mia san mia

El Awadalla verbindet ihre Mundartdichtung jeweils mit sozialen Aktionen, der Dialekt dient ihr nicht als Vortragsmaterial für ästhetische Genüsse sondern als frisch nachgeschliffenes Messer der Aufklärung. Der Gedichtband "mia san mia" ist als Partitur zu verstehen, die zu diversen Veranstaltungen an Grenzorten, im Stadtteil oder zu bestimmten Festen den richtigen Ton liefert.Ein Teil des Textes widmet sich der Zustandsanalyse, die oft wie ein Messerstich einsetzt. "s weda in da schdood druggdmi nida" als Beschreibung einer Depression bis hin zur sarkastischen Feststellung "wo i daham bin / lebt boid kana mea / da boon foi bluad / des bluad foi schnobs / foi schnobs das bluad / foi bluad da boon" (13) Mit der nötigen Ironie, die der Gedichtband vom Leser einfordert, könnte man dieses Blut- und Boden-Gedicht als eine anderen Kommentar zur sogenannten Bodenständigkeit lesen. Gedichtzyklen zur Natur, über das Leid und die (damit verbundenen) Kinder, über das Hineinfressen von Problemen und den völlig niveaulosen Sport in den Armen und Beinen verführter Menschen räsonnieren in Wiener Mundart genau so, wie sich dieses Karussell von Räsonnieren, Aufbegehren und Aufgeben seit je her in dieser Stadt dreht. Gerade dieser kunstvolle Kreisverkehr der Gedanken, bei dem eine Lösung gar nicht erlaubt ist, schleudert letztlich doch die schweren Gedankenteile aus und hinterläßt halbwegs trockene Gedankenwäsche. Als Kurzessays, Handlungsanleitungen oder Regieanweisung für den Leser sind in die Mundart-Zyklen immer wieder Texte in sogenannter Traummännleinsprache eingeflochten. Karriere und ihre Auswirkung auf einen Onkel, der es zu etwas gebracht hat sowie auf einen Papagei sind sarkastische Abrechnungen mit jenem Hamsterrad, in das offensichtlich ganze Bevölkerungsschichten bereits bei der Geburt gesteckt werden und dessen einziger Ausweg ein Schleudertrauma auf dem Zentralfriedhof ist. "mia san mia" ist ein ansprechendes Programm, das die Zuhörerschaft mit viel List in jenen Zustand der Literatur führt, in dem plötzlich Aufklärung und Rettung ohne Gesichtsverlust möglich sind.

El Awadalla: mia san mia - wean und de wööd. Mit Forografien von Andreas Gartner. Wien: Uhudla Edition 2001. 68 Seiten. 158,- ATS. 11,50.

ISBN 3-901561-16-1

El Awadalla, geb. 1956 lebt in Wien. Andreas Gartner, geb. 1967 in Hall in Tirol, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 01/07/01