Studio 6

Der Roman Studio 6 beginnt mit einer der absurdesten Szenen der Kriminalliteratur. Ein Hund macht einen Abstecher auf den Friedhof und beginnt an einer weiblichen Leiche herumzuschlecken. Als ihn das verängstigte Frauchen mit Gewalt fortzerren will, knabbert er noch schnell ein Stück von der Hand ab. Erst zu Hause schafft es das Frauchen, sich standesgemäß zu übergeben. Bei der Leiche handelt es sich um eine Tänzerin aus dem Studio 6, in dem knapp an der Kippe zur Illegalität die hohen Herren Stockholms verkehren. Sinnigerweise heißt auch der Rundfunksender, der die Recherchen vorantreibt, Studio 6. Gegenspielerin dieser offiziellen Nachrichtenlage ist die Redaktionsaspirantin Annika Bengtzon, die zufällig vom Leichenfund erfährt und mit der Neugierde einer unverbrauchten Redakteurin eigene Nachforschungen anstellt. Während die offizielle Lesart des Falles dahin tendiert, daß ein Minister ohne Alibi das Girl ermordet haben soll, erfährt Annika, die nach ihrem Hinauswurf aus der Zeitung vor Ort als Roulettegirl arbeitet, die Wahrheit. - Der Studio-Besitzer hat in einer Melange aus Geilheit und Geschäftssinn seine Angestellte ermordet. Als alles aufgeklärt erscheint, erschlägt Annika draußen am Land noch ihren Verehrer, der sie jahrelang stupide gequält hat, als er ihre Katze aufschlitzt. In diesen Kriminalfall, bei dem die Aufklärerin selbst zur Täterin wird, spielt ein politischer Fall Schwedens hinein. Es geht um geheime Archive über Waffenlieferungen, Spionage gegen Rußland und alte Rechnungen der tonangebenden Sozialdemokratischen Partei. Interessant ist der Fall auch insofern, als nach schwedischem Gesetz jeder Bürger in alle Akten Einsicht nehmen darf und das Vertuschen von kriminellen Taten daher besonders raffiniert getarnt werden muß. Studio 6 erzählt von einem fiktiv-schöner Fall, der stets scharf an der Realität entlang driftet.

Liza Marklund: Studio 6. Roman. A.d. Schwed. von Susanne Dahmann. Hamburg: Hoffmann und Campe 2001. 416 Seiten. 328,- ATS. 23,83. ISBN 3-455-05155-3

Liza Marklund, geb. 1963, lebt in Stockholm.

Helmuth Schönauer 30/05/01