Buch in Pension – Rezensionen 2022|09


Thomas Antonic: United States of Absurdia.

Raimund Bahr: Poeterey eines Unbrauchbaren.

Dominik Barta: Tür an Tür. Roman.

Patricia Brooks: Bukarest Bistro. Gedichte.

Manfred Chobot: Das Hortschie-Tier und die Lurex-Frau.

Arnold Mario Dall’O: Mein Handatlas. 100 Bilder & Geschichten.

Peter Giacomuzzi: Briefe an Mimi.

Bernhard Hüttenegger: Rockall. Roman.

Kristiane Kondrat: Abstufung dreier Nuancen von Grau. Roman.

Barbara Tilg: Weltachse. Erzählungen.


GEGENWARTSLITERATUR 3117

United States of Absurdia

Der Volksmund formuliert bei Größenordnungen relativ klar, sofern sich Größe überhaupt vorstellen lässt. Wenn etwas abnormal groß ist, sodass es sich kaum noch erzählen lässt, spielt es in Amerika. Und alles, was darüber hinausgeht, spielt in Absurdia. Dabei ist die Grenze zwischen Amerika und Absurdia eine weiche, obwohl sie ähnlich hart gedacht ist wie jene zwischen Amerika und Mexiko.

Thomas Antonic beginnt sein Epos mit einem perfekten Eingangsbild: Auf einem Western-Heft, das sich „Horse Tales“ nennt, wird eine Phantasie-Ausgabe aktuell dem 15. Jan. 15. Feb. 2022 zugeordnet. Aber wahrscheinlich haben die Antonic-Leser ohnehin ein Abo, sodass sie dem Epos sofort einen markanten Platz im Regal der Besonderheiten zuweisen können. Der Autor tritt in diesem Feature als Admiral auf, während am Schaubild ein Pferd gegen Wind und Trockenheit an-grast.

Der Titel Admiral ist durch ein fehlgeleitetes Fake-Mail belegt. Im ersten Vorwort aus der Neuen Welt ist von einer gigantische Erbschaft die Rede, die der Admiral in Amerika antreten soll, im zweiten berichtet Admiral Antonic, wie er die neue Welt in Besitz nimmt. Später wird er notieren, dass er eine Lehrstuhl-ähnliche Einrichtung erobert und in Ermangelung eines Kaisers für Van der Bellen staatstragend in Besitz genommen hat.

Ehe das Book-Movie über Absurdia beginnt, sollte man noch darauf hinweisen, dass es sich um ein Epos handelt. Diese Form ist am ehesten geeignet, etwas Gigantisches halbwegs in geordnete Satzbahnen zu lenken. Im engeren Sinn ist das Epos eine Hommage an jene Poesie, die hinter dem Langgedicht liegt, das bei der Eroberung und Darstellung des Westens eine entscheidende Rolle spielt. Immerhin ist der epische Amerika-Gestus eines Bob Dylan in aktueller Gegenwart mit dem Nobelpreis für Literatur geadelt worden.

Die drei Hauptkapitel geben Orientierung und erzählen die Geschichte in Kürzestform: Teil 1: Kommen Gehen / Teil II: Bewegung ohne Ausweg / Teil III: One-way Ticket to Space.

Vorerst wird geschildert, wie die Menschen nach Amerika gekommen sind und heute noch kommen, dabei ist die frühzeitliche Besiedelung noch in raren Mythen spürbar. Etwa in der Sage vom Koyoten, der unbedingt heiraten und sich vermehren will, und aus übertriebenem Balzverhalten einen Kolibri frisst, der ihn im Darm so lange quält, bis er ihn wieder auskackt. (40) Ähnlich muss man sich die militante Besiedlung des Kontinents durch die Weißen vorstellen, die vom Kolibri der Schöpfung gequält werden, bis sie sich in Sagenhafter Zukunft dereinst dem Land fügen werden. Je unbeschreiblicher ein Land, umso größer die Beschreibungslust.

Das Aufsuchen von Nachrichten, Erforschen verschütteter Quellen, Inszenieren von Narrativ-Features und das Fließen-Lassen von Gesprächen spielen eine entscheidende Rolle. Der Epos-Macher nimmt zwischendurch irdische Gestalt an und erforscht an der Uni den Ginsburg-Nachlass (46), er ändert seinen Forscherplan, als er mit unbekannten Quellen zu Absurdia überhäuft wird, und versucht schließlich Ordnung in sein Forscherchaos zu bringen, indem er die gespeicherten Suchanfragen auf dem Browser abarbeitet. (Der sogenannte Browserverlauf ist nicht nur forensisch eine Edelquelle, auch vage Beatniks und lose Landbesucher werden durch diese gespeicherten Daten in einen linearen Sinnverlauf gestürzt.)

Eine Zwischenbilanz fällt marktwirtschaftlich korrekt aus. „Mit Literatur ist es übrigens wie mit Sam’s und Burgermeister. Irgendwer Superer sagt, dass etwas super ist und schon ist die Sache gegessen.“ (58)

Den Schwerpunkt der Forschungen über das absurde Amerika legt der Epos-Macher auf die Beatniks, die letztlich seit Jahrzehnten von innen her das kaputte Amerika beforschen, künstlerisch in Szene setzen und vor allem als freies Individuum auszuhalten versuchen.

Eine ebenerdige Wohngelegenheit wird zu einem Beat-Schloss, worin es sich nicht nur wohnen, sondern auch träumen lässt. Prägnant gute Träume handeln übrigens von Inzest, weil darin der Wunsch bedient wird, sich selbst zu zeugen. (90)

Und was soll das ganze, fragt sich das Ich, als es ein Jahr Einsamkeit heraufblitzen sieht? Ich bin Teil einer Software, die ein fiktives Oregon erschafft. „Es gibt nicht einmal Oregon. Nur Linien auf Landkarten, Verträge und Gesetzestexte, die Oregon behaupten. Zäune, Schilder, Nummerntafeln, Verwaltungseinheiten, Gehirne, Gewehre.“ (69)

Das alles gilt es aufzuschreiben, damit es nicht im Kopf herumrotiert. (61)

In diesem Lichte sind auch die Fotos zu sehen, kleine geordnete Pixel in einer unfassbaren Welt. In der Wüste ein Pfeil, der zu Jesus führt, an andere Stelle, Halten verboten wegen Kirche, dann wieder das Gerippe eines abgerosteten Autos. Und dahinter steckt diese große amerikanische Erkenntnis: „Was ich am Menschsein so liebe, ist alles im Auto drin.“ (258)

Das zweite Kapitel nennt sich „Bewegung ohne Ausweg“. Hier reist die erzählende Lenkradhand im Sinne eines Road-Movies durch Leere, Wüste, Seele und Gesprächsdunst. Ganz Kansas ist leer! (164) Es ist ein Irrtum zu glauben, über Amerika müsse man etwas erzählen, für die letzten Dinge und folglich auch für Absurdia gilt, dass es nichts zu erzählen gibt. We are lost! Auch die Fotografie versagt für diesen Notruf, dennoch sind im Buch immer die Koordinaten eingeblendet als Lesekimme in der Hoffnung, dass jemand diese Ortsangaben nachgoogelt und den einen passenden Pixel-Haufen findet, der über den Koordinaten ausgebreitet ist.

Im letzten Kapitel geht es um die letzten Dinge. Was liegt hinter Amerika? Der Reisende sucht sich jeweils passende Sender im Autoradio und versucht ihnen auf die Schliche zu kommen. Aber alle Programme enden als Störsender, deren Rauschen nicht zu scannen ist.

Auf Ortsschildern sind manchmal Einwohnerzahlen angegeben, sie sind aber ein Istzustand und sagen nichts vom Ende der Welt aus, wie viele Menschen werden beim Weltuntergang wo wohnen? Lässt es sich errechnen, wenn man nur Zählwerke der bisherigen Besiedlung und Ausrottung zur Verfügung hat?

Wollte man die geheimnisvollen Knoten der indigenen Nachrichtenkultur auf die Gegenwart anwenden, müsste man Hakenkreuze als Khipus knüpfen. Eine verschollene Nachricht lautet:

Ich habe den Wald gelernt, bis ich gefunden wurde.“ (301) Der Erzähler hört sich an Universitäten Vorlesungen gegen das zerrissene Land an, im Sumpf des Südens versinkt dieses bereits in sich selbst und wird sporadisch mit einem versinkenden Zaun gegen den Süden geschützt. „Amerika liegt in den letzten Zügen“, heißt es in einem Schlussmonolog, der als großer Gesang auf Absurdia vielleicht in den Weltraum gestrahlt wird. Die letzten Reichen machen sich mit Privatkapseln auf den Weg in den Space.

Thomas Antonic verwendet so gut wie alle Genres, die die Literaturgeschichte aufzuweisen hat, um Neuland, Nichts oder Negentropie zu beschreiben. Vom Abenteuerroman, über Western, Roadmovie, Schinken, Langgedicht, Protestsong, Memorial-Inschrift bis hin zu dokumentierter Landart ist alles aufgeboten, was diesem „United States of Absurdia“ gerecht werden könnte.

Selbst das Quellenverzeichnis strotzt noch vor Innovation: „Sätze, Satzfragmente, vereinzelte Absätze, zum Teil verbatim (aus originalen fremdsprachigen Texten vom Autor übersetzt), zum Teil paraphrasiert, wurden folgenden Texten, Filmen, Songs, Podcasts, Radiosendungen etc. entnommen: […] “ (314)


Thomas Antonic: United States of Absurdia. Oder die Glorifizierung des goldenen Westens. Epos. Abbildungen.

Klagenfurt: Ritter 2022. 318 Seiten. EUR 27,-. ISBN 978-3-85415-637-6.

Thomas Antonic, geb. 1980 in Bruck / Mur, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 10/07/22



GEGENWARTSLITERATUR 3121

Poeterey eines Unbrauchbaren

Vielleicht sollte man Poeterey ganz despektierlich mit Tätigkeiten vergleichen, die ebenfalls mit einem Ei enden: Bücherei, Metzgerei, Bäckerei. Alle diese Cluster-Verrichtungen sind vom Aussterben bedroht, weil sie für das aktuelle Gesellschaftsleben „unbrauchbar“ sind.

Raimund Bahr versetzt sich in die Lage eines Unbrauchbaren, der nach alter Manier etwas anstrebt, was Nachdenken, Reimen, Spinntisieren, Aufschreiben bedeutet. Poeterey ist eine ausufernde Tätigkeit, die sich ständig selbst Regeln überstülpt, um sich halbwegs in den Griff zu bekommen.

So versucht die Urmutter der Richtlinien, die Deutsche Poeterei von Martin Opitz, 1624 nichts anders, als mit ein paar Regeln durch die Gischt des Dichtens zu pflügen, um irgendwo hinzusteuern, wovon man die Koordinaten noch nicht kennt.

Der Unbrauchbare bei Raimund Bahr ist sowohl einer, der mit den Richtlinien des modernen Dichtergeschäfts nicht zurecht kommt, als auch einer, dessen Ziele sich nicht definieren lassen, sowohl die individuellen als auch die poetischen.

Im Sinne eines imaginären Regelwerks ist die Poeterei in sieben Kapitel gegliedert, die einfach mit römischen Ziffern Ordnung suggerieren sollen. Freilich ist die Zahl sieben durchaus spendabel für Phantasie, es könnte sich um einen Wochenplan eines Erschöpften handeln, um die sieben Tage eines Anti-Schöpfungsberichtes, der den Weltuntergang beschreibt, oder einfach um sieben Todsünden, die bei der Vollstreckung der Poesie häufig begangen werden.

Die meisten Texte sind mit Hilfe des Flattersatzes als Gedichte gesetzt, die Verfransung zur Prosa ist kaum bemerkbar.

Im ersten Kapitel geht es sogar ausdrücklich darum, dass ein Reimer in der Kammer sitzt und nichts zusammenbringt. (9) Er überlegt sich Themen wie die Liebe, den Herbst und die Melancholie, die es ihm angetan haben, für die er aber keinen praktikablen Plot findet, sodass es oft bei Notizen, Essay-Thesen und Subunterschriften bleibt.

Die Grunderkenntnisse sind zwar imposant für eine Poeterey, für den Praxisbetrieb aber höchst aufwändig und nicht jeden Tag verwendbar. Das Dichterwerk ist ständig vom Scheitern bedroht. „schreiben ist / leben // ohne schreiben // erstick ich in mir selbst. (15)

Wenn es mit der intensiven Auseinandersetzung mit dem Schreiben selbst nicht für einen Ausweg reicht, vielleicht sind dann Fluchtwege über Themen, Stimmungen oder Jahreszeiten möglich.

Das lyrische Ich probiert es zweitens mit dem Durch-fühlen der Jahreszeiten, am Bergsattel schmilzt das Weiß und verheißt, dass der Sommer nahe ist. In der Landschaft bewegen sich alsbald touristische Figuren und machen auf Sommer, der sich im nahen See spiegelt. Donner und Blitz bringen einen nicht weiter, „meine Zeit ist der Herbst“, stellt die zerknitterte Seele schließlich fest. (32) Und dann verschwindet ohnehin wieder alles, was nach Leben und Vegetation aussieht, es bleibt dabei: meine Zeit ist der Herbst.

Im dritten Schritt der Poeterey geht es um jene Klarheit, die sich nur erreichen lässt, wenn sie beiläufig geschieht. Als Metapher für diese fragile Denkweise gilt seit Pascal das Schilf, das dem Wind ausgesetzt in den Uferzonen wabert mit Geschmeidigkeit. „Sachtes Schilf“ (51) ist entlang der Kanten der Landschaft angesiedelt, dem freien Himmel und der Witterung ausgesetzt. Der lyrische Beobachter flaniert darin und wird selbst Teil dieser biegsamen Biomasse, worin vielleicht Gedanken gären in Blasen. „Klarheit ist nicht zu haben“ (45) heißt es lapidar. Und während rundherum alle tätig sind, verharrt das Ich still, und geht dadurch seine Wege.

Kapitel vier ist als Groteske zu lesen, wenn sich Hofräte aufmachen, den Herbst zu erleben, indem sie sich mittags schwerfällig aus den Betten schwingen und in die nächstbeste Kutsche fallen. In der Ferne wird ein kaiserliches Manöver abgehalten, es ist der letzte Herbst der Monarchie, der vielleicht noch hundert Jahre dauern wird.

Im nächsten Schritt, dem fünften, soll die Liebe zum Zug kommen. In der Poeterey werden dafür eigene Sehweisen und Blickwinkel ausgegeben, „nichts übersehen“, lautet die Parole, es könnte darin die Liebe eingeschlossen sein.

Oft freilich kommt das Gedicht zu spät, um noch was auszurichten, die Liebe nämlich hat schon gestern stattgefunden. (76)

Der sechste Abschnitt ist in Prosa ausgeführt. Er stellt so etwas wie einen Essay über die Poetik vor. These: Es gäbe nur zwei Themen, Liebe und Tod. Dabei wird über die Zwei philosophiert, die Liebe und Tod sein kann, die Auseinandersetzung zwischen dem Sterbenden und dem Tod, oder einfach die Verdoppelung des Ichs. Die Wahrscheinlichkeit, die Zwei und die zwei Themen in Einklang zu bringen, scheint am ehesten im Essay gegeben. In der Praxis ist meist das eine von beiden zur richtigen Zeit am falschen Ort und umgekehrt.

Im Abschlusskapitel (sieben) geht es um angewandtes Sterben. Mit dem kleinen Bild vom Sturmschaden, als Holzreste an de See gespült werden, lässt sich das Leben beschreiben. „holzstücke / herbstreste / sturmschäden“ (97). Das vollendete Leben spielt sich wahrscheinlich an einem typischer Oktobertag selbst zu Ende.

Raimund Bahr liebäugelt abgeklärt mit dem Bild eines Unbrauchbaren, seine Texte sind melancholisch, verhalten, ausgestreckt im Herbstlicht. Weder wird den Tüchtigen ein Vorwurf gemacht, dass sie so emsig sind, noch dem eigenen Ich, dass es biegsam wie Schilf an der Böschung wacheln muss. Über lange Strecken kommt der Philosoph zum Vorschein, der sich das barocke Genere der Poeterey zum Nutzen macht, um auch Dinge ohne Glanz wenigstens zum Schimmern zu bringen.


Raimund Bahr: Poeterey eines Unbrauchbaren.

St. Wolfgang: edition art science 2022. 115 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-903335-20-2.

Raimund Bahr, geb. 1962 in Mödling, lebt in St. Wolfgang.

Helmuth Schönauer 19/07/22



GEGENWARTSLITERATUR 3118

Tür an Tür

Mal was Neues: Es gibt auch in der Schwulenszene schlechten Sex, und erfreulich für die Leserschaft daran ist nicht unbedingt die Gesellschaft schuld.

Dominik Barta outet seinen Helden schon am Klappentext als schwul, aber dieser kämpft während des Romans „Tür an Tür“ um eine adäquate Identität, er steht sich selbst ordentlich im Weg.

Der Ich-Erzähler Kurt Endlicher, knapp dreißig Jahre alt, hat in einer HAK eine Lehrer-Anstellung erreicht und übernimmt im Wiener Genossenschaftsbau die Dachbodenwohnung seiner Tante, die ins Burgenland abgerückt ist.

Damit ist das Lebensglück auf drei Etagen eröffnet.

a) Der Held stößt auf keinerlei Widerstand seiner Schwulität, was ihn zunehmend irritiert.

b) Im Wohnhaus leben die Bewohner nach allen Facetten der Gesellschaft Tür an Tür und entwickeln dabei ein Sozialgefüge wie es in der berühmten Fernsehserie „Lindenstraße“ jahrzehntelang vorgespielt worden ist.

c) Der Staat kocht hinter allen Fassaden sein eigenes Süppchen, indem er sich zynisch als Staat im Staat geriert. „Bald trieben Medien und Politiker die geflüchteten Menschen wie Säue durchs Dorf. Flucht wurde zur Frechheit erklärt, und der Staat schaltete auf Sterilität.“ (207)

Wenn man davon ausgeht, dass für die Österreichernden das Häuschen im Grünen das Höchste ist, wofür es sich zu leben lohnt, so wäre das Leben in Genossenschaft unterm Dach das Bedrückensdste, was sich ausdenken lässt. Unerträglich wäre die Lage, wenn die Wände so dünn sind, dass man jedes Körpergeräusch aus der Nachbarwohnung hört. Und ganz arg wäre es, wenn sich nicht abschätzen lässt, ob in der Nachbarperson männlich oder weiblich ist, und vielleicht gar schwul.

Kurt hat es sich angewöhnt, alles mit einem Schwulenkoeffizienten zu checken, obwohl er keine genaueren Richtlinien darüber hat. Schon seit Kindertagen ist er mit Frederik schwul befreundet, später hat dieser eine Freundschaft mit der aus dem Libanon stammenden Yasmina gestartet, aber kurz vor der Hochzeit bricht er ab und zieht beim Helden ein, noch ehe der Held in der eigenen Wohnung firm geworden ist.

Den gesamten Roman hindurch geht es um Zuneigung und Abstoßung, Zusammen-kuscheln und Distanz-halten. Eine gemeinsame Hausfreundin erweist sich als Lakmustest für Schwulsein, der eine schafft mit ihr einen ungeplanten Geschlechtsverkehr, der andere bricht den geplanten ab.

Und immer wieder Gefühlswallungen, Orientierungslosigkeit und Ausflucht in große Sätze. Der Roman schafft es, diese Tragödie im eigenen Haus zu überwinden, indem er die Ironie als Lösung anbietet. Der Erzähler lacht zwischendurch über sich und seinen Schwulenwahn, vielleicht ist er so was von normal, dass üblicherweise kein Roman über ihn entstehen könnte.

Fazit: Auf privater Ebene ist Homosexualität zumindest in Wien das Normale. Denn wenn sich über einen Status bereits lachen lässt, ist dieser in der Gesellschaft angekommen.

Im dienstlichen Bereich zeigt sich das Schwulsein jeweils kombiniert mit dem Status der Migration. Aus manchen Kulturen müssen die Protagonisten flüchten, wenn sie sich outen, in politisch radikalisierten Kreisen gibt es sogar im Asylland Verfolgungen gegen Geoutete.

Eine Schlüsselrolle spielen dabei Schwulenbars, in die es das Paar des Nachts hinzieht, und wobei die Lage durch Alkohol eskaliert, sodass man sich dort nie mehr sehen lassen kann.

Ein besonders schönes Beispiel politischer Eskalation geschieht, als sich in Studentenkreisen Fans des Studentenbundeskanzlers türkise Strumpfhosen anziehen und auf happy-geil machen.

Für Kurt wird es zunehmend ein Problem, dass er mit dem verengten Schwulenblick auf die Welt schaut. Selbst als Lehrer, der am Nachmittag Lehrlinge aus der Migrationsszene unterrichtet, interessiert ihn letztlich nur, wie sehr eine sexuelle Beziehung in das erwartete Muster passen würde. Mit einem kurdischen Klienten tut sich dann auch sofort eine surreal erotische Beziehung auf, die überschattet wird vom Besuch des türkischen Präsidenten in Wien, der seinen langen Arm in die Szene hineinwirken lässt.

Je nach erotischer Lage wohnen die Mieter mal in dieser mal in jener Konstellation zusammen. Manchmal scheint sich der alte Hippie-Traum zwei Generationen später zu erfüllen. Im Gensossenschaft-Shangrila wohnen alle Tür an Tür und durchschreiten sie problemlos, wenn es notwendig ist.

Der eine muss den Krebs bekämpfen und schafft es nicht, die andere muss am Institut Tumore an Mäusen nachweisen und schafft es, sie kriegt ein Stipendium.

Wer es auf die Reihe kriegt, macht seinen Sex, wer zuvor müde geworden ist, vertagt ihn. Das Schaf wird beim Wolf liegen, der Schwule beim Hetero, der Kranke beim Arzt, dem Erzähler geht letztlich die Phantasie durch und er staunt, dass es noch andere Probleme gibt als Sex in ausgemalten Szenen.

Tür an Tür“ könnte man als ironischen Verbindungsroman zwischen den einzelnen Stellungen und Konstellationen in der Kultur der Erotik lesen. Und alles wird vom kommunalen Ambiente wohlwollend befördert.

Die Botschaft ist klar: Du brauchst kein Haus im Grünen, um glücklich zu werden, sondern eine Dachbodenwohnung in der Stadt, und einen Freund, der Arzt ist, und eine Freundin, die alles sexuell drauf hat, und einen Schüler, den du anhimmeln darfst, und eine Bar, wo türkise Strumpfhosen auftreten. Eigentlich brauchst du nur den Roman „Tür an Tür“, um für eine Weile glücklich zu sein.


Dominik Barta: Tür an Tür. Roman.

Wien: Zsolnay 2022. 207 Seiten. EUR 23,70. ISBN 978-3-552-07303-6.

Dominik Barta, geb. 1982 in Oberösterreich, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 25/07/22



GEGENWARTSLITERATUR 3119

Bukarest Bistro

Für eine Reise durch die Geographie braucht es ähnliche Stützpunkte wie für eine Reise durch das weite Land der Poesie. Einmal sind es Karawansereien, Biwak-Boxen oder Bistros, die das reisende „Wir“ versorgen, dann sind es wieder Wolkenballen, Sträucher und Licht, aus denen sich die Gedichte speisen.

Patricia Brooks setzt für ihre Reise das „Bukarest Bistro“ in Szene und in den Titel. Darunter finden sechzig Gedichte Unterschlupf und berichten von einer imaginierten Welt auf mehreren Ebenen. Einmal ist mit dem Bukarest Bistro eine Location benannt, wie wir sie überall auf der Welt vorfinden, wenn jemand der rumänischen Hauptstadt zuliebe ein Café aufgemacht hat. Andererseits ist ein märchenhaft fernes Land damit verknüpft, das zur Anreise animiert, und drittens liefert der Begriff eine erste Befriedigung jener Sehnsucht, wegen der wir aufgebrochen sind.

Bukarest Bistro // zwei Männer streiten / laut in Zaubersprache / alte Matratzen dösen / an den Zaun gelehnt / in den schwülen Gärten / zwischen die Zypressen / klebrige Flüche blinzeln / zwischen Mauerritzen hervor / auf dem Seufzer Boulevard / verkommen die Fassaden / ein Stromkabel baumelt lose / über der neonblauen Bar / wir sind glücklich / endlich hier gelandet / und in den Balkan / eingetaucht“ (42)

Was hier exemplarisch mit einer Hommage an die erregte Alltäglichkeit an einem Bistro festgemacht ist, funktioniert auch für Gegenden, Wildnis, Wolken oder Winter.

Alle diese Felder sind die Triebfeder, warum wir uns aufmachen, um etwa diesen unheimlichen Saft einer Bewölkung über Rijeka zu bestaunen (21), oder während der Morgenstunde auf die Reisegeschichte von Vögeln zu stoßen, die sich soeben die letzten Flüge erzählen (36).

Oft werden gewöhnliche Orte zu einem Ereignis, wenn sie mit einem Wir besiedelt werden. In den Gedichten wird dieses Wir verwendet, weil es eine Verbindung der Ankommenden mit den schon Dortigen bewirkt. Darin steckt der alte Traum, dass man durch Reisen auf Verbündete trifft, die einen mit einschließen in ihre Kultur, während man erregt die ersten Eindrücke von Sprache, Kultur und Wetter abtastet.

Nicht immer gelingt es, mit einem klaren Blick auf die neue Lage die Koordinaten für das nächste Bild zu synchronisieren, oft bleibt eine „Zwielichtzone“ (16), die auf das Tageslicht anspielt oder ein gesellschaftliches Zerwürfnis.

Ein ganzes Gedicht widmet sich schließlich diesem poetischen Standpunkt, auf den alles zuströmt und wieder abfließt, es ist ein simples Wir. „Wir // wir sagen wir / wenn wir von uns sprechen / und fragen uns manchmal / was es bedeutet“(38)

Während im Startgedicht „getaway“ die Vorzüge des Abhauens mit Gedichten beschworen sind, nämlich „aussteigen, abspringen, entkommen, entschlüpfen, entwischen, entrinnen, fliehen, fliegen : davonfliegen“ (3), zeigen sich zu späterer Stunde die Auswirkungen dieser Fluchtbewegung in Form einer weißen, goldenen oder blauen Stunde. Die Lyrik vermag Zeit in Farbe zu verwandeln, sodass sich die empfindsame Seele bloß ausstrecken muss, um sich der Mittagshitze zu ergeben (weiße Stunde), den Schatten der Nacht vorauszuahnen (goldene Stunde) oder sich fröstelnd vorzustellen, dass es fünfzig Arten des Erfrierens gibt (blaue Stunde).

Manchmal sind die Notizen für ein Reisegedicht schon intensiv wie die Reise selbst, sodass es für diesen Tag bei der bloßen Vorstellung bleibt, weggefahren zu sein. „Reisenotizen // Containerschiff Heidi Hanjin / Länge 300 m / 60.000 Ladetonnen / über den Atlantik / [...] Wirbelsturm / und nichts passiert“ (52)

Freilich liegen hinter den erträumten Dingen oft auch schlechte Erfahrungen, Katastrophen und flächendeckendes Unglück, das sich mit dem Fluch-Wort „Badland“ umschreiben lässt nach dem Sprichwort: „in der Stadt / schlafen die Fische schlecht“. (56)

Der lyrische Mouve endet in kalter Jahreszeit, Jänner, Winter, die Farben des Winters, Eislaufen: ein Logbucheintrag befindet, dass die Zeit in Richtung Frost unterwegs ist und vielleicht bald gänzlich eingefroren sein wird.

Patricia Brooks zeigt ihre Bilder vom Reisen, Forschen und Glücklich-Sein hinter vorgehaltener Hand. Zu zerbrechlich sind die Zeilen, wenn sie laut ausgesprochen werden. Im Sinne des Bukarest Bistro geht es oft laut her, die Matratzen liegen am falschen Ort und die Verkabelung ist herausgerissen, aber das Unfertige zeigt, dass alles schon einmal fertig war und wir es nicht mehr restaurieren können. Staunen hilft, wenn wir uns einem Kosmos anvertrauen den das „Hotel Paradiso“ verspricht, das jäh in Erscheinung tritt.


Patricia Brooks: Bukarest Bistro. Gedichte.

Baden | Obermallebarn: edition nikra 2022. 72 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-9505265-1-6.

Patricia Brooks, geb. 1957 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 14/07/22



GEGENWARTSLITERATUR 3116

Das Hortschie-Tier und Die Lurex-Frau

Die aufregendsten Texte sind einerseits überall anzutreffen, wo man sie nicht sucht, andererseits findet man sie garantiert nicht in einer geordneten Schublade. In einer Bibliothek stehen solche Überraschungen am ehesten zwischen den Regalen und außerhalb der Ordnung eines Alphabets.

Manfred Chobot ist Spezialist für Überraschungen, die scheinbar immer schon da sind. Einmal schürft er als Dialekt-Magier spontane Fügungen ans Gesprächslicht, ein andermal bringt er während einer Recherche die Dinge zum Sprechen, und am verlässlichsten ist er an der Kante zwischen Traum und Wachsein, Findung und Erfindung, wahr und wahrscheinlich anzutreffen.

Seine aktuellen Phantasmen nennt er Hyper-Texte, mit Bindestrich zu schreiben, denn sie wirken landläufig einfach super, hyper, genial. Wenn man sie ohne Bindestrich schreibt, gehören sie der IT, sagt der Autor in einem Interview, dann wären sie so etwas wie ein Hyperlink, mit dem man durch die Meta-Ebenen durchstechen kann.

Etwas von diesem „Durchstechen“ haben auch die gut 130 Geschichten, die wie in einer Bar aus 13 Zapfhähnen fließen. Die Geschichten entwickeln dabei ihr Thema erst, während sie in Gang gebracht werden, und da hilft dem Autor seine mündliche Kompetenz. Er ist ein begnadeter Drifter, Surfer und was es sonst noch an Sportarten gibt, die er, dem Wassersport entstiegen, in die Literatur eingebracht hat.

Wenn die Phantasie in die Gänge kommt, kann man höchstens noch den Ausgangspunkt einem Thema zuordnen, das daraus Folgende ist Eruption, die sich jenseits aller Schwerkraft bergauf und bergab entwickeln kann.

Die meisten Wunderkrater, aus denen die Geschichten plötzlich loslegen, liegen auf dem Gebiet des Reisens, des repräsentativen Getues, der kulturellen Happenings, der flächendeckenden Irritation und vor allem der Begegnungen inklusive Liebe.

Die sogenannten Begegnungen gehen fließend in Erotik über, manchmal ist auch etwas handfestes Gerät dabei, sodass die Geschichte mit dem Jugendschutz in Konflikt geraten könnte. Aus diesem Grund gibt es bei gefährlichen Erzählstrecken mit erotischen Kurven jeweils Altersangaben, die von fünfzehn-ein-viertel bis fünfzehn-ein-halb reichen, absurd genau, wie eben Altersangaben so sind.

Die sogenannten Kapitelüberschriften zeigen sich per se als Hyper-Texte, wenn etwa Sprichwörter den Geist aufgeben und es plötzlich gilt, ein „U für ein X vorzumachen“, „Triebe mit Liebe“ zur Schlagzeile werden, „Turtle mich Taube!“ eine Anmache vortäuschen und sinnlose Headlines aus dem Boulevard die Welt auf den Kopf stellen. „Die Verdoppelung hat sich halbiert“, heißt es halb-logisch, und der Schmäh kaum noch auf, weil sich durch die große Seuche eine semantische Long-Ohnmacht eingeschlichen hat.

Die Wirkungsweise der Texte muss letztlich der User selbst in sich auslösen, je nachdem, wie glaubwürdig er die vorgetragene Sache hält. (Das Genderproblem löst der Autor elegant, indem er fallweise die alten Geschlechtssymbole Kreis mit Pfeil und Kreis mit Kreuz in Klammern einführt und auf stumm stellt.)

Die auftretenden Helden haben durchwegs Namen aus der Literatur- Kultur- oder Universalgeschichte, man kann sich nun überlegen, ob der Ich-Erzähler tatsächlich mit Schönberg eine Oper geschrieben hat, oder ob es ein anderer Schönberg ist, der vielleicht bei Tageslicht als Hausmeister arbeitet.

Der Erzählduktus steht immer unter Spannung und verträgt keinen Abbruch. Im Zweifelsfalle wird ein Name aus dem nächstbesten Speicher im Kopf abgerufen und wie selbstverständlich verwendet. Menschen mit Erinnerungslücken greifen oft auf dieses fließende Memorieren von Phantasienamen zurück. Besonders bei forensischen Verhören lassen befragte Zeugen oft einen Schwall von Helden los, die einen Sachverhalt durchaus gestaltet haben könnten.

Nicht nur die Schärfe und Glaubwürdigkeit von Namen muss sich der Leser selbst zumuten, auch physikalische Gegebenheiten können durchaus mit gutem Satzbau überwunden werden. So küsst beispielsweise eine Assistentin den Zahnstein weg, als sich dieser nach herkömmlicher Methode nicht entfernen lässt. Ein Verleger, der mit seinem Buchdepot überfordert ist, lässt dieses samt Schloss wie in einem Märchen abbrennen. Eine Hexe wird unter echtem historischen Namen verbrannt, aber niemand regt sich auf, weil sie niemand kennt. Bei einem Ausflug werden plötzlich Lessing und Konsorten nach einer Übersetzung gefragt, dabei gilt es nur, mit dem Boot überzusetzen.

Der Ich-Erzähler stürzt sich manchmal diskret ins Phantasiegewusel, manchmal ordnet er das Chaos, damit der Plot aus dem Letten gezogen werden kann, an anderer Stelle wird er zum staatstragenden Helden, wenn er etwa die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek am Gehsteig trifft und erfreut.

Ein Hyper-Text kann jede Situation retten, so scheint es, weil er für jede Situation mit einem skurrilen Ausweg Habt-acht steht.

Und was ist mit den rätselhaften Figuren, die am Cover stehen? Sie sollen vor allem Neugierde erwecken, indem sie den Leser wach halten. Niemand wird das Buch beiseite legen, ehe er nicht auf „hyper-textlich“ erfährt, worum es sich handelt. Nur so viel, sei hier verraten, beide, Hortschie-Tier und Lurex-Frau, kommen im Text tatsächlich vor und haben eine schräge Wendung ihres Auftritts im Sinn.

Walter Schmögner ist von ähnlichem Phantasieholz geschnitzt wie Manfred Chobot, weshalb er Zeichnungen in den Text platzieren kann, als wären sie nur eine andere Gestalt von „hyper“. Selbst als Zeichnungs-Dilettant ist man hingerissen, wenn man sieht, wie logisch Phantasie in der Graphik funktioniert. Bei einer Fee geht das Kleid in Wurzelwerk über, welches Strahlen eines Raketenschubs ausstößt. Ein Portal zu einem geheimen Zugang beginnt vor den Augen des Betrachters zu verwachsen. Ein Paar hat sich nichts zu sagen und spricht über sich mit Hilfe der Tandem-Frisur, die zu einem Vogelnest hochgesteckt ist.

Das Problem bei Hyper-Zeichnungen und Hyper-Texten ist, dass man nicht mehr herauskommt, wenn man einmal von ihnen verzaubert worden ist. Manfred Chobot probiert es mit der ungemütlichen Art: Der Icherzähler bittet den Komponisten Schönberg, durch Musik die Zeit zu beschleunigen. Aber genau das kann die Zwölftonmusik nicht. So bleibt die Tür offen hinaus in die sogenannte Realität.


Manfred Chobot: Das Hortschie-Tier und die Lurex-Frau. Hyper-Texte. Zeichnungen von Walter Schmögner.

Oberwart: edition lex liszt 2022. 370 Seiten. EUR 25,-. ISBN 978-3-99016-217-0.

Manfred Chobot, geb. 1947 in Wien, lebt in Wien.

Walter Schmögner, geb. 1943 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 02/07/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2330

Mein Handatlas

Ähnlich dem Rechenschieber und dem Schwindel-Wörterbuch für die Schularbeit ist der Atlas ein didaktisches Erinnerungsstück, das von einer Welt berichtet, als die Dinge noch zum Angreifen waren, so weit weg sie auch sein mochten.

Arnold Mario Dall’O hat als Graphik-Künstler Zugang zu den bedeutendsten Atlanten der Welt, ein paar hat er in seiner Selchkammer für Piktogramme gelagert. Manchmal blättert er in den Schätzen, manchmal riecht er auch nur daran. Jedenfalls entsteht schon beim leisesten Öffnen eines Atlas vollkommene Inspiration.

Anlässlich der kontinentalen Quarantäne während der Pandemie hat der Künstler das Projekt „Handatlas“ verwirklicht. Dabei geht es um die Frage, was die hundert interessantesten Dinge und Aktionen sind, die man in einem Atlas eintragen und so der Nachwelt erhalten könnte. Der Handatlas wird zu einem persönlichen Hausbuch, worin die gesamte Welt „verzeichnet“ ist.

Dabei werden die Ereignisse dreifach gespeichert, einmal als blasse Navigationsgraphik, worin der Ort des Geschehnisses mit einem schwarzen Punkt im jeweiligen Kontinent verankert ist, als nummerierte Kleingeschichte und schließlich als Graphik, die über einer „Stielerschen Atlas-Seite“ aus dem Jahr 1906 ausgebreitet ist.

Im Vorwort ist das Konzept erklärt. Durch die graphische Veredelung wird der Gebrauchsgegenstand des Navigierens zu einem Kunstwerk und Unikat. Der praktische Nutzen liegt nun darin, dass man mit dem Handatlas aus der Pandemie hinaussteuern kann in eine ungewisse Zukunft.

Auswahl und Reihenfolge der hundert Geschichten erzählen ein Miniaturepos, wie es gleichzeitig mit mannigfaltigen Helden und Taten geschehen könnte.

In einer knappen Abfolge sind die Themen Gartenzwerg, Braunau und Mitläufer Herr Karl zueinander in Beziehung gesetzt. Der Gartenzwerg (8) ist vermutlich das erste ästhetische Konstrukt, das die vielen Landesteile zu einem deutschen Reich zusammenwachsen lässt. Gerade durch die Miniaturausführung des biederen Geschmacks soll die Angst vor dem großen politischen Monstrum „Reich“ genommen werden. Auf dieses setzt später ein österreichischer Export aus Braunau (11), der sich vor allem die Frage gefallen lassen muss, warum ist aus Schiele ein Genie und aus Hitler ein Diktator geworden. Beide hatten etwa gleichzeitig ungute Erfahrungen mit der Malerschule, der eine war über-, der andere unterqualifiziert. Und der Parademitläufer „Herr Karl“ (16) rundet diese Reichsidee ab, indem er nicht nur zum Lachen in den Keller geht, sondern um im blauen Dunst des Heurigen die dumpfe Wahrheit eines angepassten Besserwissers kundzutun.

Ähnliche Geschichtsblöcke lassen sich als User persönlich zusammenstellen, wenn man beispielsweise die aufregenden Erscheinungen der Zeit zueinander in Beziehung setzt.

So erzählt die Parkuhr (25) von einer Eigenschaft vergangener Motorisierung, dass man nämlich die gewonnenen Zeit beim Autofahren durch die Gebühr beim Parken wieder verliert. Als eine Art Körperparkuhr fungiert schon seit Jahrhunderten der Wecker (38), der jeden Tag anläutet, wie viel es geschlagen hat. Und die Zeit als puren Zeitgeist zu verwalten ist die Aufgabe von Influencerinnen (58), die jeden Tag etwas Neues ins Netz stellen müssen, um den Fortschritt der Gesellschaft hinein in den Nonsens zu dokumentieren.

Extreme Entgleisungen könnte man eine Serie nennen, wo Tschernobyl (46) in die Luft fliegt, die Salzseen in Kasachstan den Geist aufgeben und austrocknen, und schließlich Fitzcarraldo (97) die Bodenhaftung verliert, indem er seinen Dampfer über das Gebirge zieht wie ein Sinn-verlorener Noah.

Und die Südtiroler Geschichte lässt sich an allen Ecken und Enden ausmachen, wenn man großzügig im Wegschauen und korrekt beim Atlasschauen ist: Die Messner-Brüder überziehen den fernen Himalaya mit einer Tragödie, und ihre Geschichte wird bereits ähnlich mysteriös erzählt wie die Artussage. Der Wolf hingegen vermehrt sich in Südtirol, obwohl er in Tasmanien ausgerottet worden ist und dort seither wehmütig besungen wird. Und die sogenannte Rattenlinie (100), eine Fluchtroute der Nazis quer durch Südtirol hinunter zum Vatikan und später hinauf zu Gott ist der geheime Ho-Chi-Minh-Pfad der Südtiroler.

Machen es die Atlasblätter, die bei längerer Betrachtung zu wummern und zu phantasieren anfangen, machen es die geographischen Verknotungen der Geschichten mit schweren Ankerketten der Illusion, oder sind es die knappen Erzählungen des Autors, die das Schwungrad der Fiktion antreiben – der Lese-Genuss ist plastisch, realistisch und anregend.

Arnold Mario Dall’O schafft es, aus plan ausgelegten Blättern ein Gebirge von Abenteuern herauszustülpen.


Arnold Mario Dall’O: Mein Handatlas. 100 Bilder & Geschichten. Wie ich mir die Welt erkläre. Unter Verwendung der Karten von Stielers Hand-Atlas 1906.

Bozen, Wien: folio 2022. 410 Seiten. EUR 28,-. ISBN 978-3-85256-853-9.

Arnold Mario Dall’O, geb. 1960 in Bozen, lebt in Meran. Für den Folio Verlag gestaltet er die Cover der literarischen Titel.

Helmuth Schönauer 23/07/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2329

Briefe an Mimi

Das Wohnzimmer der Literatur ist die Kiste, da fühlt sie sich wohl und beschützt und wartet mit dem Kistenbesitzer tapfer auf das Ende der Welt.

Peter Giacomuzzi ist von Kindheit an von dieser Literatur in der Kiste inspiriert. Bei ihm hat diese Verzauberung die Ausmaße einer Schuhschachtel und steht im Regal seiner Tante, die ihn durchs Studium füttert. In der Schachtel sind Briefe eines gewissen Toni, der als Bild neben dem Fernseher steht. Später ist die Tante gestorben und der Erzähler erwachsen geworden. Mit größter Ehrfurcht sichtet er die Briefe und beschließt nach Jahrzehnten, sie im gefühlten Einklang mit der Tante diskret zu edieren.

Briefe an Mimi“ ist ein Stück intime Geschichtsschreibung, wie sie seit Menschengedenken stattfindet. Hinter jeder schriftlich formulierten Liebesgeschichte steckt auch ein Stück jeweilige Gegenwartsgeschichte. Im Endeffekt tun Liebende nämlich nichts anderes, als das große Rätsel vom Leben und Sterben mit den Wörtern des Zeitgeists auf die Intimität herunterzubrechen.

Der Herausgeber fungiert in diesem besonderen Fall als Autor, Zeitgeschichtler und Heimatkundler. Seine Qualifikation für dieses Unterfangen ist nämlich einmalig: „I bin japanischer walscher mit taitsch.“ (23)

Die Briefe an Mimi sind Einweg-Post, die Antworten muss man sich jeweils zwischen den Zeilen erschließen. Die Schreibsituation lässt sich wie ein Klappentext zum Leben zusammenfassen. Der in Bologna studierende Toni lernt bei einem Heimatausflug nach Bozen eine Friseurin kennen, verliebt sich ins Ungewisse und Blaue hinein, und die angeschriebene Mimi schreibt regelmäßig zurück. Es gibt diverse Treffen, die aber die Zukunft offenlassen.

Das Ungewisse macht den schreibenden Toni oft eifersüchtig und hilflos, andererseits schiebt er seine Unruhe auf die Politik, die gerade mit der Option über Südtirol hereinbricht.

Toni studiert später in Innsbruck, ehe er immer weiter an die Front versetzt wird. Schließlich kommt der letzte Brief Mimis an ihn wieder zurück mit dem Vermerk „Empfänger vermisst“.

Mimi ist inzwischen in Innsbruck und berichtet von Bombenangriffen, die ihre Frisur-Klienten mit nassem Haar in die Schutzbunker fliehen lässt.

Diese Briefe sind in kursiver Schrift abgedruckt, der Gesprächsstoff verletzt keine Persönlichkeitsrechte, denn wegen der Zensur findet die Post ohnehin öffentlich statt.

Neben familiären Schicksalen, die in Nebensätzen erwähnt sind, geht es vor allem um das Diffusum der Zukunft, sowohl was die beiden betrifft, als auch die Gesellschaft.

Einfach durchhalten, warten, weiterschreiben, dranbleiben. Dieses Verhalten passt sowohl für ein Liebespaar als auch für eine schreibende Person. Die Dichter leben ja schon seit Jahrhunderten in einem aussichtslosen Hoffnungszustand, wofür es keine Erfüllung gibt.

Auf der zweiten Ebene sind die Briefe mit historischem, ästhetischen, pädagogischen und geographischem Material unterlegt. Auf gerastertem Untergrund wird etwa ein im Brief zitiertes Liebeslied in voller Länge angespielt, eine sogenannte Hummel-Postkarte liegt als Fallbeispiel für Ästhetik des guten Willens bei, der in Südtirol für das letzte Weihnachtsgeschäft gebräuchliche „goldene Samstag“ wird in seiner Mehrdeutigkeit vor diversen Stimmungslagen aufgefächert, und das Törggelen erklärt sich im merkantilen Austrinken und Umfallen quasi von selbst.

Manche der vorgestellten Rituale und Geschäfte funktionieren zu allen Zeiten, wie das Trinken, Weinen und Alleinsein, andere sind spezifische Rituale des Regimes, etwa das Öffnen von Briefen, das dem Recherchieren im Internet sehr nahekommt.

Die dritte Ebene ist als vergängliche Blässe ausgeführt. Im sachten Andruck ohne Großschreibung schimmern Notizen des Autors aus dem Papier. Manche Absätze sind so zart ausgeführt, dass sie lese-physikalisch das Auge nicht mehr erreichen. Aber Schlüsselwörter und Beschreibungen von Gemütszuständen vermitteln eine Art inneren Monolog, den der Autor über die Edition gestülpt hat.

Die naheliegende Frage, wie hätte ich als Toni gehandelt, zieht sich als durchgehendes Motiv über die Notate. Die Antwort fällt meist „reif“ aus: Wahrscheinlich ähnlich. Denn gegen die Zeitgeschichte hat noch niemand ein Leben hingekriegt, ob in der Liebe, im Studium oder in der physischen Vernichtung durch Arbeit oder Krieg.

Peter Giacomussi schafft mit dieser dreifachen Textschicht eine eigenständige Form von Literatur.

In Tirol werden die sogenannten Südtiroler-Siedlungen mittlerweile abgerissen, umgebaut und für ein neues Geschichtsbild restauriert. Darin sind wahrscheinlich Tausende sogenannter Erinnerungskisten verwahrt, die manchmal wohl entsorgt werden, in günstigen Fällen im Archiv landen oder aller-günstigstenfalls als „Briefe an Mimi“ in einem Regal für griffbereites Nachdenken.


Peter Giacomuzzi: Briefe an Mimi. 1938 – 1944. Abbildungen.

Zirl: BAES 2022. 252 Seiten. EUR 25,90. ISBN 978-3-95054283-0-5.

Peter Giacomuzzi, geb. 1955 in Bozen, lebt nach Jahren in Japan in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 06/07/22



GEGENWARTSLITERATUR 3120

Rockall

Was für ein entlegener Ort. Rockall ist ein Felsen im Nord-Atlantik, der mit knapp achthundert Quadratmetern vielleicht so groß ist wie ein passables Penthouse. Freilich präsentiert sich der Felsen als so steil, dass man als Mensch darauf kaum richtig stehen oder im Biwak liegen kann.

Bernhard Hüttenegger nimmt diesen realen Felsen, der vor allem bei Survival-Wettbewerben Furore gemacht hat, um darauf eine Parabel vom Verlöschen des Lebens abzusetzen.

Absetzen ist das passende Wort, der Ich-Erzähler wird von einem Helikopter auf den Felszacken geflogen und ausgesetzt, der Überlebenssack wird abgeworfen. Plötzlich erhalten so hoch-philosophisch existenzielle Begriffe wie ausgesetzt und ausgeworfen eine nackte Überlebensbedeutung. Der Erzähler ist beim sogenannten „Rockall-Experiment“ berücksichtigt worden.

Der Roman setzt mit dem Auswurf-Schock des Erzählers ein. Während er das Wetter mit allen Sinnen zu erfühlen versucht, ordnet er die ersten geographischen Fakts, die Insel ist bis auf Vögel unbewohnt, steil, eine Karikatur jener üppigen Isel des Robinson Crusoe. So besteht der Überlebenssack richtigerweise aus Trockennahrung, später wird man sich wohl an Meerestiere und Vögel heranmachen müssen.

Der erste vernünftige Satz den der „Ausgesonderte“ (22) faselt, handelt vom Schreiben, das er unbedingt angehen muss, um nicht wahnsinnig zu werden. Es geht bei diesem existentiellen Spiel darum, sich selbst möglichst lange auszuhalten, ohne wahnsinnig zu werden.

Dieser letzte Ort einer zugrunde gegangenen Menschheit spielt ähnlich Atlantis außerhalb der Geschichte. Wo sich bei Atlantis der Mythos in die Vergangenheit erstreckt, geht es bei Rockall um eine als Parallelwelt gedachte Zukunft.

Große Teile der Infrastruktur sind im Ozean versunken, manche wohnen in einer Geistersiedlung unter Wasser, andere halten den Flugverkehr an den Rand der entlegenen Siedlungsfläche aufrecht. Über Glasgow werden Plattformen und Labors versorgt, überall sind die Menschen als Einzelpersonen ausgesetzt, schürfen Rohstoffe oder arbeiten an der Endzeit-Psyche, wie der Ich-Erzähler notiert.

Gerade weil die Nahrungsmittel zur Neige gehen und die Tiere sich nicht fangen und essen lassen, besteht der Tagesablauf aus permanenter Wetterbeobachtung. Einmal kommt ein Helikopter, aber er wirft lieblos ein paar Gasflaschen ab als Aufforderung, endlich mit dem Jagen zu beginnen.

Tatsächlich bastelt sich der Held aus dem Mythos alter Überlebenssagen eine persönliche Fischfanggeschichte zusammen, es gelingt, mit den Begriffen der Überlieferung ein paar Nahrungsmittel für die Gegenwart zu gewinnen. Nach einem furiosen Sturm sind Fische auf den Felsen gespült und auch ein paar zerbrochene Vögel gehen als Kadaver her.

Ein seltsamer Vogel watschelt clownesk um den Helden, der mit ihm zu sprechen beginnt und ihn Charlie nennt wie ein Polarforscher sein finales Dahindösen.

Nach jedem Unwetter tun sich neue Höhlen auf, der Felsen ist in ständiger Bewegung. Plötzlich verschüttet ein solches Höhlenmaul den Ausgesetzten und klemmt ihm den Arm ab. Mit den letzten Kräften gelingt es ihm, sich selbst zu amputieren und den Arm zu opfern.

Ab da ist vollends Delirium angesagt. Ein Schiff fährt vorbei und grinst. Der Vogel redet wie ein Freund aus früheren Zeiten, und der Held stellt mittendrin fest: Ich habe Charlie gegessen. Der Verzehr dieses Freundes fühlt sich an wie Kannibalismus. Der Roman verdunstet in einem Openend.

In der sogenannten Nachbemerkung freilich wird ein Rahmen gesponnen, wie diese fiktive Geschichte als Quelle in die reale Welt gelangen könnte. In einem Heimatmuseum auf den Hebriden findet sich ein Manuskript, in dem die Grundfassung der Geschichte niedergelegt ist. Geheimnisvolle Kladden eines Verschollenen runden den Fund ab, der das Erzählte glaubwürdig wirken lässt. Freilich wurde auf Rockall keinerlei Leiche gefunden, die das Experiment beweisen könnte.

Bernhard Hüttenegger lässt den Rockall-Erzählstrang offen, sodass persönliche Überlegungen des Lesers andocken können.

Beispielsweise kann ein Sportler während der Lektüre seine eigenen Grenzerfahrungen ins Spiel bringen, ein Geograph seine eigenen Expeditionen.

Und ein schlichter Pensionist fühlt sich heftig angesprochen, ist doch Rockall ein Musterbeispiel für den Rentenabschnitt eines Lebens. Ausgesetzt, hilflos, von jeglichem beruflichen Sinn abgeschnitten sitzt er da und macht seine Notizen, die davon handeln, die nackte Existenz auszuhalten, ehe das Wetter wieder alles umkrempelt.


Bernhard Hüttenegger: Rockall. Roman.

Graz: Keiper 2022. 125 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-903322-63-9.

Bernhard Hüttenegger, geb. 1945 in Rottenmann, lebt in Wien und Kärnten.

Helmuth Schönauer 16/07/22



GEGENWARTSLITERATUR 3115

Abstufung dreier Nuancen von Grau

Rare Bücher jenseits des Massenauftriebs sind oft in eine individuelle Untergrund-Geschichte eingeschlagen oder tragen diese eingenäht im Umschlag herum. Diese Bücher rutschen im Regal auch gerne nach hinten, während vorne an der sichtbaren Kante die Alltagsware den Zugriff verstellt.

Kristiane Kondrats Roman „Abstufung dreier Nuancen von Grau“ ist so ein verstelltes Buch, das von selbst nach hinten ins Regal wandert, weil es ein Leben lang als Geheimnis, Untergrundstück, eingenähtes Mantelmaterial oder aufgesplittetes Informationsgut quer durch den Kontinent und die diversen Regime getragen worden ist.

Als die Autorin 1974 von Rumänien nach Deutschland flieht, hat sie Teile des Romans im Wintermantel eingenäht. Es dauert Jahre, bis auch der Rest in den Westen gelangt ist, aber dann ist noch nichts gewonnen. Es vergehen noch Jahrzehnte, bis der Roman unter dem Titel „Abstufung dreier Nuancen von Grau“ quasi als Prosa-Gegenstück zu den Gedichten „Regenbogen“ (Rumänien 1968) erscheinen kann. Das Pseudonym wird aus Sicherheitsgründen bei der Erstveröffentlichung 1997 im Westen beibehalten, denn der Arm der Securitate ist damals noch lang. Doch der Verlag geht in Konkurs und gibt die Rechte zurück.

So erscheint der Text jetzt erstmals komplett und hat die Schärfe von damals, als er noch in Einzelteile zerlegt in Schubladen des Elternhauses versteckt war. Der Begriff „Schubladenliteratur“ bezeichnet nicht nur eine Kompositionsform, sondern auch eine politische Schutzmaßnahme.

Obwohl der Roman im Titel von Grau handelt, setzt er in grellem Weiß ein.

Die Ich-Erzählerin ist umgeben von der Sterilität einer Krankenstation, über allem liegt das komatöse Flackern sedierter Gemüter, und wenn die Erinnerung einsetzt, handelt sie von einer Schneelandschaft aus der Kindheit, die fließend in ein Leintuch übergeht.

Zwischendurch flattern Sätze der Neugierde und Zudringlichkeit aus dem Nachbarbett auf, auch dort liegt die Patientin offensichtlich nicht freiwillig drin, denn sie spricht dauernd von Tabletten, die abgezählt und herumgereicht werden.

Am Horizont des kalkweißen Zimmers hängt ein Kruzifix und reflektiert in einer Geheimsprache die Wunden aus einem Kreuzverhör, das offensichtlich den Beamten entglitten ist. (15)

In einem Flash zurück in das Grau der Kindheit ist die Erzählerin planlos unterwegs, das Ziel könnte eine Endstation sein, aber vor jeder Straßenbahn stauen sich Warteschlangen und zischeln wie jene damals, als die Menschen aus dem Paradies hinausgezischelt worden sind. „Die Schlange aber war weg und die harmlose, dösende Wartestille wieder eingetreten.“ (27) Unerwartet, wie die Bilder gekommen sind, verschwinden sie auch wieder und fügen sich in die öffentliche Ordnung ein wie Wartende in ihre Schlange.

Nein, sie warten auf den Kometen, sagt jemand, der sich dieses Anstellen nicht erklären kann. Eine Frau gibt sich als Dolmetscherin aus und führt die Erzählerin durch die Stadt, aber ihr ist nicht zu trauen, sie könnte von der geheimen Behörde sein.

Mit geschlossenen Augen hörte ich auch, worüber sie sprachen. Über morgen, über übermorgen, eine sprach über gestern.“ (53) Die Menschen haben gelernt, über unauffällige Dinge zu sprechen, während sie den Augenkontakt meiden und über eine Brüstung blicken, am unauffälligsten ist zudem der Blick auf eine Haltestelle.

Die Erzählerin kann nicht sagen, wie lange diese Erinnerungen und Flashes schon dauern, einiges geht auf die Kindheit zurück, anderes ist aus einer späteren Zeit, als sie vielleicht einen Freund gehabt hat, Egon, aber ihn kennt sie nur von der Verabschiedung für immer. (77)

Einmal soll es aus der Stadt hinausgehen, aber der Zug bleibt auf freiem Feld stehen und fährt nicht mehr weiter. In der Erinnerung ist es eine besonders Grau, das über dem Feld liegt, ähnlich jenem von Massen, die in graue Kleidung gehüllt sind.

Die Beobachtungsschübe entwickeln einen eigenen Rhythmus zwischen Masse und Individuum, ständig teilt sich die Masse in Einzelsplitter und fügt sich an der nächsten Straßenecke wieder zu einem neuen Grau zusammen.

Mittendrin ist der aufgestellt wie ein Mahnmal oder Wegkreuz: Der Wörterautomat. (83) Aus ihm lassen sich Wörter herausziehen, wenn man genug Münzen eingeworfen hat. Aber meistens sind es leere Versprechungen oder hohle Floskeln, die am Automaten unten herauskommen.

Jemand schleppt sich auf Krücken zum Kiosk, aber das bin ja ich, erschrickt die Heldin, und schon geht es weiter mit Verhören. Den ganzen Gang entlang stehen die Türen offen für Befragungen, jedes Zimmer hat eine eine Nummer, die Erzählerin glaubt, dass sie auf 110 verhört worden ist. Sie weiß mit Bestimmtheit, dass sie in den Zimmern nicht nach Kleinigkeiten fragen, sondern nach dem „Alles“.

Jemand fragt aus der Kindheit heraus, bist du Trudi? Aber wer ist Trudi. Vielleicht die erste Freundin? (148) Die Erzählerin blickt vom Schlittschuhlaufen auf, hinein in das Gebirge, alle diese Schattierungen sind nur Verkleidungen von Weiß. Sie tanzt um die Stelle, an der die Welt anfängt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich auf dem Eis tanzen, dass ich so frei sein kann.“ (151)

Kristiane Kondrat erzählt mit der Schubladenmethode von jener Verstörung, die jemand in einem öffentlichen Raum erfährt, in dem es keinen Schutz gibt. Jeder Satz wird zu einem Frontalangriff, jedes Ausweichmanöver mündet in einem Verhör oder in psychiatrischem Tiefschlaf. Immer wieder wird eine Schublade gezogen und eine versteckte Geschichte herausgenommen. Diese Flecken Text haben keinen Anfang und kein Ende, sie lassen sich überall zusammenfügen zu einem größeren Ganzen, an den Rändern erkennt man die Nuancen von Grau, durch die sie sich voneinander unterscheiden.


Kristiane Kondrat: Abstufung dreier Nuancen von Grau. Roman. Mit einem Nachwort von Christina Rossi.

Ulm: danube books 2022. 156 Seiten. EUR 17,-. ISBN 978-3-946046-14-1.

Kristiane Kondrat (= Aloisia Bohn), geb. 1938 in Reschitz / Rumänien, lebt in Augsburg.

Helmuth Schönauer 30/06/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2328

Weltachse

Wenn jedem Menschen eine eigene Welt innewohnt, müsste man mit diesen Welten kommunizieren können, indem man sich ihre Weltachsen unter die Lupe nimmt.

Barbara Tilg stellt in ihren fünf Erzählungen ein paar dieser „Weltachsen“ vor, die teils sichtbar aus den Menschen hinausragen als Defekt, teils unsichtbar erahnt werden müssen im geduldigen psychologischen Gespräch.

In der titelgebenden Aufmachergeschichte stirbt in einem Bergbauerndorf ein Held alten Schlages, wie er in den Genres Heimatmuseum, Ahnengalerie und Heimatliteratur gerne ausgestellt wird. Unabhängig vom Lauf der Welt haben diese Ikonen ein schräges Schicksal zu tragen, ihre Achse steht schräg aus ihrem Schicksal hinaus und sie ecken höchstens an, wenn sie ihren privaten Globus anwerfen und in Rotation bringen.

Der Held Kohler hat sich die Welt zu einer Werkstatt ausgebaut, für den Besucher wirkt es umgekehrt, dieser sieht die Werkstatt als Welt. Die Gegenstände haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, es handelt sich um assoziative Gebilde, die einzig vom Magnetismus ihres Schöpfers zusammengehalten werden. Einmal spricht er von der Weltachse, die zumindest für ihn im Lost sein müsse, wenn schon die Welt schräg steht.

Das Leben des Sonderlings schwankt zwischen Tagesform und Welterkenntnis. Einmal sitzt er über einem Haufen Gutscheinen und möchte diese irgendwie einlösen, ein andermal besticht er durch kluge „Wolfsäußerungen“, wonach der Wolf wieder zurückkehren müsse in sein angestammtes Alpenrevier. Als Kohler stirbt, wird er in der Werkstatt aufgebahrt. Im Nachruf lässt sich das Romantische eines Sonderlings besonders innig würdigen.

Eine ähnliche Verschiebung der Weltachse macht die Skatboarderin in der Landeshauptstadt durch, als sie mit einem Strichcode auf der Stirn ihre Übungen vor dem Landhaus absolviert. Der Ich-Erzähler nimmt Kontakt zu ihr auf und lässt sich allmählich in ihre „tätowierte Stadt“ (37) einführen.

Die Künstlerin erzählt von ihrer Spezialität, nämlich die Landschaft zu tätowieren. Bei genauerem Hinsehen ist alles ein Tattoo, auch ein Gespräch ist meist etwas, was sich als Pigmentierung der Haut abspielt: Durch die Hautoberfläche in die Tiefe gehen, um mit dem Körper zu kommunizieren! Der Erzähler ist mit diesem Tiefgang überfordert und zweifelt, ob auch die Literatur nach dem Prinzip Tattoo funktionieren kann.

Vom „Abgrund“ (61) behandelt die Lebensgeschichte des Kurt, der Gesellschafts-verloren in Abfallcontainern herumwühlt. Seine Müll-Karriere hat ihn vom Lkw-Fahrer, über den Zulader hin zum Müllpädagogen geführt, als er den Bewohnern das Mülltrennen beibringen sollte.

Der Ort heißt sinnigerweise Grimm und scheint für Kurt nur aus Müll zu bestehen. Aber er hat sich mit Kunst dagegen gewappnet. Als ein abgetrennter Arm gefunden wird, ist er sich sofort im Klaren darüber, dass es sich um den Arm der Hölderlin’schen Diotima handeln muss. Er habe ein „Hummelhirn“ sagt er, wenn er auf eigenen Zeitebenen mit eigenartigen Geschichten mit sich selbst unterwegs ist. Traum und Wirklichkeit werden von der gleichen Trennlinie von einander ferngehalten, es ist der Abgrund.

Irgendwohin“ (81) ist das Ziel der Heldin Ida, die sich am besten mit dem Wort „antriebslos“ beschreiben lässt. Sie ist etwas aus der Zeit gefallen und für ihren Mann nicht mehr erreichbar, so sehr sich dieser auch um sie bemüht.

Aus ihrer Trance der Traurigkeit bricht sie manchmal in der Nacht aus, wenn sie spontan an die angrenzende Tankstelle geht, um sich Zigaretten zu kaufen. Die Fernfahrer begutachten sie aus einer anderen Welt heraus, wenn sie aus den Kabinen herunterglotzen. Manchmal gibt es ein Gespräch, dann springt Ida aus der Einsamkeit hinein in die nächstbeste Kabine und lässt sich den Traum von der großen Welt erzählen, ehe alle wieder ihre Tour fortsetzen.

Später legt ihr Mann den Arm um sie, sie hat ein Gedicht gebastelt aus Schilf, es handelt von Glückskindern.

Im „Mädchenstück“ (107) geht Fanny in der Studentenwelt hinter dem Fluss verloren. Ihr Vater ist an der Universität und versucht Kontakt zu ihr zu halten, aber es führt kein Weg zu ihr, sie will die Welt retten, und sein Wissen reicht nicht aus dafür.

Beim Flussfest schauen die Eltern zu, wie sie die Slackline besteigt. Nur jetzt nicht stürzen, denkt sie, während die Geschichte mit den berüchtigten drei Punkten im Unendlichen endet.

Barbara Tilgs Heldinnen sind romantisch, holzschnittartig, melancholisch, sinnentrückt oder fugitiv. Es genügt schon eine einzige Abweichung, um aus jener unausgesprochenen Norm hinauszufallen, welche die Unauffälligkeit garantieren würde. Den Helden ist auch nicht zu helfen, weder von eingeschleustem Personal noch von diskreten Ich-Erzählern.

Und dennoch haben die Figuren alle noch Glück, sie sind zumindest ansatzweise in ihrer Entrücktheit und Marotte beschrieben und in literarischen Porträts aufbewahrt. Wenn die Weltachse freilich einmal fundamental verschoben ist, hilft auch keine Literatur mehr, steht zu befürchten.


Barbara Tilg: Weltachse. Erzählungen.

Innsbruck: Tiroler Autorinnen und Autoren Kooperative TAK 2022. 130 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-900888-75-6.

Barbara Tilg, geb. 1963 in Zams, lebt in Landeck.

Helmuth Schönauer 28/06/22