Drei grausame Frauen

Der äußere Aufbau des Romans und sein Erzählgerüst sind, vornehm ausgedrückt, schlicht, aber die Geschichte selbst rollt schließlich mit gespenstischer Präzision ab. Alex, ein ziemlich unberechenbarer und kaputter Typ, ist in einer Psychiatrie zwischengelagert und schreibt freiwillig drei Briefe, in denen er alles gesteht. Aus seiner Sicht sind alle drei Frauen grausam: Seine Mutter, seine Frau und seine junge Geliebte vom Spätaufriß. Als Leser denkt man sich noch nicht viel, als dieser Alex hemmungslos zu quatschen beginnt. Denn seine sogenannten Briefe werden in kurzer Zeit zu monomanen Geständnissen, die auf jede Kleinigkeit eingehen und bald einmal erzählte Zeit und Erzählzeit eins zu eins zum Überlappen bringen. Doch mittendrin zuckt man zusammen. Haben da nicht gerade Alex und seine Mutter den lästigen Schwiegervater beiseite geräumt? - Tatsächlich brennt plötzlich Dad in seinem Auto ab, Alex berichtet mit Hingabe, wie man die Leiche hat drapieren müssen, daß sie auch anständig brennt. Die gleiche Geschichte wiederholt sich mit der Ehefrau. Gewitzt vermutet man bald hinter jeder Geburt und jeder Begebenheit einen Mord, aber der Schrecken kommt unerwartet. Vollends klinkt sich Alex schließlich bei seinem Geständnis an seine junge Geliebte aus. Obwohl der Dauer-Gesteher ein stark sexuelles Problem hat, das er an den wichtigsten weiblichen Bezugspersonen abzuarbeiten versucht, ist dieser Typ aus der Psychiatrie dann wieder so normal, daß man ihn jederzeit zu einer Dichterlesung einladen könnte. Melissa Jones ist ein heimtückisch normaler Psychothriller gelungen, bei dem der Leser freiwillig in die Rolle eines ständig den Kopf schüttelnden Gutachters schlüpft.

Melissa Jones: Drei grausame Frauen. Roman. A. d. Engl. von Lore Straßl. München: Knaur 2001. 286 Seiten. 245,- ATS. 17,84. ISBN 3-426-66021-0

Melissa Jones, geb. in London, studierte in Oxford.

Helmuth Schönauer

30/05/01