Buch in Pension – Rezensionen März/2020


Peter Simon Altmann: Das Andere. Roman.

Helwig Brunner: Gummibärchenkampagne. Minutennovellen.

Julius Deutschbauer: Bibliothek ungelesener Bücher. Plakatauswahl 2017 bis 2020.

Dietmar Füssel: Mondgezeiten. Lyrik.

Egyd Gstättner: Klagenfurt. Was der Tourist sehen sollte.

Tine Hoeg: Neue Reisende. Roman.

C. H. Huber: Die Vögel reden wieder miteinander.

Lucia Leidenfrost: Wir verlassenen Kinder. Roman.

Meinrad Schumacher: Meine Kindheit im Saggen.

Beate Troyer / Hubert Flattinger: Mein Popo ist meine Sache. Kinderbuch.


TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2223

Das Andere

Während einer langen Lesebiographie gibt es immer wieder mitreißende Auszucker, an denen man sich überlegt, eine Zeitlang einfach den Inhalt eines Buches nachzuleben. Den Helden aus Fahrenheit 451 ähnlich inhaliert man ein Buch und stellt das eigene Leben hintenan.

In Peter Simon Altmanns Roman „Das Andere“ gerät der Held Jakob Waltz in diese Situation, er muss sich nach einer riskanten Herzerkrankung neu sortieren und überlegt, ob er sich dabei nicht an Victor Segalens Werk herantasten könnte, um vielleicht mit neuem Elan in seinem Geiste weiterzuleben.

Victor Segalen (1848–1919) bereiste Polynesien und China und konstruierte als Mediziner und Ethnologe Brückenschläge zur fernöstlichen Denkkultur. Im Hauptwerk „Die Ästhetik des Diversen“ geht er den Spuren des sogenannten Anderen nach, das sich in jedem Augenblick manifestieren kann. Das Problem ist freilich, dass man eine Grundfolie braucht, um darauf das Andere zu entwickeln. Das Andere für sich wäre ja wieder das Gleiche.

Jakob Waltz ist also in der Hauptsache damit beschäftigt, das Andere auf sich einwirken zu lassen, er hat eine Erbschaft gemacht und keine materiellen Sorgen. So hält er sich lange in Asien auf, bis Europa wieder weit genug weg ist, um es wieder neu zu entdecken.

Wenn man keine materiellen Sorgen hat und in einen literarischen Habitus geflüchtet ist, können die Tage lang werden. Das Aufregende besteht in kleinen Ortswechsel, der Held fährt meist mit der S-Bahn von Salzburg nach Bad Reichenhall, wo er seine Erbstücke verkaufen muss. Die Villen sind offensichtlich von einer Hangrutschung gefährdet und zeigen sich bei jedem Besuch ein wenig mehr in Schräglage, es kann aber auch an der Witterung liegen, die oft zwischen zwei Schnellbahnstationen einen Wechsel vornimmt.

Das Andere zeigt sich vor allem in der Sprache, der Held „sperrt sich dagegen, den Schlaf in Empfang zu nehmen.“ Tagsüber ängstigt er sich. Die „Kammer aus Porzellan zu verlassen.“ Solche Fügungen zeigen den „anderen“ Zustand, wie er im Werk Segalens beschrieben ist. Im Stile eines Verkörperungsromans gilt es nun, diese in der zeitlichen und örtlichen Ferne installierten Sätze in der Salzburger Gegenwart abzurufen und daraus einen Sinn zu gewinnen. An manchen Tagen kommt der Held aber nicht viel weiter mit den Gedankengängen, oft ist er schon froh, wenn es zu einer Binsenweisheit reicht. „Um das Andere erfahren zu können, muss man richtig disponiert sein.“ (31)

Bei Segalen wimmelt es nur so von Wendepunkten und Aufbrüchen, die Helden haben sogar die Fähigkeit, einen jugendlichen Wiedergänger zu treffen und Kindheit und Alter in einer Szene zu erleben.

Für den ehemaligen Unternehmer und jetzigen Herzrekonvaleszenten reicht es kaum, passable Sätze zu finden, geschweige denn das Leben zu ändern. Pathetisch formuliert er: „In welche Umstände müsste ich geraten, damit mein Herz das Andere einzieht?“ (93)

In guten Stunden liegt er in einem Hotel in Shanghai und lässt das ferne Werk auf sich wirken, Scheidung, Herzinfarkt, Verkauf der Firma, Erbschaft, alles deutet auf ein gutes Karma hin, um endlich etwas neues beginnen zu können. Aber so oft kann man den Kontinent gar nicht wechseln, dass nicht binnen kürzester Zeit wieder das Andere zum faden Alltag geworden wäre. Es bleiben ein paar Fügungen im Notizblock, „das Andere ist ein Geschenk“, dieser Satz passt zu jeder Zeit. Am Schluss geht der Held wieder einmal ins Freie, an der Salzach weht ihm ein frischer Wind entgegen. Das war es dann, dieses Leben für das Andere.

Peter Simon Altmann baut seinen Helden zu einer literarischen Figur aus, die im Verzehr von Literatur selbst verzehrt wird. Nicht einmal mit einem Haufen Geld gelingt das Aussteigen, wenn man nicht weiß, in welchem Leben man gerade steckt. Rastlos zwischen den Fragmenten der Erbschaft herumzuirren, ständig die Kontinente zu wechseln in der Hoffnung, dass man dabei die Kulturen wechseln könnte, den Kopf in ein hundert Jahre altes Werk zu klemmen: Alles ist letztlich vergeblicher Zeitvertreib! – Schon lange nicht mehr ist das Sinnlose so schön beschrieben worden!


Peter Simon Altmann: Das Andere. Roman.

Innsbruck: Edition Laurin 2020. 157 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-3-902866-86-8.

Peter Simon Altmann, geb. 1968 in Salzburg, lebt in Salzburg.

Helmuth Schönauer 19/02/20



GEGENWARTSLITERATUR 2882

Gummibärchenkampagne

Gummibärchen sind letztlich haptische Tropfen aus Gelee, ziemlich substanzlos, aber immerhin fähig, eine Farbe zu tragen. So dienen diese Gummipartikel während einer Wahlkampagne oft den diversen Parteien als Miniaturausgabe eines einfärbigen Wahlprogramms. Der potentielle Kunde erhält etwas zum Spielen und Lutschen, ehe alles hinuntergeschluckt werden muss.

Helwig Brunner haben es für seine Gummibärchenkampagne vor allem diese biegsam-kleinen Figürchen angetan, die er zu Miniaturnovellen ausbaut. Für sein Erzähl-Rezept verwendet er drei Zutaten: Aus einem Vornamensregister werden Namen herausgeschüttelt, wie es Eltern oft machen, wenn sie ihre Kids benennen müssen. Eine unerhörte Fügung aus dem Alltag wird als Höhepunkt aus dem Tages-Trash herausgehoben. Im Stile einzeln verpackter Bonbons wird um diesen unerhörten Satz ein kleines Erzählambiente herumgewickelt.

So wird ein Zugpassagier ziemlich geil, als er in seinem Waggon eine Fahrkarten zwickenden Schaffnerin antanzen hört, er stellt sich vorerst allerhand gereifte Erotik vor, und ist dann perplex, als er das Namensschild liest. Die Frau heißt Petra und passt überhaupt nicht zu seiner mühsam aufgebauten Erektion.

In einer anderen Sequenz leitet jemand aus einer versäumten Straßenbahn sein Karma ab, indem er eine absurde Kausalkette zusammenstellt, in der alle Wahrnehmungen gleich wichtig sind. Dieses Lebenskonzept gleicht einem Sack Gummibärchen, der nur bedingt zur Bewältigung etwaiger Krisen taugt.

Die etwas über hundert Mininovellen greifen dabei ein Konzept aus der ungarischen Untergrundliteratur auf, als man im Gulaschkommunismus scheinbare Alltagswahrheiten zu kleinen Schnipseln verbraten hat, indem man Novellen solange eingedampft, bis sie der Obrigkeit nicht mehr weh tun.

Bei Helwig Brunner wird das Leben in vier Töpfen eingesotten und zu Bärlis verkocht. Eigenbrötler, Paare, Schreibende und Lesende, Herden liefern die Oberbegriffe, unter denen üblicherweise auch die Literaturgeschichte abgelegt ist.

In den Eigenbrötlern bilden sich seltsame Käuze heraus, jemand benützt etwa einen Socken mit so großen Löchern, dass er ihn als Röhrenstrumpf verwenden kann. Ein anderer verursacht einen Unfall und fährt anschließend wie ferngesteuert durch die Landschaft. Jemand fragt, ob der Fisch gesund sei, und kriegt zur Antwort: Nein, er ist tot. (17) Ein Klavier-Künstler schränkt seinen musikalischen Kopf ein, indem er ständig daran denkt, endlich den Schemel zu räumen. Einem anderen Kopf sieht man es von außen an, dass das Gehirn als russische Puppe ineinander geschachtelt ist.

Dramatisch geht es zu, wenn Paare zusammenkommen oder gar das Auskommen miteinander finden müssen. So werfen sich zwei Paarungswillige gegenseitig vor, nicht zu einem gemeinsamen Konto fähig zu sein, denn er frisst wie eine Sau und sie fährt wie ein Schwein Auto. Das erklärt novellenhaft klar, warum es hier zu keinem gemeinsamen Geldgebrauch kommen kann. Ein Spezialist für Exponentialkurven kommt während des Referats aus dem Konzept, weil er im Publikum eine ehemalige Schulfreundin sieht. Eine Frau sucht wegen ausstehender Alimente eine längere Männerbeziehung, sie lässt sich die Haare verlängern, nachdem ihr jemand gesagt hat, dass die Haarlänge mit der Länge der Beziehung zusammenhängt. Eine andere Frau schaut einem Mann und dessen Vater beim Schnapstrinken zu und flüchtet voller Ekel, ehe die beiden das Schnapsglas abgestellt haben.

In einem unkontrollierten Flash wird jemand beim Anblick des Müsli-Löffels an eine Beziehung vor Jahrzehnten erinnert. Ein anderer Held soll Gummibärchen nach Farben ordnen, ist aber farbenblind, sodass alles Bestreben nach Ordnung umsonst ist.

Im literarischen Sud-Topf geht es um Lesen und Schreiben und manche Kleinnovelle erschöpft sich in der Dramaturgie auf das Benennen von literarischen Fachausdrücken wie „Blindtexte / Satz / Widmung oder Buchfrühling“. Während einer Lesung wird ein Autor daran erinnert, dass ein Werk nicht unbedingt ein Buch sein muss. Wenn er nämlich aus dem Fenster schaut, sieht er die Aufschrift Walzwerk. Ein ziemlich verlorenen Krimiautor hat nichts Fixes in seinen Büchern anzubieten außer der These, dass Blut nach Eisen schmecke.

Ein Newcomer ist empört, weil der Verlag seinen Titelvorschlag anlehnt. Eine Miniatursammlung soll nämlich „der große Narrator“ heißen. (99)

In der losen Herden-Sammlung geht es ums Händeschütteln ins Leere, um eine Duftkarte, welche wie eine Grafikkarte in den PC eingebaut wird, und ums ewige Gendern. Ein Ängstlicher sagt nämlich „Geh weg du Hund!“ und wird von der Hundebesitzerin darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um eine gegenderte Hündin handelt.

Das letzte literarische Gummibärchen lässt alles Beiwerk beiseite und verdampft sich selbst zu einem Aphorismus: „Suche (2) / Als er endlich die richtige Hausnummer fand, bemerkte er, dass er längst in der falschen Straße war.“ (139)

Helwig Brunners Minutennovellen sind voller Schalk, Alltagssound und grotesker Dramatik. Fallweise ist eine Moral dabei wie bei einer Brechtschen Keunergeschichte, dann wieder schwingt ein vorgeblicher Nonsens a la Morgenstern durch. Auch wenn man die einzelnen Plots schon wieder vergessen hat, bleibt doch eine generelle Aufmerksamkeit für das Leben: Alles könnte eine Novelle werden, wenn man lange genug hinstarrt. Und die wahre Literatur ist ja nichts anderes, als das Hinstarren auf das Unausweichliche.


Helwig Brunner: Gummibärchenkampagne. Minutennovellen.

Graz: Droschl 2020. 144 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-99059-049-2.

Helwig Brunner, geb. 1967 in Istanbul, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 22/02/20



GEGENWARTSLITERATUR 2884

Bibliothek ungelesener Bücher

Wenn ich weiß, dass ich ein bestimmtes Buch nicht gelesen habe, habe ich es eigentlich schon gelesen.

Julius Deutschbauer leitet seit Jahrzehnten die Bibliothek der ungelesenen Bücher und macht damit gestandene Bibliotheken fast wahnsinnig. Im üblichen Quiz, wo entsteht die Literatur, beim Autor, Verlag oder Leser? kreuzt er regelmäßig Leser an, und seine Literatur entfaltet auch dann die volle Funktion, wenn sie niemand gelesen hat. Wichtig ist bloß, dass die ungelesene Materie materialisiert ist in Gestalt eines Buches und so zumindest für kurze Augenblicke vom Leser in die Hand genommen und wieder ins Regal zurückgestellt werden kann.

Begleitet wird dieser Vorgang der Materialisation des Nicht-Gelesenen von Plakaten, auf denen eine künstlerischer Vorgang abgebildet ist, der aber bloß als Plakat besteht. Die Kunst gibt es somit bloß als Realisation durch das Plakat, das aber nicht unbedingt aufgehängt sein muss. Es genügt für den Leser, dass er weiß, dass es diese Plakate gibt.

Wie andere Autoren fallweise Bücher herausbringen oder Aufsätze abliefern oder gar am Vorlass für die Kiste arbeiten, so packt Julius Deutschbauer fallweise ein paar Plakate zusammen und verschickt sie mit der Erwartung, dass sie der Sammlung ungelesener Bücher des jeweiligen Adressaten hinzugefügt werden.

Die aktuelle Aussendung aus dem Februar 2020 besteht aus vier Plakat-Artefakten („Plakatefakten“), auf denen vier Kunst-Situationen dargestellt sind.

Das Jubiläumsplakat „20 Jahre Bibliothek der ungelesenen Bücher“ spielt auf eine Ausstellung im Musil-Museum in Klagenfurt an, wo unter den diversen ungelesenen Büchern der Bestseller des Nichtgelesenwerdens aufscheint: Der Mann ohne Eigenschaften. Dieses Buch ist perfekt für das Nichtlesen geeignet, es ist fett und umfangreich, behauptet im Titel, dass der Held ohnehin kein Held ist, es wird viel zitiert und ausgestellt, und hilft vor allem dem Musil-Institut in Klagenfurt zu einer gewissen Daseinsberechtigung. Wenn es nämlich über einen Autor ein Museum gibt, wird er schon wichtig gewesen sein. Und einen wichtigen Autor braucht man erst recht nicht zu lesen, weil das ja ohnehin all die anderen machen, die ihn zitieren. Auf dem Musil-Plakat sitzt der Autor folgerichtig auf dem Leichenwagen vor dem Grabstein Musils, auf dem unter dem großen Dichter in kleinen Buchstaben Martha Musil eingehauen ist.

Im zweiten Plakat wird die Regalwand mit Musil aufgegriffen, der Autor liegt nackt am Boden und trägt einen Beingips, offensichtlich hat ihn ein Leseunfall ereilt. Um die Scham zu vertuschen, liegt ein Buch von Marianne Fritz auf dem Genital und deckt es sauber zu. Marianne Fritz ist hat ähnliche Eigenschaften wie der Mann ohne Eigenschaften, sie ist also das gegenderte Plakat zum ersten.

Im dritten Kunstwerk sitzt der Autor als Plakatheld an einem gigantischen Speise-Tisch, wie wir ihn aus dem „Großen Fressen“ kennen. Er hat ein kleines Kind serviert bekommen und macht sich an die Delikatesse. Als Überschrift ist eine Zeitungsnachricht eingepixelt, wonach die herzlosen Migrationseltern oft ihre Kinder dem Meer opfern, damit diese vielleicht einmal ein besseres Leben bekommen.

Im vierten Plakat schließlich geht es ans Eingemachte. Der Plakatheld greift sich in den Hosenschlitz und unterlegt damit die Überschrift mit einer züchtigen Geste. Einem Motto von Marcel Duchamp zufolge reibt sich der handwerklich geschickte User die wichtigen Sachen selbst herunter.

Die Plakate sind so offen angelegt, dass alles herausfällt, was man in sie hineininterpretiert. Im Idealfall erinnert man sich als User daran, dass man ein paar Motive gesehen hat, aber man hat vergessen, wo die Plakate abgelegt sind. Das gehört nämlich auch zu den Auswirkungen der Bibliothek der ungelesenen Bücher, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, wo die ungelesenen Bücher dahindämmern.

Julius Deutschbauer beunruhigt die Archivare, Germanisten und Bibliothekare, andererseits befreit er die Leserschaft durch seine Aktionen ungemein. Es genügt, zu wissen, was ich nicht weiß, um letztlich alles zu wissen.


Julius Deutschbauer: Bibliothek ungelesener Bücher. Plakatauswahl 2017 bis 2020.

Wien: Eigenverlag 2020. 4 Plakate im Format A-1.

Julius Deutschbauer, geb. 1961 in Kärnten, lebt überall, wo seine mittlerweile 170 Plakate hängen könnten.

Helmuth Schönauer 29/02/20



GEGENWARTSLITERATUR 2881

Mondgezeiten

Nach dem Vogel ist der Mond das zweithäufigste Motiv in der Lyrik. Dabei umkreist dieser die sogenannte irdene Realität verlässlich in einem eigenwilligen Rhythmus, und mit seiner magischen Anziehungskraft bringt er nicht nur die Meere in Bewegung, sondern auch die Seelen auf dem Festland.

Dietmar Füssel nennt die Sammlung von gut siebzig Gedichten „Mondgezeiten“, was sich als knappe Definition von Lyrik lesen lässt. Dabei fungiert das erste Gedicht „Es ist hell“ als Motto. Im Sinne eines Volksliedhaften Singsangs wird der Mond lyrisch „angeheult“, was diesen aber unbeeindruckt lässt. „Es ist hell / vor Mond / und schwer von Tag / und immer wieder / ziehen wir / westwärts.“ (9)

Die Richtung „Westwärts“ leitet nicht nur amerikanische Pioniere, wenn sie den Schatten der Lagerfeuer entlanggleiten, das große Westwärts ist seit Rolf Dieter Brinkmann so etwas wie der Nordpol der Beatniks, und westwärts sind auf dieser Erde die lyrischen Kompassnadeln analog und zitternd ausgerichtet.

Die Welt gleicht einem brennenden Haus, aber das rettende Sprungtuch der Zukunft hat ein Riesenloch. Vieles ist schon eingemottet und hat den Zustand der Vergänglichkeit überschritten. Die Stille ist zwischen den Herzschlägen angesiedelt, es bleibt zu befürchten, dass der letzte Schlag schon geschehen ist. Herz, Seele, Sehnsucht, die guten alten Tugenden der Innerlichkeit sind zu einem Standby angehalten, aus dem es kein Entkommen gibt.

Motivlage, Liedform und eingetrübte Stimmung lassen an die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg denken, wo es purer Luxus ist, an die Zukunft zu glauben. Der Zustand der Welt hat etwas von dieser Verwüstung, in der selbst die Weisheit des Alters ziemlich nutzlos ist angesichts des ewigen Winters, der vor der Tür steht.

Das lyrische Ich lugt immer wieder aus den Gedichttrümmern hervor, unter denen es verschüttet ist. Melancholie ist das mindeste, was sich sehen lassen kann. „Ich bewahre / meine Tränen / in Säcken / unter den Augen auf // Doch in / meinem Herzen / wohnt eine Schwermut, / die bleibt.“ (39)

Gerade der lapidar-schlichte Ton lässt eine gewisse Hoffnung aufkommen, indem das lyrische Ich nichts schönt und die Spontangefühle archiviert, damit vielleicht später einmal ein Leser Nutzen daraus ziehen kann. Ab und zu wird eine Ordnung angerufen, die aber außer Tritt geraten ist. Der Frühling ist nicht mehr das, was er einst als Aufbruch der Vegetation über Felder und Wiesen hingelegt hat. Jetzt ist der Ruf des Frühlings ein Befehl, dem sich keiner widersetzt. (42) Der Jahreslauf ist zu einer rhetorischen Floskel verkommen. „Wer blüht nicht gern? / Wer grünt nicht gern? / Wer pflanzt sich / nicht gerne fort?“ (42)

Dem lyrischen Ich steht unweigerlich die Demenz ins Haus, die aufgerufenen Bilder greifen nicht mehr. „Das Fest ist zu Ende / Die letzte Stunde wartet / Das Siegel der Vergänglichkeit / Der Weg aller Wege.“ Im letzten Drittel gleichen die Gedichte einem Filmfestival, auf dem schlicht und dennoch barock dem Weltuntergang gehuldigt wird. Die Gedichte sind in ihrer Piktogramm-artigen Klarheit zu Karikaturen geworden, sie überhöhen sich während des Vortrags und geben das lyrische Ich der eigenen Hinfälligkeit preis. In diesem Trauerspiel kippt das Tableau schon wieder ins Fröhliche.

Ja, man kann als Leser wie so oft bei Dietmar Füssel herzhaft lachen, wenn man sieht, wie sich die Helden der Literatur heutzutage abmühen müssen, um den Weltuntergang mit viel zu kleinem Besteck zu verzehren. Diese Gedichte sind so etwas wie Nackenschlag und Nackensteak in einem. Über allem leuchtet der lyrisch-chice Mond!


Dietmar Füssel: Mondgezeiten. Lyrik.

Wien: Mitgift Verlag 2019. 81 Seiten. EUR 12,90. ISBN 978-3-903095-32-8.

Dietmar Füssel, geb. 1958 in Wels, lebt als Bibliothekar und Schriftsteller in Ried/OÖ.

Helmuth Schönauer 12/02/20



GEGENWARTSLITERATUR 2883

Klagenfurt

In Zeiten der Nivellierung und Globalisierung gibt es für den bodenständigen Heimatdichter der Peripherie bloß ein Thema: Wie kann ich meine Stadt zu einer Weltstadt aufblasen, damit sie in der Welt wahrgenommen wird? Der schlaue Volksmund empfiehlt als Antwort oft: Indem man aus der Welt die Luft herauslässt!

Egyd Gstättner Werk ist über weite Strecken ein politisches Settlement, um den Ausdruck Statement zu vermeiden. Zur unsäglichen Regierungszeit des triebigen und umtriebigen Landeshauptmanns Haider ist er als Solitär in Klagenfurt geblieben, während die sogenannten Widerstandsdichter aus der Ferne den Spuk kommentierten und erst wieder zurückkamen, als es für sie Wohnungen, Vorlässe und Stipendien gab. Egyd Gstättner hat während dieser dumpfen Zeit einsam die Stellung gehalten und in wöchentlichen Glossen und jährlichen Romanen versucht, an einen verschollenen Humanismus anzuknüpfen, wie er in den alten Gymnasien auf Lateinisch und Griechisch gelehrt wird.

Aus diesem Geiste heraus ist 2010 ein Bildband über Klagenfurt entstanden. Jetzt, wieder zehn Jahre später, wird dieser Band upgedatet und der Autor staunt selbst, was sich inzwischen alles verändert hat. Die Grundidee für dieses Klagenfurt-Buch geht auf Fernando Pessoa zurück, der einmal meinte, dass man der großen Literatur ein inniges Porträt der Stadt Lissabon gegenüberstellen müsse, damit die fugitiven Denkkräfte an einem fixen Boden festgemacht sind. Nun ist der Vergleich Klagenfurt und Lissabon sehr kühn, aber die Kärntner Hauptstadt hat den Vorteil, dass sie geistig nahe an Null liegt und so alle Gedanken eine dramatische Fallhöhe erreichen, wenn man sie nur formuliert.

Egyd Gstättner legt dem Klagenfurt Update eine kleine Handlung zugrunde. Im ersten Teil „Die Ankunft“ landet der Gast am mickrigsten Flughafen Österreichs, dem Airporterl von Annabichl. Im zweiten Teil soll sich der Tourist ein Fahrrad ausleihen und damit die Tour „Go West“ starten, denn seit Klagenfurt eine Uni hat, wird alles auf Englisch gesagt.

In diese Rahmenhandlung sind historisch hochrangige Gebäude, Skulpturen und Straßen eingeflochten, die jeweils zum Sinnieren einladen. So wird im ehemaligen Volkskeller jeder politisch Interessierte des Attentats im Pissoir gedenken, als zwei gelernte Volksschullehrer aufeinandertreffen und der Zukurzgekommene auf den zum Landeshauptmann Gestreckten schießt. Gleich daneben liegt das Musil-Haus, in dem Robert Musil maximal eine dreistellige Anzahl von Windeln vollgemacht hat, ehe er als größter Dichter des Landes Klagenfurt wieder verlassen hat. Und in einer kleinen Passage wird eines großen Übersetzers aus dem Slowenischen gedacht, über den man aber nicht wissen darf, dass er an Depression gestorben ist, wie die Umschreibung von Suizid im Kärntnerische heißt.

Zum größten Meditationsort wird freilich jenes Gebäude, in dem einst der rasende Landeshautmann aufgebahrt lag. In der Erinnerung ziehen alle grotesken Aktionen auf, von der Geldscheinübergabe des Landespaten bis zur Begegnung mit dem libyschen Wüstendiktator, vom Hypodesaster bis zur Aufnahme einer CD mit Liedern des Verlassenseins.

Auf dem Weg nach Westen sollte es eigentlich durch den Lend-Kanal hinaus ins Freie oder zumindest an den See gehen, aber der Westen ist längst ins Stadtzentrum gekommen. So liegt die ehemals am freien Feld errichtete Universität jetzt mitten in der Stadt voller Grundstücksspekulanten und Universalanlegern. Irgendwo schwirren die frühen Sätze der Ingeborg Bachmann herum, als sie drei Wege zum See sucht und einen vom Krieg abgefackelten Baum trifft. Die wenigsten wissen, dass es sich bei ihr um eine Dichterin handelt, die meisten halten sie für die Gründerin des nach ihr benannten Wettlesens. Bei diesem Festival werden mit den Stilmitteln einer Talkshow diverse Texthühner über den Laufsteg getrieben.

In den sogenannten Touristischen Teil sind immer wieder Erzählungen und Essays des Autors eingebaut, so dass ein imposanter Tiefgang entsteht, denn immer tritt des größte literarische Denker von Klagenfurt auf: Alois Brandstetter. Dieser zugewanderte Germanist hat zwei großen Dichtern auf die Sprünge geholfen, Josef Winkler und Egyd Gstättner, die bei Festivitäten manchmal eine Grundsatzrede halten dürfen. Zwischen den beiden besteht freilich ein denkerischer Gap, der die Literaturdiskussion beflügelt.

Als voraus-lesender Tourist gibt man sich diese wundersamen Klagenfurter Geschichten mit großer Hingabe. So also kann man aus einer ehemals schrägen Hofratssiedlung der Monarchie eine Weltstadt machen, wenn man nur lange genug an den Geschichten dranbleibt. Das erzählte Klagenfurt ist letztlich so logisch schön, dass man es gar nicht physisch besuchen muss, um alles von dieser Stadt zu wissen.


Egyd Gstättner: Klagenfurt. Was der Tourist sehen sollte.

Wien: Picus 2020. 192 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-7117-2091-7.

Egyd Gstättner, geb. 1962 in Klagenfurt, lebt in Klagenfurt.

Helmuth Schönauer 25/02/20



GEGENWARTSLITERATUR 2879

Neue Reisende

Das Modell des öffentlichen Verkehrs bringt jede Menge Zufallsbekanntschaften mit sich. An den Haltestellen steigen neue Reisende zu, die sich ein paar Stationen lang einfach Richtung Aussteigen bewegen. Es gibt lose Kontakte zwischen den Passagieren, die in der Hauptsache mit dem Abarbeiten des eigenen Displays beschäftigt sind, oder zu den Kopfhörern nicken, die irgendwas im Kopfinnern beschallen.

Tine Hoeg schickt ihre Heldin lose in eine Welt zwischen Berufsverkehr und Lebensbildung. Die Ich-Erzählerin tritt gerade ihre erste Stelle als Lehrerin an und trifft gleich auf der ersten Fahrt mit der Vorstadtlinie auf einen Passagier, dem sie auf Anhieb verfällt. Was heißt schon Ich-Erzählerin! – Der Roman ist eine Ansammlung von Halbsatz-Sequenzen, eine Art Notizblock zu einer Über-Ebene, die vielleicht so etwas wie das Leben ist. In den fünf Monaten von August bis Dezember sammelt sich eine Text-Line an, die aus Notaten, Emoticons, Gefühlsimpulsen, Twitter-Sätzen und Bildunterschriften zu einem vagen Erlebnismodell zusammengefügt ist. Die Heldin ist dabei Getriebene und Antriebslose in einem.

Vordergründig geht es darum, als Lehrerin in der Schule Fuß zu fassen. Aber die Arbeitswelt zeigt sich als Fortsetzung eines studentischen Übungsfeldes, bloß dass die abschließenden Prüfungen fehlen. Alles kann richtig oder falsch sein, die Lehrerin versucht „möglichst nah am Text zu bleiben“, aber es ist kein Text da, an den man sich halten könnte.

Die Schüler sind zu Paraphen verkürzte Namen, die dem Datenschutz standhalten und seltsam kalt und bürokratisch bleiben. EMO, FLIP oder STAR sind moderne Kindernamen, denen man anmerkt, dass diese Wesen für ihre Eltern halb-digitalisierte Kuschelkinder sind. Am ehesten findet die Lehrerin einen Zugang zu ihren Fällen, wenn diese sich etwa mit einen orthographischen Fehler in Szene setzen. „Spazieren mit TZ geht gar nicht“, wiewohl dieser Fehler massenhaft vorkommt. (48)

Die angewandte Schule unterscheidet sich kaum von der antrainierten, ständig verwischt sich die sogenannte Realität mit den antrainierten Verhaltensweisen aus der Uni-Zeit. Selbst die Weihnachtsfeier ist seltsam didaktisch, die ausgespielten Weihnachtsemotionen stammen aus dem angezapften Weihnachtsserver, auf dem Zeremonien gespeichert sind, die man um diese Jahreszeit anwendet.

Über dieser Dienst-Cloud ist freilich ein Firmament aus Begierde aufgespannt, auf dem Sehnsuchtspunkte eines illegalen Verhältnisses leuchten. Der Passagier der ersten Dienstfahrt ist zehn Jahre älter und hat eine Tochter, weshalb er das Verhältnis abdunkeln muss. So bleiben die jeweiligen Treffen immer überblendet von der Szenerie „als ich dich nackt sah“. Die einzelnen Begegnungen bringen meist neue Sexualtechniken, die sich im Geheimen besonders heftig ausprobieren lassen. Beim zwölften Mal Nackt-sehen gibt es Oralverkehr. (166) Die Heldin wird fast aufgerieben vor Sehnsucht und Eigenverzehr, aber die Spielregeln sind eisern. „Du kannst mir nicht schreiben, ich schreibe dir!“ (68)

In diesem Herbst zwischen Probeunterricht und Probebeziehung schreibt sich die Heldin allmählich ihr eigenes Leben zusammen. Auf der Hochzeit ihrer Schwester sieht sie, wohin es führen kann, wenn eine Beziehung legal und öffentlich wird. Heftiges Kotzen ist angesagt, wobei das Hochzeitsmenü physikalisch einwandfrei und in umgekehrter Reihenfolge wieder hochkommt. Bei der Friseurin entsteht eine Wunschgeschichte, wonach die Tochter des Geliebten ihre eigene sei. Mit Google-Street-View setzt sich die Liebesverzehrte einen eigenen Straßenzug zusammen, in dem ihr Geliebter mit der Tochter wohnen könnte. Obwohl sich digital alles recherchieren lässt, entsteht kein Bild daraus, das man wirklich lieben könnte.

Am Schluss gibt es dann tatsächlich einmal einen oberirdischen Spaziergang auf einen Friedhof. Der berühmte dänische Dichter und Eigenpsychopath Herman Bang liegt da begraben, das ist schon das Ende.

Tine Hoeg erzählt beinahe im Stiel der Beatniks in Form eines Langgedichts von der Unmöglichkeit, eine brauchbare Beziehung und einen brauchbaren Beruf zu verbinden. Nichts ist so, wie es an den Instituten gelehrt wird. Und auch die Realität ist so verklumpt, dass sie sich nicht einmal mehr in ganzen Sätzen darstellen lässt. Im atemlosen Furor, der durch den Roman jagt, gleichen die „neuen Reisenden“ vage dem „Cornet“ des Rainer Maria Rilke, der ja auch nichts mehr im Sinn hat als „reiten, reiten, reiten“, und der dennoch nicht aus dem Eigenverzehr hinausfindet. – Die Leidenschaft sprengt zu allen Zeiten den gewöhnlichen Satzbau, egal, ob es sich dabei um die erste Liebe handelt oder den ersten Beruf.


Tine Hoeg: Neue Reisende. Roman. A. d. Dän. von Gerd Weinreich. [Orig.: Nye Rejsende, Kopenhagen 2017].

Graz: Droschl 2020. 200 Seiten. EUR 19,-. ISBN 978-3-99059-046-1.

Tine Hoeg, geb. 1985, lebt in Kopenhagen.

Helmuth Schönauer 07/02/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2225

Die Vögel reden wieder miteinander

Gerade als allenthalben die Vögel ausgerottet werden und somit bald die Lyrik verschwunden sein wird, denn die Lyrik lebt von den Vögeln, taucht eine optimistischen Botschaft auf: Die Vögel reden wieder miteinander.

C. H. Huber besticht seit Jahrzehnten mit ihrem zuversichtlichen Ton, der vor allem über drei fundamentale Motive gespannt ist: Süden, Erotik und Anrücken eines großen Herbstes. Im aktuellen Lyrikband sind diese Themen fünf Gedankenkreisen zugeordnet: „jetzt. oder so / noch nicht jenseits von / r & r / body and / im süden. oder so“. Dabei ist durchaus ein semantisches Zwitschern aus den beiläufigen Zeilen herauszuhören, die Vögel sind emsig am Werk.

Jetzt. oder so“ ist ein beiläufiger Zustand, nichts ist gesichert, es kann sich vielleicht ein Gedicht ausgehen oder nicht, das lyrische Ich legt sich noch nicht fest, in erster Linie gilt es, die Stelle des Ereignisses semantisch abzusichern. Jemand hat seinen Kopf in den Sand gesteckt und wundert sich, dass er nichts sieht, jemand anderer geht durch eine Galerie und überrascht sich mit abschweifenden Gedanken, die Regensonntage ergeben vorerst keinen Sinn und sind vielleicht gerade deshalb geeignet, der Erotik etwas Platz zu geben.

Markenzeichen von C. H. Huber ist die umgekehrte Pyramidenform, die Gedichte stehen meist auf dem Spitz, die Titel ergibt sich als zusammenfassende Unterschrift. Im Layout steckt eine Hommage an die Tiroler Architektur. Bekanntlich muss in Tirol jedes Haus einen Balkon haben, um als solches gewürdigt zu werden. In den Gedichten ist daher jeweils ein Vorsprung eingebaut im Sinne einer links-überstehenden Zeile, die das Gedicht sichert, gliedert und dem Auge Platz lässt für persönliche Ausschmückung.

noch nicht jenseits von“ thematisiert Zustände knapp davor, wenn das Wetter gerade umzuschlagen beginnt, wenn ein Gegenstand unscharf wird, weil ein Schatten darauf fällt, oder wenn zur Vorsicht höflich gelogen wird, weil die Erotik noch nicht ganz ausgeformt ist.

Das rätselhafte „r & r“ entpuppt sich als eleganter Verschnitt von Railjet und Riedgassenstimmen. Während im Railjet jene Sehnsucht besungen wird, die bei der Benutzung des schnellsten Zuges Österreichs entsteht, werden in der winkligen Riedgasse alte Seufzer aus der Kindheit aufgewärmt und über die Dächer der darunterliegenden Stadt geblasen. „In langgezogenen Kurven den Kopf des / Regenwurms gesichtet / während du im / Hinterteil sitzt.“ (70)

body and“ kümmnert sich um abgebrochene Kosmetikversuche am Körper, der sich während der Pflege ins Alter dreht. Wenn der Herbst auftaucht, muss eine Extraportion Trost herhalten (87), in der sogenannten Metamorphose bleibt ein fetter Regenwurm in sich selbst stecken (106) und der Sommer ist nicht mehr nur Freund, wenn er an die Brüste fasst. (108)

In der abschließenden Serie vom Süden geht noch einmal das Herz auf. In Kreta liegt in der emsigen Sonne wie all die Jahre zuvor, in denen das lyrische Ich sich in der Zeitlosigkeit geräkelt hat. Aber am Horizont sind Eintrübungen zu sehen, der Körper fühlt sich beinahe zu alt für eine ganze Woche, eine Prise Unhöflichkeit zieht vorüber (137), selbst die Taxifahrer im alten Mercedes sprechen zwischendurch vom Klima.

C. H. Huber siebt ähnlich einer Goldwäscherin Unmengen von Alltagsgestein, um dann erregt diese Nuggets zu finden, die zu Hause als Gespräch der Vögel aus dem Notizbuch auffliegen, sanft und mit barmherziger Geduld.


C. H. Huber: Die Vögel reden wieder miteinander.

Innsbruck: Tiroler Autorinnen und Autoren Kooperative TAK 2019. 143 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-900888-69-5.

C. H. Huber, geb. 1945 in Innsbruck, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 27/02/20



GEGENWARTSLITERATUR 2880

Wir verlassenen Kinder

Wenn überall auf der Welt gigantische Zentren entstehen, an denen sich das Leben versammelt, so muss es folglich auch Peripherien geben, aus denen das Leben abgesaugt wird. Leere und Völlerei entsprechen sich dabei wie Hoch- und Tiefdruckgebiete im Wettergeschehen.

Lucia Leidenfrost erzählt von dieser Peripherie, aus der ständig Menschen abwandern und ihr Wissen und ihre Geschichte mitnehmen. Schauplatz des Romans von den verlassenen Kindern ist ein Dorf, wie wir es überall in europäischer Randlage kennen. Die Alten bleiben zum Sterben zurück und die Kinder nehmen das Heft des Handelns in die Hand, bis sie erwachsen genug sind, um ihren Eltern in jene Zentren zu folgen, in denen sie erbärmlich arbeiten und ums Überleben kämpfen.

Erzählt wird aus der Sicht von neunzehn Kindern, die im Dorf übriggeblieben sind. Ihr Sprachrohr ist eine gewisse Mila, die einen Startvorteil hat, weil ihr Vater noch anwesend ist. „Mein Vater ist der oberste Mann im Dorf.“ (17) Die Kids haben ordentlich zu tun, sich in der sozialisierten Wüste zurechtzufinden, niemand hat ihnen Spielregeln beigebracht, alles, was sie scheinbar spielerisch unternehmen, ist ein Akt des Überlebenskampfes.

So wird zwischendurch der noch vorhandene Alkohol vernichtet, damit die Erwachsenen nicht auf blöde Ideen kommen, wenn sie unerwartet auftauchen. Einem unguten Alten wird im Winter das Fischloch mit heißem Wasser versengt, sodass er bei erstbester Gelegenheit einbricht. „Wir Kinder, wir organisieren uns.“ (65) Im Dorf werden die Uhren abgehängt, jetzt herrscht eine neue Zeit.

Zwischendurch sitzen die Kids beisammen und überdenken die Lage. Sie alle sind hier stationiert wie das Militär. Jeden Tag versuchen sie, das Leben aufrechtzuerhalten. Und wenn es Kämpfe und Auseinandersetzungen gibt, ist das der unstrukturierten Zeitabfolge geschuldet. „Roh werden wir aus Langeweile!“ (75)

Spätestens ab der Hälfte des Romans wird allen klar, dass sie von hier fortmüssen. Die Heldin hat die eigene Apokalypse vor Augen: „Mila will fort. Mila wird sich in die Bibliothek setzen und sie wird lesen, bis ihre Haare grau geworden sind. Sie wird in den Büchern lesen, bis sie verhungert ist. Sie wird nie mehr unter Menschen sein müssen.“ (105)

Jemand findet eine Pistole, das ist schon mal ein gutes Gerät für den Fall, das der Krieg von draußen ins Dorf kommen sollte. Die Alten haben die Parole ausgegeben: „Wenn niemand von euch weiß, kann euch auch niemand holen.“ (121) Andererseits haben die Alten ständig falsche Geschichten erzählt.

Alles ist unerwartet, wenn man fortgeht! Die Kinder ermuntern sich gegenseitig und wissen, sie werden keine Kinder mehr sein, wenn sie fortgehen. Am Schluss liegt ein heftiger Brandgeruch über dem Dorf, die Kids haben nämlich das Feuermachen gelernt.

Als Leser steht man naturgemäß in beiden Welten, in der brutal-unschuldigen der Kinder und in der ökonomisch-versauten der Erwachsenen. Von der Großstadt gezeichnet empfindet man das Dorf als Idylle, in der man gerne die eigene Kindheit spielen lassen möchte. Andererseits hat uns das Leben beigebracht, dass Bildung nie etwas mit Romantik zu tun hat, sondern stets ein Überlebenskampf ist.

Unsere Städte sind voll von Kindern, die wir verlassen haben. Wir können ihnen wahrscheinlich nicht viel mehr sagen, als dass wir auch verlassen sind. Ein unheimlicher Bildungsroman jenseits aller Kindheitsidylle. Die Merksätze der Kinder entfalten dabei Kraft eines Gesetzesbuches. Jeder Satz wir zu einer hieb- und stichfesten Erkenntnis.


Lucia Leidenfrost: Wir verlassenen Kinder. Roman.

Wien: Kremayr & Scheriau 2020. 190 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-3-218-01208-9.

Lucia Leidenfrost, geb. 1990 in Frankenmarkt, lebt in Mannheim.

Helmuth Schönauer 09/02/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2228

Meine Kindheit im Saggen

Die innigste und sanfteste Form der Literatur ist die sogenannte Großelternerzählung. Nicht erst seit Adalbert Stifter werden Aussagen als besonders glaubwürdig hingestellt, wenn sie vom Großvater erzählt werden. Wenn einer seine Kohorte so stark überlebt hat, muss was Wahres dran sein, in den Stifter-Novellen tritt immer das Zeitlose, das „sanfte Gesetz“ auf, wenn der Großvater ungegendert den Mund aufmacht.

Meinrad Schumacher ist als Jahrgang 1935 ein Über-Großvater, seine Geschichten reichen so weit zurück, dass kein Publikum mehr für ihn da ist. Das musste er schmerzlich erfahren, als in der Innsbrucker Stadtteil-Serie jemand Jüngerer für die Bearbeitung seines Heimat-Grätzls herangezogen wurde. Die patriotische Innsbrucker Buchhandlung Wagner‘sche nimmt nämlich nur Bücher, für die auch ein Markt da ist. Gleichzeitig werden in einer kleinen Serie die Innsbrucker Stadtteile zu Mini-Märkten aufgesplittet, sodass für beinahe jede Gasse ein eigenes Werbe-Broschürchen entstehen kann. Die eigene Geschichte wird dadurch wieder einmal zur Folklore.

Die Antwort auf den offiziösen Folklore-Band „Saggen“ liefert der Autor in Form eines kleinen PDF-Nachschlags, worin jene Dinge des Saggens erzählt werden, die sonst selbst das Archiv vergessen hat. Der Saggen gilt als End-Monarchie-Stadtteil in Innsbruck, worin sich gehobene Blocksiedlung und Villen die Waage halten. Für Außenstehende am relevantesten ist die Tatsache, dass in diesem Stadtteil der Mob während der „Reichskristallnacht“ besonders stark gewütet hat. Der Autor war für diesen zeitgeschichtlichen Auszucker aber zu jung, um sich daran zu erinnern. Außerdem hält er wie so viele Nachkriegskatholiken an einem Widerstandsmythos fest, er hat beispielsweise über die Nazizeit nur die Hungermenüs in das infantile Tagebuch geschrieben.

Eine tolle Irritation liefert der Autor aber bis ins höchste Alter, wenn er Goebbels mit Doppel- PP schreibt, und aus dem Hakenkreuz wird sinnigerweise ein Hackenkreuz, wahrscheinlich, weil es auf die österreichische Hackler-Regelung anspielt.

Im Ergänzungsmemorial Saggen sind vor allem die Verstorbenen gewürdigt, die quer durch alle Zeiten ihre Geschäfte zu erledigen versuchten. In der Erinnerung wirken diese Helden bereits zu Lebzeiten wie aus der Zeit gefallen. So ein stets verfallender Stadtteil wirft auch die Frage auf, wer ein sogenannter Ureinwohner ist. Auch der Autor ist ein Mix der Monarchie und seine Gene sind aus allen vier Himmelsrichtungen zusammengetragen. Wenn diese Melange dann ein Jahrhundert lang in einem Haus wohnt, entsteht daraus der Saggener.

Ein gutes Beispiel für die Veränderung aller Einschätzungen liefern auch die Anekdoten. Bereits der Eingangswitz, wonach bei der Geburt des Autors die Mutter den Blasiussegen wegen eines Hörfehlers abgelehnt haben könnte, wirkt heute ziemlich entlegen. Auch dass es nur die Möglichkeit der Haustaufe gegeben hat, um als Saggener getauft zu werden, ist heute so interessant, wie wenn jemand erzählt, dass er für sein E-Auto keine Steckdose gefunden hat.

Meinrad Schumacher zählt gegen Ende seines Essays ein paar Schicksale auf, wie Altersgenossen gestorben sind und nichts hinterlassen haben für die Geschichte, wie Viele weggezogen sind, wie sich die Nazis eingenistet haben und anschließend wieder ausgecheckt haben, als wären sie nie dagewesen. Gerade das Nicht-Schicksal der Helden deutet darauf hin, dass letztlich jedes Leben für die Katz ist, wenn es aus den Büchern einmal hinausgefallen ist. So gesehen ist diese Ergänzung wichtig, zumindest für die Archive, für die bekanntlich immer ein Markt da ist zum Unterschied von den schnelllebigen Buchhandlungen.

Meine Kindheit im Saggen ist eine liebevolle Nicht-Geschichte zum Innsbrucker Geschichtsbewusstsein.


Meinrad Schumacher: Meine Kindheit im Saggen.

Innsbruck: Eigenverlag 2019. 32 Seiten.

Meinrad Schumacher, geb. 1935 in Innsbruck, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 02/03/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2222

Mein Popo ist meine Sache

Im Sagenschatz der Habenichtse gilt der Popo als das wichtigste Organ, mit ihm kann man auch dann noch einen Haufen machen, wenn man sonst nichts mehr besitzt. Der Popo ist nicht nur das witzigste Organ des Menschen, er ist auch der größte Geschichtenerzähler, weil er vor allem mit Tabus handelt und diese elegant umschreibt.

Bei jeglicher Vorbereitung eines Kindes auf die Rituale in der Erwachsenenwelt gibt es einen Punkt, wo man ein Tabu installieren muss, ohne es dabei allzu sehr in den Vordergrund zu stellen. Beate Troyer gibt mit drei Szenen den Erwachsenen Geschichten in die Hand, mit denen sie beim Kind unverfänglich über die Scham, das sexuelle Lodern und die Grundhygiene des Hinterteils reden können, ohne selbst in Gesichtsverfärbung oder Gelächter zu verfallen.

Die Storys sind klar wie ein Comic. Lotti wird selbstständig und geht aufs Töpfchen, dabei braucht es eine gewisse Aura, die nur für die Akteurin bestimmt ist. Das Töpfchen kommuniziert mit dem Popo, die Gespräche sind geheim, da braucht niemand zuzusehen.

Da fühlt sich Lotti irgendwie nicht mehr wohl. Natürlich möchte sie groß sein, aber wenn schon, dann so, wie die Großen hier alle sitzen. Und überhaupt: Die sind ja auch ungestört, wenn sie mal müssen!“ Merke: Aufs Klo geht man solo.

Paul baut eine passable Strandburg und wundert sich, dass ihm alle nachsehen. Erst als man ihm diskret eine Badehose verpasst, kann das Publikum wieder beruhigt auf die Sandburg schauen und die Nackedei negieren. „Beim abendlichen Bummel kauft ihm Mama eine neue Badehose. Sogar mit Rittern drauf. Und Paul ist mächtig stolz!“ Merke: Das Genital ist nicht dazu da, dass man damit angibt.

Greta liebt ihre Schaumbäder, aus denen sie das eine oder andere Stück Fleisch herausstreckt. Besonders schaumig wirken die Bilder aus der Badewanne, wenn man sie ins Netz stellt und dabei wie eine Influencerin posiert. Merke: Das Netz vergisst nichts, weshalb nackte Sachen darin nichts verloren haben.

In pfiffiger Weise zeichnet Hubert Flattinger um die Nackedeis aufregende Gesichter herum, sodass man vergisst, dass es am anderen Ende des Gesichtes etwas gibt, was man besser nicht zur Schau stellt.

Hinter den Bildergeschichten steckt natürlich ein handfester Folder, der die Kids vor Gefahren im Netz, vor sexuellen Übergriffen und vor falscher Scham bewahren soll. Es geht um Spielregeln, die verhindern, dass die Kinder bloßgestellt und zur geschändeten Seelen werden. Ergebnis ist ein frecher Popo-Kult, der es selbstbewusst mit der seltsam lüsternen Erwachsenenwelt aufnimmt.

Ein guter Popo ist übrigens auch für Erwachsene eine feine Sache!


Beate Troyer / Hubert Flattinger: Mein Popo ist meine Sache. Kinderbuch. Illustrationen.

Innsbruck: Limbus 2020. 32 Seiten. EUR 16,-. ISBN 978-3-99039-164-8.

Beate Troyer war langjährig tätig für das Jugendamt der Stadt Innsbruck.

Hubert Flattinger, geb. 1960 in Innsbruck, lebt in der Nähe von Wien.

Helmuth Schönauer 15/02/20