Buch in Pension – Rezensionen 2026|01


Elisa Asenbaum (Hg.): nie als allein. Phänomen Dialog & lyrische Interferenzen.

Viktor Baumgartner / Alexander Peer: Die Kunst des Überzeugens.

Cornelius Hell: Lesezeichen & Lebenszeiten. Streifzüge durch Bücher und Biografien.

Alexander Kluy: Der Bleistift. Eine kleine Kulturgeschichte.

Anna Rottensteiner: Mutterbande. Roman.

Alfred Paul Schmidt: Diese weite Welt. Streifzüge eines Denkschäfers. Roman.

Christian Steinbacher: Hoch die Ärmel. Gedichte und Schritte.

Marion Steinfellner: Queerzeiler.

Elisabeth Wandeler-Deck: Anlandebahnen für Geräusche. Prosa.

Jan David Zimmermann: Das Himmelsnetz. Erzählungen.


GEGENWARTSLITERATUR 3451

nie als allein

Bücher, die ein extrem peripheres Sachgebiet abdecken, werden durch KI mittlerweile an den Mainstream angedockt, indem sachkundiges Bibliothekspersonal die entsprechenden Schlüsselbegriffe vernetzt. So tauchen scheinbar marginale Thesen eines Buches überraschend als Treffer an ganz anderer Stelle auf, wenn sie von einer Suchfunktion im Netz angesteuert werden.

Elisa Asenbaum kuratiert unter dem Titel „nie als allein“ ein Projekt, worin das Phänomen Dialog im Konnex mit lyrischen Interferenzen poetisch-wissenschaftlich abgehandelt wird.

Die Initiatorin des Projekts fragt sich eines Tages, mit wem und womit sie eigentlich während des Tages dienstlich korrespondiert. Dabei stechen ihr zwei Themenbereiche ins Auge:

a) als Mensch tritt sie ständig mit der Natur und ihrer Dekonstruktion in Dialog

b) als Künstlerin mit anderen Künstlerinnen, wobei die Dialoge zwischen poetischem Ansatz und wissenschaftlicher Metasprache hin und her pendeln

Die Aufgabenstellung für das „nie allein“-Büchlein lautet nun, sechs Autorinnen treten mit der Herausgeberin im ersten Teil in einen „freien Dialog“, wobei die Themenstellung bereits Teil der Aussage ist. Im zweiten Teil werden diese Dialoge unter wissenschaftlichen Aspekten begutachtet und interpretiert, wobei es wiederum interessant ist, welcher Text zu welchem Interpretationsansatz führt.

Über dem ganzen Buch liegt die heimliche germanistische Grundregel poetischen oder wissenschaftlichen Schaffens: Es kommt immer hinten das heraus, was man vorne als Fragestellung formuliert hat. So gesehen entsteht der Mehrwert der Analyse in der Beschlagwortung des Ergebnisses im Netz bereits vorhandener Analysen.

Für jemanden, der dem wissenschaftlichen Diskurs über fiktionale Texte skeptisch gegenübersteht, weil ja bekanntlich in der Literaturgeschichte alles erfunden ist, ergeben sich aber unterhaltsame literarische Elemente.

Die Haupterkenntnisse könnten einmal darin liegen, dass man die Methode des Dialogs unter Autorinnen als Modell für frei angelegte Podcasts nimmt. Darin setzen sich zwei Personen an die Mikros und lassen es laufen. Heraus kommt ein Kaffeehausgespräch eleganter Sorte mit mehr oder weniger interessanten Zuhör-Effekten vom Nebentisch aus gesehen.

Zum anderen liefert die Anthologie interessante Aspekte was Druck, Layout und Archivierung solcher Gespräche betrifft. Im Idealfall wird die Meditation über das eigene Gespräch zur Literatur.

Als erste Beschlagwortung dieser Dialoge könnten die Überschriften dienen, die sich die Protagonisten selbst gegeben haben.

- Wie fluid ist das Ich?

- Dialog, ein Experiment mit offenem Ausgang

- fugen, genau

- Ein Sprung ins Waschbecken

- Die Erwartung klopft an

- bindeschwach

- Übergangsmantel

- revolution

Lesende könnten aktiv werden und zu diesen Überschriften sich jeweils die Besonderheiten in den Werken der handelnden Autorinnen in Erinnerung rufen, einmal vorausgesetzt, dass man die Werke kennt von: Thomas Ballhausen / Patricia Brooks / Harald Hofer / Semier Insayif / Ilse Kilic / Renate Resch / Eleonore Weber / Herbert Wimmer.

Markante Besonderheiten der graphischen Präsentation liefert etwa Semier Insayif, indem er lyrische Partikel mit einem Datum versieht und als lyrischen Dialog mit der Herausgeberin zu einem Langgedicht verformt.

Beispiel für so ein Partikel: „an deiner seiner seite / bläst sich raum / und noch verkannt / umbruch im plus“ (37)

Bei Patricia Brooks Beitrag unter dem Titel „Ein Sprung im Waschbecken“ fällt auf, dass die Texte teils in blasser, teils in normaler Schrift, teils kursiv, teils fett erscheinen. Die Assoziation liegt nahe, dass es sich beim Text um kaltes oder warmes Wasser handelt, das nach subjektivem Gefühl ins Waschbecken eingelassen und verrührt wird.

Thomas Ballhausen legt seinen Disput mit Elisa Asenbaum unter dem Titel „Die Erwartung klopft an“ als klassischen Dialog an, der als Besonderheit durchklingen lässt, dass man das alles telepathisch betreiben sollte.

Von der zeitlichen Ferne und einem gesunden germanistischen Abstand aus gesehen scheint das Projekt gelungen zu sein, mit etwas Glück wird sich die eine oder andere Szene über KI in diverse andere Projekte einbauen lassen.

Etwas salopp formuliert erinnert das ganze germanistisch-poetische Treiben an einen klinischen Bericht über eine OP, die gelungen ist. Den Nutzen einer gelungenen OP haben ja finanziell die Operierenden und von der Lebensqualität her gesehen die Patienten. Und nicht zu vergessen die nachrückenden Kohorten, die das alles auswendig lernen müssen, um irgend eine Prüfung zu bestehen.


Elisa Asenbaum (Hg.): nie als allein. Phänomen Dialog & lyrische Interferenzen.

Texte von Thomas Ballhausen / Patricia Brooks / Harald Hofer / Semier Insayif / Ilse Kilic / Renate Resch / Eleonore Weber / Herbert Wimmer.

Wien: edition fabrik 2025. 194 Seiten. EUR 24,-. ISBN 978-3-903267-76-3.

Elisa Asenbaum, geb. 1959 in Wien, lebt in Wien und Berlin.

Helmuth Schönauer 07/01/26



GEGENWARTSLITERATUR 3450

Die Kunst des Überzeugens

Seit es Aufzeichnungen gibt, spielt die Rhetorik im Umgang der Menschen untereinander eine Rolle. Von den Tontafeln aufwärts bis hinein in die Welt der Apps gibt es jede Menge Tipps und Ratschläge, wie man mit guter Rhetorik überleben oder gar reüssieren kann. Das mündliche Handwerk ist seit Jahrtausenden mit einem verschriftlichten Regelwerk hinterlegt.

Während seiner Durchschnittsbiographie erlebt der User von Rhetorik alle paar Jahre ein Update, worin sich Klientel, Sprache und Rituale dem aktuellen Zeitgeist anpassen. Dabei entsteht der Zeitgeist aus Rhetorik und umgekehrt.

Rhetorikbücher analysiert man am besten nach zwei Kriterien:

- Gibt es eine These, die einen auf Anhieb überzeugt und umhaut?

- Gibt es eine Methode, das Altbewährte zeit-griffig darzustellen?

Viktor Baumgartner und Alexander Peer erfüllen beide Rezensionsleitlinien.

- „Sag niemals wir!“ Wer diese eindringliche Empfehlung berücksichtigt, geht einem Großteil von Verlogenheit, Irritation und Wut auf den Sprechenden aus dem Weg. Wer in Politik, Podcast oder Wirtschaft ständig ein Wir propagiert, obwohl es einzig um das Einzelinteresse des Sprechenden geht, hat schon verloren. Von Klein auf haben nämlich alle lebenden Kohorten gelernt, dass jemand lügt, wenn er durchgehend „wir“ sagt.

- „Halte dich probehalber an Überzeugungsstrategien markanter Typen in Wirtschaft und Geschichte!“ – Diese allgemeingültige Empfehlung hat einen doppelten Nutzen. Wenn man Persönlichkeiten nach ihren rhetorischen Strategien analysiert, entwickelt man ein gutes Gefühl dafür, wie man als zeitgenössisches Publikum mit dem rhetorischen Habitus der historischen Helden zurechtkommt. Dieses Gefühl ist auch bei der Beurteilung gegenwärtiger Protagonisten von Nutzen.

Am Beispiel von Napoleon, Kennedy, Ghandi, Luther, Hildegard von Bingen oder Warren Buffett werden einzelne Strategien herausgeschält, die insgesamt als Bausteine für „die Kunst des Überzeugens“ angesehen werden können.

Die Programme sind mit mehr oder weniger blumigen Überschriften geschmückt,

- Über irreführende Appelle

- Pitchen kurz vor dem Weltuntergang

- Widerstand durch Verunsicherung

- Grenzen setzen für Freiräume

- Mit erhobenem Kopf gegen die Angst

- Wirkung ist eine Frage des Willens

- Kommunikation ist Knochenarbeit

vorerst von historischen Persönlichkeiten abgeleitet ergeben sie einen schier umwerfenden Sinn, wenn man sie auf den aktuellen amerikanische Präsidenten anwendet.

Das aktuelle Podium für das Überzeugungsbuch stellt freilich ein fiktiver schweizerischer Unternehmer-Sound dar, wie er in den Börsennotierten Firmen und Gesellschaften vorherrschen könnte, wenn man mit einem erfahrenen Berater die Zukunft rhetorisch durchgeht.

Viktor Baumgartner spielt dabei seine jahrzehntelange Erfahrung als „provozierender Trainer“ aus, der mit allerhand dramaturgischen Kniffen die Kundschaft aus der Komfortzone hinaustreibt. Nach seiner Erfahrung führt pures Coaching in der Rhetorik in die Sackgasse, weil das Ergebnis künstlich wirkt ohne Intelligenz. Gefragt ist hartes Training, wie auch das Kapitel beweist: Kommunikation ist Knochenarbeit.

Alexander Peer kümmert sich als ausgewiesener Schriftsteller und Biograph um die entsprechende Aufbereitung der Helden. Seine Botschaft im Hintergrund weist darauf hin, dass letztlich alle rhetorischen Elemente Teil jenes Werkzeugkastens sind, der für die Gestaltung von Fiktion vonnöten ist.

Beide Autoren stellen ihre Welt sehr überzeugend und glaubwürdig dar, wobei für den trivialen User die Schweizer Unternehmerwelt wie in einem Comic agiert. Das kann aber damit zusammenhängen, dass wir seit Dürrenmatt bei Schweizer Besonderheiten immer zuerst an Literatur denken, obwohl es Wirtschaft ist.

Vieles aus dem Überzeugungskatalog, der in regelmäßigen Abständen in die Geschichten geflochten ist, lässt sich sofort beim Rezensieren anwenden.

Schaffen Sie ein Happyend. Betonen Sie, welche positiven Auswirkungen Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung auf den Kunden haben wird. Präsentieren Sie Fallstudien oder Erfolgsgeschichten von Kunden. Zeigen Sie, wie Ihr Angebot den Kunden vor dem Weltuntergang bewahrt.“ (41)


Viktor Baumgartner / Alexander Peer: Die Kunst des Überzeugens. Zeitlose Rhetorik für persönlichen Gewinn.

Wien, Berlin: Goldegg 2025. 191 Seiten. EUR 24,-. ISBN 978-3-99060-456-4.

Viktor Baumgartner, Journalist und Kommunikationstrainer, lebt in Küsnacht bei Zürich.

Alexander Peer, geb. 1971 in Salzburg, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 05/01/26



GEGENWARTSLITERATUR 3454

Lesezeichen & Lebenszeiten

Wie Lymphe ist in der Literatur neben den Texten ein zweiter Kreislauf angelegt, gleichsam ein Immun- und Heilsystem, worin all die Rezensionen und Lebenserfahrungen beim Lesen als echte Bücher vertrieben werden.

Es macht nämlich einen profunden Unterschied, ob die Begleitliteratur knapp an der Grenze zum Alltagsgeschehen publiziert wird oder als Fließtext, der sich quasi über das Leben der Rezensierenden spannt.

Cornelius Hell nennt sich selbst einen öffentlichen Leser, sein literarisches Leben lang nämlich ist er unterwegs, im öffentlichen Raum über Presse und Rundfunk den Diskurs über das Leben am Laufen zu halten. Was dabei in seinem Lektüre-Inneren vorgeht hat er in einem dichten Band mit den vier Begriffen zusammengefasst: Lese-Zeichen-Lebens-Zeiten.

Als Methode verwendet er zwei wesentliche Zugänge einmal sind es die Bücher selbst, die durchstreift werden, zum anderen sind es Lebenssituationen wie „das erste Mal“, die unter dem Blickwinkel des Lesens betrachtet werden.

Im ersten Abschnitt geht es durch einen abgeklärten, magisch durch Erinnerung beleuchteten Kanon, den viele aus der Bildungskohorte des Autors selbst durchwandert haben.

Die beiden Romantiker Wackenroder und Tieck schreiben „nicht im Ton der heutigen Welt“. Diese Zeitverschiebung zwischen Schreiben, Lesen und dem Ablauf der Alltagswelt ist nicht nur eine Hauptkraft für das Wesen der Romantik, sie unterstützt auch die tapfere Lektüre jener Leser, die sich mit dieser Empfindungs-Devianz gegen der Gegenwartsgeschwindigkeit wehren.

Die Methode dieses Essays ist schlicht und assoziativ. Der ohnehin schon bedächtige Lesestrom wird noch einmal verzögert, ein einzelner Satz wird in die Höhe gehalten und von allen Blickwinkeln aus begutachtet.

Diese Erzählform kommt der Dramaturgie von Literatursendungen entgegen, wenn Originalzitate die Sendung gliedern und dadurch garantieren, dass sich die Assoziationen des Moderators nicht zu weit vom Thema entfernen.

Cornelius Hell lesen heißt immer auch, dass man das besprochene Original mitliest.

Die besprochenen Literaturen von Celan, Hofmannsthal, Horkheimer, Borchert, Aichinger oder Jandl knüpfen an jenen Bildungskanon an, der quer durch die österreichische Literaturexplosion in den 1970er und 1980er Jahren gepflegt worden ist. Aus heutiger Sicht ist dabei viel Nostalgie im Spiel, aber auch das Staunen darüber, dass manche Verheißungen dieser Werke tatsächlich bei der Bewältigung des eigenen Lebens geholfen haben.

Ein Solschenyzin-Porträt lässt noch einmal jene Zeit hochkommen, als die Literatur jenseits des Eisernen Vorhangs als Samisdat unterwegs sein musste. Cornelius Hell war damals „literarischer Botschafter“ Österreichs in Vilnius und hat als Einmannbetrieb die Literatur Litauens für den Westen erschlossen, Dissidenten-Texte zugänglich gemacht und den Grundstein für eine Begegnungskultur gelegt, wie sie in den 1990er Jahren euphorisch in den Literaturstadien Litauens gepflegt worden ist.

Diese Situation als Sprachbotschafter bringt den Autor dazu, die Literatur als besondere Lage auszurufen und rund um Pointen des Lebens die entsprechenden Texte vorzustellen.

So gibt es eine faszinierende Einlage über Wintergedichte, man geht der Frage nach, was aus Kinderwünschen werden kann, wenn diese etwa darin münden, dass man mit Tieren sprechen kann.

Weihnachten in der Literatur ist vor allem ein praktisches Vademecum, denn jeder, der Sendungen oder Veranstaltungen in einer Bücherei machen muss, ist gezwungen, aus einem Weihnachtsregal jene Stoffe zu entnehmen, die noch einen Hauch von Überraschung in sich tragen.


Zwischen Pruth und Dnister handelt poetisch von einer Zwischenbilanz in Grenzlagen, und während der Lektüre ist man an die romantische Zeitverschiebung von Wackenroder und Tieck erinnert, denn es ist unsicher, wie lange die Texte zwischen diesen beiden Grenzflüssen rund um Moldau noch funktionieren.

Das erste Mal“ knüpft an die Leseerlebnisse jener Jahrgänge an, die in den 1950er und 1960ern parallel zu Comicheften Karl May zu lesen begonnen haben, immer frecher geworden sind, und über Camus schließlich bei Wittgenstein gelandet sind, weil sich dieser in der bunten Suhrkamp-Welt als das Maß aller Dinge und somit auch der Lektüre gezeigt hat „Wovon man nicht reden kann […]“.

Eine sogenannte Handbibliothek über vierzehn Seiten blendet noch einmal die Namen der Schriftsteller und ihre Werke ein und erleichtert die Beendigung der Erstlektüre von „Lesezeichen und Lebenszeiten“, indem man sich ans eigene Buchregal heranschleicht und der Reihe nach jene Bücher abtastet, von denen Cornelius Hell gerade gesprochen hat.


Cornelius Hell: Lesezeichen & Lebenszeiten. Streifzüge durch Bücher und Biografien.

Wien: Sonderzahl 2025. 282 Seiten. EUR 25,-. ISBN 978-3-85449-693-9.

Cornelius Hell, geb. 1956 in Salzburg, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 13/01/26



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2465

Der Bleistift

Der Bleistift hat es geschafft – er ist von einem Alltagsgegenstand zu einem Kultgerät geworden. Schriftsteller und Zeichner betreiben Podcasts und Foren, um sich über neueste Rituale rund um den Bleistift zu informieren.

Alexander Kluy schöpft bei seiner „kleinen Kulturgeschichte“ über den Bleistift aus dem Vollen. Als Verfasser zahlreicher Schriftsteller-Biographien stößt er immer wieder auf Künstler, die das Schreiben geradezu kultisch betreiben, indem sie rund um den Bleistift eine magische Aura aufbauen.

Manchmal entwickelt sich das Schreiben mit dem Bleistift zu einem eigenen Genre, das in Monographien besungen wird. Bekannteste Beispiele sind „Aus dem Bleistift-Gebiet“ von Robert Walser und „Die Geschichte des Bleistifts“ von Peter Handke. Das Arbeitsgerät ist in diesen Büchern „beseelt“ und übernimmt den Feinschliff der Aufzeichnung mit dem Gestus eines Fetisch.

Seit dem Vormarsch der Digitalisierung fristet der Bleistift ein wohlgelittenes Schicksal in Künstlerkreisen, aber auch unter Pädagogen genießt er noch erstaunliches Ansehen, ist er doch ein idealer Therapeut für die Gelenkigkeit einer kindlichen Schreibhand. So ist es auch kein Wunder, dass in der Geriatrie der Bleistift hoch im Kurs steht. Solange jemand nämlich mit einem Bleistift etwas anzufangen weiß, ist die Feinmotorik des Denkens noch intakt.

Alexander Kluy behandelt in seinem Abriss den Bleistift wie einen Künstler, dem man vor allem mit Dankbarkeit begegnet, ehe man sich vorsichtig an seine Qualitäten und Verdienste herantastet. „Der Bleistift opfert sich bei der Ausübung der Kunst.“ (22) Diese Beschreibung im Stile von Märtyrern berührt mit feiner Ironie das Religiöse, das hinter manchen Bleistift-Künsten steckt.

Schon der Begriff Bleistift ist eine Liebkosung wie ein Künstlername, denn mit etwas Pech hätte sich auch der Begriff Karbon-Kritzler durchsetzen können. Es handelt sich ja bei diesem Schreibgerät um plastisches Graphit, das das Wort „schreiben“ (graphein) seit der Antike in seinen Adern hat.

Dass wir es mit einem Bergbauprodukt zu tun haben, zeigt sich auch an beeindruckenden Zahlen aus der industriellen Zeit. So gab es 1898 allein in Nürnberg 25 Bleistiftfabriken.

Und die größte Bleistiftfabrik der Welt erzeugte Ende der 1990er Jahre im Faber-Castell-Werk nördlich von Sao Paolo 1,5 Milliarden Stifte im Jahr. (40)

Rund um die Bleistift-Industrie entstanden ganze Dynastien, die wie Aristokraten ihr Bleistiftimperium durch Hochzeiten und Scheidungen zuerst vergrößerten und später marktgerecht einschrumpften.

Im historischen Abriss wird der Bleistift in Europa und Amerika gesondert behandelt. Das ergibt einen Sinn, weil der Bleistift als Indikator der Industrialisierung in den beiden Hemisphären unterschiedliche Verbreitungswellen erfahren hat. Während in Europa die Industrialisierung unter aristokratischen Auspizien vor sich ging, war in Amerika die Liberalität das treibende Element. Und hinter beiden Wellen standen extrem große Kohlefelder in den Ausmaßen von Pennsylvania oder Schlesien als Mütter des Graphits.

Kulturgeschichtlich erreicht der Bleistift in Europa seinen Peak als Impulsgeber für Zeichnungen jeglicher Art, während er in Amerika die Urform von Pressetexten in Gestalt des Steno-Stiftes begleitete.

Skurrile Skizzen über das Entstehen des Bleistifts münden in jene Ikone des Surrealismus, wo eine Hand einen Bleistift führt, der eine Hand zeichnet, die einen Bleistift führt und so fort.

Wer Bleistift sagt, darf natürlich den Bleistiftspitzer nicht vergessen. Was heute so nebenher auf einem Bleistift-geführten Schreibtisch steht, nämlich die Spitzer-Dose, hat eine lange Entwicklung hinter sich. Von der Drehscheibe, an der man den stumpfen Stift hielt, entwickelte sich das Bleistift-Spitzen zu einem Handwerk, in Gestalt eines Master-Betriebs, bei dem man die Stifte nachschleifen ließ wie Messer beim Scherenschleifer. In der Hauptsache freilich glichen viele Spitzer Artefakten im Matchbox-Format.

Alexander Kluys Essay ist eine Liebeserklärung an den Bleistift. Wenn man das Lese-Bändchen an der letzten Seite eingeschlagen hat, um die Lektüre zu beenden, überfällt einen sofort aufgewühlte Unruhe: man muss sofort den nächstbesten Bleistift in die Hand nehmen, um sich abzureagieren.

Und das Schönste: wer einen Bleistift in der Hand hält, weiß in Echtzeit seiner Produktion, was er sagen oder zeichnen will. Ein Bleistift kennt keinen Leerlauf an Sinn.


Alexander Kluy: Der Bleistift. Eine kleine Kulturgeschichte. Abbildungen.

Innsbruck: Limbus 2025. 96 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99039-277-5.

Alexander Kluy, geb. 1966, lebt in München.

Helmuth Schönauer 06/01/26



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2466

Mutterbande

Ein vielschichtiger Roman hat den Vorteil, dass man ihn nicht falsch lesen kann. Denn eine Komponente passt immer, und über diesen entgegenkommenden Weg öffnen sich bald auch die Seitenstränge und Querträger der Komposition.

Anna Rottensteiner streut unter dem vielschichtigen Titel „Mutterbande“ verschiedene Zugänge zu einer Geschichte Tirols im letzten Jahrhundert, dabei wird die „Erlebnis-Last“ auf die Schultern einer Handvoll Frauen verteilt. Auf der einen Achse ruhen die historischen Aspekte von Migration in der Monarchie, Weltkriege, Teilung des Landes, Sprachflüsse, Faschismus, Option und Emanzipation, auf der anderen Achse sind familiäre Zusammenhänge, emotionale Knoten, Rollenbilder und unauffällige Frauenbiographien abgelegt.

Beide Achsen sind über den Begriff „Mutterbande“ verbunden, der eine Bande von Müttern genauso denken lässt wie die Assoziation mit Muttersprache, womit gemeint ist, dass jedes Kind zumindest den Erstkontakt zur Gesellschaft über die Mutter erfährt.

Im Roman sind diese Themen zwar ständig präsent, aber der Erzählfaden erweist sich als großartiger Sog, der einen durch den Roman pusht.

Gleich beim Öffnen des Buches wendet sich eine „intellektuelle Stimme“ einem zu, die Ich-Erzählerin Unica, die über lose Freundschaft Zugang zur Mutterbande aufrechterhält. Dabei durchforstet sie Tagebücher, sichtet Korrespondenzen, notiert Gerüchte und lässt sich rund um die Uhr erzählen, was während eines Jahrhunderts Frauen in Tirol erleben durften und mussten.

Die vier Hauptfiguren Ada, Toni, Betti, Tricy fungieren einerseits als Zeitzeugen der jeweiligen Historie, andererseits als literarische Avatare, die den Alltag subversiv mit ihren Träumen durchsetzen.

In einer Kapitelübersicht am Schluss sind diese Heldinnen vor allem mit ihren Zuspitzungen herausgehoben, nebenbei fungieren sie als Moderatorinnen eines Themas und sind zufällig untereinander verwandt. Aus diesem Bauplan wird ersichtlich, dass familiäre und genetische Zusammenhänge zufällig entstehen, während Solidarität, Widerstand und Gestaltungskraft als individuelle Eigenschaften mühsam erarbeitet werden müssen.

Wesentliche Episoden spielen in einem Mix aus gesellschaftlichen Gegebenheiten und privaten Lösungsversuchen in Innsbruck oder Bozen. Dabei sind diese Städte nur als Verwaltungssymbole anmoderiert, der Kampf ums geglückte Leben wirkt bis in die kleinsten Dörfer hinein.

Ein Mädchen wird aus der Dorfidylle herausgerissen und muss in Bozen die Welt mit einer neuen Sprache definieren. Gleiches geschieht jener Frau, die ihrem Mann von Bozen nach Innsbruck folgen muss, weil dieser am Ende der Monarchie dort einen besseren Posten bekommen hat. In einem dritten Fall sind bei Kriegsende die Männer gefallen oder für die Arbeit ausgefallen, und die Frauen müssen ihre Posten übernehmen; eine Frau wird Schaffnerin auf Zeit

Diese Schicksale wenden sich direkt erzählt an die Leser selbst, obwohl sie natürlich sorgfältig recherchierte Fiktionen sind, wie man diese „Basis-befestigten Erfindungen“ auch nennen könnte.

Die einzelnen Episoden lassen sich abgerundet für sich selbst lesen, wie jenen Fall einer Haushaltshelferin aus Südtirol, die dekadenten Dada-Künstlern in Tarrenz zu Diensten steht und erschrocken feststellt, dass die Kunst kein Ausweg aus der Gewalt ist.

Überhaupt die Gewalt. Sie steckt verdeckt hinter beinahe jeder Beziehung. Zynisch könnte man annehmen, dass Gewalt erst zu Hause ausprobiert wird, ehe sie als Faschismus auf die Straße geht.

Angestachelt von der Treffsicherheit der Episoden geht man als Leser stets der Frage nach, wie diese Sprache gestaltet ist, die so berührend erzählt.

Einmal ist es die Verquickung von Dialekt, Verschriftlichung und Sprachwechsel, die den Texten eine Heimat zwischen den verwendeten Sprachen bietet.

Und zum andern ist es eine fein ausgeklügelte Sprech- und Sprachtheorie, die die Erzählerin zwischendurch als Einschübe vermittelt. „Letzter Zwischenruf. Ich wusste nämlich, sie würde eine eigene Sprache finden (müssen).“ (207)

Vieles wirkt lange nach, wenn etwa von „Sprachröcken“ die Rede ist, in die es sich je nach geschlechtsspezifischer Notwendigkeit mit einem passenden Sprechduktus schlüpfen lässt.

Anna Rottensteiner stellt das Erzählte schließlich in Frage, wenn sie auf die Fragilität der Geschichte und der darin eingelagerten Erinnerungen anspielt.

Ihre Hauptfigur gibt vor, gerne in Hotels zu übernachten, um mitten in der universellen Mobilität zur Ruhe zu kommen. Als sie einmal im Hotel im Bozner Bahnhofsviertel eincheckt, muss sie nach einem Stadtrundgang feststellen, dass das Hotel gerade abgerissen wurde. Mit Mühe entdeckt sie im Bauschutt ihren Koffer, worin ihre bisherigen Recherchen eingelagert sind. – Nichts ist sicher, nichts hat Bestand.


Anna Rottensteiner: Mutterbande. Roman.

Innsbruck: Edition Laurin 2025. 248 Seiten. EUR 23,60. ISBN 978-3-903539-55-6.

Anna Rottensteiner, geb. 1962 in Bozen, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 20/01/26



GEGENWARTSLITERATUR 3439

Diese weite Welt

Wenn man die weite Welt nur eng genug fasst, hat man sie bald vollends im Griff und sie frisst einem aus der Hand.

Alfred Paul Schmidt schrumpft in seinem Roman „Diese weite Welt“ das Universum auf die Stadt Graz herunter, der er den wundersamen Namen Schenn gibt, was schnell ausgesprochen etwa „schön“ bedeuten könnte. Und weil es so schön ist, heißt auch der Fluss Schenn, an den die Stadt angedockt hat.

Ich-Erzähler, Protagonist und Antreiber für exzessives Denken ist Christian Leitner, Schriftsteller und siebenundvierzig Jahre alt, was ein gewisser Anachronismus ist, denn üblicherweise sind erzählende Schriftsteller allemal in Ruhestand. Aber das ist der Held vielleicht auch, denn er geht keiner geregelten Arbeit, ja nicht einmal geregeltem Schreiben nach. In der Hauptsache streift er durch die Stadt und bleibt am Lokal Neger hängen, dessen Namen man gerade noch aussprechen darf, weil es sich um einen Traditionsbetrieb handelt, der nichts für Political Correctness kann.

In drei Kapiteln durchpflügt Christian Leitner seine Welt, die er durch diesen Roman mit seinen Anhängern teilt. Immerhin hat er bislang schon drei Verlage bei ihrem Konkurs begleitet, wobei unklar ist, ob seine schier unverkäuflichen Werke dafür Anlass waren. Aktuell ist er beim Keiper Verlag unter Vertrag, der offensichtlich ein gutes Händchen hat, um unverkäufliche Werke für die Unsterblichkeit zu pushen. In einem Nebengespräch erfahren an der Literatur Interessierte, dass seine drei letzten Werke 250 Mal über den Verkaufstresen gegangen seien, für die Österreichische Gegenwartsliteratur ist das gar nicht so schlecht.

Das Bild von einem Denkschäfer nistet sich im Erzähler ein und bestimmt die Dramaturgie. Ähnlich einem Schäfer wandert der Dichter mit seinen äsenden Schafen durch das Gelände, mal muss er die Gedanken zusammentreiben, mal haut ihm ein Gedankengang ab und wird vom Wolf gefressen. Wenn ein Gebiet abgegrast ist, kommt das nächste dran, so bleibt die Gedankenlandschaft frisch und fruchtig wie die Steiermark, die direkt an Schenn anschließt.

Die drei Kapitel könnte man als drei Weidezonen für denkende Menschen deuten.

- Im ersten Teil geht es um das Erstellen von Exposés für das Theater, um das Wesen der Kunst in einem widerspenstigen Umfeld, um die Notwendigkeit von Utopien für die vage Deutung der politischen Zukunft des Gemeinwesens.

Das politische Personal in Schenn ist einmalig, führt doch eine kommunistische Bürgermeisterin eine moderne Stadt in eine barocke Zukunft, worin der Staat als verschnörkeltes Gebilde auftreten wird.

Persönlich neigt der Erzähler dazu, Gedanken mit Gesprächen zu unterfüttern und diese mit Getränken zu hinterlegen. Die drei G (Gedanken, Gespräche, Getränke) bestimmen den Ablauf des Tagwerks eines Flaneurs. Die Leser werden alle paar Seiten direkt angesprochen, manchmal wird ihnen etwas im Stil jener Betulichkeit erklärt, mit der in der Trinkszene oft der unterschiedliche Alkoholpegel überwunden wird.

- Im mittleren Teil kommt es, sinnigerweise begleitet mit Überlegungen zur Musik Schönbergs, zu einer einschneidenden Veränderung des Denkschäfers. Er widmet sich der Sanierung seines Körpers, was eine halbjährliche Probeabstinenz zur Folge hat. Während es den Gedanken egal ist, ob sie angetrunken oder nüchtern auf die Weide geführt werden, tun sich für den Dichter neue Welten auf, und das in der ohnehin schon weit gedeuteten Welt von Schenn. Über ein kleines Kräutergärtlein am Schlossberg lernt er eine gewisse Daniela kennen, deren Art die Welt zu deuten eine neue Textur der Erkenntnis forciert.

Halbwegs saniert lässt sich der Held noch eine Operation angedeihen, die er hauptsächlich dazu nützt, sich mit Kant und seinem Freiheitsbegriff auseinanderzusetzen.

- Im dritten Teil knüpft der Erzähler fünf Jahre nach seiner Gallenoperation wieder an das Denken an, das ihm seinerzeit wegen der Abstinenz im Stammlokal Neger fast verlorengegangen wäre. Inzwischen ist viel Denker-Gras über die früheren Ideen und Spintisierereien gewachsen, das Leben des Schriftstellers ist erstaunlich stabil geworden und wird von der Geliebten und dem Kräutergarten bestens eingehegt. Aus dieser nüchternen Betrachtung heraus lassen sich die Grenzen des Literatur und des Literaturbetriebs radikal beschreiben. Der Markt hat keine Verwendung für Schriftsteller diffuser Lebensart, da ist es schon besser, die Wahrheit auszusprechen und die Schuld vom Markt zu nehmen. „Ich lebe von der Tätigkeit der Frau an meiner Seite, deren Idee, einen Kräutergarten anzulegen und gemeinsam zu bearbeiten, hat sich als hinreichend ertragreich erwiesen.“ (83)

In Rückblenden erscheint das frühere Leben vage und fremd und wird nur deshalb ans Tageslicht zurückgeholt, um ein historisches Fundament zu legen für das jetzige Denken. Die Geschichte darf nicht verdrängt werden, auch die eigene nicht.

So kommt es zu einem idealen Zustand für das Denken: Die Vergangenheit ist besiegt, der Traditionsbetrieb Neger fuhrwerkt ungebrochen, die Gedanken schießen ohne die Budweiser Hülsen im Hintergrund geradezu aus dem Kopf, Schenn ist kommunistisch und einzigartig, und die Gedanken aus der Weite der Stadt, lassen sich fallweise als Utopie auf die ganze Welt übertragen.

Was denn die Begründung sei, warum die Stadt Schenn die Armen aus der ganzen Welt in ihre Welt aufnehmen sollte, wird der Denkschäfer gefragt.

Ganz einfach: Der Reiche lebt lebt, im Unterschied zum Armen, beständig in der Angst, bei ihm ist was zu holen, deswegen ist sein Geiz pathologisch. Reichtum ist eine kranke Gesundheit.“

Wenn also in der Stadt nichts zu holen ist, kommt auch niemand mehr, um sich darin anzusiedeln. Somit wäre die Migrationsfrage gelöst.

Alfred Paul Schmidt verknüpft elegant diverse Essays zu einem Abenteuerroman des flanierenden Denkens.


Alfred Paul Schmidt: Diese weite Welt. Streifzüge eines Denkschäfers. Roman.

Graz: edition keiper 2025. 156 Seiten. EUR 21,-. ISBN 978-3-903575-56-4.

Alfred Paul Schmidt, geb. 1941 in Wien, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 03/01/26



GEGENWARTSLITERATUR 3452

Hoch die Ärmel

Ein ermunternder Zuruf an Beamte – was für ein frecher Titel!

Christian Steinbachers Quellgebiet sind die Archive, Geheimdepots für Geschichten, Nachlässe von Eremiten und Tiefbohrungen in Wortschutzgebieten. Seine Gedichtbände gleichen Inventarverzeichnissen verschollener Texturen und poetischen Erkundungsstollen, weshalb der Band „Hoch die Ärmel“ auch mit der Genrebezeichnung „Gedichte“ und der Forschungsmethode „Schritte“ bezeichnet ist.

Die Gedichte Christian Steinbachers zeigen sich als Einzeller, bei denen der Kern im Kopf, also in der Überschrift sitzt. Der Untertitel ist mit dem Schwänzchen von Pantoffeltierchen vergleichbar, womit sich diese geschwind im liquiden Medium fortbewegen. Und die eigentliche Masse des Gedichts ist gallertig, amorph und gegenüber dem Umfeld osmotisch, weshalb sie mit allerlei Vers-Tricks und Vers-Maßen in Zaum und Struktur gehalten werden müss.

Das Vorspiel ähnelt einer theatralischen Inszenierung, nur dass statt des Vorhangs eine Tuchent wirkt, wie sie jeden Tag beim Aufstehen vom Körper des lyrischen Ichs genommen wird.

Die nachfolgenden neun Poesie-Abenteuer treten als Bottiche voller Gedicht-Larven auf, die erst durch Lektüre zu Schlüpfen gebracht werden. Im Anhang sind unter dem vielversprechenden Titel „Baupläne und Notizen“ historische Querverweise sowie Eingrenzungen von falschen Spuren angeführt. In diesem Arbeitskapitel sind auch die beiden Bildbeigaben „glimpflich zurecht“(63) und „nicht verstimmt vorbei“ (66) als Artefakte beschrieben.

Im Weiterziehen der Blödigkeit“ nennt sich das Startkapitel und führt in antiken Versmaßen aus, wohin man die Aufmerksamkeit lenken sollte, wie Kapseln der Zeit funktionieren und wie man in den Wald hineinruft. Als Inszenierungsvorschläge sind Spuren aus dem Kelch des Frauenschuhs, Wimpernzuckungen oder simple Erweiterungen des Handlungsspielraums empfohlen. Die Textmasse läuft wie bei einem Daumenkindo durch die Finger des Umblätternden und hinterlässt einen mehrschichtigen Textabdruck, der auch bei näherem Heranrücken in Teilen verschlossen bleibt,

Das zweite Kapitel ist ganz im Sinne der Scholastik auf das „Be-Greifen“ aus und geht dem Sinn der Wörter auf den Grund. Die einzelnen Texte sind im Layout eines wuchtigen Blockes gesetzt, der zwar rechts zum Seitenrand hin ausfranst, dennoch aber als schwere Leselast zwischen den Seiten ruht.

Ein weites Feld des Surfens und Tanzens mit Begriffen ergibt sich aus dem Abschnitt „Rudern Tanzen“. Hier kommen sapphische Strophen als Ruderschläge (50) zum Einsatz.

Die sogenannten „Stichwortfreuden“ lassen die Herzen von Archivaren und Bibliothekarinnen höherschlagen. In einem kleinen Vorspann sind sogenannte Stichwörter aufgerufen, die später wie bei einer Tombola diversen Texten zugeteilt werden. Logisch oder assoziativ ergeben sich daraus verlässlich standfeste Bilder.

Im Schlusskapitel geht es dann noch einmal zur Sache: „Hoch die Ärmel“. In der Hauptsache werden hier anarchische Lebensgrundsätze für den Untergrund getestet, wenn es etwa heißt, dass man alte Zeit liegen lassen soll. An anderer Stelle wird eine Schonfrist für Schauläufe gefordert, aber auch Bonmots aus der Lebensberatung treten forsch zu Tage: „An der Stirn nennt mans Runzeln.“ (151) Als Darbietungsform sind Quartette mit Ärmeln empfohlen, aber auch Quartette mit Schal oder Gürtel kommen zum Einsatz. Und die jeweiligen Gedichte sind optisch aufgestellt wie Reifenspuren von Allradgetriebenen Quartett-Fahrzeugen.

So streng die Texte auch komponiert sind, im Idealfall überschreiten sie als Parodien jegliche lyrische Gerüste und enden im grandioses Sinn-Dada:

Unruhiges Umfeld // Sturmwinde // Schmalbrüste, Knallröte. Prahlhanse. Saalmieten. // Achtbares. Sturmfluten. Höchstmaße. Scheindolden. // Krachleder. Ablöse.“ (137)


Christian Steinbacher: Hoch die Ärmel. Gedichte und Schritte. Mit Bildbeigaben von Regina Moritz.

Wien: Czernin 2025. 168 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-7076-0882-3.

Christian Steinbacher, geb. 1960 in Ried im Innkreis, lebt in Linz.

Regina Moritz, geb. 1971 in Schärding, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 09/01/26



GEGENWARTSLITERATUR 3453

Queerzeiler

Lyrik vermag im Idealfall ein Programm mit einem einzigen poetischen Wort zusammenzufassen.

Queerzeiler“ ist im gegenwärtigen politischen Kontext als Widerstandslyrik, Kampfschrift und Katalog für Wokeness zu lesen. Auf der unschuldig-formalen Ebene sind Queerzeiler Verse, sie sich quer über die Buchseite durch das Spektrum queeren Vokabulars schlängeln.

Marion Steinfellner „beschreibt“ mit minimalistischem Gestus auf knapp hundert Seiten einen Zustand, in dem das lyrische Ich im eigenen Körper entgleist. Gefühle, Hormone, Blutdrücke und immer wieder Haut-Entfaltungen sind durch Romantik oder gar durch Liebe aus den geregelten Bahnen ausgebrochen. Was immer einmal das Idealbild der Erotik gewesen sein mag, jetzt ist es „queer“.

Das Layout als wesentliches Informationsforum in der Lyrik bestärkt diese Ausbrüche aus diversen Formvorgaben. Auf den ersten Blick scheint alles reglementiert wie bei einem geometrischen Muster. Auf jeder Seite sind vier Dreizeiler leicht verschrägt im oberen Seitendrittel ausgelegt.

Ohne Vorspann und Schmutzblatt beginnt das geordnete Muster mit seinem Überzeugungsversuch, dass alles seine Ordnung habe.

Zudem ist der erste Auftakt als idyllisches Inhaltsverzeichnis gestaltet, worin die Themen genannt werden und anschließend gleich methodische Beschreibungen folgen.

körper verändert / sich und andere im tanzsein / fall free witch me too“ (5)

Das Hauptthema ist also der Körper in seiner ständigen Veränderung durch Kunst und Therapie, die Sprache wird gewechselt aus Scham und Ehrfurcht, wie Pubertierende ihre ersten Liebeserklärungen nicht selbst formulieren, sondern vielleicht durch englische Zitate aus der Popmusik. Hier wird die Me-too-Bewegung zitiert als Einladung, sich auf die Körperkunst einzulassen, denn schon in der zweiten Strophe heißt es „das feuer lichttanz / granatapfelhaut liebkost / oh kostbares leben!“. Anschließend fliehen die Gefühlsvokabeln hinüber ins Englische, vielleicht weil es in der Radikalität dort erträglicher ist.

In der Folge gleichen die Verse Wortausbrüchen, die sich an keine Schwerkraft halten und folglich auch queer und quer erfolgen. Die Haut wird zur Bühne, immer in Gefahr, versengt zu werden.

Allmählich schieben sich Einzeiler in das Gefüge, sie handeln von Stille und unterbrechen die heftigen Eruptionen und wohl auch Erektionen. Denn auf der Suche nach dem Vogelmotiv, das bekanntlich in jedem Lyrikband neuerer Bauart vorkommen muss, tritt es ungeniert zu Tage: „wir vögelten uns /stimmen im umarmungskuss / uns vögelten wir“ (25)

Die Gedichte wirken wie frisch aufgetragen auf Papier, das Gegenüber, die Welt. Der Liebesrausch hat seinen Sitz im lyrischen Ich, er wendet sich an ein direktes gegenüber, einmal Herbert genannt (8), dann wieder an die ganze Welt, die gerade als ausgebrochener Prospekt einer Theaterlandschaft vorbeizieht.

Die Liebe gilt aber auch dem Medium Lyrik, das mit allen Facetten bis hin zum wohldosierten Fauxpas besungen wird. „liebesgedichte / sind bücher ohne strichcodes / hautpapierlustsein“ (52)

Einmal gezündet geben die Verse keine Ruh, „feuer ist feuer / … / haut oh haut oh haut oh haut“ (90)

Wie kann so eine Orgie enden? Wie lautet die letzte Fügung einer Eruption? – Die Antwort erfolgt auf Englisch, die Scham, es auf Deutsch zu sagen, ist immer noch vorhanden, schließlich ist ja auch das Queere etwas auf Englisch. „the nighttravelling light“ (102)

Queerzeiler“ lassen sich nur mit professioneller literarischer Distanz lesen, wenn man als Rezensent nichts mit dem Thema zu tun hat, außer dass selbst an den kleinsten Unis momentan Queer-Seminare abgehalten werden. Somit bleibt der Eindruck profunden Handwerks und die Bewunderung einer lyrischen „Erzählstrategie“, die naturgemäß nicht bloß berührt, sondern manchmal auch an einem vorbeigeht.


Marion Steinfellner: Queerzeiler.

St. Wolfgang: edition art science 2024. 107 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-903335-40-0.

Marion Steinfellner, geb. 1973 in Mistelbach, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 11/01/26



GEGENWARTSLITERATUR 3438

Anlandebahnen für Geräusche

Vom aufgekratzten Titel „Anlandebahnen für Geräusche“ inspiriert denkt man spontan an einen Laubbläser, der mit seinem kontinuierlichen Luftstrom alles Laub in die Ecke kehrt, von wo aus es dann leicht kompostiert werden kann.

Und tatsächlich erzählt Elisabeth Wandeler-Deck mit voller Düse, wenn sie ihre Prosa über die Seiten bläst. Der Text beginnt mit der Fügung „erschien sie mir“ und einem englischsprachigen Zitat über unerwartete Protagonisten, und endet nach gut hundert Seiten absatzlos mit den Worten „draw 2 parallel lines and“ (102). Die Absicht für dieses Buch ist dabei gut versteckt in einem Flow von Assoziationen, Bildern und Sehgewohnheiten: „Sie übte einen langen Text zu schreiben ohne Absatz.“ (26)

In diesem Lichte ist auch die Schlussdatierung zu deuten, Maggia / Zürich, 13.11.2023 kann bedeuten, dass der Text an diesem Zeit-Ort abgeschlossen worden ist, es kann aber auch bedeuten, dass der Text in einem Atemzug an diesem einen Tag durchgeschrieben worden ist. Einmal wird nämlich über das rätselhafte Beginnen von Stücken räsoniert (43), es sei nie klar, wann etwas losgeht.

Obwohl im Titel von Geräuschen die Rede ist, müssen diese vom Gehör entkoppelt auf alle Sinnesorgane übertragen gedacht werden. Wie ja das sogenannte „weiße Rauschen“ in der Medienkunde weit mehr ist, als etwas dem Ohr Dienliches, so könnte man Geräusche in der Kunst auch auf Bilder, Aktionen, Theaterstücke und Reisen ausdehnen.

Bilder erzeugen Geräusche für die Augen, hat es bei den Dadaisten einmal geheißen, und auch im vorliegenden Geräusche-Text geht es um Bilder, Sehweisen und mehr oder weniger surreale Zugänge zu Objekten.

Er betritt das Bahnhofsareal mit einer Ananas.“ (9) Mit Fügungen dieser Logik eröffnen sich diverse Sehweisen aus Kunst und Malerei. Und auch der Beginn geht ja gleich zur Sache, wenn es heißt: „unbewegt, die Hand, das kleine Gemälde. Vielleicht ein Gemälde, ein in das Bild hinein gemaltes Gemälde, hingemalt als ob auf einem anderen Farbträger, hingemalt, im unteren Grau des Bildes“ (5)

Die Assoziationsachsen laufen mittlerweile zu einem Gefüge zusammen, das mit „Rand Platz Bild“ (22) umschrieben ist. Und ehe die Komponenten dieser Geräuschverknotung aufgetischt sind, geht alles den Bach der Illusion hinunter, es wird nämlich dunkel, man sieht nichts mehr und alles wird zur Fiktion. „Es sei doch, so jemand, inzwischen dunkel geworden, weshalb doch auch kein Bild mehr, keine Uhrzeit mehr, die Zeit ausgesetzt habe, die Fiktion.“ (23)

Das Gegengeräusch zum Licht ist in der Poesie der Wind. „Und Wind geht, Wind treibt das leichte, leicht zerknitterte, knitternde, knisternde, vielleicht Blatt, vielleicht Hülle, das Partikel, den kleinen Abfall, ein kleiner Wind spielt, dem kleinen, zarten Ding mit, treibt es über den Platz […]“ (34)

Neben handfesten Konnotationspunkten wie einem Platz oder Feld gibt es auch noch Regeln, die über dieses Handfeste hinwegstreichen. Der Platz wird etwa durch die Regeln des Tennisspiels zu einem Tennisplatz. Ähnlich können auch Gemälde klassifiziert werden, die Leinwand wird durch die Regeln einer bestimmten Stilrichtung zu einem Gemälde dieser oder jener Epoche.

Das Wechselspiel zwischen festen Plätzen und flexiblen Regeln ergibt erst jenes Theater, das in der Mitte des Textes leitmotivisch hervortritt. Der Platz 54, vergleichbar mit dem Versteigerungslos Nummer 49 bei Thomas Pynchon, wird von diversen Personen in verschiedenen Kleidungsstücken oder Rollen eingenommen. Für einen Billeteur stellt der Platz 54 die volle Identität her, die er einer zufälligen Benützerin zuspricht.

Ein sogenannter fixer Platz entwickelt aber im Hintergrund eine komplette Blockchain, wenn er gewechselt wird. „Sitz 54, jetzt auf 34“ (38) deutet an, dass Dynamik im Sitzplan herrscht.

Und tatsächlich werden nicht nur die Sitzplätze über den Haufen geworfen, sondern auch Orte mit allen Verknüpfungen. „Der Ort, das Volumen, die Luftsäule über dem Parkfeld, der Luftkubus über mir, das dreidimensional ausgeleuchtete Feld, die Wände, die Decke, die Grundfläche, der imaginierte Luftkubus, die ausgedachte Luftsäule, das Luftvolumen über dem nächtlichen Platz …“ (41)

Im letzten Drittel der Prosa sind dann tatsächlich wie im Titel versprochen konkrete Anlandebahnen für Geräusche ausgeführt. Dabei geht es um Auflistungen von Geräuschen, die bei physikalischen Vorgängen entstehen, sowie um Geräusche bei Tieren, bei denen sich oft nicht klären lässt, ob sie die diese selbst erzeugen oder bloß das rezipierende menschliche Ohr, das ihnen dieses Wirken zuspricht.

Und höchst poetisch fallen die Geräusche schließlich zu einer Anhäufung von Herbstlaub zusammen (97), welches der prosaische Laubsauger in die Ecke getrieben hat.

Aber nein, es ist nicht der Herbst, der das Laub samt seinen Geräuschen beherbergt, sondern eine Inszenierung auf Zeit, wie sie im Straßentheater sporadisch aufgetürmt wird.

Die Stuhlreihen, inzwischen abgebaut, und wieder aufgebaut, dieses vergatterte Dekonstruieren, Konstruieren, in den Zusammenzug genommen, die Wörter, die Frau, jetzt mit hohem Hut“ (101)

Die Anlandebahnen von Elisabeth Wandeler-Deck sind ein hinterlistiges, beinahe mystisches Zusammenfegen diverser Kulturtechniken und ihrer Rezeption. Durch seine Ironie befreit sich der Text vom akademische Dünkel und kann unkompliziert im Alltagsgebrauch für die Taxierung von Kunst und Geräuschen verwendet werden.


Elisabeth Wandeler-Deck: Anlandebahnen für Geräusche. Prosa.

Klagenfurt: Ritter 2025. 104 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-85415-693-2.

Elisabeth Wandeler-Deck, geb. 1939 in Zürich, lebt in Zürich.

Helmuth Schönauer 02/01/26



GEGENWARTSLITERATUR 3456

Das Himmelsnetz

Das Groteske erscheint einem oft als eine verzerrte Welt, gesehen vielleicht durch eine verkehrt aufgesetzte Lesebrille. Selbst wenn man den irritierten Blick korrigiert, ist es nicht mehr möglich, das Schräg-Gesehene ungeschehen zu machen.

Jan David Zimmermann wirft unter dem Titel „Das Himmelsnetz“ zwölf Geschichten aus, die vorbeikommende Leser rasch umgarnen. Auf Anhieb umarmen uns die Erzählungen mit Themen aus Kindertagen, als wir atemlos Bücher über fragile Schiffe, untergegangene Berufe und Fallstricke des Alltags gelesen haben.

Und in der Tat beeindrucken rare Berufe umso mehr, als sie beinahe kultisches Verhalten von ihren Ausübenden verlangen, die meist zu Einzelgängern geworden sind. „Der Zapfensteiger“ (15) etwa besteigt die höchsten Bäume, um ihnen aus dem Wipfel jene Zapfen zu entreißen, die man mittlerweile zur künstlichen Aufforstung sterbender Wälder braucht. Er beklagt den Untergang der Zunft mit Stolz, denn der Beruf des Zapfensteigers lässt sich nicht lehren oder weitervererben. Wenn ihn jemand für sich entdeckt, so wird er sich darin mit eigener Kraft bewähren müssen. Generell ist das Pflücken von Zapfen ein aussterbender Beruf und „der Wald ist der ideale Ort, um verschollen zu gehen“. (18)

Eine absurde Flucht aus der normalen Welt ermöglicht der sogenannte „Knöchelritt“. Dabei handelt es ich um eine biologischen Rückentwicklung, wenn die Hände allmählich zu Hufen werden, sodass der Körper gezwungen ist, auf Knöcheln zu galoppieren. Diese schaurige Begebenheit lässt sich als umgekehrte Evolutionsgeschichte lesen, der Held entwickelt sich zurück und wird zum Tier. Die Motive aus Wolfsgeschichten, Horrorfilmen und genetischen Dystopien begleiten den Rückwärtsgang der Menschheit bis hin zur artifiziellen Entstellung, wonach sich Hände ins Leere verkrallen und ein schlaffer Körper daran herunterhängt.

In der Titelerzählung „Das Himmelsnetz“ werden wir auf ein Gespensterschiff geleitet, das fern aller Schifffahrtsrouten ohne Koordinaten dahingleitet. Der namenlose Seemann geht einem Wimmern nach, das mehrere Besatzungsmitglieder gemeldet haben. Aber wie bei einer ordentlichen Hörstörung üblich, lässt sich das Wimmern zwar abgeschattet vernehmen, aber nicht einer Quelle zuordnen. Als wahrscheinlichster Lärmspender wird der Schiffskater vermutet, der auf Rattenjagd unterwegs ist.

Der Seemann betritt bei seiner Suche Areale des Schiffes, von denen er noch nie gehört hat. Über ein ganzes Unterdeck hinweg sind die sogenannten „Stillgelegten“ eingesperrt. Sie haben offiziell keine Arbeit, müssen aber dennoch Tag und Nacht ohne Lohn schuften. Einer dieser Niemands tritt mit dem Seemann ins Gespräch und erzählt ihm den Sinn des Lebens als Traum. Es soll ein Himmelsnetz geben, das direkt über das Firmament hinaus gespannt ist und auf dem die Demokratie herrscht. Die Wesen im Himmel betreiben eine Demokratie, ohne dass sie es merken. Freilich sind die Maschen des Himmelsnetzes so weit geknüpft, dass alle durchfallen. Demokratie ist also ein Netz ohne Substanz, weshalb sich die darin Eingefangenen frei fühlen.

Die meist sehr kurzen Parabeln halten sich an jenen eingedampften Schreibton, mit dem etwa Kafka seine Texte zwischen Tag und Nacht, Tagebuch und Erzählung gestaltet hat. Wie bei Lehrtexten üblich, lasst sich eine starke „Moral von der Geschichte“ erkennen, die sich freilich zwischendurch ironisch selbst aushebelt.

Der Zugang zu den einzelnen Begebenheiten geschieht mit einem Ruck, ein kurzer Eröffnungssatz genügt, und schon sind wir in einem beinahe surrealen Ambiente, das amorph an der gewohnten Umgebung angedockt ist.

So kann das Leben auf dem Schiff ein Sinnbild für alles mögliche sein, was mit Befehl, Hierarchie und Steuerung zu tun hat. Auf der anderen Seite verliert sich mitten im Wald eine Geschichte vor unseren Augen. Die Protagonisten arbeiten zudem an unsichtbaren Grenzen, ob es der Schiffsmann ist, der sich wie bei Joseph Conrad an seine eigene Schattenlinie hält, oder der „Thanatoprakt“ in der gleichnamigen Erzählung, der kaputte Körper restauriert, ohne sie aus Versehen wieder zum Leben zu erwecken.

Alle diese seltsamen Philosophen und Grübler haben getarnt durch ihre Berufe ein Programm: „Es sei das Höchste, eine Arbeit zu machen, deren Resultat niemals fertig ist und die niemals ans Ziel kommt. – Eine Arbeit, die an das Fertige und Abgeschlossene nicht glaubt, aber gleichzeitig mit diesen Begriffen spielt und sich im Laufe eines Berufslebens auch ein wenig darin verliert.“ (114)


Jan David Zimmermann: Das Himmelsnetz. Erzählungen.

Wien: edition fabrik 2025. 122 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-903267-81-7.

Jan David Zimmermann, geb. 1988, lebt in Wien und NÖ.

Helmuth Schönauer 22/01/26