

STICHPUNKT 1402

Hocke der Revolution

In jeder Stadt auf der Welt, die über die Größe von Lienz hinausragt, gibt es einen zentralen Platz, worauf Google-Map sein Fähnchen der Relevanz einrammen kann. An diesen Plätzen können bei Bedarf die Unruhen und Revolutionen ausbrechen wie jüngst in Kiew oder Kairo. Wichtig ist ausreichend Brennweite für die Linsen der Kameras und Handys! Es sollte auch genug Platz für die Wasserwerfer da sein, denn nichts ist so mickrig wie eine Revolution, bei der die Waffen nicht zur Entfaltung gebracht werden können. In Wien muss für das alles der Heldenplatz herhalten, Hitler, Schranz, der Papst und die Burschenschaften haben das Gelände für Tumulte ausgetestet.  So gilt die Schranzhocke als die Erweiterung der Hitlerhocke, wobei auffällt, das das Rechtschreibprogramm die Hitlerhocke anstandslos frisst, während die Schranzhocke ewig diese roten Wellen produziert. Soeben haben wir achtzig Jahre Österreichischen Bürgerkrieg „gefeiert“, keine Sau kümmert sich mehr darum, alles was nicht auf Schi steht, fällt bei uns aus der Geschichte. In Innsbruck könnte vielleicht der Sparkassenplatz für solche Hocken der Revolution herhalten. Wir Bibliothekare machen darauf immer putzige Lesefeste für Kinder, im Winter gibt es Eis zum Laufen, im Sommer zum Lutschen. Gleich dahinter steht der Haymon-Verlag und macht mittlerweile nur mehr unendlich putzige Krimis zum Lutschen. Nur nicht anecken heißt die Devise, wenn man einen so großen Platz bespielt.

Helmuth Schönauer 17/02/14

 

 

STICHPUNKT 1401

Visit My Farm!

Am Samstagmorgen reißt dich eine Botschaft auf einer Spar-Banane von Dole aus den Federn, während droben gerade zwei Jets den Morgenschub aus ihren heißen Aggregaten auf den Talkessel und in die beschissene Stadt absetzen. Visit My Farm! - schreit am Küchenbord die Banane während oberhalb des Mitterwegs in den eigenen Heiße-Luft-Schlieren gefangen jene Arschlöcher zurück zu ihren Farmen fliegen, die gerade auf unseren Farm-Wiesen Schi gefahren sind. Was sehe ich auf der Bananen-Farm, wenn ich jetzt schon die Augen schließe? - Eine kleine pädagogische Einrichtung in putzigem Stil, worin uns ein Girl mit Zahnspange erzählt, dass die Bananen keine Zipfel haben wie die Bären, die wir gerade im Nachbargehege besucht haben. Diese Bananen müssen sich ohne Pudern vermehren, sie werden grün von der Stange geholt und kriegen erst bei uns vor der Haustüre im Spar die kleinen gelben Aufkleber, die sie zu einer Dole mit dem üppig neutralen Geschmack machen. Gleich im Anschluss an die Arschlöcher in der Luft gibt es am Boden beim Regional-Funk einen Werbespot, gesprochen von einem Volksschauspieler mit Piercing und genagelten Schuhen. Er spricht mit tierischer Stimme die Botschaft des Tages aus: Besuche mich auf meiner Farm! Das ist offensichtlich einem Jahrling zugedacht, der seine gelben Marken seit seiner Geburt in den Löffeln trägt. Auch er ist Geschmacks-neutral, schmeckt ein bisschen nach Raiffeisen und hat noch nie gepudert, wenn er Gulasch wird. In den beiden Jets sitzen noch immer völlig abgekämpft die Schi-Säue mit einer Woche Ischgl intus. Sie haben stark gepudert nach der Piste und freuen sich auf die eigene Farm, wo sie Erdöl pumpen oder Abhör-Chips für die NSA produzieren. Wir werden sie alle auf ihren Farmen besuchen und noch sind wir unbewaffnet!

Helmuth Schönauer 19/01/14

 

 

STICHPUNKT 1330

Kleiner Ausflug aus dem Bundesrat

Das Gegenteil einer Weltnachricht ist vielleicht eine Provinznachricht auf Weltniveau. Wenn Österreich ab und zu mit der Welt in Berührung kommt, entwickeln sich daraus herzergreifende Geschichten von Größe und Kleinheit. Zur Trauerfeier für Nelson Mandela fährt ein gewisser Todt aus Österreich nach Südafrika, wie schon der Name sagt, die Idealbesetzung für solche Ereignisse. Dieser Todt ist Präsident des Bundesrates und eine sehr bedeutsame Figur, nicht nur er persönlich, sondern das was er darstellt und umgekehrt. Die Bundesländervertretung liegt, wie auch hier der Name sagt, so entlegen, dass der Weg aus der Bundesländervertretung hinaus auf den Flughafen Tage dauert. Folglich kommt der Todt aus Österreich erst einen Tag nach allen Weltpolitikern zu den Feierlichkeiten für den verstorbenen Heroen ins Südafrikanische Begräbnis-Stadion. Der Verspätete sagt zum Verstorbenen Hallo und fragt jemand der Umstehenden unter der Hand, wer Nelson Mandela da zu Lebzeiten gewesen ist, man hat ihn als Bundesrat nicht über die sonstige Welt informiert. Jemand hat einen kleinen Drei-D-Drucker griffbereit und druckt eine Kerze aus und den deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag über Nelson Mandela. Der österreichische Todt liest alles aufmerksam durch und unterstreicht ein paar Fügungen im Mandela-Lebenslauf, die er als österreichischer Bundesländervertreter noch nie gehört hat. Jetzt kommt Bewegung ins Stadion und Todt schließt sich selbstsicher den Delegationen an, die schon wieder zum Flughafen strömen und in alle Welt heim fliegen. Zu Hause im Bundesrat freuen sich alle voll, dass Herr Todt wieder gesund zurückgekommen ist aus dem Beinahe-Reich des Todes und pünktlich wieder den verwaisten Bundesrat übernehmen kann. Der Bundesrat ohne diesen Begräbniskünstler wäre für Monate gelähmt, jetzt aber kann er fit weitermachen.

Helmuth Schönauer 11/12/13

 

 

STICHPUNKT 1329

Blättern im Herbst

Die Toten, schön untereinander gereiht, sind in jedem Medium der Hingucker, wenn nicht gar der Renner. Was wäre unsere patriotische Todeltodel ohne die Samstagausgabe, in der sich sinnigerweise die Inserate über offene Wohnungen mit jenen der soeben darin Verstorbenen decken. Für den Wohnungssuchenden hat das den Vorteil, dass er sich sein Gesicht in ein paar Jahrzehnten vorstellen kann, wenn er so eine Wohnung bezieht. Die Gesichter der Verstorbenen haben sich nämlich immer an ihren Wohnungen ausgerichtet, weshalb man die Gesichter auch in Zwei-, Drei-, oder Vierzimmer-Gfrießer einteilen kann. Die Toten hinterlassen aber nicht nur frischen Wohnraum sondern oft auch seltene Berufe, die mit ihnen erlöschen. Vor allem die Bindestrich-Witwe scheint mit zunehmender Emanzipation auszusterben, wo gibt es noch die Hofratswitwe oder AUA-Piloten-Witwe, wenn diese Berufe selbständig von Frauen ausgeübt werden. Wie klein diese Tiroler Welt selbst nach dem Tode ist, zeigt ein Blick ins Wikipedia, wo am Tag zweimal die frisch Verstorbenen ausgehängt werden. Auf der Nekrologen-Liste, wie dieses Sammlung offiziell heißt, tummeln sich geile Berufe, die nie ein Tiroler Mensch erreicht hat oder erreichen wird. Bekannter Serienmörder, Martial-Arts-Kämpfer, Apnoe-Taucher, Profi-Bowler, Politik-Aktivist, Mafioso, Seiltänzer, Humorist, Germanist und Pornodarsteller, Profi-Surfer, das sind nur einige der raren Berufe, von denen im Herbst mehr oder weniger Saisonbedingt edle Vertreter gestorben sind. Die heimische Berufsszene kann da beileibe nicht mithalten, es sei denn man würde AMS-ler oder ASVG-ler als Beruf führen. An den Bars und Trinkbuden tauchen freilich wertvolle Berufe auf, wenn die Nacht lang und der Herbst entlaubend genug ist. Da ist dann von Profi-Grasser oder Spontan-Meischi die Rede, auch Krone-Gacker oder Basis-Platti sind Berufe, die auf dem Weg heraus aus der Ächtung sind. Manche Berufe sind auch so neu, dass es in diesem Herbst noch keine Toten davon gibt, in denen man herumblättern könnte. Der Wischerl ist so ein Multitasking-Beruf, der am Pissoir unten wischerlt und oben gleichzeitig ein App aus dem Display wischt. Oft sterben diese Berufe aber vor ihren Usern aus.

Helmuth Schönauer 23/11/13

 

 

STICHPUNKT 1328

Mit Verfassung sterben

Die Dollfüßler geben nicht auf. Als Märtyrer der Diktatur reklamieren sie alles in die Verfassung, was der Österreich vielleicht für sich regeln könnte. Nach dem erbärmlichen Getue um Gott in der Verfassung, wobei sich vor allem die Habsburgerei und der Seniorenkommandant Khol ziemlich hervorgetan haben, wünscht sich jetzt Kardinal Schönborn ein Verbot der Sterbehilfe in der Verfassung. Wenn diese Herren manu propria mit ihrer Prügelmacht am Ende sind, dann soll für sie der Staat einspringen, damit sie ihn dann Gott gleich in Taliban-Manier übernehmen können. Als nächstes wird Schönborn die Wiedereinführung des Adels in der Verfassung fordern, und nächstes Jahr zum hundertsten Geburtstag des ersten Weltkriegs wird er wahrscheinlich den Dritten Weltkrieg im Stande der Verfassung vorschlagen. Wenn schon zwei Weltkriege von Österreich ausgegangen sind, warum nicht auch der dritte? - Das Hirn, so etwas anzuzetteln, hätten wir in mannigfaltiger Gestalt. Aus Tiroler Sicht müsste man jetzt unbedingt Felix fragen, was er von all diesen Dingen hält, sonst hat das alles keine Bedeutung. Felix plaudert nicht nur permanent gegen Eintritt mit dem Bischof über die Zukunft der Diözese, er schreibt für diesen auch Drehbücher, Hirtenbriefe, diverse Passionen und Jesuiten-Dramen. Also her mit einem Stück über Sterbehilfe und dann hinein in die Verfassung damit, es stirbt sich wirklich easy unter dem Adler.

Helmuth Schönauer 03/11/13

 

 

STICHPUNKT 1327

Aushorchen und auslesen

Noch im Frühjahr sind quer über den Kontinent sogenannte Piraten zwischen den Wahlurnen herumgelaufen und haben ihr Nicht-Programm kundgetan: Das Netz gehört allen! Keine Privatsphäre! Kein Urheberrecht! Viele haben diesem Programm applaudiert, ohne zu ahnen, dass es von amerikanischen Geheimdiensten schon längst exekutiert wird. Wie erstaunt sind nun alle, als sogar die deutsche Bundeskanzlerin den Tränen nahe ist, weil sie von befreundeten Piraten ausspioniert und ihr Handy geknackt worden ist. Im Wirrwarr zwischen Freund und Feind geht freilich unter, dass diese Geheimdienste arme Schweine sind, denn die überwachten Gespräche sind oft purer Scheiß. Bibliothekare sind schon seit Jahrhunderten ihm Gegenangriff, wenn es um das Auskundschaften von Scheiß und Semmel geht. Akut überwachen österreichische Bibliothekare gerade die amerikanische Gegenwartsliteratur und scannen sie auf Geheimnisse. In dem Blut-Krimi „Der Geschmack der Gewalt“ von Frank Bill sagt beispielsweise eine doofe Landnuss, wie sie auch bei uns in entlegenen Bezirken vorkommt:  „Ich steh nicht auf Mösen, wo die Staatsgewalt noch den Daumen drauf hat.“  Daraufhin überlegt eine Frau: „Sie würde ihm einen Fick verpassen.“ So also redet man in Amerika unter den Radartellern der Geheimdienste. Wir Bibliothekare überwachen das und sind an manchen Tagen geschafft von der Trivialität der Menschen, zumindest was ihre Gespräche betrifft. Also sprecht in Zukunft weiter wie gehabt in eure Handys, der darauf verzapfte Unsinn wird die Geheimdienste früher oder später in den Wahnsinn treiben. Und wir Bibliothekare sind es schon, wir machen das schon seit ewigen Zeiten, dass wir die Bücher und Menschen aushorchen und auslesen.

Helmuth Schönauer 29/10/13

 

 

STICHPUNKT 1326

Wie die Missionarsstellung ins Paznaun gekommen ist

Natürlich lässt sich die Einführung von etwas Kompliziertem, wie es die Missionarsstellung zweifelsohne ist, bei einer recht schlichten Bevölkerung nur über den Umweg über ein redomestiziertes Haustier bewerkstelligen. Der Tiroler Sexualatlas ist ziemlich ungenau, was seine Stellungen betrifft, das Paznaun ist überhaupt, sieht man vom Sex-Loch Ischgl ab, ein weißer Fleck, den andere gerne als Schipiste hätten. Geradezu als Gottesgeschenk wird es daher empfunden, als ein durch Blei vergifteter Adler in der Nähe von Innsbruck gepflegt und in die gängigen Sexualpraktiken eingeschult werden kann. Er wird später bei seiner Freilassung der Bevölkerung ungeheures Lustempfinden schenken. Dieser gelehrige Adler schafft es tatsächlich, seine Blutwerte zu stabilisieren und daneben unterm Federkleid eine sexuelle Aura aufzubauen. Am Tag der Freilassung ist die hormonbedingte Aufregung bei Pfleger, Sexualtrainer und Adler dementsprechend groß. Jetzt oberhalb von Kappl geht das Gatter auf und der Adler fliegt in die Freiheit der Triebe. Man hat ihm beigebracht, er soll sich das Gelände unterhalb der Flugbahn als Ischgler Wixbude vorstellen, dann reißt es ihm die Flügel wie von selbst auseinander. Ok, am ersten Tag geschieht noch nicht viel, der Adler macht eine Pause. Aber dann legt er los und befruchtet das ganze Tal mit seinem Flügelschlag. Immer öfter legen sich Paznauner auf den Rücken, schauen dem Adler zu und flüstern dem Nächstbesten in den Gehörlappen: Lass es uns machen wie der Adler!

Helmuth Schönauer 29/10/13

 

 

STICHPUNKT 1325

Der grüne Bär

Wo früher am Rand der Stadt Kinder gespielt haben, sind jetzt überall Autobahnen gebaut, an denen die Grünen ihre Demonstrationen herunter spielen. In Alland an der Wiener Außenring-Autobahn stoppt die Behörde einen LKW, worin ein Zirkusbär mit seinem Freund, dem Schäferhund, sitzt. Noch ehe dem LKW der Zündschlüssel gezogen ist wie ein fauler Zahn, stehen schon die obligaten Grünen in ihrem Barmherzigkeitsoutfit da und wollen, dass der Bär aussteigt und zwangsbefreit in ein durchaus nicht naheliegendes Tierheim einzieht. Die dortige Obfrau ist einmal Funktionärin bei den Grünen gewesen, und seit sich deren Anhänger nicht mehr so fließend in die grüne Soße tunken lassen, muss sie eben Tiere organisieren, damit das Heim gut ausgelastet ist. Rund um den Bären tritt Ungeheures zu Tage! - Ein Bär, der sich sein Fressen selbst verdient, wo gibt es denn das! Schon nach dem ersten Check stellt sich heraus, dass der Bär alle nur erdenklichen Impfungen und Papiere hat, etwa achtzehn Jahre alt und teilweise blind ist. Er ist bei bester Laune und Gesundheit, das muss auch der Tierarzt von Vier Pfoten zerknirscht zugeben. Die Grünen jedoch sind verärgert, weil man ihnen unterm Arsch die Demonstrationsbeute abjagt. Der Bär nämlich fährt, als die Mängel am LKW repariert sind, mit gültigen Papieren weiter in die Ukraine, um dort einen Film zu drehen.

Helmuth Schönauer 11/10/13

 

 

STICHPUNKT 1324

Ein Pferd, ein Königreich für ein Pferdehirn

Nach ein paar Schock-Tagen, wenn die Tragödie des letzten Wahlgangs für fast alle Funktionäre so richtig greifbar geworden ist, tauchen hinter der Sud- und Klobrille oft verblüffend einfache Analysen auf. - Die Wähler sind Arschlöcher und verstehen absolut nichts vom Handwerk der Politik! Sätze, die man offen nicht aussprechen darf, sind meist wahr und richtig. Wer sagt, dass der Wähler recht hat, wenn er ab und zu von der Ofenbank aufsteht und zu dem Scheiß, den man ihm via Bildschirm den ganzen Winter oder Sommer über vorgesetzt hat, plötzlich ein beiläufiges Kreuz in der Wahlzelle macht? Ein Volk, das gelernt hat, dass es zu allem eine App gibt, empfindet auch das Ankreuzen als das Downloaden einer App. - Mal sehen, was passiert, wenn ich da drücke. Und die politischen Bewerber unternehmen alles, dass sie sich zu einem Smiley oder sonstigen Icon verkrümeln, weil ein Satz schon zu lange ist, um den atmosphärischen Zustand darzulegen, der oft als Parteiprogramm deklariert wird. Das ehrlichste Programm, das muss man ihm neidlos lassen, hat Frank vorgelegt. Zuerst hat er die Abgeordneten nach der Größe ihres Hirns zusammengekauft und nur solche für die Parlamentsranch rekrutiert, die mindestens ein Hirn in Pferdegröße haben. Dann hat er alle, die nicht die Model-Maße eines Jockeys aufweisen, gefeuert. Und schließlich stellt er den übrig gebliebenen Abgeordneten einen  Kredit fällig, zehn Jahre mal eine Million, diese gekauften Abgeordneten haften also bis ins Jahr 2024 für den jetzigen Wahlkampf. So ehrlich eingekauft hat noch niemand. Im Pyramiden-Spiel des Parlamentarismus finden sich nach der Frank-Methode immer genug Trottel, die sowohl als Gewählte als auch als Wähler mitspielen. Jetzt versteht man endlich, dass Casinos und Wettbüros in den Vorstädten kleine Parteistuben sind, in denen die Wähler ihr Geld abliefern und manchmal eine Stimme ankreuzen dürfen. Alle Wahlversprechen aller Parteien werden übrigens in der kommenden Woche in eine Cloud ausgelagert.

Helmuth Schönauer 06/10/13

 

 

STICHPUNKT 1323

Stummel-Schänder und Tampon-Lutscher

Ein angefaultes Gebiss mit Implantaten aus Scheiße, eine platt gedroschene Nase, aus der Eiter abrotzt, Ohrengänge aus denen pure Brunze tröpfelt – wir befinden uns in der Galerie der Antiraucherbewegung. Masochisten und Perverse, Stummel-Schänder und Hoden-Gepiercte, Vaginal-Alkoholikerinnen und Tampon-Lutscher, sie alle geben zu, dass sie Raucherinnen und Raucher geworden sind, seit es auf den Zigarettenschachteln so geile Bilder gibt. - Was heißt Abschreckung, einen Ständer kriege ich, wenn ich mir eine anzünde und dabei die Zigarettenschachtel begutachte. - Die belgischen und italienischen sind besonders geil, da kommt auch richtig das Nationale zum Vorschein! Längst hat sich eine Sammlerkultur entwickelt, die sich übers Netz in alle Winkel der Welt ausgebreitet hat. Es gilt, die Zigarettenschachteln mit den abschreckenden Bildern zu sammeln und in Miniaturausstellungen zu archivieren. Dabei sind diese Sammlungen von Kleinodien ideal für Kleinstwohnungen und Hartz-Vier-Absteigen, da sie wenig Platz brauchen und auf engstem Raum das Grauen abstrahlen können. Denn außer dem Sammelwert haben diese Abschreckbilder jegliche Wirkung verfehlt. Jugendliche können sich überhaupt nicht an die hässlichen Fotos erinnern, weil sie, wenn sie rauchen, meist nicht lesen können und die Gräuel für eine Schrift halten. Dabei funktioniert die Abschreckung mit Scheiße-Bildern durchaus, wenn die richtigen Motive gewählt werden. In einem Versuchs-Sample wurden tausend potentielle Raucher mit Zigarettenschachteln konfrontiert, auf denen Wahlplakate als Kleinformat aufgedruckt waren. 998 kotzten und versprachen, nie mehr eine Zigarette anzurühren, zwei verstarben trotz des Einsatzes von Defibrillatoren an Ort und Stelle an Herzstillstand. Für sie erschien das Leben angesichts der  Millionärs-Gfrießer und des grünen Streichelzoos als vollkommen aussichtslos.

Helmuth Schönauer 07/09/13

 

 

STICHPUNKT 1322

Platter Pröll und Koffer

Wenn im Herbst die Burgfriede und Schluchten, die Keller und Gipfel, die Kebab-Buden und Kegelbahnen leer gespielt sind von den unzähligen Felix-Stücken des Sommers, gibt es im ganzen Land nur mehr eine Frage: Was wird Felix als nächstes schreiben? Längst sind die einzelnen Titel ins Vergessen gerückt, auf einem Programmzettel steht noch manchmal etwas vom Idioten aus Sibirien drauf, was ein moderner Untertitel für ein neues Stück sein könnte, in Wirklichkeit reden alle nur vom Felix. Was hast du gesehen? - Einen Felix! Was haben sie gespielt? - Einen Passions-Felix! Wo seid ihr anschließend hingegangen? - Ins Felix-Bräu! Seit im ganzen Land im Sinne des Eingottglaubens und der Einheitspartei nur mehr ein einziger Theater-Autor zur Aufführung zugelassen ist, hat niemand mehr auch nur in Ansätzen probiert, etwas für die Bühne zu schreiben. So mutig Felix seinerzeit das Volkstheater an sich gerissen hat, so feig hat er es sich untertan gemacht, lautet eine immer wieder gehörte Kritik. Felix hat, wenn man sein Lebenswerk betrachtet, das Tiroler Theater kaputt gemacht und zu einem Vorlass für die Bühnen-Wühlkiste transformiert. Aber was schreibt Felix nun wirklich für den nächsten Sommer? Tatsache ist, dass er sowohl dem Niederösterreichischen Landeshauptmann Pröll als auch dem Tiroler Pendant Platter ein eigenes Theaterstück versprochen hat, weil ihm beide abwechselnd für treue Wahlkampf-Dienste beim Aufkauf des Vorlasses zur Verfügung gestanden sind. Um niemanden der Auftraggeber zu vergraulen, werden sowohl Platter als auch Pröll als Hauptfigur vorkommen. Es können zwei Kurz-Akter oder ein langer theatralischer Seufzer werden, das steht noch nicht fest. Jedenfalls wird ein Koffer als Requisite mitspielen, worin der Vorlass des Felix für diverse Archive verpackt ist. Das Stück heißt höchst rätselhaft Platter Pröll und Koffer.

Helmuth Schönauer 03/09/13

 

 

STICHPUNKT 1321

Entlegene Nachmittage

Nach einer Woche wird ein mutmaßlicher Schläger ausgeforscht und für den Sonntagnachmittag auf den  Polizeiposten Silz bestellt. Die Schlägerei dürfte sich im nahen Ötztal-Bahnhof abgespielt haben, der mutmaßliche Täter kriegt also Heimvorteil. Diese Befragungen am Sonntagnachmittag auf einer entlegenen  Polizeistation sind auch heutzutage nicht ohne, sie gelten in der Literatur als eigene Erzählform und werden sonst besonders gerne in Osttirol abgehalten wie anderswo Sprechstunden der Bezirkshauptmannschaft. Überhaupt braucht jedes Land einen entlegenen Zipfel, aus dem es den Stoff für die Lyrik bezieht und reziprok die verbrauchten Träume zurückschicken kann. In Russland erfüllt Sibirien seit Jahrhunderten als Gebiet der geistigen Selbstversorgung diese Aufgabe. Ja nach Regime in Moskau wird einmal mehr oder weniger Brain-Power in die Ob-Sümpfe geschickt.

Zurück kommen daraus meist frustrierte deutsch sprechende Alte, die auch im Merkel-Land nicht mehr integrierbar sind und sich das restliche Leben lang fragen, wie sie nach Sibirien und zu dieser verdammten Sprache gekommen sind, die zu nichts Nutze ist. Ähnlich ergeht es den Osttirolern, die aber den Vorteil haben, dass ihre Zahl immer überschaubarer wird. Einige rechnen sich noch zu Lebzeiten aus, ob es sich noch lohnt, als Individuum zu sterben oder ob man nicht gleich kollektiv das Osttirolertum niederlegen soll unter einer Mure.

Helmuth Schönauer 18/08/13

 

 

STICHPUNKT 1320

Ewig nullachtfuffzehn!

Ein Land ist immer so gut wie der geilste Feiertag im Land. Tirol leistet sich schon seit Jahrhunderten einen Feiertag der Gewöhnlichkeit, nämlich den 08/15-Tag. An diesem Tag kriegen Hinz und Kunz einen Orden, wenn sie geographisch und beruflich in den Ordens-Spiegel passen. Arbeitslose kriegen keinen Orden, Ehrensache. Was an diesem Tag geehrt wird, ist weder den Ordens-Anheftern noch den passiven Brust-Hinhaltern bekannt. Normale Tiroler schauen sich an diesem Tag immer die Liste durch, ob jemand Bemerkenswerter dabei ist. Aber es lässt sich keine Gesetzmäßigkeit feststellen außer dem geographischen Prinzip des Zufalls. Dass es sich beim 08/15-Orden um einen eher kleinen ohne irgendwelchen Hintergrund handelt, zeigt schon die Tatsache, dass keine Adjutanten beigestellt werden. Bei richtig fetten Orden nämlich ist auch Fleisch dran, das Band ist mit Draht verstärkt, damit der Metallkuchen nicht zu Boden rasselt. Manche Orden sind so fett, dass sie nur in Mikro-Ausgabe als Bandspange getragen werden können. Dennoch sammeln beispielsweise amerikanische Offiziere oft einen Quadratmeter Bandstangen im Laufe des Lebens ein, weil die Amerikaner überall Krieg führen und überall gibt es dabei Orden und Spangen. Der Adjutant geht nicht nur eine Säbel-Länge hinter dem Hintern des Ordensträgers hinterher, er erklärt auch bei Bedarf die einzelnen Bandspangen, die er im Schlaf auswendig hersagen kann. Das spielt es leider beim 08/15-Orden nicht, da wird bloß zu Mantua in Banden gesungen, eine herzergreifende Melodie am goldenen Band. Aber jeder Orden ist ausbaufähig wie Playmobil, vielleicht gibt es für drei kleine einmal einen großen.

Helmuth Schönauer 12/08/13

 

 

STICHPUNKT 1319

Dosentrottel

Geiler Konsum, und einen anderen wollen wir gar nicht, braucht ständig frische Trottel, damit er funktioniert. Wenn alle hoch gebildete Österreicher wären, würde nichts mehr funktionieren! Aus diesem Grund muss immer auch ein gewisser Anteil von Analphabeten, Schulabbrechern, Lese-Verweigerern und bildungsfernen Menschen griffbereit sein, wenn irgendetwas Blödes unters Volk gemischt werden muss. Ein Mensch mit Bildung würde sonst wohl kaum diese silbrig-blauen Dosen  kaufen und seinen Erzeuger zum reichsten Mann Österreichs machen. Das österreichische Schulsystem ist gottseidank sehr Konsum-freundlich, indem es jährlich genug Trottel für den Betrieb der Konsumwirtschaft produziert. Jetzt freilich will eine tollkühne Arbeitsgruppe aus der Schul- eine Bildungspflicht machen. Also die Kids müssten dann bis zum achtzehnten Lebensjahr nachsitzen, bis sie vorgeblich lesen und schreiben können. Natürlich sichert dieser Vorschlag ein paar Schulfanatikern bei sinkenden Geburtenjahrgängen ein volles Haus in der Arbeitswelt der Pädagogik, der Konsum aber bräche zusammen, wenn jeder auf einem beigepackten App lesen könnte, wie man mit ihm umspringt. Nichts zerstört den Konsum nämlich so sehr, wie wenn jemand an einem Beipackzettel liest, was er wieder für einen Scheiß gekauft hat. Und außer beim App-Herunterholen oder beim Unterschreiben sind Lesen und Schreiben heutzutage wirklich nicht mehr notwendig, wie es ja auch kaum mehr Gedanken gibt, die man noch aufschreiben oder lesen müsste. Also lasst die Kids gefälligst in Ruhe mit solchen  Bildungsprogrammen und gebt ihnen stattdessen silbrig-blaue Dosen!

Helmuth Schönauer 06/08/13

 

 

STICHPUNKT 1318

Einmal Keks auf die Brust und wieder herunter

Jemand, der 1983 gerade frisch in der Welt der Büchereien und der Erwachsenenbildung unterwegs ist, erfährt durch indirekte Zeichen bald einmal, was um diese Zeit politisch so läuft. Dieser frische Bibliothekar ist vielleicht einmal fünf Jahre lang mit vielen sozialen Leser-Kontakten im Dienst, da erhält ein gewisser Hermann Pepeunig ein Keks der Stadt Innsbruck. Es handelt sich um das Sozialehrenzeichen, wie man hinten nach erfährt, denn in der aktuellen Gegenwart kriegt man immer nur mit, dass es ein Keks ist. Unter anderem ein paar Bibliothekare weisen vergeblich darauf hin, dass es sich um jemanden mit Nazi-Dreck am Stecken handle. -Ach was, ihr habt keine Ahnung von damals, sagt der damalige Chef, ein Osttiroler, der irgendwie seltsam freiwillig am Balkan bei der Abwehr von Partisanen im Karst eingesetzt worden ist. Mehr als das Keks der Stadt Innsbruck irritiert uns unser Chef, katholisch und Osttiroler, ängstlich, aber im Bedarfsfall schneidig. Er ist kein Nazi gewesen, aber vor diesen ein Leben lang in die Knie gegangen. Und erst als sie ihm den Herrgott zu nehmen versuchen, wird er etwas verärgert, was die Nazis betrifft. -Aber die Verwaltung und das Bergsteigen, die Ertüchtigung eines ärmlichen Landstrichs wie Osttirol haben sie auf die Haxen gebracht! Jetzt nach über dreißig Jahren hat die Stadt Innsbruck dem HJ Bannführer Hermann Pepeunig das Keks wieder aberkannt. Man darf einfach nicht sterben, wenn man solche Sachen noch erleben will. Das beharrliche Aus-Sitzen und Am-Leben-Bleiben ist offensichtlich die einzige Möglichkeit, in Österreich zur Wahrheit zu kommen.

Helmuth Schönauer 06/07/13

 

 

STICHPUNKT 1317

Das macht Sinn!

Also selbstverständlich sind die Kinderbücher für die Eltern da, die sie dann bei Bedarf ihren Kindern zumuten. / Selbstverständlich ist die Schule für die Lehrer da, die sie bei Bedarf den Schülern zumuten. / Selbstverständlich ist die Krankheit für die Angehörigen da, die sie sich nicht zumuten wollen. / Selbstverständlich ist das Land für den Landeshauptmann da, den sich niemand zumuten will. /Selbstverständlich ist die Gewerkschaft für den Gewerkschaftsboss da, der eine Zumutung ist. / Selbstverständlich ist der Gehsteig für die Radfahrer da, weil es die Grünen so wollen. / Selbstverständlich ist der Militärdienst für die Zivis da, weil es die Alten für die Pflege ihres Hintern so wollen. / Selbstverständlich kann man Abgeordnete kaufen, wenn diese das Gehirn eines Rennpferdes haben. / Selbstverständlich lügt jemand, wenn er seinen Satz mit den Worten „ganz klar“ beginnt. / Selbstverständlich ist der Sex dann am besten, wenn man ihn genau beschreiben kann. / Selbstverständlich ist Bildung ein Sudoku, das einem leicht die Zeit vertreibt, wenn man nicht die allzu schwere Fassung nimmt. / Selbstverständlich ist die Literatur ein Pyramiden-Spiel, das jeden Tag frische Deppen braucht, während Felix jeden Tag nach oben hin entrückt. - Erst der Umkehrschluss des vorgeblichen Sinns offenbart diesen.

Helmuth Schönauer 14/06/13

 

 

STICHPUNKT 1316

Wiener Schule des Naggelns

In alten Filmen oder Reprisen aus der Showbusiness-Zeit in schwarz weiß tauchen immer wieder Schauspieler auf, die offensichtlich alle eine verpflichtende Einheitsbewegung beim Kabarett Simpl gelernt haben. Sie naggeln dabei meist mit dem Oberkörper, wenn ein neuer Absatz kommt, und bei jedem Satz-Ende unterstreichen sie dieses mit der rechten Hand, die zu einem Hostien-Griff verkrallt ist. Leider springt dieses Naggel-Gen oft auf die Enkel-Generation über. So wird sich die ZIB-eins-Moderatorin Nadja eines Tages noch vor laufender Studiokamera die Hand abhacken, weil sich diese immer wieder in die zu verlesenden Nachrichten einmischt. Dieses böse Handi ist für ganz heftige Meldungen zwar unter dem Tisch angebunden, aber bei seichten Nachrichten, und das ist die Überzahl, springt es auf die Tischkante und führt sich furchtbar unkeusch auf. Als rarer Zuseher kannst du bei dieser erbärmlichen Performance gar nicht anders, als auf diese böse Hand zu schauen, die bei Nadja oft mitten im Satzbogen zu wixen anfängt. Die meisten Zuschauer bemerken diese Obszönität freilich gar nicht, weil Sendungen heutzutage zwar mit großem Pomp aufgezeichnet aber nur mit minimalem Mickymaus-Schreen am Tablett empfangen werden. Das geile Naggeln der Wiener Schule geht also fast allen Österreichern am A vorbei, zumal die eigenen Hände des Betrachters durchaus am Tablett selbst zu wischen und zu wixen beginnen.

Helmuth Schönauer 10/06/13

 

 

STICHPUNKT 1315

Amok zwischen den Regalen

Seit das Netz vom amerikanischen Geheimdienst lückenlos überwacht wird, ist auch die Zahl der heiklen Schlüsselwörter rasant angestiegen, welche einen Überwachungseinsatz rechtfertigen. Waren es früher nur Wörter wie „Taligagga“ oder „Bussilagan“ (die Originalwörter dürfen hier wegen der Überwachung nicht verwendet werden), so landet man jetzt schon am Screen eines Geheim-Inspizienten, wenn man Amok oder Bibliothek verwendet. Jetzt kommt man aber ohne diese beiden Wörter als Tagebuch-Schreiber kaum noch aus, weil in regelmäßigen Abständen aus Amerika von Amokläufen berichtet wird. Diese enden oft in einer Bibliothek, wie gerade jetzt in Santa Monica, wo der Attentäter „vor Ort“ in der Bibliothek polizeilich erschossen worden ist. In der ersten Reaktion sagt der gelernte Österreicher, das geschieht in Amerika nur, weil so viele Waffen herum sind. Auf den zweiten Blick fügt der gebildete Österreicher hinzu, das kann nur in Amerika geschehen, weil die Amerikaner neben den Waffen auch Bibliotheken betreiben, wohin sich Opfer und Täter in Panik zurückziehen können. Tatsächlich ist eine Bibliothek nicht so sehr als Ort der Bildung als vielmehr aus forensischen Überlegungen heraus ein passabler Ort für einen Amok. Einerseits bietet das Labyrinth aus Regalen einen gewissen Sichtschutz zwischen den Akteuren, andererseits hilft die alphabetische Anordnung der Regale bei der Dokumentation des Vorfalls. Man gibt dann einfach den Fundort mit den Koordinaten Donna Leon oder Felix Mitterer an, etwas anderes steht auch in amerikanischen Bibliotheken eher selten. Wir Österreicher atmen nach solchen Schreckensmeldungen aus Santa Monica wieder einmal auf. Das kann alles bei uns nicht passieren, weil wir zu wenig Waffen haben und die Büchereien bei uns so klein sind, dass sich nicht einmal ein Amok-Zwerg darin verstecken kann.

Helmuth Schönauer 08/06/13

 

 

STICHPUNKT 1314

Raunzel Raunzel

Manchmal muss in der Presse und im Fernsehen einfach miese Stimmung verbreitet werden und für dieses Raunzen sind Interviews mit autochtonen Südtirolern ideal. Kommt der jammernde Ton der Südtiroler eigentlich von den schlechten Nachrichten, die sie ständig verbreiten, oder sind die Nachrichten der Sydis generell so schlecht, dass sie jammern müssen? Jetzt sitzt wieder einmal ein schweres Tief über Europa, gut zwanzig Länder sind davon betroffen und haben von Überschwemmungen bis zu verfaulten Kartoffeln alles vor der Haustüre. Aber nein, den Sydis bleibt es vorbehalten, den Jammerton über den ganzen Kontinent zu legen, die Hotels seinen jetzt leer, die Promenaden von Futtersuchenden Vögeln überrannt und die Gelati-Buden verfrören in sich selbst. Und es ist furchtbar, was dem Südtioler Volk wieder einmal geschieht! Ganz Europa hat sich gegen das Land verschworen und unterschlägt ihm das selbstverständliche Sonnenlicht und die Kohle aus dem Tourismus. Also entweder glauben diese Heinis, dass jemand aus Mitleid Urlaub macht, dann wären sie aber in Bulgarien und Rumänien besser aufgehoben, denn dort geht es den Menschen wirklich schlecht, oder aber die Sydis haben ein weltmeisterliches Casting, um die größten Jammer-Funzen vor die Kamera zu kriegen, wenn es wieder gilt, Druck auf die touristischen Tränendrüsen zu entwickeln.  Eines muss man den Südtiroler Journalisten von Markus Lanz abwärts lassen, sie können Mitleid auslösen, dass man schon beim bloßen Zuhören in starkes Eigen-raunzen verfällt. Das Lieblingsmärchen, das hinterm Brenner den Durni-Kids gerne erzählt wird, heißt daher: Raunzel Raunzel, lass dein jammerndes Haar herunter!

Helmuth Schönauer 30/06/13

 

 

STICHPUNKT 1313

Schlamm in der Sauna

In diesen Sendungen aus den Bundesländern spielen sich oft haarsträubende Szenen ab, indem sie aus dem tiefsten Österreich berichten, von dort, wohin Gerhard Roth mit Mühe und intellektuell aufwändig in seinen Romanen vorgedrungen ist. In der Umgebung von Graz hat es wieder einmal ordentlich geschüttet, und ganze Siedlungen stehen unter Wasser, zumal die Steirer besonders gerne illegales Dachwasser in den Kanal einleiten. Scheiße und Letten allenthalben, keine Frage. Jetzt werden vom Landesstudio die Schicksale freigespült. Man sieht den Hausbesitzer verstört seinen Garten vom Letten entkernen, die Stiefmütterchen sind umgefallen und die Sauna steht unter dampfendem Dreck. Gerade als man sich mit der Emotion abwenden will, weil eben ein Häuslbauer Pech gehabt hat mit seinem kleinen Castle, kommt die externe Tränendrüse zum Einsatz. Der Hausbesitzer ist wie in Österreich üblich Rentner und weint in die Kamera. Er ist frisch operiert und kann nichts mehr lupfen, dabei reißt er das Hemd heraus und zeigt der Kamera und uns seine Wunde, die frisch und heftig wie nach einem afghanischen Selbstmordattentat über den Screen leuchtet. Mit meinen fünfundsiebzig Jahren, was soll ich noch, weint er. Und die Versicherung zahlt höchstens 15.000,-, alles andere ist hin. Holla, das ist ein Jahresgehalt, natürlich ist viel Hausbesitzer-Pech im Spiel, aber so ist nun mal das Rentnerleben in Österreich: Schlammig auf hohem Niveau.

Helmuth Schönauer 10/05/13

 

 

STICHPUNKT 1312

Red Mai Bull

Der erste Mai wird in Tirol traditionsgemäß mit einem Flugzeugabsturz begangen. Das sinnloseste Flugzeug des sinnlosesten Unternehmens stürzt dabei jeweils in einem sinnlosen Ort nahe der Autobahn in eine Böschung. Heuer ist der Pilot nach Angabe von Augenzeugen so klein, dass er sofort tot ist. Jemand anderer will strengen Geruch bemerkt haben. Tatsächlich ist Red Bull Österreichs wichtigste Firma, wenn es darum geht, etwas herzustellen, was niemand braucht und sich gewissermaßen wie Gummibärchen in Luft auflöst. Der abgestürzte Mikro-Jet des ersten Mai ist so klein, dass er nicht einmal Platz für Hoheitsabzeichen an den Flügeln hat. Genau so was braucht Tirol zum ersten Mai, oder überhaupt jeden Tag, denn bei uns ist immer erster Mai. Interessant, dass ein ehemaliger Bäcker, dessen halbe Familie durch den Motorsport querschnittgelähmt ist, in einem Tal, das regelmäßig an der Motorisierung kollabiert, eine Motorveranstaltung organisiert, worin alles, was Lärm und PS hat, in den Tal-Schlund gekarrt wird. Kein Wunder, dass dabei der lauteste und kleinste Jet der Welt abstürzt wohl in der Annahme, er sei James Bond und alles bloß ein verklärtes Spiel von verrückten Zillertalern, die als kollektive Folklore auftreten. Diese Täler sind allesamt zum Grausen, wie der Schriftsteller Franz Böni sie früher in der Schweiz beschrieben hat.

Helmuth Schönauer 03/05/13

 

 

STICHPUNKT 1311

Lieb ihn jetzt, aber flott

Das ist vielleicht ein entfernt verwandtes Kind des Stockholm-Syndroms, dass du plötzlich Sympathien hast zu einem Menschen, der dir wildfremd seinen Lebensstil aufs Auge drückt. Aber als kluges Kind hast du gelernt, dass die wirklich Guten immer ungewollt über dich herfallen und dir ihr Gutes tun. Wenn du schon diesen Landeshauptmann wie eine Geiselnahme kriegen musst, dann lieb ihn wenigstens! Sieh, wie er sich tapfer geschlagen hat auf den Plakatwänden, während die anderen mit Karacho gegen die Wand gerast sind. Wie es ihm leid tut, dass er gegen seinen Willen auf die Jagd gegangen ist mit falschen Freunden und einen heimischen Fußballer auf Englisch-Zammisch angesprochen hat, wie man es eben im Wald macht beim Auftauchen von Schwarzwild. Sieh, wie er während eines Presse-Spaziergangs am Abend mit seiner Frau eine andere Frau gerettet hat aus einem brennenden Haus. Sieh, wie er ein einfacher Mensch geblieben ist, der oft gegen arglistige Geschäftsleute und Bauern mit überdimensionierten Agrar-Hoden nichts ausrichten kann. Sieh, dass kein anderer da ist, der ihm das Wasser reichen könnte in einem Land, in dem sein Sessel schon ziemlich unter Wasser steht. Mach dir fünf schöne Jahre jetzt und einen kleinen Radausflug am Gehsteig, das beruhigt. Freue dich für ihn, wenn er ganz unaufdringlich deine Wünsche erfüllt, ohne dass du es merkst. Es ist höchste Zeit, ihn zu lieben aber flott.

Helmuth Schönauer 01/05/13

 

 

STICHPUNKT 1310

Hohl-Glossen

In den Tiroler Zeitungen werden die Glossen umso gerner gelesen, als sie hohler sind. Es ist gar nicht so leicht, eine Hohl-Glosse hinzukriegen. Ein kleiner Versuch: Nach gängiger Theorie ist die Literatur das Getue, das rund um einen Text aufgeführt wird, der Text selber ist mehr oder weniger eine Nullnummer. So gesehen ist das leere Notizbuch genauso wertvoll wie das vollgeschriebene, wenn nur der Verfasser einen Namen hat. Mein Notizbuch hat schon von vorne herein ziemliches Pech, weil es von mir gekauft wird unter banalen Umständen. Dieses Notizbuch wird an einem Samstagvormittag in der Drogerie Müller in den Literaturkreislauf eingespeist. Die Kassa-Frau übernimmt aus der Parfum-Boutique heraus auch das Abkassieren von so trivialen Dingen wie Notizbüchern und Posting-Magneten für den Kühlschrank. Sie ist fünfzig plus und auf L'Oreal geschminkt wie eine AUA-Stewardess, nur die Menstruations-roten Strumpfhosen hat sie gegen eine unauffällige Marke getauscht. Ein Bekannter steht schön seitlich von der Kassa und macht ihr ununterbrochen Komplimente, dann kommt seine Geschlechtspartnerin hinzu und kriegt sich kaum noch ein vor Komplimenten, du bist ein Jungbrunnen hier in diesem Müller-Design! Die Kassa Frau kriegt einen feminalen Steifen und muss wegen der guten Hormone, die gerade ihren Körper durchfluten, das Kassieren unterbrechen. Jetzt kommt noch eine lästige Bussibussi-Frau hinzu und verlangt nach Storno. In dieser Parfum-Abteilung haben Notizbücher schlechte Karten. Ich versuche herauszukriegen, ob in meinem Körper gerade Hormone fließen. - Nein nichts, das Notizbuch würde lange leer bleiben, wenn ich außer es zu kaufen nichts im Sinn hätte.

Helmuth Schönauer 27/04/13

 

 

STICHPUNKT 1309

Eine nette Vorlass-Geschichte

Die Frau um die fünfzig ruft gegen fünfzehn Uhr ziemlich emotionslos den Jäger ihres Vertrauens an, dass im Waldstück vor ihrer Tür ein Hund streunt. Der Jäger ist an diesem Sonntag fünfundfünfzig geworden, er packt seine Sonntagsbüchse untern Arm und knallt wenig später pflichtgemäß den frei laufenden Hund ab, der in der Mitte des Waldweges sitzt und sieben Jahre alt ist. Es ist aber Snoopy, das Schoßtier eines betuchten Zweitwohnsitzers hier an der Peripherie zur Provinzstadt. Die Munition funktioniert ausgezeichnet und macht da keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Sie ist mittlerweile das einzig gerechte Zahlungsmittel geworden, weshalb sich auch die Jäger für besonders gerechte Menschen halten, nicht erst seit der Landeshauptmann tapfer gegen seinen Willen schießt. Jetzt nach dem tadellosen Abschuss treffen Zweitwohnsitzler und Jäger aufeinander, beide sind aber Profis und machen sich gleich eine Mediation aus, für die sie jeweils eine Versicherung abgeschlossen haben. Sie tragen das tote Tier gemeinsam für das Protokoll zur Polizei und stellen beide fest, dass dieses Tier zu Lebzeiten noch nie so schwer gewesen ist. Diese Geschichte erzählt absolut nichts, weshalb sie als Vorlass im Brenner-Archiv deponiert wird, worin sie zusammen mit Stockwerken voller leerer Geschichten auf eine Sinnfindung wartet. Gerade Jagdgeschichten sind oft von einer ungeheuren Zeitlosigkeit, und wenn man den richtigen Zeitpunkt ihrer Ent-Packung verabsäumt, dauert es wieder Jahrzehnte, bis sie wieder einen Schimmer von Sinn abstrahlen.

Helmuth Schönauer 01/04/13

 

 

STICHPUNKT 1308

Pensionierter Volltreffer

Der scheidende österreichische Bundesheer-General hat gerade seinen Todfeind in Gestalt eines burgenländischen  Verteidigungsministers ausgehockt und überlebt, jetzt geht er frisch und mutig in Pension. Vom neuen Verteidigungsminister wird er zu diesem Höhepunkt seiner Beamten-Karriere bekekst und artig verabschiedet. Dieser bedankt sich mit den seltsamen Worten: Als nun alter Soldat stelle ich fest, dass nur die Treffer zählen, und die Trefferlage ist sehr gut. Alle Anwesenden und fast das ganze Land sind froh, dass unter diesem General kein Krieg ausgebrochen ist. Auch die Gefahr eines Jux-Putsches mit echten Toten, wie ihn sich österreichische Generäle in literarischen Geschichten immer wieder erträumen, ist nun einmal gebannt, bis der neue General gekürt ist. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, die Dollfußerei werde in Österreich immer noch verdrängt, weil dort seltsame Geschichten herauskommen könnten. Etwa wie die mächtigen Rudel aus den Bundesländern nach Wien ziehen, um es dort der Regierung einmal zu zeigen. Viele dieser Sätze aus den 1930-ern tauchen in späten Stunden vor Landtagswahlen in den Provinznestern wieder auf. Natürlich sind alle demokratisch gefestigt und verlässlich, aber eine geheime Treffer-Liste schiebt sich solchen Typen oft vor das Augenlicht, als ob sie etwas Martialisches anvisiert hätten. Der pensionierte General ist jetzt heimgekehrt zu seinem Volk. In einer Volksbefragung nämlich haben gerade die Pensionisten dieses Landes sich ein Bundesheer mit allem Drum und Dran gewünscht und einen Volltreffer gelandet. Wie immer in Österreich geht der Treffer voll in die nächste Generation, die weder beim zivilen Arsch-Putzen noch beim militärischen Herum-Salutieren etwas zu lachen hat. Vielleicht kommt der nächste Putsch von den Jungen und müsste dann vom Seniorenheer niedergeschlagen werden. Die Generäle dafür wären da.

Helmuth Schönauer 23/03/13

 

 

STICHPUNKT 1307

Eier-Poller

Es gibt so einen typisch grünen Grinser, bei dem der Mund wie bei einem Atomkraft-Smiley in alle Richtungen verzerrt ist. Diesen Dienst-Smiley hat natürlich die Vizebürgermeisterin im Gesicht, als sie am West-Ende der Innsbrucker Innenstadt einen Poller hochschießt und somit eine verkehrspolitische Großtat umsetzt. Auf der Busspur dürfen nur mehr Busse fahren. Da dieser Poller zumindest für die Westtiroler der erste ist, den sie in ihrem Leben in Echtzeit sehen, fahren ganze Kolonnen von Drivern zum Poller-Schauen in die Sackgasse ein, um dann Vogel zeigend zu wenden. Eine Stunde nach der Eröffnung lässt sich ein Limousinen-Heini vom Poller gar in die Höhe liften, wodurch die beiden technischen Wunderwerke Auto und Poller kaputt gehen. Der Westpoller am Innsbrucker Fürstenweg zeigt, dass kaum ein Tiroler Verkehrszeichen deuten oder Spielregeln einhalten kann, und nur auf physische Hindernisse reagiert. Vermutlich ist seit der Abschaffung der Prügelstrafe der Tiroler überhaupt in seiner Bildung stehen geblieben, weil er ohne physischen Druck nichts lernt. Nach dem Poller-Pinzip sollte man auch andere Verkehrsregeln wieder in Erinnerung rufen. Grüne Radler haben zumindest nach dem Gesetz noch immer nichts am Gehsteig verloren, wiewohl sie sich dort tapfer abstrampeln und ihre generelle Potenz nach Darwins Lehre dadurch beweisen, dass sie möglichst viele Treffer bei den Schwächeren landen und daher die Fußgänger gnadenlos niederfahren. Vielleicht könnte ein Eier-Poller helfen, der aus dem Boden schießend den Grünen in die Eier oder Eierstöcke fährt, wenn sie mit dem Rad drüberfahren. Die anderen Möglichkeit, Fußgänger zu schützen, wäre einer Weltstadt wie Innsbruck unwürdig: Nämlich die Fußgänger in eigenen Laufkäfigen an den grünen Radlern am Gehsteig vorbei zu lotsen.

Helmuth Schönauer 17/03/13

 

 

STICHPUNKT 1306

Ischämie und Ischgl

Wahrscheinlich wissen mehr Menschen, dass es sich bei Ischgl um eine Krankheit handelt, bei der der Patient durch Niedersaufen endlich vergisst, dass er auf Urlaub ist, als dass sie wissen, dass Ischämie eine Minderdurchblutung ist. Dabei herrscht in Ischgl zumindest die politische Minderdurchblutung flächendeckend vor. Weltberühmt ist Ischgl mittlerweile für seine unnachahmliche Saufkultur, die Pistenrettung muss an manchen Tagen mehr Alkoholleichen beiseite räumen als sie dafür Akjas hat. Und wer die Piste auf eigenen Beinen verlässt, tut dies nur, um in einer Apres-Bar so lange zu kübeln, bis die Beine weich sind. Jetzt langt es offensichtlich der Gemeinde und sie ruft das Land auf, ein strenges Gesetz zur Eindämmung des Durchsaufens zu erlassen, damit die Ordnungskräfte endlich einschreiten können. Dieser Ruf nach dem Landesgesetz ist bemerkenswert, herrscht doch bislang die Meinung vor, das Land und seine degenerierten Beamten sollten sich heraushalten aus den Anliegen der Ischgler. Naturschützer und andere Verhinderer von Bagger-Arbeiten werden regelmäßig verflucht und zum Teufel geschickt. - Ok, könnte man sagen, macht ihr ruhig euren Scheiß hinterm Gebirge, aber werdet selbst fertig damit. Jetzt freilich hat dieser exzessive Tourismus jegliche Grenzen überschritten und man ruft von sich aus nach einem Scheriff im Land. Also werden sich wohl demnächst einige besonnene Beamte auf den Weg machen müssen, die ausgekotzten und blutleeren Ischgler wieder mit einer gewissen Grundordnung zum Leben zu erwecken. Ischämie ist heilbar, Ischgl wahrscheinlich nicht.

Helmuth Schönauer 25/02/13

 

 

STICHPUNKT 1305

Zu Befehl ihr alten Säcke!

Spätestens seit der sogenannten Volksbefragung im Jänner 2013 über eine Melange aus Neutralität, Arsch-Auswischen durch Zivis, freiwillige Befehlsausgabe, Katastrophenschutz und Berufsheer ist dem letzten klar, was in diesem Land unter Generationenvertrag gemeint ist. Die über Sechzig-Jährigen befehlen den unter Dreißig-Jährigen in Wort, Gesetz und Bildungsmuster, was diese zu tun haben. Die Typen zwischen dreißig und sechzig haben jede Hoffnung auf Lebenssinn fahren lassen und krallen sich an den nächstbesten Job, um nach der Arbeit in sportlicher Betätigung mit mehr oder weniger Afterwork-Getränk bis zum nächsten Tag über die Runden zu kommen. Einige haben Kinder als Mühlsteine umgehängt und werden von ihren Partnern und der Gesellschaft verlässlich im Stich gelassen. In diesem Klima können wir uns im Kopf ausmalen, wie beliebt beispielsweise das Lesen oder die Service-Leistungen der öffentlichen Büchereien sind. Nach dem gängigen Bibliotheksmotto „Wir gewinnen täglich Kinder und verlieren Leser“ haut jeder, der es sich leisten kann, aus der Fuchtel der Lesepädagogik ab und macht alles, um ja nicht in eine Bücherei zu müssen. Wäre ja noch schöner, die Oldies lassen sich von den Zivildienern den Körper pflegen und verlangen von diesen, dass sie in der Freizeit in die Bücherei gehen und etwas lesen, was die Oldies seinerzeit zu Tränen gerührt hat. Jeder Jugendliche, der es sich leisten kann, springt aus diesem System und folglich auch aus den Büchereien ab. Manche, wie etwa Studentinnen und Studenten, die gezwungen sind, eine Bibliothek zu besuchen, sperren ihre Fahrräder mit dicken Ketten an die Handläufe, damit die gehbehinderten Alten wenigstens vor Haltlosigkeit stürzen, wenn sie schon sonst nicht zu Fall zu bringen sind.

Helmuth Schönauer 02/02/13

 

 

STICHPUNKT 1304

Keine Wahl am Mitterweg

Wenn der mobile Würstl-Wagen in Polizeibegleitung / den Mitterweg hinauffährt mit Getute und zur Volksschule abbiegt / wo sie die Kinderpantoffel entfernt und Wahlzellen aufgestellt haben / dann geht es um nichts oder es ist eine Wahl angesagt oder was / niemand hier geht hin / weil niemand hier eine Wahl hat / so bleibt den Einheimischen uneröffnet / worum es geht / der Würstl-Wagen jedenfalls bringt frische Frankfurter im Zweistundentakt / wenigstens die Wahlbeamten und Wahlbeisitzer haben eine Wahl / sie können zwischen Senf und Mayo wählen / zu kleinen Geschenks-Portionen in Gestalt von Fress-Parfums abgepackt / zusammengesteckt mit dem Wahl-Kugelschreiber / ganze Kartons von Wahlgeschenken liegen noch im Foyer der Volksschule herum / weil sich keine Sau für die Wahl interessiert / keine Funktionärin ist je in diese Gegend gekommen / im Gemeinderat weiß niemand / wie weit der Westen ins Nichts hineinragt / solange der Bus / den man im Zehnminuten-Takt in die Wüste hinausschickt / wieder zurück kommt ins sogenannte Zentrum / ist es dem Magistrat völlig egal / was da draußen passiert / im Gegenteil alle in der Stadt sind froh / dass es da draußen eine soziale Brache gibt / in die man alles ablagern kann alphabetisch vom Auto abwärts / was nicht zum Image einer Weltstadt in Dachl-Größe passt.

Helmuth Schönauer 20/01/13

 

 

STICHPUNKT 1303

Durchlaufende Mehrwertigkeit der Stadt

In einem internationalen Ranking ist soeben Innsbruck als eine der zehn interessantesten Städte Europas gewählt worden, weil sich die Stadt seit Jahrzehnten nicht verändert hat. So können daher die Bilder, die der Großvater einst in der französischen Uniform der Nachkriegszeit gesehen hat, heute von der Enkelin im Outdoor-Dress deckungsgleich nachempfunden werden. Möglich ist dieses Phänomen des ewig gleichen Erscheinungsbildes nur durch Klonen. Der ideale Klon der Werbegeschichte ist bislang nur den Hartlauers gelungen, wo der Sohn zehn Minuten nach dem Tod des Vaters den Werbespot übernimmt und mit dem gleichen Froschaugengesicht bei jenen Sonderangeboten weiter plärrt, an denen der Vater soeben verschieden ist. Ähnlich nahtlos gehen in Innsbruck die Bürgermeisterinnen-Übergaben vonstatten. Jemand, der eine Zeitlang im Ausland gewesen ist, wird feststellen, dass alles wie zu Hildes Zeiten weitergeht, nur die Kostümfarbe ist jetzt rot wie jene der Verkehrsbetriebe, die ihre Busse ebenfalls in das Kostüm-Rot der Eröffnungstram-Fahrerin umgespritzt haben. In jedem ihrer Sätze kommt jetzt das Wort Mehrwertigkeit vor, was offensichtlich darin begründet ist, dass in Innsbruck von Vorneherein nichts einen Wert hat. Wer einmal mit einem weißen und später mit einem roten Bus gefahren ist, wird diese Mehrwertigkeit deutlich am Arsch spüren, wenn er einen Sitz ergattert. Es ist leider nicht ausgewiesen, dass man in den weißen Busse stehen muss und in den roten sitzen kann. So ist es auch mit den Bürgermeisterinnen, ihr Kostüm sagt nichts über den aktuellen Mehrwert der Stadt aus.

Helmuth Schönauer 13/01/13

 

 

STICHPUNKT 1302

Barfuß lesen

Manchmal werden gesellschaftliche Trends einfach so hingenommen, ohne ihnen auf den Grund zu gehen. So gehen die Besucherzahlen von Erwachsenen in den Bibliotheken des Kontinents generell zurück. Manche verweisen in der Ursachenforschung auf die geburtenschwachen Jahrgänge, welche jetzt geschlechtsreif und folglich lese-impotent geworden sind, andere auf die ausufernde Digitalisierung und deren Lehrmeisterin die Bürokratie. Die kanadische Heroin Cerridwen kämpft gegen diese Bürokratie und hat dadurch den größten denkbaren Kampf aufgenommen. Früher oder später gerät sie bei diesem Kampf auch in die Fänge der örtlichen Stadtbibliothek. Annemarie Cerridwen hat nämlich nichts anderes vor, als überall barfuß zu gehen. Die Verkehrsbetriebe in Montreal und Ottawa nehmen sie aus hygienischen Gründen nicht mit, in Vancouver wird ihr das Barfuß-Betreten der Stadtbibliothek untersagt. Erst als ein Anwalt ein Stress-Gutachten verfasst, wonach ihr Körper rebelliert, wenn er nicht an den Sohlen nackt sein darf, lässt man sie notgedrungenermaßen zwischen die heiligen Regale. Dieser Vorfall könnte auch in Österreich den rätselhaften Rückgang der Leser-Zahlen erklären. Vermutlich würde die Kundschaft in Scharen in die Bibliotheken strömen, wenn sie es barfuß dürfte. Freilich sind die Bibliotheken oft so weit von den Alltagsrouten entlegen, dass man nicht einmal in Schuhen hinein findet, geschweige denn barfuß. Der Österreicher liest nämlich mit den Füssen, was von den Bibliotheken und ihrer Lust zur Bürokratie immer noch ignoriert wird.

Helmuth Schönauer 05/01/13

 

 

STICHPUNKT 1301

Bauern-Tricks

Die Bauern machen momentan wieder das, was sie am besten können: Jammern. Sie sind völlig fassungslos, dass Jesus oder wer zu große Almflächen nach Brüssel gemeldet hat. Jetzt heißt es Strafe zahlen, aber man versucht dennoch, etwas mit Gerede herauszuschinden, immerhin hat man das seit Jahrhunderten so gelernt. Natürlich sind die Bauern keine Griechen, die wirklich falsche Zahlen nach Brüssel gemeldet haben. Die Tiroler Bauern haben nämlich nur falsch gedachte Zahlen gemeldet, weil sie nie was Böses oder Blödes tun. So sind sie mit dem Daumensprung, mit dem sie in gewohnter Weise ihr Weltbild vermessen, über die eigenen Almflächen drüber gegangen und haben alles an Förderungen kassiert, was so eine frisierte Fläche hergibt. Jetzt ist Schmerz angesagt, weil die EU die echten Zahlen hat und sich von diesen Bauernschlauen nicht mehr an der Nase herum führen lässt.  Das muss mir einer einmal erklären: Der Milchpreis für Bauern in Tirol ist deshalb so niedrig, weil die Bauern zu viel Milch abliefern. Gleichzeitig klagen sie, dass der Futtermittelpreis um dreißig Prozent gestiegen ist. Das heißt, der Tiroler Bauer verkauft seine Flächen als Baugrund und expandiert trotzdem, indem er am Weltmarkt Futter kauft. Das Tirolerische besteht aus der Kuhglocke, die fallweise bei einem Abtrieb der Kuh umgehängt wird. Was bei der EU nicht mehr durchgeht, geht im eigenen Land immer noch. Als jetzt der Einheitswert für die Steuer neu festgelegt werden sollte, wurde eine Ausnahme-Regelung eingeschmuggelt. Wie in einem Beamtenwitz sagt diese Regelung, dass der neue Wert nicht gilt, wenn es im Sommer Plusgrade hat und im Winter Minusgrade. – Diese Bauern sind nicht deppert, sie halten uns nämlich richtigerweise für deppert, dass wir solche Sachen durchgehen lassen.

Helmuth Schönauer 04/01/13

 

 

STICHPUNKT 1201

Facebook-Daumen aus Osttirol

Seit das ORF-Landesstudio Tirol von einem Osttiroler geführt wird, sind auch die Nachrichten osttirolerischer geworden, vor allem jene aus Osttirol. Mittlerweile meldet sich nämlich der dort eingesperrte Reporter ständig mit dem Hinweis, dass er aus Osttirol sendet. Und alles, was aus dieser Enklave kommt, ist ein Stück handfestes Schicksal, das sich jeweils knapp an einer Depperei vorbei schremmt. Apropos handfest: Wie in einem schlechten Witz fahren zwei Osttiroler stockbesoffen mit dem Auto eine Friedhofsmauer entlang, sie dürften, ohne es zu bemerken, schon die längste Zeit von der Fahrbahn abgekommen sein. Jedenfalls werden sie von Polizei und Rettung aus dem Wrack geborgen und dem einen der beiden fehlen vier Finger. Was jetzt folgt, ist eine typisch Osttiroler Tragödie. „Trotz guter Ausleuchtung konnten wir die Finger nicht finden, weil das Unfallgeschehen so weiträumig war!“, sagt der Polizist. „Solange wir keine wir keine Finger haben, können wir die Hand nicht rekonstruieren. Die Hand ist ohne Greiffunktion wertlos!“, sagt der Operateur des Bezirkskrankenhauses, der vergeblich auf die Finger gewartet hat. Zum Greifen, Klauen und Klauben wird die Hand vielleicht nicht mehr taugen, sagt sich der gelernte Osttiroler, aber als Facebook-Daumen ist diese Hand prächtig in Schuss. - Daumen hoch nach Osttirol!

Helmuth Schönauer 18/07/12

 

 

STICHPUNKT 1110

Die Steigerung von Panik heißt Japanik

Nach vierzehn Tagen Atomdesaster in Japan sind jetzt alle Überlebensinitiativen wieder hellwach und ausgeschlafen bei der Sache. Nicht nur das gelbe Anti-Atom-Schild feiert eine nie geahnte Renaissance, manche aus der Herde des Wahlvolkes überlegen sich wieder einmal, das Stimmverhalten zu verändern. Also in Deutschland beispielsweise wählen momentan ein paar Dutzend anders als vor der Reaktorkatastrophe. In Österreich gibt es die nächsten Monate nichts zu wählen, und bis zur nächsten Wahl wird wieder alles vergessen sein und die Schafe an der Wahlurne werden wieder ihr Määh heraus blöken und die Wolle abliefern wie immer. Der M-Preis hat gerade Teelichter verteilt, damit man ein wenig das Licht ausschaltet und den Strom in kleineren Dosen aus der Dose nimmt. Dabei gibt es skurrile Gegenstände aus Japan, mit denen jeder von uns Konsumenten zu tun hat. Wir Schriftsteller schreiben beispielsweise gerne mit japanischen Gel-Stiften, weil diese kalligraphisch wunderbar in der Hand liegen. Und so manch ein Umweltbewusster hat einen Hybridwagen in der Tiefgarage stehen, weil das ja besonders schick ist. Dabei muss man sich die Wirtschaft Japans auf der Zunge zergehen lassen, nicht bloß beim Sushi. Ein Land ohne Rohstoffe stellt die geilsten Konsumgüter her und pumpt dabei jede Menge Atomstrom in die Herstellung dieser Geräte und Fahrzeuge. Noch sinnloser und gefährlicher wird die Wirtschaft nirgendwo angewandt als in Japan. Schon werden die ersten Stimmen laut, man solle japanische Sachen kaufen, um gegenüber dem verwüsteten Land Solidarität zu zeigen. Es stimmt schon, ein Gel-Stift ist vielleicht deshalb so geil, weil er mit Atomstrom hergestellt worden ist. Und der Hybridwagen von Toyota liegt einfach geil in der Grünen Hand, während der von Atomstrom gebaute Motor satt in den elektrischen Standby-Betrieb umschaltet.

Helmuth Schönauer 27/03/11

 

 

STICHPUNKT 1109

Schas am Ende des Tunnels

Wenn es düster um uns bestellt ist, wir eine Nacht wach gelegen und etwas Wichtiges verpasst haben, greifen wir nach meist langer psychologischen Betreuung zur Formel: „Wir brauchen ein Licht am Ende des Tunnels.“ Tirol scheint in so einer Umnächtigung des Schmerzes und der Sinnfindung zu liegen, denn sonst konnte der größte Denker des Landes, Landeshauptmann Platter, nicht ständig behaupten, wir brauchen einen Tunnel, um einen Sinn zu haben.Was Tirol für die nächsten Jahre in den Tunnel stecken will, könnte man auch oberirdisch anlegen. Jeder Tiroler, jede Tirolerin ab siebzig hätte Pflege bis zum Sankt Nimmerleinstag, wenn man die Tiroler Landeskohle statt in das Loch ins Soziale verlagern wollte. Das Landestheater könnte vierzig Jahre lang spielen, die Schnellbahn Tirol könnte zwanzig Jahre lang einen Ein-Euro-Tarif halten. Allein um das Geld, das die Bürgermeister für die Pro-Tunnel-Begleitung gekriegt haben, könnte das Rote Kreuz zwanzig Ambulanz-Wagen anschaffen. Wenn man sich verrannt hat, gibt es selten ein Zurück. Platter hat sich verrannt wie einst Partl, kennen Sie seinen Witz noch: Flüsterasfalt. In einem Interview sagt der Landeshauptmann, dass er das Ende des Tunnels erleben wird. Er ist jetzt knapp über fünfzig und wird bei der Fertigstellung des Tunnels so oder so ein Pflegefall sein. Aber niemand wird ihn pflegen wollen oder können.

Helmuth Schönauer 26/03/11

 

 

STICHPUNKT 1108

ÖVP-Frauen-Gedicht

Zu mir kommt eine Katze / die ich nicht will / hau ab / sagt sie zu mir / darf ich erschrocken sein? / nein! / die Katze trägt ein Kopftuch und hat einen Rechtsanwalt unterm Schwanz / zudem hört sie FM4 / während sie am Wohnzimmer herum fummelt / du tust zu wenig ficken / sagt die Katze / wie du überhaupt ein feiger Hofrat bist / nie das Boot zum Schaukeln bringen! / jetzt wird die Katze gefickt / genug sagt sie / und nie mehr eine blöde Rezension / sie wackelt noch mit dem eingesamten Ding da / ihr Rechtsanwalt grinst / und schlägt sich über die Brüstung meiner Hausmeisterwohnung / die Helmuth heißt

Helmuth Schönauer 20/03/11

 

 

STICHPUNKT 1107

Stark und korrupt

Am Theater und in der Politik muss vor allem eines gelten: Die Unschuldsvermutung. Da niemand von den gegenwärtigen Autoren Tirols etwas außer Nettes schreibt, wird dieser Hinweis oft vernachlässigt. Also: hier unten gilt dezidiert die Unschuldsvermutung! Dramatische Figuren müssen vor allem eines: anders drein schauen, als sie sind. So schaut Landeshauptmann Platter deutlich klüger drein, als er ist, während der aktuelle ÖVP-Obmann Pröll klüger ist, als er dreinschaut. Beide hatten jüngst an einem Tiroler Wochenende ein Aha-Erlebnis. Die Tiroler ÖVP-Frauen versuchten durch Debilität zu putschen, indem sie zum Weltfrauentag ein Video wie vor hundert Jahren ins Netz stellte. Darin verarschten sich zwar laut Drehbuch die Frauen selber, aber das Drehbuch erinnerte stark an die Fünfziger Jahre, wo die Frauen die zurückkehrenden Invaliden des Krieges durch physische Stärke fertig machten. Der Tiroler Vorsitzende, sonst in Frauensachen ziemlich erpressbar konnte als Ex-Gendarm einen Kraftakt setzen und das Video entfernen lassen. Den ÖVP-Vorsitzenden Pröll erreichte eine Venenkrise im Zillertal, die ihn stracks ins Innsbrucker Krankenhaus beförderte. Wenn man davon ausgeht, dass Krankheit zur Besinnung führt, so hat es Pröll wieder einmal bewiesen. Noch vom Krankenbett aus veranlasste er den Rücktritt jenes unsäglich undurchschaubaren Innenministers, der bislang in der EU seine korrupte Polizeimanier undercover ins Video legte. Starke Frauen und korrupte Ex-Minister, an diesem Wochenende konnten die geistig und physisch im Bett Liegenden der ÖVP das Ärgste noch einmal abwenden.

Helmuth Schönauer 20/03/11

 

 

STICHPUNKT 1106

Knüppel im Kopf

Besonders selbstbewusste Tiroler glauben bei Sonnenschein an das Märchen, dass das Land deshalb so gut ist, weil es von guten Menschen geformt ist. Nun, augenblicklich wird das Land von zwei Ex-Gendarmen als Landeshauptmann und Landeshauptmannstellvertreter geleitet. Beide gleichen sich darin, dass sie vor allem um Ruhe besorgt sind und im Zweifelfalle auch mit dem Knüppel im Kopf drohen. Bevor so ein Landeshauptmann aber einen Gedanken herauslässt, kuscht freilich der ideale Tiroler, weil er sich vor solchen Gedanken fürchtet. So wissen wir als nicht, was diese Ex-Gendarmen so denken. Denn um Millionen haben sie sich tagsüber hinter Sicherheitsanlagen im Landhaus verbunkert, und was sie bei den abendlichen Reden herauslassen, ist wirklich nicht von einer Sorte, dass sie einem den Schlaf raubt. Sicherheit, Tunnelbau, Ausbau der Wasserkraft! Das sind so die Reizwörter, mit denen sie die Zukunft wecken wollen, aber die Zukunft ist schon längst aus Tirol abgehauen und wird sich bei diesen Sicherheits-Freaks auch so schnell nicht mehr blicken lassen. Wer hat in diesem gelähmt verwalteten Land schon einmal eine Vision gehabt? Wer hat schon etwas brisant Soziales formuliert? Wer hat sich gar einen Kulturgedanken auszusprechen getraut? Die Landeshauptleute denken offensichtlich nur in den Kategorien von Gendarmen. Eine Ruhe muss sein, beim Einsatz muss das Blaulicht leuchten, und wenn alles nicht mehr nützt, muss man eine Anzeige gegen unbekannt machen! Oberstes Ziel eines Gendarmarie-Hauptmannes ist es, möglichst als Hohlo-Gramm als Ganzes in einer Vitrine des Stalineums am Bergisel zu landen.

Helmuth Schönauer 17/03/11

 

 

STICHPUNKT 1105

Für Kohle blasen

Die Künstler haben doch einen gewissen Ehrenkodex oder nicht? - Sie haben ihn natürlich nicht, weil jeder Künstler in seinem Stipendium und in seiner Sozialversicherung so in sich selbst versunken ist, dass er keine Zeit hat, zu beobachten, was rund um ihn geschieht. Da kommt es leicht zu herzergreifenden Cross-Overs der Moral und Gesinnung. Wenn etwa bei der Eröffnung des Stalineums am Bergisl der Progressiv-Trompeter Franz Hackl seine erigiert nach oben gebogene Trompete auspackt, um mit den Kaiserjägern einen zu blasen, während Kulturinitiativen sich zu Boden werfen, dann hat er etwas von der Realität nicht mitgekriegt. Da sind jetzt zwanzig Tiroler Kultur-Jahresbudgets in Vitrinen verbunkert, es gibt kein Zurück mehr, und natürlich wird bei der Eröffnung jeder eingekauft, der eine Trompete halten kann. Franz Hackl hat sich offensichtlich einkaufen lassen nach dem Motto, Musik hat keinen politischen Hintergrund. (Das haben angeblich die unwissenden Musiker im letzten Jahrhundert auch immer geglaubt.) Natürlich bläst er wie immer wild haarig und wild geformt, aber sein politisches Bewusstsein dürfte darunter etwas geradlinig stromförmig gebügelt sein. Vielleicht hat seine Musik keinen gesellschaftlichen Hintergrund und er unterrichtet die reine Improvisation. Mag sein, dass er Kohle für seinen Lehrstuhl braucht und daher am Bergisl einen für die Politik blasen musste. Wenn er demnächst wieder sein Gerät auspackt und es als Konzert verkauft, wissen wir, dass alle seine Töne auch Gebläse sein können, eine Modulation zu einer gekauften politischen Gesinnung.

Helmuth Schönauer 13/03/11

 

 

STICHPUNKT 1104

Stalineum

Oft erschließt sich der Sinn erst über den Unsinn. Während der Ägyptischen Revolution wird auch das Nationalmuseum in Kairo aufgebrochen und teilweise geplündert. Ein paar durch Master-Studies wütend gemachte Bologna-Absolventen schänden eine Mumie, Ausdruck der höchsten Verachtung für direkte und indirekte Geschichte. Wie gut dass die wirklich guten Sachen längst geklaut sind und in London oder Wien zur Schau gestellt werden. In Innsbruck ist für diesen Zweck auf dem Bergisel das „Stalineum“ eröffnet, ein Museum zu Ehren von Van Staa. Das Museum für Geschichtslosigkeit muss, wenn es einmal eine Ägyptische Rebellion gegen Platterak geben sollte, natürlich verwüstet werden. Zu diesem Zweck sind schon Anleitungen im Netz. So soll man den Aluminium-Duce wortlos bei der Plünderung missachten, die Mütze des Ötzi wegen Lausbefall liegen lassen und die Pfeife des Wallnöfer einfach mit dem Mundstück nach Westen drehen. Mehr gibt es in diesem Stalineum nicht zu sehen. Und auch jeder Revolutionär, der es dereinst devastieren will, ist schon jetzt enttäuscht. Dieses Tirol-Panorama, wie es offiziell heißt, ist so ein flacher Scheiß, dass man es bei Revolutionsplänen getrost auslassen kann.

Helmuth Schönauer 10/03/11

 

 

STICHPUNKT 1103

Habe die Ehrung!

Nach 25 Jahren kriegt der Tiroler Arbeiter von der Kammer eine Urkunde und eine Jause, bei der neben ausreichend Alkohol der windige Herr Reindl als Arbeits-Moderator zu Gast ist. Allein schon, wie er in seiner Montur mit dem Mullwägelchen auf die Bühne fährt, ist zum Schreien. Tiroler Arbeiter haben es sehr gerne, wenn sie nach 25 Jahren Arbeit auf die Müllschaufel genommen und ordentlich verarscht werden. Der Vize-Landtagspräsident geniert sich ein wenig, weil man ihm bei dieser Fete besonders heftig zuprostet und ihn ständig fragt, ob er zum Autofahren auch immer einen in der Hupe habe. Aber das Gute kommt nach dem witzigen Müllmann: es sind die Zillertaler-Trillertaler! Seit der Abspaltung von den einfachen Zillertalern und dem Streit mit der Zillertaler Doppelhelix nennen sie sich Zillertaler-Trillertaler, und da geht die Post ab, das heißt, alle anwesenden Postler werden schon beim Eröffnungsmarsch in die Pension geblasen. Der Kammer-Häuptling, selbst ein ziemlich verblasener Postler, prostet allen zu, egal ob sie in die Pension gejagt oder mit schräger Schunkelmusik aus dem Saal gefegt werden. Der Arbeiter von heute, hat nicht nur nichts mehr zu melden, seit das Meldeamt ins Magistrat verlegt worden ist, er hat auch ausgeschissen und nicht einmal mehr Luft für einen Verzweiflungsfurz. Der Arbeiter von heute, sitzt stumm und schunkelig bei der Arbeiterkammerehrung und betet inbrünstig, dass der Alkohol zu wirken anfängt. Für irgendwas muss die Arbeit ja gut sein, und sei es, dass man nach 25 Jahren mit einem Kammerfetzen geehrt wird.

Helmuth Schönauer 09/03/11

 

 

STICHPUNKT 1102

Remler folgt der Scheide nach

Remler folgt der Scheide nach, die Vorgängerin tut nämlich scheiden, wie es in einem politischen Kinderlied heißt. Die alte Scheide geht als abgetakelte Kartoffel in die Wiener Politik, während Remler außer ihrem schönen Namen auch eine Herkunft aus Osttirol als Vorschusslorbeer ausfährt wie ein männliches Geschlechtsorgan. Alle sind baff und geil, der hoffentlich kurze Auftritt der Osttirolerin auf dem Wiener politischen Bankett gilt schon jetzt als hohl und schön. Die Erde bebt wirklich, bei solchen diffusen Entscheidungen der Einheitspartei. Die Erde bebt von Osttirol über Innsbruck nach Wien und zurück und endet als ausgelebter Gartenzwerg unter der Vulkanasche des Daseins am Bergisl, am Mitterweg oder Vögele-Bichl. Aber jetzt kommt schon der nächste Schub an Remler, die Zeit im Bild kommt ins Haus und erledigt, was die Todeltodel tagsüber nicht geschafft hat. Völlig hingelechzt, kommt die Mandatarin nach der Angelobung in der Wirklichkeit an und meldet sich zum Dienst, es war mir eine Ehre, unter dem satten Reifen der Demokratie zu liegen, ich hätte mich auch überfahren lassen! Sie redet einen Scheiß wie wenn sie in der Osttiroler Frisur ein Loch hätte. Von dieser Remler wird noch einiges zu erwarten sein, aber sicher nichts Gutes.

Helmuth Schönauer 08/03/11

 

 

STICHPUNKT 1101

Hohl und schön

Gute Romane lassen sich nur in der Stille des Untergrundes schreiben. Unter dem Titel "Hohl und schön - Ein Pixelroman" wallt der Untergrund an die Oberfläche. Die Methode des Pixel-Romans besteht darin, dass in jeder Sequenz das Ganze enthalten ist. Kleines Beispiel: Das Rotz-Zentrum gleicht bei Alpenbewohnern erstaunlich dem Weltall, wiewohl dieses noch nicht endgültig vermessen ist. Das Aufziehen von Rotz ergibt in Geräusch und Konfiguration eine Sequenz, wie wir sie auf You-Tube von Tausenden von Raketenstarts kennen. Generell ist das Hirn des Landtagspräsidenten aufgebaut wie das Weltall, schwarze Löcher inbegriffen, Antimaterie, und was es in den schauerlichen Sagen alles so gibt, die rund ums tägliche Lagerfeuer von ORF eines herum erzählt werden. - Ich verspüre einen Druck mit Dunkelheit. - Ist das alles? - Das ist alles. Manchmal sind Nachrichten so belanglos, dass sie in keinem Hirn des Kontinents Platz haben. Täglich sterben in der EU hundert Menschen im Straßenverkehr, diese Meldung läuft ohne festen Ankerplatz in irgendeinem Hirn frei am Kontinent herum

Helmuth Schönauer 05/03/11

 

 

STICHPUNKT 905

Nine-Six-Nine der Literatur

Amis lieben es, Katastrophen-Tage mit Zahlen abzukürzen, während sie erfolgreichen Tagen einen Buchstaben voranstellen. So kennen wir mittlerweile allen den Nineeleven, der ja wirklich für New York und Washington eine Katastrophe war, und den D-Day, an dem die Landung an der Normandie einsetzte. Österreich produziert beides, Figuren, zu deren Eliminierung man einen D-Day braucht, und Typen, die für Katastrophen gut sind. Die Katastrophe für Intelligenz, Lektüre und Fähigkeit zur Fiktion heißt Arnold Schwarzenegger. Seit 9-6-9 gilt wieder das eherne Gesetz der Körperphysik: Wer alles in den Bizeps steckt, hat nicht mehr viel Kraft für das Hirn! Mit einem Kraftakt hat der österreichische Muskelprotz als Gouverneur von Kalifornien verkündet, dass es in Zukunft keine Schulbücher mehr geben wird. Da alle einen Laptop haben, kann man sich die paar Zeilen, die man zum Mailen braucht, leicht irgendwo aus dem Sillikon Valley herunterladen. Die Botschaft ist verheerend. Wenn man das Trägerelement der Bildung abschafft, kann man gleich den Hut auf die Bildung hauen. Denn selbstverständlich ist die digitale Welt nützlich und kompetent, aber sie hat eben für den Menschen nur dann einen Sinn, wenn der Übergang zur analogen Erfahrungswelt des Users gelingt. Also das Buch ist etwas Analoges wie unser Körper, zerknittert, träge, altmodisch frech, während das Digitale bloß eines ist: Unberechenbar unzurechnungsfähig. So, jetzt kriegen also die Kalifornier keine Schulbücher mehr, zumindest die proletarischen, denn in den Elite-Schulen wird weiterhin auf das Buch gesetzt. Digital lachen muss man, wenn man die Sorge Österreichs zur gleichen Zeit bedenkt. Darin beklagen sich die Piloten des Eurofighters, dass sie nur am Simulator fliegen dürfen aber selten echt. So kann man es auch sehen, das Notebook ist der Simulator, das Buch ist das Leben in echt.

Helmuth Schönauer 09/06/09

 

 

STICHPUNKT 904

Wanzo sechs reitet wieder

Obligate Szene: Ein weißbekutteter Weißer als Kuttenträger küsst den afrikanischen Boden, machen tut er ein Winke-Winke in die Kolonien und auch so sprechen tut er. In seiner Hand hält er versteckt das Winke-Kondom. Vor dem Mikrophon macht sein Hirn Sendepause, denn was dieses theologische Spezialhirn ausspuckt, kriegt die Öffentlichkeit in einem Pre-View aus dem Flugzeug mit: „Schas euch allen, die ihr nicht mein Hirn von Gott habt!“ - Aber ganz so wie früher traut sich der im Augenblick von Gott getroffene Winke-Träger nicht mehr aufs Podium. In seinen Augenwinkeln gibt er zu, dass er Scheiße gebaut hat, obwohl diese von Gott stammt. Kein Wunder, winkt doch zur gleichen Zeit Mister Obama mit einem ganz anderen Charisma. Da macht endlich ein Schwarzer Dampf gegen die gottserbärmlichen Sprüche der weißen Weltansprüche. In der Innsbrucker Provinz mitten in einem Saggener Altenheim fragt Opa aus der Demenz heraus nach dem Lebenssinn und begründet dies: „Vielleicht ist Gott das Gegenteil vom Papst. Vielleicht ist er schwarz. Auch das ist vorstellbar.“ - Gegen diese Aufklärung reißt ein Wiener Szene-Witz alle diese Papst-Scheiße auf und fügt es auf den schönen Kommentar zu den permanenten Papstbesuchen zusammen: - „Wo du hin schmeckst, habe ich schon längst geschissen.“ Aber es könnte auch anders kommen. Das Krisenmanagement Obamas hat unter der Sicht unserer verlorenen Tage vielleicht schnell ausgeschissen, während der Papst durchaus sterben kann, obwohl dann sein Nonsens weitergeht. Denn ein echter Papst schmeckt in diese Niederungen des Alltags gar nicht hinein und übergibt seine Floskel an den nächsten. „Wanto sechs“ ist sicher einer, der auf die Frage: wann es Sex gibt mit „6“ antwortet. Warum heißt diese Glosse so? – Weil jeder von uns einen Papst braucht, der sich Wanto „6“ nennt. Nur so können wir die Jahrzehnte bis zur Erledigung unseres Lebens erreichen. Das Ziel nennen wir dann Pension, aber wenn diese Pension jemand erreicht, hat er erst recht nichts gewonnen. – Ein bisschen Umarmung zur Lebenszeit, mehr ist in unseren Bodies nicht drin.

Helmuth Schönauer 21/03/09

 

 

STICHPUNKT 903

Wer zeugt, vermehrt sich

Die wenigsten Beteiligten wissen, dass sie gerade gezeugt haben. Meistens gibt es den Überraschungssatz: Oh, Baby, wir haben gezeugt. Ob OK oder W O, etwas später stoßen Elternsplitter auf den Fakt, dass diese Zeugung kostet. Im glattesten Fall 5.000, EUR per Anno, kommt bei einer Ansässigkeit des „Hindes“ (Hund und Kind) über dreißig Jahre die .stolze Summe von 150.000,- zusammen. Und da musst du immer den Hund austauschen, während dein Kind durchgehend an deinem Euter hängt. Und diese Rechnung ist erst für das für das erste Kind. aufgestellt. Divers verwegene oder unentkuppelte Paarschaften zeugen dann in der Folge bis in Sankt -Nimmerlein-Tag hinein. -Finanziell ein Desaster. Die Geilheit allein kann es nicht sein, warum diese Vermehrungsgene in Front gesetzt sind, vielleicht ist es aber diese schlichte Lust, schlechte Gene am Leben zu erhalten. Also beispielsweise: Ein Bauer hat der Gemeinde den Grund gestohlen, ist schon in der dritten Generation seit dem Diebstahl: Dieser Bauer pudert sich ums Leben in die Agrar-Gemeinschaft, damit sein Hof nie auf die Möglichkeit gestoßen wird, dass alles illegal ist. Ein Universität-Bediensteter hat eine Ehe mit einer Universität-Bediensteten; er zeugt um sein Leben, um das Kind wieder an der Uni unterzubringen. Ein Kultur-Schaffender hat als Markenzeichen einen Hut und tut alles, um seine Tochter mit straffer Frisur im örtlichen Freizeitzentrum ohne Hut über die Runden zu bringen. Wenn es dann am Abend fern weg im Fernsehen ein Massaker gibt, fragt niemand warum habt ihr dieses Ding gezeugt. Was immer unsere wortlosen Jugendlichen anstellen, wir haben sie gezeugt, sie sind die Datenträger von uns. Wir werden uns mit den Jugendlichen herumschlagen, bis wir den erlösedenden Alzheimer kriegen, bitte bitte im Sinne des Papstes: Nicht mehr zeugen – erhöht die Lebensqualität.

Helmuth Schönauer 15/03/09

 

 

STICHPUNKT 902

Kassieren please: Tirol isch lei oans!

Nona, irgendwo hat jeder Tiroler Trottel schon einmal dieses Lied vom Tirol isch lei oans gehört, als leicht angesoffener Obertrottel hast du vielleicht schon einmal mitgesummt, als Untertrottel hast du dich über diesen Lied-Text gewundert. Denn nix ist oans, ein Poststück braucht Wochen zwischen Innsbruck und Bozen und kostet zudem noch als Porto den Preis des Inhalts, die Zugverbindungen sind tapfer daneben, denn du kriegst beispielsweise am Automaten kein Ticket von einer Einheits-Stadt in die andere, und am Handy darfst du gar nichts riskieren, du kriegst immer ein Roaming zwischen Bari in Apulien und Baden bei Wien. Selbst der gut aufgestellte (soll er vielleicht umkugeln?) Nordtiroler Landeshauptmann bedauert, dass es keine Strom- und Erdgasleitung zwischen Nord- und Südtirol gibt. Schas also, mit Tirol isch lei oans. Aber halt! In den Landtagen funktioniert es bereits oder noch immer. Hier wie dort hat die Einheitspartei gerade noch soviel Stimmen, dass sie zwar nichts mehr bewirken, aber immerhin sich selbst befördern kann. In Südtirol hat diese Obstbauern-brünftige Volkspartei dieser Tage einen Angriff aller feindlichen Abgeordneten abgewehrt, wonach die Abgeordneten vom hohen Ross ihrer horrend satten Bezüge hätten steigen sollen, zwanzig Prozent, allein diese zwanzig Prozent wären drei Durchschnittsgehälter gewesen. Njet. Eh klar, als Volksvertreter brauchst du einfach das Zwanzigfache eines Normaleinkommens. Und in Nordtirol haben diese edlen Volksvertreter der Kühe-Partei den Rechnungshof-Leiter geschmissen, weil er es gewagt hat, beim Überprüfen der Volksvertreter-Pfründe wirklich zu prüfen. Die Tiroler Einheitsparteien sind lei oans: a groaßes Schasl a kloans.

Helmuth Schönauer 05/02/09

 

 

STICHPUNKT 901

Verschrottungsprämie für Literatur

Man darf es nicht laut sagen, aber es gibt einfach dumme Produkte und dumme Arbeitsplätze auf dieser Welt. Etwas vom Doofsten ist sicher das Auto. Schon das Zusammenbasteln eines Automobils am Fließband macht die armen Menschentiere in der Fabrik alles andere als glücklich. Und wenn dann jemand ein Auto kauft und damit herum fährt, hat er noch gar nichts gewonnen. Mit einem Auto kann man nämlich gar nichts zum eigenen Lebensglück beitragen, denn es fährt im besten Fall ohne blutigen Unfall von A nach B, und in B musst du erst recht aussteigen und mit dir etwas Sinnvolles unternehmen. Jetzt hat die Menschheit endlich das Glück, dass weniger Autos gekauft werden, weniger Trottel am Fließband stehen müssen und die Leute endlich mit sich selbst etwas anfangen wollen, statt ihren Körper in voller Selbstausbeutung von einem Ort zum anderen zu chauffieren. Aber nein, die Politik reagiert in Automonotonie auf die sogenannte Autokrise. Eine Verschrottungsprämie muss her, man zahlt dir also etwas, wenn du dein altes Auto wegschmeißt und ein neues kaufst. Wie blöd dieses Unterfangen ist, sieht man sofort, wenn man diese Prämie auf andere Dinge umlegt. Zahnbürste, Schuhe, Radiergummi oder gar Löffel, wenn man den alten Löffel abgibt, kriegt man einen neuen. Auch wir Schriftsteller sind naturgemäß ununterbrochen in der Wirtschaftskrise, obwohl oder weil wir etwas Intelligentes herstellen. Warum gibt es keine Verschrottungsprämie für Literatur? Du gibst den alten gelesenen Roman ab und kriegst dafür einen frisch geschriebenen neuen. Leider  beschließt das niemand. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass die Politiker gerne doof mit ihren Dienstautos herum fahren aber nie etwas lesen.

Helmuth Schönauer 04/02/09

 

 

STICHPUNKT 805

Pfoti-Simulation

Der Triebfahrzeug-Mensch segelt mit uns in der Eleganz der täglichen Trift punktgenau an das Deck Zwo des Innsbrucker Hauptbahnhofs, eine Lady stellt den Bus aus dem Mittelgebirge exakt an der Aussttiegskante ab, der dänische Pilot von Schas-Wings landet trotz Föhn millimetergenau auf der Innsbrucker Landebahn. Warum können diese feinen Berufsmenschen etwas, was die großen Tiere nicht können? Erstens sind sie Menschen, die unter Menschen bleiben wollen. Also wenn sie aus ihren Vehikeln aussteigen, sind sie welche von uns. Zweitens sind sie alle an einem passenden Simulator ausgebildet. Sie haben alle den Weg von der Realität über den Zoom der Simulation zur Realität beibehalten. Anders diese armen Schweine, die für uns kandidieren. Deren Simulator schaut so aus, dass sie ein Grinsen und eine Pfote im Dauerbetrieb trainieren wollen. Niemand von ihnen will wieder in die Realität zurück, keiner von denen ist einer von uns. Manchmal hat jemand das Glück, dass er kotzen kann, wie neulich in Vorarlberg der starke Mann der Abschieber-Partei, manchmal verschluckt sich auch einer und bringt hinter seinem Paternoster-Gesicht keinen Satz mehr hervor, ein dritter hat vielleicht in einem Fehl-Simulator das Botox-Lächeln gelernt und kriegt die Augenbrauen nicht mehr herunter. Wir Volk fordern jedenfalls einen Pfoti-Simulator. Darin wollen wir trainieren, wie wir jenen Leichen da oben die Hand geben, ohne dass diese in ihrer Erstarrung erstarren.

Helmuth Schönauer 06/09/08

 

 

STICHPUNKT 804

Vühlfeder

Die Herbste kommen mit Kastanien und Depression. Kluge Menschen setzen den Urlaub in den Sommer, der durch seine Regenschübe die Hormone herunterfährt und so manches Familienglück rettet. In voller Schiffe finden die Familien endlich zu einander und alle freuen sich auf Schule, Beruf und was eigentlich? Dass das Leben vielleicht doch noch kommt, wenn auch mit einer anderen Regierung? Allmählich kriegen wir die Ausmaße der Vorvor-Regierung mit. Da hat doch glatt eine geriatrisch auf der Flöte spielende Unterrichtsministerin das Bibliothekswesen in Österreich aufgelöst, Lesen ab jetzt auf Krankenschein. Und damit sie ordentlich Spuren hinterlässt, hat sie die gehrersche Rechtschreibreform durchgeführt, ab jetzt ist Vühlfeder zwar ein Fehler, aber richtig. Eine Aufbruchsstimmung kotzt durch das Land. An alle Ecken stehen speib-grün-blaue Wahl-Standeln, an denen die Restfreiwilligen ihre Hufe herunterstehen, weil sie auf die politische Karte setzen. Nehmen wir es von der schönen Seite: Zu Schulbeginn wird die Anzahl der Schüler in den Klassen geringfügig kleiner, weil die Anzahl der Schüler geringfügig kleiner wird. In der Sprache der Politik gibt es daher eine geringfügige Nivellierung nach unten. Dafür wird in der Rechtschreibung das Niveau durch den Vühlfeder-Paragraphen gehoben. Wenn es weniger Schüler bei weniger Rechtschreibung gibt, gibt es eines Tages vielleicht weniger Dodeln, die eine dieser Parteien wählen. – So gesehen ist dieser Herbst eine Weichenstellung ins Leere. Aber die Bäume sind noch im Herbstsaft, solange nicht der graue Bär der Grünen daran wetzt als letztes Armutszeugnis einer Bewegung.

Helmuth Schönauer 05/09/08

 

 

STICHPUNKT 803

Rückzug der Zunge

An der Universität einer provinziell-mittelmäßigen Kleinstadt wird viel über die Zukunft diskutiert, die aber niemand erleben will, zumindest nicht in einer intellektuell fassbaren Form. Sicher wird die Zukunft kommen, und wenn sie Überschwemmungen und Unheil bringt, wird man ihre Schäden aus dem Kulturbudget abfedern, wie bisher. Das Tiroler Kulturbudget gleicht einer Katastrophe, seit man daraus kaputt gegangene Häuser in so kulturell wertvollen Orten wie Pfunds, Pfons und Vazzur speist. Die Nachkommen dieser Kulturpflege mögen ja nie fragen, warum diese Orte so wichtig sind. An dieser Universität, an der kaum wichtige Fragen gestellt werden, gibt es auch das Untergrund-Kompliment an die Ideen-Leitung: „Das Wildeste an dieser Uni ist der Rektor, er unterrichtet nämlich tote Sprachen.“ Im Foyer der Bibliothek stehen seit Jahren zur Nachmittagsschicht zwei Bibliothekare und kommentieren zwischendurch ihre miese Lage, denn im Abendland des Eventes werden die intellektuellen Echtzeiterlebnisse immer rarer. Von den Kollegen händewinkend als Depp-Fixi und Trottel-Foxi bezeichnet, wollen eigentlich alle wissen, was diese zwei Typen besprechen, aber man kann nur über ihre Körpersprache erahnen, was sie denken. Übersetzte Körpersprache: Die Gletscher ziehen sich vom Gebirge zurück, wie sich das Buch vom Leser zurückzieht. Was bleibt, ist im einen Fall das Kar, und im andern der Bibliothe-Kar. Aber die Zunge bleibt? – Die Gletscherzunge lässt in ihrem Rückzug viel Geröll zurück, während die Zunge des Bibliothekars, wenn sie sich zurückzieht, absolute Leere hinterlässt. So ist es auch zu verstehen, dass der Bibliothekar Casanova letztlich durch den Rückzug seiner denkenden Zunge aus diversen Leibern am meisten in der Literaturgeschichte punkten konnte. Alle im Foyer beneiden diese beiden Bibliothekare, die aus ihrem Untergang stündlich Witz formen.

Helmuth Schönauer 19/06/08

 

 

STICHPUNKT 802

Wenn die Unterhose dreimal klingelt

Da war doch letzte Woche etwas. Ach ja, diese Wahlen, wo alle amtierenden Heinis abgewählt worden sind. Aber jetzt, eine Woche später? Niemand von den Bonzen hat den Griff in den Schritt und die Alarmglocke in der Unterwäsche gehört. Alle machen weiter, als wäre kein Trottel zur Wahl gegangen. Einer Polizistin, der die Mütze falsch sitzt, einem Postler, der den Brief quer zustellt, beiden wird sofort ein Disziplinarverfahren angehängt, womöglich mit Stillstand des Dienstverhältnisses. Wenn aber die Mister Staa, Gschwentner und Willi vom Wähler den Auftrag kriegen, leise abzutreten, legt deren Amtsverständnis des Durchsitzens erst so richtig los. Also gegen diese Tiroler Durchhocker ist Stalin geradezu ein Schas in seiner Argumentation, dass er das Volk am besten schützt, indem er es vernichtet.

Die Tiroler Abwatschkanonen schießen durchaus frech auf das Volk, indem sie was von Auftrag, Missverständnis, Einverständnis und dem Jenseits murmeln. Offensichtlich gilt weder weiß wählen, abwählen oder nicht zur Wahl gehen etwas im Vergleich zum Klebstoff, den diese Typen am Hintern haben. Wenn jetzt alle drei abgewählt sind, warum treten sie dann nicht zurück? Soll eines von uns Wahlviechern noch jemals OVP/SPO/GRUNE wählen, wenn deren Gremien sowieso auf unsere Zustimmung scheißen und ihre Bonzen im Sattel sitzen lassen? Gaggy sagen die Kinder zu Dingen, die unerklärbar sind. Hoffentlich kommen in der nächsten Generation viele Gaggy-WählerInnen zu Tage. „Einfach diese geschissene Partie abwählen!“ heißt die Parole. Aber wie? Muss man vielleicht talibanisch nachhelfen?

Helmuth Schönauer 16/06/08

 

 

STICHPUNKT 801

Gemeinde-Stier mit Hormonbremse

Es gibt ihn natürlich nur mehr in Dorferzählungen, den Gemeinde-Stier, der im Laufe eines Vormittags so lange auf diverse Geschlechtsorgane hinaufspringt, bis seine Bewacher und Betreiber müde geworden sind und den Vormittag abbrechen. Der Kapitalismus und die Börse leben von solchen Bullen, die im Laufe eines Vormittages so lange den Geldsack bespringen, bis die Hormone durchgeschüttelt und die Eier leer sind. Einem Bullen der kapitalistischen Art Moral anzudichten oder so etwas wie ‚Verantwortung‘, ist etwa so sinnlos, wie dem Gemeindestier den Bock abzubauen, während er diesen bespringt. Langsam kriegt dieser nimmersatte Managerkapitalismus ein Problem. Nicht nur dass kaum mehr jemand zur Wahl geht, um einen Geldsack zu wählen, der Radikalismus rechts und links nimmt zu, nicht nur in Deutschland. In Tirol sind diese springenden Geld-Tiere etwas kleiner ausgeprägt, aber in ihrer Präpotenz immer anwesend. Wer staunt nicht über einen Möchtegern-Landtagsabgeordneten, der als Wirtschaftskammerpräsident ununterbrochen eine dritte Autobahnspur durch Tirol fordert und selber mit einem Ami-Bock-Schlitten Offroad-Trials bestreitet? Wer kennt nicht den Speck-Oberboss, der mit dänischen Schweinen ständig Tiroler Sprüche klopft und ab und an im Naturschutzgebiet mit seinem Hubschrauber auf Mission ‚Naturpflege‘ erwischt wird? Solchen provinziellen Gemeinde-Stieren hat das Proletariat nur einen Bobfahrer entgegenzuschleudern, der ständig aus den Stauden springt und vor Aufregung keinen Satz zu Ende bringt. Der Kapitalismus ist eine geile Sache, wo du ununterbrochen mit einer Erektion durch die monetären Kanüllen zischen musst. Eine dieser Säue durch Moral zähmen zu wollen ist etwa so pervers, wie einem Imker durch Honiggeruch das Imkern auszutreiben. In Tirol gibt es immer noch eine Anzahl von Börsenmitspielern, die katholisch einwandfrei auftreten und ihre Geschlechtsorgane längst in Erektion gebracht haben wie die echten Bosse in Lichtenstein. ‚Was sollen wir machen, wenns so geil ist?‘ - Ehrlich, auch als Gemeinde-Stier bist du eines kapitalistischen Tages nicht mehr ganz da und kippst aus den eigenen Eiern. Schön für die Eier, sagen dann alle.

Helmuth Schönauer 16/02/08

 

 

STICHPUNKT 706

Schwächelnde Glossitis

Die Provinz ist unbarmherzig zentral. Was immer wir in Tirol denken, die Gedanken sind aus dem Weltzentrum geklaut. Wir wissen freilich nicht, wo dieses Zentrum sitzt. Eine steirische Friseuse macht dir mitten in Innsbruck am Mitterweg einen Weltschnitt, den sie aus dem Internet herunter geladen hat. Eine einheimischer Eisverkäuferin schmiert dir in Hall Kreationen wie Waldviertler Mohneis / Waidhofner Honig auf die Zunge, eine Straßenbahn aus dem Jahre 1962 bleibt einfach stehen, weil sie in Simmering gebaut worden ist.So etwa schaut ein Nachmittag in Innsbruck und Umgebung aus. Eine Glosse ist dazu da, in einem schmalen Streifen am Rande einer Zeitungsseite mit Augenflunkern einen andern Blick auf triviale Ereignisse zu werfen. Die Leser sollten bei einer guten Glosse keine Empfindung haben, sondern bloß zu einem Nicken veranlasst werden. In Tirol machen drei Leute die Glosse. Alois Schöpf schreibt seit 1950 für die Tiroler Tageszeitung, (so called TT) manchmal geht bei ihm das Geburtsdatum mit dem Erscheinungsdatum konform. Die Tiroler Tageszeitung war bei der Geburt Alois Schöpfs übrigens fünf Jahre alt. Heuer hat A. S. das große Keks des Landes Tirol gekriegt, vermutlich weil die Tageszeitung fünf Jahre älter ist als ihr Glossist und weil A.S. das Würdigungsdatum „fünf“ erreicht hat. Die Würdigung ist übrigens kompatibel mit dem Datum der Überreichung am 15. August. Gutes Glossieren nämlich wird zumindest in Tirol verlässlich belohnt, wenn die richtige Ziffern-Konnektion im Würdigungssubjekt drin steckt. Für nächstes Jahr sollten laut Glossengerüchten die Autoren/innen Stefanie Holzer und Walter Klier drankommen. Sie sind immerhin auch bei einem wichtigen Medium wie der TT auftrittig und haben in den letzten beiden Jahren vor allem über Kinder in der verpissten Sandkiste im Umgang mit Hunden und über die Sitzplatzverteilung mit Kindern auf öffentlicher Verkehrsfläche starke Meldungen abgegeben. In debilen Kreisen spricht man bereits von einem gelungenen Tiroler Glossismus.

Helmuth Schönauer 17/10/07

 

 

STICHPUNKT 705

Abseiltag

Ein gleichzeitiger Almauf- und abtrieb ist ein purer Schas gegen jenen Auftrieb, den es am so genannten Seilbahntag gibt. Die hohen Tiere sind dementsprechend geschmückt und begrüßen einander mit dem heftigen Händedruck von Seilbahnpionieren. Im Inneren der Handflächen sind die Rippungen zu sehen, durch welche das Seil läuft, mit dem sie ihre Projekte in die Höhe treiben. Und auch so mancher Satz fällt als selbstbewusster Flüsterer im Sound einer Geheimbotschaft: „Nit lugg lassen, die Berge kean ins, mir kennen bauen, was mir wellen!“ Am diesjährigen Seilbahntag steht das Thema Sicherheit am Podium. Es gibt nämlich allenthalben Schidiebstähle und Schiversicherungsbetrug, und wenn jeder zweite Schifahrer ohne Schier zu Tale fahren muss, weil sie ihm in der Höh gestohlen worden sind, geht am Ende die generelle Seilbahnleistung zurück. Die Presse berichtet über diese Orchideen-Themen der Gesellschaft wie wild, weil sie ständig Freikarten kriegt für die profitable Berichterstattung. Journalisten reißen sich um die Akkreditierung beim Seilbahntag, denn da gibt es zum Buffet Karten für die ganze Verwandtschaft über die komplette Saison. Das Thema Sicherheit könnte man auch einmal bei einem Radlertag zur Sprache bringen, aber diesen Tag gibt es in dieser großen Aufmachung überhaupt nicht. Und weil es nur Pedale zu verschenken gibt, wenn das Thema ansteht, geht auch kein Journalist hin, wenn es um das Radeln geht. Denn wer will schon treten, wenn er akkreditiert ist? Die Grünen, die beim Seilbahntag immer uh! Und ah! Schreien, weil es um die Sicherheit in freier Natur geht, blenden sich selbst beim Radeln aber völlig aus. Wo Radler unterwegs sind, herrscht mittlerweile Lebensgefahr. Keine Seilbahn ist so gefährlich wie ein Radler, der mit dem grünen Mäntelchen wie wild auf den Gehsteigen die Fußgänger verprellt und fallweise niederfährt. Also ihr Grünen! Aufwachen! Der Feind sitzt nicht in der Seilbahnwirtschaft am Berg sondern am Rad auf dem Gehsteig! Macht einen Radlertag zum Thema Sicherheit, und lasst den Gehsteig wieder den Fußgängern. Das wäre die richtige Antwort zum Seilbahntag.

Helmuth Schönauer 16/10/07

 

 

STICHPUNKT 704

Niemand macht mehr gaggi

Da gehst du zitternd die Innpromenade quer durch Tirol hinauf und hinunter, im Gesicht immer den frischen Schiss, ob dich ja auch alle mögen und dich niemand anscheißt. Und es wird gerade in Zeiten der verschifften Sonnwendfeuer eine echte Zitterpartie, denn niemand kotet dich an. Kein Köter weit und breit. Und wer einen so genannten Hund hat, redet inzwischen wie Jesus oder einer seiner Jünger mit dir, während er den Stuhl seines Freundes einsammelt. Manchmal das Glänzen dieses Totalfreundes, ob er dir nicht einen hinten heraus wischen könnte, du aber bist am After stark und sagst nein! Aber nicht nur Innsbruck ist mittlerweile eine Gegend des Paradieses geworden. Ganz Österreich hat im letzten Halbjahr eine Ruhe hingelegt, so dass weder Glossist noch Kabarettist jemals mehr eine Meldung zusammenbringen. Erklärbar ist dies Totalöde vielleicht durch den negativen Grasser-Effekt. Grasser-Bua hat ja oft während des Interviews Gaggi gemacht, ihm ist die Wurst sichtbar in die Kamera hinausgehangen, aber vor dem Mikrophon hat er kitzbühel-steinernplatte-mäßig gegrinst: - Ich bin sauber! Jetzt sagt Voll-Job-Grassi, dass er kein Fernsehen mehr auf sich nimmt, weil ohne ihn ohnehin nichts mehr los ist. Viele haben sich dieser These angeschlossen. Kaum jemand schaut heute noch fern. Es gibt ja auch kaum jemanden mehr, der so wie eine frisch geschissene Wurst lügen kann. Können Sie sich noch an die Gehrerein erinnern? – Mah, das war eine Wurst! Schade, jetzt gibt es oft wochenlang keinen so genannten Stoff mehr in Österreich.

Helmuth Schönauer 21/06/07

 

 

STICHPUNKT 703

Bitte nehmt uns nicht den letzten Sex!

Au, jetzt wird es für die Genitalien knapp. Die Frau Landesrat für Gesundheit will die Prostitution bekämpfen und denkt daran, nach schwedischem Modell jene Freier zu bestrafen, die sich die Entlüftung des männlichen Hauptorgans durch Professionistinnen gönnen. Was heißt gönnen! - Eine Qual ist es, und kein Mann geht freiwillig zu einer Prostituierten, wie auch kein Wähler freiwillig eine Partei wählt. Es ist diese depperte Konstellation von denkenden Hormonen im Körper, die dir einfach in der Früh befiehlt, es zu tun und hinzugehen. Wenn du Glück hast, ist an diesem Tag gerade irgendeine politische Veranstaltung oder der Opernball, so dass du dir dort in der Öffentlichkeit die Hormone ausschütteln lassen kannst. Wenn nichts ist, und das ist in der Provinz häufig der Fall, dann hilft eben an diesen bescheuerten Tagen nur eine Professionistin. Wir Männer appellieren also an die Frau Landesrätin: „Bitte nimm uns nicht unseren letzten Sex!“ Die Landesrätin ist, was diese unglücklichen Konstellationen betrifft, sehr verständnisvoll. Dass sie als alleinerziehende Mutter ihr Kind groß gezogen hat, hat Tausenden Frauen im verklemmten Hinterland der diversen Bezirke Auftrieb gegeben. Dass die heile Familie in der Sonntagsrede was anders ist, als unter der Woche, hat sie am eigenen Leib verspüren müssen. Als Ärztin weiß sie, dass wir Männer durchdrehen, wenn wir nicht den notdürftigsten Sex bekommen. Schon aus medizinischen Gründen wird sie hoffentlich dafür sorgen, dass die Rohre klinisch sauber und moralisch einwandfrei entleert werden können. Wer nämlich den Männern das Trinken und das Vögeln nimmt, muss mit einem flächendeckenden Untergang des Landes rechnen.

Helmuth Schönauer 16/02/07

 

 

STICHPUNKT 702

Verkotet

Wer mit einer schmutzigen Linse den Raum betritt, hat eine schmutzige Sicht. – Bereits in der ersten Stunde des Journalismus lernt man, dass man die Linse putzen soll, ehe man filmt, zoomt oder sonst etwas Informatives macht. In den jüngsten Tagen wird in Österreichs Medien immer die Schmutzlinse aufgesetzt, weil das unausgesprochene Thema lautet: Kind im Dreck, Wohlfahrt in der Warteschlange, Eltern im Dreck. Jeden Tag gibt es mittelweile aus jedem Bezirk einen Bericht über eine Wohnung, die verkotet ist. Haha, als ob das nicht immer schon so gewesen sei. Natürlich läuft ein sozial geschichteter Knigge ab, welcher in der Oberschicht durch die Nase ausbläst, was sauber ist und was nicht, in der Mitte hygienische Parameter festlegt, wann selbst das bloße Wohnen in dieser Gesellschaft gefährlich ist, und unten den bloßen Dreck in der Wohnung vorfindet und zu einem Österreichbild macht. In den Berichten über verkotete Wohnungen spielen immer Kinder eine Rolle, die von Psychologen gerettet und in Wohlgefallen aufgefangen werden. So nebensächlich fallen immer Wörter wie Kot, Hunde, Katzen, unhygienisch. Da zwei Hauptgruppen von Kotliebhabern, nämlich Eltern und Tierliebhaber bedient werden müssen, löst man in der öffentlichen Darstellung das Problem psychologisch: - Wenn etwas stinkt, hole einen Psychologen. Kinder sind immer im Dreck, wenn Tiere in der Nähe sind, aber erwähne die Tiere nicht! Dein Medienschicksal ist von der Postleitzahl abhängig, wenn noch kein Bericht aus deinem Bezirk dran war, kann es leicht sein, dass sie in zwei Stunden bei dir läuten und deinen Kot filmen, ob du einen hast oder nicht.

Helmuth Schönauer 16/02/07

 

 

STICHPUNKT 701

Waggerl-Universität

Österreich ist auch ohne Schnee total gut aufgestellt, wie das in der wirtschaftlichen Wohlfühlsprache heißt. Jetzt kommen im Stundentakt die aktuellen europäischen Statistiken über das vergangene Jahr zum Vorschein, und Österreich ist überall spitze. Beim Alkoholkonsum, bei der Brauereidichte, beim Suizid, was Häufigkeit und Intelligenz der Durchführung betrifft. Der bekannteste Österreicher ist Gouverneur von Kalifornien, er schaut seinerseits durch Bestätigung von Todesurteilen, dass alles spitze ist. Und der reichste Österreicher ist ein Dosenfabrikant, der in diese Unnützsprudel abfüllt, damit die Dosen nicht von alleine abheben. Einen kleinen Schönheitsfehler, wenn man einmal vom Gesicht des gegenwärtigen Bundeskanzlers absieht, hat Österreich freilich noch: Es hat keine Elite-Uni, oder zumindest noch keinen Namen dafür, was als Elite-Uni aufgestellt werden soll. Auf dem Gelände der ehemaligen Nervenklinik Gugging sollen bald nervenstarke Professoren auf Englisch unterrichten und im Topbereich abcashen. Was und wie gelehrt wird, ist bei einer Elite-Universität ohnehin sekundär. Das wichtigste freilich ist ein hinreißender Name. Nachdem sich die Erben des legendären Aussteiger-Philosophen Ludwig Wittgenstein weigern, den Namen für eine Nervenklinik herzugeben, steht die Uni wirklich nackt und deppert und ohne Namen da. Gehrer-Universität, was ja das Logischste für diesen Unfug wäre, kann man diese Uni nicht nennen, weil dieser Name mit einer unglücklichen Rechtschreibreform und dem schrägen Motto „Pudern statt Party!“ auf ziemlich lange Zeit negativ besetzt ist. Jetzt geht es also darum, einen unbestritten schlichten, österreichischen, intellektuell wackeligen Typen zu finden, der der österreichischen Elite-Universität einen zünftigen Namen gibt. Österreichkenner plädieren für Karl Heinrich Waggerl (KHW), aufregend blöder kann niemand einen Namen mit so viel österreichischer Seele spenden! Und mehr als eine Adventgeschichte mit Krippenschau wird die Eliteuniversität in Gugging ohnehin nicht sein.

Helmuth Schönauer 22/01/07

 

 

STICHPUNKT 623

Doktor Minimundus

Wenn man sich mit Google-Earth in die Karawanken zoomt, taucht jäh der Wörther See auf und man sieht an seinem Ufer vom Weltraum aus Leute jammern. Wo das Jammergeschrei besonders groß ist, liegt auf dem Gelände von Minimundus die Universität. Einst als Freizeitarena für badende Forscher errichtet, ist diese Universität in kultureller Randlage für jene Studenten interessant, die zwar nicht in ein exotisches Land übersiedeln aber doch in einem solchen studieren wollen. Obwohl es in der Wissenschaft scheinbar objektiv zugeht, nützt einem in der akademischen Welt die beste Wissenschaft nichts, wenn man nicht mit einem ordentlichen akademischen Fettpolster ausgestattet ist. Zu diesem Fettpolster gehört das gegenseitige Hofieren in näselndem Ton, aus Ausbremsen von Konkurrenten, das Überholen von Mitbewerbern über die Abkürzung diverser Darmschlingen und das kundige Bewohnen der akademischen Welt. Diese hat mit der übrigen Welt kaum etwas zu tun, weshalb man sich als intellektueller Mensch noch zu Lebzeiten entscheiden muss, ob man in der akademischen oder in der realen Welt leben möchte. An die Universität Klagenfurt wurden Jahrzehntelang offensichtlich Menschen gespült, die mit der realen Welt nichts zu tun haben wollten und sich der reinen Akademitis hingaben. Wer sonst nirgendwo unterkam, ergatterte immer noch eine kleine Professur in Klagenfurt, wer es als Student schnell und billig zu einem akademischen Grad bringen wollte, inskribierte an der Sonnenuniversität am Wörthersee. Jetzt sind allerhand dieser Schnellstudien ins Gerede gekommen. Nicht nur, dass man an der Klagenfurter Uni stets denkt, was andere denken, man schreibt auch hemmungslos diese Gedanken ab. Fast jede zweite so genannte wissenschaftliche Arbeit soll abgeschrieben sein, heißt es grüchtehalber. Wenn die Klagenfurter klug sind, machen sie daraus einen eigenen Forschungszweig. Wer das Studium auf diese Art rasch absolviert, sollte sich Doktor Minimundus (Dr. min) nennen dürfen.

Helmuth Schönauer 15/11/06

 

 

STICHPUNKT 622

Amadeus Kotzart

Das Jahr 2006 wird als das Jahr der Apathie eingehen, wenn nicht im letzten Quartal noch halbwegs was passiert. Politisch ist das Land sowieso im Koma. Die einzigen, die so tun, als ob Wahlen wären, sind die paar hysterischen Abgeordneten, die um ihre Sessel fürchten. Denn bei so einem blöden Volk wie dem Österreichischen weiß man nie, wie man dran ist. Plötzlich siehst du Landesrätinnen und –räte auf der Kreuzung Arschfolder verteilen. Aber du bist schon in Apathie. Immer, wenn du dich an eine ihrer Abteilungen gewandt hast, haben sie dir den Stinkefinger oder den Schmecks gezeigt, jetzt bist du apathisch gegenüber all diesen wahlwerbenden Arschlöchern und Österreich ist schön. Apathie ist auch in der Musik nötig, seit irgendein Konzert-Konzern das Mozartjahr ausgerufen hat. Jeden Tag Mozart in allen Stellungen, selbst beim Scheißen kommt dir hinten schon der Mozart heraus, da hilft nur mehr die generelle Apathie. Ab und zu fließt noch ein Hörfragment ans Ohr, weil du den Sender nicht schnell genug hast wechseln können, und diese paar Töne eines Symphonie-Kotzertes sagen dir, diese Musik ist tot, nachdem sie heuer alle tot gemacht hat. Es wird Jahre brauchen, bis die Menschen wieder aus diesem Koma erwachen. Ich will nicht mehr aufwachen, ich tauche den Rest des Lebens durch Österreich durch. Ich drehe die Hörfunksender ab, damit ich dem Mozart auskomme, ich drehe den Fernseher ab, damit ich die Arschgesichter nicht sehen muss. Wenn ich einen Hund scheißen sehe, denke ich mir, es ist ein Politiker, wenn ich einen Schnellkotzer an der Gehsteigkante würgen sehe, denke ich mir, es ist Mozart, der noch rasch eine Symphonie auskotzt. Und irgendwann wird dieses apathische Jahr doch wohl zu Ende gehen.

Helmuth Schönauer 26/09/06

 

 

STICHPUNKT 621

Tret-Willi

Präpotenz ist nicht nur was Schönes, sondern auch was Nützliches. Der Präpotentzanwender kann nämlich dabei so richtig die Sau heraus lassen und der Präpotenzbeobachter kann sich glücklich fühlen, dass er kein so ein präpotentes Schwein sein muss wir jenes, das er gerade beobachtet. Ein gutes Präpotenzmittel ist das Dienstauto, mit dem es sich zu jeder Tageszeit gut sichtbar irgendwo vorfahren lässt. Besonders aufregend sind die getönten Scheiben, wenn man als Passant zuerst raten muss, welche gigantische Nudel da anrollt. Und beim Aussteigen zieht sich dann das Flüstern durch die Fleischkäsgasse: - Ah, das ist der Gefönte, ah das ist die Matratzentussi, ah, das ist der wahnsinnig tolle Politiker vom Wahlplakat gegenüber. Die Grünen, ursprünglich Gegner von Dienstkarossen, haben mittlerweile das schöne Spiel der Präpotenz gelernt und üben es auch mit Hingabe aus. Freilich verwenden sie dazu jeweils das Fahrrad, mit dem sie auf dem Gehsteig dem blöden Fußvolk so auf die Pelle rücken, dass dieses seinerseits auf die Fahrbahn springen muss. Denn in ihrer Ideologie sind die Grünen pure Anhänger des Darwinismus, der jeweils Höhere in der Verkehrskette frisst den Niedrigeren. So hat dieser Tage der Landtagsabgeordnete Georg Willi wieder einmal große Bewunderung ausgelöst, als er mit seinem Dienstfahrrad mitten in Innsbruck gegen die Einbahn und auf dem Gehsteig in eine spazierende Fußgängertruppe geradelt ist, denn auch am Fahrrad lässt sich herrlich diese Präpotenz ausüben. Das ist der Unterschied zwischen den Grünen und den anderen Parteien. Während die flotten Karosseriebenützer darüber streiten, ob sich nicht auch im Stadtgebiet ein Hunderter ausgeht, scheuchen die Grünen mit ihren Fahrrädern die Fußgänger vom Gehsteig herunter, damit wenigstens genug Futter zum Überfahren da ist, wenn die Karossen durch die Städte brausen.

Helmuth Schönauer 04/09/06

 

 

STICHPUNKT 620

Die neue Penis

Seit es die neue Penis gibt, können endlich die Tiroler jene Wörter ungeniert und in voller Zipfellänge aussprechen, die sie früher hinunterschlucken mussten. Offiziell heißt die Zeitung ja „Die Neue“, aber jeder spricht mittlerweile von der neuen Penis, denn in der Neuen ist jeden Tag ein sexuelles Highlight abgedruckt. Dabei geht die Erfolgszeitung immer im Dreierschritt vor. Erster Schritt: Irgendwo in einem hinteren Winkel dieser Erde passiert etwas sexuell Ungeheueres. Zweiter Schritt: Eine Tiroler Person, der fast schon etwas Ähnliches passiert ist, kommt zu Wort. Dritter Schritt: Ein Arzt oder Wissenschaftler rückt die Ungeheuerlichkeiten wieder ins rechte Lot. Da wird am ersten Tag einmal eine Frau in England ausgeforscht, die eine Vibrationsstörung hat. Immer, wenn sie Rolltreppe fährt, widerfährt ihr ein Orgasmus. Am nächsten Tag erzählt eine Tirolerin, dass sie am Bahnhof knapp an einem Orgasmus vorbei geschremmt ist, aber dennoch nicht auf die Rolltreppe verzichten musste. Am dritten Tag schließlich erklärt ein Sexualwissenschaftler, dass es bei eins zu einer Milliarde möglich ist, dass eine Rolltreppe einen Orgasmus auslöst. Ähnlich geil werden Themen vorgestellt wie: Erektionsstörung am After, Penisverkrümmung bei Tageslicht, Potenzstörung beim Mikroskopieren, Genitalien im Rasenmäher, Krämpfe in der Sauna. Die Tiroler sind hellauf begeistert von diesen Storys, an manchen Tagen glauben sie es gar nicht, was man mit so einem mickrigen Ding wie einem Geschlechtsorgan für tolle Abenteuer anstellen kann. Und auch politische Aussagen, Reiseplanungen, Sommerinterviews mit Landespolitikern, Geschäftsanbahnungen oder Wetterberichte werden nach dem Modell Penis total in der Neuen aufgerissen. Für ganz Schnelle gibt es mittlerweile die Pendlerzeitung „Neue express“, im Volksmund folgerichtig Penisexpress genannt.

Helmuth Schönauer 08/08/06

 

 

STICHPUNKT 619

Der Spion, der aus der Uni kam

Ah, waren das Zeiten, als die Kinder noch Spione werden wollten. Mit Zitronensaft wurden Nachrichten geschrieben und über einem Kerzenflämmchen dechiffriert. Gleich hinter der Sandkiste schaute man auf kleine Hundstrümmerl, ob sie eine Botschaft darstellten, und die Treffpunkte mit anderen Kinderspionen waren so öffentlich, dass sie schon wieder geheim waren. Aber niemand fragte, wo denn diese Spione ausgebildet werden. Nun, heute wissen wir, dass Spione manchmal auch ganz offiziell an der Uni unterrichten. Dieser Tage wurde so ein Giga-Spion standesgemäß am Flughafen verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Der Lehrmeister soll Metallurgisches unterrichtet und anschließend an Russland verraten haben. An dieser Stelle müssen wir stutzen. Denn wie kann man etwas, was man unterrichtet, gleichzeitig spionagemäßig verraten? Besteht nicht der Sinn der Lehre darin, dass nach deren Verbreitung alle davon wissen? Liegt nicht die Aufgabe einer Universität darin, dass das allumfassende Wissen für die Allgemeinheit zugänglich gemacht wird? Hier tun sich durch die Privatisierung der Universitäten neue Wissens-Tabus auf. Also man holt sich als öffentliche Uni einen Professor aus einem metallurgischen Topbetrieb, der letztlich nur geheime Sachen forscht. Was erwartet man sich von so einem Geheimforscher? Dass er für die Studenten am Vormittag mit dem Bunsenbrenner Binsenweisheiten unterrichtet und am Nachmittag für seinen Geheimbetrieb topsecret forscht? Und wenn dieses arme Forscherschwein dann etwas verwechselt, wird dann gleich ein Spion aus ihm? Was ist das für ein Wissen, das da gelehrt wird? Gibt es folglich ein Zweiklassenwissen, ein etwas seichteres, dümmeres für die Studenten, deren Sinn ausschließlich darin besteht, dass sie durch dummes Studieren den Arbeitsmarkt entlasten, und ein echtes, spionagetaugliches, mit dem man Geld verdienen kann? Dieser so genannte Spion, der von der Uni kam, ist wie alle Spione ein Kind seiner Zeit. Mittlerweile werden keine Staatsgeheimnisse mehr verraten, sondern Wirtschaftsgeheimnisse. Einen guten Professor erkennt man künftig daran, dass er auch ein guter Spion sein könnte. Undenkbar, dass etwa ein Germanistikprofessor zur Spionage fähig sein könnte. Was sollte er auch ausspionieren? Dass der Dichter Georg Trakl an jedem Fuß fünf Zehen hatte und dennoch Vierzeiler schrieb?

Helmuth Schönauer 07/08/06

 

 

STICHPUNKT 618

Tussig

Provinz erkennt man verlässlich daran, dass das falsche Besteck gewählt wird. Also wenn beispielsweise jemand „foin“ mit einem Silberlöffelchen einen Knödel zerlegt, hat man es mit einem Fachmann der Provinz zu tun. Prinzipiell gilt die Regel, dass in der Provinz jedes Instrument, das feiner als eine Lawinenschaufel ist, deplaziert ist. Denn mehr als Geröll und Lawinen gibt es in der Provinz nicht zu verschaufeln. In der Kultur wird dabei meist mit urban-intellektuellen Überlegungen über rural-authentische Ereignisse berichtet, damit es etwas Besonderes wird. Generell hofft jeder Kulturberichterstatter, dass das Zeugs, das er da geschrieben hat, entweder nicht gelesen oder nicht als Kulturbeitrag erkannt wird. In der Innsbrucker Gratiszeitung Tip hat sich das Genre dieser provinziellen Kulturberichterstattung mustergültig eingenistet. Sie dient in der Hauptsache dazu, dass oben auf der Markierungsleiste das Wort Buch oder Szenario untergebracht werden kann. So dürfen auch alle irgendwas rezensieren, wenn es „tussig“ genug ist.

Kriterien für eine tussige Rezension sind:

# Hinweis auf das Preis- Leistungsverhältnis des Buches, das Buch wird mit der Schnäppchenkeule erschlagen: „Der Ladenpreis scheint aber ein wenig gewagt.“

# Der Rezensent mokiert sich über den Verlag und seine Größe, wie man am Pissoir den Penis des Nachbarn begutachtet: „schmales Bändchen, kleinformatige Reihe“

# Der Autor kommt schlecht weg, indem man ihn schlicht und unbedeutend macht: „Schlicht und präzise erzählt X, manchmal zu schlicht, allerdings auch ohne Aufregung.“

# Der Leser ist ein Mann von Welt und muss sich leider in der Provinz kurz aufhalten: „Leider bietet das Bändchen nicht mehr Lesestoff als gerade soviel Zeit, wie man auf den nächsten Zug wartet.“

So lange mit dem Silberlöffelchen aus dem literarischen Weltkaffeehaus in der urgewaltigen Lawine der archaischen Provinzliteratur herumgestochert wird, wird man sicher keine verschütteten Leser damit ausbuddeln können.

Helmuth Schönauer 26/06/06

 

 

STICHPUNKT 617

Happy Pudel to You!

Seit der ORF ein öffentlich rechtlicher Parteifunk geworden ist, tut man sich bei der Auswahl des Abendprogramms wieder leicht. Nicht nur alphabetisch sondern auch inhaltlich in Top-Position bietet sich ATV an. Dieser Sender macht mittlerweile das, wozu eigentlich der ORF da wäre - er informiert witzig, hinterfotzig und mit hochgezogenen Mundwinkeln. Ab und zu saust ein schwarzer Hund über den Screen, ein Zeichen, dass man den richtigen Kanal hat. Die Reportagen des Pudelsenders haben es in sich. Mal gibt es Nutten in Stadtrandlage, Polizisten im Nachteinsatz, Psychotherapeuten bei österreichischen Wahnsinnigen oder wahnsinnigen Österreichern. Und dieser Tage machte sich der Sender mit dem Hund ein schönes Geburtstagsgeschenk, indem er eine Reportage über Schoßmenschen machte, die irgendwie auf den Hund gekommen sind. Am Höhepunkt der Dokufiktion über närrische Hunde hat ein Pudel Geburtstag. Er wird gebadet, gefönt und gestriegelt. Weil es gerade wie geschissen regnet, wird er auch noch von der Herrin zur Geburtstagsparty getragen. Auf der Hundeparty gibt es sodann einen Giga-Knochen aus Faschiertem, Hundedecken und Hundespielzeug. Die Hunde pissen ein wenig und stimmen ein Ständchen an, als die Hundebesitzerinnen stolz ihre Lieblinge bewundern und in einer mimischen Einlage ihren Liebling nachmachen. Während man diesem Affenzirkus zusieht und sich wundert, warum es so dramatisch beschissen zugeht, tauchen die Hinterbilder auf. Diese Pudelparty ist letztlich nichts anderes als eine Nachäffung einer Kinderparty. Schreiende und halb angeschissene Kleinkinder tummeln sich auf einer Babyparty, es gibt eine Torte aus Milupa, die Kleinstkids kläffen und wauwauen, die alleinerziehenden Mütter unterhalten sich mit dem adretten Quotenalleinerzieher. Die Produzenten dieser urigen Kids sehen in allen Bewegungen und Gesichtszügen die eigenen Antlitze und Gebärden. Und über allem schwebt die Lebensweisheit des Tages: Wenn schon das Leben keinen Sinn macht, macht es doch starken Sinn, die Reproduktion des eigenen Lebens in Gestalt von aufgepudelten Kindern zu feiern.

Helmuth Schönauer 19/06/06

 

 

STICHPUNKT 616

Leichnamssex

Der witzigste Feiertag im Kirchenjahr ist sicher der Fronleichnamstag. Allein schon der Name ist ein Spektakel, klingt nach „Frohe Leiche“, wo man wie in New Orleans vor der Überschwemmung mit Blasorchester tanzend, klatschend hüpfend ein Begräbnis abfeiert. In der offiziellen Innsbrucker Kulturszene ist ja nichts deppert genug, was nicht für ein Festival ausgeschlachtet werden könnte. So finden heuer tatsächlich Fronleichnam-Festspiele statt. Weltbekannte Stars geben dabei im Congress eine Leiche ab, indem sie offensichtlich totes Zeug singen und dabei fröhlich sind. Ziemlich geschissenes Programm, das da unter dem Titel „Prozession durch die Musikgeschichte“ ablaufen soll. Nächstes Jahr will man dieses erbärmliche Fronleichnamsfestival dann auch auf das Landestheater ausdehnen, wo ja bekanntermaßen die besten kulturellen Leichen auf die Bühne gestellt werden. Der geile Höhepunkt findet auch heuer wieder naturgemäß vor dem Museum Ferdinandeum statt. Während drinnen kümmerliche Zipfel und zerfranste Reizwäsche aus viertausend Jahren (so lange schon gibt es den Sex von hinten!) ausgestellt werden, zelebriert draußen an einem Spontan-Altärchen die frisch gewadelte, gewixte und gepuffte Fronleichnamskompanie den katholisch einwandfreien Umzug. Das Sexschildchen zur Museumsausstellung wird während der göttlichen Darbietung verhüllt oder abgehängt, damit es keine Erregung gibt. Die Schützen nehmen an diesem Tag ohnehin Antiviagra, damit sie während der Prozession keinen Steifen kriegen. Frommleichnam in Tirol ist eine große Gaudi, es ist alles sehr verlogen und schaut aus wie ein Fronleichnamsstudel, in den man zuerst die kulturellen Rossäpfel wickelt und dann verspeist.

Helmuth Schönauer 14/06/06

 

 

STICHPUNKT 615

Dranbleiben

Der moderne Journalismus ist provinziell und daher ist auch der provinzielle Journalismus modern. So gesehen herrscht in Tirol immer Weltniveau, was die Nachrichtenlage betrifft. Gab es früher einmal ein Ereignis, das den Journalismus auslöste und auf Touren brachte, so bringt heute der Journalismus die Ereignisse auf Touren. Im klassischen Fall sitzt also die Redaktion beisammen und erfindet ein Thema. Finanzminister mit Glasperlenspiel zum Beispiel. Jetzt braucht es nur noch einen Tirolbezug, der ja in Gestalt einer alten Bauernhofhülle ohne Bauernhaus drin gegeben ist. Am Abend schreibt die Redaktion eine Geschichte, worin die Wörter Finanzminister, Möchtegerntiroler, Glasschmuckdynastie und Bauernhof vorkommen. Das sind übrigens die Lieblingswörter der Tiroler, weshalb diese Nachricht sofort zu einer Lieblingsnachricht für ganz Tirol wird. Anderntags erscheint diese Nachricht in Gestalt einer patriotischen Einheitszeitung, für die etwas schmalbrüstigeren Hirne gibt es diese Nachricht auch noch als Kleinformat. Schon am Vormittag untersucht ein Meinungsforschungsinstitut, wie die Nachricht ankommt. Wenn die Leute zufrieden sind, wird die magische Parole ausgegeben: Dranbleiben! Jetzt wird im Halbtagesrhythmus befragt und drangeblieben. Nach etwa drei Wochen zeigt die Nachricht erste Ermüdungserscheinungen, das heißt, ab und zu sagt jemand, dass er jetzt mehr Tiwag statt Finanzminister möchte. So macht die Redaktion jetzt eine Nachricht mit den Ekelwörtern Tiwag, Bruno, Stausee und Atomstrom. Das Spiel wiederholt sich mit anderen Wörtern. Das Meinungsinstitut befragt und die Redaktion bleibt dran. Weil das Wort Bruno von der Tiwag her so böse aufgenommen worden ist, beschließt man, aus Bruno etwas Nettes zu machen. Brumms, da rennt ein Bär durch die Gegend und heißt Bruno. Jetzt heißt es dranbleiben, denn der Bär ist sehr flott unterwegs. Undsofort. Man sollte unbedingt auch an der Psychiatrie in Lienz dranbleiben. Die neuen Lokomotiven in Osttirol sind gelb wie früher die Irrenhäuser. Kann bitte jemand dranbleiben und eine schöne Nachricht daraus machen?

Helmuth Schönauer 02/06/06

 

 

STICHPUNKT 614

Gender-Lyrik

Die Welt im Kopf ist selbst gemacht und daher immer ungerecht. Besonders die Gender-Diskussion zeigt Tag für Tag zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten. Beispielsweise fahren zu manchen Zeiten mehr Männer auf der Autobahn, an anderen Stoßzeiten mehr Frauen. Hier sollte man unbedingt beim Bemauten ein System entwickeln, wonach stets gleich viel Männer wie Frauen auf der Autobahn sind. Also musst du als Mann beispielsweise an einem Schranken so lange warten, bis die passende Frau aufgefahren ist, erst dann kannst die auf die Beschleunigungsspur. Oder diese ewige Ungerechtigkeit an den Kassen. Warum gibt es keine Männerkasse, wo ein Mann umständlich kassiert, bis den wartenden Männern der Kragen platzt. Ok, und die Lyrik erst, da gibt es fast nur Männer, die diese großartigen Werke verfassen, die ohnehin niemand zu Lebzeiten liest. Aber jetzt soll es wieder einmal eine Spur gerechter werden, es gibt einen Wettbewerb, wo weibliche Lyrics gefördert wird. Also Frauen, dichtet und erkundet die Welt! Es wird herzergreifende Texte geben, Gerechtigkeit wird eingefordert werden, alle werden nicken. Am Schluss gibt es sicher eine Anthologie, wie bei solchen Anlässen üblich. Als Leser ist mir das alles wurscht, so lange ich nicht nach dem Gender-Quotienten lesen muss. Also im Worst-Case darf ich nur ein Männergedicht lesen, wenn ich auch ein weibliches dazu nehme. In der Buchhandlung darf ich nur ein männliches Buch meiner Wahl kaufen, wenn ich als Doppelpack auch ein weibliches nehme. Und bei den Bibliotheken muß ich vielleicht auch immer einen Gender-Dummy mitnehmen, damit die Quote stimmt. Bei Literaturverbänden und literarischen Veranstaltungen hat diese komische Sitte schon um sich gegriffen, da muß zuerst die Quote stimmen, ehe dann die Literatur zu Wort kommen darf. Den Verweigerinnen und Verweigerern dieser Gerechtigkeitsrituale ist es egal, ob Mandl oder Weibl an der Texttastatur gehockt sind. Wenn es nur mehr um das Geschlecht und nicht mehr um die Substanz geht, dann geht man einfach lyriklos von dannen und legt sich einen Lyric von Elvis auf. Love me gender, was so viel wie „leck mich“ heißt.

Helmuth Schönauer 08/05/06

 

 

STICHPUNKT 613

Zu gescheit

Die Wahrheit sitzt oft wie Fliegendreck zwischen den glatten Fliesen schöner Worte. So hören wir etwa Tag und Nacht von der schönen Dolomitenstadt Lienz, dass dort geklaute Egger-Lienz-Bilder mit frohem Herzen restituiert werden, die saftigsten Männerärsche vor der Kamera zum permanenten Dolomitenmann heranreifen und überhaupt das Klima herzergreifend sonnig und schön ist. Die Wahrheit aber sitzt zwischen diesen polierten Bildern und besagt: - Im Bezirk Osttirol herrscht eine Stimmung, dass darin nicht einmal Psychiater ihre Stunden absitzen möchten. Wie ist es sonst zu erklären, dass sie Osttiroler ums Verrecken nicht ihre Psychiatrie voll kriegen? Hängt es damit zusammen, dass man wie in Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Physiker“ letztlich nie sagen kann, who ist who in der Anstalt? Wer ist Patient und wer ist Primar? Haben die Welt erfahrenen Psychiater Angst, von den Osttiroler Schlitzohren für deppert gehalten zu werden, wenn sie sich mit ihren Kranken zu lange beschäftigen? Oder ist Lienz einfach der Inbegriff für tote Hose, Ende, Liegebett, Psychiatrie! Seit einigen Jahren nämlich bemüht man sich, dem Krankenhaus Lienz eine psychiatrische Station einzuverleiben. Aber siehe, niemand will diese Krankenstation führen. Ein wenig lässt dieses psychiatrische Vakuum darauf schließen, wie Osttiroler manchmal ticken. Als der Schriftsteller Johannes E. Trojer einmal schmunzelte, dass am Abend vom Friedhof aus betrachtet alle Haushalte den gleichen Schatten der Zeit im Bild in ihren Wohnzimmern schimmern hätten, und Hell Dunkel jeweils synchron in allen Haushalten wechselten, meinte ein Orts-Insasse: „Lehra, tua nit bled vom Friedhof aufs Dorf schauen, sondern selber mitschauen.“ Eine andere Überlebensweisheit der Osttiroler lautet: „Gescheit ist gescheit, aber zu gscheit ist nimma gescheit.“ So gesehen ist es sicher übergescheit, wenn sich kein Psychiater für die Psychiatrie in Lienz finden lässt.

Helmuth Schönauer 02/05/06

 

 

STICHPUNKT 612

Wenn Schwänze rechnen

Tiroler können sich keine Babys mehr leisten! - Der Aufreißer dieser Tage ist ziemlich intellektuell, weil er an die Rechenkünste der Geschlechtsorgane appelliert, und die können bekanntlich überall auf der Welt schlecht rechnen. Oder gibt es etwa eine Rechenolympiade für Schwänze und Eierstöcke? Dabei sind die Zahlen wie immer beim Rechnen sehr läppisch. Ein Kind kostet im Jahr 5000 Euro und bleibt im Tiroler Durchschnitt 30 Jahre lang auf deiner Geldtasche sitzen. Ist so ein Kind einmal in die Nähe deiner Geldtasche gekommen und hat Witterung aufgenommen, kannst du dich weder von ihm scheiden lassen noch es auf den Adoptionsstrich schicken. Du zahlst also pro Kind 150.000 Euro, wenn du mit dem Schwanz rechnest und nicht mit dem Hirn! So versteht man auch den Tipp von Börsianern: Sex in der Ehe ist die teuerste Form von Sex! Schon um die Hälfte dessen, was so Ehesex kostet, kriegst du sowohl als Mann als auch als Frau wirklich guten Sex und mußt mit dem Partner nicht einmal zusammen leben. Immer mehr Tiroler fangen offensichtlich zu rechnen an, was auf eine Restintelligenz schließen läßt. Wenn du dir absolut nichts mehr leisten kannst außer einem Baby, dann läßt du das Baby sausen, denken sich immer mehr Patrioten und verstopfen ihre Geschlechtsorgane mit mehr oder weniger Lust killenden Apparaturen. Denn die Gesellschaft braucht dein Baby nur für kurze Augenblicke, etwas für die Statistik, für die Lehrer, damit diese was zum Unterrichten haben, und für die Stellungskommission, damit sie ein paar Trottel zum Grenzeinsatz im Burgenland haben. Die restliche Zeit werden die Eltern mit ihren Kindern aber schon völlig allein gelassen. Nur die Wirtschaft schaut ab und zu vorbei, dreht den Kids etwa einen schweineteuren Handyvertrag an, den dann erst wieder die Eltern ausbaden können. Es wird Zeit, dass die Tiroler mit den Schwänzen zu rechnen anfangen.

Helmuth Schönauer 15/04/06

 

 

STICHPUNKT 611

Adelsohren

An Sonntagen hängen im ganzen Alpenland die Nachrichten sehr tief und du erfährst in den Mistblättern jene Wahrheit, die etwa hundshoch ist. Es ist eine verlässliche Freude, die diese kleinen Blätter für die kleinen Leute in idealer Zugriffshöhe ausgehängt haben. Da wo etwa in der Osterwoche bei den Kruzifixen die unteren Nägel herausstehen, da hängen diese Schatzkästlein der freien Information. Heute ist exclusiv in dem kleinen Mistblatt mit der Krone eine kleine Nachricht drin von der Rückgabe eines Drakula Schlosses an einen weit entfernten Sperma-Ableger der Habsburger Dynastie. Rumänien will damit bei der EU punkten, denn die EU schaut vor allem, dass alle Adeligen wieder ihre Schlösser kriegen. Dieses kleine Rückgabe-Schloss in Rumänien wurde übrigens den Habsburgern vom Volk geschenkt, wie es süffisant heißt. Wenn also zwei Nachfahren von damals heute in der EU aufeinander treffen, schlägt wie beim Kartenspiel der Adelige Ober den Volks-Unter. Aber irgendwie ist diese Restauration des Adels verständlich, ganz Russland baut die Zarenpaläste wieder auf, weil man damit Tourismus machen kann, der neue Papst empfängt den alten Otto von der ewig jungen Habsburger-Samenbank. Wir brauchen den Adel für unsre Sehnsüchte. Stell dir vor, die Gewerkschaftsheinis müßten unsre Sehnsüchte stillen. Also wir müßten in die BAWAG-Wohnung des ehemaligen Gewerkschaftspräsidenten pilgern, um uns echte Arbeiterkultur mit Spiegel und Schwimmbad anzuschauen, oder auf den Golfplatz, um mit dem ehemaligen Arbeiterbanker ein Ei ins Loch zu putten. Also da haben wir lieber die Habsburger, ehrlich. Und wenn wir uns schon keinen Windsor mit abstehenden Ohren leisten können, nehmen wir eben einen leicht vertrottelten Karli oder Franz Ferdinand. Das Rechtschreibprogramm empfiehlt übrigens statt Habsburger regelmäßig Hamburger, was ja passt, die ganze Monarchie heute ist eine einzige Fastfood-Kette von großen Orden, großen Ohren und großen Schlössern.

Helmuth Schönauer 09/04/06

 

 

STICHPUNKT 610

Analgebühr

In einem dieser besonders guten Witze wacht ein sogenannter Kathole im Nichts auf und hält es für das Jenseits. Und was ist mit meiner Kirchensteuer? fragt er ins Nichts. Und siehe, das Nichts antwortet ex kathedra und sagt: Deine Kirchensteuer ist aus dem Auspuff des Papamobils gepufft, ist in der Sixtinischen Kapelle unter der Schöpfungspatina von Sony und liegt in Bündeln verpackt in den Verließen des Vatikans. An diesen Wunderwitz müssen mittlerweile auch die Gewerkschafter denken, die ihre Beiträge gerade in die Karibik versenkt gekriegt haben. Aus beiden Witzen kann man fürs echte Leben lernen. Für gute Unterhaltung muss man nämlich überall Eintritt bezahlen. Also die Performance, die da Arbeiter-Banker und Arbeiter-Vertreter liefern und geliefert haben, hat Bestsellerniveau und daher ihren Preis. Um fünfzehn Euro Monatsgebühr kannst du dir entweder ein Abonnement für Pay-TV kaufen oder eine Mitgliedschaft bei der Gewerkschaft. Beim einen Programm kriegst du was für die Augen, beim anderen was für den Hintern, du zahlst ja bei der Gewerkschaft genaugenommen eine Analgebühr. Schriftsteller wundern sich immer, warum sie in unserer Gesellschaft nichts verdienen. Na eh klar, weil unsere Gesellschaft an großen Worten interessiert ist, nicht an Literatur. Wenn du erfolgreich abzocken willst, mußt du entweder etwas vom Jenseits erzählen oder von der Karibik, wo das Paradies der Arbeiter liegt. Und bereits das Verkünden dieser Verheißungen macht reich, egal ob es diese Reiche der Verheißung nun gibt oder nicht. Also ihr Arbeiter, lehnt euch zurück, zahlt eure Beiträge und lüpft ein wenig den Hintern, dass euch die Botschaft der Arbeiter-Bosse auch erreicht und Einlass findet.

Helmuth Schönauer 31/03/06

 

 

STICHPUNKT 609

Doof und teuer

Das Auto ist ein tertiäres Geschlechtsmerkmal. Wer eines hat, gilt als potent, wer zu Fuß oder mit einem Öffi unterwegs ist, gilt als Verkehrsmasturbant. In diesem Kontext von Potenz und Genitalien werden von den Tirolerinnen und Tirolern auch die Gespräche über das Auto geführt. Potenzgespräche haben die Eigenschaft, unerwartet aufzutauchen und ohne zu blinken aus der Kolonne von ausgewiesenen Sexgesprächen auszuscheren. Also da redet die Tirolerin von einer Brustvergrößerung und erzählt im gleichen Atemzug, dass sie den Turbo hat nachladen lassen. Der Tiroler hingegen schwärmt gerade von seinen eigenen Eiern und erzählt, wie er sich jetzt den Tempomaten hat hinaufsetzen lassen. Aber all diese Schwärmereien über die Potenz münden in einen furchtbaren Verbalkater, wenn es dann doch unausweichlich zum Ende jeglichen Autotums kommt. Denn wo immer du fährst, irgendwann kommst du in eine Innsbrucker Tiefgarage, und das heißt: Ende! – Impotenz! - Eier ab!- Busen down! Die Innsbrucker Tiefgaragen sind nämlich nicht nur ausweglos, wer in ihnen parkt, muss irgendwann wieder umkehren und aus ihnen hervor kriechen, sondern auch schweinisch teuer und ungerecht in der Abrechnung. Dass es sich bei den Tiefgaragen um einen besondere Art von Sex handelt, erkennt man daran, dass ihn die Betreiber nicht verbessern, obwohl er mies ist, und dass die Benützer keinesfalls auf ihn verzichten wollen. Also was wäre dabei, wenn die Automobilisten, die sich übervorteilt fühlen, die Innsbrucker Tiefgaragen einfach meiden würden? Stell dir vor, kein Schwein parkt mehr in diesen schweinisch teuren Garagen, dann wäre die Tarifpolitik in ein paar Tagen auf den Kopf gestellt. Aber das gehört eben zur Autofahrerei dazu: Zuerst wird mit dem eigenen Gerät geprotzt und dann über die Kosten geraunzt. Der Sprit ist teuer, die Werkstatt auch, die Tiefgarage sowieso. In Wirklichkeit ist das Auto nicht teuer sondern doof. Die dümmste Art, seine Zeit zu vergeuden, ist, sie im Auto zu verbringen. Oder das Auto in die Innsbrucker Tiefgarage zu stellen, das ist teuer und mega-doof.

Helmuth Schönauer 21/03/06

 

 

STICHPUNKT 608

Alles battle-paletti!

Manchmal ist man ganz nah am Weltgeschehen und der künftige Schauder der Geschichte läuft einem bereits in der Gegenwart über den Rücken. Der Schrecken hat immer Namen und Treffpunkte. So ist der größte Schrecken der Weltgeschichte mit Wannsee verbunden, wo am 20. Jänner 1942 fünfzehn Ministerialbürokraten, wie das heute auf der Gedenkhomepage heißt, die systematische Vernichtung der Juden beschlossen haben. Jede Maßnahme hat einen formulierenden Mund, der die ungeheuerlichsten Sätze erstmals ausspricht. Dieser Tage kam es in der Weltstadt Innsbruck zu einem Treffen der europäischen Kriegsminister, die sich heutzutage schelmisch Verteidigungsminister nennen. Als Hausherr fungierte Battle-Platti, ein Charmeur von Gottes Gnaden, der gerüchtehalber immer eine zusammengeklappte Gitarre unter der Hose tragen soll. Wie er dann am Vorabend großer Battle-Besprechungen den Befehl gegeben hat: „Marketenderinnen vortreten zum Schnapsausschenken!“, das war ganz große tirolerische Klasse. Am nächsten Tag hockte auf den grünstichigen Kirchenkuppeln die verklemmte Wintersonne, die Bevölkerung war artig hinter Gittern postiert und in der Sicherheitsglocke des Kongresshauses planten die Minister die nächsten Battles. „Also Kongo wäre nicht schlecht!“ – „Gut, Boys, nehmen wir Kongo!“ So also werden Kriege geplant und Schlachten vorbereitet. Was Platti einst in seiner Zammer Baumhütte mit den Nachbarboys durchgespielt hat, kann er jetzt mit seinen Verteidigungsboys kontinental durchführen. Denn eines haben die Kriegsminister mitgekriegt, Kriege musst du immer wo anders machen, daheim ist es nicht gut. Außerdem gibt’s für entfernte Kriege gute Dienstreisen und schöne Fotos, auch Battle-Länder sind zwischendurch faszinierend schön, wenn Kampfpause ist. Wir Innsbrucker standen in diesen Tagen hinterm Gitter, uns hingen die Unterkiefer hinab vor Fassungslosigkeit, wir waren mitten in der Weltgeschichte und überlegten, wie viele Tote dieses Battle-Treffen wohl fordern wird.

Helmuth Schönauer 09/03/06

 

 

STICHPUNKT 607

Universal-Jaukerl

Vermutlich ist keine Sprache der Welt so geil wie der kernalpine Dialekt mit seinen Wiener Ausläufern. Der Ausdruck „Jaukerl“ steht für eine Spritze, die wie angegossen passt. Sowohl Inhalt, Verabreichung wie Gefühl der Erleichterung sind in diesem Wiener Wort perfekt verpackt. Die harte alpine Form des Jaukerls ist der Schröcksnadel. Hierbei handelt es sich um eine Verabreichung der unguten Art, der Delinquent bricht in Angstschweiß und Flucht aus. Bei den letzten Olympischen Winterspielen wurden allerhand Schröcksnadeln verabreicht mit dem Erfolg, dass die Athleten entweder geflüchtet sind oder gewonnen haben. Doping mit Angst ist nicht verboten, obwohl es die wirksamste Form der Beschleunigung des Körpers ist. Weil die Jaukerln bei den Olympischen Spielen so gut eingeschlagen haben, wird mittlerweile der Ruf nach einem Universal-Jaukerl laut. Beispielsweise als Maßnahme gegen die Vogelgrippe. In Frankreich setzt man bereits dem Federvieh die entsprechenden Schröcksnadeln, worauf das Geflügel so schnell wird, dass es vom Erreger nicht mehr erreicht werden kann. Hierzulande geht man den Weg der Menschenimpfung. Also nicht die Katze, die die Vogelgrippe überträgt, wird geimpft, sondern der Mensch, damit er schnell genug vor ihr flüchten kann. In diesem Lichte ist auch verständlich, warum etwa in Innsbruck die Hunde prinzipiell nicht angeleint sind und somit alles übertragen dürfen, was so an Viren und Erregern herumläuft. Nirgendwo auf der Welt sind die Jogger so schnell wie in Innsbruck, weil sie entweder vor physisch anwesenden Tieren davonlaufen oder vor der Urangst, ein Universal-Jaukerl oder gar einen Schröcksnadel ins Gesäß zu bekommen.

Helmuth Schönauer 06/03/06

 

 

STICHPUNKT 606

Kohle-Zeit-Fiktion

„Jeder Trottel derstirbt es!“ – Dieser wunderschöne Satz aus der Wiener Alltagsphilosophenszene deutet darauf hin, dass das Leben vielleicht eine ziemlich einfache Sache ist, die wir nur deshalb ständig kompliziert darstellen, weil wir alle nicht wahr haben wollen, dass letztlich alles ziemlich primitiv abläuft. Genau genommen geht es um die drei Dinge „Kohle“, „Zeit“ und „Fiktion“. Wenn man von allen halbwegs genug hat, ist man glücklich. Den größten Wert stellt die „Kohle“ dar. Ordentlich betreut vermehrt sie sich ununterbrochen. Das Endziel ist, dass sämtliche Kohle dieser Welt auf einem einzigen Haufen liegt, das ist dann die Entropie des Kapitalismus. Damit sich die Kohle vermehrt, muss sie eine kritische Masse erreichen, deshalb können nur Reiche reich werden, was die Armen nicht wahrhaben wollen. Aus dieser Erkenntnis stammt auch der Satz: „Wenn du arm sein willst, brauchst du bloß zu arbeiten!“ Freilich ist der Kapitalismus viel intelligenter, als seine Kritiker glauben. Wenn es ihm schlecht geht, repariert er sich aus sich selbst, macht etwa Zinsnachlässe oder gewährt Kredite, bis das Spiel von der Umverteilung nach oben wieder aufgenommen werden kann. Die „Zeit“ freilich ist etwas Gerechtes, jeder hat gleich viel davon. Wenn es gelingt, Zeit ohne Kohle zu verbringen, kann das Leben sehr interessant und sinnvoll verstreichen. Freilich kann sich jemand mit Kohle auch Zeit kaufen, also nicht bloß Pensionsversicherungsjahre sondern auch Dienstleistungen, die sonst Zeit kosten würden. Die dritte Währung ist die „Fiktion“. Hier sind alle Dinge versammelt, die einen Sinn ohne Kohle und Zeit versprechen. Also das Jenseits beispielsweise, die Bürgergesellschaft, das hohe Ansehen der Feuerwehr oder auch die schöne Fahne der Republik Österreich. Die Fiktion stößt manchmal auch an gewisse Grenzen, etwa wenn man einem Zivildiener begreiflich machen soll, dass es was Schönes ist, wenn man einem Geldarsch ohne Entlohnung den Arsch auswischen soll, nur weil dieser alt und reich ist und der Zivi jung und arm. Aber die Aussicht, später einmal selbst den Arsch ausgewischt zu bekommen, lässt den Zivi dann doch zum Waschlappen greifen und in den sauren Apfel wischen. Immer wieder gibt es interessante Versuche, andere Währungen einzuführen. Die Religionen probieren es mit Moral, die Wellnessgesellschaft mit Wohlbefinden, die Kunst mit Ästhetik und die Literatur mit tollen Geschichten. Aber das alles funktioniert nur, wenn man die große Spielregel einhält: Erst geht es um die Kohle, dann um die Zeit und dann kannst du dir noch was im Kopf ausmalen als Fiktion. So einfach ist das Leben.

Helmuth Schönauer 05/02/06

 

 

STICHPUNKT 605

Eine Bö ist in der Literatur immer etwas Nettes. Meist entkommt die Bö einer Figur aus dem Hintern und fährt dann mehr oder weniger geräuschvoll in die Szenerie. Bei Gedichten ist die Bö immer gefährlich schön, da schlägt es dem lyrischen Ich oft die Stimmung aus der Hand oder das Segel des Lebens schnappt über. Gefährlich ist die Bö im Seilbahnwesen, wenn sie schon mal einen frechen Gast aus dem Sessel wirft. Und auch Medicopter-Piloten fürchten die Bö, weil es dann oft einen Absturz vor laufender Rettungskamera gibt. Aber all diese Bös sind nichts gegen die BÖ, die jetzt politisch ansteht. Die Vereinigung der gelb-orangen Overalls muss wahrscheinlich das Zett abgeben, so dass aus BZÖ die BÖ wird. Eigentlich egal, aber irgendwer hat schon die Zukunft ins Vereinsregister eintragen lassen, und jetzt darf niemand mehr die Zukunft in seine Parteibezeichnung hineintun. Also kein Zett mehr, bloss noch BÖ! Mit dieser schönen Bezeichnung ist auch schon das Parteiprogramm dieser gelb-orangen Funktionärstruppe voll ausgeschrieben. Es geht um BÖ und sonst nichts. Böse Zungen behaupten, BÖ sei die Abkürzung für das Böse! Das stimmt so nicht, denn die BÖ ist einzig dazu auf der Welt, um diese windige Wolferl-Regierung am Ruder zu halten. Und Wolferl ist ja was Gutes, zumal wir ja ein Wolferl-Jahr haben, bei dem es Marzipanjoghurt im Mozartdesign gibt. BÖ ist also der Deckel am Regierungsjoghurt, und am Deckel ist immer das Ablaufdatum eingestanzt. Hoffentlich kommt es bald. Irgendwie ist unter dieser Regierung alles kürzer geworden, auch diese Glosse ist sehr kurz und irgendwie böd!

Helmuth Schönauer 28/01/06

 

 

STICHPUNKT 604

... kommt von oben

Jeder echte Tiroler ist, was das Kunstverständnis betrifft, ein geklonter Bauer. Das heißt Vorsicht, Ausrichtung nach hinten und gestyltes Gottvertrauen. Und diese raffinierte Kunsthaltung gibt dem gestandenen Tiroler recht. Denn alles, was ein bisschen von der Architektur einer Bauernstube abweicht, ist schlichtweg gefährlich. Ganz Architektureuropa lacht heute noch, wie die damaligen Architekturprofessoren für sich die Baufakultät an der Uni Innsbruck mit einem Flachdach ausgestattet haben, das ein Leben lang rinnt und leckt und friert. Und auch das wunderbare Sowi-Dach aus Glas ist entgegen allen Beteuerungen eines Tags einfach in sich zusammengefallen und hat einen Scherbenhaufen von zerborstenem Architekturglück hinterlassen. Dieser Tage ist das Werk des beleuchtenden Wunderwuzzis in der Innsbrucker Museumstraße in die Tiefe gegangen. Wenn dir mitten am Tag ein hochintellektueller indirekter Beleuchtungskörper vor die Füße fällt, bist du als Kunstkritiker ziemlich betroffen. Zumal diese indirekte Straßenbeleuchtung ohnehin ein Witz ist. Edel geplant und indirekt verschränkt soll das Licht so zu Boden fallen, dass dafür keine Abspanndrähte gespannt werden müssen. Die Innsbrucker freilich in ihrem futuristischen Raffinement haben die Beleuchtungskörper oberhalb der O-Busleitungen und Straßenbahndrähte montiert, denn ganz ohne Draht nach oben will in Innsbruck niemand leben. – Jetzt ist statt des Lichtes gleich der Beleuchtungsreflektor von oben gekommen! Fällig wird ein Unglück am Bahnhof. Da ist nämlich der Asphalt rot aufgetragen, das wird nicht gut gehen. Zu befürchten ist, dass jemand rote Bananenschalen auf den Asphalt wirft, auf denen dann wirklich alle Tiroler ausrutschen werden. Tiroler bleib bei deinem Leisten! Bau ein paar steile Giebel und verkriech dich hinter den Lärmschutzmauern. Und ihr Architekten begreift endlich: In Tirol ist alles hart und physikalisch bitter! Baut das Futuristische im warmen Kalifornien und gebt uns echte Dächer und Beleuchtungskörper!

Helmuth Schönauer 22/01/06

 

 

STICHPUNKT 603

Traktorsessel

Wenn man auf einem Landtagssessel sitzt, sollte man angegurtet sein, denn es herrschen dort gewaltige Fliehkräfte. Deshalb hat ja auch der neue Landesrat für Bauern die größten Chancen, alle anderen zu überleben, weil er von Bauernkindheit an am Traktor gelernt hat, wie man angeschnallt und zäh im Sessel bleibt. Damit es nicht auffällt, dass seine Hauptaufgabe im Aussitzen der Sitzungen besteht, hat man ihm zwei Ressorts zugeteilt, die verblüffend gut zueinander passen: Landwirtschaft und Nahverkehr. Der Nahverkehr in Tirol ist nämlich so ziemlich das Letzte, was man sich wünschen kann. Der höhere Sinn dieses Nahverkehrs besteht darin, möglichst alle halbwegs intelligenten User auf das eigene Auto umzudirigieren und die geistig etwas minder ausgestatteten Tiroler so lange in der Kälte an Haltestellen stehen zu lassen, bis sie restlos doof und apathisch sind. Jetzt kommt die Landwirtschaft ins Spiel! Diese verkauft den Städtern zitzerlweise Träume und Grundstücke. Und die Städter ziehen wie wild zu den Bauern aufs Land, um sich dann ein Häuschen zu bauen, wie man es in der Gartenlaube gelesen hat. Die Träume der Städter freilich zerbrechen bald, denn ganz Tirol ist eigentlich schon eine Stadt geworden mit kleinen Naturreservaten, die wir für Berge halten. So, und nun hocken die armen Häuslbauer alle am Land, die Kinder stehen sich die Füße im Nahverkehr in den Bauch oder saufen sich zu Hause an, weil im Dorf nichts los ist. Die Erwachsenen pendeln geduldig in die Stadt und hören bei dieser Gelegenheit die Stausendungen des Landesfunks, der im Minutentakt aufmunternde Worte und Musik spielt. Völlig apathisch und lebensunlustig kommen diese armen Tropfs wieder am Abend nach Hause, wenn sie nicht der Bus überhaupt irgendwo an einer Haltestelle vergisst. Und dann werden alle alt und die Altenpflege fährt von Dorf zu Dorf, um die vereinsamten und wund gelegenen ehemaligen Häuslbauer irgendwie mit Trost zu versorgen. Der neue Kombilandesrat für Nahverkehr und Bauern könnte also zwischen den Sitzungen zweierlei veranlassen: a) Die Grundstücke der Bauern sollen nur mehr dann verkauft werden dürfen, wenn auch eine Infrastruktur für die späteren Bewohner da ist, b) die Kommunalpolitiker sollten bis dahin zwingend einmal in der Woche mit dem Nahverkehr fahren müssen, damit sie persönlich sehen, wo sie bleiben.

Helmuth Schönauer 12/01/06

 

 

STICHPUNKT 602

Wo Milch und Eiter fließen

Kennst du das Land, wo Milch und Eiter fließen? Wo die Bauern den Ton angeben und die große Pfeife rauchen? – Ei freilich, das ist Tirol. In den letzten Wochen hat die so genannte Bauernschläue geputscht und ihre politischen Proponenten in den Landtag gepusht und das Management der Tiroler Einheitspartei (TEP) übernommen. Das ist vielleicht gar nicht so schlimm, denn die Bauern zeigen, wie man sich politisch, kulturell und in Fragen der Kohle organisieren muss. Neidlos muss man anerkennen, dass die Landwirtschaftlichen Lehranstalten wahrscheinlich die besten Einrichtungen sind, die Berufsspezifisches und eben auch politisch Handfestes der nächsten Generation zur Verfügung stellen. Zur Klugheit des Bauernstandes gehört es auch, dass er sich fallweise einigelt und ein starkes „Miar“-Gefühl entwickelt, und andererseits bei den „Eis und Enks“ ständig auf die Mitleidstube drückt. „Miar Bauern homms gonz bsunders schwar!“ Als dieser Tage der Eiter- und Antibiotika-Skandal in Tiroler Kuhställen aufgeflogen ist, wollte man zuerst noch mit Mitleid arbeiten. Also wir Konsumenten sollten einsehen, dass wir Eiter schlürfen müssen, weil eben die Landwirtschaft so hart ist. Mittlerweile hat man eingesehen, dass da ganze Euter von Herzensmilch den Bach hinunter gegangen sind. Die Botschaft ist katastrophal und lautet: Mir Bauern sind auch verlogen und tun unter den schönen Worten, was wir wollen! Und die arme Tirolmilch, die sich so um die Herzen von uns Konsumenten bemüht hat, tut sich plötzlich auch schwer mit ihren patriotischen Argumenten. Warum soll ich eigentlich ein Eiterjoghurt aus Tirol löffeln, wenn das berüchtigte Müllerjoghurt billiger, besser und gesünder ist? Berufsstände, die mit großen Worten und höchster Pseudomoral arbeiten, tun sich immer besonders schwer, einen Patzer zu erklären. Das haben die Bauern mit den Lehrern und Pfarrern gemeinsam, denen man dunkle Ränder unter den Fingernägeln nur mit Mühe verzeiht.

Helmuth Schönauer 06/01/06

 

 

STICHPUNKT 601

Bartenscheck

Minister sind immer für etwas anderes berühmt, als wofür sie installiert sind. Der aktuelle Wirtschafts- und Arbeitsminister Bartenstein etwa ist vor allem für seine Rabataktionen beim Kauf seiner Privatschuhe in die Galerie der politischen Zeitgeschichte eingegangen. Für das neue Jahr hat er wieder eine witzige Aktion geplant, damit er im Schaukabinett für verrückte Erfindungen aufgehängt bleibt. Im Anzug ist der so genannte Bartenscheck. Da kann sich jemand für Zehneurozwanzig einen Scheck im Nutzwert von zehn Euro kaufen, um in grammatikalisch richtiger Reihenfolge den Gärtner, die Heimfriseuse oder das Babysitter damit zu bezahlen. Husch - weg vom Pfusch! heißt diese Pfuscheraktion. Der Staat lässt dich also nicht einmal beim Ausgeben deines Geldes in Ruhe, du musst quasi wie früher bei Lebensmittelkarten zusätzlich noch eine Berechtigung kaufen, damit du das Geld dann ausgeben darfst. Der Kapitalismus verträgt vor allem eines nicht, dass man ihn in seiner Währung stört. Geld ist Geld und darf nicht mit zusätzlichem Ballast wie Soziales, Moral oder Gesinnung verbunden werden. Kapitalismus heißt, dass ich dort einkaufe, wo es kapitalistisch gesehen am günstigsten ist. Mit dem Bartenscheck allerdings soll ich zuerst eine Kafka-Gebühr von zwanzig Cent hinlegen, und dann auch noch den Nachweis für meine Geldtransaktionen liefern. Ehrlich gesagt, da mag niemand mehr mitspielen, der das Geld auch nur halbwegs mag. Denn das ist ja das Schöne am Geld, dass es farb-, geruchs- und gewissenlos ist, selbst wenn das dickste Blut daran klebt. Wenn schon Gutscheine, dann reine Zeitgutscheine! Damit könnte man beispielsweise jemandem eine Stunde schenken, die man dann vielleicht nach öliger Christenlehre im Jenseits gut geschrieben bekommt. Aber Geld mit dem Faktor Zeitgutschrift und Bürokratie zu verbinden, das ist unmoralisch und im Sinne des Kapitalismus sogar gottlos!

Helmuth Schönauer 01/01/06