Hirntod

Der Autor hat sein Stück "Hirntod" geradezu klassisch in vier Bildern aufgebaut.

Im ersten Bild oszilliert der Philosoph namens Bürger in seiner Sinnierstube Faust-ähnlich auf und ab, zwar hat er alle Philosophie-Richtungen studiert und ist auch in der Medienkunde bewandert, aber ganz kommt er noch nicht klar mit der Frage, wann der Staat Gewalt anwenden darf.

Bestärkt von starken Getränken beschließt Bürger, sich für alle Fälle des Diskurses eine echte Waffe zuzulegen.

Im zweiten Bild ist Bürger in einem Beisl, wo anläßlich eines Überfalls und der Ermordung eines Mädchens mit der Klarheit allgemeiner Illumination über den bewaffneten Alltag diskutiert wird. Mitten im Geplänkel kauft sich der Philosoph eine Waffe vom Wirten, weil er das Gefühl genießen will, nicht nur mit Worten bewaffnet zu sein.

Im dritten Bild sind Tom und Jerry aus der Comics-Serie ausgebrochen und zur Wirklichkeit geworden. Sie genießen ihren realen Status und vergewaltigen Krista, die Schöne der Nacht. Diese fleht vergeblich um Hilfe, denn Bürger denkt vorerst nicht daran, leibhaftig einzuschreiten. Erst als ihm bewußt wird, daß die Waffe ja genau so eine Fiktion sein könnte wie die beiden Gewalttäter, drückt er ab und ist über das Ergebnis erstaunt. Im Abgang sagte er, schon halb draußen: "Es hat keine Bedeutung / Überhaupt keine / Es hat nichts zu bedeuten / Überhaupt nichts".(74)

Im vierten Bild ist Bürger wieder mit sich allein in seiner Denkerwohnung. Die Grenzen zwischen Realität und Medien-Fake haben sich aufgelöst, die Waffe ist ein finales Argument, mehr nicht. Logischerweise kommt Bürger zum Ergebnis: "Diese Waffe ist nur ein Gedanke / Und bedeutet nichts [..]" (88) und drückt ab, ehe der Vorhang fällt.

In einer als gleichwertig eingestuften Variante heißt der Schlußsatz "So oder so / Ist es"(90) und drückt ab.

Medien und Gewalt, Gewalt als Medium, nicht nur das Thema ist faszienierend, auch Egon A. Prantls fetzig-rasanter Umgang mit den Thesen und Sätzen der Protagonisten ist beeindruckend. Ein gewaltiges Medienereignis!, könnte man ausrufen.

Egon A. Prantl: Hirntod. Ein Stück in vier Bildern. Innsbruck: Skarabäus 2001. 90 Seiten. 168,- ATS. € 12,24. ISBN 3-7066-2250-5

Egon A. Prantl, geb. 1947, lebt in Innsbruck.

[Helmuth Schönauer 26/02/01]