Buch in Pension – Rezensionen 2021|10


Timo Brandt: Nicht nochmal Legenden. Gedichte.

Johann Kapferer: Die Rabengang. Das Geheimnis der schwarzen Ruine.

Ally Klein: Der Wal. Roman. Erstausgabe.

Hanne Römer .aufzeichnensysteme : Raute.

Max Schneider: Perchten und Bräuche zur Mittwinterzeit.

Friederike Schwab: Nora. Ein Tanz. Roman.

Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie.

Jana Volkmann: Investitionsruinen. Gedichte.

Peter Paul Wiplinger: Aussichten. Gedichte 2020–2021.

Ulf Erdmann Ziegler: Eine andere Epoche. Roman.


GEGENWARTSLITERATUR 3023

Nicht nochmal Legenden

Gedichte sind wie Pflanzen, die einen Nährboden brauchen, auch wenn sie mit Luftwurzeln arbeiten. Diese Nähr-Substanz kann die vorgespielte Erfahrung eines Ichs sein, eine didaktische Zusammenfassung eines Erkenntnisprozesses oder auch das Verwerten ausgestreuter Literaturpartikel.

Timo Brandt weist mit seinem Seufzer „Nicht nochmal Legenden“ darauf hin, dass er sich vor allem mit vorgelagertem Lyrikmaterial beschäftigt, wenn er daraus durch Zitat, Verformung oder Überhöhung neues Extrakt presst.

In der Unordnung Segmente“ (5) nennt der Autor den ersten Abschnitt und knüpft an die Unordnung an, wie sie bei der Erschaffung der Welt geherrscht hat. Statt um die biblische Siebentage-Woche geht es freilich um kleine Momente, entscheidende Weichenstellungen oder um gewöhnliche Zeitabschnitte, die in die Ahle des Gedichte-Nähens eingefädelt werden müssen.

Fädel // Faden Tagtraum hängt noch / im Blitzlicht der Alltagssilben. / Staunst vor leeren Figuren / und spürst ihre harten Lippen, / die hinabführen, auswerfen. / Frage nicht, was der Sinn, / nicht, was Bleiben verunsichert.“ (6)

Ein Zyklus“ (37) berichtet von der Schwierigkeit, Literatur aufzuzeichnen und abzulegen. In sogenannten Aktenversuchen (38) wird ausgetestet, wie wesentliche Thesen der Logik aus ihrem kausalen Zusammenhang gerissen und in einen Zyklus verwandelt werden können. Nicht alle Gedanken lassen sich aber lochen und ablegen, der Satz, „alle Kreter lügen“, der seit den Griechen als Musterbeispiel einer Conclusio herhalten muss, wehrt sich, zu den Akten genommen zu werden. „Ein weißes Blatt Papier / in einer Akte. / Ein Zeichen der Aufgabe.“ (43) Die Gedichte greifen zwar ineinander über, lassen sich aber nicht chronologisch hintereinander legen. Der Zyklus springt daher einem Vulkan gleich aus den Seiten und reißt dabei angedockte Verse mit. Für die Lektüre empfiehlt es sich, die Eruption einen Augenblick lang zu genießen und dann abkühlen zu lassen, um die einzelnen Schichten dieses Rhizom-ähnlichen Gebildes zu dechiffrieren.

Nicht nochmal Legenden“ (45) fußt auf den Seufzer, dass Geschichten nicht lyrisch nacherzählt werden können. Zwar steckt in den einzelnen Gedichten durchwegs dramatisches Material, aber Gedichte entledigen sich einer Handlung wie Schmetterlinge aus dem Kokon schlüpfen. Drei literarische Überschriften „Wien bimmelt“ (50), „Kafkas Anrufbeantworter“ (57) „Die 32 Schimmelarten des Joseph Brodsky“ (69) lösen zuerst Legenden aus, wie sie vielleicht vor Jahren einmal erzählt worden sind, jetzt aber verdichtet sich der Stoff zu Texten, die durch das lyrische Maß bestimmt sind und jegliche Handlung unterbrechen oder sprengen. Vor allem die Verknüpfung der Einsätze ergibt neue Fragestellungen: Was haben Wien, Kafka und Brodskys Schimmel miteinander zu tun? Wie reagieren sie aufeinander? Vor allem der Schimmel hinterlässt eine Spontanirritation. Ist es nun ein Pilz oder ein Pferd, das sich 32fach an den Nobelpreisträger Brodsky heranmacht?

Das lyrische Ich fasst dieses Kapitel mit einem „Stammelgedicht“ (71) zusammen. „Sammeln // für Anja Utler // Ich soll was sagen? / Ich beiße meine Zunge. / Ich soll was sagen? / Vorher beiß ich mir auf die Zunge.“

Eine kluge Zusammenstellung lässt nicht nur Fragen offen, sondern nimmt diese auf in das Programm. Unter „Stillstehende Wünsche“ (73) sind Pläne aufgezeichnet, die sich verzogen haben, verlorengegangen sind oder einfach im Froststadium überleben, wie das „Wachliegen im Jänner.“ In der „Halle der Zeit“ (80) sind die Geräusche überdimensioniert, sodass nichts widerhallt, auch wenn die Leute schreien und verzweifeln. Wer durch diese Hallen geht, glaubt sich selbst zu hören, wenn alles schreit, stöhnt, lacht oder weint.

Oktoberübersät“ (88) kommt auch das heftigste Jahr zum Erliegen. Jetzt ist es an der Zeit, im Bett zu liegen und an Äpfel zu denken, an Küsse vielleicht. „Ich bin ein vor dem Herbst umgefallener Apfelbaum, küsse den Boden im Liegen.“

Der letzte Wunsch ist rätselhaft wie eine Legende und handelt „von weißen Tellern“ (89). Das lyrische Ich sitzt in einem amerikanischen Diner und betrachtet eine Frau, die einen Zauberwürfel dreht. Jetzt ist es Zeit für einen Bestellung. Gabel, Löffel und Messer kommen. Aber das Essen ist irgendwie schon gelaufen, denn das lyrische Ich sitzt bereits in einem Diner im Kopf: „Wer wartet nicht auf das, was er bestellt hat. / Wer gibt nach, wenn er doch glaubt, was er / gesprochen, // an das, was sich / versprach.“ Die Dinge vom Diner haben die Herrschaft übernommen, der eigene Wille bleibt herrenlos.

Timo Brandt hat in vier Schritten das Legenden-Material gesichtet, geordnet und gereizt. Jetzt liegen die aufgeladenen Partikel vor dem Leser, bereit, sich dessen Ordnung zu fügen.


Timo Brandt: Nicht nochmal Legenden. Gedichte. Herausgegeben von Helwig Brunner.

Graz: Keiper 2020. (= keiper lyrik 23). 93 Seiten. EUR 16,50. ISBN 978-3-903322-16-5.

Timo Brandt, geb. 1992 in Düsseldorf, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 20/08/21



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2282

Die Rabengang

Die Erinnerungsliteratur nimmt die Menschen als Zwischenwirt, um mit ihm ungeahnte Visionen über die Kindheit zu entwickeln. Eine besondere Form dabei ist die zitierte Jugendliteratur, worin jemand im Stile seiner Kindheit seine Träume aus dem Erwachsenenleben erzählt in der Hoffnung, dass es auch die Kids von heute interessieren wird.

Johann Kapferer schreibt Abenteuerbücher, die durchaus aus dem Geiste der eigenen Kindheit verfasst sind. Die sagenumwobene Enid Blyton (gestorben 1968) schwebt im Hintergrund über einem Setting, das hell, zukunftsfroh und sommerlich ist. Ihre Bücher über Kinderbanden in der Ferienzeit prägen noch heute die Vorstellung, wie schöne Ferien gelingen könnten. Wenn man Gang mit Arbeitsgemeinschaft übersetzt, so ist dieses Ferienmodell bis heute bei Groß oder Klein geschätzt, ob man nun einen Banküberfall durchführt, eine Regierung bildet, oder eine naheliegende Ruine erkundet.

Die Geschichte von der Rabengang ist klar und ohne Schnörkel: Zwei Buben beschließen, die angehenden Sommerferien mit der Erkundung einer Ruine zu beginnen, zu der es einen Geheimzugang geben soll. Rechtzeitig zu Sommerbeginn stolpert ihnen ein Rabe zu, der sich den Flügel gebrochen hat. Aber anstatt nach gelungener Heilung wieder abzufliegen, bleibt Rudi, wie der Vogel mittlerweile heißt, in seinem Sanitätskorb sitzen und unterhält die Menschen, die bald einen Narren an ihm gefressen haben. Nach der Zeugnisverteilung gibt es noch einen Überraschungsausflug zum Innsbrucker Flughafen, wo ausnahmsweise keine Apres-Gletscher-Skifahrer abgeholt werden sollen, sondern eine Cousine aus Kanada.

Einen guten Sommer musst du von der ersten Stunde an zelebrieren, weshalb sich das Vogel-Kinder-Quartett die „Rabengang“ nennt und mit dem Abenteuer in der Ruine beginnt.

Da trifft es sich gut, dass zwei Gangster eine ähnliche Idee haben. Sie haben soeben einen analogen Banktresor ausgeraubt und verschleppen die Beute ebenfalls analog in einen geheimen Serviceraum in der Ruine. Bald gibt es ein gegenseitiges Stutzen, Verfolgen, Verstecken und Austricksen. Die Rabengang hat den Vorteil, dass sie den Raben Rudi wie eine Drohne einsetzen kann.

Zur Abrundung wird dann die Behörde eingeschaltet, die vorerst die eingesperrten Kinder aus dem Gemäuer befreit und sie anschließend mit einem echten Helikopter auf Gangsterjagd mitnimmt. Die Bankräuber ergeben sich, als sie das Hubschraubergeräusch hören, sie wissen, dass sie verloren haben. Denn wenn in Tirol irgendwo ein Heli landet, tut er Gutes, und spuckt entweder einen Goldesel am Gletscher aus oder nimmt einen reichen Verletzten mit. So geschieht es auch in diesem Fall, die Beute wird den Gangstern entrungen und sicher bald den geschädigten Reichen übergeben werden.

Illustriert sind die Höhepunkte der Rabengang durch Yeti, der einen unverwechselbaren Porträt-Stil entwickelt hat. Ihm gelingt es easy, verschreckte Augen in der Dunkelheit zum Durchhalten zu bewegen, das Karma einer Ruine in die Ferienköpfe von Kids zu transportieren, oder einen Raben im Frontalangriff auf eine Gangster-Kiste zu zeichnen. Vor allem das Porträt zweier Männer in eleganten Anzügen, die als Edel-Models auftreten, lässt einen im ersten Blick an einen lokalen Wahlkampf denken, ehe man das Bild dann konzentriert in den Kontext zurücklegt.

Johann Kapferer hat mit den Jahren einen einzigartigen Stil entwickelt, der vorerst Verwirrung stiftet, weil er mehrdeutig ist. Ist das nun ein Kinderbuch oder doch eine nostalgische Abrechnung der Großelterngeneration? Beides. Die Kids werden erst später in ihrem biologischen Herbst, wenn quasi das Klima die Welt vernichtet hat, merken, wie mehrdeutig Träume sein können. Und die Erwachsenen wissen um die Unschuld, die Voraussetzung für Träume ist. Je schöner das Versinken in dieses Abenteuerbuch ausfällt, umso robuster wird das Aufwachen im Tirol der Gegenwart.


Johann Kapferer: Die Rabengang. Das Geheimnis der schwarzen Ruine. Erinnerungen an unbeschwerte Jugendjahre in Zirl in Tirol. Mit Illustrationen von Christian Yeti Beirer.

Zirl: BAES 2021. 120 Seiten. EUR 21,90. ISBN 978-3-7534455-8-8.

Johann Kapferer, geb. 1962 in Hall in Tirol, aufgewachsen in Zirl, lebt in Oberhofen.

Christian Yeti Beirer, geb. 1966 in Reutte, lebt in Zirl.

Helmuth Schönauer 15/08/21



GEGENWARTSLITERATUR 3024

Der Wal

Warum sind manche Romane gegliedert und andere eine einzige Textwurst? Beides zeigt das Ringen der Autoren um das Publikum. Manche versteigen sich dabei in Gegenden, wo es nichts mehr zu erklären, deuten oder gliedern gibt. Nicht so beim „Wal“, hier wird das Unbeschreibliche in ein überschaubares Erzählkonzept gegossen.

Ally Klein versucht ihren Roman um das Wesen der Kunst so offen wie möglich zu halten, gleichzeitig schlägt sie eine sanfte Lektüre-Struktur vor, die den ungeheuerlichen Stoff etwas übersichtlicher gestalten könnte. Wie bei einem Tafel-Dreiteiler wird ein Thema auf drei Flächen projiziert, die in einem schrägen Winkel zueinander stehen, sodass sich ein Gesamtbild aus mehreren Sehwinkeln ergibt.

Der Wal“ ist ein Roman über ein kaum darstellbares Kunstwerk, seine Veränderung in der Zeitlosigkeit und seine Wirkung auf seine Gestalter und Betrachter. Im Mittelpunkt steht ein solitäres Gebäude am Rande eines Dorfes, das von den dünn angesiedelten Bewohnern schmallippig „Wal“ genannt wird. Dieses Gebäude von den Ausmaßen einer Halle und der Architektur einer geduckten Kreatur hat tatsächlich wegen der tranigen Oberfläche eine Ähnlichkeit mit einem Wal. Einst ist er ähnlich dem „Wohnkegel“ in Thomas Bernhards Roman „Korrektur“ (1975) als ausbetonierte philosophische Idee gebaut worden, aber sowohl Urheber als auch Konzept blieben der Umgebung verborgen.

Ein Zwischennutzer hat den Wal als Fotoatelier genutzt und verhunzt. Jetzt versucht ein gewisser Saul das Gebäude zu entkernen, um an das ursprüngliche Wesen des Kunstobjekts zu gelangen. In einem Dreischritt wird das Phantom für den Leser einer zeitlosen Gegenwart erschlossen.

Im ersten Kapitel (Saul) zeigt sich ein verwundeter, kaputter Künstler, wie er in der Hauptsache seine Psyche dem Wetter aussetzt, sich einsperrt, der Ortsgemeinschaft aus dem Weg geht und in langen Spaziergängen seinen Lebenslauf zu Ende zu bringen trachtet. Gleichzeitig entfernt er Unmengen von Fliesen aus dem Sarkophag, um einen unbekannten Urzustand wieder herzustellen. Beäugt wird er dabei von einer gewissen Q, die erleben muss, wie Saul im Wasser eines Wildteichs verschwindet. Was bleibt, ist ein Kleiderhaufen am Ufer und die finale Einschätzung Qs: „Man spricht von dir, als wärst du ein Gespenst. (38) Zu einer Auferstehung der gruseligen Art kommt es freilich, als beim Begräbnis der Zwillingsbruder auftaucht und alle in die Knie gehen wegen der Ähnlichkeit mit dem gerade Bestattetem.

Der zweite Teil ist Keough gewidmet, sie ist die vorhin Q genannte Zeit- und Untergangszeugin. Der Zwillingsbruder figuriert als Ich-Erzähler, der über die Spiegelung durch Q die letzten Absichten seiner Bruders zu erfahren versucht. Er selbst hat nur mehr Erinnerungen aus der Kindheit, als es darum ging, als Zwillingspaar jeweils eigene Identitäten zu entwickeln. Jetzt im Alter unterscheiden sich die beiden durch ihren Bart, der kurz vor dem Tod abgenommen werden muss.

Der dritte Teil ist mit (leer) überschrieben, das Kapitel hat zwar keinen Namen, dennoch wird die Leere der Kapitelseite beinahe körperlich spürbar. In dreißig Tagen räumt der Erzähler die Geschichte mit sich selbst, dem Bruder, Q und dem Wal auf. Dabei entpuppen sich die einzelnen Erinnerungsstücke als Fetische, die dem Erinnern einen gewissen Drall geben und gleichzeitig von bösen Überlegungen abhalten sollen. Der Wal entwickelt sich zu einer finalen Chiffre, die selbst bei genauester Rekonstruktion eine leere Hülle bleiben wird für etwas, was mit dem Tod verschwindet.

Immer flüchtiger wird dabei das Verhältnis zu Q, die wie ein Katalysator der Erinnerungen zwischen dem Brüderpaar hängt. Und über allem thront der Geist des Wals, der von außen unansehnlich und von innen unbewohnbar ist. Ein schwermütiger Fesselballon aus Beton versinkt allmählich und treibt dem Erdinnern zu. Die beiden Kapitel-Insassen sind still und wünschen, dass es endlich hell wird.

Der Wal zeigt unbarmherzig, dass das ideale Kunstwerk seine Schöpfer vernichtet, indem es als fleischgewordene Idee seinen Sinn verliert. Das „Un-Gebäude“ geht unbarmherzig mit seinen Betrachtern oder gar Benutzern um, als pure Hülle vermag es nicht den geringsten Schutz zu geben gegen gar nichts. Der Sinn des Wals besteht in seiner Spiegelung durch die Betrachter.

Für den Leser tut sich zu dieser Philosophie des merkwürdigen Gebäudes eine Analogie zum Roman auf. Auch dieser bietet keinerlei Schutz gegen etwas, er ist eine Hülle, die es beim Lesen zu entkernen gilt und den Leser zittrig mit der Hoffnung zurücklässt, dass es irgendwie außerhalb des Romans wieder hell wird. Kunstgeschichte und Romantheorie als Lichtkegel in einer immensen Dunkelheit!


Ally Klein: Der Wal. Roman. Erstausgabe.

Graz: Droschl 2021. 174 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-99059-074-4.

Ally Klein, geb. 1984, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 23/08/21



GEGENWARTSLITERATUR 3025

Raute

Wenn das Medium Buch gesprengt wird, entsteht vielleicht daraus eine Raute, die sich als Vorsatzzeichen für Hashtag-Botschaften einsetzen lässt.

Hanne Römer setzt jedenfalls mit „Raute“ den Schlusspunkt eines Aufzeichnungsdestillats, dessen frühere Bände „Grate“ und „Im Grünen“ heißen. Im dritten Band ist wieder alles in Aufruhr und Umbruch, das Material drängt sich so übermächtig zu einem Haufen zusammen, dass selbst die Autorenschaft überlagert wird. Raute hat nicht einmal mehr eine Autorin als Bezugspunkt für das Katalogisieren, sondern „Punkt.aufzeichnensyteme“ hat die Regie übernommen. (Für Bibliothekare ist es ein Horror, ein Buch ohne Autorin ins Inventar aufnehmen zu müssen!) Gesteigert wird diese Verweigerung von Buchdaten damit, dass auch noch die Seitenzahl verweigert wird. Somit wird der Fingernagel zum Hauptinstrument für archaisches Navigieren, wenn irgendwo in den Buch-Block gegrapscht werden muss, um zu einer bestimmten Stelle zu gelangen.

Nach einer doppeldeutigen Widmung „gegen die Sonne“ (kann die Blickrichtung oder auch eine Maßnahme bedeuten) werden die vier Cluster vorgestellt, die zusammen die Raute machen.

Nabe, Rost, Takt und Hall sprechen vier Aggregatszustände des Erzählens an. Nabe entpuppt sich als zentrale Achse eines rotierenden Geschehens, Rost gilt als Inbegriff von Oxydation und Vergänglichkeit, Takt entspricht jener Zeit, die sich jemand durch Taktung untertan gemacht hat, und der Hall ist ein zeit- und ortsgebundenes Nachwirken eines Ereignisses.

Völlig aus der Raute gefallen beschließt die Erzählung ein Schwarzweißbild, worauf eine Figur unter einer Outdoor-Kapuze auf einer Nische kauert, die ein Biber in der Nacht zuvor in einen fetten Baum geschabt hat. Das Wasser steht im Bild bis über die Knöchel der Figur.

Erzählung ist natürlich zu euphorisch gemeint. Was dem Leser zur Verfügung steht, ist ein Leitsystem aus Wörtern, das einen scheinbar fixen Text-Pfad ermöglichen. Letztlich sind die Wörter aber nur Teil einer Spielanleitung, die nicht näher ausgeführt ist. Zwischen den Begriffen lässt es sich im Rösselsprung genauso verkehren wie mit den anderen Regeln des Schachspiels, es können die Begriffe aber auch zusammengewickelt werden wie beim Scrabble, oder man würfelt überhaupt darum, in welchen Schritten der Text abgearbeitet werden soll.

Die einzelnen Schritte:

Nabe – sperren bauen schlichten setzen festigen

Rost – eingegangen verbraucht aufgelöst vergessen abgesagt

Takt – zählen antreten einlagern markieren anschlagen

Hall – abfallend durchdringend freigestellt nachwirkend auftauchen

Diese Begriffs-Raute lässt sich physikalisch, musikalisch oder textuell lesen, es kann sich um Versuchsanordnungen handeln, um Reportagen oder kunsttheoretische Essays.

Freilich wird für einen finalen „Erzählschritt“ jede Menge semantisches Mikroplastik ausgestreut, das aus diversen Vorgänger-Konsistenzen herausgeschreddert ist. Der etwa in der Beamtenschaft weit verbreitete Fachbegriff „eingegangen“ für einen amtlichen Postverkehr, der die Einlaufstelle geschafft hat, dann aber auf gut österreichisch eingegangen ist, löst konkrete Sub-Begriffe aus. „auflösung / verknüpfen / gezielt / notsprechen / fallen / genauso / beginnt höhe / funktioniert / transparenz / knopfdruck / zuckt / ausgestrahlt / als wäre nichts gewesen / beeinflusst / technologisch / in die menge / zusammensicht / hingabe / wahllos / betäubt […]“

Daraus lässt sich nun vielleicht ein Herbstgedicht komponieren, eine Skizze für einen Essay oder der Vorbericht an eine übergeordnete Dienststelle. Das Verfahren wird Decollage genannt und kann in beide Richtungen gelesen werden. Aus den Wrackteilen einer Geschichte entsteht somit eine neue Geschichte.

Wem diese intensive Lektüre der Raute noch nicht reicht, der kann diesen Band ja noch im Lektüreverbund mit den anderen Büchern der Trilogie beobachten, „Grate“ und „Im Grünen“ sind systemkompatibel. Überhaupt ist das Projekt .aufzeichnensysteme“ nach oben und unten offen, es lässt sich wie Lyrik bis auf einen einzigen Wortklang hinunterbrechen oder nach oben hin ins Universum transportieren.

Hanne Römer stellt ihre Kunst als Konzept-Literatur vor, sie macht Vorschläge, aber es liegt am Leser, wie er seine Raute individuell einrichtet.


.aufzeichnensysteme, Hanne Römer: Raute.

Klagenfurt: Ritter 2021. o. S. (ca. 140 Seiten). EUR 14,90. ISBN 978-3-85415-619-4.

Hanne Römer, geb. 1967 in Bad Vilbel, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 29/08/21



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2280

Perchten und Bräuche

Als hätten es die Vorfahren geahnt, dass es einmal das Fernsehen gibt, haben sie schon in der Steinzeit damit begonnen, eigenwillige Gestalten und Tänze zu entwickeln. Nach fünfzig Jahren Fernsehen gibt es keinen Flecken Welt mehr, der nicht unter dem Argus-Auge von Ethnologen und Volkskundlern abgefilmt und zu einem prächtigen Bildschirmereignis gemacht worden wäre.

In Tirol kommt verschärfend dazu, dass die abgefilmten Bräuche längst Inventar des Tourismus geworden sind, sodass man auf Anhieb nicht sagen kann, ist es jetzt ein Marketing-Ereignis oder eine althergebrachte Sitte, welche die Menschen als „Passen“ auf die Straße treibt.

Max Schneiders Spezialgebiet ist der Zusammenhang von Wohnen und Brauchtum, die Beschäftigung mit Perchten führt zu interessanten Einsichten. So finden intime Bräuche wegen der modernen Wohnverhältnisse nicht mehr im Haus, sondern auf der Straße statt, wo sie ein gefundenes Fressen für die Vermarktung werden. Dieses Phänomen ist überall auf der Welt zu beobachten, dass nämlich das Intime ins Öffentliche wechselt und anschließend globalisiert wird.

Das Universalbuch „Perchten und Bräuche“ deckt drei Absichten ab:

a) es ist wissenschaftlich originär und mit Quellenverzeichnis, Glossar und Fußnoten ausgestattet,

b) es spricht ein Fachpublikum an, indem es Tipps für die Vorbereitung von Umzügen gibt bis hin zur Frage, warum man heute überhaupt „perchteln“ soll,

c) es wendet sich an den interessierten Konsumenten, der nachdem der Umzug an ihm vorübergegangen ist, wissen will, was er da überhaupt gesehen hat.

Das umfangreiche Fotomaterial spricht alle drei Klientels an, es ist zudem äußerst aktuell, wie etwa eine Aufnahme des bayrischen Ministerpräsidenten zeigt, der mit Wappen-bestickter Schutzmaske unterwegs ist.

Wie es sich für ein Nachschlagewerk geziemt, sind darin historische Entwicklungen verzeichnet, die Geschichte der Perchten im Alpenraum, ihre Verästelungen und Sackgassen. Der Schwerpunkt der Untersuchungen liegt im Zillertal, Alpbachtal und in den Innauen von Breitenbach.

Als Grundinformation sollte man vielleicht wissen, dass die Perchte des im Buch augesuchten Raums weiblich ist, auch wenn dahinter Männer stecken. Das Geschlecht der Perchte ist ein eigenes Kapitel. Bildet sich ein Rudel, welches das Brauchtum für einen Umzug materialisiert, nennt man es eine „Pass“. Ein wichtiges Element ist das „Anschwärzen“ (38), wobei das Gesicht mit Russ und ähnlichen Kreationen geschwärzt wird. Das Anschwärzen ist älter als der Sklavenhandel in Amerika, weshalb alle falsch liegen, die hinter einem Russgesicht ein Blackfacing vermuten. (Es gehört zum Wesen des Brauchtums, dass man sich heutzutage dafür entschuldigen muss.)

Die Übergänge von Perchten zu Masken sind fließend, spätestens aber dort, wo Halloween-Horror über das Gesicht gezogen wird, ist der Brauch verlassen, könnte man sagen.

Der Autor widmet sich durchaus Entgleisungen und zeigt dabei ein Foto aus einem Hotel in Alpbach, wonach Perchten unerwünscht sind, weil sie offensichtlich in früheren Jahren die Gäste belästigt haben.

Auch die diversen Kleidungsstücke aus Kunststoff, Trachtenfetzen oder Stoffreste aus dem Souvenierladen taugen nicht gerade für einen seriösen Auftritt.

Denn die Perchten sind mehrfach gefährdet. Aus Unwissenheit und Geschäftstüchtigkeit entsteht öfters eine touristische Saufgelegenheit, bei der es die Beteiligten nicht mehr genau nehmen mit der archaischen Herkunft des Ganzen. Da die Mittwinter-Zeit modern gedeutet heute die fünfte Jahreszeit im Tourismus ist, wird das Brauchtum locker indoor in die Kitzlöcher des Landes implementiert. Daraus resultiert auch das Bestreben, die Aufführungszeit so zu verlagern, dass sie zur Geschäftssaison passt.

Das wichtigste war früher einmal der Lärm, der mit dem Treiben einhergeht. Seit aber überall im Land durchgehender Lärm herrscht, macht es wenig Sinn, noch zusätzlichen zu erzeugen. (Vielleicht hilft eines Tages die E-Perchte und sorgt für Aufmerksamkeit.)

Aber die Perchten sind es gewohnt, dass man ihnen an den Kragen will, schon die Kirche hat alles unternommen, um sie klein und traurig zu halten, je nach Regime wurden sie in das Parteiprogramm einverleibt, oder so lange gefördert, bis alles handzahm war.

Das Überleben eines Brauches ist ja das eigentliche Thema der Umzüge und Auftritte!

Gegen Ende des Bandes ist noch einmal eine intensive Fotostrecke ausgelegt, an der man das bisher Gelesene überprüfen kann. Und das abschließende Glossar bereinigt alle Zweifel.

Das Buch ist mit einem „mobilen Inhaltsverzeichnis“ ausgestattet, das sich als Lesezeichen verwenden lässt. So ist garantiert, dass man als Leser wenn schon nicht zu einem Fachmann, so doch zu einem interessierten Zuschauer heranreifen kann.

Max Schneider findet für sein informatives Werk einen animierenden Ton, mit dem er das alles erzählt und dokumentiert. Er lässt immer durchschimmern, dass man nicht als Perchte vom Himmel fällt, sondern dass man neugierig sein muss, wenn man hinter die Mysterien blickt. Denn vieles, was Autor und Leser am Ende des Buches fragen, wissen auch die Perchten selber nicht.


Max Schneider: Perchten und Bräuche zur Mittwinterzeit. Abb.

St. Johann: Verlag Hofinger 2021. 352 Seiten. ca 400 Farbfotos. EUR 39,90. ISBN 978-3-9504205-9-3.

Max Schneider, geb. 1952 im Zillertal, ist Ethnologe und Volkskundler.

Helmuth Schönauer 13/08/21



GEGENWARTSLITERATUR 3028

Nora. Ein Tanz

In der Literatur schaffen es nur wenige Titel, dass schon bei ihrer Erwähnung sofort ein Stück Lebensprogramm aufpoppt. „Faust“, „Das Schloss“, „Verstörung“ lassen nicht nur einen Text in der Lese-Erinnerung hochschnellen, sie zeigen in einem einzigen Aufblitzen Helden, die um ihr Schicksal ringen. Aus feministischer Sicht sind solche Highlights etwa „Madame Bovary“, „Pippi Langstrumpf“ oder eben „Nora“.

Friederike Schwab erzählt mit ihrem Roman „Nora. Ein Tanz“ die Biographie einer Kostüm-Künstlerin, die Geschichte einer Tanzpremiere in einer Kleinstadt, und die Unmöglichkeit, den Kopf und den Körper ein Leben lang so geschickt zu verwenden, dass sie sich nicht in die Quere kommen.

Das Stück Nora wird durch den Roman getragen anhand von zwei Protagonistinnen. Lyn leitet eine kleine Tanzkompanie und ist mit den letzten Vorbereitungen für die Aufführung beschäftigt. Dabei geht ihr die Frage durch den Sinn, ob man im Kopf erzählen kann, was der Körper zum Ausdruck bringt. Während sie sich auf ein verdichtetes Stück Leben konzentriert, geht draußen die Stadt ihren Trott. (35) Dieser Gedankengang kommt ja meist zu kurz, dass diese hervorragenden künstlerischen Leistungen durchaus in einer Blase stattfinden, während das Alltagsleben kaum Notiz davon nimmt.

Auf der zweiten Nora-Achse ist die Kostümkünstlerin Sophie aktiv. Sie ist eigentlich schon im Ruhestand und von einer überwundenen Krankheit hergenommen. Ein Leben lang hat sie sich mit Tanz und seiner Metastruktur beschäftigt. Während sie die Kostüme entwirft und die Nächte durch-näht, versetzt sie sich in diverse Rollen, die erst durch Näh-Kunst richtig in Pose kommen.

Diesen beiden tragenden Rollen der „Alten“ steht die Tänzerin Lilly gegenüber, die „austanzen“ muss, was ihr an strategischen Überlegungen der reifen Frauen vorgegeben wird.

Und in diesem Dreieck entsteht dann eine getanzte Nora, die gegen Ende des Romans fertig entwickelt ist. Nora wird somit zu einem Stück, einem Markennamen und einem Lebensprogramm.

Anhand der inszenierten Figur lassen sich jeweils individuelle Schicksale abklären. Erst wenn man die Befreiung der Theater-Nora von der bürgerlichen Welt auf der Bühne exekutiert hat, lässt sich über das eigene Leben reden.

Sophie liest immer wieder in den Kriegstagebüchern ihres Vaters, um zu begreifen, von welchen ideologischen Klauen sie gefangen gehalten wird. Sie rundet ihre Theaterleben mit einer imaginären Familie ab, eine Nah-Tochter wird eine Zeitlang wie eine echte Tochter gehalten, doch ehe irgendwelche Erziehungsmaßnahmen greifen, löst sie sich aus der inszenierten Familie und macht sich davon.

Eine Schlüsselstelle aus Ibsens Nora erklärt das Wesen der Befreiung. Im Theater verlässt Nora die Wohnung und dadurch den Mann, die Gesellschaft und die Fesseln des bürgerlichen Bildes. Auf der Bühne genügt es nicht, die Wohnung zu verlassen, hier muss in jeder Inszenierung die Heldin aus ihren bisherigen Auftritten und Choreographien heraustreten. Es wäre ein Fehler, das Verlassen der bürgerlichen Kulisse zu feiern, ohne zu berücksichtigen, dass auch die bürgerlichen Theatervorstellungen jener Zeit verlassen werden müssen.

Als hochgerechnetes Bild muss die moderne Nora das Theater verlassen, wenn sie sich für die aktuellen Medien emanzipieren soll.

Dazwischen gibt es Rückblenden auf einen Triest-Urlaub, wo Sophie tatsächlich diese Befreiung durchspielt, indem sie nackt und outriert den Touristen etwas Spontanes vorzutanzen versucht. Die Grenze zur Peinlichkeit sollte auch bei revolutionärem Gestus nie überschritten werden.

Das letzte Kapitel heißt schlicht Nora und zeigt diese als Figur voller Aufregung inmitten des Tanzes. Sie wird begleitet von einem Text aus dem gesprochenen Untergrund, während sie den Körper in Bewegung hält.

Sagt ruhig Nora zu mir. Was man wissen will, weiß man. Was man nicht wissen will, existiert nicht. Wo das Leben Tanz ist, ist unter den Sohlen manchmal Asphalt, Kot, Schlamm, manchmal sogar das Meer, also Ewigkeit.“ (227)

Mit etwas Übermut lässt sich diese Stelle lesen wie jene Erkenntnis Wittgensteins, die entsteht, wenn man die Leiter der Erkenntnis umwirft, nachdem man sie bestiegen hat. Das gilt wohl auch für das Konzept Nora.


Friederike Schwab: Nora. Ein Tanz. Roman.

Graz: Keiper 2021. 228 Seiten. EUR 21,40. ISBN 978-3-903322-32-5.

Friederike Schwab, geb. 1941 in Graz, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 23/08/21



GEGENWARTSLITERATUR 3026

Den Himmel zum Sprechen bringen

In einem von Pädagogen und Psychologen getränkten Literaturbetrieb bleibt letztlich nur mehr der Infantilismus, um sich auszudrücken. Alles, was sich nicht kindgemäß sagen lässt, scheint überflüssig und wertlos zu sein. Selbst die größten Dinge zwischen Himmel und Erde müssen zu Zwitschern zurechtgestutzt werden, ohne dass daraus wenigstes Vogelklang entstünde.

Peter Sloterdijk gilt mit seiner apokalyptischen Genesis „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) als Jahrhundertphilosoph, legendär ist etwa das Bild von der Atombombe, die man nicht verwenden, schauen oder berühren darf, weil sonst die Erde in die Luft fliegt. Diese Bombe lässt sich nur mehr aus der Ferne anbeten mit der Hoffnung, dass sie nichts hört und ohne Reaktion bleibt.

In einer Welt des Infantilismus und des klimatischen Schreckens schreibt Peter Sloterdijk quasi ohne jeglichen Nutzen über „Theopoesie“, was man mit göttliche Dichtung, Literatur der Götter oder verzückte Sprache übersetzen könnte. „Den Himmel zum Sprechen bringen“ geht unter anderem der Frage nach, ob es nicht vielleicht literarisch schlaue Menschen gewesen sind, die Götter samt Sprache und Poesie erfunden haben, weil das mehr Wirkung zeigt, als wenn sie selbst ihre Ideen vortrügen. Die Theopoesie beschreibt also das genaue Gegenteil des gegenwärtigen Literaturbetriebs, wo medial aufgeheizte Individuen den Horizont des Alltags besingen; die Saga vom sprechenden Firmament ist daher auf dreihundert Seiten ein einziges monumentales Ereignis für den Leser.

Angesichts der scheinbaren Weltabgewandtheit des Werks versagen die gängigen Methoden des Rezensierens. Alles, was man zusammenfasst, überliest oder assoziiert, wäre letztlich eine Vereinfachung Marke Infantilismus.

Daher empfiehlt sich bei solchen Mammuts die „Methode eineinhalb“, man liest das Buch zuerst bis zur Hälfte in einem Zug, ohne Notizen, Ablenkungen oder Ausschweifungen. Es geht vorerst nicht um die einzelnen Sätze, sondern um den Bewusstseinsstrom, der verlässlich zu wallen beginnt, wenn man ihm genug Zeit lässt. Dieses Lesen führt zu einer Art Trance, man kann zwar das Gelesene nicht beschreiben, aber man versteht: hier spricht etwas, vielleicht ist es gar der Himmel selbst, der spricht.

Nach diesem halben Durchgang kann man mit der genaueren Lektüre beginnen. Das Verfahren lässt sich auch umgekehrt anwenden, zuerst das Ganze in Trance und dann die Hälfte genau lesen. Wichtig ist letztlich die saubere Trennung zwischen Leserausch und Leseernüchterung, denn darum geht es, wenn die Götter selber sprechen oder durch Reizmittel vom Menschen zum Sprechen gebracht werden.

Was in den zwanzig Kapiteln der Theopoesie genauer drinsteht, tritt vorerst als immenser Lektürespeicher in Erscheinung, der scheinbar frei aus dem Kopf heraus erzählt und abgearbeitet wird. Zwar sind die einzelnen Thesen genau belegt und entsprechen wissenschaftlichem Standard, aber der Erzählfluss überrumpelt jede Fußnote und zieht wie Lava aus dem Kegel talwärts an ein Meer.

Obwohl der Text sich an einen durchgehenden roten (Lava-)Faden hält, sind die einzelnen Erzählungen als Loops oder Kreisel zu verstehen, die ineinander stecken und sich zuarbeiten.

Die Kapitelüberschriften können als Kategorien gelesen werden: Götter am Theater | Götter darstellen | Himmelsbewohner | Plausibilität | Offenbarung suchen und finden | wenn Götter sterben | Götterdämmerung.

Diese Übermotive werden einerseits chronologisch abgearbeitet, also von den Ägyptern bis hin zum Supermarkt, gleichzeitig aber an Personen und Deutern festgemacht, also von Platon, über Augustinus, bis hin zum „Kinogeher“ von Walker Percy, der etwa den staunenden Peter Handke beeinflusst hat.

Zwei Kapitel sind als klassische Werkdeutungen aufgebaut: mit der Behauptung „Religion ist Unglaube“ kommt der Dogmatiker Karl Barth zu Wort, „im Garten der Unfehlbarkeit“ gewährt den Ideen des Exegeten Heinrich Denzinger Auslauf.

Gleich zu Beginn wird ja der Himmel als etwas definiert, was nichts mit den Astronomen oder Astrologen zu tun hat, sondern mit Zelt, Höhle oder Gewölbe. Wie diese Himmelsausprägungen in der Poesie wirken, zeigen die letzten Kapitel, wo es um Lob, Geduld und Übertreibung geht.

Jede Himmelsgeschichte lobt zuerst das Vorhandene nach dem Motto „und sah, dass es gut war“, ehe sie um Geduld bittet, dass das Heil zwar unterwegs ist, aber sich irgendwo verhockt hat, und bis es eintrifft, wird mit Verheißungen und Übertreibungen gearbeitet, alles wird quasi in Cinemascope in Erscheinung treten.

Wie bei einem großen Speicher üblich, ist genug für jeden da, der ihn anzapft. In Peter Sloterdijks beinahe barockem Himmelsgemälde soll sich jeder für sich seinen ansprechenden Teil herausholen. Da die Erzählstrategie eine quer-verbindende ist, wimmelt es von Analogien, die einen von einem Thema ins nächste holen, „die Analogie ist das Bindegewebe zwischen den Dingen“, heißt es lapidar.

Dabei sind sowohl die einzelnen Bilder als auch die Sätze höchst einprägsam und auf Dauer angelegt. Das Wesen des Pharao etwa wird mit einem irdischen Außenposten verglichen, der ununterbrochen mit der Sonne als Cloud korrespondiert. Über das Wunder heißt es, dass es in der heutigen Sprache als Populismus bezeichnet wird. Jemand lässt etwas ohne Grund geschehen, um das Volk zu beeindrucken.

Ein Dreieck wird von einem Dreieck erzählen, wenn es einen Gott braucht, in China ist das Individuum durch digitale Überwachung eingespannt in den Himmel der kollektiven Harmonie, jährlich sterben Dutzende Sprachen aus, und mit ihnen geht auch jeweils ein Gott unter, der in der nun verschollenen Sprache gesessen hat.

Plötzlich hat der Himmel die Regie übernommen und erzählt alles von seiner Warte aus. Peter Sloterdijks Unterfangen ist scheinbar purer Luxus, aber gerade deshalb hilft es beim trockenen Überleben in einer infantilisierten Zeit.


Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie.

Berlin: Suhrkamp 2020. 344 Seiten. EUR 24,30. ISBN 978-3-518-42933-4.

Peter Sloterdijk, geb. 1974, lebt in Karlsruhe. „Jahrhundertphilosoph“.

Helmuth Schönauer 31/08/21



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2285

Investitionsruinen

Meisterliche Gedichte lassen nicht spüren, dass hinter ihnen einen Theorie steckt. Dabei trifft die lyrische Erfahrung von Jahrhunderten auf die Bilder aus der Gegenwart, und niemand kann sich die Gedichte anders vorstellen, als sie eben in dieser Gestalt formuliert sind.

Jana Volkmann gibt ihren frei herumfahrenden Gedichten über Nacht Unterschlupf in germanistischen Carports, worin sie sich von der Lesewitterung geschützt regenerieren und aufladen können für den nächsten Tag.

Die Ruhe-Zentren der Texte sind überschrieben mit Dystopien | Reportagen | Liebesgeschichten | Kosmonautika | Arbeiterinnenlieder. Die fünf Genres decken tatsächlich alle Felder ab, die in der Lyrik der Gegenwart bestellt werden.

Diese Schwerpunkte ergeben auf der Sub-Ebene eine interessante Wertung, sie setzen mit Ungemach in der Zukunft ein, stellen die Wahrheit zur Diskussion in Gestalt tiefgehender Reportagen, ducken sich von der großen Welt weg hinein in die Nischen der Intimität, erobern den Weltraum und besingen die altvertraute Welt der Arbeiterdichtung, die auch durch das Gendern nicht mehr gerettet werden kann, weil der Arbeit einfach der Sinn ausgeht.

ein umspannwerk in feldkirch. dystopien“ (7) Der Ort Feldkirch wird mehrmals aufgerufen und als Anti-Postkartenidyll definiert über Umspannwerke, marodierende Gestalten der Leere, Nachtbusse ohne Passagiere, und Mäuse, die das Ruder übernommen haben. In diesem Kontext einer verlorenen Welt ist das Bild zu deuten, wonach die Bewohner von der Politik ähnlich kapitalistisch ausgenommen werden wie Investoren ihre Gebäude bis zur Vernichtung ausreizen. „investitionsruine // wir sind eine investitionsruine / statussymbol eines instabilen herrschers / vision eines architekten im wahn / man wird uns kontrolliert sprengen / und wir werden in Würde / in uns zusammenfallen […]“ (23)

die wahrheit ist nicht zu haben. reportagen“ (25) In erster Linie bestechen Reportagen durch ihre Darstellung einer fremden Welt. Im Zeitalter der Globalisierung rücken die Orte immer näher an ein undefinierbares Wohn-Konglomerat heran. Die Gedichte entlarven diesen Einheitskosmos, indem sie Orte wie Wolfsthal oder Yokohama mit der gleichen Inbrunst für die Randlage besingen. Die Schildkröte hat nichts, was sie auf dem Rücken trägt, heißt es sinnigerweise über die modernen Menschen, die überall auf der Welt mit sich selbst unterwegs sind auf sogenannten Einweg-Spaziergängen, die sich nicht wiederholen lassen. (31)

kismet supermarkt. liebesgeschichten“ (45) Die Liebe ist einerseits eine Ware, die ähnlich einem Sonderangebot in Supermärkten ausgelegt ist, andererseits ein nicht planbarer Schicksalsschlag. Wenn sie einmal in Gang kommt, zeigt sie sich in kleinen Begebenheiten, voller Überraschung und Zufall. „investition // auf meiner waschmaschine / liegen drei münzen pfand / für unser wiedersehen / 50 lek 20 lek 10 lek“ (46) Die Grenze zwischen Investition und Ruine lässt sich kaum ziehen, alles, was einmal ein Glanzstück gewesen ist, verfällt zur Ruine. Sichtbar wird dieser Verfall an drei Münzen, die mit absteigendem Nominalwert auf einer Waschmaschine ausgelegt sind. Die albanische Währung ist offensichtlich in einem Kleidungsstück eingeschlossen gewesen, das es jetzt von aller Patina der Erinnerung zu reinigen gilt.

wovon träumt ein wal. kosmonautika“ (69) Ganz im Stile von Kosmonauten ist das lyrische Ich auf einem Hagelplaneten mit geringer Gravitation gelandet, die Koordinaten ergeben sich aus mehrstufigen Zahlenketten, die einem IBAN ähneln, jemand klopft auf das Raumschiffdach, aber niemand antwortet. Es ist ja alles nur eine Spiel aus der Kindheit, wo man auf die Resonanzhaut eines Cellos geklopft hat, bis die Meteorologie Entwarnung gegeben hat für neues Wetter, sodass das Metronom loslegen konnte. Die Klangsphären des Weltraums überlagern sich mit den knochenharten Taktschlägen aus der Kindheit, als ein Instrument gelernt werden musste.

Eine andere Geschichte aus den Kosmonautika nennt sich „Inventur“ (73) und erzählt von der Bestandsaufnahme in einer neuen Umgebung, die durchaus wortlos und weit ist wie das Universum.

kumpel mit kalten händen. arbeiterinnenlieder“ (83) Diese schwermütigen Lieder handeln von der Arbeit der Götter, als die Komponenten Himmel und Erde in Handarbeit zusammengeführt werden mussten. Den Frauen bleibt in diesem antiken Ambiente nicht viel Zeit für göttliche Muse, sie sind eingespannt in Orakel und Verschwörungen, mit klugem Dirigieren sollen sie die verfilzte Halbgötterwelt der Intrigen auflösen.

Jana Volkmann „erzählt“ die lyrischen Motive als vollkommene Geschichten, sie legt dabei die Modeln aus, in die sich die Lesenden ihren persönlichen Erinnerungsteig gießen müssen. Heraus kommt jedenfalls eine ideale Mischung aus Reflexion, lyrischem Handwerk und persönlicher Intuition.

Die fünf Cluster sind unterlegt mit wundersamen Zeichnungen von Jörn P. Budesheim, der mit feiner Bleistifthand aufgepoppte Situationen skizziert. Einmal schüttelt ein Paar eine Decke aus, es kann aber auch sein, dass es einen Toten birgt. Die Mehrdeutigkeit der Motive wird auch nicht dadurch klarer, dass man sich „wortlos“ auf den lyrischen Text rundum bezieht. Im Falle von Feldkirch scheint es allerdings etwas Ungutes zu sein, das da zusammengeräumt werden muss.

An manchen Stellen sind die Zeichnungen mit fast unsichtbaren Kurztexten versehen. „Kaum jemand ist so streng im Glauben wie ein Materialist.“ (40) „Im Gewächshaus ein schwarzes Loch züchten“ (64), heißt es da, und zu sehen ist ein schwarzer Kubus, der nach oben hin geplättet spitz zuläuft. An anderer Stelle blickt jemand aus einer Vignette heraus ins Freie und sieht die Buchstaben für „Laterne“. (78)

Da haben sich die Künste „Bildgedicht“ und „Gedichtbild“ in idealer Weise gefunden.


Jana Volkmann: Investitionsruinen. Gedichte. Mit Zeichnungen von Jörn P. Budesheim.

Innsbruck: Limbus 2021. 94 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99039-202-7.

Jana Volkmann, geb. 1983 in Kassel, lebt in Wien.

Jörn P. Budesheim, geb. 1960 in Marburg, lebt in Kassel.

Helmuth Schönauer 25/08/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2283

Aussichten

Der eine kommt aus dem Nebel zurück und verkündet, er habe die Aussichtswarte verfehlt und daher nichts gesehen, der andere nimmt vor dem Bildschirm des Internisten Platz und kriegt eine Vorschau auf seine Krankengeschichte, irgendwo ganz hinten sitzt der Tod.

Peter Paul Wiplinger hat für seine Gedichte den „finalen Erzählstandpunkt“ eingenommen. Unter der vorgeblich wertneutralen Perspektive „Aussichten“ drehen die Winde ständig, was eben noch Schönwetter heißt, erfährt eine jähe Verdunkelung. Wo eben noch Gewissheit am Bildschirm aufleuchtet, wird bei genauerem Hinsehen eine amorphe Gestalt sichtbar, die erst wieder ungewisse Prognosen auslöst.

Aus heiterem Himmel kommt eine Einberufung, wie sie früher Rekruten bekommen haben, die nichts mit dem Krieg zu tun haben wollen. Das lyrische Ich wird vom eigenen Körper einbestellt, der Arzt hat diverse Lagepläne vor sich und bespricht sich mit dem Krankheits-Rekruten, der überhaupt keine Lust hat, in dieses Fahrwasser der Gedanken gestoßen zu werden.

Das lyrische Ich kann sich selbst nicht aus der eigenen Haut davonschleichen, es wird in eine Röhre gesteckt und vermessen, über Nacht gibt es neue Wertmaßstäbe, was früher gegolten hat, ist heute nicht mehr der Rede wert. Die Erinnerung an den Vater taucht auf, als dieser nicht studieren konnte, weil ihm der Krieg dazwischenkam und der Titel-lose das Leben mit bloßen Händen meistern musste. Später hat sein Sohn das Leben mit ähnlich bloßen Händen in Angriff genommen, und irgendwann ist ein Professor daraus geworden, der den Vater gefreut hätte, aber nichts gegen die Zeit hilft, die nun bevorsteht.

Die Gedichte sind zwar als einzelne Texte aufgefädelt, aber sie hängen alle auf der gleichen Abtropfleine wie Fotos, die sich partout nicht hinters Licht führen lassen wollen. Der Lyriker und Fotokünstler Peter Paul Wiplinger komponiert die Sammlung wie eine Fotostrecke, bei der kein Bild verloren ist. Selbst untereinander halten sich die Gedichte an den Händen, damit sie nicht zusammensinken, sollten sie ein Schwächeanfall streifen. Das lyrische Ich wird dabei gänzlich zu einem Gedicht.

In einem nächsten Gedankenkreis geht es darum, ob man mit Demenz die Todesangst verjagen könnte. „Demenz / dichterisch // während ich / die erste strophe / eines gedichtes denke // vergesse ich schon / dessen erste zeile / seinen beginn // so endet das gedicht / nicht zu ende gedacht / nicht zu ende gedichtet // daß letztlich / alles fragment bleibt / das weiß ich sowieso“ (46)

Um dem Vergessen eins auszuwischen sind die Gedichte immer mit Datum und Ort signiert, man weiß ja nie, wie genau man etwas wissen sollte.

Die Gedichte kommen ungefragt wie Gedanken, weil beide dem gleichen Kopf unterworfen sind. Schon beim Aufwachen kann es sein, dass noch etwas von der Nacht drin ist im Kopf, wir sagen Traum dazu, aber es ist der gleiche Gedankenstrom, der beim Zusammenfalten des Leintuchs herausgeschüttelt wird in den Tag. Manchmal ist eine Überraschung dabei, etwa das Wort „Hilfsgedanken“. Was ist das, eine Unterstützung, eine Subordination, eine Hilfswissenschaft? (69)

Wenn das Thema Tod heißt, hilft kein Aufbäumen, am besten, man macht ein Gedicht über den Todesgedanken. „ich ziehe meine / schwarzen socken an / und denke an den tod“ (93).

In der letzten Ernte wird noch einmal alles eingesammelt, was war, die Kinderlieder, das erste Wort, das erste Kindergebet, der erste Jubelschrei, die erste bunte Wiese, alles muss geerntet sein, ehe die Nacht losbricht. (103)

Bei den letzten Dinge ist keine Feierlichkeit am Platz, das Versmaß ist der kalte Zweizeiler, der Beschreibung und Entrückung zu einem Stück verschmelzen lässt. Im „suizidgeschehen“ werden ähnlich einer Gebrauchsanweisung die Vorbereitungen geschildert, die ein lyrischer Protagonist zu tätigen hat, ehe er von einem Sterbebegleiter das finale Medikament erhält. (117)

Die „Aussichten“ enden lapidar (steinern) mit Texten über eine Grabinschrift und die Kremierung. „Etwas wie Frieden“ ist die letzte Vorschau überschrieben.

Peter Paul Wiplinger schenkt sich nichts, der alte Kämpfer hat alles Unnötige abgeschüttelt, was die Aussicht verstellen könnte. Sein Blick ist klar und ein scharf wie ein Zweizeiler, er wird den letzten Kampf gewinnen, weil er das Widersinnige schon ausgeräumt hat. Die Aussicht ist gut, denn Peter Paul Wiplinger sitzt in der Aussicht selbst, wie im Auge des Taifuns.


Peter Paul Wiplinger: Aussichten. Gedichte 2020–2021.

Wien: edition pen Löcker 2021. 133 Seiten. EUR 19,80. ISBN 978-3-99098-085-9.

Peter Paul Wiplinger, geb. 1939 in Haslach, Gymnasium in Hall in Tirol, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 27/08/21



GEGENWARTSLITERATUR 3021

Eine andere Epoche

Staatstragende Romane sollten wenigstens zehn Jahre lang warten, ehe sie eine Gegenwart historisch abgekühlte beschreiben. Alles, was zu nahe an den aktuellen Kalender herangeführt ist, klingt nach Wahlkampf, Propaganda oder Streitschrift.

Ulf Erdmann Zieglers Roman „Eine andere Epoche“ spielt daher klugerweise im Jahr 2011, als in Deutschland erstmals das Bewusstsein auftritt, dass es im Untergrund eine flächendeckende rechte Szene gibt. Der Plot ist rasch erzählt und in jeder digitalen Chronik leicht abzurufen und nachzulesen. Nach einem missglückten Banküberfall sprengen sich in Eisenach zwei Neonazis mit ihrem Wohnmobil in die Luft, mit der Spurensicherung nimmt man es nicht so genau, und erst als in Zwickau die geheime Zentrale des „Untergrunds“ abbrennt, wird das Ausmaß der Verschwörergruppe sichtbar.

Bald darauf kommt es im Parlament zu einem Untersuchungsausschuss, in dem anhand des Behördenversagens die ganze Republik auf den Prüfstand gestellt wird, getreu nach dem Motto: In der Demokratie untersucht die Politik das Verbrechen, in der Diktatur wird die Politik von Verbrechern untersucht.

Der Schlüsselsatz des Romans fällt gleich zu Beginn: „In die Politik gerät man nicht, man will was!“ (8) Die Protagonisten drücken also der Zeitgeschichte ihre persönlichen Absichten in den Siegellack, wenn man sie verstehen will, muss man ihre Lebensgeschichten studieren.

Im Roman werden diese Studien vom Andi Nair, einem alten Haudegen der SPD, im Untersuchungsausschuss vorangetrieben. Ihm zur Seite steht sein Büroleiter Wegman Frost, der wegen seiner verdrängten Kindheit in Amerika zur SPD gegangen ist. Eine bemerkenswerte Rolle spielt zudem ein gewisser Flo, der einst als vietnamesisches Findelkind nach Deutschland gekommen ist, und unschwer als ehemaliger FDP-Vorsitzender auszumachen ist.

Während es im Untersuchungsausschuss zum Abgleich verschiedener Lebensmodelle der Parteien und Protagonisten kommt, macht draußen das Boulevard Jagd auf den Bundespräsidenten Wulff, dem die Presse gerade jene Hand abfrisst, mit der sie Jahrelang qua Ehe-Trivialia gefüttert worden ist. Für alle gilt, „ein Gerücht stabilisiert sich durch Dementis“. (40)

All diese Episoden erklären zwar nicht, warum die bislang staatstragenden Säulen Grundgesetz und Bundespräsident plötzlich in eine Krise gelangen, aber sie zeigen einen Wendepunkt im Bestreben, einen gesamtdeutschen Staat blumig als Einheit zusammenzufassen. Das Grundgesetz, als Provisorium bis zum Eintritt in eine Verfassung gedacht, stößt in der Verweigerung durch die Rechten an seine Grenzen, und der über den Dingen schwebende Bundespräsident übergibt sich mit Ehekrisen.

In der Folge erlebt der Büroleiter Wegmann Frost, dass es im Bundestag ähnlich zugeht wie bei ihm privat zu Hause. „Das Gleichgewicht der Kräfte wird am besten gewahrt durch Schweigen.“ (149)

Mit seiner Patchworkfamilie kommt er immer dann am besten zurande, wenn er sie in Ruhe lässt und nicht in der Vergangenheit herumkramt. Auch seine eigene Kindheit hat er zu diesem Zweck in einen Traum verpackt, er ist darin irgendwo ohne Eltern in einer Künstlerkolonie untergebracht und verbringt seine Zeit mit dem Zerlegen von Dingen.

Einmal ins Träumen gekommen, schließt er auch noch geträumte Aufsätze nach, einer handelt vom Glück und stellt die These auf, dass die Rechten einzeln und die Linken im Kollektiv glücklich werden.

Der Traum vom Tresor führt den Träumenden in ein Casino, worin der Würfel explodiert, kaum dass man ihn in die Hand nimmt. Jemand ruft in die Explosion hinein, das ist das Ende der Demokratie! (206)

Wieder erwacht, sind gerade die frischen Bundestagswahlen geschlagen. Der alte Andi Nair wird erpresst und wirft aus gesundheitlichen Gründen hin. Das halbe Abgeordnetenhaus ist abgewählt, und alle versuchen, irgendwo unterzukommen. „Eine andere Epoche“ steht an, obwohl die alte noch längst nicht abgearbeitet ist. Der Büroleiter lässt einen Laptop mit brisanten Daten verschwinden und nimmt einen Auszeit in Hongkong, um Chinesisch zu lernen. Die Frage bleibt: „Woher soll man ahnen, in welcher Zeit man lebt: ob es eine Zeit des Anfangs ist oder eine Zeit des Endes, eine der Hoffnung oder des Defätismus, eine laute oder eine leise?“ (214)

Ulf Erdmann Zieglers Thesen-, Partei- und Historien-Roman zeigt einen Haufen von Plastiksackerln, die mit verblassten Aufklebern durch den Ozean der Zeit schwimmen. Während das Material allmählich zerfällt, lässt sich noch erahnen, welche großen Dinge einst darin gesteckt sein mögen.


Ulf Erdmann Ziegler: Eine andere Epoche. Roman.

Berlin: Suhrkamp 2011. 253 Seiten. EUR 24,70. ISBN 978-3-518-43015-6.

Ulf Erdmann Ziegler, geb. 1959 in Neumünster, lebt in Frankfurt/M..

Helmuth Schönauer 17/08/21