Buchkultur – Tiroler Rezensionen 03/2018

 

 

Barbara Aschenwald: Lichter im Berg. Elf und eine Erzählung.

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Roman.

Tanja Paar: Die Unversehrten. Roman.

Hans Platzgumer: Drei Sekunden Jetzt. Roman.

Carolina Schutti: Nervenfieber. Gedichte.

Gernot Zimmermann: Eine Million Kilometer durch Innsbruck.

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2107

Lichter im Berg

In der modernen Tourismusindustrie wird den Gästen eine zweifache Eroberung des Gebirges schmackhaft gemacht. Einmal sollen sie ihre Körper auf diverse Gipfel schwingen, zum anderen sollen sie nach der körperlichen Anstrengung die Sagen, Mythen und Fiktionen aus dem Gestein herausklopfen. Daher boomen Sagen-Safaris, Dorfschreibstuben und Ofengeschichten.

Barbara Aschenwald hat sich für ihre Erzählungen „Lichter im Berg“ auf den Weg nach Galtür gemacht, um den Einheimischen zuzuhören und daraus Geschichten für verweilende Gäste zu machen. Der Paznauner Ort Galtür ist für seine Lawinenkatastrophe in der jüngeren Geschichte bekannt, noch mehr aber für sein psychologisches Aufarbeitungsprogramm, bei dem man Traumatisierte unter anderem mit Geschichten zu heilen versucht.

Ein paar Geschichten aus Barbara Aschenwalds Zuhör-Sammlung beschäftigen sich unmittelbar mit dem Ort Galtür, der die Sammlerin vor allem mit der Silbe Tür fasziniert, weil diese direkt ins Innere des Gebirges führt.

Ein 42-jähriger Gast namens Kaltwasser sitzt verstört im Ort herum und murmelt immer etwas vom Sinn des Lebens. Das Abendlicht fordert seine Phantasie heraus, manche Dinge beginnen zu sprechen, ein Zaun sagt, dass ihn jemand gezimmert hätte. Der Psycho-Urlaub schlägt beim Helden offensichtlich gut an, er kriegt seine Unordnung wieder auf die Reihe und ruft am Ende gar seine Frau an, dass er wieder nach Hause kommen werde.

In der Titel-gebenden Geschichte werden die Erzählungen wie „Lichter im Berg“ ausgegraben und vorgestellt. Kleine Begebenheiten wie das ewige Licht, können einen Rattenschwanz von unsterblichen Gedanken auslösen. „Und im Schein der schimmernden Lichter wohnt das Leben.“ (33)

Regionale Gegebenheiten wie der Ausserwind oder das magische Wetterwüten der Guxa wühlen die Talschaft auf, ein Bäcker bäckt die ganze Nacht durch Brot, um die Bedrohung zu zähmen, am Morgen hat sich alles gelegt und die Menschen verzehren ihre Guxa-Laibe.

Manchmal wird sehr ums Eck gedacht, um doch noch zu einem Funken Galtür zu kommen, so liegt jemand im Krankenhaus und als man ihn fragt, wo er her sei, sagt er das Passwort Galtür und die Geschichte darf in die Sammlung.

Während ein Mann und ein Mädchen irgendwo unter Zypressen landen und den rettenden Ort Galtür als Asyl nicht erreichen, brechen Bronze und Rost aus der Zeit aus und huldigen noch der archaischen Almwirtschaft und der Säumerei, wobei manches ins Easy-Museale hinübergleitet trotz der Anstrengung der Arbeit.

Barbara Aschenwald erweist sich als dankbare Zuhörerin und schreibt die Geschichten manchmal holzschnittartig auf, wie die Menschen in dieser Gegend eben reden. Zwischendurch bringt sie etwas Theater-Moral mit ins Gebirge und schwärmt davon, dass alle Menschen gut sind. Das Geschäft lässt sie tunlichst beiseite, schließlich soll der Tourismus als etwas zutiefst Menschliches und nicht als Handelsware angekurbelt werden und viele Gäste zu den Lichtern im Berg locken. - Erzählen als Startup-Geschäftsmodell, vielleicht sogar ein ehrliches Unterfangen.

 

Barbara Aschenwald: Lichter im Berg. Elf und eine Erzählung.

Hamburg: Hoffmann und Campe 2018. 221 Seiten. EUR 20,60. ISBN 978-3-455-00298-0.

Barbara Aschenwald, geb. 1982 in Schwaz, lebt in Buch.

Helmuth Schönauer 20/02/18

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2110

Die kommenden Jahre

Einem Weltroman gelingt es mit ein paar Anstichen, Atmosphäre, Zeitgeist und politischen Status einer Jahresgegenwart darzustellen. So ein Roman wird dann zu einem Referenztext, der wie ein Ohrwurm der Beatles eine Gefühlslage flächendeckend beschreiben kann.

Norbert Gstrein hat um die Allerweltsfloskel „die kommenden Jahre“ einen stillen Roman verfasst, bei dem es gar nicht so einfach ist, ihn durch eine Handlung zu begreifen. Es geht um Vieles, um Oberflächliches wie die Öffentlichkeit, und Intimes wie die Ehe. Über einen vagen Erlebnisstrom sind die Koordinaten von zwei Welten gelegt, der Bücherwelt und der Gletscherwelt.

Der Icherzähler Richard ist Gletscherforscher und auf einer Auszeit in Kanada, in das seit Donald Trump auch eingefleischte Amerikaner auswandern wollen. Seine Frau Natascha ist Schriftstellerin in Hamburg, zusammen haben sie die Tochter Fanny und von Natascha stammt das Sommerhaus, das zur Abrundung einer gelungenen Familie dient.

Während Richard, seit er als Kind im Tiroler Elternhotel immer wieder in der Kühlkammer eingesperrt worden ist, naturgemäß die Kälte sucht und somit alles, was mit dem Klimawandel zu tun hat, sucht Natascha ebenso naturgemäß die Wärme der Menschlichkeit, indem sie eine syrische Flüchtlingsfamilie im Sommerhaus aufnimmt.

Aber Literaturbetrieb und Klimawandel sind längst öffentliche Angelegenheiten geworden. In einem Video wird die humanistische Aktion verbreitet, und als dann auch noch ein neues Buch der Schriftstellerin mit Flüchtlings-Sound erscheint, treten Zweifel auf, ob nicht die ganze erfahrbare Welt längst eine Inszenierung geworden ist.

Und in der Tat ist fast nichts eindeutig. Rund um das Sommerhaus strolchen Jungs herum und bedrohen die Flüchtlinge. Sinnigerweise grenzt an das Anwesen eine Schönheitsfarm, in welcher sich Betuchte den Hintern nach dem Menschenbild der Betuchten formen lassen. Die Auseinandersetzung eskaliert, als die syrischen Kinder entführt werden, aber andererseits ist alles ein Abenteuerspiel und die Polizei wäre beim Einschreiten lächerlich.

Der Roman setzt sich über lange Strecken aus erzählter Entfernung zusammen. Richard arbeitet in Kanada seine persönlichen Klimastörungen auf, Natascha in Hamburg ihre verstörten Menschenbilder. Die Kommunikation geschieht realistisch über Skype, aber als der Held nach einem Fahrradunfall fürchterlich ausschaut, klebt er das Skype-Auge zu und gibt eine Störung vor. Selbst eine Übertragung in Echtzeit ist nicht vor Fake-Einlagen gefeit.

In zwölf gegengeschnittenen Kapiteln wird in einem HD-Realismus erzählt, wie sich die einzelnen Wahrnehmungen der Reihe nach auflösen und zu einem Gefühl werden. Das Schlusskapitel ist als Wunschkonzert angelegt. Einmal inszeniert es für Literaturliebhaber eine mathematisch genaue Fiktion, dann wieder für Romantiker eine berührende Liebesgeschichte. Und dann gibt es etwas, was Wirklichkeit genannt wird. Der Flüchtlingsvater schießt auf die bedrohlichen Einheimischen und zerstört alle Hoffnung. Die guten Bilder und die schöne Menschlichkeit gehen zu Boden, wie immer, wenn eine Waffe im Spiel ist.

Norbert Gstrein bietet für die kommenden Jahre ein Gefühl an, das so genau ist, als hätte es jeder einzelne schon genau so erlebt. Solidarität durch vernetzte Vereinzelung. „Bluten Sie woanders!“ (104) sagt der Hausbesitzer, als der Held mit dem Fahrrad auf seinem Grundstück gestürzt ist.

 

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Roman.

München: Hanser 2018. 288 Seiten. EUR 22,70. ISBN 978-3-446-25814-3.

Norbert Gstrein, geb. 1961 in Mils/Imst, lebt in Hamburg.

Helmuth Schönauer 21/02/18

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2115

Die Unversehrten

Nichts ist in der gegenwärtigen Gesellschaft so kompliziert, wie am völlig liberalisierten Hormonmarkt eine halbwegs strukturierte Familie unterzukriegen und sich dabei womöglich noch zu reproduzieren.

Tanja Paar entwickelt eine Kleinfamilie, die alles richtigmacht, zu einer Tragödie, die einen nicht mehr ruhig schlafen lässt. Die Unversehrten entsteigen nur äußerlich unbeschadet aus dem familiären Trümmerfeld, mit ihren Seelen sind sie allesamt dringende Fälle für die Psychiatrie.

Schon der Vorspann lässt nichts Gutes ahnen: jedes Mal, wenn das Kind ein Glas Wasser trinkt, schwimmt darin die Leiche eines Kindes. Violenta und Martin sind ein zukunftsfreudiges Studentenpaar, dem bald die Welt zu Füßen liegen wird. Sie studieren Fächer, nach denen das Business giert, und sie können sich aussuchen, wo sie ihre Wurzeln schlagen wollen. Doch aus einer emotionalen Ungelenkigkeit heraus bandelt Martin easy mit Klara an, diese nimmt die Sache wörtlich und wird schwanger. Das Kind Christina trennt und verbindet alles, denn über die ökonomische Hochzeit mit Klara hinaus bleibt die Verbindung zu Violenta aufrecht, auch wenn sie in alle Weltgegenden führt.

Und dann will auch Violenta ihr Kind, Martin lässt sich scheiden und es gibt einen kleinen Boy als Wunschkind. Das Patchwork-Ensemble schlägt sich durch den Dschungel des Familienlebens und versucht, irgendwie unversehrt aus dem Schlamassel herauszukommen. Obwohl letztlich alle ihre Wunschkinder und Karrieren bekommen haben, entlädt sich die Spannung bei einem Spaziergang: Das kleine Kind wird ins Wasser gestoßen und ertrinkt.

Jetzt kommt der Staatsanwalt ins Spiel und Klara muss ins Gefängnis. Und letztlich stellt sich heraus, dass alles noch einmal ganz anders gewesen ist, aber der hochbrisante Stoff darf hier nicht verraten werden.

Tanja Paar erzählt fünfzig kleine Sequenzen, die wie Polizeiprotokolle beschlagwortet sind: Das Geständnis, Die Trennung, Der Plan, Der Anruf. Der Erzählstandpunkt wechselt dabei, sodass alle Figuren gleiches Recht bekommen. Und obwohl sich alle bemühen und alles immer bestens wird, kommt es zur Katastrophe. Hinter den planbaren Lebensentwürfen steckt nämlich immer ein Restrisiko, das den klügsten Plan über den Haufen werfen kann. Offensichtlich gibt es keinen richtigen Zeitpunkt für ein Kind, offensichtlich gibt es keinen Beruf, in dem man sich entfalten kann, wenn ständig Querschüsse in die Karriere kommen. Mann und Frau sind in dieser Tragödie gleichermaßen bedient. Und die Psychiatrie, das Heilmittel der Gesellschaft gegen alles, versagt, weil nur das Leben letztlich als Therapie begriffen wird und kein Platz mehr für das Leben ist.

Die Unversehrten sind ein Lehrstück dafür, wie eine gutgeplante Idylle in die Katastrophe kippen kann. Mit scharfen Erzählschnitten werden Psychen freigelegt, die beileibe nicht unversehrt sind. Schneidend, spannend.

 

Tanja Paar: Die Unversehrten. Roman.

Innsbruck: Haymon 2018. 159 Seiten. EUR 17,90. ISBN 978-3-7099-3416-6.

Tanja Paar, geb. in 1970 Graz, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 15/02/18

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2109

Drei Sekunden Jetzt

Um sein wahres Leben zu begreifen, muss man sich zwischendurch aus dem Leben hinausträumen. Die Satten träumen dabei vom Abenteuer-Hunger, die Hungrigen vom Abenteuer satt zu sein.

Hans Platzgumer steckt seinen Helden Francois in Marseille in den Status eines Findelkindes. Dadurch ist jede Herkunft möglich und was immer auch geschieht, es ist adoptiertes Verhalten, denn die genetischen Spuren liegen im Dunkeln. Der Ich-Erzähler wird von seiner leiblichen Mutter in einem Einkaufswagen in einem Einkaufszentrum abgestellt, wie in der Videoüberwachung zu sehen ist. Der Held wird der Konsumgesellschaft zur Verfügung gestellt.

Francois ist hell und rothaarig und kann dadurch jede Identität annehmen, nicht so wie seine Freundin Lucy, die im senegalesischen Dakar brutal im Straßengraben ausgesetzt worden ist. Sie ist von ihrer Hautfarbe geprägt und wird immer am Rande der Gesellschaft bleiben. Francois arbeitet an der Rezeption eines zwielichtigen Hotels, das Umschlagplatz für kriminelle Geschäfte ist. Als sich ein Gast im besten Zimmer mit Meerblick erschießt, kapiert Francois das Leben als Kurzformel: Die Gegenwart besteht aus drei Sekunden, sie gilt es zu meistern.

Für ein Geldwäsche-Geschäft wird Francois nach New York geschickt, wo er nach dem Banktermin ein paar Tage anhängen darf. Dabei entgleist er, als er in einer Bar Anna aus Montreal kennenlernt. Wie in Trance folgt er ihr nach Kanada, um letztlich vor einem riesigen Klingelbord einer Wohnanlage zu scheitern. Er bildet sich ein, dass sie Anna Domini heißt, aber unter diesem Namen ist niemand zu finden. Völlig am Sand erreicht er den rettenden Heimflug nach Europa und empfindet Marseille für Augenblicke als Heimat. Er klaut ein wenig Überlebensgeld und gibt es Lucy, die es für eigene Zwecke verwendet. Geld muss fließen! lautet die Parole, um jeweils die nächsten drei Sekunden zu überstehen.

Bei einem dramatischen Spaziergang an der Küste verletzt er sich und wird ein Helikopter-Notfall. Jetzt ist auch die letzte Kohle weg. Der Kuss für die Ewigkeit, der Suizid-Griff an die Schläfe, der Sturz in die Tiefe, es sind immer die drei Sekunden Jetzt, die das Leben ausmachen.

Hans Platzgumer, der Meister der überraschenden Wende, gibt dem Roman auf den letzten Seiten noch eine Drehung, die Erzählposition, Plot und Lebenserfahrung in einem neuen Licht aufblenden. „Wann immer mir dieses Leben, das ich führe, nicht genug ist, denke ich mir andere hinzu.“ (251) Das Sich-Hinausdenken aus der kleinen Welt in eine andere, aufregendere, abenteuerliche ist ja die edle Aufgabe der Literatur.

 

Hans Platzgumer: Drei Sekunden Jetzt. Roman.

Wien: Zsolnay 2018. 251 Seiten. EUR 22,70. ISBN 978-3-522-05885-9.

Hans Platzgumer, geb. 1969 in Innsbruck, lebt in Bregenz.

Helmuth Schönauer 19/02/18

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2111

Nervenfieber

Poetische Sinnesorgane können so fein kalibriert sein, dass sie ständig eine Krankheit anzeigen. Das Nervenfieber ist also ein hypersensibler Zustand, der weit über medizinische Parameter hinauslappt.

Carolina Schutti reizt die Sinnesorgane wie Musikinstrumente und bringt sie bis an ihre Grenzen zum Klingen. So gesellen sich zum Nervenfieber Zustände wie Gliederkälte, Umnachtung, Bangigkeit, Auszehrung oder Herznot. Alle diese Zustände glauben wir als ferne Beschreibungen von romantischen Poetinnen zu kennen, wenn dichtende Seelen ihre Organe strapazieren und auf Zustände des puren Schmerzes, Schwindels oder einer generellen Verwirrung lossteuern.

Die Zustände werden oft in einer gewöhnlichen Nacht ausgelöst, wenn der Geliebte ganz nah ist und sich vielleicht auf die Brust des Opfers setzt. Das poetische Ich dreht sich dabei um und sieht das Salz persönlich, das am Rücken leckt. An anderer Stelle entsorgen sich zwei Leiber mit Liebkosung, es kommen religiöse Bilder hinzu und vermehren sich wie bei einem Wunder zu Brot, und der Trost besteht aus der sinnigen Erkenntnis, dass auf jedes Glück ein Unglück folgt.

In sieben Zyklen wird das lyrische Ich heimgesucht von Fallsucht, Hysterie oder Schwindsucht, und auch der Würgeengel schafft nicht gerade Erleichterung, wenn das Individuum allmählich in Blausucht verschwindet. Die Gedichte sind oft bloß eine Nachricht oder gar eine sinnliche Unterschrift unter eine verlorengegangene Übereinkunft. Manchmal wird ein Höllengebilde aus der Literatur evoziert und das Ich flüchtet sofort in eine Erkrankung, um diesen Schrecken abzuwehren. Dabei wird ein Gedicht mit einem Vogel wie eine lyrische Beschwörungsformel heruntergebetet: „du hattest recht / vögel schlagen schneller / mit den flügeln / kurz bevor sie landen“ (27)

Wenn man enge, neue Strümpfe überstreift, wird die Welt eng und steif wie eine Prothese, mit der man aus der Nacht hinauswackelt, an anderer Stelle denkt man dabei vielleicht an den Tod, der früher persönlicher gekommen ist als heutzutage im digitalen Zeitalter.

Und immer wieder kommt eine Nacht nicht vom Fleck, die Seele windet sich unter allerhand Krankheitssymptomen, bis der Geliebte endlich hinausgeht und das Glas Wasser der Erleichterung holt.

„dieser hölle ist nichts hinzuzufügen / schmerzbefreit nur / ein wenig zu warm.“ (52) Dieses Kurzgedicht ist das Medikament gegen die Sartre'sche Hölle, mit solchen Zeilen lässt es sich vielleicht aus der „geschlossenen Gesellschaft“ fliehen, wie in einer Fußnote vermerkt ist.

Und mitten in der Fallsicht hilft letztlich nur ein Tanz, wenn sich die lyrischen Körper schwindelerregend drehen wie die Derwische.

Carolina Schutti trägt die Gedichte wie Pusteln zu einer unheimlichen Krankheit auf. Die Erregung des Augenblicks wird bis ins schmerzhafte gesteigert, ehe die Texte dann aufploppen und das lyrische Sekret freigeben.

 

Carolina Schutti: Nervenfieber. Gedichte.

Innsbruck: Edition Laurin 2018. 62 Seiten. EUR 15,90. ISBN 978-3-902866-62-2.

Carolina Schutti, geb. 1976 in Innsbruck, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 17/02/18

 

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2112

Eine Million Kilometer durch Innsbruck

Spätestens seit den frühen Funkstücken des Peter Handke gilt das Taxi als eines der innigsten Erzählmittel, wenn es um die Geräusche und Geschichten einer Stadt geht. Nicht umsonst hat jede Stadt ein eigenes, unverwechselbares Grundgeräusch.

Gernot Zimmermann ist ein Vierteljahrhundert lang in Innsbruck als Taxler unterwegs gewesen, dabei hat er die sprichwörtliche Million an Kilometern heruntergespult und gut zweihunderttausend Fahrgäste kutschiert. Jeder Innsbrucker ist statistisch gesehen einmal bei ihm in der Fahrgastzelle gesessen.

Der ausgefuchste Taxler und spätere Journalist wickelt seine Jahrzehnte als große Erzählung ab, die in hunderte Anekdoten zergliedert ist, welche nahtlos ineinander übergehen. Wie ja auch eine Taxifahrt immer in die nächste übergeht, bis man aufhört. Denn ohne Taxifieber lässt sich auf Dauer kein Taxi lenken, und wer das Fieber einmal hat, kann nicht mehr aussteigen.

Die kleinen Partikel ergeben mit der Zeit ein wundersames Bild von Innsbruck in den 1980er und 1990er Jahren. Das beginnt mit Routen, die heute wegen geänderter Einbahnen nicht mehr möglich wären, steigert sich über Lokalitäten, die mittlerweile legendär sind, hin zu Verfolgungsjagden, die man sich in Zeiten ohne GPS und Videoüberwachung noch leisten konnte. Bereits die Taxiprüfung hatte im vorigen Jahrhundert die Ausmaße eines Rigorosums, musste man doch ohne Navi alle Seitengassen auswendig kennen und im Kopf die günstigste Fahrtroute berechnen. Mit diesem ökonomischen Raster im Kopf sieht man plötzlich die Stadt mit anderen Augen.

Hauptaugenmerk wird natürlich auf die verschiedenen Autos, Chefs und Kollegen gelegt, weil man mit diesen ein Leben lang zusammen ist, zum Unterschied von den Fahrgästen, die manchmal nur eine kurze Strecke ausfassen, wie jene Familie, die vor dem alten Hauptbahnhof einsteigt, um quer über den Südtiroler Platz ins Hotel Europa zu fahren.

Natürlich kommen im Laufe der Jahre jede Menge skurriler Typen zusammen, Zuhälter, leichte Damen, angesoffene Hofräte, große Kinder, denen das Leben einen Strich durch die Träume gemacht hat. Ein paar Mal wird es auch gefährlich, wenn der Driver in Untergrund-Auseinandersetzungen gerät, manchmal sind auch die Passagiere so daneben, dass sie beim Bezahlen ausrasten. - Und immer wieder Kilometer, Geographie, Straßennetz. Man glaubt es kaum, wie groß so eine mickrige Stadt wie Innsbruck sein kann, wenn man eine Million Kilometer darin machen muss.

Zur Jahrhundertwende ist dann Schluss für den Taxler Zimmermann. Ein Grund ist unter anderem, dass es sowohl unter den Fahrern als auch unter den Gästen kaum mehr Deutschsprachige gibt. Das Taxigewerbe ist längst ein globales Unternehmen geworden, in dem die einsprachigen Bewohner oft in der eigenen Stadt untergehen.

Ein Glossar lässt noch ein paar Sprach-Blitze aus der alten Welt aufglühen. „Auflegen“ heißt, jemanden mitnehmen, „schießen“ heißt, den Chef prellen, „Südtiroler“ ist jemand, der kein Trinkgeld gibt.

 

Gernot Zimmermann: Eine Million Kilometer durch Innsbruck. Fotos.

Innsbruck: Wagner‘sche 2018. [Erinnerungen an Innsbruck]. 261 Seiten. EUR 12,95. ISBN 201-7-1013-79629.

Gernot Zimmermann, geb. 1962 in Innsbruck, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 27/02/18