lieb an land schaften

In einem notizbuch-großen Nachschlageband sind vorläufig nur bestimmte Sprachsituationen und Sprachanwendungen aufgeschrieben, sonst nichts. Vorne und hinten schließt jeweils ein Bild den Text gegen die Außenwelt ab, am Eingangsbild ist überhaupt zu dreiviertel bloß Himmel zu sehen, der sich über ein Industriegelände "wölbt". Wölbt ist ein gutes Wort, denn im Text gibt es drei "tagesbögen", die der Zeit durch ihre Wölbung eine erste Struktur geben. Eine zweite Gliederung entsteht offensichtlich durch die Ortsgegebenheiten, "festland", "binnenland" heißen die beiden Fundamente, auf die der Text aufgelegt ist wie ein wärmeempfindliches Brückenteil, das sich ununterbrochen zusammenzieht und ausdehnt. In diese Konstruktion von Raum und Zeit sind Ereignispartikel eingeknüpft, die wie im Falle des Textes "lichtanteile" kaum faßbar sind und sich wie nach einer Empfindungsdetonation als kleine Teile über eine Doppelseite verstreut haben. Für jemanden, der in dieser Konstellation unbedingt Figuren sucht, sind Perikles und Kandida zugegen, die einerseits durch den Text führen, andererseits Teile eines größeren Schiksals-Partes abarbeiten, indem etwa durch Kandida probeweise ein Riß des Mitleids geht oder Perikles hinfällt, um sich zu beruhigen und den Tatsachen auf den Grund zu schauen. Wie schon im Titel sind die Sprachteile einzeln aufgelegt als eine Art Bedeutungsspielzeug, das man fallweise zusammenstecken kann zu einer neuen Bedeutung. Als Leser wird man in dieser geheimnisvoll-realen Welt bald einmal mit den Spielregeln vertraut und zerlegt selbst die eine oder andere festgefügte Bedeutung. Das Notizbuch wird zu einem Tool für Sprachexperimente, wobei immer wieder rettende Bilder und Fügungen angeboten werden, so daß man im Sprachspiel nicht ertrinken muß. Im Schlußbild steht die Sonne schon tief, die Baukräne sind gegen die Nacht hin ausgerichtet, für heute ist das Leben auf der Baustelle beendet.

Johanna Lier: lieb an land schaften. Bilder von Valérie Pérrilard. Wien: Das Fröhliche Wohnzimmer 2001. o. S. 90,- ATS. 6,54. ISBN 3-900956-55-3

Johanna Lier, geb. 1962, lebt in Zürich.

Helmuth Schönauer 05/06/01