Buch in Pension – Rezensionen Januar/2021


AG Literatur (Hg.): Offene Literatur. Lyrik der Gegenwart 96. Erstveröffentlichung.

Urs Faes: Untertags. Roman.

Katharina J. Ferner: Der Anbeginn. Roman.

Alissa Ganijewa: Verletzte Gefühle. Roman.

Andreas Niedermann: Blumberg 2. Die Wachswalze. Roman.

Peter Pessl: Der Schwertkönig und die Biene. Technyphion.

Peter Steiner: Orbis Terrarum. Roman. Band 2. Lichte Tage.

Ljudmila Ulitzkaja: Eine Seuche in der Stadt. Szenario.

Martin G. Wanko: Eisenhagel. Der Krampuslauf. Ein Steiermark-Krimi.

Ursula Wiegele: Arigato. Roman.


GEGENWARTSLITERATUR 2961

Offene Literatur

In der Literatur wird manchmal mit markigen Brands gearbeitet, um das schier unüberschaubare Feld möglicher Releases ein wenig zu ordnen. Wenn man es gedanklich zulässt, dass jeder Bewohner der Erde letztlich ein potentieller Autor ist, steht man vor dem gleichen Dilemma, wie bei der Betrachtung des Himmels: Wo schaue ich hin?

Zumindest für die lyrische Himmelsbetrachtung hält man sich an vier Windrichtungen, in der Literatur arbeitet man mit ähnlich weiten Begriffen, eine hochangesehene Form ist dabei „Das Offene“, „das offene Kunstwerk“ (Umberto Eco) oder im Digitalen das „Open-Source-Verfahren“.

Die AG Literatur hat es sich vor einem Vierteljahrhundert zum Ziel gesetzt, Lyrik im offenen Kommunikationsmodus in Gang zu setzen. Gleichzeitig wurden in klassischer On-demand-Methode im monatlichen Rhythmus Bücher publiziert, getreu der Erkenntnis, wonach Lyrikbände vor allem im Strang und als ausgeweitetes Regal wahrgenommen werden, seltener als Einzelband.

Die Serie „Lyrik der Gegenwart“ wurde durchnummeriert, jetzt bei Nummer 96 gibt es einen abschließenden Jubiläumsband, bei dem die 96 auf das Cover geprägt ist wie die Verheißung einer intimen Stellung. Für diesen Prellbock der bisherigen Veröffentlichungsschiene waren alle bisherigen Leser, Veranstalter, Autorinnen und Fans eingeladen, eine Art Grußbotschaft zu dichten.

Die einzelnen Gedichte mussten sich an die Seitengröße halten, die Anordnung der Texte geschah nach ihrem Eintreffen in der Redaktion, nach 96 Beiträgen war Schluss.

Das Experiment liest man am besten wie einen Lyrikband von vorne nach hinten, und wie man bei Kartenspiel im ersten Blick sortiert, ob gute Bekannte dabei sind, entfaltet man auch diesen Lyrikfächer unter dem Gesichtspunkt einer persönlichen Konnotation. Einiges ist unbekannt, manches typisch für jemanden, ein drittes erst bei genauerem Hinsehen zu dechiffrieren.

Das offene Blatt gibt natürlich handfeste Lyrik frei, die manchmal für ein ganzes Genre steht. So pflegt Gerhard Ruiss in seinem „Status“ das Gedicht als politische Resolution (46), Waltraud Zechmeister beschreibt ein „Europa in 3 Tagen“ mit den Mitteln der Kriegsberichterstattung eine Touristentour quer durch den Kontinent (74), Fritz Widhalm friert einen Kindheitsfilm zu einem Standfoto ein und nennt es „Ich sitze auf einer Wiese“ (42).

Dieser schnelle Durchlauf durch fünfundzwanzig Jahre zeigt im Erinnerungshorizont, wie in den jeweiligen Jahren gedichtet worden ist. Und jetzt mit der Glasur des Abschieds im Auge liegen Vorschläge auf, wie man die Texte in Erinnerung behalten soll.

Kein Ranking, kein Trara, die Texte stehen im Mittelpunkt! Wer für eine Lyrikprüfung was lernen möchte, braucht nur die abschließende Autorinnenliste durchzugehen, jeder Name ist Rätsel, Kunstwerk und Magie in einem.

Im Vorwort kommt schließlich noch das Motto von Ingeborg Bachmann zu Ehren, das die AG Literatur jahrzehntelang begleitet hat: „Sicher ist, daß nicht zur Literatur gezählt zu werden […] für den Schriftsteller eine schreckliche Vorstellung ist, daß es einem Todesurteil gleichkommt.“ (5)

Es liegt im Wesen einer offenen Literatur, dass sie sich einerseits an die Gegebenheiten der Kommunikation anlehnt, andererseits diese erst ermöglicht. Die AG Literatur arbeitet als permanenter Relaunch weiter unter dem Label „ag-offene-literatur“.


AG Literatur (Hg.): Offene Literatur. Lyrik der Gegenwart 96. Erstveröffentlichung.

St. Wolfgang: edition art science 2020. 105 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-903335-11-0.

AG Literatur, mit Sitz in St. Wolfgang, betreibt die Plattform „ag-offene-literatur.net“.

Helmuth Schönauer 08/01/21



GEGENWARTSLITERATUR 2959

Untertags

Das Verschwinden der Sprache im Individuum ist seit jeher ein Thema der Literatur. Während es früher oft sprachkritisch und sprachphilosophisch betrachtet wurde, („die Sätze zerfallen wie Moder im Mund“), gibt es mittlerweile eine eigene Abteilung mit Alzheimer-Literatur. Das Thema ist brisant: Wie kommuniziert man mit jemandem, der gerade die Sprache verliert? Wie erzählt man vom Verlöschen der Gedanken, wenn dabei die Wörter unbrauchbar werden?

Urs Faes erzählt mit „Untertags“ von einem gereiften Liebespaar, das im biographischen Herbst bis zur Unerträglichkeit reift und hintereinander verlöscht. Herta und Jakov sind ein Paar der zweiten Liebe, das in Würde und Anstand diese unheimliche Krankheit ertragen wird, die nie namentlich genannt wird, weil sie vom Vergessen handelt.

Im selten klaren Anfangskapitel räumt Herta auf, ihr Jakov ist dann doch in der Nacht gestorben, womöglich hat er es selbst nicht mitgekriegt, dass er jetzt tot ist. Seine Kinder aus erster Ehe verlangen, dass die wesentlichen Erinnerungsstücke an den Vater nach Amerika geschickt werden, Herta arbeitet die Liste ab, aber bei der Urne überlistet sie das Erbrecht. Sie teilt die Asche in zwei Hälften, eine geht nach Amerika, die andere wird bodenständig an einem Lieblingsplatz hinter dem Garten bestattet.

Beim Zerteilen von Asche bleibt viel Zeit zum Nachdenken, Ausritte im sogenannten Wind River Tal bleiben unvergessen, die vage Erinnerung an die Vorfahren in Masuren, die Verdoppelung des Lebens, indem man es auf zwei Kontinente aufteilt. Die Kernfragen bleiben: Hat es einen Beginn für das Verlöschen gegeben? Müssen nicht die alten Sachen verschwinden, damit Platz ist für das Neue, auch wenn es aus Leere besteht? Wann ist die Krankheit zum ersten Mal aufgetreten?

Es sind Kleinigkeiten, wie die nicht mehr zum Essen entfaltete Serviette, die den Verstorbenen noch lange anwesend sein lassen, als könne er jeder Zeit in ein Gespräch eintreten. Dabei hat es sogenannte Gespräche schon lange nicht mehr gegeben, denn die Wörter sind verschwunden oder haben keinen Sinn mehr angenommen.

In ein paar entscheidenden Sequenzen wird Herta klar, wie verschollen Jakov schon zu Lebzeiten gewesen ist. Plötzlich hat er sich nicht mehr ausgekannt, weil er in seiner Vergesslichkeit nichts Vertrautes mehr gefunden hat. Die Neujahrsgrüße hat man an eine Wäscheleine gehängt und die einzelnen Grußkarten abzuarbeiten versucht, aber da war nichts mehr. Und der Klassiker schließlich, das Verschwinden in einem Kreisverkehr, als Jakov nicht mehr herausfindet und dann wohl den Führerschein zurücklegt.

Die Ärzte untersuchen und verschreiben Therapien, etwa das Auslegen von Schreibstiften. Das machen sonst Schriftsteller mit Schreibblockade, wenn sie hoffen, dass noch das eine oder andere Wort kommt. Und dann ist es da: Das Schweigen untertags. (161) Dieses unauffällige „untertags“ spricht das Sichtbare bei Tageslicht an, das aber dennoch unsichtbar bleibt, wenn es keine Bezeichnungen dafür gibt. Sehenden Auges die Dunkelheit ertragen, heißt es bei den Philosophen.

Die Lücken im Langzeitgedächtnis werden immer häufiger, ab und zu tritt die Angst des Kindes hervor: Bitte nicht schlagen. Und die letzten Wortfügungen lauten resignierend: „Langer Tag, essen, langer Tag.“ (164)

Obwohl Herta alles miterlebt hat, weiß sie letztlich nichts von den inneren Vorgängen Jakovs, ihre Erinnerung flüchtet sich in die letzte Reise in die USA, wo die Kinder schon kapiert haben, dass es aus ist mit einer fortlaufenden Geschichte. Das Treffen gerät zu einem Sturz, bei dem alles zerbricht. Notdürftig restauriert kehrt Jakov nach Europa zurück.

Mit einem Ruck in der Erzählstrategie relativiert sich die Geschichte. Im letzten Teil sitzt Herta angeschlagen im Ohrensessel und versucht etwas zu sortieren, was bereits verschwunden ist. Auch sie hat ja eine Restfamilie aus erster Ehe, die notdürftig beim Restaurieren des Familienbildes hilft. Die Tochter klaubt aus den Fragmenten eine Art Lebenslogik zusammen, aber die Wörter sind alle schon leergeronnen, was Herta erzählt, ergibt keinen Sinn. Im Schlussbild bleibt ein offenes Buch auf dem Tisch zurück. Jemand aus dem Off greift in die Szene hinein und schließt es.

Urs Faes erzählt auf der Fabel-Ebene von einem Verlöschungsprozess, der in gewisser Weise jedem Paar ins Haus steht, das etwas Innigeres im Auge hat, als das bloße „Untertags“ hinzukriegen“. Gleichzeitig lässt der Einblick in den Hintersinn der Sätze etwas von dem erahnen, was jedem Schreibenden blüht, wenn er sich auf einen Satz einlässt. Er kann falsch sein oder etwas ganz anderes meinen. Da wären wir dann wieder bei den Schreibphilosophen angelangt.


Urs Faes: Untertags. Roman.

Berlin: Suhrkamp 2020. 239 Seiten. EUR 20,60. ISBN 3-518-42948-8.

Urs Faes, geb. 1947, lebt in Zürich.

Helmuth Schönauer 03/01/21



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2253

Der Anbeginn

Die Kindheit hat neben dem Vorzug, dass man nicht geschäftsfähig sein muss für den Kapitalismus, den paradiesischen Vorteil, dass es zwischen wahr und falsch, zwischen Fake und News keinen Unterschied gibt. Wer also die Kindheit verlängert, kann sich länger im paradiesischen Sinneszustand aufhalten, freilich verliert er dadurch die Unterscheidung zwischen Sein und Schein.

Katharina J. Ferner berichtet von einem Mädchen, das in diesen prallen Zustand der vollkommenen Kindheit hineingeboren wird. Während sie die Mutter mithilfe einer Wassergeburt sanft in die Welt entlässt, malt der Vater in schönsten Wasserfarben Blumen und Stillleben voller Poesie. Auf der Hinterseite des Glücksmedaillons, in dem sich das Mädchen ab nun wähnt, stirbt die Großmutter, friedlich und abgeklärt, wie es sich gehört, wenn man ein gutes Leben hingelegt hat. Die Großmutter wird von ihrem Freund, dem Fährmann, herzlich aufgenommen und über das Wasser gebracht, offensichtlich hat sie schon zu Lebzeiten ein gutes Verhältnis zu ihm aufgebaut.

In dieser überschaubaren Welt lässt es sich als Kind prima leben, zumal, wenn es für alles einen Hinterausgang an Bedeutung gibt. So malt der Vater Bilder mit einem Spezialausgang, sollte sich eine fremde Person einmal darin verirren, kann sie jederzeit problemlos aus dem Bild hinausschlüpfen.

Dem Mädchen erschließen sich die Bilder erst allmählich, und es fragt und fragt, bis der Vater seine Kunsttheorie loswerden kann. „Das ist eine Dystopie, Kleines. Eine Möglichkeit, wie es sein könnte. Das Erahnen einer Zukunft, die hoffentlich nie eintrifft.“ (36)

Natürlich gibt es auch Stimmungsschwankungen im Dorf, aber für alle Troubles taucht jeweils eine Lösung auf. Wenn etwa etwas mit dem Hunger nicht stimmt, lässt man sich vom Duft des Brotes und dem Gespräch mit der Bäckerin in eine gute Richtung drehen, wenn Vater übel gelaunt ist, sagt man Schaffenskrise zu ihm, und auch die Mutter steht jeden Tag im Dienste der Unterhaltung. Sie gebiert die Tochter gleich mehrmals, weil es beim ersten mal zu gut geklappt hat. Die vierte Geburt etwa besteht darin, dass dem Mädchen eine Perlenkette überreicht wird. (51)

Nach dem geglückten Anbeginn des Lebens erweitert sich allmählich der Horizont. Jemand schnitzt die Geschichte des Dorfes, damit er die Hände sinnvoll verwenden kann, an anderer Stelle kann jemand Chroniken lesen und daraus spannende Begebenheiten destillieren, etwa die Geschichte von Ada und Ida, die zur gleichen Zeit geboren sind, aber nichts miteinander zu tun haben, außer die jeweilige Verdoppelung der Identität zu sein. Mit diesem regionalen Schöpfungsmythos schafft man es später leichter zur universalen Genesis, wie sie in landläufigen Bibeln dargestellt wird. Ada und Ida nehmen demütig die Rollen von verschrobenen Tanten ein, die das Kind begleiten und in die Geheimnisse der hormonellen Säfte einführen.

In der Mitte des Jahres schießt nicht nur die Vegetation ins Kraut, auch die Geschichte entfaltet mächtige Wirkung, die Familie des Mädchens hat in Vorzeit nämlich das Dorf gegründet und jetzt zur Blüte geführt wie einen Park voller Sonnenblumen. Der Fährmann schließt um diese Zeit neue Freundschaften, denn im Winter wird er mit der einen oder anderen Person wieder übers Wasser müssen, Eis hin oder her.

Mädchen und Jungen organisieren sich in Gruppen und erobern die Welt mit eigenen Spielen und Ritualen. Das Mädchen entdeckt das eigene Ich und bricht als Ich-Erzählerin auf in eine neue Welt, die hinter der Backstube liegt. Die Bäckerin erweist sich als Meisterin der Transzendenz und entführt die Heldin in ein endes Leben ohne Zeit und Raum. Die Heldin erwacht als vollkommene Ich-Erzählerin und erzählt die Geschichte jetzt für alle.

Irgendwann geht auch die beste Jugend zu Ende, das hat das Leben so an sich. Allgemein wird versucht, die anstehenden Grausamkeiten mit schönen Begriffen zu überwinden. Die Engelmacherin erweist sich als so ein Begriff, dem man am besten aus dem Weg gehen soll, bevor ES geschieht.

Trotz aller pädagogischen Vorkehrungen, das Schöne und die Unschuld nicht zu verlieren, nimmt die Geschlechtsreife Fahrt auf. Die Engelmacherin verrichtet ihr Werk still und behutsam, sie hat einen Sohn, der wahrlich wie ein Engel lockt und mit seinen Locken spielt. Das Mädchen ist ihm gleich einmal verfallen, in der wahren Poesie gibt es keinen Sex, sondern nur schöne Sachen zwischen den Zeilen. So geht es drunter und drüber, und ehe es sich das Mädchen vom Anfang des Romans versieht, kommt es zu einer Wassergeburt und die Geschichte beginnt aufs Neue.

In einem Epilog macht wenigstens Ada einen Abgang und verschwindet mit dem Fährmann, so hofft sie, aus dem Kreislauf der puren Schönheit endlich ausbrechen zu können.

Katharina Ferners Roman liest man am besten mit von Ironie geröteten Augen. Dann können sich alle Poetologien, Märchenschnipsel, esoterischen Rituale und Visionen von einer unversehrten Welt so richtig entfalten, ohne dass man in die Falle einer überdimensionierten Aussteigermentalität verfallen müsste. Als Schöpfungsbericht voller Augenzwinkern ist der „Anbeginn“ ein Genuss. Am Anfang war das Wort, heißt es im großen Bericht, am Anfang war der Anbeginn, heißt es hier in seiner ironischen Spiegelung.


Katharina J. Ferner: Der Anbeginn. Roman.

Innsbruck: Limbus 2020. 187 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-99039-184-6.

Katharina J. Ferner, geb. 1991, lebt in Salzburg.

Helmuth Schönauer 15/01/21



GEGENWARTSLITERATUR 2965

Verletzte Gefühle

Nirgendwo ist die Provinz so perfekt ausgestaltet wie in der Weite Russlands, alle Liebschaften und Verbrechen verlieren sich in einer nie auftrocknenden Pfütze, die fallweise tief genug ist, um jemanden darin zu ertränken.

Alissa Ganijewas Provinzroman spricht schon im Titel die Stimmung an, von der alle Akteure gefangen sind: Verletzte Gefühle. So alt oder jung kann gar niemand sein, dass er nicht verletzt wäre, von den Mitbewohnern, dem Staat, oder einfach nur der Entlegenheit von Sinn. Da in einer Kleinstadt jeder mit jedem zu tun hat, entsteht aus allem, was man anfasst, Filz.

Schon am Cover prangt diese Pfütze, in die jeder hineintreten muss, weil es keinen Ausweg gibt, um trocken daran vorbeizukommen. Über jedem Aufeinandertreffen von Provinzhelden schwebt zudem der Geruch dieser süßlichen Korruption, die man am besten schmeckt, wenn man mit angeschlagenem Kopf in der eigenen Blutlache liegt.

Die Qualität russischer Romane besteht ja seit Dostojewski darin, dass eine Unmenge von Personen auftritt, um den Filz zu verdichten. Bei Alissa Ganijewa kommt der Filz bestens zur Geltung, für den Leser hat sie freilich einen Trick parat. Gleich zu Beginn sind fünfzehn Personen aufgeführt wie für ein Theaterstück, und jedes der fünfzehn Kapitel zeigt anschließend, wie diese Personen einzeln zugrunde gehen. Das ist nämlich das große Geheimnis: Je größer der Filz, umso einsamer geht man letztlich zugrunde.

Üblicherweise verliert man das Interesse, wenn es um Undurchschaubares geht, aber in diesem Roman will man bei jedem Kapitel wissen, wie die Protagonisten ermordet oder anderswie kaputt gemacht werden

Obwohl immer wieder Leichen aus dem sozialen Provinz-Letten gespült werden, handelt es sich bei den „verletzten Gefühlen“ um keinen Krimi, sondern um einen Gesellschaftsroman. Die Hände der Korruption sind ständig in Bewegung, eine Hand gibt, die andere nimmt, man blättert um, und jetzt laufen die Geschäfte bereits im Kick-back-Modus. „Es sind nicht meine Millionen, sondern staatliche“, (63) sagt eine Lokal-Maitresse ganz ungeniert.

Überhaupt sprechen alle alles offen aus, indem sie die kriminellen Machenschaften als logisch und gottgewollt zitieren. Diese Binsenweisheiten lauten dann etwa, „zu jeder Zeit sind sieben Prozent der Bevölkerung im Alkoholrausch“, „in der Bibel kommen keine Katzen, wohl aber Löwen vor“, „die Mode ist eine gesteuerte Epidemie“. In diesem Sprüche-Milieu gibt es freilich eine Todsünde, die man begehen kann, sie heißt Verfälschung der patriotischen Geschichtsschreibung.

In einem fulminanten Start bei Dauerregen steigt der Regionalminister zu einem kleinen Angestellten ins Auto und stirbt. Der Angestellte muss die Leiche loswerden, aber es gibt keinen Platz dafür, weil in der Provinz alles sofort ans Tageslicht kommt. Nach dem Tod des Ministers müssen sich seine Frauen umsehen, wie sie weiterhin zu Geld kommen, und auch die ganze Wirtschaft braucht neue Korruptionsvereinbarungen.

Ob Geschichtslehrer, der im Unterricht ein falsches Stalinbild zitiert, ob Museumskünstler, der eine falsche Figur für ein Denkmal aussucht, alle fallen der Reihe nach, indem man ihnen eine erotische Geschichte anhängt, die sie nicht verkraften.

Und selbst die erotischen Unruhestifterinnen, die an manchen Tagen ganze Landstriche von Männern um den Finger wickeln, sind Gefangene dieses Gefühlsgeschäftes. Eine Multi-Sekretärin leidet sogar an einer speziellen Lustkrankheit und bedauert es zutiefst, nur einen Körper für den Sex zur Verfügung zu haben.

Beim Sportfest stellt die Kleinstadt noch einmal alle ihre Vorzüge und dunklen Seiten zur Schau, ehe unzufriedene Schläger Unruhe auslösen und die geplanten Festakte und Ansprachen verkürzen. Plötzlich bricht sich die angestaute Gleichgültigkeit neue Bahnen. Wieder sind ein paar verhaftet worden. Gefahr liegt in der Luft. „Der Virus der Vernaderung und Denunziation hatte die ganze Stadt befallen. Der Nachbar spähte den Nachbarn aus, die patrouillierenden Kosaken schwangen ihre Peitschen: dass ja niemand die Nationalhymne herabwürdigt, niemand die althergebrachte Ordnung ins Wanken bringt, niemand über Heiliges lästert. Die Menschen hier ließen immer öfter manches ungesagt.“ (251)

Alissa Ganijewa zeigt ungeniert die Zusammenhänge einer korrupten Gesellschaft auf, die auch in der Peripherie eines weiten Landes anstandslos funktioniert. Nicht nur in der Liebe gibt es verletzte Gefühle, auch Patriotismus, Demokratie und Geschäfte können kollabieren, wenn die Akteure gekränkt sind, weil sich eine Utopie aus Kindheitstagen nicht erfüllt. Und allmählich werden die Kindheitstage selbst zur Utopie.

Bemerkenswert ist die Übersetzung von Johannes Egger. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ein Diplomat einen scharfen Roman so gründlich übersetzt, dass man alle Anspielungen versteht, und er dennoch höflich und wertschätzend gegenüber den Machtinhabern bleibt. Wer mit Verletzten zu tun hat, muss eine behutsame Sprache wählen.


Alissa Ganijewa: Verletzte Gefühle. Roman. A. d. Russ. von Johannes Eigner.

Klagenfurt: Wieser 2021. 251 Seiten. EUR 21,-. ISBN 978-3-99029-458-1.

Alissa Ganijewa, geb. 1985 in Dagestan, lebt in Moskau.

Johannes Eigner, geb. 1960 in Bad St. Leonhard, ist österr. Botschafter in Moskau.

Helmuth Schönauer 28/01/21



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2255

Die Wachswalze. Blumberg 2

Was ist ein Beatnik-Krimi und warum soll ich ihn lesen? Diese Frage wird selten gestellt, weil dieser Spezial-Thriller eine Rarität ist. Dabei ist er garantiert aufregend, auch wenn nicht unbedingt große Handlung sein Ding ist.

Den Beatnik-Krimi erkennt man am Verlag, der meist ausgesprochene Untergrund-Literatur vertreibt, an der Unauffälligkeit des Helden, der am liebsten als Koma-Patient durch den Roman schläft, am schrillen Überlebenskampf der Protagonisten, die allesamt Außenseiter sind, an der Liebe der Figuren zu literarischen Vorbildern in der Beat-Szene, und schließlich an seiner komprimierten Sprachführung, die oft an das Bellen eines Hundes gemahnt.

Andreas Niedermann hat mit der vom Leben gezeichneten Figur Isa Blumberg eine starke Frau geschaffen, der man alles anhängen kann, also auch einen Krimi wider Willen. Die Mutter eines erwachsenen Kevin, der den Bereich medizinischer Aussteiger befriedigt, und einer adoptierten achtzehnjährigen Penelope, die das Feld der Migration durch ihre somalische Herkunft abdeckt, wird im Falle der „Wachswalze“ in einen komatösen Fall hineingedrängt.

Über einen Schulfreund der Tochter tut sich ein Problem auf: Ein amerikanischer Drehbuchschreiber und Chronist von Aussteigerschicksalen ist im Schweizer Gebirge verunglückt und liegt ohne Bewusstsein in der Klinik. Sein Chauffeur ist beim Unfall gestorben, aber ein rätselhaftes Geschäft plagt die Hinterbliebenen.

Diese Nachlassangelegenheit im weiteren Sinn soll Isa nun aufklären. Sie tut das, damit sie für ein paar Tage wieder Sinn hat, denn sonst ist alles verstellt mit kaputten Beziehungen, Fragmenten von Liebschaften allerlei Geschlechts und einer generellen Unlust auf die Zukunft.

Es war eine Rolle, die sie spielte. Es war die Rolle ihres Lebens. Isa Blumberg recherchiert für einen Fall. Es war diese Rolle, die sie dazu brachte, zuzuhören.“ (110)

Von ihrem ersten Fall müssen wir bloß wissen, dass Isa gewalttätig sein kann und zuschlägt wie ein Mann, wenn die Geschlechterrollen nicht beachtet werden. Auch in diesem aktuellen Fall trainiert sie ständig am Sandsack, um sich fit zu halten und das Leben wie ein Beatnik aus sich herauszutrommeln.

Die Handlung beschränkt sich auf einen Besuch der ermittelnden Isa im Gebirge. Über Skype und Mail ist sie mit ihrer Tochter verbunden, die ständig neue Anfragen stellt und das bisher Aufgeklärte weiterleitet. Der Koma-Patient hat die Aufgabe, durch Liegen Geschichte zu schreiben. Er lebt an und für sich in der amerikanischen Western-Szene und arrangiert diverse Filme, wofür er auf der Suche nach Drehbüchern ist. Um eines dieser Drehbücher ist ein finanziell aufwändiger Streit entbrannt, denn es geht um einen Doppelmörder, der aus der Schweizer Idylle ausgebrochen ist und in Amerika sein Glück als Schauspieler versucht hat.

Nach einem Einbruch in ein verfallenes Hotel entdeckt die Ermittlerin schließlich eine Wachswalze, auf die ein Geheimnis aufgesprochen ist. Später wird sich der Text als Testament herausstellen und gewisse Zusammenhänge klären. Der finale Plot darf aus Spannungsgründen hier nicht verraten werden.

Wie so oft in der Beatnikszene geht es nicht um Action und Krawall, sondern um die wilde Seele im Innern, die permanent brodelt und sich nur selten Erleichterung verschaffen darf. Wie auch, wenn alle sexuellen Wege in eine Sackgasse münden! Der Sack an Patchwork-Beziehungen lässt sich nie schließen, die Angriffe der Männer sind unterirdisch pervers, und auch das Glück der Gleichgeschlechtlichkeit endet an miesen Tagen mit permanenter Selbstbefriedigung.

Während des ganzen Romans ist Isa von desaströsen Familienfragmenten umgeben, die die Unternehmung behindern. Eine Freundin ist zudem mit ihrem Baby überfordert, das nur dazu auf der Welt ist, die Konversation der Umgebung bis an die Wurzeln zu zerstören. Und die Kommunikation mit der Außenwelt ist mühsam, sobald sie jemanden befragt, dringen Krankheiten und Anmachen aus dessen Körper.

Alpiner Höhepunkt der sexuellen Wüste ist ein Besuch in einem Dorfgasthof, wo die Männer auf der Suche nach Heidi alles abgreifen, was Oberschenkel hat. Ein solcher Greifer wird von Isa im Reflex zusammengeschlagen, was die Polizei auf den Plan ruft. Die Sprache verklumpt an diesen Stellen zum besagten Hundegebell und hat die Wirkung von kurzen Schlägen in den Sandsack.

Auch die Namen der Protagonisten, Robert Selby oder Demian Hesse, setzen als Erinnerungsschläge ein und überlagern den aktuellen Sachverhalt sofort mit einer aufgesetzten Lektüre aus vergangenen Tagen. Als Kern des Romans stellt sich schließlich das aufgefundene Drehbuch heraus, worin die Welt auf einer Metaebene erzählt wird. Und heftige Ereignisse sollen möglichst fragmentiert bleiben, vergleichbar einem Rausch, aus dem man nicht zu früh geweckt werden will. Wenn man das Drehbuch verfilmte, wäre es logischerweise kaputt.

So liest man Andreas Niedermanns „Wachswalze“ am besten wie jenes Drehbuch, das man nicht als Film haben will, weil es schon als Vorlage das perfekte Release ist. Man sollte auch die Botschaft auf der Wachswalze nicht dechiffrieren, um sie nicht zu zerstören.


Andreas Niedermann: Blumberg 2. Die Wachswalze. Roman.

Zirl: Edition BAES 2020. 287 Seiten. EUR 14,90. ISBN 978-3-9504833-1-4.

Andreas Niedermann, geb. 1956 in Basel, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 20/01/21



GEGENWARTSLITERATUR 2963

Der Schwertkönig und die Biene

Wenn sich ein Text nicht auf Anhieb in eine vorbereitete Schublade legen lässt, empfiehlt es sich, seine Entstehungsbedingungen anzusteuern. Am Buchende steht verlässlich: „Latium – Wien – Südburgenland (vice versa) 2017/18/19/20“. Jemand hat offensichtlich in einem geographischen Dreieck vier Jahre lang Aufzeichnungen geführt.

Peter Pessl tüftelt seit Jahrzehnten an einem kleinen Kosmos herum, worin alles erfunden ist, gleichzeitig aber über poetische Frequenzen jeweils mit der Außenwelt aktuell in Verbindung steht. Wie beim Ritterverlag üblich, löst jedes Buch ein Genre aus. Hinter der Bezeichnung Technyphion steht so etwas wie eine kleine Werkstatt, die oft so klein ist, dass man nicht darüber redet. Und wenn man dann doch dieses seltene Wort verwendet, stellt sich jeder unter diesem Mini-Atelier etwas anders vor.

Der Schwertkönig und die Biene sind kurz auftretende Protagonisten einer einzigartigen Welt. Diese wird vom Autor betreut wie von einem Poesie-Imker, wodurch sich auch erklärt, dass dieser als Wanderimker seinem besonderen Bienenstamm nachreist und dabei Aufzeichnungen führt über Wetterphänomene und deren Auswirkungen auf den Erdboden.

Als Orientierungspunkte werden Datumsangaben eingerammt zu Verbindungssträngen zwischen der imaginierten Witterung und dem konkreten Boden, auf dem der Beobachter steht. „Mittags am 2. Dezember, der Tag war ganz mit Flüchten und Fallen, Flennen und Fürchten gefüllt, wollte ich noch ein letztes Mal durch den im späten Sommer mit der Ernte geräumten Honigraum tief in die horizontal gebaute Bienenbeute hineinsehen […].“ (68). Der Erzähler packt dabei alles zusammen, was er für den Winter braucht, ehe er sich in seinen eigenen Sprachschatz verkriecht, um daraus vielleicht im März wieder hervorzukriechen. „ (2. März) / Wasserrinnen am freien Feld, die ein Waldtor fluteten und sich kniehoch füllten.“

Zwischen diesen Rundgängen im Außendienst ist die kleine Werkstatt ständig im Einsatz, es entstehen jede Menge Bilder und Zeichnungen, die sprechen, zumindest sind alle mit einem Satz in direkter Rede unterlegt. „Der Wolf am Bahndamm“ / „Kopfweidenemblem“ / „Wenn Windfiguren aus…“ Diese Zitate können jedem x-beliebigen Pigment aus der Zeichnung zugeordnet werden, außerdem machen sie die Bilder einmalig, man kann mit ihnen wie mit Sätzen handeln, mit ihnen sprechen, oder sie in die Welt hinausschicken in eine Galerie.

Nebenbei ist diesen sprechenden Bildern ein Gedicht zugeordnet, das die Substanz des Geschauten in freien Versen wiedergibt. „Dunkel und noch / dunkler gelangt / Menschenblut / in den nördlichen Wasserwald, / eine Funkenmühle / aus Kieferngold. / Ich aber weiß, wer euch / die Scheunen verbrennt, / es sind Kreuzritter / und Ewiggestrige…“ / So vollendete die Waldmutter, Artemis“ (79)

Die Dramaturgie des Werkes entspringt mehreren Kraftebenen. Ein Imker betreut über Jahre seine Völker und entwickelt dabei eine eigene Sprache. Während der naturlosen Zeit arbeitet er in einer kleinen Werkstätte an Bildern, die nach ihrer Vollendung zu sprechen imstande sind. Aus den Sätzen der Bilder entstehen Gedichte, die plötzlich den Jargon wechseln und eine unheilvolle Welt erahnen lassen. Im Duktus von Karl Kraus in seinen „letzten Tagen der Menschheit“ eröffnet sich schließlich ein Schauermärchen der anderen Art. Schwertkönig und Biene nämlich mutieren zu historischen Fratzen und treten als Schweigekanzler oder Friedenskaiser in die Geschichte ein, um als Vertreter degenerierter Bienenvölker sich auf jenem Gebiet auszutoben, das sich schon einmal als Weltkriegsboden geeignet hat.

Gerade wenn es schön und harmonisch ist im Text, sollte man als Leser aufpassen, gleich kommt ein Unheil um die Ecke mit heftigem Sprachfuror.

Wenn man diese großartige Komposition des Peter Pessel in der Weltliteratur einbetten möchte, so könnte man die schroffe Idylle der Georgica von Vergil als Matrix nehmen, auf der in kleinen Klappbildern die ungeheure Tragödie des Karl Kraus hervorschnellt.

Zwischen den Akten entsteht dann etwas, das der österreichischen Geschichte sehr nahe kommt. Die Zutaten: Latenter Faschismus, in Honig süß aufgerührte Sissy, permanente Ultimaten für einen Weltkrieg, Installation eines Schweigekanzler, der dem Kapital hörig ist.

Es ist, als hätte der Autor in seinem Technyphion an einer poetischen Bombe gearbeitet, die imstande ist, mehr klein zu halten, als nur Bienenvölker.


Peter Pessl: Der Schwertkönig und die Biene. Technyphion.

Klagenfurt: Ritter 2020. 219 Seiten. EUR 18,90. ISBN 978-3-85415-615-4.

Peter Pessl, geb. 1963 in Frankfurt/M, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 24/01/21



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2254

Lichte Tage. Orbis Terrarum (2)

Wenn ein Autor über ein langes Leben verfügt, sieht er frühe Teile davon bereits im Archiv verschwinden, während er am gegenwärtigen Teil noch in Echtzeit atmet.

Peter Steiner stellt über seine erinnerten Aufzeichnungen „Orbis Terrarum“ daher die quälende Frage: „Wann wird aus Gegenwart Geschichte?“ (27) Die Antwort ist ermutigend: Sobald man darüber zu reflektieren beginnt. Der Groß-Titel vom Erdkreis beinhaltet einerseits den Kosmos des Autors, der ja eine ganze Welt für sich erlebt, zum anderen ist er eine Reverenz an die geographische und kulturelle Mobilität, denn der Autor ist ein Leben lang in Sachen Archäo-Paläo-Geologie (231) unterwegs.

Nach einer allgemein dunklen Epoche, die das „Kriegskind“ (Band 1) mit einer schizophrenen Aufspaltung in Stadt- und Land-Identität bewältigt hat, kommen jetzt der ehemalige Karl und seine Komplementär-Person Veit wieder zu einem Ich zusammen. Die Spaltung in der Kriegs-und Nachkriegszeit war notwendig, um die Aktion der allgemeinen Entnazifizierung als Individuum überstehen zu können. Denn die Entnazifizierung ist kein Reißverschluss, mit dem der braune Teil vom nicht-braunen getrennt wird, sondern ein langwieriger Prozess, aus dem allmählich halbwegs stabile Persönlichkeiten hervorgehen.

Der zweite Band beinhaltet die „lichten Tage“, die wahrscheinlich in jeder Biographie anfallen, wenn es um den Abschluss der Ausbildung, das Kennenlernen der Welt und die erste Lebens-Liebe geht. Der Erzähler tritt selbstbewusst als Ich auf, absolviert fürs erste eine Druckerlehre und verwendet jede Minute, um den Kontinent zu erkunden. Die lichten Tage fallen dabei auch auf die Weltlage, in der engeren Heimat rund um Bad Kleinheim herrscht Aufbruchsstimmung, Österreich ist frei, das bisherige Leben verkommt zu Zitaten. Noch jahrelang schreckt die Bevölkerung zusammen, wenn jemand erzählt, wie russische Soldaten am Wochenende Türen aufgerissen haben mit dem Ruf „Frau, Frau!“ und „Tanzen, tanzen!“.

Allein schon Wörter wie Staatsvertrag und Österreich erhellen das Leben. Der Erzähler fährt wie selbstverständlich in Gegenden, die heute oft Failed States oder teilweise Kriegsgebiet sind.

Auf den Spuren der Bagdadbahn, entlegene Grenzgebiete der Türkei, syrische Wüstendurchquerung, Mauretanien, Teheran all diese Orte sind momentan nur mehr in Geschichtsbüchern aufzusuchen.

Und hier kommt die große Stärke des Peter Steiner zum Zug. Er bereist die Welt nicht als Korrespondent für eine Zeitung oder Vertreter einer politischen Vereinigung, sondern reist als aufwachender junger Erwachsener, um sich mit der Fachkompetenz des Geologen ein Bild vom jeweiligen Land zu machen. So ist sein Standpunkt ein mehrfach vermessener und objektiver, soweit es im wissenschaftlichen Diskurs eben möglich ist. Seine Ansprechpartner sind Fachleute, die zwar um die aktuelle politische Lage Bescheid wissen, diese aber über die Fakten des Gesteins und der Erde spiegenl. Jeder Erdölturm wird so zu einem historischen Monument, an dem eine zeitgenössische Pumpe etwas fördert, was allmählich die Welt verändert.

Die luzide Epoche dieses Romans dauert etwa von 1955 bis 1967, der Erzähler absolviert dabei ein Studium, gründet eine Familie und wartet am Ende des Romans, dass ihn ein Ruf in die Welt ereilt. Dieser Ruf kommt schließlich aus der UNO, wo man den frisch promovierten Familienvater zu seinem ersten Auftrag nach Afrika an an die Küste Guineas schickt. Der Erzähler hat seine Familie glücklich geplant, sodass er Frau und Kleinkind in die Welt entführen kann, als wäre er allein auf der Welt.

In ehrlicher Weise wird herausgeschält, dass Orbis terrarum eine Angelegenheit des Erzählstandpunkts ist. Der Ich-Erzähler bestimmt währen dieser großen Saga den Lauf der Welt.

Für den Leser ist diese klare Ausgangslage der Geschichte eine persönlich gehaltene Zusatzquelle zur Zeitgeschichte. Man erfährt nämlich im Sog der Erzählung, wie Sand schmeckt, wie Wasser kein Alter kennt, und wie die Menschen allmählich zu einem Landstrich werden, wenn man sie Jahrtausende in einem Gebiet gewähren lässt. Und hinter all diesen Erkenntnissen ist ein lebenshungriger Mensch her, der in den entscheidenden Abzweigungen warten kann, bis sich der nächste Weg auftut. „Ich war jetzt promovierter Geologe, bewarb mich um eine Arbeitsstelle, schrieb Briefe in alle Welt, bekam Absagen aus Neuseeland, Australien, Kanada, Südafrika. Zuhause bot man mir einen Posten bei den Wiener Wasserwerken an. Diese hatten mit dem Bau der dritten Wiener Hochquellwasserleitung begonnen, aber noch keinen Geologen gefunden.“ (455)


Peter Steiner: Orbis Terrarum. Roman. Band 2. Lichte Tage.

Innsbruck: Edition Laurin 2020. 458 Seiten. EUR 26,90. ISBN 978-3-902866-93-6.

Peter Steiner, geb. 1937 in Baden, lebt in Baden.

Helmuth Schönauer 18/01/21



GEGENWARTSLITERATUR 2964

Eine Seuche in der Stadt

Meine Mikroben halten sich leider nicht an den Marxismus. Der sowjetische Wissenschaftler weiß sofort, dass das unter Stalin tödlich sein kann.

Ljudmila Ulitzkaja sitzt schon seit 1978 auf ihrem Seuchenstoff, damals hat sie ein Treatment für ein Filmprojekt verfasst, das aber politisch noch nicht durchsetzbar war. Immerhin ging es um einen entkommenen Pesterreger, den Stalin 1939 mit seinen zwei Lieblingswörtern bekämpfte: Liste und Liquidation.

Jetzt zu Zeiten der Pandemie holt die Autorin den Stoff auf ihrem Depot und macht eine hart geschnittene Erzählung daraus. Der Gattungsbegriff Szenario lässt offen, wie man den Release anlegen soll, als Stück für Home-Office, als Vorausdreh für einen späteren Film oder einfach als beklemmende Erzählung, dessen Schärfe sich jeder Leser selbst am Okular einstellen kann.

In kleinen Schnipseln, die meist aus einer Szeneanweisung und einem knappen Dialog bestehen, wird ein Pesterreger quer durch die Erzählung getragen. Der Forscher Rudolf Mayer arbeitet in einer Kleinstadt an einem Heilmittel gegen die Pest, als er dringend ans Telefon geholt wird. Am anderen Ende wartet die hochrangige Kommission in Moskau, er soll sofort kommen und Ergebnisse mitbringen. Zu Stalins Zeiten kommt es auf jede Sekunde an, wenn man ans Telefon gerufen wird. Der Forscher reißt sich die Maske vom Gesicht, erledigt den Anruf und macht sich auf den Weg nach Moskau.

Zuvor muss er noch schnell Klarheit in den Beziehungen schaffen, die Ehefrau wird dienstlich über die Reise informiert, die Geliebte muss sich freinehmen und soll im nächsten Zug nach Moskau ins Hotel nachkommen.

Auf der Fahrt beklauen sich die Fahrgäste gegenseitig und reißen das Wichtigste an sich. Da einem Passagier die Stiefel geklaut worden sind, muss er sich vom Nachbarn Schuhe ausleihen, um am nächsten Bahnhof die Polizei zu verständigen. Die russische Eisenbahn ist seit Jahrhunderten für engen Körperkontakt ausgelegt, und je näher Moskau kommt, umso fiebriger wird der Forscher, der an eine Lungenentzündung denkt.

Später dann reicht es gerade noch, die Ergebnisse der Akademie vorzutragen, dann bricht die Pest am Referenten aus. Rudolf Mayer hat sich dienstlich infiziert, als er sich die Maske wegen des Telefonats unaufmerksam aus dem Gesicht gerissen hat. Die Notaufnahme des Krankenhauses wird sofort in eine Quarantänestation umgebaut, die Behörde arbeitet stracks über den berüchtigten Geheimdienst die tödlichen Listen ab, und schließlich tritt auch Stalin ungenannt als Diktator mit georgischem Akzent auf. Seine indirekten Befehle werden ohne Umwege ausgeführt. Listen und Liquidation, lautet die Empfehlung, an die sich die Beamten halten. Zehn Jahre Haft ohne Briefverkehr, heißt die Formulierung für die Angehörigen, die an das ständige Abgeführt- und Vorgeführtwerden schon gewohnt sind. Als es an der Tür klingelt, kommt es zum Kürzestdialog eines Ehepaares: „Was ist los? ‒ Du wirst abgeführt.“ (48)

Im ganzen Land arbeiten die Behörden die Kontaktpersonen ab, der Pestforscher hat eine ordentliche Todesspur hinterlassen, als er stirbt. Das Regime geht auf Nummer sicher, im Zweifelsfalle wird jemand beiseite geschafft, ehe er die Krankheit verbreiten kann. Die Behörde siegt, weil sie brutaler als Bakterien ist. Im Nachwort schreibt die Autorin: „Die Sicherheitskräfte waren stärker als die Natur!“

Das ist auch der Grund, warum der Stoff in den 1970er Jahren nicht zum Zug gekommen ist, denn dieser Pestfall in Moskau gilt als jenes Ereignis, wo der Stalinismus ausnahmsweise wohltuend gewirkt hat. Die Seuche konnte tatsächlich ausgerottet werden.

Im Anhang sind wie für ein Theaterstück die Rollen ausgelegt nach dem Grad der Ansteckung. In ähnlicher Weise dürften die Gesundheitsämter hochentwickelter Demokratien vorgehen, wenn sie auf Cluster-Jagd sind. Seit der Pandemie sind wir alle Fachleute für Quarantäne, Kontaktpersonen, Ansteckungsgefahr und schmückende Umschreibungsfloskeln geworden. So spricht man in Moskau nie von Pest, denn das würde Angst machen, sondern stets von Influenza, das klingt wunderbar, fast schon wie ein Heilmittel.

Stalin hätte sich wohl nie träumen lassen, dass seine rigiden Maßnahmen dereinst einmal zumindest sprachlich beim Klassenfeind goutiert werden könnten. Denn wenn man genau hinhört, schwingt in den diversen Diskussionen rund um die Pandemie durchaus radikales Denkmaterial mit.

Ljudmila Ulitzkaja legt mit ihrer scharfen „Seuchengeschichte“ alles frei, was in einer schön eingefärbten Diskussion sonst gerne verhüllt wird.


Ljudmila Ulitzkaja: Eine Seuche in der Stadt. Szenario. A. d. Russ. Von Ganna-Maria Braungardt. [Orig.: Просто чума, Moskau 2020].

München: Hanser 2021. 110 Seiten. EUR 16,-. ISBN 978-3-446-26966-8.

Ljudmila Ulitzkaja, geb. 1943 in Baschkirien, lebt in Moskau.

Helmuth Schönauer 26/01/21



GEGENWARTSLITERATUR 2960

Eisenhagel

Wenn Industrie, Aufklärung und Zukunftswille aus einer Gegend abgezogen sind, bleibt den Menschen oft nur die Verwaltung der Geschichte und das Zelebrieren scheinbar archaischer Bräuche.

Martin Wanko siedelt seine Geschichte vom Erwachsenwerden eines Jugend-Quartetts im degenerierten Eisenhagel an. „Das ist er, der Geruch der Verwesung. Eine Stadt stirbt.“ (97) Kohle und Eisen sind längst abgehauen, es bleiben bloß noch staatsnahe Überlebensjobs wie Krankenschwester oder Lehrer, der Rest muss abwandern.

Die Stadt lebt von der Vergangenheit und vom Krampuslauf am 5. Dezember, der für ein ganzes Jahr Sinn stiften muss. Die Helden des Psycho-Romans sind zwei jugendliche Pärchen, die sich wie in einem Jugendbuch von den vier Freunden zusammengeschlossen haben, wohl wissend, dass sie eigentlich zu fünft sind. Einer nämlich ist aus der Gruppe ausgeschlossen worden und mimt jetzt im nahen Graz einen erfolgreichen Start-Upler, der noch eine Rechnung mit den Vieren aus Eisenhagel offen hat.

Die weibliche Protagonistin ist Krankenschwester im Bezirkskrankenhaus und muss sich ständig gegen Hypnose-Attacken des Oberarztes wehren. Dieser hat zu viel ferngesehen und glaubt, Jenny in Hypnose verführen zu können. Aber aus dem Spiel wird medizinischer Ernst, denn dass man bei einer Spiel-Hypnose erbricht, weil es so in einem würgt, muss wohl auf einer medizinisch relevanten Ebene ablaufen. Der dunkle Fleck jedenfalls liegt in einer Vergewaltigung während des Spießrutenlaufs in der Vergangenheit, und er lässt sich zumindest in der Provinz nicht aufarbeiten. So fährt Jenny mit ihrer Freundin nach Graz und sucht den ominösen Aussteiger auf, der noch eine Rechnung offen hat, die er am anstehenden Fell-Umzug begleichen wird.

In einer Parallelaktion wird Kevin Organisator des aktuellen Laufs, ihm wird ein seltsamer Mr.Clever zugeteilt, der alles vermarkten will. Als er überraschend zu Tode kommt, sind sich nicht alle sicher, ob es sich nicht auch hier um eine Inszenierung handelt.

Während des Krampuslaufs geht es dann drunter und drüber wie in einem Alptraum. Der ganze Hass auf das Leben in der verlorenen Stadt bricht sich eine Bahn an die Oberfläche und lässt die Träume, Enttäuschungen und das abgehängte Leben zu einem zotteligen Klumpen werden, der auf alles einschlägt, was auf der Straße unterwegs ist. Nach diesem Showdown muss wie in einem Western das Ende folgen, denn nach dieser Zerstörung des sozialen Geflechts ist kein Weiterleben mehr möglich.

Martin Wanko ist gelernter Dramatiker und inszeniert den Krampuslauf gnadenlos und von entgleister Folklore getaktet. Das Genre „Steiermark-Krimi“ wird unbarmherzig ausgebreitet. Das beginnt schon mit dem seltsamen Namen Eisenhagel, der völlig authentisch klingt und höchstens noch gesteigert wird durch Ortschaften wie „Harnbluten“ (48), wohin eine Nebendarstellerin fliehen will, als es ihr in der Unglücksmetropole zu heiß wird. „In Eisenhagel stimmt alles, und somit nichts.“ (34)

Arbeitsplatz, Gasthaus, Schlafzimmer, Hypnose: Überall wird in einer ungeschminkten Sprache gesprochen, die in ihrer Absolutheit ständig übers Ziel hinausschießt. Deshalb ist der Seelenzustand der jeweiligen Helden oft in einer kursiv gesetzten Regieanweisung zusammengefasst. „Du kleine Lügnerin. Du hast es dir genommen. Du Schlampe.“ (26) Der Handlungsablauf ist, wie bei sonst bei skandinavischen Krimis üblich, sorgfältig in kleine Portionen geschnitten, die mit einem fett gedruckten Anfangssatz den Leser stets wach halten und keine Ermüdung beim Lesen dulden.

Krimis sind austauschbar und ihre Versatzstücke bestens erprobt. Martin Wanko hat aus diesen Vorgaben einen unvergesslichen Krampuslauf der Lektüre gemacht. Unter dem Design eines makaberen Rituals liegt eine traurige Geschichte vergraben, die nach Verwesung riecht, wenn man sie an die Oberfläche lässt. Noch schmerzt diese Verfallskultur der Steiermark, später einmal wird man sie geruchlos freilegen und besingen. Vielleicht macht man auch einen digitalen Volksauflauf daraus.


Martin G. Wanko: Eisenhagel. Der Krampuslauf. Ein Steiermark-Krimi.

Graz: Keiper 2020. 245 Seiten. EUR 13,99. ISBN 978-3-903322-17-2.

Martin G. Wanko, geb. 1970, lebt in Graz und Bregenz.

Helmuth Schönauer 06/01/21



GEGENWARTSLITERATUR 2962

Arigato

Familiengeschichten sind nie erdbebensicher gebaut. Wenn es ordentlich rüttelt, fällt das schöne Lügengebäude aus gefälschtem Stammbaum und verlogener Herkunft meist krachend zusammen.

Ursula Wiegele erzählt die Geschichte des Erdbebens 1976 in Friaul aus der Perspektive der heranwachsenden Vera. Als Ich-Erzählerin erlebt sie ihren Ausweg aus der Naturkatastrophe ungeschminkt und unmittelbar, sie ist aber neugierig und jung genug, um die zerrüttete Welt als einen Vorgang zu begreifen, der offensichtlich zum Erwachsenwerden dazugehört.

Als die Dörfer im Kanaltal zertrümmert sind, geht es ans Aufräumen und Überleben. Vera kommt zu Verwandten nach Villach, Onkel und Tante sind seinerzeit 1940 in der „Itler“-Euphorie, wie es italienisch ausgesprochen wird, nach Kärnten gezogen. Während Onkel von der Frisur abwärts den strammen Deutschen mimt, steht die Tante versöhnlich zwischen den Welten und erkennt vor allem das Alltagsmenschliche, das beim Überleben letztlich bei jedem Menschen zum Vorschein kommt.

Aussiedeln heißt, eine neue Sprache zu lernen. Die Heldin stellt sich unter dem Fremden etwas Schönes vor, wie sie es von der japanischen Kultur gehört hat. Daher ist ihr erstes Wort Arigato, was Dankbarkeit oder einfach danke bedeutet. In Villach freilich weht ein anderer Sprachwind, wer hier etwas sein will, muss Eisenbahner sein, heißt es in einer Sendung, die über den Bildschirm flimmert.

Die alte Kinderwelt interessiert hier niemanden, auch die schöne Sage vom Orcolat nicht, der in den Bergen von Carnia lebt und Erdbeben auslöst, wenn er sich bewegt. Am ehesten versteht das noch Hannes, der als Slowene im Einheitsbrei der Villacher nichts zu melden hat und argwöhnisch beäugt wird, wenn er einen Volksaufruf der „Daitschen“ nicht unterschreibt.

Die Heldin stürzt sich auf das Erlernen der deutschen Sprache, so ein Begriff wie „wortbrüchig“ kann sie vollends verwirren, zumal ja das Wort dabei nicht auseinanderbricht. Das Erlernen der neuen Sprache fußt bei Vera auf einer außergewöhnlichen Methode, sie kann die Wörter stegreif von hinten nach vorne lesen und dadurch wie mit einer Löschtaste aus dem Wortschatz streichen, wenn es schlechte oder falsche Wörter sind.

Allmählich dämmert es der „Sprach-Süchtigen“, dass hinter der Anwendung von Wörtern auch eine Wertehaltung steckt. So wie sie im Japanischen nur die Schönheit sehen wollte, wollte sie im Deutschen das Hilfreiche sehen, das ihr beispringt. Hinter der vorgegaukelten Klarheit der Aussagen tut sich freilich ein schummriges Gemenge von Vorurteilen, Aberglauben und Gerüchten auf. Als sie als angehende Frau Probleme mit der Regel bekommt, fährt man sie nicht zu einem Arzt, sondern zu einem Kriegskameraden des Onkels nach Linz. Dieser setzt höchst fragwürdige Heilmanöver, zwar muss sich das Mädchen nicht entkleiden, aber die Berührungen gehen weit über eine Untersuchung hinaus. Als es statt eines Medikaments ein Stück Alufolie gibt, das zwischen den Beinen getragen werden soll, ahnt die Erzählerin, dass die Wirklichkeit vielleicht anderen Gesetzmäßigkeiten unter liegt, als allgemein vorgespielt wird.

Verschärft wird dieser Blick hinter die Kulissen des Kärntner Alltags, als es einen Ausflug zurück zu ihrem kaputten Dorf gibt. Längst hat sich ein Zweiklassensystem entwickelt zwischen jenen, die in Zelten wohnen, und jenen, die sich bereits erste Zweitwohnungen unter den Nagel gerissen haben. Aufbau bedeutet auch hier, dass die Kluft zwischen Arm und Reich gepflegt wird. Umrahmt wird das Ganze durch Gaffer und Durchreisende, die schnell Fotos machen, Selfies gibt es ja noch nicht.

Und auch die Verwandtschaftsverhältnisse der Zurückgebliebenen lassen allerhand neue Deutungen zu. Mutter hat offensichtlich zu vertuschen versucht, dass die biologischen Stammbäume anders verlaufen sind als die offiziell dargestellten. Das Wort Seitensprung beschäftigt Vera noch lange, denn auch hier ist es nicht das Wort, das vom Weg abkommt und in die Büsche springt.

Orcolat sprengt also nicht nur Häuser zum Wohnen, sondern auch „Lügengebäude“, was auch wieder so ein Wort ist, das plastisch ganz anders wirkt als semantisch.

Die Erzählerin ist jung und es ist noch nicht richtig Sommer, eine gute Gelegenheit, das Chaos im Kanaltal und in Villach zurückzulassen und an die Adria zu fahren. Fürs erste aber wird Vera kotzübel, die sogenannte Rimini-Krankheit, wo man sich überfrisst, meinen die Profis. Sie aber ist sich nicht ganz sicher und behält den Bauch im Auge, zumal am Nachbarstrand in Lignano Hannes wartet, der sich inkognito eingemietet hat.

Arigato erzählt vom Erwachsenwerden durch das Erlernen fremder Kulturen. Nur wer ständig an seiner Sprache rüttelt, kann sich auf deren Festigkeit verlassen.


Ursula Wiegele: Arigato. Roman.

Salzburg: Otto Müller Verlag 2020. 195 Seiten. EUR 22,-. ISBN 3-7013-1280-1.

Christian Lorenz Müller, geb. 1972 in Rosenheim, lebt in Salzburg.

Helmuth Schönauer 06/01/21