Buch in Pension – Rezensionen 2022|01


Banzer, Quaderer, Paulmichl (Hg.): Literatur sichten. Südtirol

Andrej Bitow: Leben bei windigem Wetter.

Jože Javoršek: Primož Trubar. Biographischer Roman.

Eva Kittelmann: Die Quadratur des Denkens. Die Quadratur der Szenen.

Phil Klay: Den Sturm ernten. Roman.

Lukas Meschik: Einladung zur Anstrengung.

Renate Mumelter (Hg.): sturzflüge. Eine Kulturzeitschrift:

Eske Schlüters: Alles kann ein Bild von allem sein.

Alfred Paul Schmidt: Anderswo. Roman.

Ronald Weinberger: Und sie lügen doch. Über den Unsinn der Astrologie.


TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2303

Literatur sichten

Literaturzyniker ätzen zwischendurch: Wenn irgendwo nichts los ist, macht man eine Anthologie. Eine Anthologie suggeriert immer, dass sie notwendig ist, indem sie viele Themen oder Autoren aneinanderreiht, damit der Leser nicht das Fehlen eines Zentralthemas merkt.

Das Projekt „Literatur sichten“ ist mittlerweile so etwas wie Hausbrauch in Südtirol geworden, indem nämlich das finanziell wohlbestallte Literaturhaus Liechtenstein immer wieder ein Auge auf das benachbarte Südtirol wirft und mit Veranstaltungen, Symposien und Publikationen ab und zu einen Weckruf an die verschnarchten Südtiroler sendet.

Aktionen wie „Literatur sichten“ haben immerhin zwei historische Anthologien hervorgebracht, schon 1970 und 1983 erscheinen aufsehenerregende Überblicke über das literarische Schaffen in Südtirol, das bis dahin hauptsächlich als Auswanderungsland für Autorinnen in Erscheinung getreten ist.

Dass letztlich die gesamte deutschsprachige Literaturgilde stets einen Blick auf Südtirol wirft, hat damit zu tun, dass in diesem Sprachenkonglomerat vor allem die öffentliche Förderung immer auf dem Prüfstand steht.

In manchen Jahren lässt sich vermuten, dass niemand in Südtirol eine Literatur will oder braucht. Nur weil sie eben gefördert wird und ein Teil der Autonomie ist, macht sie halt manchmal jemand. Bei den meisten hat man den Eindruck, dass ihnen das ganze lästig ist. Einen richtig bissigen Volldichter (um ein wenig an die volkstümliche Konnotation zum Volltrottel heranzupirschen) hat Südtirol schon längere Zeit nicht mehr gesehen.

In der aktuellen Sichtung stellen die Herausgeber das Verfahren vor, verweisen auf die historischen Höhepunkte des Unterfangens und lassen bald einmal die 27 Autorinnen zu Wort kommen, die in einem Biographien-Anhang ausreichend vorgestellt werden. Den Rest kann man in Wikipedia nachlesen, wo die Südtiroler regelmäßig eingepflegt werden.

Aus dem alphabetisch angeordneten Textkonvolut, deren Urheber sich von Giovanni Accardo (Jg. 1962), über Rut Bernardi (Jg. 1962), Kurt Lanthaler (geb. 1960), über Anna Rottensteiner (1962) bis hin zu Erika Wimmer Mazohl (Jg. 1957) erstrecken, fallen zwei Gruppierungen auf, die sogenannten Boomer-Dichter, die um 1960 geboren sind und allmählich in die Schreibrente wechseln, und die 1970er, die so nebenher die Rechtschreibreform und Digitalisierung aus der Schreibbahn geworfen hat. Die wenigen um die Jahrtausendwende Geborenen wirken eher wie Aufputz und pragmatische Hoffnungsträger. Diese Bemerkung über die Südtiroler Dichtung lässt sich freilich auf den gesamten Literaturbetrieb übertragen und weist auf den Umstand hin, dass am ganzen Kontinent Publikum und Literaturmacher zwischendurch ausdünnen und versiegen.

Die fünf hier kommentierten Beispiele stützen sich auf durchaus gängige Themen und lassen vermuten, dass die Südtiroler Literatur überall in der EU stattfinden könnte. Was sie ja auch tut, weil sie überall ähnlich gefördert oder eingebremst wird.

Giovanni Accardo zeigt in einem Sozialaufriss das Paar Vincenzo und Lissy, wie es sich prekär durch Bozen quält. Er stammt aus Sizilien und arbeitet als Sozialarbeiter, sie zeigt als deutschsprechende Einheimische eine gewisse Affinität zur rechten Szenei und macht sich auf den Weg nach Berlin, weil es in Bozen keine Zukunft gibt. Vielleicht folgt ihr Vincenzo nach, denn als er eine Wohnung sucht, soll er Zweidrittel seines Einkommens für eine Zwergwohnung hinblättern. Die Empörung des Wohnungssuchenden und die Saturiertheit des Wohnungsbesitzers halten sich in Bozen noch die Waage. Aber die Polizei würde vorbeikommen, um das Thema zu lösen, wenn sie zur Erregung gerufen würde.

Maria E. Brunner beleuchtet in ihrer Erzählung „die vielen Seiten der Geschichte“. In vier Erzählschattierungen kommen die Dinge von früher zurück ans Tageslicht der Gegenwart, vermischen sich mit den Begebenheiten im öffentlichen Raum und bilden einen neuen Plot, in dem die romantisierenden Floskeln von früher als abgestumpftes Werkzeug für die Gegenwart eingesetzt werden. Ein Grenzort, der vielleicht Brenner heißen könnte, hat seine Funktionen verändert, aus den Kasernen sind Migrationsunterkünfte geworden, aus den ehemals fetten Pfirsichen des Südens ein flachsiges Outlet aus dem Norden. Eine ausgewanderte Stimme erinnert sich: „Geboren im Gebirgstal. Wurzeln waren da nie. Nur die Kost, die schwer verdiente ungesunde Kost. Auswandern die einzige Lösung. Aber das Auswandern war kein Abenteuer. Ein Riss ging durch die enge Welt des Gebirgstales.“ (49)

Ohne die anderen leben“ heißt der Essay von Gabriele DiLuca (61). Darin geht es um innig zitierte große Wörter, die sich zwar in einer Zeile hintereinander setzen lassen, im Alltag aber die Gesellschaft in Stränge zerlegen, die fast nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie im gleichen geographischen Gebiet ausgelegt sind. „Gegeneinander, Miteinander, Nebeneinander, Ohneeinander“ heißt die soziologische Zauberformel.

Felix Maier besingt nach alter Weise „den gelben Enzian“, wohl wissend, dass er bald ausgestorben sein wird wie alles, was früher besungen worden ist. „Du sitzt oben / Über Baumgrenzen hinweg / Setzt du dich, in den Boden / Auf dem Kalk, hörst den Kolkraben / Zu und den Dohlen.“ (111)

Anna Rottensteiner schreibt im Stil der „Literaturhaus-Literatur“ eine feine Petitesse über die Südtiroler Literatur und versucht unter dem Titel „Amadou, Kofler, Kaser und ich“ das Zufällige in einen logischen Zusammenhang zu bringen. (147)

Das Projekt „Literatur sichten“ ist in literarisch kargen Zeiten wahrscheinlich wichtiger denn je. Ein paar scheinen im Land noch dahinzuschreiben in Erwartung besserer Zeiten, alles was sie texten, ist richtig und zeitgemäß. Aber spätere Generationen werden schmunzeln, dass alle so wenig Literatur gemacht haben in einem Land, das vor Groteske und Größenwahn geradezu wegschmilzt wie der „Schnalstaler Eiskörper“ (von Gletscher getraut sich schon niemand mehr zu reden), der es bald hinter sich haben wird.


Banzer, Quaderer, Paulmichl (Hg.): Literatur sichten. Südtirol | Alto Adige | „alto fragile“. Eine Anthologie. Literaturhaus Liechtenstein. Jahrbuch 15 | 2021.

Wien, Bozen: folio 2021. 190 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-85256-840-9.

Roman Banzer ist Leiter des Literaturhauses Liechtenstein. / Hansjörg Quaderer ist Programmverantwortlicher der Liechtensteiner Literaturtage. / Ludwig Paulmichl, geb. 1960 in Schlanders, leitet den Folio Verlag.

Helmuth Schönauer 16/01/22



GEGENWARTSLITERATUR 3061

Leben bei windigem Wetter

Nirgendwo weht der Wind so aufgekratzt wie an der Grenze zwischen Stadt und Land, zwischen Vorsteppe und Vorstadt. Menschen, die in diesem Aufmarschgebiet für windiges Wetter wohnen, erleben während eines Tages extreme Höhen und Tiefen ihres Lebens. Sollte jemand in dieser Gegend gar Schriftsteller sein, wird er täglich aufgerieben zwischen Sinn- und Schreibkrise.

Andrej Bitows zwei Erzählungen vom „Leben bei windigem Wetter“ sind um 1960 entstanden. In der russischen Literatur egal welcher Epoche müssen immer zwei Geschichten erzählt werden, einmal als Text, der oft als ewiges Manuskript durch die Hände der Untergrundleser geht, und ein andermal als Geschichte der Verhinderung, Verdrängung und des Wegduckens aus dem Literaturbetrieb.

So erzählt der erste Teil vom in abgerundeter durchkomponierter Form von einem Schriftsteller, der endlich aus der Stadt abhauen kann hinaus auf die Datscha. Aber kaum ist er dort, erfährt er eine Schreibkrise und versucht mit seinem kleinen Sohn zu spielen. „Er hatte auf einmal so viel Zeit, dass es Mühe kostete, sie überhaupt zu verbringen.“ (8)

Doch spätestens gegen Mittag überfällt ihn große Unruhe, er muss zurück in die Stadt, um irgendjemanden zu treffen. Zwischen den entleerten Häuserzeilen ist freilich niemand für ihn da, weil alle draußen in ihren Datschen sind. „Die Zeit war regungslos, die Tage aber vergingen“. (12)

So bleibt jeden Tag die Witterung als einzige Aufregung, meistens ist es der Wind, der eine sogenannte Aufbruchsstimmung vermittelt. Besonders Haut- und Haar-wirksam weht er an der Station der Vorortlinie, wo die Geleise in einer Schneise aus Brachland liegen, quer zu Stadt und Land.

Mit der Zeit nimmt das „Familienspiel“ überhand und lässt das Schreiben in den Hintergrund treten. Die Idylle gefährdet den Nimbus als Schriftsteller, der Held hat doch nicht Jahre lang für die Kunst gekämpft, damit er schließlich Zeit tot schlägt. Wenn man aber im Sinne der Postmoderne die Literatur als Spiel auslegt, lässt sich vielleicht beides vereinbaren, die unpolitische Idylle auf der Datscha mit der revolutionären Metaebene der Erkenntnis.

Ab und zu kommt Vater zu Besuch und sieht nach dem rechten, er versorgt ihn auch mit frischen Lebensweisheiten aus der Stadt. So sieht man bei genauerem Hinsehen, dass die meisten Tiere schräg laufen (28), eine Eigenschaft, die bei schrägen Menschen zur Formulierung führt, dass sie ein „hohes Tier“ seien.

Da in russischen Erzählungen immer wieder Pistolen vorkommen, sei es bei Duellen oder Suiziden, nimmt sich der Aussteiger beim nächste Stadtbesuch eine Pistole mit aufs Land und ballert ein wenig auf einer Brache herum. Aber dieses Animiergerät bringt die Kunst nicht voran, Bewegung entsteht am ehesten, wenn man sich vom Wind treiben lässt, am besten die Gleise entlang. (59) Vielleicht ist es Glück, was in diesem Sommer auf der Datscha geschieht, aber darf man sich dieses intime Geheimnis eingestehen?

Andrej Bitow gilt als Pionier der sowjetischen Postmoderne, was ihn naturgemäß ständig in Schwierigkeiten bringt. Ein Wesenszug der Postmoderne ist die Metafiktion, womit das Geschriebene ironisiert, relativiert oder sonst wie in Frage gestellt wird. Das führt automatisch zu Verwerfungen mit der Partei, wo die Metaebene bekanntlich die Realität sein muss.

Um diesem Dilemma zu entkommen, werden manchmal zwei Geschichten miteinander verknüpft, damit sie sich in einem doppelten Realismus gegenseitig in Schach halten.

Der runden Datschaerzählung ist deshalb die zeitnah entstandene Aufzeichnungs-Suite „um die Ecke“ beigefügt. Mit der Erklärung „Aufzeichnungen eines Einzelkämpfers“ versehen, geben Eintragungen zu einem fiktiven Tagebuch einen Eindruck über das Ringen der Gedanken im Kopf des Schriftstellers.

Im harten Vorspann „die Ecke“ wird einem Landvermesser ähnlich ein Pflock eingeschlagen, um den dann die weiteren Überlegungen „um die Ecke“ herumzuturnen haben.

Im Pflockereignis träumt der Erzähler, dass er an der Wand steht und ein Kongress sich über ihn lustig macht und denunziert. Manche Wortmeldungen stammen gar aus Kafkas Prozess, womit die Referenten ihre Kompetenz beweisen wollen.

Im besten Fall ist diese Wand in einem Traum aufgestellt, sodass die Hinrichtung scheinbar folgenlos bleibt. Immerhin gehen die absurden Flashes monatelang weiter. „Wir sind Ameisen die nach Wörtern suchen, aber wozu“ (70), selbst wenn wir alle Wörter gefunden hätten, fehlen uns immer noch die entscheidenden.

Während im Kopf ständig neue Jahreszeiten des Bewusstseins aufziehen (81), schreiben wir für nichts und wider nichts. (93) Einmal scheint eine Geschichte ziemlich gelungen zu sein, ein Greis verbringt darin sein Leben in Einsamkeit (95) und wartet, dass ihn Mädchen besuchen, aber es ist wohl wieder eine dieser Geschichten, die entstehen, wenn der Schriftsteller die Augen zu weit aufreisst. „Wenn Schriftsteller die Augen aufmachen, sehen sie Prostitution.“ (122)

Sobald der Erzähler von seinen Überlegungen aufblickt, stößt er überall auf Vorbereitungen der Behörden, ihn zu beerdigen. Die Resignation lässt sich nicht aufhalten. „Meine Abhandlung entzieht sich meiner Aufsicht und Reichweite.“ (100)

Auch diese Geschichte über die Schreibkrise endet mit einem Glücksanfall. „Das Hemd riecht plötzlich nach Gewitter.“ (130) Vielleicht wäre es wieder an der Zeit, die Datscha in Toksovo als Glück zu empfinden.

Im Nachwort der Übersetzerin Rosemarie Tietze ist die Versöhnung mit der eigenen Schreibgeschichte angesprochen, als der Autor kurz vor seinem Tod 2018 noch einmal auf das Gut Toksovo nördlich von St. Petersburg kommt und im Rollstuhl jene Strecken abfährt, die er seinerzeit mit dem Sohn im Kinderwagen 1963 angefahren ist. Dabei ist auch der wichtigste Satz der Postmodernisten erwähnt: Wenn du eine Schreibkrise hast, schreib einfach über die Schreibkrise, der Rest ergibt sich von allein.


Andrej Bitow: Leben bei windigem Wetter. A. d. Russ und mit einem Nachwort von Rosemarie Tietze. [Orig.: Aptekarskij ostrov, Moskau 2013].

Berlin: Suhrkamp 2021. (= BS 1526). 153 Seiten. EUR 20,60. ISBN 978-3-518-22526-4.

Andrej Bitow, geb. 1937 in Leningrad, starb 2018 in Moskau..

Helmuth Schönauer 02/01/22



GEGENWARTSLITERATUR 3065

Primož Trubar

Damit sich ein Staat gegenüber anderen Staaten legitimieren kann, braucht er neben Fahnen, Verfassung, Verteidigung und Währung auch den Nachweis, dass er lesen und schreiben kann. Ursprünglich mussten nur Kirchenleute und Kriegsherrn nachweisen, dass sie zumindest Urkunden lesen können, in demokratisch organisierten Gebilden ist es unumgänglich, dass es auch eine Literatur gibt, die aus dem Volk für das Volk gemacht wird.

Wie dringend dieser Nachweis für einen neuen Staat ist, merkt man beispielsweise bei den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Zwar brodelte es als Nationalismus schon länger im Vielvölkerstaat, aber für die Unabhängigkeit war immer der Nachweis einer eigenen literarischen Identität vonnöten.

So ist es kein Wunder, dass sich Slowenien spätestens für den 400sten Todestag seines Sprach- und Literaturstifters dazu entschließt, bis 1986 den Bildungspionier Primož Trubar für die Gegenwart zu erschließen und zu einem sprachlichen Fahnenträger für die neue Republik auszurufen. So erscheint 1977 ein biographischer Roman, in dem in kleinen Episoden das Leben und Wirken eines Menschen geschildert wird, der um 1550 neben seiner Tätigkeit als evangelischer Kirchenmann vor allem als Erwachsenenbildner in Erscheinung getreten ist.

Selbst nach vier Jahrhunderten wird jeder in der Erwachsenenbildung tätige Leser zugeben, dass es eine aussichtslose Sache ist, wenn man ohne Sprache und Stoff ein bildungsfernes Volk unterhalten und zu guter Zukunft anleiten soll. Die Aussichtslosigkeit zeigt eine Nebenbemerkung im Nachwort. Die kroatischen Kirchenleute hatten in Dubrovnik immerhin Venedig zu Gast und somit Anschluss an den Weltgeist, in Laibach hingegen gab es nicht einmal eine Sprache für die wichtigsten Themen des Alltags.

Ganz im Sinne Luthers plant Trubar ursprünglich, die Bibel ins Slowenische zu übersetzen, aber vor allem für geistige Begriffe fehlen einfach die Wörter. So ediert er schließlich 1550 in Tübingen das erste slowenische Buch, „Catechismus in der Windischen Sprach“. Darin sind Regeln des religiösen Lebens, Überlebenstricks, Listen für das gelungene Leben, Empfehlungen für den sozialen Umgang untereinander und Fallgeschichten aus der Bibel enthalten. Ein besonderes Augenmerk gilt der Unterhaltung mit heilsamen Plots. Diese Didaktik führt zu einem besonderen Erzählstil, welcher der slowenischen Seele sehr nahe kommt. Die mehrdeutigen Begriffe werden in emotionaler Mehrschichtigkeit aufgefächert, wo es keine passenden Wörter gibt, empfiehlt er welche zu erfinden und keinesfalls auf kroatische Hilfsbegriffe auszuweichen. Schlichtheit und Emotionalität sind die Grundlage für das erste slowenische Buch, das natürlich in seiner Anwendung einem ersten Lexikon gleichkommt. Denn was nicht im Trubar-Katechismus steht, ist offensichtlich an der Bruchstelle zwischen Endrenaissance und aufkeimendem Barock noch nicht als Wortschatz vorhanden.

Was manchmal als Barockizismus erscheint, ist in Wirklichkeit die pure Hilflosigkeit, einen komplizierten Sachverhalt in einem Satz unterzubringen.

Im Stile des ersten Buches verfasst 1977 der Kulturphilosoph Jože Javoršek einen biographischen Roman, ein Glücksfall für die slowenische Kulgtur, denn er versucht dem emotionalen Bildungsgedanken des Helden gerecht zu werden, indem er dessen Leben in 31 Episoden nacherzählt. Das letzte Kapitel heißt berührend: „Trubar nimmt Abschied von den Slowenen.“

Zur staatstragenden Erfolgsgeschichte dieses Romans gehört es auch, dass er 2011 ins Deutsche übersetzt wird, gleichzeitig nimmt ihn der Wieserverlag in den Fundus seiner Slowenischen Bibliothek auf.

Allein im Nachwort steht mehr slowenische Geschichte drin, als ein österreichischer Leser wahrscheinlich je gesehen und gedacht hat. Auch wenn einem die einzelnen Namen nicht unbedingt sofort etwas sagen, erzählen sie alle von der tollen Idee, mit den Menschen in Slowenien einen eigenen Staat zu machen. Manchmal schafft es ein einzelnes Buch, dass ein ganzes Land zum Freund des Nachbarlandes wird.


Jože Javoršek: Primož Trubar. Biographischer Roman. A. d. Slowen. von Richard Götz und Meta Wakounig. [Orig. Primož Trubar , Ljubljana 1977.]

Klagenfurt: Wieser 2020. 262 Seiten. EUR 21,-. ISBN 978-3-99029-398-0.

Jože Javoršek, geb. 1920 in Velike Lasce, starb 1990 in Ljubljana.

Trubar (1508 1586) gilt als Begründer des slowenischen Schrifttums.

Helmuth Schönauer 12/01/22



GEGENWARTSLITERATUR 3062

Die Quadratur des Denkens / Die Quadratur der Szenen

In der Schokoladenbranche gibt es einen Anbieter, der sein Produkt quadratisch anbietet. Unter Zuhilfenahme diverser Werbemaßnahmen ist es ihm angeblich gelungen, die Schokolade dermaßen zu formatieren, dass jedes einzelne Stück auf der Zunge quadratisch schmeckt.

Eva Kittelmann hat vor Jahren damit begonnen, ihr Werk quadratisch darzustellen und damit „abzurunden“. Ausgangspunkt für ihre Überlegung ist der schöne Satz von der Quadratur des Kreises, was als höchste Kunst diverser Denkrichtungen angesehen wird. Die Quadratur bei Eva Kittelmann schöpft aus einem lebenslang gespeisten Fundus diverser Texte, die für die Quadratur-Edition, geordnet nach Denk-Zugängen, neu zusammengestellt sind. Dabei entsteht das inzwischen viel zitierte Quadratformat, das sowohl im Regal als auch in der lesenden Hand unverwechselbare Harmonie verströmt, das Buch wird nach allen vier Seiten gleich offen oder rätselhaft, wie es eben die Quadratur des Buches ermöglicht.

In den letzten zehn Jahren sind nach dieser Methode sieben Bücher entstanden, sie widmen sich den Schwerpunkten: Quadratur der Verse (2012), der Texte (2014), der Legenden (2017), der Sinne (2019), des Denkens (2020) sowie der Quadratur der Szenen (2021). Die Bücher sind mit dem Zusatz „lyrische Sequenzen“ versehen, was auf den besonderen Hintersinn der Textquadrate hinweist, sie sind aus einer poetischen Gefühlslage verfasst oder sollen einen ins Auge gefassten Augenblick zu einem poetischen Wimpernschlag verhelfen.

Die Quadratur des Denkens“ trägt den Untertitel Vermutungen, was auf ein Denken hinausläuft, das außerhalb der strengen Logik abläuft. Zur Methode erklärt die Autorin, dass sie auf einem Haufen „überflüssiger“ Manuskripte sitze, die sie von Zeit zu Zeit durcharbeite, und wenn sie zu einem Thema passen, in eine quadratische Struktur bringe. Das Quadrat wächst sich dabei zu einem harmonischen Block aus, der ein visuelles Gedicht genauso ergeben kann wie eine Notiz im Grundriss eines Vierkanthofs. Sinnigerweise sind die Seitenzahlen in Klammern gesetzt, sie betonen das Vorläufige, denn die Manuskripte könnten in einer neuerlichen Sichtung zu einer ganz anderen Ordnung führen. Manchmal werden Blöcke mit dem Ausruf einer Ode begonnen, O du, was aber ehe auf eine Überraschung der Autorin hinweist, etwas wiedergefunden zu haben, als auf einen spontanen Ausbruch des Themas.

Die Themen sind auch beim Lesen austauschbar und untereinander kompatibel. So führt eine Verkettung dreier Begriffe unweigerlich zu einer poetischen Aussage. Pascal (12) | Chaos (20) | Mondsache (25).

Ein Leitmotiv stellt die Grenze zwischen Text und graphischer Struktur dar. Einmal wird beschrieben, was sich „Vor der Zeichnung“ (42) abspielt. Zeitlich gedeutet geht es darum, was alles „im Denken“ passiert, ehe es zur Realisierung der Zeichnung kommt, örtlich gedeutet geht es „im Szenischen“ darum, was jemand sieht, der vor der Zeichnung steht. Eine ähnliche Doppeldeutung bietet sich später in der Notiz „gezeichnet“ (124) an, wo es sowohl um die Niedergeschlagenheit einer Person als auch die Vollendung eines Zeichenaktes geht. „Autographien“ (103) münden in eine Glyptothek der Seelen und bringen Archivare und Antiquare gleichermaßen in Verzückung.

Eine „Denkkette“ widmet sich der seltsamen Entschlüsselung oft unbedacht verwendeter Wörter. Unter Hungerleider (55) heißt es: „Immer wird etwas gefressen, der Rost nagt am Eisen, der Frost am Felsen. Es fressen die Kühe die Almen, die Wale den Krill, der Jäger das Wild, der Drache die Hl. Jungfrau, die Geißlein der Wolf & Schwarze Löcher verschlucken ganze Galaxien.“

Der jüngste Band der Quadraturen kümmert sich um Szenen, die von lyrische Sequenzen gespeist werden. Auch hier wird in einem kleinen Vorwort erläutert, wie die Manuskripte allmählich in Buchblöcke übergeführt werden. Im Tafelbild Bühne Leben Erinnerung erfährt eine Szene ihre Erstaufführung am Theater, wird von den Zuschauern hinausgetragen ins Leben und erreicht die Abrundung und Vollkommenheit durch die Erinnerung. Nach diesem Muster sind Aufführungen, Reisen oder auch Körperübungen an sich selbst beschrieben.

Ein Forsthaus etwa entsteigt der Bühne des Märchens, bietet Quartier für eine glückliche Zeit und mutiert zur Erinnerung, ähnlich einem lang belichteten Foto.

Umgekehrt entwickeln sich aus einst abgelegten Fotos jene Reisen, die quasi noch heute jeden Tag im Kopf stattfinden, eine Moselfahrt, Friaul und Aosta, und ein Südtirolausflug, der sogar zu einem Doppelquadrat ausgearbeitet ist.

Dem gegenüber steht die intime Welt, wie sie sich in jedem Buch zeigt, das in guten Stunden das Innerste der Leserin erreicht. Diese Innenschau (40) lässt sich manchmal wie ein Kinderspiel an sich selbst verwirklichen. Man deckt die Augen zu, schiebt die Finger über das Gesichtsfeld, drückt die Lider zu und zitiert einen innigen Satz: „Ich gehe tiefer in den Garten / bis an die dunkle Bromberhecke.“

Wo Lyrik im Spiel ist, darf auch der berüchtigte Vogel nicht fehlen. Die Autorin löst das klug mit einer Überlegung im Konjunktiv. Was hat es mit diesem „flöge“ auf sich? Hier hat sich der Vogel in einem Konjunktiv versteckt und lässt offen, ob er auffliegt oder nicht.

Die Sequenzen enden mit einem Fadeout. „Zuletzt (128) wird alles anders sein, nicht nur die Hoffnung eines Lichts am Ende irgendeines Tunnels, doch eine weiße unmessbare Leere, was sage ich aus allen Farben, die zusammenfließen in eine Stille, die uns himmlisch ist: Das Schweigen & d. h. auch Nichts.“

Eva Kittelmanns Quadratur-Symphonie bringt die Unendlichkeit des Denkens ähnlich in Fasson, wie die Pflastersteine den weiten Platz befestigen, sodass man ihn sichern Fußes durchqueren kann.


Eva Kittelmann: Die Quadratur des Denkens. Vermutungen. Lyrische Sequenzen. Mit Illustrationen von Helga Lauth.

Wien: Verlagshaus Hernals 2021. 149 Seiten. EUR 16,50. ISBN 978-3-902975-82-9.


Eva Kittelmann: Die Quadratur der Szenen. Lyrische Sequenzen.

Wien: Verlagshaus Hernals 2021. 135 Seiten. EUR 16,50. ISBN 978-3-903442-08-5.

Eva Kittelmann, geb. 1932 in Wien, lebt in Wien.

Helga Lauth, geb. 1936 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 08/01/22



GEGENWARTSLITERATUR 3066

Den Sturm ernten

Am Cover jagen acht Kampfjets einen Vogel, der aus dem Bild zu flüchten trachtet. Die blauen Flugkörper huschen über einen gelben Grund, und beides erinnert an die ukrainische Fahne, die stets an der Kriegsgrenze auf und ab getragen wird.

Phil Klay nennt seinen Kriegsweltroman „Den Sturm ernten“. Diesen hat offensichtlich schon jemand erfolgreich gesät. Der Schauplatz ist jene Welt, die eine Weltmacht für ihre Kriege braucht, denn über allen Strategien steht ein Zitat des französischen Staatsmanns Léon Gambetta: „Um eine große Nation zu bleiben oder um eine zu werden, muss man kolonisieren.“ (473)

Eine recht einleuchtende These hilft beim Unterfangen, die einzelnen Kriegsschauplätze miteinander zu verbinden. „Um den einen offiziellen Krieg zu führen, muss man einen zweiten am Rand der globalen Wahrnehmung inszenieren.“ So führen die USA in Afghanistan einen offiziellen Krieg, der nach Einschätzung eines Protagonisten im Roman nie ein Ende haben wird. Gleichzeitig wird die Weltmacht mit Kommandotrupps in Kolumbien tätig, dabei ist es egal, ob es gerade Verhandlungen, Frieden oder Guerillakrieg gibt.

Zwischen diesen beiden Kriegsschauplätzen pendeln sowohl Journalisten als auch Kämpfer hin und her. Ihr Handwerk müssen sie je nach Lage embatted oder geheim abwickeln.

Eine Journalistin überlegt nach ihrem Einsatz angestrengt, welche Herausforderung sie künftig wagen soll, denn in Afghanistan hat sie schon alles gesehen. Drei Bombenanschläge hintereinander beispielsweise, und überall ist es ihr als erster gelungen, Interviews und Bilder zu machen. Ihre Wahl fällt auf Kolumbien, wo sie große Zusammenhänge zwischen den politischen Geheimabmachungen enthüllen wird, wohl wissend, dass ihr das niemand abnehmen oder gar drucken wird.

Ähnliches widerfährt einem US-Sanitäter, der zuerst im Irak und später in Afghanistan alles über Verstümmelungen und Amputationen lernt, ehe er sich in Kolumbien um Folteropfer und andere Kollateralschäden jenes Krieges kümmern wird, den alle einen „Übungskrieg“ nennen.

In vier Kapiteln rollen die beiden „Erzähler“ die Kriegseinsätze auf. Unterstützt wird ihre Erzählung von einer Mega-Montage aus unzähligen Schicksalen, Rekrutierungen und Exekutionen.

Als tragische Helden fungiert dabei die „Randbevölkerung“. Auch wenn jemand am Rand wohnt, heißt das nicht, dass er unserem Krieg entkommt, heißt es einmal sinnigerweise.

Die berührend grausamste Stelle spielt sich daher an der Grenze zwischen Privatschicksal und Kampfhandlung ab. Ein bei der Ordnungspolizei angeheuerter frisch verliebter Junge muss in seinem eigenen Dorf beim „Aufräumen“ helfen. Er hat sich gerade in die Tochter des Bürgermeisters verliebt, dieser soll nun hingerichtet werden. Zuvor aber muss die Tochter noch ein Stück zur Unterhaltung spielen. Man trägt das Klavier ins Feie und sie spielt wie im Western beim Lied des Todes. Als das Stück zu Ende ist, werden Klavier und Bürgermeister mit einem Schnitt der Kettensäge zertrennt. Der Rekrut muss das alles mitansehen und zerbricht auf offener Szene.

Private Schattierungen sind schädlich für das Kämpfen. So gilt in der US-Armee die Regel, dass du keine kleinen Kinder von dir zu Hause hinterlassen sollst, wenn du in den Kampf gehst. Du musst wenigstens warten, bis sie etwas größer sind, denn du wirst als ein anderer zurückkommen.

Beide, Journalistin aus USA und Kämpfer aus Kolumbien, machen übrigens die Erfahrung, dass erfahrene Kriegsveteranen weinerlich und hilflos werden, wenn ihnen irgendwo ein höchst eigenständiger Tumor wächst. Mit dem Krieg wissen sie umzugehen, mit diesem Geschwür aber nicht.

Der Autor Phil Klay hat selbst jahrelang als Marine „gearbeitet“ und war in der irakischen Provinz Al-Anbar stationiert. In seinem Roman leiden alle Figuren unabhängig von Herkunft und Nation daran, dass es das System ist, das sie letztlich frisst. Ein von der Guerilla eingefangener Junge in Kolumbien hat den gleichen patriotischen Überlebenswillen wie ein Highscool-Abgänger aus den USA, dem im Sozialgefüge zu Hause keinerlei Zukunft gewährt wird.

Die Kunst des Erzählens besteht im Roman „Sturm ernten“ darin, dass die Fakten zwar offen ausgelegt sind, die wahren Zusammenhänge aber als literarische Freiheit zusammenmontiert sind. So können die Probleme mit der Geheimhaltung und Staatstreue für den ehemaligen Marine umschifft werden.

Vom Stil her lässt sich dieses weltumspannende Erzählwerk am ehesten mit einem mexikanischen Narco-Roman vergleichen, die Gefühlslage beim Lesen mündet letztlich in Begriffe wie „unendlich grausam, sinnlos und verzweifelt“.

Phil Klay weckt mit seiner Schreib-Ernte jedenfalls jene Leser auf, die wieder einmal zu schnell durch die Nachrichten scrollen.


Phil Klay: Den Sturm ernten. Roman. A. d. Amerikan. von Hannes Meyer. [Orig.: Missionaries, New York 2020.]

Berlin: Suhrkamp 2021. 495 Seiten. EUR 25,70. ISBN 978-3-518-43003-3.

Phil Klay, geb. 1983 in White Plains/NY, lebt in Brooklyn. / Hannes Meyer lebt in der Eifel.

Helmuth Schönauer 14/01/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2302

Einladung zur Anstrengung

In der analogen Welt hat man früher in der Grundschule mit dem Setzkasten gearbeitet. Dabei wurden dem Kind allerhand Buchstaben angeboten, aus denen es jene Wörter nachbauen konnte, die auf der Tafel standen.

Lukas Meschik verwendet eine ähnliche Methode, wenn er sich in einem Essay darüber Gedanken macht, „wie wir miteinander sprechen“. Dabei steht in diesem Fall die Sprache an der Tafel, die wir in einem anstrengenden Verfahren abzuschreiben und anzuwenden versuchen. Der Titelgebende Abschnitt „Einladung zur Anstrengung“ weist darauf hin, dass wir wohl täglich in Routine und Flachsinn verfallen, und dass es sich allemal lohnt, Anwender der Gespräche und ihre Resonanz auf die Gedanken zu beobachten.

In kleinen Essay-Zellen geht der Autor ein paar Dutzend Situationen durch, in denen es zu Gedanken, Emotionen, öffentlichen oder verinnerlichtem Ideenaustausch kommt.

Die typische Situation einer Lockdown-Gegenwart ist das wütende Reden mit der Vergangenheit, indem man die ausgetrunkenen Flaschen an den Container trägt und zornig hineinwirft. Die ehemals so verheißungsvollen Versprechungen sind geleert und zerplatzen jetzt zu Scherben, mit ihnen lösen sich auch die Gesprächsfetzen in Glassplitter auf, die im besten Fall noch die Hand verletzen, die sie einsammeln will.

Im digitalen Bereich zerplatzen die Gespräche im Chat, wenn eine Diskussion am PC innerhalb von Minuten mit spitzen, ätzenden Bemerkungen endet, eine digitale Diskussion gleicht immer einem verletzenden Scherbenhaufen.

Ein Paradefall dieses kränkenden Diskurses geht eine Zeit lang unter dem Titel „Bierwirt“ durch die Medien, in diesem Musterfall ist die Semantik geprägt von Verhöhnung, Fake und herabwürdigender Sprache. Die Geschichte erfährt ihre „Lehrhaftigkeit“, weil die betroffene Politikerin Anklage erhebt und erst nach Umwegen zu ihrem Recht kommt. Oft ist das Reden ein komplizierter Rechtsfall geworden, auch hier ist Anstrengung vonnöten, mit klaren Gesetzen etwa.

Die Affektsprache liegt nah an einem binären System aus gut oder schlecht getakteten Reizwörtern. In der Vollendung dieses Affekts landen wir bei der Börse, wo Maschinen den Handel in Millisekunden erledigen, gefühllos aber effizient. Jedes Posting reagiert ähnlich dem Börsenhandel auf ein vorbeiziehendes Angebot und wächst sich zu einer Hochgeschwindigkeitsmeinung aus.

Die Einladung zur Anstrengung setzt auch den Autor physisch in Bewegung, dabei kommt es zu drei wesentlichen Clearing-Wegen. Am Beginn steht die Entsorgung am Container, eine Art Reinigung vom Konsum, der frei macht für Denken und Reden.

Die zweite Runde führt in die Stammbücherei, worin Meinungen und Thesen wie Magazine aufgestellt sind, sie werden zuerst atmosphärisch und haptisch aufgesogen, ehe es ans Lesen im eigentlichen Sinn geht. Die Stimmung wird als „heiliger Furor“ (18) beschrieben, es entfaltet sich die Raserei des guten Geistes.

Unter der Schirmherrschaft der Bücherei lassen sich die verschiedensten Begriffe diskutieren, indem oft zum ersten mal etwas so ausgesprochen wird, wie es empfunden wird. Selbst die mehrfach gespaltene Gesellschaft (33) lässt sich unter dem Dach der Regalstränge zu einem Diskurs zusammenführen, und sei es, dass jeder seinen Regalstrang entlanggeht und saugt und liest. Manchmal wird ein atmosphärischer Zustand zu einem Buch, das sich zitieren lässt, wie etwa Peter Handkes „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ oder Sten Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit“.

Ein Kapitel der Überlegungen nennt sich einfach „meta“ (40), dabei ist nicht der gigantische Weltkonzern für Information gemeint, sondern das griechische Dahinter, wo man ein wenig hinter die Dinge schaut. (Wobei hinter einem Bildschirm letztlich nichts ist.)

Aus diesem Meta-Blick, gepaart mit der zitierten Langsamkeit, entwickelt sich eine Gelassenheit, „sehen, was wird“.

Die dritte Runde schließlich ist die berühmte „Hausrunde“, der gute Geist geht einmal am Tag um sein Haus. „Die Runde ums Haus wird eine Runde im Kopf. Ich muss mich anstrengen. Du musst dich anstrengen, er sie es muss sich anstrengen.“ (56) Die Einladung zur Anstrengung lässt sich als Sprachspiel mit sich allein für alle Konstellationen durchkonjugieren.

Solcherart mit der Sprachanwendung beschäftigt, breitet sich eine neue Offenheit im Kopf aus. Der Denker blickt an sich hinunter und sieht, wie er gerade den Einkauf nach Hause trägt. Das muss sein, will man anderntags am Container wieder Flaschen einwerfen zur Beruhigung.

Diese letzte Runde ums Haus führt heute zur Erkenntnis: „Alles braucht seinen Ort!“ (61)

Lukas Meschik überzeugt doppelt: Einmal ist die Bewegung des Erzählkörpers so einladend gestaltet, dass man sich als Leser gerne anschließt für den Gang der Klärung, Information und Zuversicht. Zum andern sind die kleinen Erzählbausteine untereinander kompatibel wie die Buchstaben des Setzkastens, es lassen sich gute Wörter und Ideen daraus zusammenstellen. Eine leise, animierende Essayroute, die da ausgelegt ist.


Lukas Meschik: Einladung zur Anstrengung. Wie wir miteinander sprechen.

Innsbruck: Limbus 2021. 61 Seiten. EUR 8,-. ISBN 978-3-99039-215-7.

Lukas Meschik, geb. 1988 in Wien, lebt in Wien

Helmuth Schönauer 07/01/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2304

sturzflüge

Täglich wallt diese beklemmende Situation auf: Die Großeltern wollen wie im Märchen von ihren Jugendstreichen erzählen, ehe sie sterben, die Enkelkinder aber spielen mit einer App, weil sie nichts von einer Welt hören wollen, in der es noch kein Handy gab.

In der Kultur kommt es seltener zu diesem Sketch, weil die meisten mit dem Verwalten der Gesundheit und des Glücks beschäftigt sind und nicht mehr wissen, dass dies unmittelbar mit der Kultur korrespondiert. Dabei hängt in jeder Gegenwart eine Generation angezählt in den Seilen und muss feststellen, dass sich so gut wie alles, was sie früher kulturell geschaffen hat, folgenlos geblieben ist. Vielleicht ist es ein Glück, weil wenigstens die Erde dabei nicht zerstört worden ist.

Renate Mumelter kümmert sich in ihrer Nachschau um die Kulturzeitschrift „sturzflüge“, ehe diese der Geschichtsschreibung und den Archiven überantwortet wird. Freilich ist die Zeitschrift inzwischen auch digitalisiert worden, was ihr für die nächsten Jahrzehnte eine kleine Unsterblichkeit beschert.

sturzflüge“ ist eine Kulturzeitschrift, die innerhalb von 22 Jahren (19822004) in 53 Nummern in Bozen erschienen ist. Sie steht ursprünglich mitten in einem Umfeld voller Publikationen, durch die billigen Vervielfältigungsmöglichkeiten gibt es in den 1980ern fast täglich eine Neugründung einer Zeitschrift. Dieser Boom entfaltet sich bis an die Sprachgrenzen und darüber hinaus, sodass auch Südtirol in den Genuss einer Zeitschrift kommt, die mit den Begriffen „arm, unabhängig, innovativ, frech“ punktet.

In der Rückschau, die wohl als Begleitheft für die endgültige Archivierung zu lesen ist, sind die Nummern jenen drei Epochen zugeordnet, die man mit Aufbruchstimmung, Durchhalten und Ausweg suchen beschreiben könnte.

Die „sturzflüge“ wirken am ehesten im Land selbst, erzeugen Aufregung, wenn ein Thema wie die Option als Tabubruch angeschnitten wird, und vereinen vor allem die disparat ausgestreuten Autorinnen, die meist in Berlin, Wien oder Innsbruck untergekommen sind und für die Südtirol zunehmend zu einer bloßen Kindheitserinnerung wird.

Zu dieser internationalen Clique gehören Anita Pichler, Sabine Gruber, Gabriel Grüner, Kurt Lanthaler, im Land geblieben oder zugezogen sind Joseph Oberhollenzer, Nina Schröder Günter Vanzo, Sepp Mall und Renate Mumelter. Zusammengehalten wird die hinterher so kompakt wirkende Gruppe von Georg Engl (19512011), der schon allein mit seiner Arbeit an der Druckmaschine für eine haptische Verleimung seines Lebensprojektes sturzflüge sorgt.

Aus der Liste der behandelten Thema lässt sich gut ableiten, was damals für wichtig gehalten worden ist, und was jetzt durch den Filter der Zeit bereits als literarische Petitesse wirkt.

Trenker, Heroin (Heft 1), Innspuck (H4), Krankenhäuser (H9), Klettern (H12), Geschichte der Juden in Tirol (H15), Franz Tumler (H19), Film in der Provinz Bozen (H23), (Comix H25), Literatur im Keller (H34), Fremde Sprachen (H39), Espresso mortale (H48), Wanderungen in der Digitalen (H51), Von hier nach dort: Transformationen (H53).

Das also haben die Vorfahren gemacht, darüber haben sie nachgedacht, weil sie noch kein Handy und Wikipedia hatten, wo alles drin gestanden wäre.

Die sturzflüge sind mit dieser Nachschau jetzt abgerundet und friedfertig, sodass man mit leichter Melancholie die Nummern durchstreifen kann. Je nach Stimmung der Nachfahren werden die seltsamsten Erinnerungsstücke immer wieder ins Glänzen kommen, etwa jenes luftige Gedicht von Georg Engl: „Schulgedicht // Es knattert der Baum / der Enzian rauscht / Schwirrt das Edelweiß / Flutscht der Adler / durch die Luft / und // und / schleimen Beton eimerweise // Das ist / bodenständige Choscht!“ (72)

Renate Mumelter, die Herausgeberin dieses Kultur-Memorial zu einer abgewickleten Zeitschrift, hat diese Arbeit dem Georg Engl gewidmet.


Renate Mumelter (Hg.): sturzflüge. Voli in picchiata. 19822004. Eine Kulturzeitschrift: arm/unabhängig/innovativ/frech/italiano/ladino/etc.

Meran: edizioni alphabeta Verlag 2021. 268 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-7223-383-2.

Renate Mumelter, geb. 1954 in Bozen, lebt in Bozen.

Helmuth Schönauer 21/01/22



GEGENWARTSLITERATUR 3063

Alles kann ein Bild von allem sein

Eine Dissertation ist eine Textsorte, über die schon einmal Rechtschreib-, Gender- und Plagiatsprogramme drübergelaufen sind. In einer barrierefreien Uni kann mittlerweile jeder eine Dissertation abliefern, wenn es nicht klappt, liegt es am akademischen Personal, aber nicht an der einreichenden Person.

Diese in der Öffentlichkeit weitverbreitete Einschätzung soll vor allem eines ausdrücken: wissenschaftliche Texte sind Blasentexte. Verlassen sie ihr Biotop, gelten sie bald einmal als unlesbar.

Dabei gibt es mindestens drei Gründe, warum ein „durchschnittlicher“ Leser ab und zu eine Dissertation lesen sollte. Sie zeigt zeigt etwa dem an der Uni vorbei radelnden Rentner, was drinnen in diesem Gebäude erforscht wird. Sie zeigt dem Krimileser, wofür die Sprache auch geeignet ist, wenn sie einmal keinen Mord darstellt. Und sie zeigt fallweise anhand eines größeren Themas, wie der Endverbraucher des Lesens für sich selbst Nutzen gewinnen kann.

Der Nutzen für einen Rezensenten liegt darin, dass er Parallelen zwischen der Aufbereitung eines Themas und der Aufbereitung eines Buches herstellen kann.

Die Philosophie-Dissertation von Eske Schlüters wird hier ausdrücklich nicht wissenschaftlich gewürdigt, sondern außerhalb der Uni-Blase auf dem weiten Feld der Gerüchte, Leseerfahrungen und bemerkenswerten Anekdoten.

Das Zitat „Alles kann ein Bild von allem sein“ geht auf Ludwig Wittgensteins Philosophische Untersuchungen zurück und besticht, wie fast alles von diesem Philosophen, durch die Klarheit der Mehrdeutigkeit. Mit dem Satz an und für sich lässt sich noch nicht viel anfangen, aber jede Äußerung darüber wird plötzlich zu einer eigenen Philosophie.

Somit gleicht die Präsentation dieses Allerweltssatzes dem Auftritt eines Buches, das im Titel einen Allerweltssachverhalt ausdrückt, aber durch die einsetzende Lektüre diesen plötzlich zu einem einmaligen Ereignis macht. Der Rezensent kommentiert im Idealfall das Aufblühen eines Buchumschlags zu purem Sinn.

In der Arbeit von Eske Schlüters dient das Wittgenstein-Diktum dazu, den Gebrauch eigener Texte durch eigene Anwendung zu zeigen. In der Hauptsache geht es um die Transformation, die entsteht, wenn etwas zitiert wird. Die Auswahl der Zitate, ihr kreatives Aufbereiten, damit das herauskommt, was man sagen will, werden in einem Wechselspiel aus Text und Zitat dargestellt.

Die Arbeit hebelt sich mehrmals geschickt selbst aus, um zu zeigen, wie das Montieren von Zitaten zu eigenen Texten führt. Dahinter steckt die Grundfrage: Wer spricht, wenn ich einen Text in Anführungszeichen setze und zum Zitat ummünze?

Beim Lesen einer Dissertation sollte man möglichst nach dem Titel in das Überfliegen der zitierten Quellen hinüberschwenken, in dieser Liste steckt ja der eigentliche Sinn einer wissenschaftlichen Blasenarbeit.

Hauptquellen sind wie immer in philosophischen Gegenwartsfragen kanonisierte Größen wie Ludwig Wittgenstein, Roland Barthes Walter Benjamin, Jaques Derrida und Michel Foucault. Was den emanzipatorischen Ansatz betrifft, braucht es meist Zitate von Gertrude Stein oder Clarice Lispector. Die maßgeschneiderte Quelle für die Bild-Arbeit liefert „Zählen und Erzählen“ von Eva Meyer. In einer Kurzzusammenfassung könnte man sagen, die Semiotik Eva Meyers ist in die Wittgenstein-Phrase eingepflanzt und ergibt eine emanzipatorische Dissertation.

Der angedeutete Feminismus ließe sich dann folgendermaßen ausmachen: Ein weiblicher Standpunkt schaltet sich beim Zitieren dazwischen und sagt, dass es sich um einen männlichen Standpunkt handelt, der Sachverhalt des Zitierten verändert sich freilich nicht. Nach dieser Theorie müsste es also genügen, dass man einer männlichen Arbeit Anführungsstriche verpasst, um sie als männlich zu denunzieren. Dieser Entwertung muss noch keine weibliche Gegenposition hinzugefügt werden. Für diesen Feminismus genügt es, auf das Problem hinzuweisen. Ob man es überhaupt lösen kännte und wie, steht nicht zur Debatte.

Natürlich ist dieses radikale Spiel mit Augenzwinkern zu lesen. Im Prinzip wird jede Anwendung eines Textes durch die Leserschaft gewürdigt. Die Rezipienten werden durch Benutzung den Produzenten gleichgestellt. Um im Wittgenstein-Bild zu bleiben, der Betrachter macht sich sein Bild von allem, was ihm dargeboten wird.

Die angedeutete Individualisierung des Textes durch Zitieren lässt sich durchaus auf das Rezensieren anwenden. Auch hier wird ja ein ausgerolltes Bild zuerst durch individuelle Lektüre gescannt und später als Beschreibung ausgemalt. Im Sinne des Postmodernismus werden diese Zitate freilich vor laufender Kamera ummontiert und die finale Deutung dem Post-Leser überantwortet.

Unter der Hand setzt diese wissenschaftliche Arbeit noch eine raffinierte Botschaft Eske Schlüters als Künstlerin ab. „Seht her, ich spiele euch was vor. Bewertet gefälligst dieses Spiel positiv, denn ich habe mich an eure Spielregeln gehalten.“ Jetzt liegt der Ball wieder in der akademischen Blase, und es bleibt zu befürchten, dass ihn niemand aufnehmen wird.

So lässt sich aus dieser Dissertation eine angewandte Philosophie herauslesen, die sogar Vergnügen bereitet, wenn man „alles im Bild“ ironisch sieht.


Eske Schlüters: Alles kann ein Bild von allem sein.

Wien: Passagen 2021. 238 Seiten. EUR 27,-. ISBN 978-3-7092-0482-5.

Eske Schlüters, geb. 1970, ist bildende und schreibende Künstlerin.

Helmuth Schönauer 05/01/22



GEGENWARTSLITERATUR 3064

Anderswo

Als erfolgreiche Erzählstrategien gelten seit Jahrhunderten das Labyrinth und der Spaziergang. Im Labyrinth geschieht alles gleichzeitig und aus der Drohnenperspektive sieht man die Ausweglosigkeit, der Spaziergang hingegen wickelt sich chronologisch ab, der Sinn entsteht in einzelnen Schritten, auch wenn das Ziel vielleicht nie erreicht wird.

Alfred Paul Schmidt nennt seinen Spazier-Roman „Anderswo“, denn der Erzähler hat immer den Eindruck, dass es sich überall anderswo abspielt, nur nicht gerade im Nun und Jetzt bei ihm. Diese Einschätzung führt in ein weites Feld von Themen, die alle gleich logisch oder wichtig sind, wenn man sie nur im Kopf aufbereitet und währen des Gehens aus sich herauslässt.

Über diese Leichtigkeit der Erzählsituation ist eine kleine Rahmenhandlung gespannt, sie dient dazu, die losen Gedanken im Buch zu fixieren.

Der Ich-Erzähler Harry Bei trifft seine Kusine, die gerade ihren Mann in einer psychiatrischen Einrichtung besucht, er hat als Polizist ein Burnout bekommen und will diesen Beruf nimmer ausüben. Der Erzähler ist als Schriftsteller stets auf der Suche nach Stoff. Also geht er gleich mit in die Psychiatrie und trifft dort im Garten eine gewisse Erika, die gerade am Design ihrer schizophrenen Störung herumarbeitet.

Die beiden kommen ins Gespräch und werden spontan mit einer Weisheit zusammengeschweißt: „Eine Geschichte wird durch jedes Erzählen verändert.“ (21) Jetzt schmieden sie den Plan, ein halbes Jahr lang miteinander spazieren zu gehen. Die Diskussionen geraten zwischendurch ins Essayistische, wenn die beiden endlich jene Gedanken loswerden, die schon lange in ihren Denk-Reservoirs geschlummert haben.

Die Themen ergeben sich oft aus dem sogenannten echten Leben, worin der Schriftsteller ständig aus dem Prekariat des Drehbuchschreibens ausbrechen möchte, andererseits lebt Erika bei ihren Eltern, die eine Art Bildungsinstitut führen und hemmungslos dem bildungsfeindlichen Markt und der bürokratisch organisierten öffentlichen Hand ausgeliefert sind.

Mit diesen Erfahrungseinspeisungen kommt es etwa zu einer Analyse des Krimi-Genres, das wir vor allem deshalb so häufig aufsuchen, weil darin der Kannibalismus in uns gestillt wird. Das ewige Fressen und Gefressenwerden (41) kommt im Krimi überhöht zur Sprache und gibt den Lesern die Chance, wahlweise Opfer oder Täter zu sein. Gleichzeitig schafft es die Sprache für kurze Zeit, den Traum in uns aus seiner Einsamkeit zu erlösen.

Zwischen den einzelnen Treffs gehen Erzähler und Erika ihren Berufen nach und versuchen, die ausgeheckten Gedanken in Taten umzusetzen. Die Werbeplakate der Innenstadt wirken sich etwa auf das Drehbuch aus, indem der öffentliche Raum zum öffentlichen Fernsehen in Verbindung gebracht wird. Bei allen kreativen Vorgängen lohnt es sich, das „kluge Unterbewusstsein“ (77) anzusprechen.

Das gilt auch für Erika, die mit einem Arzt an einer passablen Krankengeschichte arbeitet. Depression ist eine wertvolle Krankheit, lautet so eine Richtlinie, die dazu führt, aus dem Leben eine Erzählung zu machen. Erst wenn sich ein gewisser Stolz auf die eigene Schizophrenie entwickelt, kann der Heilungsprozess beginnen. (79)

Die Spaziergänge sind randvoll mit Gesprächen und es entsteht keine Pause. Dabei befindet sich hochgerechnet auf die gesamte Menschheit das menschliche Gehirn meistens im Zustand der Untätigkeit. Ein ähnliches Missverhältnis liegt auch in den Büchern verborgen, während das Leben meist als Unglück über die Menschen hinwegrollt, wird in den Büchern so getan, als ob sich alles klären ließe. Im gegenwärtigen Literaturmarkt werden nur lebensbejahende Bücher angeboten. (81) Und selbst das „Lob der Torheit“ macht aus historischen Versagern noch Genies, über die es sich gut schwadronieren lässt.

Allmählich dreht das Jahr, der Held kommt mit dem Drehbuch für das echte Leben gut voran, und Erika feiert nach langer Zeit wieder glückliche Weihnachten mit den Eltern, weil alle gezwungenermaßen aus dem Konsum aussteigen.

Im Stadtcafé sind die Protagonisten einem erstrebenswerten Leben schon ziemlich nahe. Während rundherum Scheidungs- und Betrugsgeschichten erzählt werden, schwärmen die beiden von Kreisky, wie er bei jedem Urlaub in seinem Lieblingsbuch vom „Mann ohne Eigenschaften“ gelesen hat. Glück heißt auch, die richtigen Literaturstellen zu zitieren.

Als dann noch die Kusine erzählt, dass ihr Mann von der Polizei und der Krankheit geheilt sei, fragen sich alle, ob das jetzt schon Kitsch ist, oder noch Leben. Schreiben soll ja das Übersetzen von Wirklichkeit sein, meint der Ich-Erzähler und traut dem erzählten Frieden nicht wirklich.

So greift er zu einer postmodernen Finte und deklariert das soeben Gelesene als einen Roman, den er gerade schreiben wird.

Alfred Paul Schmidts ironisches Setting lässt die Figuren realistisch aussehen, wimmelt es doch nur so von dahin spazierenden Schriftstellern und Schizophrenen, die nichts anders im Sinn haben, als den Frühling durch den Park zu tragen.


Alfred Paul Schmidt: Anderswo. Roman.

Graz: Keiper 2021. 187 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-903322-37-0.

Alfred Paul Schmidt, geb. 1941 in Wien, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 09/01/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2305

Und sie lügen doch

Wenn es um die Wahrheit geht, können Handbücher durchaus dünn ausfallen. Im Gegenteil, je umfangreicher die Absätze bei der Darstellung einer vermeintlichen Wahrheit ausfallen, umso verdächtiger erscheinen sie jemandem, der vielleicht Ludwig Wittgensteins Tractat vor Augen hat und liest: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“

Ronald Weinberger geht mit seinem „Sternen-Tractatus“ ähnlich kurz angebunden vor. „Astrologie erfüllt nicht die Normen, die an eine „Wissenschaft gestellt werden“ (5 ). Und als ehemaliger professioneller und noch dazu auf (vor allem „sterbende“) Sterne spezialisiert gewesener Astronom fügt er hinzu: „Mit Schindluder meine ich Horoskope. Allgemeiner ausgedrückt: die Astrologie.“

In einem Frage- und Antwortspiel werden in der Folge ein paar Argumente gegen die Astrologie ausgetauscht. Dabei verblüffen Binsenweisheiten, wonach auch gebildete Menschen irren können, das Alter eines Kultes nichts über seine Wahrhaftigkeit aussagt und Fifty-fifty-Aussagen auf eine klassische Halbwahrheit hinauslaufen.

So hat der Mond kaum eine Auswirkung auf den Holzschlagtermin, ebenso ist das Haarschneiden bei gewissen Lichtverhältnissen nicht von Logik untermalt. Und auch der Kult mit dem Geburtstermin bei entsprechender Sternenkonstellation führt sich ad absurdum, wenn man die Geburt künstlich einleitet und so quasi eine neue Schicksalsidentität schafft.

Die Abhandlung über den Unsinn der Astrologie löst freilich nicht das ewige Problem: Wer es nicht hören will, wird es nicht hören! Und das Fühlen ist bei den Dimensionen des Weltraums nicht gerade von großer Haptik begleitet.

Der „broschürte Lügendetektor“, wie man dieses Büchl salopp bezeichnen könnte, ist ganz in der Aufmachung von kleinen Kalenderchen gestaltet, damit die Fans der seriösen Wissenschaft etwas in der Hand haben, wenn sie wieder einmal in ein astrologisches Zwangsduell verwickelt werden.

Nach der Abrechnung mit der Astrologie gibt es ein humoreskes Zwischenblatt, worin der Autor in einem Narrengedicht die Astrolüge besingt. „Wir sind (selbst wenn dies Frust bereitend) / für Sterne gänzlich unbedeutend!“ (14)

Der zweite Teil ist als offenes Fragen-Tableau angelegt. Dabei geht es um Begriffe wie Unendlichkeit, Zeit, Raum, Krümmung, Loch. Diese Begriffe lassen sich irdisch anwenden, wenn man etwa die Krümmung einer Straße beschreibt oder das Loch, in das man psychisch gefallen ist. Diese Wörter entfalten freilich eine Magie, die einen staunen lässt, wenn man sie in den Weltraum verlagert.

An anderer Stelle berichtet der Autor von dem Dilemma, in das ihn seine Vorträge in der Erwachsenenbildung immer gebracht haben. Kaum verwendet er das Wort Anfang, wollen alle schon eine physikalische Deutung ihres theologischen Halbwissens. Vor allem der Anfang macht die Menschen heute noch verrückt, weil sie alles auf einer Skala deuten, wo es eine Null gibt. „Es gibt Anfangloses!“ (15) sagt der Astronom und wirkt rätselhaft. Aber wenn man diesen Satz sickern lässt, stellt sich eine gewisse Gelassenheit ein.

Anlässlich seiner Pensionierung hat Ronald Weinberger in einer vertrauten Runde einen seltsamen Satz geäußert. Er wolle jetzt zwischendurch dichten, weil er das in der Wissenschaft ein Leben lang nicht hat tun dürfen. Unter diesem Licht ist vielleicht seine „Astropoesie“ zu deuten, wonach es die Literatur schafft, in jene Bereiche vorzudringen, in denen die Wissenschaft keinen Halt findet. Die Literatur darf in diesen schwarzen Löchern, toten Sternen und doppelten Schleifen herumziehen, so lange sie nicht ihr Label abstreift, eben Literatur zu sein.

So entsteht vielleicht doch noch eine versöhnliche Brücke hin zur Astrologie. Man nehme nur den sogenannten Volksmund als Zeugen, worin es heißt: Was ich nicht verstehe, ist vielleicht Lyrik!

Ronald Weinberger fordert mit seiner Aufklärungsschrift vom Leser höchste Konzentration, denn hinter jedem Satz kann ein wissenschaftlicher oder poetischer Ansatz stecken. Das ist wahrscheinlich der Inhalt einer Wahrheit, dass man verunsichert bleiben muss, wenn man sich ihr nähert.


Ronald Weinberger: Und sie lügen doch. Über den Unsinn der Astrologie.

St. Johann: Verlag Hofinger 2021. 41 Seiten. EUR 4,90. ISBN 978-3-9505074-1-6.

Ronald Weinberger, geb. 1948 in Bad Schallerbach, ehemaliger Professor am Institut für Astronomie an der Universität Innsbruck, lebt in Zirl.

Helmuth Schönauer 11/01/22