[Bibliothek der anderen Seite]

Mit den Jahren meiner Besuche im Kubin-Haus ist es eine unauffällige Tradition geworden, daß mich Cilli Lindinger für eine Weile allein läßt in der Bibliothek des Meisters, worin manche seiner Sammelwerke aufliegen: Bilder, wie sie mir seit der Kindheit vor der Seele stehen, die mich aber, im Gegensatz zu früher, nicht mehr alptraumartig verfolgen, weil ich in des Sehers Schule leben lernte mit ihnen. Wie der neolithische Magier den ungeheueren, beängstigenden Büffel, der ihn bedrohte, dem er sich aber zu nähern hatte, wenn er ihn erjagen wollte, auf eine Felsplatte bannte, um seiner habhaft zu werden, so band der Magier Kubin die dämonischen Schreckformen, die Erscheinungen des Zwischenreiches auf Papier. Und wie er sich selbst - gestaltend - befreit haben mag vom Druck des Erlebten, hilft er auch anderen zu einiger Sicherheit gegenüber den Kräften, denen erliegt, wer glaubt, sie ignorieren zu können, an denen jedoch wächst, wer sich ihnen stellt. Abgesehen davon, daß die von Kubin so eindringlich sichtbar gemachte Nachtseite des Menschen und seiner Welt bedeutend genug sind, gründlich studiert zu werden - wir können nicht genug über uns selbst erfahren -, erschließt sie auch Dimensionen der Freude, Abenteuer des Geistes, wie sie bevorzugt von Künstlern ausgehen, die Aug in Aug mit dem Abgründigen wirkten. Der Zeichner war sich dessen bewußt, als er schrieb: "Der Tod, welcher in den Jahren immer vernehmlicher ins Leben eingreift, ist ein paradoxer Ansporn zu geheimnisvollem Genuß."

Aus: Uwe Dick, Sauwaldprosa, Salzburg 2001. S.30-31.

[Kurzrezension]

Die einzige zugelassene Heldin ist die Sprache, heißt es im Programm zur schwergewichtigen Sauwaldprosa. Dieses Buch, dessen Kernzone vor einem guten Vierteljahrhundert veröffentlicht worden ist, bleibt jedem Leser unvergesslich, denn so umfangreiche Bücher nimmt man nur in Zeiten in die Hand, die bemerkenswert sind. Und das gelingt Uwe Dick sofort, dem Leser die Lesezeit bemerkenswert zu machen. Der Sauwald ist auf manchen Seiten ein äußerst realistischer Raum, den man sogar GPS-mäßig auskundschaften und kartographieren kann, andererseits ist er aber auch ein Sprach- und Denkraum, in dem sich eine eigene Welt entwickeln darf. Salopp könnte man sagen, Sauwald ist jener Wald- und Gestrüpp-Roman der den Großstadtromanen und Urbanitätsmonstern entgegengesetzt ist. Wie in barocken Texten sind die einzelnen Abschnitte mit einer kräftigen Überschrift versehen, man tut gut daran, zuerst einmal die Schlüsselbegriffe an der Oberkante durchzublättern, ehe man dann jeweils in die einzelnen Sequenzen eintaucht. Die Erzählordnung ist nach der Rhizom-Theorie ausgerichtet, das heißt, alles hängt irgendwie zusammen, aber es kann auch jederzeit zum Ausbruch eines neuen Themas kommen. Ein Besuch im Kubin-Museum, wobei die Struktur der Anderen Seite analysiert wird, die Frage nach der PEN-Mitgliedschaft, Weltmodelle nach der Methode "reziprok", Freisinn statt Didaktik, Flach atmen! und permanentes Mittelalter sind einige Erfahrungen überschrieben, die im Sauwald entweder ihre höchsten Blüte ausgetrieben haben oder irgendwo darin vergessen und zeitlos manifest geblieben sind. Die Themen kommen oft unvermittelt als Fragment eines Sauwald-Sermons daher, der so abgezwackt wird, daß er eine gewisse Eigendynamik erfährt. Diesen oft recht kühnen Auswüchsen des Sprachgebrauchs sind Lektüre-Erfahrungen, Anmerkungen von regionalen Chronisten oder weit hergeholte didaktische Überlegungen beigefügt. Ehe man für sich entschieden hat, ob man diesem Thesenkonglomerat zustimmen soll oder nicht, ist man schon im nächsten Thema, das dann oft die Analyse zum vorhergehenden Thema ausbaden muß. Dieses assoziative Weltbild, das sich bei Bedarf einen neuen Sprachgebrauch zulegt, kommt wahrscheinlich der sogenannten Wirklichkeit sehr nahe. Denn neben allen Abenteuerfunktionen hat der Sauwald auch noch den Nutzen, daß in ihm große Sprach- und Erkenntnisexperimente durchgeführt werden können. Und sollte wirklich einmal semantisch etwas in die Luft gehen, ist es weiter nicht schlimm, der Sauwald ist groß und mit stabilen Sprachpflanzen besiedelt. Uwe Dick, bei seinen Auftritte unverwechselbar und unnachahmlich, hat auch in seiner schriftlichen Form eine Ausdrucksweise gefunden, die den Leser noch lange aufgeklärt und aufgewühlt zurückläßt.

Uwe Dick: Sauwaldprosa. Salzburg: Residenz 2001. 587 Seiten. 578,- ATS. 42,00. ISBN 3-7017-1240-9

Uwe Dick, geb. 1942, lebt im Dreiländereck am Böhmerwald.

Helmuth Schönauer 30/06/01