Buch in Pension – Rezensionen Oktober/2020


Thomas Antonic: Amongst Nazis. Unter Nazis. William S. Burroughs in Vienna 1936/37.

Antonio Fian: Nachrichten aus einem toten Hochhaus. Erzählungen.

Martin Fritz: Die Vorbereitung der Tiere. Poetry Slam und Lesebühnenstücke.

Udo Kawasser: Ried.

Rudolf Lasselsberger: Genau in diesem Moment begann es zu regnen.

Christian Moser-Sollmann: Ohne WHAM und ABBA. Roman.

Christian Lorenz Müller: Unerhörte Nachrichten. Roman.

Wolfgang Pollanz (Hg.): Baby, You Can Drive My Car. Eine Auto-Anthologie.

Christoph Simon: Swiss Miniatur. Kleine Prosa.

Hedwig Wingler: Vergessenes und Erinnertes. Texte.


GEGENWARTSLITERATUR 2931

Amongst Nazis / Unter Nazis

Unter Bibliothekaren entsteht immer ein gewisser Aufruhr, der in einen dienstlichen Aufschwung mündet, wenn ein so genanntes zweisprachiges Buch eintrifft. Niemand weiß vorerst, in welcher sprachlichen Abteilung das Buch untergestellt werden kann. Für eine Entscheidung braucht es eine Spontanlektüre. Zweisprachige Bücher haben also den Vorteil, dass sie zumindest von Bibliothekaren rasch gelesen werden. In Südtirol, wo mehrsprachige Bibliotheken zu sprachlichen Intensivstationen ausgebaut sind, entledigt man sich dieses Problems oft dadurch, dass man das Buch an der Sprachkante auseinanderreißt und die jeweiligen Teile in den passenden Abteilungen aufstellt.

Thomas Antonic erklärt zu Beginn seines Forschungsberichts über William S. Burroughs Wien-Aufenthalt 1936/37, warum eine zweisprachige Ausgabe unumgänglich ist. Die Nazis nämlich lassen sich nur festmachen, wenn man ihre Parolen in Originalsprache zitiert. Das hat auch W. S. Burroughs für seine Arbeit antizipiert und Teile seiner Vorstudien für „Naked Lunch“ in deutscher Originalsprache notiert.

In diesem Zusammenhang lässt sich eine Leseerinnerung zu Walter Abishs grandiosem Roman „How German is it“ (1980) herstellen. Darin wird ständig gefragt, wie deutsch etwas ist, um daraus den Naziquotienten zu berechnen.

Der Essay „Amongst Nazis“ geht der Frage nach, ob ein Wien-Aufenthalt der späteren Leitfigur der Beatniks Spuren im Werk hinterlassen hat. Und die Antwortet lautet, ja unbedingt.

William S. Burroughs Reise nach Wien ist ursprünglich eine Belohnung für seinen Schulabschluss, weshalb er zuerst einmal als Tourist auftaucht. Bald darauf beginnt er im Wien des End-Ständestaates ein Medizinstudium und spürt selbst als Student bereits den Umbau der Universität, wo jüdische Professoren auf diverse Listen geraten, während Nazi-Personal bereits die kommende Ideologie in Wort und Lehre herausplärrt.

Schlagzeilen, Parolen, Liedgut bei Trinkabenden und Studenten-Rituale geben „zündenden“ Stoff für Geschichten, die demnächst hochgehen werden. Burroughs notiert einiges aus diesem Sprachmaterial in Originalsprache und lässt diese dann in die Romane einfließen.

Viele reale Floskeln wirken im Roman ausgesprochen obszön und „gaga“, was sich in den Übersetzungen der amerikanischen Originale ins Deutsche zeigt. Da geniert man sich in der Post-Nazizeit für die harte Sprache und lässt Obszönitäten im Original stehen oder übersetzt sie sogar fälschlicherweise in ein einlullendes Amerikanisch zurück.

Im Essay werden einige dieser Hardcore-Fügungen behandelt. Am Beispiel „Futball“ zeigt sich etwa ein rauer Subton, konnotiert diese Schreibweise doch den „vulgären“ Sprachabdruck des weiblichen Geschlechtsorgans.

Neben der medizinisch-universitären Welt hat es den Studenten vor allem die sexuelle Szenerie angetan, in Bädern und ausgewiesenen Spa-Bereichen kann die Homosexualität ungeniert ausgelebt werden. Den Beobachter beeindruckt vor allem die Ungeniertheit, mit der hier gegen Geld alles angeboten wird. Der Besucher kommt zum Schluss, dass man in dieser sozialen Lage in Wien für Geld alles kaufen kann, was sexuell am Markt ist.

In einem Abstecher des Essays kommt der Ausflug von Burroughs nach Dubrovnik zur Sprache, wo er quasi aus der Hüfte heraus Ilse Herzfeld heiratet, um ihr ein Visum nach Amerika zu ermöglichen. Diese Pragmatik ist eine vernünftige Antwort auf die monströse Judenverfolgung, das Verhältnis Logik, Entgleisung, Monstrosität, Genie und Wahnsinn zieht sich später durch die Romane.

Die sehr kompakte Bösewicht-Figur Dr. Benway ist aus den Elementen Arzt, Medizin, Wien und Nazisprache zusammengesetzt. In einem Interview fällt zig Jahre später die Begründung für die gelungene Installation dieser Figur: „Ich habe 1936 ein Jahr in Deutschland verbracht.“ (113). Die Gleichsetzung Österreichs mit Deutschland ist perfekt.

Thomas Antonic erfüllt mit seiner Analyse die Gelüste der Burroughs-Forschung, Licht in den bislang schwach ausgeleuchteten Europaaufenthalt zu bringen. Für Beatnik-Fans und angespornte Leser stellt der Essay eine interessante Methode vor, wie man das letztlich unbegreifliche Leben von Beat-Autoren begreifbar machen könnte: Durch Aufsuchen jener Ritzen der Gesellschaft, in welche die jeweiligen Protagonisten gewollt oder ungewollt gefallen sind beim Bestreben, für den üblichen Literaturbetrieb unbegreiflich zu bleiben.

Eine fette Bildersammlung, sauber zwischen die beiden Sprachflügel gesetzt, unterstützt diese Suche nach Bildern, die nicht in übliche Biographien passen.

Ein Aufregender Essay, der mindestens auf drei Metaebenen funktioniert!


Thomas Antonic: Amongst Nazis. Unter Nazis. William S. Burroughs in Vienna 1936/37. Illustriert von Kai Pohl. Englisch und deutsch.

Schönebeck: Moloko Print 2020. 135 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-943603-84-2.

Thomas Antonic, geb. 1980 in Bruck an der Mur, lebt in Wien.

William S, Burroughs, geb, 1914 in St. Louis / Missouri, starb 1997 in Lawrence / Kansas.

Helmuth Schönauer 18/09/20



GEGENWARTSLITERATUR 2925

Nachrichten aus einem toten Hochhaus

Jeder erniedrigende Vorfall zeigt sich in der Literatur als hochgelobte veredelte Erzählform. Als Dostojewski die bedrückenden Lebensformen des zaristischen Lagerlebens aufzeigt, entwächst daraus der wirkmächtige Roman „Aufzeichnungen aus einem toten Haus“.

Antonio Fian veredelt in unnachahmlicher Art beides: Die weltberühmte Literatur und die erniedrigenden Verhältnisse des österreichischen Alltags. Die Geschichte vom „toten Hochhaus“ ist der erste Platz auf dem sogenannten Ranking-Treppchen. Um zu dieser Geschichte vorzudringen, muss man sich zuerst durch eine Sammlung alptraumhafter Episoden treiben lassen und eine Führung durch die Mur-Mürz-Furche absolvieren.

Die erste Stufe auf dem Weg zum literarischen Wahnsinn ist eine Sammlung von Erzählungen nach Träumen. Die etwa sechzig Episoden sind ohne Überschrift in einen durchgehenden Fließtext verpackt, wodurch diese Realitätshektik beim Aufwachen nach Alpträumen prächtig zur Geltung kommt.

Der Ich-Erzähler ist beispielsweise in einer Sterbeklinik umgebracht worden, weil er einen Kontrakt unterschrieben hat. Kaum ist er gestorben, denn Kontrakt ist Kontrakt, wacht er auf und muss feststellen, dass er schon wieder in einen wilden Traum geschlittert ist. Dieses Mal ruft der längst verstorbene Schriftsteller Werner Kofler aus dem Jenseits an und verlangt nach Zigaretten, die man ihm an einem bestimmten Beisl hinterlegen soll. Der Erzähler hat mit seiner Partnerin gerade geklärt, dass es sich vielleicht um einen Jenseits-Fake handeln könnte, da drückt man ihm schon einen Kinderwagen in die Hand mit der Bitte, den darin sitzenden Großvater eine Runde spazieren zu schieben.

In dieser mit der Zeit als logisch empfundenen Tonart geht es weiter. Ein Wildschwein kommt geschlachtet in die Küche und versaut alles mit seinem Blut, die Feinschmecker sollen nämlich sehen, was sie angerichtet haben. (18) Der Ich-Erzähler hat gerade aus heiterem Himmel ein Kind geboren und muss feststellen, dass er in Wirklichkeit geschlechtslos ist. An anderer Stelle soll sich der Held mit einer Tierseuche herumschlagen, er führt nämlich über Nacht einen Schweinemastbetrieb und ist dem massenhaften Elend nicht gewachsen, das bei Tageslicht von der Bevölkerung verzehrt wird.

Einen thematischen Schwerpunkt dieser Alpträume setzt stets der Literaturbetrieb. Der schreibende Held wird vom Markt gezwungen, einen Krimi zu schreiben, und erlebt eine Sinnkrise. In allen peripheren Wüstungen sind plötzlich Lesungen angesagt, der Horror für den Vortragenden ist vorprogrammiert, denn entweder stimmt der Ort nicht, es gibt kein passendes Verkehrsmittel , der vorzutragende Text hat sich ohne Zutun verändert, oder das Publikum entgleist, weil es mit der dargebotenen akustischen Ware nichts anfangen kann. Die Lesungen brauchen nur ein Kriterium zu erfüllen; Sie sind völlig entlegen abzuwickeln! Spontan gerät der Held mit seiner Kollegin am Rande von Asien in einen politischen Umsturzversuch, was man ihm aber als besondere Form der Literatur erklärt.

Eine Spezialität von Antonio Fian ist es, die sogenannte Realität auf einer höheren Ebene anzusetzen, was prompt den Großteil der österreichischen Bevölkerung aussteigen lässt. Mit dieser höheren Ebene ist die Metaebene des Literaturbetriebs gemeint. Dabei können Kalauer und Episoden bei Dichtertreffen genauso den Nullpunkt der Wahrnehmung auslösen, wie Helden aus Romanen und heldenhafte Sager des Publikums im Roman.

In der Erzählung „Mur-Mürz-Furche“ fährt ein literarisch erektiler Speisewagenbesucher mit dem Railjet durch die Steiermark und erklärt dem gegenübersitzenden Mitreisenden ungefragt das Land, seine Nazis und seine Literatur. Während der Railjet durch Mürzzuschlag rollt, kommt es zu einem sagenhaften Höhepunkt des Kommentators. Er kriegt sich fast nicht mehr ein, als er erklärt, dass die Nobelpreisliteratin Elfriede Jelinek hier geboren ist und seit ihrer Geburt die Nazis bekämpft, die seit dem Krieg nicht weniger geworden sind.

Die Höhepunkt-Geschichte handelt nun tatsächlich von einem Höhepunkt des literarischen Betriebs. Der Ich-Erzähler ist wieder einmal so blöd, ein Stipendium anzunehmen, und muss ein Monat lang im ungarischen Pécs verbringen mit der Auflage, eine Geschichte abzuliefern. Da in Pécs wie überall in der Stipendienwelt nichts los ist, lässt sich der Held eine Führung angedeihen und verlangt einen Besuch beim sagenhaften Hochhaus. Seit Jahrzehnten nämlich ist in diversen Reiseführern und Internetforen vermerkt, dass in der Nähe des Bahnhofs ein fünfundzwanzigstöckiges leeres Hochhaus steht, das sich nicht abreißen lässt. Das Problem für den Stipendiaten freilich liegt darin, dass kein Einheimischer von diesem Hochhaus weiß. Und auch der Reiseführer kann nicht behilflich sein, weshalb dieses fiktionale Hochhaus jetzt mühselig in eine Geschichte eingearbeitet werden muss, deren Abgabetermin immer näher rückt. Erschwert wird diese Entfiktionalisierung des Hochhauses dadurch, dass ein gewisser Werner Kofler darüber geforscht hat. Freilich hat er seine Erkenntnisse über den wahren Sinn der Realität ins Jenseits mitgenommen.

Antonio Fian braust durch seine eigene Welt, träumt, leidet, montiert und suggeriert, dass einem normalen Leser Hören und Sehen vergeht. Aber die Erzählungen haben die Suggestion eben dieses Dostojewskis, so dass wir Leser glücklich und beinahe erlöst sind, wenn wir an diesem Erzählkosmos teilhaben dürfen.


Antonio Fian: Nachrichten aus einem toten Hochhaus. Erzählungen.

Graz: Droschl 2020. 115 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-99059-059-1.

Antonio Fian, geb. 1956 in Klagenfurt, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 07/09/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2243

Die Vorbereitung der Tiere

Grob gesprochen gibt es für Bücher zwei Arten des Erstauftritts: Die einen kommen ungefragt daher und setzen sich in einen Neuerscheinungskatalog, die anderen werden heftig erwartet und tauchen ums Verrecken in keinem Katalog auf.

Martin Fritz Versuchslehrbuch zur Poeterey wird im heimischen Literaturbetrieb seit Jahren erwartet, eingefordert und händeringend umtanzt. „Die Vorbereitung der Tiere“ ist nämlich eine Zusammenfassung einer aktuellen Literaturtheorie mit einprägsamen Lehrstücken, die tatsächlich die literarische Welt verändern.

Den poetischen Kosmos bereitet der Autor mehrdimensional in der Peripherie auf. Martin Fritz ist als Veranstalter von Poetry Slams, Lehrbeauftragter an der Uni, und Forscher einer geheimnisumwitterten Tier-Enzyklopädie auf vielen literarischen Orten der Provinz im Einsatz. Digital bestens vernetzt ist er mit allen gängigen Trends vertraut, das studentische Publikum aus allen Teilen des Kontinents trägt ihm zudem exotische Entwicklungen aus allen Teilen der EU zu. An manchen Tagen ist so viel Literatur in Bewegung und krümmt sich als Transit durch das Land, dass der Forscher nur beobachten und messen muss, um die Literaturströme zu kalmieren und zu kanalisieren.

Die Vorbereitung der Tiere ist in einem Dreierschritt aufgebaut: Als Vorbereitung gibt es eine Theorie zur Enzyklopädie der Tiere, in elf Kapitel werden anschließend Fallbeispiele, dramatische Inszenierungen und Sprachspiele vorgestellt, wie sie jeden Abend in der Gegenwart passieren könnten, ein Epilog präsentiert schließlich zwei Allerweltsfragebögen, mit denen sich so gut wie alles erforschen lässt. Dieses Material für diverse Untersuchungen mündet in einer sinnlosen top-ten-Liste, die dem Buchhandel nachempfunden ist. An welchen zehn Ecken einer Provinzstadt steht es sich am besten? Die Untersuchung ist vermutlich stark Witterungsabhängig und gleicht damit jenen Bestsellerlisten, die über den Daumen gepeilt stündlich erstellt werden.

Das Schlüsselwort des methodischen Einlass-Textes heißt Vorbereitung. Dieses mehrdeutige Wort kann eine religiöse Vorbereitung für die Endzeittage bedeuten, das simple Vorbereiten eines Festes, bei dem vielleicht die Tiere dran glauben müssen, oder eine generelle Aufmerksamkeit, wie sie im Bereich der Überlebenskünstler (Prepper) gefragt ist. Die Vorbereitung ist freilich auch ein wesentliches Element der Literatur. Die Leser sollten vorbereitet sein für Texte, die vielleicht unerwartet auftauchen, die Erzählmethode sollte darauf vorbereitet sein, mit neuen Sachverhalten zurechtzukommen, und überhaupt sollte die Welt so vorbereitet sein, dass sich darin die Veränderungen unterbringen lassen.

Daraus ergibt sich die Überlegung, dass es vielleicht die Tiere sind, die am ehesten vorbereitet sind, weil sie in ihrem Umfeld entweder überleben oder mutieren. Eine sogenannte Entfremdung gibt es bei Tieren nicht. Einen Grundstock für diese Erkenntnisse liefert dabei die Enzyklopädie. Auf der Suche nach einer passenden Besprechung der Tiere, kommt man ohne ein Inventar von Grundbegriffen nicht aus.

In Fußnoten zur Vorbereitung führt der Autor seine Vorgehensweise aus, die vor allem aus Unentschlossenheit besteht. Bei der Auswahl von Netflix-Filmen scheitert er beispielsweise daran, dass er alles gleichzeitig sehen möchte. Ein Problem, das auch beim Lesen auftaucht: Wenn du ein Buch intensiv liest, musst du alle Bücher dieser Welt lesen, denn die Bücher sind wie ein Netflix-Katalog ineinander verschachtelt.

Die praktische Anwendung dieser „tierischen Vorbereitung“ mündet bei Martin Fritz meist in Poetry Slam oder Aufführung auf einer Lesebühne. Die Texte sind von vorneherein durch das Publikum initiiert und abgestützt. Wenn der Leseabend zu einem Buch verklumpt ist, besteht das Publikum naturgemäß aus bloß einer Person, die durch Vor- und Zurückblättern die Geschwindigkeit der Performance steuert. Selbst das Buch kann wiederum zu einer Veranstaltung werden, die womöglich als Stream im Netz vermittelt wird.

Aus den elf Aufführungen bleiben besonders deutlich in Erinnerung: Eine Gerichtsverhandlung, worin darüber befunden wird, welche Tiere Menschen sind, eine Aufforderung der Verkehrsbetriebe, einem besonders unglücklichen Fahrgast den Sitzplatz zu überlassen, oder ein bürokratischer Ritt in die Vergangenheit, um den Fernseher der Zukunft anzumelden.

Die Geschichten knüpfen an Erfahrungen an, die das Publikum zumindest durch Hörensagen schon einmal gemacht hat. Berührend ist etwa jene Szene, wo die Unschuld eines Buches verlorengeht, weil jemand persönliche Notizen darin gemacht hat. Hier bricht das Konsumgut als Privatbesitz in Wertlosigkeit entzwei, während sich der öffentliche Nutzen im Buch einzunisten beginnt. (33)

Umfangreiche Poetiken haben seit Jahrhunderten die Fähigkeit, eine zeitgenössische Gesellschaft mit einer einzigen These auseinanderzunehmen. Bei Martin Fritz geht diese These auf persönliches Leid zurück: „Kurz, ich litt darunter, dass in der Erzählung unserer Gegenwart ständig Natur und Geschichte miteinander vertauscht werden.“ – Dieses Buch schafft Klarheit bei Problemen, die durch Vertauschen entstehen.


Martin Fritz: Die Vorbereitung der Tiere. Poetry Slam und Lesebühnenstücke.

Innsbruck: Edition Laurin 2020. 224 Seiten. EUR 21,90. ISBN 978-3-902866-92-9.

Martin Fritz, geb. 1982 in Rum, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 27/09/20



GEGENWARTSLITERATUR 2932

Ried

Das Ried ist ein Gefährte des Menschen, Jahrhunderte lang wurde es ausradiert, um statt dessen Ortschaften mit dem Namen Ried zu installieren. Biologisch gesehen ist das Ried ein Feuchtgebiet, eine Rodung oder ein Weinberg.

Udo Kawasser widmet sich dem Ried mit dem Duktus eines besorgten Mitbürgers. Das Ried wird als Mitmensch ernst genommen und hat wie dieser mehr oder weniger sinnvolle Bedürfnisse. Das reicht vom Durst nach Wasser bis hin zu einer guten Internet-Verbindung, und so verwundert es auch nicht, wenn das Ried zwar kein Geschlecht hat (35), dafür aber umso inniger Sex liebt (36).

Ried ist der dritte Teil der poetischen Wasser-Trilogie, im Mittelpunkt der Bände „Aufzeichnungen aus der Au“ und „Ache“ stehen ebenfalls gefährdete Gebiete, in denen das Wasser wohnt. Aber während der Erzähl-Standpunkt früher am Ufer lag, liegt der Fokus der Beschreibungen jetzt mitten im Ried. Dabei wird das Gebiet mit einer poetischen Drohne abgeflogen und aus einer erhöhten Intimsicht vermessen.

Neben den typischen Zutaten der Natur wie Wind, Wasser oder Gras, sind auch die politischen und gesellschaftlichen Anpassungen des Rieds ein Thema. Das Ried hat sich als seltenes Gebiet zwar noch archaische Züge bewahrt, ist aber wie ein typisches Postkartenmotiv von allerhand Gerätschaften der Zivilisation umgeben und bedrängt. Das moderne Ried ist ein mitdenkendes Reservat, das einerseits eine geopolitische Sicht hat und ganz patriotisch auf Europa schaut, und eine Seite weiter hat es individualisiertes Seitenstechen.

Das Ried ist auch eine Art modernes Märchen, worin die Gesetze der Natur schelmisch angekratzt, aber im letzten Augenblick gewürdigt werden. Über weite Teile gleicht die Erzählung einer Gute-Nacht-Geschichte, aus der man jemandem zwei, drei Sequenzen vorliest, dann geht der Wind in Schlummer über. Die Erzählung Ried wiederum ist selbst zur Lektüre fähig und erzählt beispielsweise von den ausgiebigen Leseabenteuern mit Hermann Hesse, der jederzeit im Moor anzulanden vermag wie ein besonnenes Insekt.

Auch in der Natur ist nie ein Tag wie der andere, und nicht alles ist schön. So fasst das Ried einen ordentlichen Tinnitus aus und ist darüber wie jeder Mensch irritiert. Dabei soll doch der Aufenthalt im Moor Heilung von allerhand Störungen der Sinnesorgane bringen. Nach einem anstrengenden Tag in der Natur blitzt schließlich eine elementare Erkenntnis auf: „Das Ried ist ein Geisteszustand.“ (36)

Dieses permanente Sendesignal zwischen Tinnitus und Geisteszustand lässt sich am besten in einem Grundsong von den Jahreszeiten und der Zeit ausdrücken. Der Erzählung ist deshalb ein Lied vorangestellt, das sich aus einer einzigen Beschwörungsformel zusammensetzt: „Das Ried im Frühling / Das Ried im Sommer / Das Ried im Herbst / Das Ried im Winter // Das Ried gestern / Das Ried heute / Das Ried morgen // Und alles / was man bloß / rauschen und brausen / gehört hat“ (9) Hier geht die Poesie ohne Ansatz in eine Naturgebet über.

Saurer Regen, Waldsterben, Mülldeponie, alle Vernichtungsprogramme werden im Ried gestartet und kehren dorthin zurück. Manchmal genügt ein kurzes Innehalten „das Ried denkt bei sich“, manchmal lässt sich aber auch eine Frage nicht verstehen, und man muss das Problem der Zeit überlassen. Als der Lehrer etwa fragt, was das Ried einmal werden will, versteht es die Frage nicht und versinkt in Brüten und Schweigen.

Selbst das Ende der Erzählung ist sehr hintergründig: „Das Ried lebt.“(91) „Noch.“(92)

Als Leser ist man von diesem Ried seltsam berührt, wie vielleicht vor Jahrzehnten von einem unversehrten Kinderbuch. Beeindruckend ist jedenfalls diese Erzählposition, die ein Stück Natur zu einem Verbündeten macht, der es gut meint mit einem und selbst ins Lachen kommt, wenn er seine Unpässlichkeiten aufzählt. Es ist höchste Zeit, mit dem Ried Kontakt aufzunehmen, denn es kann lesen und schreiben und denken.


Udo Kawasser: Ried.

Wien: Sonderzahl 2019. 92 Seiten. EUR 14,-. ISBN 978-3-85449-533-8.

Udo Kawasser, geb. 1965 am Bodensee, Studium in Innsbruck, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 21/09/20



GEGENWARTSLITERATUR 2933

Genau in diesem Moment begann es zu regnen

Als man noch keinen Hyperlink hatte, musste man sich mit der Fügung behelfen: „Genau in diesem Moment“. Mit ihr wird schlicht und überraschend die Szenerie gewechselt. Eben noch ist man mit dem Inneren einer Psyche beschäftigt, jetzt, genau in diesem Moment, beginnt es zu regnen, und man ist im unerschöpflichen Feld der Meteorologie.

Rudolf Lasselsberger verfasst seine Erzählungen oft in der Hyperlink-Manier. Eine Geschichte beginnt aus der Erinnerung heraus, und noch in der Satzmitte kommt ein anderes Ereignis ins Spiel und übernimmt die Story. Der Klassiker dieser Vorgangsweise ist dabei die abenteuerliche Formulierung: „Genau in diesem Moment begann es zu regnen.“

Die Erinnerung funktioniert ähnlich wie das Surfen im Netz, weshalb das Surfen ja so beliebt ist. Besonders die Kindheit eignet sich gut zum Erinnern, weil sie aus tausenden von Erinnerungspixeln besteht. Man sieht in der aufgerufenen Vergangenheit ein Stück Wald, schon sind ein paar Freunde darin unterwegs, da kommt flugs Winnetou um die Ecke und als Höhepunkt beginnt es zu regnen.

Nach dieser Methode geht der Autor vor, wenn er sein Buch über die Kindheit als riesige Verlinkung unscheinbarer Sequenzen anlegt. Schon der Weg ins Buch hinein erinnert an jenes Abenteuer, mit dem man als Kind sein einziges Buch gelesen hat, und das war oft ein Buch von Karl May. Das sorgfältige Aufschlagen eines Buches braucht Zeit, und der Autor, Verleger und Herausgeber gewährt sie in Personalunion. Titel, Dank und loma-Stern müssen durchritten werden, ehe es gleich zur Sache geht: Ein abgelegener Haufen Stauden wird zum Treffpunkt für eine Kinderbande. Steine dienen als Navigationshilfe und werden als geheime Markierungen ins Gelände gelegt. Dann geht es stracks hinauf auf einen Hügel, von dem aus die nächsten Spielzüge in die Umgebung gesetzt werden, so wie es auch Winnetou macht, wenn er die Lage erkundet. Überhaupt wird viel Winnetou gespielt, weil das die einzige Figur ist, die alle kennen und die unumstritten ist.

Einen deprimierenden Höhepunkt der Kindheit gibt es freilich, als eines Tages der Bunker eingeschissen ist. Beides wäre gleich schlimm, dass jemand Fremder den Bunker entdeckt und für die Notdurft verwendet hat, oder dass es jemand von den Kindern war, der durch diesen Haufen seinen Missmut auf das Winnetou-Spiel kundgetan hat. Am Waldrand kommt es zu einer Lagebesprechung, die kein eindeutiges Ergebnis bringt, zumal damals noch keine DNA-Untersuchungen üblich sind.

Überhaupt ist nichts üblich in der Kindheit, außer dass man das nimmt, was zur Verfügung steht. So gibt es ein aufregendes Sautrog-Rennen, weil die Schweine den Trog nur für den eigenen Tod benützen, die restliche Zeit können die Kinder damit spielen.

Generell lässt sich zusammenfassen: Alle Kindersachen von damals gibt es heute nicht mehr. Es ist also nicht nur die Kindheit verschwunden, sondern auch das Inventar dazu. Und wer würde heute noch in einem „Arbeiterhaus“ wohnen wollen, das für die Bande damals das Zentrum der Kindheit gewesen ist.

Da mittlerweile nichts mehr gelesen wird, das über die Struktur eines Selfies hinausgeht, tun sich die jetzt Erwachsenen vielleicht schwer, sich an früher zu erinnern. Aus diesem Grund hat Erich Sündermann die dreizehn Episoden aufgezeichnet und daraus Cover gemacht, die man für dreizehn Bücher verwenden könnte. Aus Gründen der Dramatik sind diese Bilder als Mittelblock in den Text eingeschoben. Wenn man von einem Bild zum nächsten taumelt, entsteht dieses abgehobene Gefühl, das man früher beim verbotenen Lesen eines Comics verspürt hat, alles ist logisch und luftig zugleich.

Sachte weist der hintere loma-Stern darauf hin, dass das Buch bald zu Ende sein wird. Es folgt ein Inhaltsverzeichnis, weil man die einzelnen Episoden oft schon wieder vergessen hat und sie dadurch noch einmal aufrufen kann: Stauden, Hügel, Bunker, Waldrand, Dachboden, Kastanienbaum, Baumstrunk, Hornissennest. Ja und ein Kapitel heißt tatsächlich „Im Tal des Todes“, es ist die Reinkarnation des Kapitels „In der Wiese“.

Aber alles ist lange her, die verwendeten Begriffe muss man in Wikipedia nachschlagen, weil es sie nicht mehr gibt. Bald wird auch niemand mehr lesen können, dann ist dieses Kapitel wirklich abgeschlossen. Die Leute werden sagen, genau in diesem Moment begann es zu regnen, aber nicht mehr wissen, was für ein Moment es war.


Rudolf Lasselsberger: Genau in diesem Moment begann es zu regnen. Eine Kindheit. Zeichnungen von Erich Sündermann.

Wien: loma* Verlag 2020. 54 Seiten. EUR 12,50. keine ISBN.

Rudolf Lasselsberger, geb. 1956 in Schlatten 8, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 25/09/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2241

Ohne WHAM und ABBA

Astronauten berichten übereinstimmend, dass die Zeit an der Abschussrampe interessanter ist als jene im Weltraum. Ähnliches gilt für viele Entwicklungs- oder Lebensabschnittsromane, die Zeit um die Matura, wenn man auf der Abschussrampe ins Leben festgezurrt ist, erweist sich als die sinnlichste des ganzen Lebens.

Christian Moser-Sollmann zeigt im Roman „Ohne WHAM und ABBA“ einen Icherzähler aus der Osttiroler Provinz, der in der Kleinstadt Lienz tapfer maturiert und dann pionierhaft als Zivildiener ins Leben hinausgeschickt wird. Freilich kommt er im ersten Abflug nur in andere Zwergsiedlungen wie Kitzbühel, Fieberbrunn oder St. Johann. Am Schluss freilich gelingt die Befreiung, es geht hinaus in die Welt.

Eine Kleinstadt der 1980er Jahren lebt vom Weltgeist, der ohne Handy und Internet mit etwas Verspätung in die jeweilige Provinz kommt. Exotische Kampfsportarten, Musikgruppen, kultige Drogen und Alkohol kommen aber umso verlässlicher an die Peripherie, als sie dort exotisch benamst und ausgesprochen werden. So spricht der Held manchmal sein Herkunftskaff Oberdrum englisch aus, damit es weltoffener klingt. Und auch der Titel des Romans geht auf einen Hörfehler zurück, nach welchem man Wenn und Aber ultimativ trendig als Wham und Abba ausspricht.

Der angehende Weltbürger Romed weiß bald einmal, dass er weg muss, soll aus ihm etwas werden. „Was soll ich in Innsbruck, da kann ich gleich in Lienz bleiben.“ (16) Vorerst gilt es noch die Matura abzulegen, und die zeigt eine Besonderheit der Provinz. Als der Erzähler eine eigene Meinung vorzutragen gedenkt, wird er auf das Urgesetz der Tiroler Politik verwiesen: „Versuch ja nicht, recht zu haben!“ Dennoch geht beinahe alles schief. Als der Prüfling über die sogenannten Agrarier herzieht, die sich seinerzeit in Nazimanier das Gemeindeeigentum unter den Nagel gerissen haben, kommt er mit dem Vorsitzenden übers Kreuz. Dessen Vater nämlich hat den Agrar-Klau seinerzeit bewerkstelligt. Merke: In der Provinz sind immer alle mit allen verwandt, und in allen Schattierungen des Alltags musst du auf das Licht der Einheitspartei achten.

Nach bestandener Prüfung kommen für den Vater schwere Zeiten zu, er verliert nach einem Bandscheibenvorfall die Arbeit, das hätte er noch hingenommen, aber der Sohn will Zivildiener werden, das bricht ihm das Rückgrat ein zweites mal.

Als empfindsamer Mensch achtet Romed besonders auf gesellschaftliche Umtriebe, die mit Gewalt oder Faschismus zu tun haben. Obwohl er in Hilfsorganisationen mit Nächstenliebe-Satut eingesetzt ist, verblüfft ihn der brutale Ton, mit dem frustrierte Mitarbeiter ihr Leben herausschreien. Freilich ist auch er nicht von Entgleisungen befreit, im Vollrausch brüllt er einmal seinen ganzen Frust über die Funkanlage an alle Stationen des Bezirkes.

Famos ist die Einschätzung jener Orte, in denen der Zivi-Zögling abgestellt wird wie überflüssiges Menschenmaterial. Innsbruck kriegt die Heinrich-Heine-Punze, wonach es eine ungewöhnlich blöde Stadt ist, die aber schöne Bewohner hat. (159) Während der Grundausbildung stößt er auf die weltberühmte Sozialeinrichtung DOWAS, worin alle aufgefangen werden, die im Tourismus gescheitert sind. Besonders beeindrucken den Osttiroler die Anhänger von „straight edge“ (189), die sich als überdimensionierte Abstinenzler herausstellen. Die späteren Einsatzorte sind alle vom Tourismus gelähmt, Fieberbrunn hat wenigstens eine schöne Fabrik, worin die Zahncreme Elmex hergestellt wird, ansonsten ist alles voll von abgefackten Bars, die nur zur Hochsaison kurz aufflackern, ehe sie wieder in ihrem depressiven Eigendunst verschmoren.

Spät und unter Alkoholeinfluss tauchen manchmal sogenannte Salurner auf, wie die Südtiroler abschätzig genannt werden, sie verbreiten in ihrem Liedgut puren Faschismus, von dem sich der Held auch sturzbetrunken abwendet.

In puncto Erotik schreitet die Ausbildung zügig voran. Währen es ursprünglich ums reine Glotzen und Herumeiern geht, „alles, was gut aussieht, ist für die Galerie!“, gibt es bald schon die eine oder andere sexuelle Aktion, die damit endet, dass Männchen und Weibchen in Schockstarre auf das Einsetzen der nächsten Regel warten. Einmal zu Silvester wird der Sex sogar so heiß, dass beinahe die Sauna abbrennt. Die Partnerin lässt sich daraufhin zum Satz hinreißen, dass sie nie mehr Sex haben will, aber als sie dann Kamasutra studiert, ist alles wieder im sex-grünen Bereich.

Wo immer der Held hinkommt, fällt ein Osttiroler Witz, weshalb Romed sich eine kleine Blödstell-Fibel zurecht gelegt hat, worin mustergültig das Osttirolertum zusammengefasst ist.

Die Nordtiroler machen gerne Späße über uns. Ich verteidige meine Heimat dann und vergleiche die Schönheit meines Bezirks mit dem italienischsprachigen Teil der Schweiz. Wir haben nur 45.000 Einwohner und sind mit 23 Einwohnern pro Quadratkilometer nur halb so dicht besiedelt wie Nordtirol. Die wenigen Einwohner verschanzen sich in Lienz oder in Bergdörfern wie Oberdrum. Unsere Mentalität ist offener als jene der Nordtiroler, wir verbinden den slawischen, den italienischen und den deutschen Geist. Wir sind von den Italienern vergessene Südtiroler. Wir haben viele Plünderungen überstanden und sind zäher als die vom Fremdenverkehr verweichlichten Nordtiroler. “ (176)

Allmählich geht das Zivi-Jahr zu Ende. Romed fährt heim nach Lienz und organisiert im ehemaligen Jugendclub ein illegales Konzert, das polizeilich aufgelöst wird. Jetzt ist aber Schluss mit Osttirol.

Ich bin ein bisschen traurig. Nun denn, adieu Bude, adieu Zivildienst, adieu Tirol.“ (282)

An dieser Stelle weinen vermutlich alle Leser, die es nicht geschafft haben, seinerzeit dem engen Mauerwerk des Gebirges zu entkommen.


Christian Moser-Sollmann: Ohne WHAM und ABBA. Roman.

Wien: Dachbuch Verlag 2020. 288 Seiten. EUR 15,90. ISBN 978-3-903263-17-8.

Christian Moser-Sollmann, geb. 1972 in Thurn, lebt in Wien-Meidling.

Helmuth Schönauer 11/09/20



GEGENWARTSLITERATUR 2934

Unerhörte Nachrichten

Jeder Journalist stell sich zwischendurch die Frage: Warum können Unglücke und Katastrophen nicht einfach virtuell geschehen, warum muss es immer diese Realität dazu geben?

Christian Lorenz Müller zeigt einen mickrigen Kleinredakteur, der im Alleingang ein sogenanntes Grätzl-Blatt herausgibt. Zu diesem Zweck ist er Tag und Nacht unterwegs, um Anzeigen zu lukrieren, die er mit kleinen Geschichten aus dem Klein-Milieu auffettet. Gleich zu Beginn steht er in Salzburg an einer Straßenkreuzung und sieht durch den Abspanndraht des O-Bus eine kleines Stück Himmel. Das ist ungefähr sein Horizont, in dem freilich alle Witterungen und Himmelsfarben Platz haben.

Alle Weltnachrichten wuchern aus regionalem Boden, ehe sie über den Globus geblasen werden. Der Roman „Unerhörte Nachrichten“ ist eine Hommage an die „große Aufgabe der lokalen Medien“ (332). Gegen Ende des Jahrhundertereignisses Migration kommt in einem Exklusivinterview mit dem jungen Bundeskanzler Gernot Kleiner zum Ausdruck, dass keine Demokratie funktionieren kann, wenn nicht auch das Geringste der Medien darin mitspielt.

Der Plot dieses Journalistenromans ist ziemlich dicht an die Geschehnisse des großen Flüchtlingsjahres 2015 angedockt. In leicht veränderten Ortsangaben staut sich vor der Grenze zu Freilassing der Migrationsstrom, als Deutschland kurzerhand dicht macht. Gleichzeitig macht der junge Kanzler Kleiner die Balkanroute dicht. In Salzburg eskaliert die Lage und die „unerhörten Nachrichten“ nehmen überhand. Jetzt schlägt die Stunde des Grätzl-Journalisten Prähausner, der für ein paar Tage die Welt exklusiv mit seinen Lokalberichten versorgt.

Mit diesen Nachrichten lässt sich für kurze Zeit gutes Geld verdienen. Aber dem lokalen Zeitungsmacher wird bald klar, dass Chaos und Ordnung oft nur durch eine einzelne Zeile getrennt sind. Sein Medium dient in der Hauptsache er Deeskalation, mit seinen Kenntnissen der lokalen Psyche ist er eine gefragte Anlaufstation für hoffnungslos derangierte Politiker.

Prähausner macht seine Sache sehr gut, er beruhigt das Land und die angeschlossene Weltpresse, und bekommt als Belohnung ein Exklusivinterview mit dem Bundeskanzler. Mehr ist in einem journalistischen Grätzl-Leben nicht drin.

Über diese staatstragende Story ist eine private Geschichte darübergelegt. Die Tochter des Zeitungsmachers hat eine Migrantin zu Hause aufgenommen, von der man nicht weiß, wo sie herkommt und welche Sprache sie spricht. Dieses Einzelschicksal wird zum Kontrapunkt zur anonymen Masse, die sich draußen vor der Wohnung an der Grenze staut.

Bald kommen ungewöhnliche Facetten der stummen Migrantin zum Vorschein, und diese sind äußerst menschlich und widersetzen sich jedem Klischee. Als über ein Handy nämlich Kontakt zur Außenwelt geschaffen ist, kommt es sofort zu heftigen sexuellen Aktivitäten der Migrantin. Jenseits aller Moral spielt sich hier etwas aus einem anderen Kulturkreis ab, was wegen der sexuellen Lautstärke Unmut bei den Mitbewohnern auslöst.

Auch hier gilt es, zu kalmieren und pragmatisch vorzugehen. Tochter und Zeitungsmacher organisieren einen Spendenkonvoi mit Artikeln des täglichen bedarfs, die nach Bosnien gebracht werden. Diese Aktivität richtet sich ganz nach dem Wunsch des jungen Kanzlers: Bitte vor Ort helfen und hier niemanden aufnehmen!

Christian Lorenz Müller ist Feuer und Flamme für seinen Protagonisten, der quasi im Alleingang eine heikle Nachrichtenlage meistert, indem er weder Größenwahn noch Geldgier unterliegt. Journalismus in der Demokratie heißt außerdem, dass man in der Realität eingebettet ist und sich nicht kaufen lässt. Der verzweifelte Frage zu Beginn, warum es das Unglück nicht mit Virtualität bewenden lassen könnte, wird eine ausgereifte Antwort gegenübergestellt. Das Unglück lässt sich mit Worten beschreiben und mit Taten bekämpfen. Das Feuer der globalisierten Welt brennt immer noch im lokal gepflanzten Busch!


Christian Lorenz Müller: Unerhörte Nachrichten. Roman.

Salzburg: Otto Müller Verlag 2020. 390 Seiten. EUR 25,-. ISBN 3-7013-1281-8.

Christian Lorenz Müller, geb. 1972 in Rosenheim, lebt in Salzburg.

Helmuth Schönauer 07/09/20



GEGENWARTSLITERATUR 2937

Baby, You Can Drive My Car

Der Autoboom in Europa „fußt“ im Wesentlichen auf zwei Erfolgsgenerationen: Die unmittelbare Nachkriegsgeneration wollte mit privaten Panzern nachspielen, was deren Vätern in der Wehrmacht nur zum Teil geglückt war. Nämlich irgendwo hinfahren, die Kultur zerstören und das Auto abstellen. Die zweite Generation ließ sich mehr von der Bewegung der Musik inspirieren, um „on the road“ eine notdürftige Heimat zu finden. In den Alpen die Bison-Weiten der USA nachspielen zu wollen stieß an gewisse Grenzen. So benutzte diese Generation das Auto eben wie eine Gitarre aus der Popmusik, um von einem Riff zum nächsten zu gelangen.

Wolfgang Pollanz hat für seine Baby-Drive-Car-Anthologie (BDCA) führende Pop-Künstler versammelt, die teils aus österreichischer, teils aus peripherer Perspektive zum Auto fiktional Stellung beziehen. Dabei gibt es erst einmal die klassische Erinnerungsrichtung nach hinten, es geht ums erste Auto, um Familienfeten rund um die diversen Blechkarossen, die wie goldene Kälber aufgestellt sind, auch wenn es sich um Kleinwagen handelt. Selbst die Entwicklung der eigenen Geschlechtsreife wird durch das eigene Auto befördert. Da schleppt dann jemand ein Leben lang ein falsches Führerschein-Geschlecht mit durchs Leben, weil es damals für die Behörde nicht denkbar war, dass eine Domenika den Führerschein macht. Manchmal ist ein Auto nach Jahrzehnten noch mickrig wie ein Lada, so dass man alles tut, um nicht eine Lada-Geschichte erzählen zu müssen. Dann redet man wie beim kaputten Sex stattdessen von Bienen.

Die zweite Erinnerungsrichtung führt stracks in die Zukunft. Austrofred fragt in seiner Mobilität 2050, woran wir wohl denken werden, wenn wir im Railtrain sitzen, weil der ehemalige Railjet wegen Flugscham umgetauft werden muss. In dieser Zukunftsgeschichte sitzt der Icherzähler als Achtzigjähriger im Zugabteil und ist geil, weil ihm die erste finnische Frau seines Lebens gegenübersitzt. Das dazwischen geklemmte Kind freilich passt auf, dass nichts passiert während der Mobilität 2050.

In einem vagen Vorwort verknüpft Haimo Mürzl das Auto mit der Popmusik. Jetzt, wo das Auto zunehmend verdammt wird, tun wir uns leichter mit unseren Liebhabereien. Wir reden einfach mehr über die Musik von damals und weniger über die Autos, die wir dabei gefahren sind. Wir machen einfach aus den Blechkisten Blechinstrumente, ohne dass wir blasen müssen. Andererseits gewinnt das Auto während der Seuche wieder an Bedeutung, weil die Abstandsregeln darin besser eingehalten werden können, auch wenn wir vielleicht ungegendert dicht auf den Vordermann auffahren.

Heimo Mürzl beschließt seine Gebrauchsanweisung mit einer Liste passender Soundtracks. Die Anthologie wird sofort zu einem musikalischen Stream, wenn man sie aufruft, die Meilensteine der Pop-Auto-Musik. „Baby You Can Drive My Car / Automobile / Moonlight Drive / Cars Are Cars / Highway Star / Autobahn / Fuel / She ‘ll Drive The Big Car.“

In die Mitte der Anthologie sind Asfaltblüten von Fritz Grill eingeklemmt wie Dörrblumen. Auf makellosem Asphalt hat jemand Paint-Paste in die Fugen gegossen, wie es die Straßenarbeiter täglich tun müssen, um die Fahrbahn bis zur nächsten Neuauflage halbwegs funktionsfähig zu halten. Aus den künstlerischen Klusen wuchern pastöse Blüten, über die man keinesfalls drüberfahren möchte, und wenn das Gefährt noch so sehr danach verlangt. Walter Titz spricht in seiner Analyse der Arbeiten von Blüten und Bluten, die Erde ist verwundet, durch die Asfaltbänder, andererseits ist Asfalt ein Stoff, der direkt aus der Erde quillt.

Mike Markart hat mit Autos überhaupt nichts am Hut. Er vergleicht sie mit einer Türklingel, man gebraucht sie kurz, und dann lässt man sie wieder wochenlang unangetastet. Aber auch ihm ergeht es wie allen aus der Autogeneration. Kaum steigt man ins Auto, geht eine Geschichte los, und erzählt man eine alte Geschichte, so muss man zugeben, dass man mit dem Auto hingefahren ist. Die Öde gibt es nämlich erst, seit wir dorthin fahren können.

Wolfgang Pollanz hat als ehemaliger Sänger der Kultband „The Isolierband“ wieder einmal die skurrilsten Geschichten aus der Peripherie zusammengetrieben und mit seinem Isolierband fixiert.


Wolfgang Pollanz (Hg.): Baby, You Can Drive My Car. Eine Auto-Anthologie. (= Pop! Goes The Pumpkin No 5).

Wies: edition kürbis 2020. 173 Seiten. EUR 20,-. ISBN 3-900965-56-3.

Wolfgang Pollanz, geb. 1954 in Graz, lebt in Wies.

Helmuth Schönauer 30/09/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2241

Swiss Miniatur

Wir haben es schon immer geahnt! Der große, epochale, revolutionäre Roman hat auf einer Seite Platz!

Christoph Simon weitet mit seiner „Swiss Miniatur“ den Begriff „kleine Prosa“ zu einem großartigen Genre aus. In einem Brief an den Verleger, der als Programm und Einbegleitung abgedruckt ist, heißt es etwa: „Gerne wäre ich der Verfasser eines Romans mit dem Untertitel ‚Great Swiss Novel‘: ein breit gefächertes Sittengemälde. […] Ein Heimatroman ‚der unheimlichen Art‘. Eine ‚literarische Expedition‘- Eine Einschlafhilfe. 700 Seiten stark, ein bereits nach dem Erscheinen vergessenes Meisterwerk. […] Nun stehe ich da mit kleiner Prosa. Luftig, leicht und kurz. 70 Seiten dünn, schon vor dem Einschlafen ausgelesen.“ (5)

In dieser Aufzählung ist alles erklärt, was die kleinen Stücke beim Leser bewirken. Wenn bei einer Geschichte nur wenige Sätze zur Verfügung stehen, um die ganze Welt zu erklären, so müssen diese Sätze umso sorgfältiger gesetzt werden. An dieser Behauptung merkt der Leser, dass es sich beim Autor um einen bühnenerfahrenen Schweizer Künstler handelt, der noch nie ein Wort zu viel ausgesprochen hat.

Und tatsächliche, jedes Wort sitzt, weil es nicht von der Stange kommt, sondern sorgfältig und von Hand für die Miniatur ausgewählt worden ist. In den knapp zwanzig Anschnitten zum Alltag geht es immer gleich zur Sache. Eine kleine Abweichung vom gewohnten Tagesablauf löst zuerst Erstaunen aus, dann ein schweres Ringen um die passenden Worte, und schließlich eine Emotion, die den Rauch der Brand-Szenerie noch lange in den Tag hinein wehen wird.

Diese Störungen können jederzeit auftreten, und auch wenn etwas langfristig geplant ist wie der Winterurlaub, kann es zu Irritationen kommen, da beispielsweise an der Tankstelle keine passenden Winterreifen vorrätig sind. Der Fehler liegt oft an der Hardware, das Outfit für den Winter passt nicht oder ein Büro ist falsch eingerichtet. Meistens treten diese Unterbrechungen des emotionalen Datenflusses freilich an der Software auf, das Programm für eine Romanze ist einfach zu idyllisch angelegt und hält der Verwendung in Echtzeit nicht stand.

So sind auch die Überschriften zu den Entgleisungen als wirkmächtige Pillen angelegt, der nachfolgende Text berichtet von den Nebenwirkungen, die entstehen, wenn es jemand mit Wetterumschwung, leerem Büro, Mayonnaise oder Körperpflege zu tun kriegt.

Die kürzeste Geschichte geht so: „Körperpflege // Noah hasst Wasser. Er kriecht unter den Stubentisch, sobald seine Frau die Antirutschmatte in die Badewanne noppt.“ (36) Bei wem das keine tiefenpsychologischen Sub-Geschichten auslöst, der muss wahrscheinlich wirklich zum Seelenarzt.

Die „Swiss Miniaturen“ stehen in jeder Hinsicht am anderen Ende der Globalisierung. Wenn es einen Endverbraucher für diese Geschichten gibt, dann trägt er etwas Schweizerisches im Herzen. Die Weltnachrichten sind nämlich zu kleinen Aerosolen verdampft und legen sich auf abgesiedeltes Gebiet, worin der letzte lokal verankerte Mensch schnauft. Als Faustregel gilt: Die großen Dinge müssen zu einem Lokalereignis werden, damit sie sich wahrnehmen lassen.

In der Geschichte „Lokalereignis“ steigt ein großer Immobilienhai aus dem Geschäft aus und zieht sich in die Einsamkeit zurück, wo es ihm bei einem Anglerunfall ein Auge herausreißt. Jetzt ist er mit der Welt auf Augenhöhe.

Im zweiten Teil der Geschichten steht der kauzige Bundesrat Liechti im Mittelpunkt. Er kann politisch nur mithalten, weil er die Probleme in so kleine Teile zerlegt, dass sie problemlos ausgeschieden werden können.

Ein methodische Tischvorlage entwickelt aus der Methode „Liechti“ passende erste und letzte Sätze für die „Great Swiss Novel“. „Das Böse war plötzlich da. / Robert hatte eine schöne Kindheit gehabt. / Über den Wolken war das Ozonloch mit den Händen greifbar, aber der Pilot konnte nichts dagegen tun.“ Diese Eingangssätze schaffen es auf Anhieb, eine epochale Erzählung in Schwung zu bringen. Gäbe es diese epochalen Romane schon, man würde sie vermutlich alle kaufen und am Nachttisch stapeln. Wenn man aber schon die Endsätze kennt, erspart man sich vielleicht das Lesen. Der Mensch unternimmt ja bekanntlich alles, um nicht lesen zu müssen. „Das Böse war plötzlich weg. / Und wieder war Bundesrat Liechti unvorsichtig genug, im falschen Moment zu bleiben, statt zu gehen. / Gut, sagte Zellweger, dass man den Behörden in unserem Land noch vertrauen kann.“

Christoph Simons „Swiss Miniaturen“ haben die Zauberkraft einer analogen Welt, die einzelnen Geschichten schmiegen sich passgenau an den Leser, als wären sie extra für ihn persönlich geschrieben. Und eine Geschichte ist schon lange aus, da brät der Leser im eigenen Saft noch weiter.


Christoph Simon: Swiss Miniatur. Kleine Prosa.

Zirl: BAES 2020. 68 Seiten. EUR 12,90. ISBN 978-3-9504833-7-6.

Christoph Simon, geb. 1972 in Langnau / Emmental, lebt in Bern.

Helmuth Schönauer 01/09/20



GEGENWARTSLITERATUR 2936

Vergessenes und Erinnertes

Im klassischen Fotoalbum sind die hellen Teile die Bilder, die auf eine Erinnerung hinweisen, und die dunklen Blätter sind das Gerüst des Vergessens, worin die Fotos eingeklebt sind.

Hedwig Wingler geht von der Erkenntnis aus, dass die Realität im Kopf stattfindet (23), und darin haben wie auf einer Speicherplatte benutze und unbenutzte Schaltkreise ihren gleichwertigen Platz. Etwas Poetischer ausgedrückt: das Leben besteht aus Erinnern und Vergessen.

In der Textsammlung „Vergessenes und Erinnertes“ wird zuerst einmal die Schreibmethode gewürdigt, regelmäßiges Zutun ist vonnöten, und eine Gelassenheit, zuzulassen, was kommt. Nach dieser Vorgangsweise kann sich beinahe alles selbst zu einem Thema vorschlagen, eine Begegnung in der Volksschule, der aufgebahrte Opa, das rußige Pfauchen eines Schachtes. Wenn die verschütteten Themen nach oben treiben in die Gegenwart, bringen sie auch unverwechselbare Maserungen und Einsprengsel des Erinnerungsgesteins mit sich. So fällt die Erinnerung an das Haus der Kindheit sehr deftig aus, das Haus wurde 1943 vor den Augen des staunenden Kindes abgerissen, weil es auf einem Kohlefeld stand und man ja immer Kohle braucht, egal ob Krieg oder Frieden ist.

Eine andere bemerkenswerte Erinnerung aus der Serie Porträts hat damit zu tun, dass beim Nachdenken oft das Zeitgefühl verlorengehen kann. Bei der Arbeit an der „kleinen Anna“ merkt die Autorin plötzlich, dass dieses Mädchen von damals mittlerweile schon achtzig ist. Ob man die Erinnerungsschleife vor dreht oder zurückschraubt, immer taucht die Sequenz von der Anna als Kind auf. Daraus resultiert eine schöne Schreiberfahrung, dass es nämlich eines zeitlos gültigen Ereignisses bedarf, um eine Persönlichkeit mit einem unverwechselbaren Schicksal auszustatten.

Eine gewisse Margerit wird für die Erzählerin zu einer „willigen Toten“ (36), sie hat ihr Leben durch Eigenkraft beendet und dadurch erst vollkommen abgerundet. In der Erinnerung geht dieses Porträt vom Tod aus und würdigt das davorliegende Leben wie bei einem analytischen Theaterstück, das die anwesende Schlacht zeitlich nach hinten hin entrollt.

Der Lebensmittelpunkt der Autorin ist längst Köflach geworden, sodass auch die auftretenden Personen oft aus dieser Gegend kommen. Für den Leser bedeuten diese Regionalporträts, dass ihm zwar die dargestellten Helden unbekannt bleiben, jedoch die heldenhaften Züge durchaus in eine andere Region verpflanzt werden können. Es handelt sich dabei um eine regionale Porträtkunst, wie wir ja auch von der Regionalgeschichte reden, und dabei die geographische Abgrenzung meinen.

Das Wort Heldentod verwendet die Autorin bei der Beschreibung eines Verwandten. Sie hält es nicht aus, dass diese Bezeichnung ausschließlich für Bronzetafeln auf Kriegerdenkmälern verwendet wird So schreibt sie ihrem Protagonisten den Heldentod zu, weil er sich in einer vage entnazifizierten Gesellschaft um eine jüdische Frau gekümmert hat, trotz aller Gespräche am Land, trotz aller Gespräche bei den Halbentnazifizierten.

Neben den Porträts sind es vor allem Reisen, die zum Abschöpfen von Erinnerung geeignet sind. Die Autorin startet daher eine sogenannte hundertjährige Reise und sucht nach einem Jahrhundert jenes Sarajevo auf, in dem 1914 scheinbar alles Unglück begonnen hat, und das aus völlig anderen Gründen später vom eigenen Staat eingekesselt zerstört worden ist.

Der dritte Erzählstrang führt entlang von literarischen Lesungen, Auftritten, Ausstellungen und Messen in jene Literatur, die mit viel Aktionismus unbedingt ans Publikum gebracht werden soll. Ein Flash aus den 1970er Jahren zeigt emsige GAV-ler in Berlin werkeln. Schon damals ist den Mitgliedern der Grazer Autorenversammlung eine gewisse Atemlosigkeit zu eigen, sodass selbst kurze Sätze zu Äußerungen über Leben und Tod werden.

Ernst Jandl, der Altmeister des Konjunktivs, kriegt für sein Stück „aus der Fremde“ einmal mehr Kopfschütteln. Was müssen die Österreicher für höfliche Monarchisten sein, wenn sie alles im majestätischen Konjunktiv erzählen. (Und singen, wie im Falle der Jandl-Oper.)

Den Erinnerungssplittern aus Berlin sind abschließend welche aus der Steiermark nachgefeuert. Hier lässt sich vielleicht ein militärischer Kalauer unterbringen: Der Granate ist es egal, wo sie abgefeuert wird, sie zerlegt sich immer in die gleichen Splitter.

Die Melange aus Erinnertem und Vergessenem endet mit einer recht trivialen Überlegung: Wann muss man Volk mit Anführungszeichen schreiben? Eine geduldige Methode, an der eigenen Realität im Kopf dranzubleiben.


Hedwig Wingler: Vergessenes und Erinnertes. Texte.

Graz: Keiper 2020. 191 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-903144-94-1.

Hedwig Wingler, geb. 1939 in Rosental/Kainach, lebt in Köflach.

Helmuth Schönauer 14/09/20