Buch in Pension – Rezensionen Mai/2020


Peter Balko: Zusammen sind wir unbesiegbar. Roman.

Louise Dupré: Ganz wie sie. Prosa.

Christian Futscher: Das Pfeifen der Gräser. Gedichte.

Bettina Gärtner: Herrmann. Roman.

Simone Hirth: Das Loch. Briefroman.

Dietmar Krug: Von der Buntheit der Krähen. Roman.

Robert Manner-Beiter: von Nähe weit entfernt. Gedichte.

Hermann Niklas: Wetter. Gedichte.

Sonja Ruf: Im Glanz der Kontrolle. Roman.

Stanislav Struhar: Verlassener Garten. Roman.



GEGENWARTSLITERATUR 2899

Zusammen sind wir unbesiegbar

Damit das Leben gelingen kann, muss man unbedingt ein, zwei Jahre voller Anarchie durchmachen. Am besten legt man diese Abenteuerphase zwischen acht und zehn an, wo man üblicherweise lernt, wie verlogen die Welt ist, der man zur Ausbildung als Fraß vorgeworfen wird.

Peter Balko lässt seine beiden Helden Leviathan und Kapia im Huckleberry-Finn-Modus im Grundschulalter auftreten, „acht“ ist dabei nur ein symbolisches Alter, denn die Anarchie kennt keine genauen Jahresringe. Der Abenteuerroman zum Einritt in das wirkliche Leben wird von zwei Abschiedsbriefen an diese tolle Zeit umrahmt. Zu Beginn schreibt Leviathan, dass er seinen Freund vermisst, denn „zusammen sind wir unbesiegbar“, am Ende schreibt Kapia aus einer geschlossenen Bildungsanstalt, dass sie sich wohl nie mehr wiedersehen werden, aber dass Leviathan unbedingt ein Buch über sie schreiben soll.

Als Leser sollte man nach diesen beiden emotionalen Briefen unbedingt die Erläuterungen lesen, darin sind knapp zwanzig Kurzbiographien jener Personen aufgezählt, die für die Geschichte der Slowakei eine elementare Bedeutung haben. Dabei treten Dichter des Patriotismus genauso auf wie Kollaborateure, Widerstandskämpfer und Nazis. Selbst die Vorabendserie „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ ist ein Eckbaustein für die Entwicklung der Slowakei.

Die Erläuterungen machen das historische Feld auf, auf dem die beiden erwachsenen Kinder ihr Spiel treiben. Alles hat nämlich in der Tiefe einen geschichtlichen Grund, da kann man an der Oberfläche noch so übermütig ausgelassen spielen.

Wie bei schelmischen Helden üblich, spielt auch die Geburt eine maßgebliche Rolle. Als Hommage an den Grass‘schen Blechtrommler zerspringen beim Ich-Erzähler Leviathan im Kreißsaal alle Glühbirnen, was die Umstehenden als starkes Charisma deuten. Mit fünf lernt der Held vom Großvater das Schreiben und steigert sich sofort in den Beruf eines aufheulenden Schriftstellers hinein, er übt, bis er blöde wird. Erst später trifft er auf seinen Partner Kapia, der ihm erklärt, dass in einer gültigen Erzählung eine Frau drin vorkommen muss.

Da beginnt gleich die erste Hürde, woher eine Frau für eine Erzählung nehmen? In der Folge wird alles, was für eine gute Erzählung notwendig ist, einfach inszeniert, somit ist beidem Genüge getan: der Wirklichkeit und der Erzählung. Der entscheidende Botenstoff zwischen diesen Welten ist die Fantasie, mit F geschrieben.

Diese zwei Welten liegen auch am Leser wie ein Mahlwerk und reiben ihn auf, wenn er der einen oder anderen Sichtweise den Vorzug geben will. Eine magische Weihnachtsgeschichte, in der ein goldenes Wildschwein erlegt werden soll, endet damit, dass der erzählende Junge seine Jacke über die goldenen Ferkel breitet, während die anderen nach der Muttersau suchen. Wie so viele Episoden endet die Geschichte mit Verwunderung und Schnaps.

Ein schweres Kapitel „spielt“ in der Kriegszeit, als plötzlich Züge zusammengestellt werden, um die eingefangenen Juden zu deportieren. Die schwer angeschlagenen Einheimischen trösten sich damit, dass sie am Rande der Weltgeschichte in der Provinz liegen, was endlich ein Vorteil ist. Der kindliche Historiker beschreibt den Beginn des Krieges lapidar: „Der Zirkus kommt in die Stadt, er besteht aus Panzern.“ (56)

Den Episoden wohnt ein doppelter Erzähl-Zug inne, einmal ist es die Zeitlosigkeit, wodurch zu allen Ereignissen des Jahrhunderts der Erzählabstand eines Achtjährigen gewahrt bleibt, zum anderen ist es das Lapidare, das umso genauer wird, je frivoler es aus einem anderen Werk falsch zitiert wird. „Am Anfang war die Gang“ heißt es folgerichtig im Schöpfungsbericht der Heranwachsenden. (66) Tatsächlich ist die Geschichte der Slowakei sehr Gewalt-trächtig und die Protagonisten fungieren wie Bosse, die sich die Bevölkerung des jeweiligen Claims untertan gemacht haben.

Die Alltagsgeschichten aus der nächsten Umgebung sind als Kleinodien ausgebaut. Die nächstbeste Mitschülerin muss anatomisch für alles herhalten, was die rüde Phantasie an Not-Erotik hergibt, als der Großvater begraben wird, schaut der Erzähler ins Grab hinunter und sieht seinen Opa im Liegestuhl sitzen, wie er es in den Sommern getan hat. Der Motor der Geschichten ist meist Kapia, der Leviathan immer auch antreibt, die Geschehnisse richtig aufzuschreiben. Eine gute Kindheit ist nämlich eine einzige Schreibschule, in der man zum Schreibkünstler ausgebildet wird.

Im Finale gerät der große Ball der Stadt aus den Fugen. Alle spielen verrückt, indem sie die bekannte Serie vom Krankenhaus am Rande der Stadt nachspielen wollen. Fernsehvorlage, Realität und Bedürfnisse einer peripheren Kleinstadt kommen nicht miteinander ins Geschäft.

Kapia wird abgeführt und in eine Bildungsanstalt gesteckt, nach Jahren gelingt es ihm, den Schlusskassiber an seinen ehemaligen Kindheitskollegen zu schreiben. „Wir werden uns nie wiedersehen.“

Dem Schreiber bleibt ein Gang auf den nächsten Hügel, im Rucksack hat er seine Hefte, es sind acht Stück. Darin ist alles aufgezeichnet. Das Buch zeigt Charakter und bedankt sich in einer überschüssigen Danksagung beim Autor, dass er es so gelungen geschrieben hat.

Dieser Roman ist klar und einfältig gut, er vermag mit einem Schnall das Bild eines ganzen Landes zu prägen. Uff, sind die aber abenteuerlich frech in ihrer Slowakei!


Peter Balko: Zusammen sind wir unbesiegbar. Roman. A. d. Slowak. von Zorka Ciklaminy.

[Orig.: Vtedy v Losonci, Levice 2914].

Wien: Zsolnay 2020. 155 Seiten. EUR 19,60. ISBN 978-3-552-05974-0.

Peter Balko, geb. 1988 in Lucenec, lebt in der Slowakei.

Helmuth Schönauer 23/04/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2231

Ganz wie sie

Gute Prosa ist wie Baumaterial, das frei Haus zugestellt wird und woraus „der“ Leser etwas nach freiem Ermessen basteln kann.

Bei Louise Dupré geht es fürs erste um weibliche „Materialien“ wie Mutter und Tochter. Die männliche Leserschaft tut gut daran, sich bescheiden den Heldinnen zu nähern, denn Mutter und Tochter sind eine verschworene Lebensgemeinschaft gegen die falsche Männlichkeit.

Ganz wie sie“ zeigt sich als Hybrid, in dem auf der einen Achse das Drama herrscht, allein schon durch die Gliederung in vier Akte zeigt sich der ewige Fort- und Kreislauf des Lebens. Auf der anderen Achse sind Tableaus aufgefädelt wie besinnliche Vignetten, ähnlich kleinen Gemälden wird jeweils ein heftiger Augenblick eingefangen.

Im Anhang sind in einem Gespräch zwischen Autorin und ihrer Regisseurin die Verhältnisse zwischen einer Inszenierung aus dem Jahr 2005 und einer Prosafassung der Gegenwart angesprochen. Darin wird ein Release für den öffentlichen Abend einer Inszenierung durch die Leserschaft gegenübergestellt. Die dynamische Dramaturgie korrespondiert mit beinahe statischen Bildern eines Albums, das vom Individuum in einer meditativen Phase durchgeblättert wird. Plot des ganzen ist vielleicht die Expedition der Schriftstellerin Marguerite Duras zu sich selbst und insbesondere zu ihrer Rolle als Frau. Sie ist gefangen in Bildern des Unterbewusstseins und will dennoch vor allem eine Liebende sein, die auch mit schwer gestörten Männern umzugehen weiß.

Diese Rollenfindung steht auch im Mittelpunkt von jeweils zwölf Tableaus, die einen Akt bilden. Fallweise aus der Sicht einer Tochter, Mutter, Tochtertochter und Muttermutter werden kleine Szenen aufgerufen, an denen das Rollengewebe sich zu einem sichtbaren Klumpen verdichtet.

Die Tableaus sind dennoch nie fertig, der Mal-Akt pinselt in die Silhouetten hinein, die bei jedem Aufruf des Geschehens in Gang kommen. Dabei spielt der Zustand der Malenden und Lesenden oft die Hauptrolle. Zwischendurch regieren Gefühle wie purer Hass, wenn etwa die porträtierte Mutter zur Fratze mutiert.

Es ist meine Mutter. Ich habe sie nie anders genannt. Ich weiß nicht, wer sie ist. Ich male, um ihr ein Gesicht zu geben. Aber nicht das Gesicht einer Mutter. Das Gesicht einer Liebenden, eines kleinen Mädchens, einer Lehrerin, einer Heiligen, einer Verrückten. Einer Verstorbenen.“(31)

Wie jedes gute Theaterstück stellt auch dieses „Drama aus Piktogrammen“ mehr Fragen, als dass sich daraus Antworten ableiten ließen. Das Ende führt direkt in eine neues Stück, oder eben ein Gespräch, wie in diesem Buch.

Bin das ich? Wirklich ich, diese Frau, die alle Mütter der Welt in sich trägt, oder eine namenlose Tochter, die lernt, sich gegen den Tod zu stellen? Unwichtig, wer ich bin, wenn ich nur gehe, wenn ich, Schritt für Schritt, in meiner Einsamkeit vorwärts schreite [...]“ (74)

Wie auf einem Theaterzettel sind in der Vorhalle des Prosa-Buches die handelnden Personen aufgezählt, Töchter, Mütter, Mütter, die ihre Töchter, und Töchter, die ihre Mütter sind. Oder andere, die aber einer gleichen Erbfolge angehören: der endlosen Genealogie der Töchter und Mütter.

Anhand dieser Verknüpfung über Epochen und Generationen hinweg wirken die kleinen Augenblicks-Miniaturen wie Bojen einer vagen Vermessung, die nicht einmal zwischen den einzelnen Punkten fix ist. Mütter und Töchter treiben auf jenen Wellen dahin, die sich nur schwer soziologisch zähmen lassen.


Louise Dupré: Ganz wie sie. Prosa. A. d. Französ. von Ursula Mathis-Moser.

Innsbruck: Edition Laurin 2020. 115 Seiten. EUR 17,90. ISBN 978-3-902866-87-5.

Louise Dupré, geb. 1949 in Sherbrooke / Kanada, lebt in Montreal. | Brigitte Haentjens ist Regisseurin in Ottawa. | Ursula Mathis-Moser ist emeritierte Universitätsprofessorin in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 10/04/20



GEGENWARTSLITERATUR 2894

Das Pfeifen der Gräser

Lyrik, die etwas von Erregung versteht, beginnt ihr Treiben mit einem spontanen Überfall. Der Leser strolcht nichtsahnend durch den Alltag und wird plötzlich vom Pfeifen der Gräser aufgeschreckt. Sieht da womöglich das lyrische Ich das Gras von unten und pfeift aus dem letzten Loch?

Bei Christian Futscher tut man gut daran, den lyrischen Kosmos mit den Augen eines Kindes zu lesen, dem ein Bilderbuch vorgehalten wird. Seine Gedichte sind oft Spielanleitungen, das Konzept für eine poetische Installation oder tatsächlich die Zusammenfassung eines Bilderbuches. Vor allem die komprimierte Form bis hin zu einem Spruch-artigen Zweizeiler entwickelt sich zu langfristig angelegten Ohr- und Sehwürmern. Ein Futscher-Gedicht, wenn es sich einmal auf die Netzhaut gebrannt hat, kriegst du nicht so schnell aus dem Augapfel hinaus.

Die Logik der Gedichte entwickelt sich dermaßen explosionsartig, dass man frühstens bei der Spurensuche nach der Detonation daran denken kann, vielleicht auch Ungereimtheiten zu finden.

Wenn ich tot bin, / will ich die Bauernkriege / aus der Nähe sehen.“ (12) | „Wohin mit den überschüssigen Energien? / Ins Bett damit!“ (18) | „Liebesdrama // Eng. / Peng.“ (131)

Diese Verdichtungen kommen an die Unsterblichkeit von Koans heran, die einfach richtig sind und sich zeitlos abschirmen gegen jede Deutung wie ein Projektil aus Text.

Ähnlich kompakt, aber als Regieanweisung für ein langes Projekt gedacht, treten die sogenannten Anleitungsgedichte auf. Darin gibt das lyrische Ich sich selbst eine Ermunterung, wie es wohl den einen oder anderen lyrischen Auftritt hinkriegen könnte. In der dramaturgischen Empfehlung ist oft eine ganze Lebenserfahrung versteckt, die aber die Spielanleitung keineswegs plausibler gestaltet.

Aktion // Ich läute an fremden Wohnungstüren / und frage / Haben Sie auf mich gewartet?“ (10) | „Davon träume ich schon lange // Wenn ich dann im Gefängnis bin, / schreibe ich endlich / wie und was / ich will.“ (28) | „Überflüssige Angst // Die Angst vor dem Alter / hätte er sich sparen können, / denn er wurde nicht alt. / So geht es vielen.“ (75)

Obwohl die Gedichte eine starke Lebensweisheit subsumieren, sind sie nicht imstande, das Verhalten der Anwender zu verändern. Die lyrischen Ichs müssen der Katastrophe entgegengehen, das betroffene Publikum muss unbeeindruckt bleiben, es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Schönheit des Gedichtes und der Schönheit eines Auswegs.

Wie sinnlos Auswege sein können, zeigt die Empfehlung an die Jugend, wonach man immer ein Stück Würfelzucker dabei haben soll, wenn man auf Pferde trifft.

Das Pfeifen der Gräser ist als Rätsel angelegt, das nur jemand erraten kann, der sich an die entsprechenden Zeilen heranliest. „Sommermorgen / Das Zwitschern / der Vögel, / das Pfeifen / der Gräser. / Herrlich, so ein / Sommermorgen!“ (101) Ein Gedicht dieser Helligkeit und Schönheit hält es nicht aus im Kopf des Lesers, es verpuppt sich sofort und zieht sich andere Sachen an, bis es zu einem Bilderbuch geworden ist, zu einem Spaziergang oder einem langen Turn auf einer Liege in der Luft.

Christian Futscher gibt in seinen Texten keine Lösungen an, er erzählt höchstens, was er einmal gehört hat, das wirkt. So sind seine Gedichte auch das Ergebnis vieler Gespräche, Entspannungen und Sitzungen mit einem Getränk. Immer wieder freilich wird ein Ort genannt, an dem es das Glück zu finden gibt: Im Bett. Hier kommt der entspannte Oblomow zum Vorschein, der das Weltall auf Bettgröße verdichtet hat. Und wer kein Bett zur Verfügung hat, dem muss das Lesen genügen, um das Glück zu finden. „Glück // Ich liege in der Wiese / und lese.“ (6)


Christian Futscher: Das Pfeifen der Gräser. Gedichte.

Wien: Czernin 2020. 166 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-7076-0693-5.

Christian Futscher, geb. 1960 in Feldkirch, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 07/04/20



GEGENWARTSLITERATUR 2897

Herrmann

Nichts ist so trüb zu beschreiben wie ein Sandhaufen. Aber wie geht man mit einem Leben um, das gewöhnlich ist wie ein Sandhaufen?

Bettina Gärtner verwendet für ihren ungewöhnlich trivialen Helden einen pompösen Heldennamen, Herrmann als Verdoppelung eines Männlichkeitskultes kann nur als Parodie enden, will er diesem Cherusker-Mythos entsprechen.

Der Romanheld führt folglich als Mittvierziger ein dermaßen unauffälliges Leben, dass er Mühe hat, die Tage auseinanderzuhalten. „Man erkennt die Vorboten erst im Nachhinein“ (157) lautet sein Motto. Im kleinen Ort an der Großstadtperipherie bestimmt das Gerücht, was Sache ist. „Der Ort sagt“ wird zur obersten Instanz.

Das Unauffällige ist im Ort Programm. Wer etwas Besonderes aus sich machen will, muss abhauen, so wie der Jugendfreund Orban, der den Sprung vom Buben zum Banker anstandslos geschafft hat. Jetzt sitzt Herrmann unkündbar als niedrige Charge in einer Bank, und sein ehemaliger Schulfreund wird sein neuer Vorgesetzter. Ihm selbst bleibt nur mehr ein Layouter als Freund, weil dieser ebenfalls noch nicht auf digitales Arbeiten umgestellt hat.

Die Ereignislosigkeit ist eingespannt in eine Jagdhandlung. Am Beginn zeigt Herrmann dem Heimkehrer Orban das Jagdrevier, das dieser übernehmen will, zu diesem Zweck ist eine Jagdprüfung notwendig, die Herrmann betreuen wird. Denn immerhin hat er vom Vater eine Jagdhundezucht übernommen, die in der Erkenntnis mündet, dass die Hunde berühmter seien als ihr Züchter. Eines freilich hat er gelernt, man muss heutzutage die Hunde, Hündinnen gendern, wenn man ein erfolgreicher Züchter sein will.

Höhepunkt des Welpenprogramms scheint eine Reise nach Oklahoma gewesen zu sein, wo der Held von seiner damaligen Freundin bei einem Jagdunfall angeschossen wird. Später sagt der Ort dazu, dass es unglückliche Liebe gewesen ist.

Überhaupt klappt es mit den Frauen nicht sonderlich, sieht man von der Schwester ab, der er eine gelungene Abtreibung vermitteln kann. Sonst kommen die entscheidenden Heiratsanträge zu spät, die Psyche potentieller Visavis wird täglich angeschlagener, im Büro kuschelt eine Mitarbeiterin herum, die stracks vom neuen Chef übernommen und befördert wird.

Die Ereignisse rinnen zeitlos ineinander, ein Einkauf in der Stadt führt zu einem Erinnerungsportal, das die Zeit im Internat aufblendet, Weihnachtsessen gehen jäh in den Keller über, in dem der Layouter seine Druckaufträge abarbeitet. Die Besorgung eines Messgeräts mündet in verqueren Gedanken am Display.

Ein Onlinekauf wäre keine Option gewesen, selbst wenn Andrea das Messgerät weniger dringlich gemacht hätte, weil immer jemand, ob Ort, Mutter oder Schwester, wissen wollte, was er Schönes bestellt habe, oder beklagte, wie er nur im Internet kaufen könne. Damit die Wirtschaft ruiniere, Arbeitsplätze zerstöre, moderner Sklaverei Vorschub leiste, ob er auch nur die entfernteste Vorstellung von den Arbeitsbedingungen in den asiatischen Elektronikhochburgen habe? - Das kleine Display ermüdete ihn schnell.“ (208)

Überhaupt merkt sich Herrmann die Sachen am besten, wenn sie verschriftlicht sind und als Hausordnung, Lexikoneintrag oder Beipackzettel daherkommen. In blasser Beamtentypographie sind Statements zum Liedgut in Oklahoma und bei der Jagd eingefügt, außerdem Anmerkungen über den Blutdruck, die Feuersbrunst und jene Amokläufe, die man in Oklahoma „going postal“ nennt, nachdem die historischen Amokläufe alle in Postämtern gespielt haben.

Gegen Schluss wird es noch einmal dramatisch, vielleicht bildet man es sich aber als Leser auch nur ein. Herrmann dient bei der Freiwilligen Feuerwehr und reanimiert während eines Einsatzes ein verbranntes Mädchen. Über den Erfolg ist nichts bekannt, denn der Notarzt übernimmt die aus der Glut Gerettete. Und bei einer finalen Revierbesichtigung bricht der Held zusammen, wir erleben einen Herzinfarkt aus Insider-Perspektive. Während die Atmung aussetzt, strömt noch einmal der Roman in Kurzform vorüber, das wird das Leben gewesen sein, denken beide, der Held und der Leser. Mit großem Blaulicht endet die Szenerie, nicht einmal der Fuchs kann dieses Lichtgeflacker im Wald halbwegs deuten.

Richtig erzählt, kann das banale Leben richtig aufregend werden. Und Bettina Gärtner erzählt richtig und makellos. Am Ende ist der Sandhaufen des Lebens zum Greifen haptisch.


Bettina Gärtner: Herrmann. Roman.

Graz: Droschl 2020. 283 Seiten. EUR 23,-. ISBN 978-3-99059-048-5.

Bettina Gärtner, geb. 1962 in Frankfurt am Main, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 17/04/20



GEGENWARTSLITERATUR 2893

Das Loch

Ein Nichts, das vorhanden ist, ist ein Loch. In der Alltagsphilosophie versucht der Mensch, mit halbwegs logisch klingenden Sätzen durch die Denkkrise zu driften. Dabei kann ein Loch sehr hilfreich sein.

Simone Hirt kümmert sich in ihrem Briefroman um eine Heldin, die buchstäblich und wörtlich in ein Loch gefallen ist. Warum nicht das Leere bei den Hörnern nehmen und sich damit auseinandersetzen? denkt sie sich und schreibt von Silvester bis Silvester eines Jahres Briefe.

Die ersten Zeugnisse einer harten Arbeit an sich selbst sind an das Loch gerichtet, das aber nicht antwortet. Also probiert es die Protagonistin mit anderen Hoffnungsspendern, etwa mit Jesus, dem Frosch aus dem Märchen, oder der Natur als Ganzes. Aber natürlich kommt keine Antwort, was aber letztlich der Sinn eines Briefromans ist. Denn dieser richtet sich ja immer an den Leser, auch wenn andere Empfänger vorgeschoben sind.

So kommt man als Leser überraschenderweise in den Genuss, als Kanzler angesprochen zu werden, denn der Messias-Kanzler des Landes hat auf alles eine Antwort und setzt Tag und Nacht Maßnahmen. Zumindest hat er gute Sätze im Repertoire, die er aber in diesem Buch nicht ausspricht.

Die Ich-Erzählerin schreibt und schreibt, in allen Körperlagen und Lebenssituationen. Meist hat sie ihren kleinen Sohn dabei, der bei jedem Brief schreit oder kackt. So kommt es auch zu dem wunderschönen Brief: „Oh Jesus, er kackt!“

Die Heldin ist ohne Zutun in dieses Loch geraten. Überlegungen, durch Rollenwechsel aus diesem schwarzen Schlauch herauszufinden, führen zu nichts, das Loch ist allumfassend. Am ehesten spendet ein Felsbrocken Halt, der ihr täglich in den Weg gelegt wird. Auch dieser antwortet naturgemäß nicht auf Briefe, die zwischendurch die Konsistenz eines Gedichtes annehmen. So mutiert der Kassa-Bon eines Hofer-Einkaufs zu einem steinernen Gedicht, der Bon will und will nicht enden, und jede Position ist mit Felsbrocken bezeichnet. Das Gedicht wird zur Qual, aber es lenkt eine gewisse Zeit vom Loch ab.

Natürlich bringen auch Ortswechsel nicht viel, eine Reise nach Tschechien ermöglicht keine Veränderung, weil das Loch mitfährt. So bleibt nur ein kleiner Gruß an den zurückgebliebenen Sohn, wonach Tschechien zu Europa gehört, woraufhin der Sohn vermutlich wieder kackt.

Im Herbst scheinen die Briefe ruhiger zu werden, die Natur benimmt sich hoffnungsvoll, während sie abstirbt. Sogar Freundinnen lassen sich erkennen, wenn man lange genug hinschaut. Sie sitzen in einer Gemeindebücherei und versorgen alle gequälten Menschen, die von schlechtem Karma umgeben sind, mit Büchern.

Liebe Unterfeldener Gemeindebücherei, du bist kein Kämmerchen und kein Zimmer für mich allein, du bist und du bleibst: eine öffentliche Bücherei. Ich habe jetzt einen Schlüssel zu dir, für außerhalb der Öffnungszeiten. Einen eigenen Schlüssel. Weil die Damen, die dich größtenteils ehrenamtlich am Leben erhalten, großartig sind.“ (219)

Der Briefroman ermöglicht die Installation eines eigenen Zeitgefüges. Da bis zur Zustellung der einzelnen Teile immer etwas Zeit liegt, glühen die Probleme manchmal von selbst aus und die verzweifelte Lage im Loch beruhigt sich bis zur nächsten Seite. Oft gleichen die Gedanken einem inneren Monolog, der von der Antimaterie rundum geschluckt wird.

Nach einem Jahr Eigenkorrespondenz stellt die Heldin fest, dass sie ja genug hat, um weiterzuleben. „Ich habe einen Sohn. Ich habe einen Wortschatz. Und einen Schlüssel für die Bücherei.“ (268)

Und ein Loch, möchte man hinzufügen, denn als Leser hat man sich längst mit dem Loch verbündet.


Simone Hirth: Das Loch. Briefroman.

Wien: Kremayr & Scheriau 2020. 268 Seiten. EUR 22,90. ISBN 978-3-218-01209-6.

Simona Hirth, geb. 1985 in Freudenstadt, lebt Kirchstetten.

Helmuth Schönauer 04/04/20



GEGENWARTSLITERATUR 2900

Von der Buntheit der Krähen

Jede Kindheit ist ein Dorf, aber in der Erinnerung werden die Bilderbuch-klaren Personen, Wege und Spiele zu einem komplizierten Nest, das aus allerhand Verstrickungen zusammengespachtelt ist.

Im Roman „Von der Buntheit der Krähen“ kehren Karl und Thomas nach längerem Aufenthalt in der Welt draußen wieder in ihr Dorf zurück. Karl hat nach einem Gewaltausbruch im Jugendgefängnis gesessen, Thomas hat sich als Musikkritiker ein Burnout mit schwerem Tinnitus eingefangen, jetzt versucht er sich das alte Leben von der Seele zu schreiben.

Dorfromane fußen immer auf Western-Elementen. Es braucht einen dynamischen Start, Gesetz-freie Zonen, Gewalt, urtümliche Landschaften und ein Personen-Set, das überschaubar ist und worin sich alle kennen, weil sie weitschichtig miteinander verwandt sind.

Der Start im Krähen-Roman ist logischerweise fulminant, Karl fährt bei Unwetter mit seinem Traktor im Letten herum. Auffallend ist sein Frauenkleid, das dabei ziemlich männlich-schmutzig wird. Damit ist auch schon das Hauptthema für diesen Helden ausgelegt. Als Transsexueller steckt Karl im falschen Körper, das erklärt auch sein Gewaltverhalten. In Therapien zur vorzeitigen Entlassung aus der JVA wird ihm empfohlen, einen Geschlechtswechsel vorzunehmen. Karl nennt sich in der Folge Sissi und erweckt kaum Aufsehen im Dorf, weil man ihn wie früher links liegen lässt. Aber er selbst hat wenigstens einen Grund, dem Dorf zu misstrauen und seine Geschlechts-Mission durchzuziehen.

Thomas hingegen organisiert sich im Dorfladen eine Flasche Überraschungs-Wein für zu erwartende Verwandte, er fragt nach diversen Namen, aber außer dem Tod gibt es kaum ein Schicksal im Ort. Er steigt im Häuschen eines fernen Verwandten ab und lässt die ersten Geschichten auf sich zukommen.

Das Leben in einem Dorf von romantischer Statur ist aufgebaut wie ein Bilderbuch. Man schlägt eine Seite auf und zeigt mit dem Finger auf das erstbeste Hauptwort, dann lässt man sich dazu etwas von den Vorfahren erzählen. So ist auch der Roman aufgebaut, die einzelnen Kapitel sind mit einem Hauptwort überschrieben zu dem eine Geschichte folgt. Das „Kleid“ sitzt folglich nass auf einem Traktor, „Sissi“ outet sich in privatem Kreis, die „Jagd“ treibt die Protagonisten gefährlich zueinander, der „Pfefferspray“ ist eine Störung der Peripherie, die vom Weltgeist übergeschwappt ist.

Die ehemalige Enklave für ausgestorbene Dinge ist längst von der Globalisierung heimgesucht, manche Gehöfte stehen leer wegen der vorgegebenen Landflucht, andere werden als Zweitwohnsitz genutzt, worin sich Menschen aus der Stadt ihre Träume erfüllen.

Die Siedlung ist nicht mehr das, als was man sie verlassen hat. Oft liegt es auch daran, dass mittlerweile die Dinge in einem anderen Licht mit anderen Methoden gesehen werden. Das simple Beobachten eines Vogels etwa geschieht dadurch, dass ein Auge durch das Fernglas schielt, während das andere am Display nachschaut, um welchen Vogeltyp es sich handeln könnte. (137)

Thomas schreibt so gut es geht in Echtzeit auf, was er gerade als Aussteiger erlebt. Dabei führen ihn die Gedankenschleifen zurück in jene Zeit, wo man noch unschuldig Dinge aussprechen oder verliebt sein konnte. Die Tiere scheinen diesen Zustand bewahrt zu haben. Die Hasen haben eine eigene Körperstruktur, wenn sie aus dem Fluchtmodus gefallen im Garten sitzen. Die Krähen sind nach gängiger Dorfmeinung überflüssig, aber jede von ihnen ist einzigartig, vielleicht sogar bunt.

Diese Krähen sind auch ein Sinnbild für das Migrantische, das unausgesprochen über dem Ort liegt. Ein paar Abgehängte haben sich bewaffnet und spielen Bürgerwehr. Im Zuge einer solchen Streifung überfällt ein Jagdhund den Hasen des Helden, worauf dieser dem Hund den Rücken bricht. Plötzlich ist die Gewalt wieder zum Greifen nah, Karl steigt vom Traktor und ist froh, dass er seine Eier noch hat. Im Kampf mit der ausgerasteten Bürgerwehr ist es von Vorteil, ein Mann zu sein. Vielleicht verschiebt er auch die Geschlechtsoperation.

Der schreibende Aussteiger Thomas hingegen klärt noch eine ferne Liebesgeschichte ab, indem er es der Frau von Damals überlässt, seiner Datei einen Namen zu geben. Er wird mit seinem Tinnitus wieder ins Berufsleben zurückkehren, freilich wird es nichts mehr mit der Musikkritik.

Als Leser ist man heftig eingespannt in das Geschehen, als man immer wieder in kursiver Schrift die Tages-Aufzeichnungen zu lesen bekommt. Aber jedes mal, wenn man darüber zu reflektieren beginnt, drückt der Schreiber am Laptop die „Verwerfen“-Taste und alles wird ungültig. Der Leser weiß somit mehr als der Held, denn er kann ja noch zurückblättern in dem, was der Urheber gerade gelöscht hat. Ein bemerkenswerter Erzählvorgang!


Dietmar Krug: Von der Buntheit der Krähen. Roman.

Salzburg: Otto Müller Verlag 2020. 402 Seiten. EUR 25,-. ISBN 3-7013-1275-7.

Dietmar Krug, geb. 1963 im Rheinland, lebt im Waldviertel.

Helmuth Schönauer 30/04/20



GEGENWARTSLITERATUR 2898

von Nähe weit entfernt

Gedichte sind subjektive Annäherungen an Menschen, Witterungen oder Situationen, dabei haben sie das Gegenüber oft klar im Visier, manchmal aber verlieren sie es, wenn sie zu nahe kommen. Beim Kalibrieren der idealen Distanz entsteht eine Unschärfe, die nicht gemessen werden kann.

Robert Manner-Beiter nennt sein lyrisches Verfahren „von Nähe weit entfernt“. Das kleingeschriebene „von“ lässt darauf schließen, dass diese Formel Teil eines größeren Sachverhalts ist, vielleicht sogar die Conclusio eines gesamten Gedichtbandes. Nach drei konventionell mit römischen Ziffern beschriebenen Sequenzen I, II und III folgt das sogenannte Register, das die Verknüpfung der einzelnen Gedichte mit der „Außenwelt“ zeigt. Das Maß aller Dinge ist dabei das Alphabet, was insbesondere die Herzen von Bibliothekaren höher schlagen lässt, die ja in der Hauptsache für die Sortierung der Welt nach den Richtlinien des Alphabets zuständig sind.

Diese alphabetische Grundordnung würdigt die Gedichte wie Einträge in einem Lexikon, die einzelnen Gedichte können gezielt nach der Bedeutung ihres Schlüsselbegriffs aufgesucht werden, die Random-Lektüre liefert freilich zusätzlichen Gewinn, indem die benachbarten Gedichteinträge mit in das Geschehen eingreifen.

Die einzelnen Buchstaben ergeben für sich wieder eigene Gedichte, unter T gibt es etwa Tag und Traurigsein, V liefert verbrannte erde, Verkehrsunfall im Sommer, Vietnam, das oft künstlich mit skurrilen Begriffen aufgefettete Z münet in diesem Fall in den Vierzeiler „zeitstop / Zivilisationskrankheit / zufällig an einer zeit / Zwetschgen“ . Da Groß- und Kleinschreibung gleichberechtigt sind, erweitert sich das Deutungsfeld.

Die einzelnen Gedichte, konventionell von vorne nach hinten gelesen, ergeben auf den ersten Blick so etwas wie Drehbücher, die zu Standbildern eingefroren sind. In einem einzigen Bild ist einem Screenshot ähnlich ein ganzer Filmabend eingedickt.

Frau im Schlafzimmer“ könnte ein subtiler Erotikthriller sein. Eine Frau liegt da, als ob sie schon lange keinen Sex mehr gehabt hätte, draußen ängstigt sich ein Baby, die Frau liegt im Bett wie in einer Bucht, ihr Kopf schlägt in der Brandung an einen Felsen, das Blut trocknet, das Haar verklebt ihren Mund.“ (12) Film und Gedicht verschmelzen zu einem Probeausdruck, der aus einem lange nicht verwendeten Drucker herausspringt. Das Bild ist noch nicht ganz scharf und muss vielleicht nachjustiert werden bei der nächsten Lektüre.

Ähnliche Vorgänge lassen sich auf alle anderen Filmgenres übertragen. An einem Stausee tauchen Tote auf und werden behandelt wie für die Vorbereitung zu einem Alpenkrimi. (48)

Aus Elementen einer alten Wochenschau setzt sich ein Fliegeralarm zusammen, der „ganz nah bei uns“ ausgelöst worden ist (96).

Aber auch berühmte Vorlagen wie das Gedicht „die Beiden“ von Hugo von Hofmannsthal werden mit einer Deutung aus der Gegenwart überspielt. Aus dem jungen Pferd, auf dem der Held des vorigen Jahrhunderts sitzt, wird ein junger November, der sich den neuen Klimaregeln anzupassen hat. Das Münster von Ulm steht und steht und wird upgedatet von der Witterung, die jahraus jahrein darüber hinwegzieht. (28) Das strahlende Wort „jung“ legt sich als Wolkendecke über die Epoche und lässt alles frisch und schön erscheinen wie in einem Werbespot.

Wie viel Nähe lassen die Bilder zu, wie echt sind die vorgespielten Effekte, wie stark wirken die Eindrücke auf die Sinnesorgane? Immer geht es um vorgespielte Nähe, die sich zurückzieht, wenn sie ausgesprochen wird. So poppt das Gedicht „wow“ auf wie ein überraschendes Ereignis, wofür es nicht einmal ein Wort gibt. Einem Comics gleich liegt das Plötzliche in einem jähen Sprechtumult. Geht man freilich der Sache auf den Grund, so erweist sich der Ausruf als übertrieben, es ist nichts wow, was durch einen Schrei vorgetäuscht worden ist.

Die vorgegaukelte Nähe erlaubt es dem lyrischen Ich, in beiden Zimmern seiner Wohnung einen Film zu starten und außer Haus zu gehen. Indessen muss die Geliebte für sich allein die Filme in den Räumen über sich ergehen lassen, bis es zum Abspann wieder vom lyrischen Choreographen aufgesucht wird.

In einem Alptraum ( oder ist es eine Lateinschularbeit? ) taucht plötzlich die Fügung auf: Wir scheitern! Das Ergebnis steht fest, aber jetzt braucht es noch eine Installation dafür.

Ein andermal ist die Nähe zum Greifen nah, indem ein Paar ein paar Tage zusammenliegt und Staub ansetzt. Aber Staub ist keine tragfähige Verbindung, die Nähe ist fragil, der nächste Windstoß kann sie verblasen.

Verloren wie mit sich selbst sind diese poetischen Helden auch als Generation, die durch die Jahrzehnte taumelt. „Wir tragen nichts bei / wir tragen nur in uns / tage und nächte / und all die jahre // […] // Wir tragen nichts bei / wir flattern ins licht / wir lassen nichts gedeihen / bis wir versiegen“ (167)

Robert Manner-Beiter liefert scheinbar abgerundete und ausgeklügelte Gedichte als Druckauftrag an den Leser, aber dort wuchern die Texte plötzlich zu eigenen Kunstformen aus. „In mir wachsen Bäume“, heißt es einmal über das lyrische Ich. Und tatsächlich tun sich auch im Leser plötzlich neue Vorstellungskräfte auf.


Robert Manner-Beiter: von Nähe weit entfernt. Gedichte.

Klagenfurt: Sisyphus 2020. 187 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-903125-46-9.

Robert Manner-Beiter, geb. 1969 in Feldkirch, lebt in Thüringern / Vorarlberg.

Helmuth Schönauer 20/04/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2230

Wetter

Das Wetter ist mehr als das, was sich am Himmel abspielt, das Wetter ist vor allem eine intime innere Angelegenheit. Nicht umsonst lautet die erste Frage in sozialen Medien immer: Und, wie ist bei euch das Wetter?

Hermann Niklas hat anlässlich eines Stipendiums ursprünglich etwas über den Himmel machen wollen. Weil sich aber der Himmel nicht trennen lässt von den Menschen, die ihn erleiden und erfahren, ist daraus das Wetter geworden. Und tatsächlich liefert das Wetter jede Menge lyrischen Stoff, wenn man es einzufangen versucht, etwa mit den Aggregatzuständen Erde, Luft und Grenze.

In den drei Kapiteln sind diese Phänomene auf einer Schicht aufgetragen und nennen sich folglich: Erdschicht (7), Luftschicht (37), Grenzschicht (67). Oft ist es ein lyrisches du, das vorprescht und direkt in die Wetterlage hineinsticht, später gesellt sich das Ich dazu, um zu sortieren, was in der Szene angerichtet ist.

du leerst etwas das wie ein Gefäß benutzt wird es hat Griffe / ich lass dich und wir treffen uns später am Stehtisch der ersten Arterienverengung“ (9). Das Bild baut sich auf zu einer dichten Bar-Atmosphäre, die geerdet wird durch Wind und rotes Licht. Die Einzelteile sind über ein Nervensystem verbunden, die Augen werden wie beim Feuermachen mit Hölzchen gerieben und am Schluss verknoten sich Hände und lassen sich nicht mehr lösen.

Der Elchtest für gute Lyrik ist immer der Umgang mit den Vögeln. Wie gelingt es ihnen, trotz ihrer ewig gleichen Flugbahnen zwischen die Zeilen zu gelangen? In der „Wetter“-Elegie ist das Auftauchen der Vögel elegant gelöst: Jemand malt sie in die Erde, mit einem Stöckchen macht er zwei Striche und sagt Krähe dazu. (12)

Auf der Erdschicht liegen die seltsamsten Dinge herum und benehmen sich wie ein Gedicht. Ein Haus hat Augen und schaut dich an, ein Berg ist eine hohle Maschine und streut Licht gegen den Stein und den Himmel, ein Sensenmann quält sich mühsam durchs Gras.

In der Luftschicht liegen vor allem Wälder herum, das lyrische Ich durchstreift sie und wird jäh irritiert, wenn dem Unwetter eine Schlammlawine gefolgt ist und das Dorf verschüttet hat. An anderer Stelle dreht der Wind wie irr an seinem Rad, aus einem Friedhof leuchtet es rot und dann hängen plötzlich die Toten im Himmel, frisch kompostiert nach einer abgelaufenen Jahreszeit. (46)

Unter dem Kapitel Grenzschicht sind schließlich scharf zusammengeschliffene Gedichte versammelt, sie schneiden quasi durch die Schichten und pflügen überall Grenzen auf. „Der Bug des Boots / ist Grund der Quelle / der Stein schreit / die Luft erschrickt“. (82) Die Zeilen werden dünner und schärfer, bis es zum Finale kommt: „ein Vogel / im Fliegen / zerbricht“.(93)

Hermann Niklas hat aus dem Allerweltsthema „Wetter“ ein dichtes Erlebnis der Peripherie gemacht. Das Allgemeine wird durch persönliche Wahrnehmung zu etwas Kostbarem, ja Einzigartigen. Oft ist für das lyrische Ich ein eigenes Wetter geschaffen, das sich folglich nicht übertragen und verallgemeinern lässt. Jede Situation hat ein Wetter, Himmel und Erde werfen sich Bälle zu, die zu Gewitter und Trockenheit führen können. Die Pfade im Wald sind schmal, heißt es einmal, schmal wie die Zeilen eines Gedichtes, wer daneben tritt, fällt aus dem Gedicht. Schon lange nicht mehr ist das Wetter so aufregend gewesen.


Hermann Niklas: Wetter. Gedichte.

Innsbruck: Limbus 2020. 95 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99039-171-6.

Hermann Niklas, geb. 1976 in Marbach an der kleinen Erlauf, lebt in Wien

Helmuth Schönauer 25/04/20



GEGENWARTSLITERATUR 2896

Im Glanz der Kontrolle

Ein geglücktes Leben wird von zwei Strängen gespeist, einmal gilt es drauflos zu leben, um hinten nach zu beobachten, welche Richtlinien dahinterstecken, andererseits gilt es einen Lebensplan aufzustellen und diesen abzuwickeln. Für beide Richtungen ist eine gewisse Kontrolle vonnöten, die aber entgleisen kann.

Sonja Ruf stellt den Kontrollwahn in den Mittelpunkt ihres Romans. Dieser ist in drei selbständige Unterromane gegliedert, die sich gegenseitig in Schach halten. So ist auch die Reihenfolge egal, in der man diese drei Sub-Romane liest, heißt es in einer Einstimmung. In allen Teilen ist freilich das Leben aus dem Leim gegangen und soll wieder eingegleist werden durch Kontrolle, Therapien, Gespräche und Bewegung. Im Glanz dieser Kontrolle verblasst allmählich jegliches Leben, das nur noch spärlich aus den Ritzen eines therapeutischen Maßnahmenkatalogs herauslugen darf.

Zentrum all dieser Reparaturmaßnahmen ist die Klinik Bad Hochwald, die sich auf Burnout spezialisiert hat. „Vom Burnout über das Burn-In in das Burn-On!“ (28) Miriam Schmitt hat seinerzeit dieses Programm über sich ergehen lassen und ist am Gelände geblieben. Jetzt führt sie das kleine Café Schmittchen, worin all jene ihre Sorgen loswerden, die schon spazieren gehen dürfen.

In der Hauptsache sind es Berufsstörungen, die zu einer Vernichtung des Lebenswillens führen können. Exemplarisch tritt ein Lehrer auf, den ein falsch programmierter Druckauftrag an den Kopierer aus der Bahn wirft. An anderer Stelle wird jemand durch den PC verrückt, weil er sich überwacht fühlt. Es verwundert nicht, wenn die Patienten mit den Geräten zu sprechen beginnen und glauben, sie könnten durch Windows tatsächlich in die Welt hinausschauen. Der Computer saugt jedenfalls alle Kraft ab. (34)

Auch nach Jahren ist Miriam noch nicht „übern Berg“, wie ihre Liebesaffäre zeigt, wobei sie sich aus einem gegenüberliegenden Block der Controller heraus während des Liebesaktes beobachtet fühlt.

In der Liebe wird auch ihre Schwester Manuela immer ganz steif, wenn es zur Aktion kommt. Auch sie ist lange Zeit in Bad Hochwald gewesen, um das Mobbing im Büro loszuwerden. Jetzt frönt sie mit Maik dem Rausch einer neuen Beziehung und fährt mit ihm an alle Ecken und Enden des Landes. Die beiden sind ständig von einer Sommerfrische in die nächste unterwegs, um durch Flucht irgendwie zur Ruhe zu kommen.

Die Lyrikerin Mara schließlich interviewt ständig kaputte Menschen, um zu passablen Katastrophengedichten zu kommen. Bei dieser Gelegenheit kommen ihr auch die beiden Schwestern unter das Okular des Versmaßes. Die Lyrik vermag tatsächlich auszusprechen, was die Therapien nur als Leerformel anbieten. Allein die Anordnung der Bezugspersonen zu einer Kette von seltsamen Figuren ergibt plötzlich ein neues Licht. So haben etwa beide Schwestern einen kaputten Insassen als Liebhaber im Auge, von dem sie sich Rettung erwarten.

Der dreifach-Roman hat wie alle Sanatoriumsgeschichten einen Übervater im „Zauberberg“, schließlich werden im Zustand des Defektes Lebensmodelle geschmiedet, die vielleicht der Welt helfen können, aber selten den Patienten. Andererseits wird die Klinik mit einem Kreuzfahrtschiff verglichen, denn in den unterirdischen Maschinentrakten arbeiten Blaumäntler aus allen Ländern. Und während oben die Weißmäntler die Patienten mit klugen Spielen zu animieren versuchen, werden im Untergrund schon die nächsten Burnoutler produziert.

Alles ist Gerede, alles ist Design! Das beginnt mit dem Stifterschen Namen „Hochwald“ und setzt sich in schönen Sprachfügungen fort, womit die Patienten auf ein Leben vorbereitet werden sollen, das es in dieser umständlichen Schönheit gar nicht gibt. Für alle Fälle wird jenem Neuankömmling an der Klinik ein kleiner Chip eingepflanzt, mit diesem „Dau“ wird das ausgebrannte analoge Leben in digitale Maßnahmen übergeleitet. Denn Kontrolle ist alles, aber sie funktioniert nur, wenn es der Kontrollierte nicht merkt. Gesund sein bedeutet, sich unbeobachtet zu fühlen. Und in Gedichtform ausgesprochen heißt die Lösung: „Ich kann überall hin!“ (308)

Der Roman kontrolliert die Heldinnen in einem Ausmaß, dass diese sich ihm bedingungslos unterwerfen. Die Protagonistinnen stellen sich gegenseitig Arbeitszeugnisse aus und genehmigen sich das Publizieren des Romans. Ein genialer Schachzug des Erzählens, die Figuren befreien sich, indem sie in der Möbiusschleife des Textes gefangen bleiben!


Sonja Ruf: Im Glanz der Kontrolle. Roman.

Tübingen: Konkursbuchverlag 2020. 316 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-88769-477-7.

Sonja Ruf, geb. 1967, lebt in Saarbrücken.

Helmuth Schönauer 14/04/20



GEGENWARTSLITERATUR 2895

Verlassener Garten

Der Garten ist nicht so sehr ein Ort als vielmehr ein Zustand. Die Literatur ist durchzogen mit Gartenelementen, welche am Ende in einen Garten der Lüste oder in pure Gartenmusik münden können.

Stanislav Struhar baut den Garten zu einer Symphonie für die Sinnesorgane eines Heranwachsenden aus. Dabei bezieht sich die Bezeichnung „verlassen“ sowohl auf den Ort selbst, der leer geworden ist, als auch auf das Gefühl des Verlassenseins, des beim Durchstreifen eines Gartens entsteht.

Held ist ein vorerst siebenjähriger Bub Joachim, der gerade eingeschult wird, und dessen Jahreslauf aus dem üblichen Erlebnis-Dreieck besteht: Geburtstag, Weihnachten, Ferien. Aber bei kommt noch eine schicksalshafte Gliederung hinzu. Seine Lebensabschnitte beginnen pünktlich mit einem Begräbnis am Wiener Zentralfriedhof. Zu Beginn wird sein Bruder Richard zu Grabe getragen, am Beginn des zweiten Abschnitts ist es die Mutter, die mit der Fügung „sie kommt nie mehr wieder“ in die Erde gelassen wird. Beim dritten Kapitel erwartet man als Leser wieder ein Begräbnis, aber eine Rauferei zwischen dem Helden und einem mobbenden Mitschüler endet gerade noch ohne Totschlag, dafür gibt es einen Friedhofsbesuch. Das vierte Kapitel schließlich endet mit Begräbnisvorbereitungen für die Großmutter, die mit dem Rollstuhl die Treppe hinuntergefallen ist.

Der Friedhof ist der endgültige der drei Gärten, die das Leben des Joachim ausmachen. In seinem Vorfeld liegen der Park von Schönbrunn und der angrenzende Hausgarten an der Außenhaut einer Villa.

Dieses edle, kunstvoll impressionistische Ambiente erweist sich als versöhnlicher Kontrapunkt zu einer brutalen Familiengeschichte. Die alkoholische Mutter tötet den neunjährigen Richard, den Bruder des Helden. Sie wird in eine psychiatrische Anstalt überstellt und stirbt. Joachim hingegen wird in einer Villa untzergebracht, in der eine seltsame Verwandtschaft aus- und eingeht. Gesichert ist wohl nur, dass der Großvater ein Verhältnis zur siebzehnjährigen Tante des Jungen hat, und dieser spitzt mit seinen kindlichen Gelüsten wie wild auf diese Nathalie.

Joachim teilt sein ganzes Leben ein in eine Zeit mit und ohne Natalie, er erfindet eine eigene Sprache für sie und weiß dennoch nie, dass es pure Erotik ist, was ihm da widerfährt. „Er will keinen Garten, sondern aktive Kindheit!“ (75) Nathalie ist zwischendurch besorgt, was da als stilles Kind heranwächst. Tatsächlich zeichnet Joachim alles, was er für das Leben hält. Nach einem Spaziergang durch den Garten flieht er auf das Zimmer und zeichnet Baumkronen. Zwischendurch malt er Schriftzüge nach, die er nicht versteht. So prahlt er etwa mit einem grausigen einsilbigen Wort, das er abgemalt hat, aber dessen Inhalt ihm verborgen bleibt.

Geburtstage, Weihnachten und Ferien kommen und gehen, aber der Garten passt sich immer an die neuen Feiertage an und bleibt verlässlich schön. „Dieser Teil der Natur ist vielleicht der schönste!“ (187) An den Geschenken merkt man am ehesten, dass Joachim größer wird. Er bekommt den „Process“ von Franz Kafka geschenkt, ein andermal fallen ihm die „Blumen des Bösen“ in den Schoß.

Als er schon fast volljährig ist, öffnet er die Erinnerungsschachtel an die Mutter. „Kind von eigener Mutter aus dem Leben gerissen!“ (198) Nach dieser Schlagzeile weiß er genug und verschließt die Fotoschachtel wieder. Als Kind hat man ihm nämlich gesagt, dass Menschen auf Fotos weiterleben können.

So wird Joachim scheinbar erwachsen, umgeben vom Garten, Musik und einer Staffelei.

Als Leser ist man betört von diesem Kunstwerk. Es wirkt Zeile für Zeile auf die lesende Seele ein, wie es Schritt für Schritt komponiert ist. Der Autor ist bekannt für sein sorgfältiges Austüfteln klarer Sätze, die wie gemalt klingen und in ihrer Kürze zu einem Signet werden können. Eine Fügungen wie „schiefer Gesang“ beschreibt jenen Musikzustand, den man zuerst nur beiläufig wahrnimmt, ehe man dann doch zwischen den Tönen zu liegen kommt. Auch die melancholische Übersetzung evoziert sorgfältig diese „Nostalgie“ aus tschechischer Sprache und ist vertrauenerweckend. Man ist vielleicht an den Film „Letztes Jahr in Marienbad“ erinnert, wo unter einer Glocke suggestiver Musik zwei Liebende durch eine Barockanlage wandeln und sich in Trance ergehen.

Auch im „Verlassenen Garten“ gibt es ständig Musik, je nach Zustand des Helden stimmt jemand eine Oper an und selten in der Literatur ist eine Kindheit so anspruchsvoll mit Gesang unterlegt worden.

Im Nachwort der Übersetzerin Kristina Kallert werden ein paar dieser möglichen Musik-Konnotationen angesprochen, auch sind ein paar Erzählkniffe herausgearbeitet wie etwa das Motiv der Mitte. Wenn etwas in der Mitte steht, wirkt die Umgebung am größten.

Stanislav Struhars Roman liegt genau in der Mitte des Erzählten, weshalb die dargestellte Welt groß wird. Das wird es bei jedem von uns Lesern sein, was uns anspricht: Die Kindheit ist ein verlassener Garten.


Stanislav Struhar: Verlassener Garten. Roman. A. d. Tschech. übersetzt und mit einem Nachwort von Kristina Kallert. [Orig.: Opuštěná zahrada, Prag 2004].

Klagenfurt: Wieser 2020. 225 Seiten. EUR 21,-. ISBN 978-3-99029-381-2.

Stanislav Struhar, geb. 1964 in Gottwaldov (Zlin), lebt in Wien.

Kristina Kallert, geb. 1962 in Weißenburg, lebt in Regensburg.

Helmuth Schönauer 27/04/20