Hurenkind

Christine Gräns Roman Hurenkind ist eine nicht zwingende Dreiecksgeschichte, aber gerade diese Ungezwungenheit zwischen dem Abenteurer-Piloten Leon, seiner schauspielernden Frau Anne und dem "Hurenkind" Marie ist das Thema. Die diversen Kapitel sind jeweils einer dieser drei Figuren zugeordnet, die dann auch aus der Innenperspektive des intimen Ichs erzählen. Die Figuren reflektieren immer wieder ihr tun und ihr Schicksal, glauben auch an so etwas wie Moral, nur ist im gängigen Sortiment eben keine passende dabei. Denn sowohl die angebliche Treue ("ich bin vierzig und zu feige, meinen Mann zu verlassen") als auch der pragmatische Geschlechtsverkehr innerhalb der Konzernhierarchie erwiesen sich letztlich als untaugliche Mittel der Selbstverwirklichung. Im Roman wimmelt es auf den ersten Blick nur so von Gemeinplätzen und Schicki-Micki-Mäusen der Münchner Gesellschaft. Die Troubles spielen in jener Stadt, in der sogar die Obdachlosen sinnigerweise Gamsbärte tragen. Aber diese seicht-dreisten Unterhaltungen sind im Kontrast zum inneren Monolog der drei Helden ein spannendes Element, um die Kluft zwischen Sein und Schein beinahe in jedem Absatz hervorzukehren. Obwohl scheinbar nichts passiert, was man nicht ohnehin erwartet hätte, winken auf jeder Seite überraschende Belohnungen für den interessierten Leser. Allein der "Cargo-Kult", bei auf fernen Inseln Einheimische Landebahnen bauen, in der Hoffnung, ein Flugzeug würde Cargo bringen, bleibt einem nachhaltig in Erinnerung. Am Schluß fliegt ein Auto in die Luft und in einem Konzern wird gegen alle Führungskräfte ermittelt, das ist die äußere Kriminal-Komponente. Die innere "Kriminalität" mündet schlicht in der Frage, inwiefern man in einem verhurten System huren muß, um halbwegs unverletzt aus seinem eigenen Leben auszusteigen. Christine Gräns Roman ist ein profundes Sittenbild der Oberfläche einer Gesellschaft, in die wir so oder so beim Aufschlagen des nächstbesten Magazins verwickelt sind.

Christine Grän: Hurenkind. Roman. München: Bertelsmann 2001. 254 Seiten. 307,- ATS. 22,31. ISBN 3-570-00393-0

Christine Grän, geb. in Graz, lebte fünf Jahre in Afrika.

Helmuth Schönauer 30/05/01