Lunaspina

Magda Stofner ist das Paradigma der Gewöhnlichkeit, nichts passiert, wenn man davon absieht, daß einmal auf der Autobahn der Kofferraumdeckel aufgesprungen ist und es bei etwas Glück ein Unglück geben hätte können. Magda erschrickt auch bereits über die Gewöhnlichkeit ihres Namens, als sie auf einer Urkunde den vollen Namen Magdalena liest, und bei dieser Gelegenheit fällt ihr ein, daß ihr Leben in zwei Abschnitte gegliedert ist, in die Leni-Zeit der Kindheit und in die Magda-Zeit, wo sie seit ewigen Zeiten schon mit Karl verheiratet ist, der Sohn Michael hat schon maturiert, die Erinnerungen sind bald auf- und ausgezählt. Der Roman spielt in der körperlichen und physischen "Endzeit" von Magda, in den Kopf hat sich Alzheimer eingeschlichen und in die Brust der Krebs. Die Personen teilen ihre Empfindungen zwar in der Innensicht dem Leser mit, aber untereinander sind sie mehr oder weniger sprachlos. Wir erfahren, wie der Geschmack eines abgebrochenen Klarinetten-Studiums an der Gaumenvorderseite klebt, wie die Brust näßt und im Kopf die Spitzen von Mondsicheln zu bohren beginnen. Der Alltag der Familie wird offensichtlich deshalb erzählt, um jeweils Satz für Satz seine Dekonstruktion zu zeigen. Unter dem Eindruck der Alzheimar Krankheit verlieren die Handgriffe ihren Sinn, die Unordnung schleicht sich beiläufig ein. Und die Gefühle und Erinnerungen sind in der Hauptsache Vorgaben, um an ihnen zu zeigen, wie der Körper sich selbst austrocknet und sich von sich selbst zurückzieht. Und gegen Schluß des Romans werden hilflose Zeremonien gezeigt, wie man angesichts des Todes immer mit sich daneben steht. Im Kleiderschrank sitzt die angehaltene Zeit. Besser kann man es nicht beschreiben, wenn die Kleider von gerade Verstorbenen weggeräumt werden. Martin Pichler hat einen ergreifenden Roman geschrieben, den man zwischendurch verschämt ablegt, um dann wieder genau nachzulesen, wie das wirklich war mit der Erinnerung und ihrer Auslöschung. Gute Texte erkennt man auch daran, daß sie mannigfaltig zu interpretieren sind. Lunaspina ist so ein guter Text, man überlege sich nur die Probe und denke, daß Magda vielleicht Südtirol ist.

Martin Pichler: Lunaspina. Roman. Innsbruck: Skarabaeus 2001. 258 Seiten. 276,- ATS. 20,00. ISBN 3-7066-2246-7

Martin Pichler, geb. 1970, lebt in Bozen.

Helmuth Schönauer 20/05/01