Die verschwundene Frau

Vic Warshawski ist Privatdetektivin in Chicago, ihr unaussprechlicher Name führt ständig zu Verballhornungen und unmöglichen Abkürzungen, und schon aus Gründen der Gerechtigkeit nimmt der Leser sofort eine sympathische Beziehung zur Detektivin auf, zumal diese sehr innig und authentisch in Ich-Form berichtet. Ein Abkürzer spät abends auf dem Heimweg erweist sich als verhängnisvoll, gerade noch im letzten Moment kann Vic einem leblosen Körper ausweichen, ehe sie in einen Hydranten kracht. Die Polizei glaubt, Vic hätte die leblose Frau angefahren, der Fall wird zu einer persönlichen Angelegenheit, als die Frau an einer mysteriösen Unterleibsverletzung wenig später im Hospital verstirbt. In der Folge wird das Schicksal der jungen Einwanderin Nicola Aquinaldo aufgerollt. Kaum steht der Name fest, wird ihr Leichnam gestohlen, Spuren werden vernichtet und es bleibt nicht viel mehr an Gewißheit übrig, als daß jemand vom allmächtigen privaten Sicherheitsdienst die Hand im Spiel hat. Nach Verfolgungsjagden und einer James-Bond-mäßigen Flucht in einem Güterzug wird Vic doch noch von einem der brutalsten Polizisten Chicagos geschnappt und ohne rechtliche Grundlage in das Gefängnis gesteckt, aus dem die Einwanderin kurz vor ihrem Tod ausgebrochen ist. Erst am Ort des Verbrechens läßt sich das Verbrechen authentisch aufklären. In Sara Paretskys Roman gibt es laufend Aktionen in wohlgestalteten Dosen, für Reflexionen der Heldin bleibt höchstens in den Pausen eines Niederschlages etwas Zeit. Man erfährt eine Menge von Chicago und dem ausgewucherten Illinois, dassich sechshundert Kilometer breit als Provinz durch das Gelände räkelt. Gerade die völlige Unauffälligkeit der "verschwundenen Frau" beschert dieser die gößte Aufmerksamkeit. Vor allem Methode und Schlagkraft von Privat-Securities lassen erahnen, was auf eine Gesellschaft zukommt, die ihre Gefängnisse samt dem dazu passenden Recht privatisiert.

Sara Paretsky: Die verschwundene Frau. Ein Vic Warshawski Roman. A.d. Amerikan. von Sonja Hauser. München: Piper 2001. 444 Seiten. 291,- ATS. 21,14.

ISBN 3-492-04092-6

Sara Paretsky, geb. 1947 in Kansas, lebt in Chicago.

Helmuth Schönauer 03/06/01