Buchkultur – 10 Rezensionen 08/2011

 

 

El Awadalla: Dort und da – oder: Wie klein die Welt ist.

Wolfgang Hermann: Die Augenblicke des Herrn Faustini. Roman.

Irene Prugger: Letzte Ausfahrt vor der Grenze. Erzählungen.

Randy Sarafan: 62 Dinge, …

Renata Serelyte: Blaubarts Kinder. Roman.

Kjersti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich. Roman.

Stefan Slupetzky: Halsknacker.

Christian Steinbacher: Winkschaden, abgesetzt. Gedichte und Stimmen.

Martin Suter: Allmen und der rosa Diamant. Roman.

Andrea Wolfmayr: Im Zug. Aufzeichnungen einer Pendlerin.

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1955

Dort und da

Gründe für eine Reise gibt es viele. In El Awadallas Aufzeichnungen von dort und da fährt die ich Erzählerin als Afrikanistik-Studentin in den Senegal, um das Gelernte zu überprüfen und die eingespeisten Vorurteils-Bilder neu aufzupixeln.

In der Hauptsache bewegt sich die Erzählerin in Dakka, wird dort von einem Bekannten durch die Stadt und Gesellschaft geführt, eine Reise nach Tibuktu findet letztlich nicht statt.

Im Prinzip geht es in Dakka genauso zu wie im Burgenland. Die alten Riten verschwinden, die Menschen rennen der Kohle nach, es gibt Gute und Schlechte, und der Tourismus versaut alles, was ein reibungsloses Leben ermöglichen würde.

Tatsächlich will eine deutsche Gruppe nur Getränke und Frauen, und ist ein wenig verblüfft, dass ihre ordinäre Sprache verstanden wird. Eine Vermieterin verlangt für die Wohnung einen Horrorpreis, weil die Weißen ohnehin alle reich sind. Und generell besteht der Alltag wie überall aus den gleichen Überlebensstrategien, bloß dass die Armut der Menschen oft als herzliche Hinwendung zum Leben missdeutet wird.

Manchmal sind restaurative Meinungen im Umlauf, wenn es etwa heißt, dass die Bildung und Fähigkeit zum Schreiben die ach so schöne mündliche Tradition ausrotten würde. „Überhaupt verlief die Reise nicht halb so aufregend wie ich immer in Reiseberichten gelesen habe.“ (136), fasst die Heldin alles zusammen, als sie sich noch schnell auf dem Rückflug verliebt und wieder in Europa versinkt.

In diese Reiseerzählung sind jeweils Statements aus der Sicht von zwanzig Jahren später eingeflochten, dabei gibt es kulturelle Beobachtungen sowie scharfe Thesen.

„Hat schon jemand gehört, dass in Monaco, dem dichtest besiedelten Staat Europas, nach Zwangssterilisierungen geschrien wurde? Wohnen ja auch nur Tennisspieler und Rennfahrer dort. Aber in Namibia, bei einer Bevölkerungsdichte von nicht einmal zwei Personen pro Quadratkilometer, bekommen Frauen nur dann Arbeit, wenn sie nachweisen können, dass sie sterilisiert sind.“ (120)

Der Umgang mit anderen Kulturen wird oft durch Vorurteile verbockt. Einmal bei einem Ausverkauf wühlen eine völlig verschleierte Frau und die Erzählerin im ärmellosen Outfit in einer Wühlkiste voller Unterwäsche. Witzigerweise kaufen die Verschleierte und die Ärmellose das gleiche Spitzenhöschen als Unterwäsche.

Senegalesen, wenn sie in Europa sind, werden zu einer amorphen Masse von Afrikanern, in Bozen werden sie überhaupt vereinfachend Marocchini genannt. (123)

El Awadalla fährt den großen Kultur-Clash herunter auf völlig normale Dinge. Die wahren Schweinereien liegen in der Globalisierung der großen Geschäfte. So wird auf dem Globus letztlich alles zu einem austauschbaren Dort und da, die Betroffenen sind überall die gewöhnlichen Menschen, denen Geschichte und Identität geraubt wird.

 

El Awadalla: Dort und da – oder: Wie klein die Welt ist. Mit Fotos von Luca Faccio.

Klagenfurt: Sisyphus 2011. 156 Seiten. EUR 12,90. ISBN 3-901960-53-6.

El Awadalla, geb. 1956 in Nickelsdorf, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 22/08/11

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1369

Die Augenblicke des Herrn Faustini

Je nach Interessenslage verstehen die einen unter Faustini einen Opernlibrettisten, die anderen einen italienischen Marathonläufer.

Der echte Faustini jedoch stammt von Wolfgang Hermann und ist ein aufmerksamer Zeitgenosse mit geradezu übersinnlichen Empfindungen für den Alltag. Die neuen Abenteuer des Herrn Faustini nennen sich schlicht Augenblicke. Damit ist einmal eine kurze Zeitangabe gemeint, zum anderen eine kurze Kontaktaufnahme zur Außenwelt.

Faustini irrt angewidert vom letzten Wahlsonntag in Vorarlberg herum, da zeigt er nach dem Zufallsprinzip auf dem Atlas auf einen Ort in namens Edenkoben in Rheinland-Pfalz und reist, nachdem ihn die Zugsauskunft persönlich betreut hat, dorthin.

Edenkoben hat den Höhepunkt des Städtedaseins schon hinter sich, jetzt wuchert es unauffällig zwischen Volksfesten, Weinlese und vergangenen Denkmälern dahin. Herr Faustini trifft auf den Parade-Einheimischen Emil, der es ähnlich wie er selbst auf die Kleinodien abgesehen hat. So ist Emil begeisterter Kleinbahn-Künstler und Liebhaber feiner Inschriften: „Pfalz, dich liebe ich / und Euch, Pfälzer, / wie ihr mich“ (55)

Überhaupt zeigen sich die Dinge in einem ganz neuen Licht, wenn man sie luzide genug durchdringt. So sind die in Plastik eingefrorenen Gewebsteile toter Tiere in der Gefrierlade nur auf den ersten Blick Lebensmittel, und auch das triviale Würstchen ist ein Individuum, das man erst nach einem Gespräch verzehren soll.

Manche Erkenntnisse Faustinis können gar als Faustini-Faustregeln gelesen werden. Etwa dass bei einem Breitgesicht die sechs vorderen Zähne in einer Linie stehen, während bei einem Spitzgesicht schon nach zwei Zähnen die Zahnreihe nach hinten abhaut.

Faustini gibt sich eine folkloristische Schifffahrt mit dem Rheingold nach Köln, bewundert Bahnhof und Dom ausgewogen und fährt, solange es geht, im Speisewagen nach Edenkoben zurück. Fein betreut von einer Modenschau zieht sich Faustini nach Würdigung des Pfälzer Waldes aus der Geschichte zurück.

Wolfgang Hermann erzählt die Abläufe Satz für Satz von innen her, quasi von der anderen Seite des Sichtbaren. Jede noch so unauffällige Kleinigkeit ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer großen Geschichte. Und was ist schon ein Augenblick, heißt es einmal, eine Sternschnuppe ins unendliche Nichts. (40)

Herr Faustini ist ein Held voller Romantik, kindlicher Aufgeregtheit und ungebrochener Entschleunigung. Gerade weil er so genau und schräg auf die Dinge schaut, entdeckt er überall nur Sachlagen, die beinahe aus den Fugen geraten sind. „Ein Fertigteilhaus, das seine Fertigstellung nicht erwarten kann“, heißt es gleich zu Beginn. Und auch der Leser in seiner ungeduldigen Hast wird immer wieder eingebremst und dennoch angespornt. „Er gab sich einen Ruck und ging weiter. Seine Beine folgten ihm.“ (16)

 

Wolfgang Hermann: Die Augenblicke des Herrn Faustini. Roman.

Innsbruck: Haymon 2011. 135 Seiten. EUR 17,90. ISBN 978-3-85218-696-2.

Wolfgang Hermann, geb. 1961 in Bregenz, lebt in Bregenz.

Helmuth Schönauer 25/08/11

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1366

Letzte Ausfahrt vor der Grenze

Nichts ist so aufregend wie das Märchen von der letzten Chance. Diese ultimative Drohung mit radikaler Veränderung verzeiht den Helden keinen Fehler, andererseits spekulieren diese mit dem Möglichkeitssinn: Was passiert eigentlich, wenn ich die letzte Chance nicht schaffe?

Irene Prugger stellt in achtzehn Erzählungen sogenannte Beziehungsdramen vor, worin die Darsteller mehr oder weniger ans Ende gekommen sind, aber dann doch noch versuchen, die Kurve zu kratzen.

In der Titel gebenden Erzählung „Letzte Ausfahrt vor der Grenze“ (67) kratzt eine Frau im wahrsten Sinne des Wortes die Kurve. Ihr Mann ist Politiker und gehört der Gesellschaft, sie hat sich hinter der Grenze einen Lover zugelegt, mit dem sie sporadisch so genannte Höhepunkte des Zusammenseins erlebt. Getarnt als Wellness-Urlaub ist die Frau schon knapp an der Grenze, als ihr einfällt, dass sie zu Hause das ausgedruckte Mail des Lovers liegen hat lassen. Spontan nimmt sie die letzte Ausfahrt und in diesem Moment kommt es auf der Hauptstrecke zu einem katastrophalen Unfall. Das schlechte Gewissen hat ihr offensichtlich das Leben gerettet.

Die sogenannte Moral quält generell die Menschen, die sich auf Querverbindungen eingelassen haben. Gleich in der ersten Geschichte „Paartherapie“ (7) begibt sich ein Paar zur Therapeutin und erzählt vom Glück. „Wie therapiert man ein glückliches Paar, ohne es ins Unglück zu stürzen?“ Die Therapeutin taucht während des Gesprächs selbst ab und geht allerhand triviale Begebenheiten ihrer eigenen Beziehungskrise durch. Als sie wieder in der Therapiewirklichkeit ankommt, empfiehlt sie gemeinsames Kochen, weil das immer gut ankommt. Da stellt sich heraus, dass das glückliche Paar aus gewissen Gründen getrennte Küchen hat.

Verfremdungen, die nahtlos in die Gewöhnlichkeit übergehen, sind ein Hauptmotiv in Irene Pruggers Erzählungen. Ein verödetes Paar nimmt sich eine Woche Auszeit, niemand braucht dem anderen zu erzählen, was auf dem Programm steht. Witzigerweise fahren beide getrennt an den gleichen Ort der gemeinsamen Erinnerung.

Ähnliches trägt sich auch im Dark Room eines Swingerclubs zu. Erst in der Verfremdung der öffentlichen Erotik findet ein Paar wieder Lust aufeinander.

Und immer wieder ist es die Routine, die die Menschen zur Verzweiflung bringt. Kein Wunder, dass sich in der Geschichte vom Anfang des Tunnels (145) jemand vor den Zug wirft, aus seinem Körper heraustritt und feststellt, dass nicht einmal ein geordneter Abgang aus dem Desaster des Lebens möglich ist.

Irene Pruggers Erzählungen sind wahr, denn als Leser muss man zum hohen Wahrscheinlichkeitsgrad der Plots nicken, sie sind spannend, weil sie dramaturgisch einwandfrei immer eine Überraschung auf Lager haben, und sie sind schließlich ergreifend, denn wir Leser sind alle ähnlich gepolt wie diese aufregenden Alltagshelden.

 

Irene Prugger: Letzte Ausfahrt vor der Grenze. Erzählungen.

Innsbruck: Haymon 2011. 178 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-3-85218-699-3.

Irene Prugger, geb. 1959 in Hall / Tirol, lebt in Mils bei Hall.

Helmuth Schönauer 18/08/11

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1950

62 Dinge, die du mit einem kaputten Computer und anderem Elektroschrott machen kannst

Edle Kunst schweift oft zwischen diversen Aggregatzuständen hin und her, Computer-Kunst ist das eine, analoges Design das andere.

Randy Sarafan empfiehlt letztlich etwas gleichsam Nützliches und Anarchistisches: Warum nicht aus kaputten Geräten und edlem Schrott etwas Sinnvolles machen!

Wie in einem echten Lehrbuch gibt es zuerst eine Einschulung in den Sinn. Die Materialien sind manchmal wertvoller als Gold und der Raubbau im Dschungel des Kongo dementsprechend. Nach dem Sinn braucht es kluges Werkzeug. In einem Kapitel werden die brauchbarsten Werkzeuge und ihre Handhabung vorgestellt. Und dass das alles ernst gemeint ist, beweisen die Dutzenden Sicherheitshinweise, die durchklingen lassen, dass Strom auch außerhalb des Elektrischen Stuhls tödlich sein kann.

Der direkteste Zugang zur Wiederverwertung liebgewordener Geräte ist der Umbau zu heimeligen Wohnungseinrichtungen. Wer sich von seinem Scanner nicht trennen will, kann daraus  mit ein paar Handgriffen ein Beistelltischchen mit persönlichen Intarsien formen. Tastaturlampen, Kabel-Untersetzer, Zahnrad Uhr oder Walkman-Seifenschale sind weitere nützliche Dinge, die kaum mehr an die ursprüngliche Verwendung der Bauteile denken lassen.

Modische Technik nennt sich jener Abschnitt, in dem so ziemlich alle erdenklichen Aufputzmittel und Accessoires zum Einsatz kommen. Fernbedienungsarmbänder, Tastaturknöpfe, Kabel-Ansteckblumen oder Kondensator-Ohrringe sind nicht nur am digitalen Laufsteg ein Muss.

Ein besonderes Kapitel stellen Lärm-Künste dar, immerhin ist die Lautstärke in manchen Kulturkreisen das erste Kunstmittel. Tragbare Verstärker, Trichterlautsprecher oder sogenannte Musik-Monster verströmen beinahe überirdischen Turbo-Lärm.

Natürlich kriegen auch so genannte sinnlose Sachen jede Menge Platz. Wer fühlt sich nicht angeregt, den nächstbesten Bleistift zu spitzen, wenn dieser in einer Maus vergraben ist?

Das Buch sprüht nur so vor Ideen, Gebrauchsanweisungen und überraschenden Tipps. Und auch wenn man als stupider Bastler vielleicht nicht auf Anhieb alles zusammenbaut, so dient dieses Lehrbuch vortrefflich als Einführung in die wichtigsten Bauteile eines PC. Geräte sind dazu da, dass man sie aufmacht und zerlegt wie einst in Kindertagen das Spielzeug.

62 Dinge, die du mit einem kaputten Computer aufführen kannst, ist letztlich ein witziger Kulturbeitrag über die Vergänglichkeit unserer Rituale und Geräte.

Originell und nachhaltig, heißt es am Klappentext. Und in der Einleitung meint Randy Sarafan, dass dieses Buch vielleicht die Antwort auf edlen Müll ist, der die Menschheit seit den Neandertalern plagt.

 

Randy Sarafan: 62 Dinge, die du mit einem kaputten Computer und anderem Elektroschrott machen kannst. Abbildungen. [Originalausgabe New York, 2009].

Frankfurt /M: Eichborn 2011. 252 Seiten. EUR 17,60. ISBN 978-3-8218-3680-5.

Helmuth Schönauer 16/08/11

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1953

Blaubarts Kinder

Eine gute Geschichte hat einen logischen Ablauf, so dass man ihr leicht folgen kann. Eine wahre Geschichte hingegen ist oft so zertrümmert und amorph, dass man als Leser Mühe hat, sie zu begreifen.

Renata Serelyte erzählt im Roman „Blaubarts Kinder“ von einer Familie, die völlig zerrissen und versprengt zwischen Litauen und Russland hin und her pendelt. Gleichzeitig ist es aber auch die Geschichte der jungen Republik Litauen, die Jahrhunderte lang zwischen den Machtblöcken hin- und hergerissen und zertrümmert worden ist.

Familie und Land sind von einem Blaubart gequält, unter einem Blaubart versteht man oberflächlich einen sagenhaften Mann, der Frauen nach Gebrauch umbringt. „Alle Frauen müssen daran denken, dass die Hand, an die man sich hängt, wenn man vor Glück schwach wird, einem irgendwann an die Kehle geht.“ (91)

Der Roman „Blaubarts Kinder“ beginnt recht ungewöhnlich damit, dass die Mutter aufgebahrt in der Kulturhalle eines sowjetischen Dorfes liegt und ihr Leben reflektiert. Sie hat einst ihren versoffenen Mann in Litauen verlassen und ist nach Russland gegangen, wo der neue Lover nahtlos mit dem Quälen a la Blaubart fortgesetzt hat. Jetzt ist sie ertrunken und lässt die politische Lage Revue passieren. „Die Staatsmacht ist eine Strafe, und wenn man sie überleben will, muss man ihr gehorchen.“ (63)

In unzähligen Kapiteln, die wie der Walzerschritt eins zwei drei geordnet sind erzählen in der Folge Blaubarts Kinder ihr Leben. Sie sind in verschiedenen Dörfern groß geworden, haben studiert, und sind dann letztlich in einem neuen Staat aufgewacht. Jetzt müssen sie aus den versprengten Erlebnissen einen Lebenssinn entwickeln, wobei der Staat keine Hilfe ist, denn der hat selbst noch keinen richtigen Sinn gefunden.

In ständigem Perspektiven-Wechsel kommt allmählich etwas zu Tage, was vielleicht die Geschichte der jüngeren Gegenwart ist. Künstler-Helden der Sowjetunion nehmen mitten unter alten Mythen aus Litauen Aufstellung, eine Sage des Waldes steht neben der Erfolgsgeschichte einer Kolchose, aus entlegenen Dörfern strömen hungrige Studenten nach Vilnius, um ein intellektuelles Konzentrat zusammen zu kochen.

In mannigfaltigen Fußnoten hat der Übersetzer Cornelius Hell die Geschichte der Orte, die Biographien zitierter Personen und historische Kleinodien eingearbeitet. So gab es nach der Abschaffung des Rubels für zwei Jahre die Übergangswährung Talonas, ehe der Litas eingeführt wurde. Allein schon die Lektüre der Anmerkungen ergibt einen heftigen Querschnitt durch die Gegenwart Litauens.

Blaubarts Kinder sind ein scheinbar chaotisch strukturierter Versuch, über die brüchigen Schweißnähte der einzelnen historischen Versatzteile so etwas wie eine unversehrte Haut zu legen. Dabei bleibt alles verletzlich, brüchig, aber der Tastsinn dieser Überlebenshaut ist bereits voll ausgeprägt.

 

Renata Serelyte: Blaubarts Kinder. Roman. A. d. Litauischen von Cornelius Hell. [Orig.: Melynbarzdzo vaikai, Vilnius 2008].

Klagenfurt: Wieser 2010. ( = Edition zwei ). 337 Seiten. EUR 14,80. ISBN 978-3-85129-909-0

Renata Serelyte, geb. 1970 in Simoniai, lebt in Vilnius.

Helmuth Schönauer 19/08/11

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1954

Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich

Vielleicht zeigt sich der Lebenssinn als dünne Speckschwarte ganz nahe am Tod angesiedelt.

In Kjersti A. Skomsvolds Roman vom Ausgeistern knapp vor dem Tod versucht Mathea Martinsen noch ein paar Kurven zu kratzen, ehe sie die große Kurve angehen wird. Sie ist steinalt und kürzlich ist ihr Mann gestorben, der mehr oder weniger alles im Leben ausrechnen konnte. Denn er war ein mathematischer Typ, weshalb er im Sinne der Wahrscheinlichkeitsrechnung Epsilon genannt wurde.

Jetzt gilt es für Mathea vielleicht noch einmal Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen, aber eigentlich ist ihr das Alleinsein lieber. „Das Schöne an der Bücherei ist, dass ich den Zeigefinger auf den Mund legen und 'Pst!' sagen kann, sobald jemand Anstalten macht, mich ansprechen zu wollen.“ (26)

Eine Tombola im Altersheim ist auch nicht gerade die ideale Kommunikation, und die Heldin denkt an die alte Volksweisheit: „Die Menschen glauben zwar, die Alten gingen zu den Tieren, aber es ist umgekehrt.“ (27) Denn ungefragt sind es die Ungeziefer und andere Tiere, die die Einsamen heimsuchen.

Eine gute Methode, neben dem Stricken von Ohrwärmern noch einmal so etwas wie Geschichte ins Leben zu bringen, ist das Vergraben einer Zeitkapsel. Darin kann man die wichtigsten Erinnerungen abspeichern, etwa wie Mathea vom Blitz getroffen wurde und wegen der minimalen Wahrscheinlichkeit des Ereignisses gleich Epsilon geheiratet hat. Denn bislang wurde sie vom anderen Geschlecht stark abgelehnt und man kriegt bekanntermaßen dicke Oberschenkel, wenn man vom anderen Geschlecht abgewiesen wird. Freilich hat sie in der Folge mit vielen Unterhosen stark verhütet, so dass sie kinderlos geblieben ist. Der Hund Stein, der ersatzweise angeschafft wurde, ist eines Tages freiwillig ins Wasser gegangen und ertrunken.

Als der Mann nach Spitzbergen ziehen wollte, hat sie es mit Hinweis auf die Eisbären abwimmeln können, obwohl es auch gegen Eisbären ein Mittel gibt, man braucht jemanden, der langsamer ist und als Ersatz gefressen wird.

Und ein Leben lang hat der Protagonistin die Banane gefallen, weil sie geschlechtslos und sinnlos ist und sogar Buddha beeindruckt hat.

Jetzt wird es genug sein, denkt sich die Frau, die wegen ihres gekrümmten Rückens verkehrt ins Wasser gehen muss, sie taucht unter und alles ist klar.

Kjersti A. Skomsvold schreibt von diesen letzten Dingen mit einer Gelassenheit und Fröhlichkeit, dass man als Leser aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. So müsste man den eigenen Abgang hinkriegen, dann ist alles o.k.!

 

Kjersti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich. Roman. A. d. Norweg. von Ursel Allenstein. [Orig.: „Jo fortere jeg går, jo mindre er jeg“, Oslo 2009].

Hamburg: Hoffmann und Campe 2011. 144 Seiten. EUR 18,50. ISBN: 978-3-455-40094-6.

Kjersti A. Skomsvold, geb. 1979 in Oslo, lebt in Oslo.

Helmuth Schönauer 20/08/11

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1947

Halsknacker

Manche Wörter lösen vor ihrer Bedeutung noch ein Geräusch aus. Halsknacker ist so ein Beispiel, da hört man etwas Nussiges zerbrechen, ehe man dann an eine Szene denkt, wo jemand Hals und Leben verliert.

Stefan Slupetzky schart um eine verrückt genaue Vorstadt-Sprache jeweils kriminelle Szenen herum. In seinen Stories ist zuerst die Sprache auf den Beinen, ehe ihr Figuren beigestellt werden. So sprechen diese Figuren eine authentische Sprache von Raritätensammlern und Einzelgängern. Natürlich entgleist die Sprache zwischendurch, und das bedeutet in der Versuchsanordnung Stefan Slupetzks immer Mord, Totschlag oder Unglück.

Gleich zu Beginn stirbt unter dem Titel „Dopplermord“ ein ausgewiesener Weintrinker, weil er kurz ins Beisl auf ein Bier wechselt. Prompt wird er von einer Dopplerflasche erschlagen. Umrankt wird diese Begebenheit von einem starken Lob auf die Elektrische und die Traumdeutung Freuds

Eine typische Verwechslungsgeschichte bringt zwei gegenteilige Typen zusammen. Ein Fußballer, der als ewige große Hoffnung gilt, und ein Underdog tauschen die Rollen. Bemerkenswert ist der Auftritt des Hobby-Kickers am Spielfeld, er spuckt so lange am gegnerischen Rasen herum, bis alle auf seinem Rotz ausrutschen und die Partie als Ganzes auf die schiefe Ebene gerät.

In der Titel gebenden Erzählung „Halsknacker“ begleichen zwei alte Haudegen aus der Catcher-Szene des Heumarkts offene Rechnungen. Alterslädiert und mit diversen Prothesen ausgestattet umarmen sie sich, bis das berühmte Halsknacksen zu hören ist, ehe der Tod eintritt.

Als beim Einputten am Golfplatz ein Toter im Green liegt, hält der echte Golfer zuerst ein Referat, ehe er an Rettung oder Wiederbelebung denkt.

Kleine Geschenke der Freundschaft werden im Sandler-Milieu ausgetauscht, in Wirklichkeit handelt es sich um hoch kriminelle Erpressung.

Ein Auftragskiller ist von München ziemlich enttäuscht, als sich herausstellt, dass die Zielperson eine üppige Pudel-Dame ist. München ist wirklich pervers und derangiert.

Olga schließlich ist eine sogenannte Fick-Puppe, die erstaunlich persönlich wird. Sie leistet ihren stürmischen Einsatz auf einer Bohrinsel. Als sie ihr Besitzer einmal kurz unbeobachtet lässt, binden sie Chinesische Bohrarbeiter an das Gestänge und machen sich im Gleichklag über das Gestänge und Olga her.

Stefan Slupetzkys Kriminalgeschichten sind voll ausgeteert mit schwarzem Humor. Die Protagonisten haben das Ärgste schon hinter sich, haben sich aber noch einen Hauch von letztem Anstand gerettet, um wenigstens mit kreativen Sätzen die Szene zu dokumentieren, ehe ihnen das Licht ausgeblasen wird.

 

Stefan Slupetzky: Halsknacker.

Wien: Picus 112 Seiten. EUR 16,90. ISBN 978-3-85452-677-3.

Stefan Slupetzky, geb. 1962 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 17/08/11

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1952

Winkschaden

Der entrückte Zustand einer Figur wird in der Literatur manchmal beschrieben mit der Fügung, dass diese Person Stimmen hört. Dabei wird selten dargelegt, was diese Stimmen eigentlich sagen.

Christian Steinbacher, der Meister der entrückten Lyrik nennt sein Buch „Winkschaden, abgesetzt“, Gedichte und Stimmen, darin erfahren wir endlich, was diese Stimmen von Entrückten sprechen könnten.

Schon das Wort Winkschaden ist ein Kosmos für sich, bedeutet er doch in der Geheimsprache von Eisenbahn-Nostalgikern, dass aus dem Fenster einer schönen Eisenbahngarnitur irgendein Trottel herauswinkt und so das Foto beinahe unbrauchbar macht.

Die Gedichte Christian Steinbachers kommen äußerlich gesehen oft im Kleide der Romantik daher, man speichelt für Naturlyrik oder Spruchdichtung ein, und dann baut sich eine Welt auf, wie man sie noch die gesehen hat. Gedanken aus der Zukunft sind als Vorabdruck angelegt, Szenarien aus dem Gedankenlabor in Pipetten des Vierzeilers eingefüllt, die Natur hat sich ihrer Substanz entschält und ist zu einem semantischen Dschungel ausgewuchert.

„Du lächelst vor dich hin, es läuft kein Film // Die Sitzordnung bestimmt die Reichweite des Denkens, / ein guter Tag, wir renovieren, wir nähen Knöpfe an, / und ohne weitern Drang, auch ohne Flausen diesmal, / die Brise vor dem Fenster stimmt uns zu.“ (20)

Während die Gedichte in ihren Themen beinahe alle erdenklichen psychischen Zustände eines Individuums ansprechen und ständig in unerwartete Bilder umschwenken, sind die Überschriften verlässlich weiße Flecken im Lexikon aller erdenklichen Bedeutungen.

Winkschaden, Blicktrasse, Kein Guckloch nicht, Milchschlaf. Diesen Titeln sind meist Gebrauchsanweisungen untergeordnet oder süffisante Kommentare. „Na wird der sechzig auch noch.“ (123)

Der Übergang zwischen Gedichten und Stimmen ist fließend. Plötzlich tritt aus dem poetischen  Gebilde eine Stimme heraus und deklamiert, kommentiert oder ironisiert die vorgegeben Materie.

Christian Steinbacher tritt in manchen Passagen als purer Textkomponist auf, dann wiederum verfasst er ein Stück Poetologie, die aus reiner Anwendung besteht. Seine Gedichte sind fürs erste einmal unterhaltsam, dann wieder getragen ironisch. Schrift, Layout und phonetische Realisation jagen sich wie Schere, Stein, Papier. Nach allen lyrischen Aufregungen wird der Leser oft noch mitten im Text herunter gebremst auf eine Erlebnisfrequenz, mit der sich der Alltag aushalten lässt.

„Angeknabberter Morgen / hier zu später Stunde/ oder viel zu früh / starrst du auf das Pendel, / starrst du auf die Waage, stößt sie leicht kurz an, stierst / wieder weg durch alles“ (69).

 

Christian Steinbacher: Winkschaden, abgesetzt. Gedichte und Stimmen.

Wien: Czernin 2011. 160 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-3-7076-0350-7.

Christian Steinbacher, geb. 1960 in Ried im Innkreis, lebt seit 1984 in Linz.

Helmuth Schönauer 23/08/11

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1956

Allmen und der rosa Diamant

Wenn es in der Kriminalistik Serientäter gibt, dann muss es in der Krimi-Literatur auch Serienleser geben.

Martin Suter hat mit Allmen eine laszive Figur geschaffen, die nichts anderes zu tun hat, als höchst bemerkenswerte Ereignisse aus der Business- und Bankenwelt aufzustöbern und an sich abprallen zu lassen. Wir seriellen Leser fühlen uns an die alten Enid Blyton Bücher erinnert, wo die fünf Freunde immer wohl dosierte Aufregungen hinter sich gebracht haben.

Bei Suter ist es ähnlich. Allmen und sein illegaler Butler Carlos haben eine Agentur gegründet, die Top-Fälle aus dem internationalen Milieu aufklären soll. Das Abenteuer rund um den „rosa Diamanten“ beginnt mit einer üppigen Geschäftsvereinbarung und der vagen Beschreibung des Falles. Der rosa Diamant ist gestohlen worden, ein Russe wird verdächtigt.

Im ersten Teil reist Allmen durch Zehn-Gänge-Menus, Boutiquen und Signets der Schicki-Micki-Society. Er landet im mondänen Ostseebad Heiligendamm und kommt dem Russen näher, als ihm lieb ist, dieser nämlich pocht auf ein homoerotisches Erlebnis.

„Was machen Sie?“ – „Ich privatisiere.“ – „Was tut man da?“ – „Mal dies, mal das.“ (111)

In diesem Aufreißer-Dialog steckt übrigens die ganze Seele Allmens.

Endlich gibt es den obligaten Toten, der Russe wird ermordet, gerade als Allmen sein Zimmer durchstöbert und einen rosa USB-Stick entwendet.

In der Folge versuchen Amerikaner und Engländer im Doppelpack den Stick zu ergattern, der rosa Diamant ist also ein geheimnisvolles Programm, das offensichtlich ohne Kopie nur auf diesem einen Stick existiert.

Natürlich gibt es Überfälle und Schlägereien auf höchstem Niveau, wobei die lädierten Körper anschließend jeweils mit exquisiten Drinks wieder ins rechte Business-Lot gebracht werden.

Schließlich rekonstruiert Allmen das „Diamanten“-Programm und erpresst sich am freien Markt eine passable Entschädigungssumme heraus. Geld spielt offensichtlich keine Rolle, denn es handelt sich um ein Geldprogramm, das für Hochfrequenzspekulationen an der Börse eingesetzt wird.

Martin Suter führt seine Figuren wieder top-fit durch die Business-Welt. Allein das Ambiente, die nichtssagenden Dialoge und die Labels als Devotionalien lassen den in primitiven Verhältnissen geistig dahinvegetierenden Leser immer wieder staunen. Letztlich ist diese Allmen-Welt ein Märchen, das gut ausgeht. Muss es auch, denn Allmen scharrt schon wieder in den Löchern für den nächsten Fall. Solange es Geld in rauen Mengen gibt, gibt es auch Märchen von seiner exzessiven Anwendung.

 

Martin Suter: Allmen und der rosa Diamant. Roman.

Zürich: Diogenes 2011. 224 Seiten. EUR 19,50. ISBN 978-3-257-06799-6.

Martin Suter, geb. 1948 in Zürich, lebt in Spanien und Guatemala.

Helmuth Schönauer 24/08/11

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1951

Im Zug

Im Volksmund werden Geschichten vom täglichen Zug-Fahren längst Pendler-Roman genannt. So ein Roman wird nicht gelesen, sondern täglich inszeniert.

Andrea Wolfmayr nennt ihren Pendler-Roman „Im Zug“. Die Erzählerin schreibt dabei gut drei Jahre lang zwischen 2008 und 2010 alles auf, was täglich zwischen Gleisdorf und Graz im Zug passiert, und als Leser liest man diese Aufzeichnungen in einem Zug.

Während gewöhnliche Pendler entweder flache Zeitungen lesen oder aus flachen Sticks Musik in die Ohren einleiten, schreibt A. quasi um ihr Leben. Natürlich ist die Strecke immer gleich lang, aber durch Abwarten eines Gegenzuges, Entfernen eines Tierkadavers, technische Panne nach einem Suizid und unerwarteten Triebwerksschaden ist jeden Tag für Spannung gesorgt.

Die Außenwelt bleibt nahezu unverändert, ein still gelegtes Haus verwittert verlässlich, ein Reh hält sich am Waldesrand an den Äsungs-Fahrplan. Auch politisch tut sich nichts, die Pendlerin war einmal Abgeordnete im Nationalrat, hat aber inzwischen ziemlich abgeschlossen mit der Politik. Nicht einmal wenn eine stupide Schlagzeile auf einem Kleinformat aufleuchtet, entlockt es ihr einen Kommentar.

Im Innern freilich ist jeden Tag die Hölle los. A. steigt jeden Tag auf die Waage und muss feststellen, dass sie immer fetter wird. Schuldgefühle, Ekel und Panik lösen sich ab, dabei ist der Grund offensichtlich ein überhöhter Alkoholkonsum, ohne die Grundausrüstung Campari Prosecco geht schon gar nichts. Fast alle Krankheiten kommen A. in den Sinn, an manchen Tagen fürchtet sie sich vor drei Krankheiten gleichzeitig.

Außerdem ist ihr Mann orientierungslos, die Beziehung schläft so nebenbei dahin, außer dem ständigen Fressen hält das Paar nichts zusammen.

Seltsamerweise kommt die Arbeit wenig zur Sprache, zwei Jahre noch, dann ist der Spuk vorbei, ein Kollege stirbt überraschend und es gibt für A. einen neuen Schreibtisch. Pendeln wird allmählich zu einem Lebenszustand, dem sich alles unterzuordnen hat. Eine Veränderung ist nicht möglich, Erlösung schafft wohl nur die Pension oder gar der Tod.

Andererseits verschlechtert die Bahn ständig das Angebot, erhöht die Preise, dünnt den Fahrplan aus. Am Altern der Schaffner bemerkt man, wie unbarmherzig die Zeit vergeht.

Wie Gespenster treten in der Mitte des Buches in acht Porträts von Philipp Podesser Pendler aus dem Schwarz der Nacht. Sie treten aus den eigenen Augenhöhlen, schreibt Andrea Wolfmayr im Nachspann. Diese Pendler im Foto sind gezeichnet von der Erbarmungslosigkeit der Dunkelheit.

Andrea Wolfmayrs Aufzeichnungen sind ein kaltschnäuziger Kommentar zu einer Lebensform, die niemand außer den Betroffenen wahr nimmt. Erträgliche Sequenzen wechseln sich mit dem Wahnsinn des Dahin-Wartens ab. Pendeln ist wie eine Beziehungskiste, selbstverschuldet und letztlich ausweglos.

 

Andrea Wolfmayr: Im Zug. Aufzeichnungen einer Pendlerin.

Graz: Keiper 2011. 426 Seiten. EUR 22,50. ISBN 978-3-9502761-9-0.

Andrea Wolfmayr, geb. 1953 in Gleisdorf, lebt in Gleisdorf.

Helmuth Schönauer 17/08/11