Buch in Pension – Rezensionen August/2019


Ann Cotten: Lyophilia.

Günter Eichberger: Stufen zur Vollkommenheit.

Viola Eigenbrodt: Marmor, Wein und Bienengift. Ein Südtirolkrimi.

Christine Feichtinger: Theresias Rache. Dorfgeschichte.

Norbert Gstrein: Als ich jung war. Roman.

Erich Hörtnagl / Alois Schöpf: Sehnsucht Meer. Vom Glück in Jesolo.

Damir Karakas: Erinnerung an den Wald. Roman.

Andreas Maier: Die Familie. Roman.

Thomas Stangl: Die Geschichte des Körpers. Erzählungen.

Birgit Unterholzner: Weißt du, wo es Katzen und Hunde regnet?



GEGENWARTSLITERATUR 2839

Lyophilia

Bücher werden heutzutage in Clusters angeboten, die durch Inhalt, Form, Genre, Cover-Farbe oder Autoren-Preisliste eine erste Vorsortierung für das angeblich beschränkte Publikum bieten sollen. Wenn ein Buch ohne den Zusatz Roman auftaucht, hat es scheinbar einen Startnachteil. In Wirklichkeit aber wird der Leser ermuntert, die eigenen Sinnesorgane bei der Lektüre einzusetzen.

Anne Cotten nennt ihre Textsammlung „Lyophilia“, was man grob mit gefriergetrocknete Sachen übersetzen könnte. Aus einem Interview ist zudem ein Klappentext zusammengeschnitten, wonach es sich bei diesem Werk um eine Art „Science-Fiction auf Hegel-Basis“ handeln könnte. Im Impressum ist dann noch als grammatikalische Besonderheit angeführt, dass die polnische Deklination verwendet wird. Dabei werden einfach die Buchstaben, die man für das ewige Gendern braucht, hinten an den Wortstamm geklebt und der Leser ist aufgefordert, es zu vergessen. Tatsächlich werden ja mittlerweile die Gendereien bloß noch als Floskel verwendet, wie seinerzeit die schöne Gewerkschaftsformel von den „Nossinnen und Nossen“. So spricht die Autorin von „Oberunterösterreichernnnie“, wenn sie die Bewohnerschaft der „Fläche Österreich“ meint. Markenzeichen übrigens: Beim Heurigen stimmen die Obertöne. (87)

Die „gefrorenen Sachen“ zeigen sich in zwölf Abschnitten, wobei die Erzählung „Proteus | Die Häuser denen, die drin wohnen“ zu einem Beinahe-Roman ausgebaut ist. Der Held ist einem Proteus-Bakterium nachempfunden und vermehrt sich je nach Nährlösung. Im erzählten Abschnitt lebt Proteus mit der slowenischen Model-Politikerin Ganja zusammen, die dem ersten Anschein nach der Gattin des amerikanischen Präsidenten nachempfunden ist. Zumindest in der Erzählung lebt sie eine Zeitlang brav und bieder mit ihren zwei Söhnen in Ljubljana, ehe alle in ein Paralleluniversum gebeamt werden.

Kennzeichen dieser Lebensführung ist ein leichter Kippeffekt, durch den plötzlich die Zeit gewechselt und der Raum rundherum neu definiert wird. So spielt einer der Söhne ununterbrochen im Netz, bis er jeglichen Zusammenhang mit der Netz-Außenwelt verloren hat. Als er sich online für ein Universitätsstudium anmelden soll, verkauft er den Zugangscode, weil die Uni nichts anderes als ein Spiel im Netz ist.

Die Erzählung gibt sich als Stoffsammlung für einen Essay, indem die Helden noch unfertig mögliche Positionen einnehmen können. „Kein Gedanke, nur eine vage, heitere Melancholie, wie schnell aus einem Wagnis (einer Vagina) Realität, aus Realität Vergangenheit wird. Nicht festhalten. Das, was dir geschenkt wird, wird dich später retten, indem du es hinter dich fallen lässt.“ (38)

Im Haushalt der durchdigitalisierten Familie geht auch ein Roboter namens Depp fallweise zur Hand, aber sein Programm macht sich selbständig und er mutiert zu einem vollwertigen Deppen, wobei fraglich ist, ob er sich hinauf-entwickelt oder die Menschen sich hinunter-entwickeln.

Das Paralleluniversum funktioniert nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie die scheinbare Wirklichkeit, was das Aufspüren seiner Substanz ziemlich unmöglich macht. Der amorphe Erzähler-Held liest zu diesem Zweck immer wieder Stanislaw Lem, vor allem den Roman des Menschen vom Mars.

Aus dem inneren Monolog, dem weißen Rauschen des Tagebuchs, dem Alltags-Blog des Pulses dringen immer wieder Sätze vor in eine Spruch-affine Welt und kristallisieren zu Stick-Botschaften aus. „Sie bluffen nur. Die Realität ist hier. Wir haben sie.“ (152) „Aus der Entfernung schaut jede Stadt aus wie eine Dystopie.“ (157)

Um diesen Paralleluniversum-Roman sind wie in einem Strahlenkranz Mini-Erzählungen angeordnet, die jeweils darauf hinweisen, dass angesichts des Unsichtbaren alles Sichtbare ziemlich schräg und pervers ist.

So kauft jemand ein Karpatenhotel und wundert sich, dass er es nicht in seinen Lebensplan einbauen kann. Auf einem Spaziergang in den Weingärten rund um Wien schreit jemand den ankläffenden Hunden entgegen: „Hoitz zamm!“ (14)

Einem Helden geht die Geschichte daneben und er stellt lapidar fest: „Ja, man wird alt.“ (237)

Im Abschnitt Anekdoten vom Planeten Amore (KAFUN) wird alles aufgezählt, was noch keinen Sinn hat, aber bei entsprechendem Arrangement durchaus einen guten Gedanken ergeben könnte.

Ann Cotten zerlegt, klebt, mischt und verdreht die Dinge, bis es der Leser nicht mehr aushält und er sich aus der vorgegebenen Materie einen persönlichen Sinn zusammenstellt. Aber das ist ja geradezu der Sinn dieser gefriergetrockneten Dinge, deren Haltbarkeit man durch Lesen zerstört.


Ann Cotten: Lyophilia.

Berlin: Suhrkamp 2019. 460 Seiten. EUR 24,70. ISBN 978-3-518-42869-6.

Ann Cotten, geb. 1982 in Iowa, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 24/06/19



GEGENWARTSLITERATUR 2840

Stufen zur Vollkommenheit

Wenn quasi jeder Satz eine Lebensweisheit ist, hat man als Leser im ersten Anschein Mühe, sein eigenes Leben in diesem Weisheitsknäuel unterzubringen. Andererseits ermöglicht es jeder Satz, den Faden aufzunehmen und das Buch „abzuwickeln“. Die „Vorsätze“ erklären dabei das Programm: „Mit der Sprache lässt sich nicht gut zeichnen oder skizzieren. Die Worte müssten unvollständig, durchscheinend vielleicht, wie frisch auf die Welt geworfen sein. Noch nicht ganz Wort, mehr Laut.“ (5)

Günter Eichberger legt auf dieses Fundament seine Stufen zur Vollkommenheit. Dabei wechseln sich lose und kompakte Erzählformen ab. In den losen Gebilden sind eben diese Weisheiten und poetischen Formeln versammelt, von denen jeder Teil ein Welt-Zitat abgibt, das in sämtlichen Lesebüchern, Kalendern und Firmen-Compliances verwendet werden kann.

- Das Gras, in das du beißt, schmeckt nach nichts. (31)

- Das Knie springt aus dem Gelenk und sucht das Weite. (6)

- Ich kenne die wahre Bedeutung der Worte nicht: mein Betriebsgeheimnis. (83)

Auch wenn diese „Präambeln“ für eine Textur von Poesie und Literatur gedacht sind, lassen sie sich für alle Lebensbereiche anwenden. Die Feuerwehr kann sich genauso auf die Stufen der Vollkommenheit berufen wie die Medizin, der öffentliche Verkehr genauso wie ein Regierungsprogramm. Man könnte es umgekehrt formulieren: Alles, was Sehnsucht nach Vollkommenheit hat, ist bei Günter Eichberger gut aufgehoben.

In dieses Regelwerk der Vervollkommnung sind sechs literarische Überlegungen eingepflanzt, die zum Teil diverse Genres dekonstruieren, Hypothesen des Erzählens mit Fallbeispielen an den Rand des Wahnsinns bringen oder durch Verschrägungen und Überkreuzungen divergierender Muster eine oft aussichtslose Zukunft beschreiben.

So kommt eine dystopische Rosegger-Biographie als verhächseltes Literatur-Unkraut daher, das auf ausgerissenem Wurzelwerk Peter Handkes (Vormittag eines Schriftstellers) ebenso unverbindlich aufbaut wie auf die psychodelischen Heimatelemente des steirischen Peter. Wenn dieses künstlerische Ungetüm den Höhepunkt erreicht hat, steht es auf der obersten Stufe der Vollkommenheit. Im konkreten Erzählwerk ist es freilich der tiefste Punkt des Zweifelns: „Wie kann der Schriftsteller handeln, wenn er sich auf einer noch höheren Ebene befindet? Hier ist nur noch sein Schatten. Ja, sein Schatten fällt auf den Ort und verdunkelt ihn nachhaltig.“ (27)

In einer pastoralen Schöpfungsgeschichte versucht ein Papst, durch sein vor-himmlisches Wirken die Erde zu verbessern. Dabei greift er in die Kiste mit guten Sätzen, die ständig zu Klischees erstarren, wenn sie an die frische Luft kommen.

In einer Groteske würdigt Karl Kraus den frisch ermordeten Thronfolger und wirft ihm übers Grab hinaus die Einschätzung zu: „Er war kein Grüßer.“ Dass er die Welt selbst mit seiner Ermordung in den Untergang getrieben hat, ist eine besondere Art der Weltverbesserung durch den Habsburger.

Mit einem juridischen Sonderspektakel versucht ein Antragssteller, etwas Geschehenes per Gesetz ungeschehen zu machen, damit die Welt wieder unversehrt und heil ist.

In einem Erzberg-Melodram greift der Abbau von Eisenerz fließend auf den Abbau der Stadt über, die Erz-Metropole wird abgetragen wie ein zu groß geratenes Mineral.

Nach dem großen Knall ist die Welt nicht mehr, wie sie vorher war. Das hat auch Auswirkungen auf die Literatur, die beim Weltuntergang nicht zwangsläufig untergehen muss, Literatur hat ja immer auch einen Zug ins Unsterbliche.

Aber wenn die Literatur auch dahinsiechte und zu schwach zum Sterben war, so blieb doch immer noch die Poesie. Die Poesie ist dieses benannte Unnennbare, das jeder kennt, der sich wünscht, fliegen zu können.“ (87)

Ähnlich wie seinerzeit Oswald Wieners „Verbesserung von Mitteleuropa“ haben die Stufen zur Vollkommenheit durchaus die Kraft in sich, den Kontinent zu verändern. Zumindest in jenen Reden, die über diesen Kontinent ständig abgehalten werden.


Günter Eichberger: Stufen zur Vollkommenheit.

Klagenfurt: Ritter 2019. 95 Seiten. EUR 13,90-. ISBN 978-3-85415-593-5.

Günter Eichberger, geb. 1959 in Oberzeiring, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 01/07/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2196

Marmor, Wein und Bienengift

Die Geschichtsschreibung über ein Land ist dann gelungen, wenn sie sich in einem Ohrwurm zusammenfassen lässt. Südtirol klingt dabei wie der Gassenhauer von Drafi Deutscher, der mit seinem „Marmor, Stein und Eisen bricht“ einer ganzen Epoche falsche Grammatik, Stil und Sehnsucht gegeben hat.

Viola Eigendbrodt macht aus dem „gebrochenen“ Song einen Krimi, ganz nach der literarischen These, wonach es sich bei einem Krimi letztlich um einen Datenträger handelt, auf dem kurzfristig etwas abgespeichert ist. Als ehemalige Journalistin in Südtirol ist die Autorin mit den Skurrilitäten des Südtiroler Alltags bestens vertraut. Aus der Distanz gelingt es ihr, Erbarmen mit den oft etwas lädierten Heldinnen und Helden abzuzweigen.

Der Krimi gleicht in dieser Konstellation einem Brettspiel, bei dem die Figuren schwarz-weiß aufgestellt sind. Gleich zu Beginn fahren die Guten, wie die Kommissare Ohnewein und Marini schon auf der ersten Seite ausgewiesen sind, aus Südtirol hinaus, um etwas Urlaub und Abstand zu gewinnen. Gleichzeitig rückt ein Freizeitpaar aus Württemberg durch den Stau in Richtung Südtirol vor, um endlich die Leiche zu finden, damit es losgehen kann.

Die Leiche liegt auf halber Strecke am Schrägaufzug des Marmorsteinbruchs in Laas, betrieben wird dieser von einem schrägen Bruch-Besitzer. Jetzt wird Seite für Seite ermittelt, was im konkreten Fall bedeutet, dass Südtirol als Vinschger Denotat entblättert wird. Wie bei einem Brettspiel ist es in einem Begeisterungskrimi offen, wie die nächsten Züge entwickelt sind, wichtig ist, dass alle Helden zum Zug kommen.

Die Leiche ist die Tochter eines Einheitspartei-Politikers, der selber Frust mit der Politik hat. Das Opfer ist im Rollstuhl unterwegs gewesen und war begeisterte Bogenschützin. Im Hintergrund geistert eine geheimnisvolle Liebschaft herum und im Vordergrund sind alle auf Sauberkeit und Transparenz aus. Die hohlen Worte entsprechen selten dem Inhalt, vor allem sind es Nebenwirkungen, die Verstörung hinterlassen. So schlägt der Steinbruch auf die Landschaft durch, der Wein auf die Leber und die gesunden Äpfel vernichten die Bienenvölker, weil Tag und Nacht gespritzt wird.

Die Kommissare kennen ihre Pappenheimer, weil sie aus ihrem Stoff und Wesen sind. So sind sie der erkundeten Wirklichkeit immer einen Schritt voraus, weil sie wissen, wie in Südtirol überall getuschelt und verwischt wird, wenn ein klarer Gedanke auftaucht. Im Plot kommt dann alles vor, was in Südtirol so während einer Saison passiert. Das Opfer ist bei einem Autounfall zu Schaden gekommen, ist aber zuvor schon als Seitensprungkind nicht gerade bravourös aufgenommen worden. Der beteiligte Politiker will alles wieder gut machen, indem er Geld abzweigt und in einer Nordtiroler Stiftung anlegt, so wie es alle machen, die in Südtirol nur Gutes im Sinn haben.

Für ein bodenständiges Ambiente sorgen Kleinigkeiten wie ein schwerer Sugo, der allen im Magen liegt, oder ein Alfa, der mehr zum Anschauen als zum Fahren geeignet ist.

Das Opfer wird obduziert, was in dieser Gegend heißt, auf ihre sexuelle Unversehrtheit hin untersucht. (184) Die Arme war nicht nur Jungfrau, sondern ist auch noch vergiftet und nicht bloß von einem schweren Marmorblock zerschmettert worden, wie der Schrägaufzug glauben machen soll.

Der Fall zeigt es ganz deutlich: Während amtlich etwas geschieht, wird in der Privatsphäre etwas ganz anderes gedacht. Vielleicht stecken hinter den Paralympics perverse Sexspiele, vielleicht ist die Gruppierung „Andreas Hofer“ eine rechtsradikale Splitterpartei. Am Schluss nehmen sich die Beteiligten selbst ins Kreuzverhör und gestehen einander, dass alles gelogen ist, was sie so offiziell an den Tag gelegt haben. Die genaue Aufklärung darf hier aus Spannungsgründen nicht verraten werden.

Viola Eigendbrodt zeigt den Un-Einheimischen, wie schön Südtirol ist, wenn man die Helden darin als das nimmt, was sie sind. Nämlich unbeholfene Möchtegerne, die ein Leben lang Angst haben, vom Sound der großen Welt abgeschnitten zu sein. Und den Einheimischen hält sie einen Spiegel vor. Seht her, wie unbeholfen ihr euren Lebenslügen nachgeht.

Wie bei einem guten Brettspiel gewinnen die Weißen, die Kommissare lösen den Fall. Man kann natürlich den ganzen Krimi auch als pure Unterhaltung lesen und kommt doch wieder auf das Wesen der Südtiroler. Sie sind am Kontinent für Unterhaltung zuständig, eine ziemlich trostlose Aufgabe.


Viola Eigenbrodt: Marmor, Wein und Bienengift. Ein Südtirolkrimi.

Perouse: Eigenverlag 2019. 247 Seiten. EUR 14,99. ISBN 9781074568559.

Viola Eigenbrodt, geb. 1961 in Mainz, lebt nach einigen Jahren in Südtirol in Stuttgart.

Helmuth Schönauer 16/07/19



GEGENWARTSLITERATUR 2842

Theresias Rache

Eine Frau schaut kurz aus dem Fenster, weil der Hund gebellt hat. Draußen auf der Dorfstraße geht ihre Todfeindin vorbei, ihr bleibt das Herz stehen. - Im Dorf herrscht jeden Tag Lebensgefahr, sobald man das Fenster aufmacht.

Christine Feichtinger eröffnet in Wildwestmanier eine weibliche Dorfgeschichte, in der die Heldinnen naturgemäß unter die Räder kommen. Erzählt wird die Geschichte von Theresia und Anna, die in Kindertagen beste Freundinnen gewesen, aber dann wegen einer blöden Männergeschichte Enemies geworden sind. Die Geschichte hat folglich einen harmonischen, kinder-hellen Abschnitt und später einen dunklen, ausgewachsenen und von der Sexualität zerknüllten.

Der vordere Teil der Dorfgeschichte liest sich wie ein Bio-Lesebuch urbanisierter Aussteiger. Die Kindheit wird als biologisch kluge Fruchtfolge von Erlebnissen geschildert, Theresia ist mit Anna befreundet, rund um die beiden Mädchen blüht alles wie im Ökoland. Dabei liegen die Ungereimtheiten auf der Hand, wenn man genauer hinschaut. So wachsen den Kühen immer wieder die Anbindeketten in die Haut ein, weil sie nie ins Freie kommen. Der Nachbar zwickt solche Tiere mit seiner Zange frei und kriegt dafür etwas zu trinken.

Getrunken wird selbstverständlich zu jeder Tages- und Nachtzeit, immer wieder muss Theresia ihren besoffenen Vater aus dem Gasthaus holen, wo er regelmäßig seiner persönlichen Wahrheit nachspürt. Die Welt wird als Erinnerung besungen, zum Erzählstandpunkt heißt es klar, dass die Figuren dem Unterbewusstsein entstiegen sind. (8) Fast alles hat einen Fachausdruck in Mundart, und die Häufigkeit der seltsam patinösen Begriffe deutet darauf hin, dass diese Welt samt ihrer Sprache untergegangen ist.

Die Erwachsenenwelt tritt mit der Monatsblutung auf, für die es selbstverständlich einen Fachausdruck gibt. „Du hast Senta!“, heißt die Angelegenheit, bei der man Binden der damals gängigen Marke verwenden muss. (48)

Kommt Senta, kommen auch die Männer. Theresia und Anna übertrumpfen einander mit Aufrissgeschichten und bei einem Fest kommt es zum Eklat, als ein auswärtiger Kasernen-Johann mit Theresia kurzen Prozess macht und sie im Morgengrauen ganz Schnitzler-gemäß schwängert. Anna macht um diese Zeit mit ihrem eigenen Johann herum, und als die Sache mit der Schwangerschaft auffliegt, kommen die Freundinnen übers Kreuz. Theresia nämlich behauptet, vom Anna-Johann geschwängert worden zu sein. Im Dorf gibt es gegen diese Schutzbehauptungen keinen Schutz.

Das Ende einer Dorfgeschichte dauert immer lebenslänglich. Das Leben ist rundherum verpfuscht, Theresia muss sich als Hilfskraft durch das Leben schlagen, ihr Kind ist ledig und gebrandmarkt, aus der ehemaligen Freundin ist eine erbitterte Hasserin geworden.

Als Leser steht man fassungslos vor dieser Logik, die offensichtlich das Überleben in kleinen Sozialbiotopen erst ermöglicht. Zwar leben alle im Kreislauf der Natur, aber die menschliche Aufklärung ist diesem Kreislauf im Weg. Rituale, Glaubensfragmente und Verclanisierung der Dorfgemeinschaft lassen am Ende jene kaputten Heldinnen zurück, die sich hinter schweren Fensterbalken verbarrikadieren müssen und aus dem Kreislauf geworfen werden, wenn der Feind durch die Gasse geht.

Eine skurril-schöne Dorfgeschichte voller Bio und falscher Harmonie, die den Städtern die Sehnsucht nach dem Land auszutreiben versucht.


Christine Feichtinger: Theresias Rache. Dorfgeschichte.

Klagenfurt: Sisyphus 2019. 79 Seiten. EUR 12,-. ISBN 978-3-903125-40-7.

Christine Feichtinger, geb. 1951, lebt in der Uhudler-Gegend.

Helmuth Schönauer 11/07/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2200

Als ich jung war

Auf der Couch des Psychiaters oder auf der Hausbank, einen Enkel am Schoß, fällt gerne der Satz, „als ich jung war“. Mit dieser Gebetsformel lässt sich hintennach vieles erklären, was in Echtzeit unverständlich gewesen ist. Gleichzeitig bietet diese Floskel Schutz vor allzu viel Selbstzweifel, was die Vergangenheit betrifft.

Norbert Gstrein kümmert sich einmal mehr um die Logik der Vergangenheit. Wie können wir uns sauber mit dem Geschehenen auseinandersetzen, wenn die dazu notwendigen Daten gefaked, getrübt oder einfach falsch sind?

Der Roman liefert zuerst einen Ablauf von rätselhaften Todesfällen, die nur eines gemeinsam haben: Die einzelnen Fäden laufen im Helden zusammen. Anschließend gibt es wie bei Gstrein üblich eine Gegengeschichte, die alles relativiert und aus den Angeln hebt, ehe am Schluss aus den Sehnsuchts- und Erinnerungspartikeln des Helden tatsächlich eine Figur der Angebeteten zusammengebastelt wird. Sarah Flarer wird dann noch zu einer kompakten Person, die aber nicht weiterhilft, außer dass sie den Roman irgendwie romantisch abrundet und die nächste Geschichte aufmacht: „Solange niemand etwas von mir wusste, konnte ich alles erzählen und das war ein guter Anfang.“ (349)

Über die Romane von Norbert Gstrein haben erfahrene Bibliothekare eine Lese-Regel entwickelt: Du musst ihn vorne genau lesen, wenn du ihn hinten verstehen willst! Und tatsächlich gleichen seine Geschichten oft einer mathematischen Operation, die ständig neue Rechenarten aufgreift, um das gängige Multiplizieren und Addieren von Ereignissen auszuhebeln.

In der Hauptfigur Franz brodelt es wie in einem Reaktor, wenn in einer Parallelaktion zwei Selbstmordgeschichten zusammentreffen. Hinter dem Gasthaus seiner Eltern hat sich bei der Hochzeitsfeier die Braut in die Tiefe gestürzt, und es könnte auch Mord sein, zumal nicht alle die Hochzeit goutiert haben. An der Todesstelle hat der Erzähler auch einmal ein junges Mädchen geküsst, und damit ein Blackout im eigenen Kopf ausgelöst. Kann sein, dass er später mit der Braut ein ähnliches erotisches Desaster angerichtet hat. Er ist damals auf jeden Fall sehr jung gewesen, mehr ist nicht fix. Später als Schilehrer in Amerika trifft Franz dann auf einen exotischen Professor aus Tschechien, der schließlich gegen einen Baum fährt und hofft, dass sein entstelltes Gesicht als Suizid durchgeht. Wieder kommt Franz in ein schiefes Licht, weil ihn der Professor irgendwie adoptieren wollte, aber es war nichts Sexuelles dabei, nur ein schräges Schilehrer-Verhältnis.

Im Gegenschnitt Heimat-Hotel – Schilehrer-Ausland knüpft sich ein Erinnerungsvorhang, bei dem letztlich nichts fix ist, weil einfach die Datenspeicher im Kopf nicht richtig verlötet sind. Das einzig Sichere ist ein Kommissar, der Franz über die Jahre hinweg im Auge hat, weil er ihm entweder Kinderschändung oder Mord anhängen will. Aber eigentlich macht er das nur, weil es sein Beruf ist und jenen gängigen Erzähl-Konstruktionen entspricht, die immer über Kommissaren aufgespreizt sind.

Eine sogenannte unerzählte Geschichte versucht das Unausgesprochene darzulegen und verwendet dazu den Trick der Tabuzone. Der Professor nämlich besteht auf einem Spatium des Schweigens, um seine Existenz aushalten zu können. Und für die Erzähltheorie ergibt sich ein schwarzes Loch, das zwar mit Sätzen ausgekleidet ist, aber geradezu nichts erzählen soll.

Im Schlusskapitel wird aus diversen Träumen und Gefühlseskapaden, die in der Hauptsache angelesen sind, eine Musikerin zusammengestellt, jene Sarah Flarer, die ursprünglich als Mädchen geküsst worden ist. Wie in einer Schweizer Erotikgeschichte, in der ja nichts passiert, außer dass jemand heftig seine Beine zusammenpresst und abgeht, reist der Erzähler dieser Figur nach, die etwas Flirrendes und Vages hat, wie es im Namen Sarah Flarer dann kunstvoll zum Ausbruch kommt.

Hinter den erzählmathematischen Operationen sitzt freilich der Gstreinsche Schalk, und alles kann man sich nach Herzenslust zu einer ironischen Explosion ausmalen.

So taucht immer wieder das sogenannte „Entspannungszimmer“ auf, das sich frivole Geister wahrscheinlich mit Wix-Zimmer übersetzen. Die heimische Tourismusszene besteht aus Köchen, die nichts können, aus Reise-Redakteuren, die dem Motto huldigen: Wir lassen immer die größten Trottel schreiben. (32) Und der Held stellt lapidar fest: Aus mir war etwas geworden, was ich nie hätte werden wollen. Schilehrer. (41)

Wie eindeutig auf ungenau die einzelnen Szenen gemacht sind, zeigt beinahe jede Fügung, die der Autor sorgfältig für den Roman zusammenkomponiert hat, der Professor spricht etwa „in einem rostigen Deutsch“. (45) Solche Fügungen hallen beim Lesen lange nach, sodass man Pausen einlegen muss, bis das Gelesene am richtigen Platz ist. Und dann geht es schon weiter mit Lebenssätzen wie: Ich war jung, wie ich es zu keiner anderen Zeit gewesen war. (38) Alles Tun um diese Zeit huldigt der Vorstellung, „es ist immer nur für ein paar Monate“. (97)

Norbert Gstrein ermuntert seinen Leser immer wieder, durchaus frech zu sein und an das Ungewöhnliche seiner Romane zu glauben. So ist dieser Roman von damals vielleicht eine tolle Verarschung des Krimi-Unwesens, hinter jeder Ecke des Lebens lauert ein Kommissar und beobachtet etwas. - Ein Roman wie im richtigen Leben.


Norbert Gstrein: Als ich jung war. Roman.

München: Hanser 2019. 348 Seiten. EUR 22,70. ISBN 978-3-446-26371-0.

Norbert Gstrein, geb. 1961 in Mils/Imst, lebt in Hamburg.

Helmuth Schönauer 21/06/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2194

Sehnsucht Meer

Im Tourismus braucht es eine Menge von Blöden, die herumfahren und in fremden Betten schlafen, damit ein paar weniger Blöde damit Geld verdienen, mit dem sie später ebenfalls herumfahren und in fremden Betten schlafen. Der Stammgast ist die kulturphilosophische Ausrede, dass etwas sinnvoller wird, wenn man es regelmäßig und am gleichen Ort tut.

Alois Schöpf begegnet dieser Vulgär-Analyse mit einem Bekenntnis: Er ist Künstler, Stammgast und ewiger Jesolo-Fahrer, was so etwas wie Wallfahrer bedeutet. Sein Essay ist dabei eine autobiographische Abrundung eines Lebensentwurfes als Künstler und Kleinunternehmer. Darin dient das regelmäßige Aufsuchen eines Urlaubsortes über Jahrzehnte hinweg dazu, etwas Ordnung und Halt in das Leben zu kriegen.

Diese Erzählung wird unterlegt mit cineastischen Fotos von Strand, Witterung, Hinterland-Häusern, Gesichtern und Schattierungen von Glück. Schon das erste Bild ist großes Kino, quer über zwei Seiten breiten sich wie zwei japanisch-kalligraphierte Striche Wasser und Sand aus und verbinden eine Hotelzeile mit einem abgelegten Tretboot. Im Themenverzeichnis sind die Fotomotive ausgelegt, Jesolo, Hotel sowieso, Lido, „Glückssucher“ oder „Tote Saison“. Nicht nur die Bilder sind Erzählungen, auch ihre Beschriftung ist ein literarischer Akzent, der weit über das Dokumentarische hinausgeht.

Der Dichter hingegen nimmt sein eigenes Leben als Stoff, in den unter anderem Kindheit, Ausbildung, Herkunft, Erziehungspersonal, Kunst, Musik, Krankheit und Tod eingeflochten sind. Die Textur dieser Autobiographie ist offen, der Leser ist eingeladen, während der Lektüre vielleicht auch zu zweifeln oder die Schönheit nachzujustieren, die der Geschichte innewohnt. Denn Alois Schöpf ist wie in vielen seiner Texte ein Zweifler, der es durchaus aushält, wenn man den Text in seiner Glücksgroßzügigkeit hinterfragt.

So beginnt das Leben als Kunstunternehmer eigentlich mit dem Jahr 1938, in dem der Großvater des Erzählers seinen beiden Söhnen ein Gut in Lans kauft, aus dem später der „Wilde Mann“ wird. Der gelernte Zeitgeschichtler denkt sich bei der Jahreszahl 1938 „oha, da war doch was“. Selbstverständlich gibt es auch saubere Geschäfte im Jahr 1938, es ist nur eine dunkle Jahreszahl, die bei manchen Lesern historische Nebengeräusche auslöst.

Das Kind wächst zu Füssen eines Stammtisches im Gasthaus auf, wird später auf ein Internat geschickt, um ein Netzwerk fürs Leben zu knüpfen, wird später Dichter und Blasmusikant und gilt für Konsumenten einer wöchentlichen Glosse im Zweifelsfalle als eher förderndes Mitglied der „Wirtschaft“, wenn es den Standpunkt nicht zuordnen kann und die Glossen deshalb halb-kritisch nennt, denn eine Hälfte ist immer dafür und die andere dagegen.

Als Kind wird der Erzähler von der Verwandtschaft mitgenommen nach Jesolo, wo er sich zum Stammgast hinaufentwickelt. Dabei wechseln mit dem steigenden Anspruch auch die jeweiligen Hotels, die sich ebenfalls ständig für neue Kundenwünsche weiterentwickeln. Soweit die biographische Achse, auf der Jesolo regelmäßig aus Relax- und Reflexionsgründen aufgesucht wird.

Die Stadt wird mit vielen Komplimenten eingedeckt, vor allem hat sie es geschafft, selbst im Massentourismus Stil zu bewahren. Das verdankt sie unter anderem der guten Architektur mancher Hotels, wie etwa dem der Südtiroler Familie Falkensteiner, die durchaus die „Sehnsucht Meer“ markant in Szene setzt. Jedenfalls sind an solchen Stellen Produkt-Platzierung und Architekturführer für den Laien schwer zu trennen.

Die dritte Komponente nach Biographie und Stadt stellt der Urlaub dar. Philosophisch-hedonistisch wird verkündet, dass es das Recht des Menschen ist, so in der Sonne zu liegen, wie es der Tourismus anbietet. Anbieter und Konsumenten müssen sich jährlich einen neuen Sinn für das Jesolo-Glück einfallen lassen, denn es ist ein äußerst passables Finanzmodell, wie die Kohle in Bewegung bleibt, auch wenn man nichts tut. In einer Innensicht wird auch die Verzweiflung dargestellt, die selbst einen Stammkunden befallen kann, wenn das Buffet leergefressen, der Strand leergesehen und der Kopf leergedacht ist, sodass es vielleicht eine Schlaftablette braucht. (172) Die Sinnlosigkeit des Urlaubens zeigt sich an diesen Leer-Stunden, die vielleicht die große Chiffre für das Leben sind.

Gerade weil das Buch ein ziemlicher Hybrid ist, indem Tourismus, Kunst und Lebenssinn raffiniert verwoben werden, tut sich auf allen Seiten eine neue Erkenntnis auf. So also funktioniert letztlich eine Kunst, in der die Wirtschaft das Sagen hat. In kleinen Witzchen zeigt sich der Geist dieser Symbiose, wenn es heißt, dass der Transitverkehr so lange nicht schädlich ist, solange das Sterbealter der Tiroler im europäischen Durchschnitt liegt.

Der Autor sucht in seinen Texten immer die Liebe der Leserschaft und bettelt um Anerkennung. Ja, man würde sie ihm gerne gewähren, wenn er endlich sagen würde, aus welchem Depot seine Thesen gespeist sind. - Sehnsucht Meer ist eine gelungene Produktplatzierung für das Erlebnis Stammgast. Ja, ständig Jesolo fahren kann schön sein, nicht hinzufahren aber auch.


Erich Hörtnagl / Alois Schöpf: Sehnsucht Meer. Vom Glück in Jesolo.

Bozen: Edition Raetia 2019. 246 Seiten. EUR 28,-. ISBN 978-88-7283-684-2.

[Auch in italienischer Sprache erschienen.]

Erich Hörtnagl, geb. 1950 in Steinach, Regisseur und Fotograf, lebt in Schweden und Tirol.

Alois Schöpf, geb.1950 in Lans, Schriftsteller und Dirigent, lebt in Lans.

Helmuth Schönauer 15/07/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2197

Erinnerung an den Wald

Der Wald gilt in der Literatur oft als Symbol für die Kindheit. Wer sich an den Wald erinnert, erinnert sich an was Schönes, auch wenn es darin heftig zugeht. Gleichzeitig hat der Wald auch etwas „National-Getragenes“ an sich. In der ukrainischen Mythologie eines Wladimir Korolenko rauscht der Wald wie ein ewiger Tinnitus, im deutschen Wald tummeln sich Wölfe, die Großmütter fressen, und im kroatischen Wald sind wie überall im ehemaligen Jugoslawien die Partisanen zu Hause, die es sogar zu einer eigenen Hymne gebracht haben: „Durch die Wälder, über die Berge!“

Damir Karakas zeigt seinen Kindheits-Helden als besonders verletzliches Wesen. Der Ich-Erzähler hat einen Herzfehler und die Welt hat die Größe eines Brustkorbs, der ständig schmerzt. Schon gleich am Beginn weist die Mutter den Jungen in seine Schranken: „Mach dich nicht sinnlos müde! (8)“ Damit ist das Spielen untersagt und zur Arbeit taugt der Schwächling ohnehin nicht.

So bleibt dem Jungen eine aufmerksame Sicht auf die Welt. Auch wenn man sich nicht allzu viel bewegt, ist immer etwas los. Dem Wald ergeht es ähnlich, er bewegt sich kaum und dennoch ist er ständig in Bewegung und schwächelt, wenn das Wetter nicht passt.

In dieser subtilen Feinnervigkeit macht der Heranwachsende eine intensive Kindheit durch. Gewalt ist im Spiel, dabei kommt es zur perversen Situation, dass die Mutter das Kind schlägt, ehe der Vater zulangen kann. Ihre Schläge sind nämlich weiblicher und fast eine Liebkosung, zumindest aber ein Schutz vor den Vaterschlägen.

Was eine echte Kindheit ist, so wird darin ein Haus gebaut, das erspart jedes Bilderbuch. In einem Haus sind nämlich alle Materialien vorhanden, die zum Überleben nützlich sind, außerdem gibt es Tätigkeiten, die einem gewöhnlichen Menschen kunstvollen Umgang mit dem Werkzeug abverlangen.

Als beim Essen alte Mauerteile in den Mund bröseln, entschließt sich der Vater, ein neues Haus zu bauen. Der Ochs reißt mit einem einzigen Ruck das alte Haus zusammen, und das neue entsteht wie von selbst. Dabei übernimmt sich Vater und glaubt sterben zu müssen. Er weiß, dass manches neue Haus den Zusammenbruch des Erbauers verlangt, denn es gibt einen ewigen Wettstreit zwischen aufbauen und wohnen.

Der Beobachter beamt sich vom Rand aus in die Mitte des jeweiligen Geschehens. Da kommt es zu archaisch anmutenden Überlebensritualen wie dem Sau-Stechen oder Kraut-Stampfen, die allein durch die Erinnerung geschönt sind. In Wirklichkeit ist alles intensiver, lettiger und geruchswilder. Allein die Sau wälzt sich so lange im Überlebensschlamm, bis sie kaum mehr genussfähig ist.

Und über allem steht der Wald mit seinen Lichtungen, auf denen Vater mit der Büchse wartet. Das höchste der Gefühle ist es für den Herzkranken, wenn er mitpirschen darf, das Ergebnis ist freilich eklig, der geschossene Dachs stinkt so erbärmlich, dass er zu Hause sofort eingegraben werden muss.

Dem in die Zukunft hinein Siechenden bleibt nur das Träumen. Er wird auf die Jagd gehen, er wird einen heftigen Beruf ergreifen, der ihn stark macht. Fürs erste genügt es, in einem langen Marsch ins Kino zu gehen, wo der linkshändige Sheriff seinen Auftritt hat. Es geht darum, alles mit einem magischen Glanz zu versehen. Zu Hause klebt Vater eine blaue Folie über den Schwarzweißfernseher, damit er Farbfernsehen hat. Aber es geht um dieses blaue Licht, das die Welt verzaubert, indem sie die Beklemmung löst, die Tag und Nacht auf der Brust liegt.

Die Kindheit endet mit einem langen Ausflug durch den Wald, halb geträumt, halb geplant. Der Wald ist ein befreiendes Medikament. „Je tiefer ich eindringe, desto dichter wird der Wald, desto finsterer. Er nimmt kein Ende; kein Ende nimmt dieser dichte Wald.“ (145)

An der sogenannten Waldliteratur lässt sich für wache Leser auch der Zustand der jeweiligen Gesellschaft ablesen. In diesen heißen Sommern jetzt verdorren und brennen überall die Wälder, sodass das Lesen von Waldromanen die einzig klimaneutrale Lüftung bedeutet.


Damir Karakas: Erinnerung an den Wald. Roman. A. d. Kroat. von Klaus Detlef Olof. [Orig.: Sjecanje Sume; Zagreb 2016].

Wien, Bozen: folio 2019. 152 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-85256-787-7.

Damir Karakas, geb. 19671 in Plascica / Jugoslawien, lebt in Kroatien.

Helmuth Schönauer 25/07/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2195

Die Familie

Wenn es um die eigene Familie geht, reißt es selbst den kühlsten Autor atemlos vom Schreibhocker.

Andreas Maier schreibt schon seit Jahren an einer Literatur-Biographie, worin in Romanform Zeitgeschichte, Lebensentwürfe und diverse Zeitgeister zusammenkommen. Dabei durchlebt das biographisierende Ich durchaus gut abgezirkelte Bereiche wie die Universität, kommt aber dann doch immer wieder in Morastgelände von Erinnerung und Verdrängung, worin oft das völlige Versinken droht.

Lange hat der Autor das dunkelste und innerste seines Kosmos weggeschoben, ehe es jetzt einfach fällig ist: Die Familie kann nicht länger warten, sie muss jetzt einfach aufgeschrieben werden.

Die Familiengeschichte wird mit einer kunstvollen Klammer als Intarsie in die Zeitgeschichte gelegt. In der Eröffnungsanekdote geht es um einen ziemlich sinnlosen Schwimmunterricht, bei dem sich der Lehrer gar nicht darum bemüht, jemandem das Schwimmen beizubringen. Folglich beantragt der Vater des Erzählers, der penibler Rechtsanwalt ist, die Streichung der Schwimmnote, da dem Fach keine Ernsthaftigkeit zugrunde liegt. Derselbe Rechtsanwalt-Vater bereitet sich im Schlusskapitel auf ein Tennisspiel vor, indem er die Maskerade des Juristen mit jener des Tennisspielers tauscht. Bereits im Kostüm des Aufschlägers erfährt er aus dem Radio von einem großen juristischen Sieg, indem seinem Begehren auf Löschung der Vergangenheit stattgegeben wird.

Für den Schriftsteller stellt sich die Frage, ob sein Tun nicht dem eines Rechtsanwaltes mit Eigennutz gleicht. Wenn er die Tatsachen nach den Gesetzen des Romans gestaltet, formuliert er ähnlich scharfe Fakten, wie sie das Gesetz schafft, wenn es durch alle Kammern durch ist.

Der Widerspruch zwischen Gestaltung und Manipulation ist das große Thema jeder Familie, denn jede Familie hat Dreck am Stecken, den sie nach außen als Schweigen des Clans zelebrieren muss (133), während es nach innen ein anderes Schweigen zu betreiben gilt: „Wir sind die Kinder der Schweigekinder!“ (150)

Die offizielle Geschichte der Familie wird wie ein Gesetz zusammengestellt und exekutiert. Immer wieder gehen dabei Familienmitglieder verloren oder werden als Abweichler geächtet. Einen eigenwilligen Onkel schneidet man von der Erbfolge ab, die Schwester wird geächtet und vergessen. Sie hat nämlich schändlicherweise aus Amerika ein paar Kinder unbekannter Verhältnisse mitgebracht und bei der Familie deponiert, ehe sie wieder verschwindet.

Der Kern der Saga aber entpuppt sich als düsteres Kapitel von untergetauchtem Nazitum und verschwundenen Juden. „Hier wohnte meine Familie. Das war ihr Ziel gewesen.“ (24) Stolz beschreibt der Autor das Gelände, das einmal eine Fabrik gewesen ist und das sich jetzt herrlich als Kinderspielwiese eignet. Doch dann taucht eines Tages ein wild gewordener Bagger auf und beschädigt das unter Denkmalschutz stehende Mühlengebäude derart, dass es abgerissen werden muss. Schon damals fällt dem Kind auf, dass der Vater ein besonders vertrauliches Verhältnis zu dem Bagger hat.

Als der heranwachsende Erzähler regelmäßig in die Vergangenheit des Clans hineinbohrt, wird er regelmäßig mit der Verdrängungsformel abgespeist: „Wir haben den Juden Brand gegeben!“ Als dann so gut wie alle Zeitzeugen tot sind und der Erzähler in alten Adressbüchern nach früheren Nachbarn sucht, stellt sich heraus, dass alles gelogen ist und die Familie ihren Mythos auf dem Gut eines jüdischen Fabrikanten aufgebaut hat.

Der Vater glaubt, dass man die Vergangenheit mit passenden Gesetzen in den Griff bekommt, der schreibende Sohn denkt hingegen, dass am ehesten die Kraft der Literatur etwas Licht in die Düsternis bringt, die in fast allen Familien vorherrscht. Denn jede Familie hat eine Hinterseite, auf die nur das Licht der Fiktion Konturen auszuleuchten vermag.

Es ist vor allem die Erschöpfung, die beeindruckt, wenn man dem Autor beim Reinemachen zusieht. Und als Leser wird man mitgerissen in jene Erschöpfung, die beim Aufmachen des eigenen Familienalbums entsteht.


Andreas Maier: Die Familie. Roman.

Berlin: Suhrkamp 2019. 166 Seiten. EUR 20,60. ISBN 978-3-518-42862-7.

Andreas Maier, geb. 1967 in Bad Nauheim, erste Romane verfasst in Brixen/Südtirol, lebt in Hamburg.

Helmuth Schönauer 05/07/19



GEGENWARTSLITERATUR 2841

Die Geschichte des Körpers

Erzählungen sind letztlich Werkzeuge, mit denen man den Umgang mit der Welt nachjustieren oder reparieren kann. Die einzelnen Erzählungen spiegeln im Idealfall einen einmaligen Vorgang wider, wie ein komplizierter Fall der Erkenntnis erfolgreich vonstatten gehen kann. Erzählungen lassen sich nicht wiederholen oder auf andere Erzähl-Fälle umlegen. Der einzelne Fall ist wie eine Operation, die auch ordentlich daneben gehen kann.

Thomas Stangl hat dreißig Erzählungen in seinen Werkzeugkoffer gesteckt. Dabei gibt es kleine Stücke, die die Länge eines Atemzuges haben, kleine Explosionen, die etwas im Umgang mit diversen Körpern zeigen, und einige längere Texte, die durchaus als Rasenfläche vor einem Roman gesehen werden können.

Hauptthema ist der Wechsel von Objekt und Subjekt und das schizophrene Auftreten der beiden. Ähnlich einem Picasso-Porträt sieht man das Beschriebene von vorne und von der Seite gleichzeitig. Der Erzähler tritt als Passfoto und innere Stimme auf. Mitten im Absatz wechselt das Ich zum Er.

In der längeren Erzählung „Nur ein alter Mann“ ist jemand vor fünfzig Jahren in eine fremde Stadt gekommen und hat sich seither gleichmäßig als Tourist und Einheimischer entwickelt. Er kann sich wie ein Tourist zu einem Schnell-Menü niedersetzen und dabei das Gespräch eines Einheimischen führen. Sein Horizont ist abgestumpft wie ein Einheimischer und abgenutzt wie bei einem Selfie-Tagesausflügler. Vielleicht ist er auch ein Dieb, der sich mit kleinen Tricksereien über Wasser hält, vielleicht auch nur ein Seh-Dieb, der sich die Attraktionen unter den Nagel reißt, die für andere gedacht sind. Die Figur bleibt stets amorph, aber eines ist klar, sie ist letztlich nur ein alter Mann, dem man alles als Marotte auslegt.

In kleinen Erlebnis-Brösel spielen Kinder „das Monster kommt“. Sie gehen vor das Haus und erwarten allabendlich etwas, das mit der Dunkelheit einhergeht. Es ist nur ein Spiel, sagen alle, aber alle wissen, es ist mehr.

In „Nachts“ kommt die Stimme des Autors zur Geltung, aber niemand weiß, was diese Stimme sagt.

Die Identität ist überhaupt ein Ding, das ständig ins Mehrdeutige ausfranst. Jemand schreibt das Tagebuch eines anderen und phantasiert und fiebert dabei so heftig, dass das Tagebuch zu seinem eigenen wird. Er freut sich schon, wenn er gestorben ist. Dann werden alle das Tagebuch lesen und nicht wissen, wer wer ist.

Ganze Epochen wie die „neunziger Jahre“ können auf eine Fernseheinstellung zusammenschmelzen, wenn etwa Uschi Glas mit ihren „Glas-Augen“ aus dem Fernseher blickt und alle meint, über Jahrzehnte hinaus.

Der Blick ins Umfeld ist oft verstellt, so werden nebensächliche Gegenstände oft als Hauptkörper wahr genommen, was falsch ist. Erst als bei einer „Expedition“ (78) jemand mit der Motorsäge das Gebüsch vor dem Fernseher wegrasiert, wird der Blick offen, und die im Fernsehen gezeigte Expedition kann frei miterlebt werden.

Am „Institut“ werden ständig Herztöne abgehört, weil die Patienten sich in Sterbenähe aufhalten. Die Zeit drangt sich zusammen. (47) Ein Ich-Erzähler mit politischem Hintergrund lässt alles über sich ergehen und versucht, normal wie die Tiere zu leben. Später bringen sie ihn aufs Land, wo er vielleicht diesen Tieren näher ist. „Man schiebt mir die Mahlzeiten durch die Tür. […] Ich möchte Erde essen, lebendige, sich in zarten Zuckungen bewegende Erde.“ (58)

In zwei Epilogen schließlich wird die Geschichtsschreibung auf den Kopf gestellt oder aus den Kunstwerken einer verlorenen Zeit abgelesen. Alles drängt auf Auflösung. „Wir sind ein bisschen müder, seit wir gestorben sind.“ (122) „ Die Zeit verrutscht. Wir sind außerhalb von uns selbst. Wir tun eigentlich nichts. Wir sind wie das Meer. Das Licht regnet und rinnt von uns ab.“

Als Leser geht man mit diesen Erzähl-Instrumenten an das eigene Tagwerk, das vielleicht völlig anders geartet ist. Aber wenn man den Meißel dieser Erzählungen an sich selbst ansetzt, spürt man die Konsistenz des eigenen Körpers und kann zumindest Auskunft geben, was er nicht ist.


Thomas Stangl: Die Geschichte des Körpers. Erzählungen.

Graz: Droschl 2019. 124 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-99059-037-9.

Thomas Stangl, geb. 1966 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 18/07/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2192

Weißt du, wo es Katzen und Hunde regnet?

Ob ein Thema die Gesellschaft schon durchdrungen hat, merkt man spätestens dann, wenn es in den Bilderbüchern für die Jüngsten auftaucht. Der Regen, lange als Fluch gefürchtetes Wetterphänomen, wird seit dem Klimawandel zum Erlöser, der Tier und Mensch, Groß und Klein in Bild und Ton erfrischt und erfreut.

Birgit Unterholzner zeigt ein paar Facetten des Regens, der schon allein deshalb aufregend ist, weil er aus keiner Maschine kommt, nicht in Plastik verpackt ist und vor allem Outdoor passiert. So studiert denn auch Frau Ernestine in der Anfangsszene das Wetter auf dem Radar, ehe sie sich vor die Haustüre wagt. Ihr Pudel nämlich ist schon so was von hochgezüchtet, dass ihm feuchte Füße schaden würden. Sie selbst hat löchrige Unterhosen, wie das Kind Mia erfreut feststellt. Und es herrscht jedenfalls ein stiller Zusammenhang zwischen löchrigen Unterhosen und dem Regen.

In den nächsten Episoden wird der Regen in verschiedenen Kulturen und Sprachen dargestellt. In Tschechien etwa heißt es, es regnet Schubkarren, bei den Griechen regnet es Stuhlbeine und in England regnet es nicht Brexit, sondern Katzen und Hunde.

Der Regen ist wie ein gutes Menü, am besten schmeckt er, wenn Wind dabei ist, wenn er auf dem Sand zu glänzen anfängt und im Hintergrund Möwen kreischen. Als Besteck verwendet man Gummistiefel, mit denen es sich auch salopp über einen Muschelteppich steppen lässt.

Mia und Frau Ernestine sind etwa ähnlich kindlich und neugierig. Während Mia jeden Regen als Neuland erlebt, reflektiert die ältere Frau mit einem größeren Fundus an Regenwissen im Rücken. Aber das ganze Spekulieren und Sinnieren hat keinen Sinn, wenn man nicht anschließend ins Freie düst, um sich auszutoben.

Hier lässt sich die tolle Frage aus dem Kuvert ziehen, wann habe ich als Erwachsener eigentlich meinen letzten gelungenen Regen erlebt? Meist sitzt man ja hinter der Windschutzscheibe und mach die Wischer an, oder man sitzt im Büro und überlegt, ob man ohne Schirm wieder nach Hause kommt, und als Rentner hat man ohnehin nichts anderes zu tun, als die Zeit von einem Regen zum nächsten zu überbrücken. Als Erwachsener driftet man bei Bilderbüchern gerne ab, und wird dann durch die Bilder wieder auf den Boden der Illustration zurückgeholt.

In der Malerei gilt die Darstellung des Regens als besonders schwierig, weil man ihn ja nicht sieht. An diesem konkreten Thema wird selbst der größte Realismus zu einem Abstraktum. Clara Frühwirth löst dieses Problem elegant, indem einfach blaue Striche über die Seite zischen, in den Leerräumen dichter, vor Gebäuden und Gesichtern dünner, damit man noch erkennt, was hinter den Wasserspritzern vor sich geht.

Alle Episoden in der Kindheit und Rentnerei enden damit, dass jemand müde wird. Mia reibt sich die Augen und ist für heute ziemlich müde. Aber sie hat gelernt: „Wir tragen viele Regengeheimnisse in unseren Augen.“ Auf der letzten Seite geht der Regen in ein vertikales Liniensystem über, wie bei einem Schulheft mit falsch ausgerichteten Zeilen. Im Regen lässt sich vielleicht etwas von oben nach unten aufschreiben, schwerkraftlos, dann wird es vielleicht ein Gedicht.


Birgit Unterholzner: Weißt du, wo es Katzen und Hunde regnet? Bilderbuch. Illustriert von Clara Frühwirth.

Wien: Picus 2019. 32 Seiten. EUR 16,90. ISBN 978-3-7117-4011-3.

Birgit Unterholzner, geb. 1971 in Bozen, lebt in Bozen.

Clara Frühwirth, geb.1989 in Graz, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 23/07/19