Buchkultur – 10 Rezensionen 08/2008

 

 

 

Ray Bradbury: Space Opera.

Hellmut von Cube: Mein Leben bei den Trollen.

Roger-Pol Droit: Glücksmacher.

Silvia Eisendle: 25 Jahre und 11 Monate am Brenner.

Bettina Gaus: Auf der Suche nach Amerika. Begegnungen mit einem fremden Land.

Reinhard Kocznar: Harte Landung. Grenzerlebnisse. Erzählungen.

Wolfgang Pollanz (Hg.): Glänzendes Graz.

Roman Schatz: Der König von Helsinki.

Alois Schöpf: Die Sennenpuppe.

Laura de Weck: SumSum. Ein Stück.

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1659

Space Opera

Nicht alle Berufsgruppen haben eine eigene Bibel. Die Bibliothekare jedenfalls schwören seit Jahrzehnten auf „Fahrenheit 451“. In diesem magisch utopischen Buch kann ein Buch letztlich nur überleben, indem es von seinem Leser inhaliert, personifiziert und als Hirn-JPG an die Nachwelt weiter gegeben wird.

Ray Bradbury spielt in seinem aktuellen Vorwort diesen Mythos herunter, indem er erzählt, wie verrückt einfach der Text in den frühen fünfziger Jahren entstanden ist. Aus mehreren Kurzerzählungen ergab sich die Möglichkeit, über einen Brand legenden Feuerwehrmann die Episoden aus einem kalten Krieg heiß zu machen. Und auch die Vorgangsweise beim Schreiben ist abenteuerlich. Der Autor hat sich ein bisschen Geld gespart, um jeweils in einer Schreibstube auf einer Miet-Schreibmaschine die notwendigen Sequenzen herunter zu tippen. Im Zeitalter des Internet eine geradezu abenteuerlich parallele Vorgangsweise, denn auch wir zahlen heutzutage für jede Zeile, die wir irgendwo platzieren.

Unter dem schönen Titel „Space Opera“ sind nun in einer ebenso schönen wie haptischen ergreifenden Ausgabe die drei wichtigsten Werke Ray Bradburys frisch aufgelegt.

In „Fahrenheit 451“ legt der Feuerwehrmann Montag Bücherbrände im Sinne eines totalitären Regimes, ehe er aussteigt und im Wald die Lesemenschen entdeckt. Diese sind personifizierte Werke der Literaturgeschichte und kommunizieren spröde selbstbewusst untereinander.

„Der Illustrierte Mann“ geht als Gesamt-Tattoo durch die Gegend, auf Anfrage oder in delikaten Situationen öffnen sich seine Hautporen und erzählen über die jeweilige Tätowierung die absurdesten Geschichten. Der Körper als Screen-Touch, auf dem die persönlichsten Geschichten abzurufen sind, eine prophetisch zeitlose Angelegenheit.

„Die Mars-Chroniken“ handeln von Konzepten der Science-Fiction aus den 1940er Jahren, durch die Rahmenhandlung einer Marsexpedition werden kybernetische, virtualistische und antiphysikalischen Gesetze aus den Angeln gehoben und auf ein spannendes Erzählgitter gelegt.

Ray Bradbury gilt mittlerweile als Meister der Dystopie, womit sogenannte „üble Utopien“ bezeichnet werden. Aber wie bei jeder Lektüre ist der Ausgangspunkt des Lesers entscheidend, mit ein wenig Pessimismus ausgestattet erscheinen die Werke als glänzende Utopien des Guten.

Dass es diese Klassiker jetzt anspruchsvoll ausgestattet und mit aktuellen Vorworten bestückt frisch aufgelegt gibt, ist eine positive Utopie der Realität.

 

Ray Bradbury: Space Opera. Fahrenheit 451. Der illustrierte Mann. Die Mars-Chroniken.

Zürich: Diogenes 2008. 960 Seiten. EUR 39,-. ISBN 978-3-257-06650-0.

Ray Bradbury, geb. 1920 in Illinois, lebt in Los Angeles.

Helmuth Schönauer 02/09/08

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1091

Mein Leben bei den Trollen

Toll, die Tiroler, ein kleiner Fetzen des Beobachters, und schon ist daraus ein Troll geworden. Feine Wochenend-Leute, wenn sie sich über den Samstags-Misthaufen lustig machen, geraten oft selbst in eine Situation, worin sich der Rezipient die Nase zuhält.

Das ist das Problem von Hellmut von Cube, er betritt Südtirol mit der Aura eines Besserwissers und erlebt nur Gagga. Darin gleicht er dem südtiroler Nachwortschreiber Herbert Rosendorfer, der ja seit seinem richterlichen Aufenthalt in der Wagnerstadt Bayreuth weiß, wie Provinz, Südtirol und Moral für die Nachwelt im Bozner Ambiente zu verankern sind.

In den fünfziger Jahren war es üblich, dass teil-entnazifizierte Größen des Kulturgeschehens in die Provinz gereist sind, um den kulturellen Welt-Mann (teilweise mit konkreter Zipfel-Entblößung) darzustellen. So ein Schicksal hat offensichtlich auch das Schnals-Tal getroffen, worin der wohlbestallte Mister von Cube abgestiegen ist. Alles Geschehen seiner fiktionalen Welt ist ferienhalber zu einem Troll geworden.

„Nun, ich hause hier in einer Höhe von 2000 Metern, also bei Volltrollen, ja, bei Erztrollen, auf einem schmalen Bergabsatz genau im Lawinenschatten.“ (11)

Die einzelnen Sequenzen mögen ja durchaus einmal witzig geklungen haben, aber aus allen Nasenlöchern röchelt es ab jetzt nach Klamottendarstellern in den typischen Farben schwarz-weiß-alpin. Frauen haben sofort Gesichtsausdrücke, welche jenseits von Entbehrung liegen, die Männer ein Lechzen, das mit dem Begriff „genital“ am ehesten zu erklären ist.

Die Protagonisten erfüllen alle Klischees, die man im peripheren Genäse der Adenauer-Zeit an den Rändern der Bonner Republik als Außengrenze installieren konnte. Dass die Südtiroler im Text alle als permanente Handaufhalter für jede Münze vorkommen, veredelt nicht Cubes feriale Erzählanmaßung.

Die Realität ist nämlich vielleicht folgende: Die Trolle haben naturgemäß Heimatromane im Leseprogramm und lassen sich bei Bedarf ein paar Münzen in die Hand drücken, was erstens dem Klischee des Heimatromans entspricht und zweitens der Mentalität des Südtirolers. (Gibt es eine Situation, wo sich ein Südtiroler nicht eine Münze in irgendwas drücken lässt?)

Die Gestalt des Textes entspricht am ehesten einer Kriegspost, zweihundert Seiten lang „Mein Lieber“, das zu gedulden, kann nur Aufgabe eines Publikums sein, dem der Autor den Erzähl-Krieg erklärt hat.

Als Zeitdokument mag der Text nicht uninteressant sein, aber für diesen Zweck gibt es längst an der Uni Innsbruck ein digitalisiertes Programm. Als Lese-Text mag es ja gut gemeint sein, aber um im Jargon der Herren von Vor- und Nachwörtern zu reden, „es ist weder gezeugt noch gewixt“!

Wir sollten Texte nie jenseits der Themenstellung vergleichen. Aber beim frechen Tirol-Roman von Sepp Schluiferer, Fern von Europa, (1909), da fährt ein anderer Sound ab!

 

Hellmut von Cube: Mein Leben bei den Trollen.

Bozen: Edition Raetia 2008. 211 Seiten. EUR 17,90. ISBN 978-88-7283-321-6.

Hellmut von Cube, geb. 1907 in Stuttgart, starb 1979 in München. Ferien-Aufenthalte im Schnals-Tal, dem Ur-Kosmos der Trolle.

Helmuth Schönauer 28/07/08

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1672

Glücksmacher

Oft genügt es, ordentlich an sich selbst zu glauben, dass man als Guru gehandelt wird. Zwei Studienkollegen, die im alltagsphilosophischen Fach ziemlich glücklos agieren, tun sich eines Tages zusammen und gründen eine saftige Guru-Akademie.

Zu diesem Zweck rufen sie die geklonte Figur Marcel Stalin aus, der mit entsprechendem Machtrausch ausgestattet nichts anderes im Sinn hat, als die Menschen glücklich zu machen.

Das Guru-Konzept lässt sich in zehn Thesen zusammenfassen. (S. 28)

# Man therapiert nicht, man entwickelt.

# Du diskutierst nicht, du befiehlst.

# Du engst den Horizont nicht ein, du erweiterst ihn.

# Kümmere dich nur um die Gegenwart.

# Lass alles unter den Tisch fallen, was negativ ist.

# Preise die unbegrenzten Fähigkeiten deiner Klienten.

# Du kehrst alle Widersprüche unter den Teppich.

# Du wirst immer der Beste sein.

# Du bringst deine Klienten nach vorne.

# Knöpf ihnen so viel Geld ab wie möglich.

Tatsächlich setzt sich das Konzept innerhalb kurzer Zeit weltweit durch. Ununterbrochen werden Kurse gebucht, Korrespondenten berichten aus allen Erdteilen vom Erfolg der Stalin-Methode, ein Netz von Aus- und Weiterbildnern bringt die Bausteine der Bewegung im Franchise-Verfahren bis ins kleinste Kaff der Welt.

Als ein ehemaliger Professor, bei dem die beiden Erfinder eher unglücklich aufgefallen sind, gezwungen wird, die Methode wissenschaftlich abzusegnen, kennt der Höhenrausch nach oben hin keine Grenzen mehr.

Aber gegen den Lauf des eigenen Lebens ist letztlich kein Guru-Kraut gewachsen. Die Erfinder nehmen sich überfordert das Leben, der Professor stirbt staatstragend und die Witwe des einen Guru-Produzenten nimmt den Klon an ihre Seite und baut mit ihm, der sich jetzt Alexandre Gorby nennt, ein neues Leben auf. Und wenn sie nicht gestorben sind, so guren die Gurus noch heute.

Die „Glücksmacher“ sind ein witzreicher fiktionaler Text, in den aber jede Menge Rezepte, Thesen und Antithesen verpackt sind, so dass man sich als Leser bei Bedarf selbst heilen kann.

 

Roger-Pol Droit: Glücksmacher. Von Gurus und Scharlatanen. A. d. Franz. von Hainer Kober.

Hamburg: Hoffmann und Campe 2007. 223 Seiten. EUR 18,50. ISBN 978-3-455-01565-2.

Roger-Pol Droit ist Philosoph und Journalist.

Helmuth Schönauer 02/09/08

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1090

25 Jahre und 11 Monate am Brenner

Es war im November 2006. – Während die Leser bereits eine Gänsehaut aufstellen, wie sie es für jene Krimis gelernt haben, welche mit einer furchtbar detaillierten Zeitangabe beginnen, ist Entspannung angesagt. Die Autorin hat an diesem markant-gewöhnlichen Datum nämlich einfach bloß beschlossen, ein Buch über ihre Tätigkeit am Brenner zu schreiben.

Der Brenner ist natürlich nicht irgendwer, Wasserscheide, politische Grenze und Ausgangspunkt für so manches literarische Abenteuer ist der Brenner jahrzehntelang der Innbegriff eines Trödlermarktes gewesen.

Die Autorin war ursprünglich im Sport engagiert, da es aber dort nichts zum beißen gibt, blieb ihr nichts anders übrig, als handfest arbeiten zu gehen, und da bot sich ihr eine Stelle für universelle Produkte am Brenner dar. Denn mit der Zeit hat die Erzählerin alles gemacht, Schuhe verkauft, Lebensmittel, Textilien, Saisonware und Longseller.

Vom ersten Geld gab es eine echte Jacke, die sich offensichtlich wohltuend vom Ramsch am Pass abhob. Und dann das Übliche, Schwangerschaften, Kinder, ein Leben, für das man ununterbrochen hart anpacken muss.

Wer so lange im Geschäft ist, merkt auch, wie sich das Publikum verändert. Während früher noch ordentlich gekauft wurde, gehen heutzutage die Kunden oft nur lustlos durch die Hallen, um maximal mit den Augen zu rollen, wo der sprichwörtliche Rubel rollen sollte.

 „Man fragt, was sie suchen, dann heißt es, ‚mich hat nichts angesprungen‘. Manchmal ist das frustrierend, denn wenn man mir ungefähr sagen würde, wie eine Ware sein sollte, könnte ich vieles zeigen.“ (29)

Und auch sonst ist die moderne Kundschaft eher ungeduldig und unordentlich, wenn etwas am Boden liegt klaubt es niemand mehr auf.

Silvia Eisendle erzählt unbekümmert ihre Jahre am Brenner herunter, es ist ein interessantes Leben, worin die Aufregungen eben als Alltag ohne Ende auftauchen. Es ist letztlich nicht wichtig, auf welcher Stufe man steht, sondern auf der Stufe wo man glücklich und zufrieden ist, heißt es etwas holprig unter einem Bild, auf dem sich das Pflaster einer Freitreppe biegt.

Frech wie zu Beginn hört die Autorin auch wieder auf: „Warum ich diesen Bericht geschrieben habe? Ich hatte einfach Lust dazu.“ (48)

 

Silvia Eisendle: 25 Jahre und 11 Monate am Brenner. Ein Bericht. Fotos.

Pflersch: Eigenverlag 2007. 50 Seiten. EUR 10,-.

Silvia Eisendle, geb. 1967 in Sterzing, lebt in Außerpflersch.

Helmuth Schönauer 01/08/08

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1669

Auf der Suche nach Amerika

Hinten und vorne eine Landkarte, darin eine Reiseroute eingezeichnet, so haben wir früher einmal Abenteuer lesen gelernt anhand von Karl May.

Bettina Gaus hat in ihrem aktuellen und intellektuellen Amerika-Roadmovie in die US-Karte die Bundesstaaten, deren Hauptstädte und den eigenen Reiseweg eingezeichnet. Gegen den Uhrzeigersinn geht es von Maine aus der US / kanadischen Grenze entlang nach Seattle, das aber perfekt umfahren wird. Die Reiseroute biegt „hinunter“ nach Kalifornien, berührt in Nogales die mexikanische Grenze, ehe es über Texas und Georgia stracks entlang der Atlantikküste zurückgeht in die Nähe des Ausgangspunktes.

Zwei Ozeane, vier Zeitzonen, 25 Bundesstaaten in hundert Tagen, heißt es in der Beschreibung.

Bettina Gaus meidet alle „Musts“ und Großstädte, sie versucht möglichst am flachen Land dieses gigantische Gebilde zu umrunden und dabei viele Menschen, die im sogenannten Leben stehen, zu interviewen.

Daraus entsteht eine spannende Interview-Tour, in die immer wieder historische Zusammenhänge, Wirtschaftsdaten und Größenvergleiche eingeblendet sind.

„Montana ist etwas größer als Deutschland, hat aber weniger als eine Million Einwohner. Das prägt den Blick auf die Welt und auf das eigene Leben.“ (130)

Unterlegt ist das Erkundungs-Movie mit jenem frechen Buch (Die Reise mit Charley) aus dem Jahre 1960, worin John Steinbeck beschreibt, wie er mit seinem Pudel den Wahnsinn Amerika erlebt. Mit diesem Vergleich lässt sich gut der Fortschritt der Zeit dokumentieren, andererseits ergibt sich daraus ein aufregender Mix zwischen Innensicht (Steinbeck) und Korrespondentenblick (Gaus).

Natürlich fehlt es nie an Wahnsinnsmeldungen, die sofort Aufnahme in einem Kino-Film finden könnten, wenn etwa jemand behauptet, das Abschmelzen der Pole sei nichts anderes, als das Auflösen eines Eiswürfels im Wasserglas, oder an anderer Stelle eine Frau keinen Mann findet, weil die Gegend so öd ist.

Die Autorin bittet den Leser an keiner Stelle um Mitleid für die dargestellten Protagonisten, andererseits zollt sie den verrücktesten Ideen durchaus Respekt, indem sie es dem Leser überlässt, diese Gedankengänge zu rezipieren.

Auf der Suche nach Amerika ist ein brandaktuelles, geduldiges, zeitgebundenes aber auch zeitloses Buch über das Abenteuer Amerika. Und im Vorwort heißt es daher richtigerweise: „Wer heute jünger ist als 75 Jahre, irgendwo auf der Erde, ist von der Kultur der USA bestimmend mitgeprägt worden. Im Guten wie im Schlechten.“

 

Bettina Gaus: Auf der Suche nach Amerika. Begegnungen mit einem fremden Land.

Frankfurt/M: Eichborn 2008. 236 Seiten. EUR 19,95. ISBN 978-3-8218-5701-5.

Bettina Gaus, geb 1956, ist politische Korrespondentin der ‚tageszeitung‘ in Berlin.

Helmuth Schönauer 11/08/08

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1093

Harte Landung

Hilf dir selbst, sonst hilft dir Gott. So in etwa könnte die Grundbotschaft jener beiden Erzählungen lauten, die den Ich-Erzähler an jene Grenze gebracht haben, hinter welcher entweder das Jenseits oder die irdische Verstümmelung warten.

Reinhard Kocznar steckt teils autobiographische Erlebnisse einem Ich-Erzähler in den Holster, und die Erzählungen sind durchaus scharf geladen.

Der Alptraum jedes Ich-Erzählers ist die Lähmung, das Erwachen ohne logische Verknüpfung, das Herumschwirren eines losen Partikels im Weltraum. Das Aufwachen in einer Intensivstation ist etwa so lustig wie das Strampeln eines Käfers, zu welchem in Kafkas Verwandlung Gregor Samsa über Nacht geworden ist. Unter „Neustart“ stellt sich der Leser oft eine Karriere in der Liebe oder in der Wirtschaft vor, hier gilt es, die zertrümmerten Körperteile wieder in Schuss zu bringen, den Lebenswillen zu finden und Kontakt zur früheren Außenwelt herzustellen. Teilweise helfen Textpartikel aus der Weltliteratur, teilweise zischen zynisch Zeilen aus aktuellen Pop-Songs durch den Kopf des Delinquenten der Intensiv-Medizin. Allmählich lichtet sich das Sein, der Erzähler hatte einen formidablen Verkehrsunfall, in dessen Folge man beispielsweise das Bremspedal aus dem Fuß des Verunglückten schneiden musste. In ersten Bewegungen schielt der Verunfallte auf die Nachbarbetten und sieht, dass man hier selbst zum Überlebenswillen greifen muss, sonst geht die Geschichte nicht gut aus. Ein Foto der kaputten Fahrzeuge beendet die Erzählung mit der Botschaft: So zertrümmert kann etwas gar nicht sein, dass sich nicht daraus ein Neustart entwickeln ließe.

In der zweiten Erzählung erlebt der Erzähler einen Tinnitus, den er punktgenau mit Liedern bekämpft wie „The Sound of Silence“ und „What a beautiful Noise“. Logischerweise heißt diese Erzählung „Beautiful Noise“ Diese Ohrwürmer entwickeln sich zu einem perfekten Medikament, wenn es gilt, einen hässlichen Grundton zu überblenden. Natürlich kann die Schulmedizin in so einem Fall recht wenig tun, der Erzähler muss wieder einmal selbst den eigenen Ohren Beine machen. Denn die Hilfsmittel von außen gleichen irgendwie einer Versicherung, man ist froh, wenn man sie hat, aber wenn man sie braucht, steigt sie aus.

In einem Abspann werden diese Lyrics kommentiert, eine völlig neue Methode, das Geniale von Pop-Songs durch die Verknüpfung mit Grenzerlebnissen des Hörers darzustellen.

Reinhard Kocznars „Harte Landung“ geht dem Leser durchaus unter die Haut, liegt er doch wie der Protagonist authentisch gelähmt und zerstört im Text. Aber der Grundsound ist aufbauend: Du musst da selbst raus, sonst ist es aus!

 

Reinhard Kocznar: Harte Landung. Grenzerlebnisse. Erzählungen.

Innsbruck: Edition KoCheck 2008. 109 Seiten. EUR 13,50. ISBN 978-1-4092-0505-8.

Reinhard Kocznar, geb. 1951, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 11/08/08

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1671

Glänzendes Graz

Wenn jene Generation, welche üblicherweise nicht in der Stadtregierung vertreten ist, über die Heimatstadt literarisch zu flunkern beginnt, dann fliegen die Funken. So auch im wunderschönen „Kompliment“-Buch glänzendes Graz.

In einer Fußnote gibt es den Hinweis, dass „engl. gay auf deutsch glänzend, bunt oder homosexuell“ heißen kann. (29) Diese Annotation zeigt in Kurzform, wie Graz im Lichte junger Autorinnen und Autoren glänzt.

Lilly Jäckl stellt in der Eingangsgeschichte die übliche Geographie auf den Kopf, Graz liegt an der Elbe, irgendwo in der Murfurche kreuzen sich Elemente Usbekistans mit alpin heimischen Biotopen, die Stadt Graz glänzt an allen Ecken und Enden, kurzum, das Paradies, wie es von aufräumenden Reden diverser Politiker ins Auge gefasst wird, ist eingetreten.

Georg Petz schließt an diesen Glanz mit sogenannter Antimaterie an, indem er beschreibt, wie sich der Dreck auf seiner Loggia alphabetisch geordnet entwickelt.

Aus der Ferne wirkt Graz vielleicht wie eine geheime Gay-Town, meint Sarah Foetschl.

Graz als „Überbleibsl“, Graz kindisch, Graz in fünf Novelletten, stellen sich als freche Zugänge zur Realität heraus, die einem Prospekt der Wahrheit ziemlich nahe kommen.

Andrea Stift traut dem Beschreibungsfrieden nicht, vermutlich wird alles schon verfälscht beschrieben sein, was es über Graz zu sagen gibt. Aus diesem Grund stellt sie einem sinnlosen Gespräch, wie es vielleicht auf einem der schönsten Spazierwege von Graz ablaufen könnte, die harte Sprache der Nutten-Realität entgegen. Aus Originalzitaten mehr oder weniger zufriedener Sexkunden wird die Uhrturm-Stadt hormonall aufgerollt.

Aus dem Mythos Kulturhauptstadt entwickelt Andreas Unterweger schließlich eine wahre Tragödie um das Klavier Udo Jürgens.

Der Herausgeber Wolfgang Pollanz hat diese spitzen Zugänge zu Graz beinahe kommentarlos abgewickelt, in einem Nachspann sind die Biographien der Künstlerinnen aufgeführt. Ein kleiner Dank am Vorblatt wirkt wie ein literarisches Programm, welches Autoren ihrem Stoff gegenüber semi-religiös zelebrieren.

„ Special thanks to the town of Graz / for beeing the town of Graz.“

Elegant komponiert, authentisch, schön, wir Leser werden wohl bald komplett in Graz vor der Stadttüre stehen! Und wehe, es ist nicht so, wie in diesem witzigen Buch beschrieben.

 

Wolfgang Pollanz (Hg.): Glänzendes Graz.

Wies: Kürbis 2008. 91 Seiten. EUR 14,90. ISBN 978-3-900965-35-8.

Wolfgang Pollanz, geb. 1954 in Graz, lebt in Wies.

Helmuth Schönauer 02/09/08

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1668

Der König von Helsinki

Manchmal ist das Schicksal an der Kippe zwischen Erfindung und Zuschlag angesiedelt, in solchen Fällen weiß man dann nie, ob es sich um einen Roman oder die Darstellung eines öffentlichen Sachverhalts handelt.

Roman Schatz erzählt schelmenhaft und abgebrüht das Leben eines Deutschen, der nach Finnland emigriert. Der Status des Ich-Erzählers gibt dem Text einen ordentlichen authentischen Schub, die eingefügten Wahrnehmungen und vor allem die aberwitzigen Dialoge lassen vermuten, dass das Buch ein handfester Roman ist.

Der Erzähler lernt das Leben über die Sexualität kennen, da ist erstens immer etwas los und zweitens tut sie auch nicht weh. Bei dieser Gelegenheit lässt sich auch die Bundesrepublik so halbwegs aushalten, es gibt zumindest an der Grenze einen formidablen Ostfeind und  wenn man gar bei der Bundeswehr gedient hat, versteht man plötzlich den Zusammenhang von Alltagspolitik, Kaltem Krieg und Wahnsinn.

Sirpa ist eine heiße Finnin, die zielstrebig in das Leben des Erzählers einbricht, bald wird geheiratet, das Leben nimmt in Finnland den üblichen Lauf. Bemerkenswert, wie sich Finnland und die ehemalige DDR gleichen, die Finnen haben seltsame Vorschriften in ihrem Bürokratie-Programm und haben nur eines im Sinn, die Sowjetunion nicht zu verärgern.

Während das Privatleben seinem Höhepunkt zustrebt, immerhin wird das eine und das andere Kind gezeugt, setzt sich der Immigrant als König von Helsinki durch. Er ist weit und breit der einzige, der die Finnische Sprache so halbwegs gelernt hat. Allmählich wird Finnland zum Normalzustand, während die Ecke am Bodensee zur entlegensten Stelle der Welt mutiert.

Es gibt kaum eine Situation, worin nicht die witzige Sprache der Finnen zumindest für die Deutschen Unterhaltung und Staunen bewirkt. So heißt beispielsweise die Formel, mit der die Ehepartner ihre Hochzeits-Zeremonie vor dem Standesamt abwickeln, durchaus auch „ich habe gefickt“. (Die Übersetzungen sind jeweils diskret an den Buchrand gesetzt, damit der Leser selbst schuld ist, wenn er solche Fügungen aufsucht, indem er das Buch um neunzig Grad abdreht.)

Die Geschichte selbst geht wie heutzutage üblich aus, die Liebe wird heruntergefahren und man trennt sich irgendwie mit dem Bewusstsein, eine durchaus schöne Zeit hingelegt zu haben.

Roman Schatz’s Roman ist ein toller Ritt durch die Höhen und Tiefen der Erotik und gleichzeitig auch eine spritzige Darstellung über die diversen Lebenskulturen an den verschiedenen Rändern Europas. Allein dass ein Deutscher nach Finnland geht, ergibt ja schon Stoff für ein ganzes Buch, und wenn dann noch die semantischen Messer zwischen den beiden Sprachen gezückt werden, ist charmantes Wetzen angesagt.

 

Roman Schatz: Der König von Helsinki. Oder wie ich der berühmteste Deutsche Finnlands wurde.

Frankfurt/M: Eichborn 2008. 254 Seiten. EUR 14,95. ISBN 978-3-8218-5836-4.

Roman Schatz, geb. 1960 in Überlingen, lebt seit 1985 in Finnland.

Helmuth Schönauer 08/08/08

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1091

Die Sennenpuppe

Wahrscheinlich wird niemand wegen eines Librettos in die Oper gehen. Aber wenn das dramaturgische Rückgrat einer solchen Aufführung spannend ist, ist es sicher kein Schaden für das Gesamtkunstwerk.

Alois Schöpf hat einen archaischen Sagenstoff zu einem durchaus modernen Libretto ausgearbeitet. Auf der Alm, wo es ja in der Hauptsache karge Lebensbedingungen und üppige Phantasie gibt, hat ein junger Senn eine Puppe geschnitzt. Als am Abend der Bauer und der Hirte in die Hütte kommen, werden sie alle drei übermütig und flößen der Puppe Nahrung ein. Und siehe, die Puppe entwickelt sich zu einer lebendigen Schönheit, bedankt sich bei ihren Kreatoren und bringt ordentlich Unruhe in das so felsglatte Leben der Sennen.

Was ist schon der vorgegaukelte Sinn des Lebens wert, wenn man von Erotik bloß träumen darf und nichts Handfestes in der Hand hat? Und gibt es eine Schönheit, welche sich mit Händen anfassen lässt? Und zerbricht nicht jegliche Erotik, sobald es handfest zur Sache geht?

Die Männer sind völlig aus dem Häuschen und ersingen sich an diesem Abend einen kompletten Lebenssinn. Kein Wunder also, dass die Puppe, jahrzehntelang im Holz festgefangen, plötzlich über alle Maßen ausbricht und die Sennen ans Ende ihrer Vorstellungskraft bringt.

Die Musik hält sich offensichtlich an diese wichtigen Stimmungen des Grübelns, Abend, Nacht und Morgen, aus diesem Grund werden sie wie indische Ragas Abendmusik, Nachtmusik und Morgenmusik genannt.

Gerüchtehalber soll der Zwölftonkomponist Josef Matthias Hauer für seine Oper Salambo (1929) einen bewusst unauffälligen Text genommen haben, damit die Leute auf die Musik hören und nicht auf den Text. Alois Schöpf gibt dem Text durchaus die Sehnsuchts-Kraft gestandener Männer und den Wahnsinn der erotischen Verführung. Allein im Zeitalter der aufblasbaren Puppen die Verführung aus schwerem Alpinholz zu schnitzen, ist durchaus glaubwürdig. Und wie verstohlen und leicht verlogen die männlichen Protagonisten mit ihrem Weltbild durch die dünne Luft des Almwesens segeln, gibt dem Text eine Leichtigkeit, die scheinbar mühelos Wahn und Vorstellung zu einem musikalischen Drama zusammenfügt.

Dass man vor der Uraufführung der Oper schon den Text in Händen halten kann, macht vermutlich die Ohren frei, um das Musikgeschehen dann unbelastet zu rezipieren.

 

Alois Schöpf: Die Sennenpuppe. Libretto zur Oper in drei Akten für Blasorchester und Sänger von Ernst Ludwig Leitner. [Premiere 8. August 2008 im Stadttheater Gmunden].

Hohenems: Limbus 2008. 48 Seiten. EUR 3,80. ISBN 978-3-902534-23-1.

Alois Schöpf, geb. 1950 in Lans, lebt in Lans.

Helmuth Schönauer 01/08/08

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1673

SumSum

Moderne Liebesgeschichten laufen längst nach virtuellen Gesetzen ab. Pech für die Liebenden ist nur, dass sich Hormone und Körper noch nicht ganz auf diese neue Lebensform eingestellt haben.

Bei modernen Theateraufführungen ist kein Geld für Personal da, weshalb die Autorin als pragmatische Theaterfrau auf ein kleines Personen-Set zurückgreift. Ein Internet-Fan, einsam, hat über das Netz eine ferne Partnerin kennengelernt, ein Kassettenrecorder zeitloser Machart liefert Anleitungen für Begrüßungs- und Liebesformeln in einer fremden Sprache, die Geliebte hat eine Schwester, der Liebende einen einsamen Freund. Am Rande braucht es noch einen Priester, der halb als Drohung, halb als Antiquität des festen Lebenssinns überall Hochzeiten ausruft, wo immer er auftauchen muss.

Kurzum, der Internet-Lover setzt sich ins Flugzeug und fährt an das Ende der Welt, um dort seine Partnerin zu treffen. Diese rückt mit Schwester und Priester an, um das alles in der eigenen Kultur zu manifestieren. Zwischen Sprech-Gestotter und kulturellem Wirrwarr zeigt sich, dass der irdische Boden anders funktioniert als die Liebe im Internet.

Aber diese virtuelle Welt ist ja nur der vorgebliche Schein, den es zu allen Jahrhunderten gegeben hat. Liebst du mich, wenn ich es ausspreche, ist es dann hin, bin ich, was du erwartest, wie können wir in einer fremden Welt bestehen?

Die wichtigsten Fragen ergeben sich aus dem realen Umgang mit der Umgebung. Zwischen Infantilität, Fingersprache und Wortlosigkeit gibt es kaum einen Unterschied. Das wichtigste Signal dieses Stückes ist daher ein kleiner Strich, der nach Regieanweisung eine glatte Pause darstellt, und es gibt viele Pausen der Realität in diesem Stück.

Einmal versucht der Liebhaber sein Gefühl mit honigsuchenden Bienen zu vergleichen, Sumsum, you know?

Überhaupt spielt das Stück zur Hälfte in jenem universellen Touristen-Englisch, das Gerhard Polt in seinen Touristenstücken so treffend darstellt. Man spricht deutsh!

Die Schwester ist eigentlich die interessantere Frau, stellt der Lover allmählich fest und fährt wieder heim. Sein Freund ist schon ganz geil und will wissen, ob die Schwester zugänglich ist. Furchtbare Einsamkeit legt sich wieder über die Bühne. Das Netz bringt vieles, aber hat auch am Ende der Welt seine Grenzen. Die Liebe verspricht manches, hat aber oft schon in der ersten Umarmung die Grenzen erreicht.

SumSum ist eine witzige Liebestragödie an der Kippe zwischen echt und gefälscht, wobei die sogenannte handfeste Bühne einen soliden Boden für die Oszillation von Vorstellung und Wille darstellt.

 

Laura de Weck: SumSum. Ein Stück.

Zürich: Diogenes 2008. 81 Seiten. EUR 9,90. ISBN 978-3-257-06681-4.

Laura de Weck, geb. 1981, ist Ensemblemitglied des Jungen Schauspielhauses Hamburg.

Helmuth Schönauer 02/09/08