TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 636

Orfeo

Die semantische Melodie des Titels sagt als Mikrokosmos schon recht viel darüber aus, was als Makrokosmos des Textes dann im Buchinnern auf die Leserschaft wartet. Dem mythischen Dichter und Träumer Orpheus ist ein Abgesang gewidmet, in dem das vergangene Jahrhundert als geträumtes Schwimmereignis thematisiert ist. Irgendwo in der Masse der Menschheit schwimmt jemand Mitte dreißig, katholisch, ertrunken, ausgeflippt, vielleicht sogar in einer geschlossenen Anstalt von Eindrücken.

Marie-Thérès Kerschbaumer gibt diesem kurzen Text am Ende des Buches die Sehschärfe einer Kassandra mit, harte Wörter, die jede Flüssigkeit durchschneiden, Sätze, die einem Schwimmer gleich immer antauchen und weit ausholen, um dann doch für einen Atemzug eine seltsame gallertige Haut aus Geschichte zu durchstoßen. Der kleine Text "Orfeo" ist der Schlußstein eines Gewölbes, das Träume eines Jahrhunderts sowohl kollektiv als auch als Individuum umspannt.

Vor diesem Schlußepos sind Partikel aufgeschlichtet, die mit Recht als Zwitter aus Traum und Bild im Untertitel angeführt sind, auch die Verschmelzung zu Traumbildern ist denkbar und in dieser Bedeutung offensichtlich durchaus erwünscht.

"Nachmittag in Havanna" heißen vier Meditationsstücke über die Stadt der Melancholie und Revolte, der Blick gleicht sich dem Nachmittagsflair an und sieht die Dinge, wie sie allmählich in erhöhter Luftfeuchtigkeit magisch zu schwitzen beginnen. Während das beobachtende und träumende Ich mit der Auswertung dieser Bilder beschäftigt ist, tauchen historische Bewußtseinsappelle auf, verbinden sich mit mythologischen Figuren und enden jäh in einem brisanten politischen Cordax, wenn afrokubanische Götter die Sachlage erklären.

Im Abschnitt, der schlicht "Bilder" genannt wird, springen unvermittelt Figuren aus Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" ins Bild und erstarren wie frisch fotografiert. Eine Figur wählt ausdrücklich die Ulrich-Pose, während sie wie der Musilsche Protagonist Ulrich an allen Ecken und somit auch am Lugeck in Wien posiert.

Im seltsam klar ausformulierten Kapitel "Traum" sind auf den ersten Blick Träume aus einem unendlichen Schlaf aufgelistet, aber diese Träume gehorchen einem strategischen Gesetz und enden in der bangen Frage: Wovon träumt ein kranker General?

Marie-Thérèse Kerschbaumer hat mit Orfeo ein impulsives Buch über die Grenze von geträumter und abgebildeter Wirklichkeit geschrieben, zwischendurch ist ihr Roman eine Ode, dann wieder ihr Traum ein Roman, und schließlich ihr persönliches Traumbuch ein Leitfaden für uns alle. Eine berührende Komposition!

Marie-Thérèse Kerschbaumer: Orfeo. Bilder. Träume. Prosa.

Klagenfurt: Wieser 2003. 144 Seiten. 21,00.

ISBN 3-85129-310-X

Marie-Thérèse Kerschbaumer, geb. 1936 nahe Paris, Lehrjahre in Tirol, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 12/02/03