Die leichten Schritte des Wahnsinns

Im Moskau der Gegenwart sind alle auf eine eigenartige Weise busy, jeder scheint neben seinem Job auch noch einen Untergrund-Job zu haben, so daß alle Bewohner mehr oder weniger Tag und Nacht unterwegs sind. Lena ist Redakteurin einer Literaturzeitschrift und kann tagsüber bei ihrer Tochter sein, während sie in der Nacht die Redaktionsarbeiten erledigen muß. Sie sitzt an einer Schaltstelle zwischen Fiktion und Realität, denn erst auf ihrem Schreibtisch werden aus der unbekannten Literatur offiziell diskutierte Texte im Magazin. Lena wird vom Selbstmord eines befreundeten Sängers verständigt. Als Redakteurin mißtraut sie der offiziellen Polizeiversion und geht der Sache auf den Grund. Da setzt plötzlich ein Gewirr von Beschattungen, falschen Ärzten, untergetauchten Dienststellen und anonymen Theorien ein. Mit leichten Schritten geht es Richtung Wahnsinn, wie der Titel sarkastisch prognostiziert. Als schließlich Lenas Tochter selbst in Todesgefahr gerät, hört sich die leichte Recherche auf, es geht plötzlich um alles. Wie immer in Moskauer Lebensläufen führt die Spur bald hinaus und zurück nach Sibirien, wo die Protagonisten die Grundkonstellation für ihre lebenslangen Schwierigkeiten gelegt haben. "Du Himmel! Jetzt reichtís aber. Das ist ja schlimmer als bei Dostojewski." (47) Diese Erkenntnis wird zum geflügelten Satz der Redakteurin. In dieser Nach-Sowjetischen Gesellschaft geht es teilweise zu wie während der amerikanischen Prohibition, zwischen der Prosperität der Machenschaften und der Armut tut sich gerade in Moskau eine gigantische Kluft auf. Oft genügt es, einen Tag lang nicht aufzupassen, um das Leben für immer versäumt zu haben. Im Untergrund hat sich eine Gegenwelt etabliert, die mit ähnlichen Geschäftsordnungen arbeitet wie die offizielle Welt. So muß ein Geschäftsmann beispielsweise ab einer gewissen Vorrückungsstufe keine Morde mehr selbst begehen, sondern bekommt für seinen Aufgabenbereich die entsprechenden Spezialisten zugeteilt. Nur Figuren wie Lena bewahren den Leser davor, in diesem gekonnt undurchschaubarer Roman die Übersicht zu verlieren.

Polina Daschkowa: Die leichten Schritte des Wahnsinns. Roman. A.d. Russ. von Margret Fieseler. Berlin: Aufbau-Verlag 2001. 453 Seiten. 281,- ATS. Ä 20,40. ISBN 3-351-02914-4

Polina Daschkowa, geb. 1960, lebt in Moskau.

Helmuth Schönauer 30/05/01