Buchkultur
– 10 Rezensionen 01/2010
Zdenka
Becker: Taubenflug. Roman.
Frank MacShane: Raymond Chandler.
Eine Biographie.
Manfred Chobot (Hg.): Genie &
Arschloch.
Tristan Egolf: Kornwolf. Roman.
Gerd
Graenz: Zahnlos. Eine fast traurige
Geschichte. Roman.
Judith
Gruber-Rizy: Drift. Roman.
Hans
Werner Kettenbach: Das starke Geschlecht. Roman.
Andreas
Renoldner: Renato. Roman.
German
Sadulajew: Ich bin Tschetschene.
Waltraud
Seidlhofer: Tage, Passagen.
GEGENWARTSLITERATUR
1802
Taubenflug
Tauben
gelten als besonders treue Liebhaber, die Paare bleiben meist ein Leben lang
zusammen, der raffinierte Mensch nützt dies, indem er etwa die Brieftauben vom
Partner trennt, so dass der getrennte Teil wie wild durch die Gegend fliegt und
dabei die Post zustellt.
Zdenka
Becker erzählt in ihrem Roman „Taubenflug“ von einer solchen treuen Liebschaft.
Die Erzählerin Silvia und ihr geliebter Daniel verlieren sich zwar fast ein
Leben lang aus den Augen, dennoch fliegen sie am Lebensabend aufeinander zu.
In einem
slowakischen Dorf geht es auch im Kommunismus manchmal recht verbohrt und
kleinkapitalistisch zu, zwei alleinerziehende Mütter versuchen einen Garten der
Vorfahren irgendwie neu zu erschließen, indem sie ihre Kinder verkuppeln. Das
gelingt nicht, weil die Liebe oft eigene Wege geht und zudem ein pädophiler
Dorfpfarrer alles verunmöglicht, was halbwegs nach unschuldiger Erotik
schmeckt.
Alle
züchten Tauben und lernen dabei Liebe, Treue und Selektion, die untauglichen
Zuchtergebnisse werden brutal abgemurkst.
Auch
zeitgeschichtlich geht es drunter und drüber, im Kommunismus mit seinen
permanenten Säuberungen kann es schon einmal vorkommen, dass der Henker und der
Hinzurichtende aus dem selben Dorf stammen. Und 1968
bringt dann die Bruderhilfe des Warschauer Paktes die Freiheit in der
Tschechoslowakei vollends zum Erliegen. Wer kann, flüchtet, so verschwindet der
Geliebte während einer Taubenzüchtermesse, die Erzählerin sucht ihn in
Österreich und Amerika, aber es gibt nur ferne Spuren und Erzählungen.
Als die
Mutter der Erzählerin stirbt, tauchen ein paar zurückgehaltene Briefe auf.
Selbstverständlich hat der Geliebte wie verrückt geschrieben, aber die Mutter
hat alles unter den Tisch gekehrt und verleugnet. So wird der Abschied von der
Mutter ziemlich herb, denn die Enttäuschung ist groß. Zudem überschlagen sich
am Tag der Urnenbestattung die Ereignisse, denn auch die Freundin dreht wegen
der ungemäßen Erbschaft durch und kündigt jegliche Freundschaft.
Die
Erzählerin ist frei, alles aus der Vergangenheit ist aufgelöst, auch die
politischen Verhältnisse haben sich verändert, aus dem ehemaligen Dorf ist
längst eine Vorstadt voller Plattenbauten geworden.
Da kommt es
doch noch zu einem glücklichen Ende nach treuer Art der Tauben.
Zdenka
Becker erzählt eine komplizierte Liebesgeschichte, worin die edlen Begriffe
durch Politik und Intrige auf eine harte Probe gestellt werden. Aber so könnte
es sich zugetragen haben, tausendfach zwischen Ost und West. Die Figuren sind
erfunden, schreibt die Autorin im Nachsatz, aber
dennoch ist alles optimistisch und wahr.
Zdenka Becker: Taubenflug. Roman.
Wien: Picus 2009. 206 Seiten. EUR 19,90.
ISBN 978-3-85452-645-2.
Zdenka Becker, geb. 1951 in Eger,
lebt in St. Pölten.
Helmuth
Schönauer 28/12/09
GEGENWARTSLITERATUR
1796
Raymond Chandler
Hintennach
ist es oft gar nicht so leicht, zu begründen, warum ein Schriftsteller ein
Klassiker geworden ist, denn ein echter Klassiker passiert ohne
Gesetzmäßigkeiten.
Raymond
Chandler gilt als Klassiker der Privatdetektiv-Literatur, sein Held Philip
Marlowe hat nicht nur Kultstatus sondern auch das dramaturgische Outfit einer
Shakespeare-Figur.
Warum
letztlich die Philip Marlowe Romane so prächtig funktionieren, liegt vielleicht
daran, dass der Autor Raymond Chandler zwei Kulturen (die englische und die
amerikanische) zusammengeführt hat und mit Marlowe einen verlässlichen Guide
durch den gesellschaftlichen Dschungel Los Angeles kreiert hat.
In der
ebenfalls mittlerweile zu einem Klassiker mutierten Chandler-Biographie erzählt
Frank MacShane von der Prägung Chandlers
in England, von seiner Rückkehr nach Amerika, seinem beruflichen Scheitern im
Ölgeschäft und seiner mühseligen Schreibarbeit als Underdog-Autor und
Kriminalschriftsteller.
Dabei wird
das Bild aus möglichst vielen Zitaten und Textausschnitten zusammengesetzt.
Viele dieser Stellen überfrachten die Biographie, aber zwischendurch gibt es
grandiose Erkenntnisse.
„Als ich
anfing, Romane zu schreiben, hatte ich den großen Nachteil, absolut kein Talent
dafür zu haben. Ich konnte meine Personen nicht in ein Zimmer hineinkriegen und
wieder herausholen. Sie verloren ihre Hüte und ich ebenfalls. Wenn mehr als
zwei Leute in einer Szene vorkamen, konnte ich keinen von ihnen am Leben
erhalten. Bis zu einem gewissen Grad versage ich da heute noch.“ (111)
Mit dem
Roman „Der große Schlaf“ änderte sich diese angebliche Unbeholfenheit Chandlers schlagartig. Gerade die etwas ungelenken
Auftritte Marlowes sind das einzig Verlässliche in
einer aalglatten Gesellschaft, die alles mit Geld übertüncht. Das äußere glatte
Ritual und die innere Zerrissenheit der Figuren, die vom Privatdetektiv meist
mit der Psychologie des Brecheisens zu Tage gefördert wird, machen aus
Chandler, Marlowe und dem großen Schlaf ein Konglomerat von Klassiker, auf das
früher oder später jeder Leser stoßen muss.
Die
Biographie MacShanes ist manchmal sehr breit gewalzt,
die Sprache scheint sich an jene von Marlowe anzulehnen. Dazu kommt, dass die
deutsche Übersetzung grottenschlecht und ärgerlich ist. Oft muss man sich als
Leser seitenweise über völlig nichtssagende Satzkonstruktionen quälen, die
offensichtlich nur eines im Sinn haben: zu zeigen, dass auch ein genialer Autor
oft quälend langatmige Tage mit sich selbst bewältigen muss.
Nach der
Lektüre dieser Biographie sollte man unbedingt wieder etwas Marlowe lesen,
damit dieser verkalkte Eindruck von Chandler verwischt wird.
Frank MacShane: Raymond Chandler. Eine Biographie.
A. d. Amerikan. von Christa Hotz, Alfred Probst und
Wulf Teichmann.
Zürich: Diogenes
2009. 480 Seiten. EUR 22,90. ISBN 978-3-257-06708-8.
Frank MacShane,
1929-1999, studierte In Havard und Jale und
promovierte 1955 in Oxford.
Raymond Chandler, geb. 1988 in
Chicago, wuchs in England auf, begann 1932 zu schreiben und starb 1959 in La Jolla, Kalifornien.
Helmuth
Schönauer 22/12/09
GEGENWARTSLITERATUR
1801
Genie & Arschloch
Es gibt die
schöne These, wonach sich das Genie nach außen und das Arschloch nach innen
zeigen. Zyniker meinen, bei Österreichern sei es genau umgekehrt.
Manfred Chobot
hat ein Dutzend Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen, über das
grandios widersprüchliche Begriffspaar Genie und Arschloch jeweils
Fallbeispiele zu dokumentieren.
Quasi als
kulturwissenschaftliches Fundament erläutert Wolfgang Müller-Funk die
Faktenlage unter dem Aspekt: Das Arschloch des Genies, Seitenansichten über ein
Phänomen im Zeitalter seiner Entzauberung. Darin wird der Begriff des Genies
endlich demontiert, das sogenannte Genialische erweist sich dabei als eine
werbestrategische Maßnahme, welche besonders für die Installation der Klassik
und Romantik von großer Bedeutung gewesen ist.
Die
Fallbeispiele sind mehr oder weniger lustig. Lustig ist vor allem, wenn die
Stars demontiert werden, weniger lustig sind die Episoden für die Angehörigen
und nahen Fans, so haben sich etwa rund um Pablo Picasso fast alle aufgehängt
oder sonst wie gedemütigt und verzweifelt zu Tode gebracht.
Ernest
Hemingway hat letztlich nur Jagd, Natur und Killen im Schädel gehabt, ehe er
sich in diesen die erlösende Munition gejagt hat. Bei seinem Begräbnis war
übrigens kein einziger Schriftstellerkollege anwesend, was auf einen hohen
Arschlochquotienten des Verblichenen schließen lässt.
Simone de
Beauvoir und Jean-Paul Sartre haben sich ein Leben lang über alle Freundinnen
und Freunde lustig gemacht und sie im internen Briefwechsel vollkommen
verarscht.
Karl
Valentin ging in seiner blöden Misanthropie sogar so weit, einen Arier-Kollegen
als Jude zu denunzieren, eine besonders perfide Art des Arschlochtums,
an der vor allem Liesl Karlstadt ununterbrochen gelitten hat.
Kandinsky
hat seiner Freundin die Stadt verboten, wenn seine Ehefrau zu Besuch kam.
Bert Brecht
hat wohl pro Theaterstück, das er selbst geschrieben hat, eine Abtreibung bei
seiner jeweiligen Freundin veranlasst, und dann sogar noch den abgetriebenen
Vater gespielt.
Arno
Schmidt schließlich hat so gut wie alles in seiner Biographie
zusammengeflunkert, was aber die verschworene Fangemeinde, die wie alle
Fan-Trupps ziemlich blind ist, weiter nicht stört. Im Gegenteil der
Arschlochanteil geht bei dieser Betrachtungsweise fließend ins Genie über.
Die Licht-
und Schattenseiten der berühmten Persönlichkeiten kommen in dieser Sammlung
erheiternd zum Vorschein. Und als Leser lernt man, dass man bei jedem Künstler das
Hinterteil anschauen soll, das ist oft genauso wichtig wie jenes Gebilde, das
auf dem Hals sitzt.
Manfred Chobot (Hg.): Genie & Arschloch. Licht- und Schattenseiten
berühmter Persönlichkeiten.
Wien: Molden 2009. 279 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-3-85485-234-6.
Manfred Chobot, geb.
1947 in Wien, lebt in Wien.
Helmuth
Schönauer 28/12/09
GEGENWARTSLITERATUR
1797
Kornwolf
Im
Deutschland des Dreißigjährigen Krieges wurden Außenseiter, Deserteure und
Flüchtlinge, die sich in den Feldern versteckten, Kornwölfe genannt. Der
Begriff hat in älteren deutsch-amerikanischen Gemeinden bis heute überlebt.
Tristan Egolf beschreibt Amerika stets von den Rändern her, dort wo
der amerikanische Traum längst aufgehört hat, wo die Verkehrsverbindungen an
ihr Ende kommen, wo sich eine verzopfte Gedankenwelt über Jahrhunderte
ungeschoren als Desaster im religiös verwirrten Kopf halten kann.
Der Roman „Kornwolf“ erzählt vom verwahrlosten Journalisten Owen, der
in seine Heimatstadt Stepford zurückkehrt, um zu
boxen und sensationelle Lokalberichte zu verfassen. Zur Erfolgsstory wird dabei
ein Bericht über einen Werwolf, dessen Gesicht an Nixon erinnert und der im
Wald von Bewegungsmeldern für streunendes Wild aufgenommen worden ist. „Es war
seit Jahren der erste glatte, unbeschwerte Ritt über die Tastatur.“ (160)
Der Aufbau
des Romans ist logisch explosiv. Nach einem Vorspann „Auftritt“, bei dem der
Journalist und Boxer Owen, der Boxtrainer und Vietnam-Veteran Jack und der amische Outlaw Ephraim vorgestellt werden, geht es mit
Boxkommandos durch den sozialen Dschungel der Provinz. Leg los (65), Bleib dran
(149), Schlag zu (227), Lass sehen (311) lauten die Zurufe, die die Story
explodieren lassen.
Dabei gibt
es scheinbar keinen Grund, warum die Geschichte von Werwölfen, Außenseitern und
mystischen Gestaltenwechslern eskaliert. Denn als Owen in die Heimatstadt
zurück kommt, hat er ja nur Journalismus und Boxen im Sinn. „Nein, keine
persönliche Krise, keine Steuern, kein Bankrott. Er hatte weder alle Brücken
hinter sich abgebrochen noch all seine Möglichkeiten ausgeschöpft."“(68)
Aber das ist der Fluch von provinziellem Journalismus, dass er einen ganzen
Landstrich aufregen und kirre machen kann.
Kurzum,
alle Vorurteile gegen die Amischen brechen auf, die Amischen selbst sind nicht in der Lage, mit der modernen
Gesellschaft zu korrespondieren, alles endet in Misstrauen, Hetzjagd und wie im
Boxen mit Niederschlag und k.o.
In einem
Nachwort erzählt der Übersetzer Frank Heibert von den
Lesetourneen durch Deutschland, bei denen er Tristan Egolf
begleiten konnte. Natürlich überlegt er, was mit diesem Packen Egolf-Sprachdynamit noch alles gesprengt hätte werden
können, wäre da nicht das Desaster des Suizides. Der Übersetzer stellt auch
eine Erzähllinie zwischen „Kaltenegger“, „Luise“ und „Kornwolf“
her, alle drei Romane sind mit der Machete erzählt.
Und
tatsächlich starrt der Leser jeweils auf diese kleinen Erzählrisse, die sich
durch die Absätze ziehen. „Ephraim starrte schweigend zu Boden. (Hinter ihm
zerfraßen Termiten die Wand.)“ (113)
Tristan Egolf: Kornwolf.
Roman. A. d. Amerikan. und Nachwort von Frank Heibert. [Orig.: Kornwolf, New
York 2006].
Frankfurt/M:
Suhrkamp 2009. 430 Seiten. EUR 26,80. ISBN 978-3-518-42075-1.
Tristan Egolf,
geb. 1971 in Spanien, starb 2005 in seiner Heimatstadt Lancaster /
Pennsylvania.
Helmuth
Schönauer 28/12/09
GEGENWARTSLITERATUR
1804
Zahnlos
Meist
werden historische Ereignisse mit großen Armbewegungen erzählt, je weiter
jemand beim Texten ausholt, umso mehr Luft wirbelt er damit auf.
In Gerd Graenz’s kleinem Roman „Zahnlos“ geht es geradezu irdisch
unhistorisch zu. Der Protagonist ist noch zu DD-Zeiten im Anflug auf
Ost-Berlin, als es mit dem Gebiss nicht mehr ganz hinhaut. Obwohl er sich
eigentlich ein paar harmlose Urlaubstage machen will, wird er jetzt zum
Getriebenen, denn irgendwo muss eine zahnärztliche Hilfe her.
Im Hotel
vermittelt man ihn an eine Zahnärztin und es stellt sich bald heraus, dass sie
keine Ur-Berlinerin ist. So entwickelt sich, so gut das eben während einer
Zahnbehandlung möglich ist, ein erstaunliches Gespräch über Kultur, wertvolle
Sätze im Zitatenschatz einzelner Systeme und über das politische Leben
überhaupt.
Während der
Zahn-Urlauber scheinbar belangloses „zahnloses“ Zeug erzählt, um dem System
doch noch auf die Schliche zu kommen, aber nicht aufzufallen, sammeln sich
gerade die ersten Protestgruppierungen, die bald einmal zum Ende der DDR führen
sollen. Als zufälliger Beobachter schaut er sich vom Fenster aus den
offensichtlich harmlosen Beginn einer historischen Aktion an.
„Vor dem
Schlafengehen hörte er draußen auf der Straße laute Worte und leise Gesänge. Er
trat zu dem großen Fenster, schob die Vorhänge zurück und sah hinunter auf die
Straße Unter den Linden. […] Eine kleine Gruppe, vielleicht etwa 30 Menschen,
demonstrierten. Sie hielten Plakate in der Hand und sangen ein Lied. Dazwischen
riefen sie irgendwelche Worte, die er nicht verstand. Zum Schluss marschierte
eine Frau mit einem kleinen Kind in der Hand. Beide stapften mutig auf der
nassen Straße dahin.“ (33)
Gerd Graenz zeigt fein meisterlich, wie es für den einzelnen
kaum möglich ist, mit der jeweiligen Geschichte mitzuhalten, geschweige denn
einzugreifen. „Zahnlos“ ist eine durchaus markante Methode, der
großen Geschichtsschreibung ein paar Tage irdischen Lebens gegenüberzustellen.
Der straff gehaltene Erzähl-Stil suggeriert vollendete Tatsachen, während der
Held völlig wund und verzweifelt nichts anderes im Sinn hat, als im Gebiss
wieder Ordnung zu schaffen. So trivial seltsam sind oft Innenwelt und
Außenwahrnehmung mit einander verbunden.
Gerd Graenz: Zahnlos. Eine fast traurige
Geschichte. Roman.
Wien:
Verlag Der Apfel 2009. 81 Seiten. EUR 16,90. ISBN 978-3-85450-023-0.
Gerd Graenz,
geb. 1923, lebt in Wien.
Helmuth
Schönauer 13/01/10
GEGENWARTSLITERATUR
1773
Drift
Komplizierte
Vorgänge brauchen eine komplexe Darstellungsweise, und was ist als Stoff
üppiger als das Leben?
Judith
Gruber-Rizy hat in ihrem Roman drei Vorgänge des
Lebens im Auge und daher auch in jedem Abschnitt mindestens drei erzählerische
Zugänge. Einmal geht es um die Drift, ein Phänomen, wo etwas scheinbar
ungesteuert irgendwohin driftet, zum anderen geht es um die Verlässlichkeit von
Erinnerung, und zum dritten geht es um das wahrhaftige Schreiben.
In elf
sogenannten Driften stoßen diese Überlegungen aufeinander, wobei jeweils die
Protagonistin „Rosa“ alle Parts übernimmt, sie schreibt, erinnert sich und
schaut mit mehr oder weniger großer Bestürzung auf jene Drift, die ihrer
Biographie zugrunde liegt.
„Ursprünglich
wollte ich am Beispiel eines kleinen Mädchens das Spannungsfeld beschreiben und
darstellen, wie es möglich ist, dass ein Mädchen sich auf die Männerseite
stellt und versucht, dem Frausein zu entrinnen.“ (120)
Schon im
Namen der Protagonistin spielt spiegelt sich alles, von der Kindermädchenfarbe
rosa über den rosa Himmel bis hin zur Rose der Erotik. Rosa ist ursprünglich
eine quer Liegende, schon ihre Geburt ist kompliziert und auch dann liegt sie
dem Frauenhaushalt meist quer im Magen. Aber plötzlich entwickelt sich alles
anders, Vater hat eine Freundin, Mutter kriegt die Scheidung nicht hin und Rosa
verbündet sich durchaus authentisch mit der Männerwelt.
So
entwickelt sich Rosa vom Großmutter-Kind zur Vater-Tochter und endlich, im
reifen Frauenalter, zur Rosa-Zeit (160) heißt es in einer spontanen
Zusammenfassung einmal.
Denn der
Text entwickelt sich nicht nur mit dem Leser, die Rosa-Biographie wird auch
ständig ausführlich vom Freundinnen-Kreis analysiert und kommentiert.
Dabei
geraten sich Tagebuchaufzeichnungen, der geplante Verlauf einer erzählstrategisch
gut aufgestellten Liebesgeschichte und das Ausleuchten einer Kindheit immer
wieder kreativ in die Haare und erzählen so die eigentliche Geschichte.
Denn
komplexe Dinge wie das Leben müssen eben in Einschüben und mit Abbrüchen
erzählt werden. „Sich an neuen Ufern festsetzen. Hingedriftet,
langsam und gemächlich. Für eine Weile niederlassen, bevor erneut der Drift
hingeben.“ (175) heißt es im Tagebuchstil gegen Ende des Romans, irgendwo
zwischen Gegenwart und Zukunft.
Judith
Gruber-Rizys Roman ist eine beeindrucke Art, wie man
ein Leben zwischen Gender, Genie und großer Erwartung erzählen kann.
Beeindruckend sind auch die jeweiligen Einstimmungen zu den einzelnen Driften,
als Leser staunt man, was so alles auf der Welt als Drift irgendwo hin treibt.
Das ist vielleicht die überraschendste Nachricht des Romans, dass wir alle
„Gedriftete“ sind. – Wunderbar.
Judith Gruber-Rizy: Drift. Roman.
St.
Wolfgang: Edition Art Science 2009. 175 Seiten. EUR 18,-. ISBN
978-3-902157-54-6.
Judith Gruber-Rizy,
geb. 1952 in Gmunden, lebt in Wien und Oberösterreich.
Helmuth
Schönauer 12/01/09
GEGENWARTSLITERATUR
1803
Das starke Geschlecht
Die
Altersgeilheit geht oft seltsame Wege, am ehesten erkennt man sie daran, dass
sie sich an Kleinigkeiten aufhängt.
Hans Werner
Kettenbach erfindet einen geradezu minimalistischen Plot, um zu zeigen, wie das
sogenannte starke Geschlecht am Ende seiner Tage noch einmal ausrastet, ehe es
dann still ausgeistert.
Erzähler
des Falles ist ein junger Anwalt, der sich mit alten Leuten herumschlagen muss.
Der Inhaber der Kanzlei ist ein alter Mann, der aber noch allerhand Tricks
drauf hat. Der Mandant ist ein erfolgreicher Ventil-Hersteller, der wegen einer
Kleinigkeit noch einmal das Leben aufrollt. Und dann gibt es noch die Frau des
Unternehmers, eine Malerin, die die gnadenlose Erotik jenseits der Siebziger
ausspielt.
Der
Erzähler muss einen ziemlich ungünstigen Fall übernehmen, der Unternehmer hat
nämlich seine Ex-Geliebte gekündigt, weil sie gegen seinen Willen Urlaub
genommen hat und alles mit einer Krankheit getarnt hat. Während der Anwalt
ermittelt und sich für den Gerichtstermin vorbereitet, schießen allen noch
einmal die Säfte in die Blutbahn.
Eine
durchgehende Eifersucht zieht sich durch die Szenerie, wer ist alt, wer
attraktiv, wer lässt jemanden stehen, wer zahlt eine Entschädigung? Sogar die
Verlobte des Anwalts fängt zwischendurch zu spinnen an und glaubt an Intrigen
der alten Herzensbrecherinnen und -brecher, als scheinbar unauffällige
Schachpartien das Brett verlassen und im Bett enden.
Dabei hat
der Unternehmer ausgeprägte Parkinsonsymptome, aber einmal wollte er es eben
noch wissen, und von der lächerlichen Kündigung seiner Ex-Geliebten hangt
schließlich sogar das ganze Leben ab. „Den germanischen Treuebegriff, den
kennst du. Aber nicht das Messer, das irgendein Drecksack dir in die Brust
gepflanzt hat. Unter freundlicher Mitwirkung deiner Frau. Und das sie gemeinsam
jetzt umdrehen, langsam. Jeden Tag eine kleine Drehung weiter.“ (331)
Der alte
Mann ist schwer verletzt, erzählt noch ein paar ungeklärte Geschichten aus
seiner Kindheit, ehe er dann beim Gerichtstermin völlig durchdreht und die
Verhandlung vollends zu seinen Ungunsten dreht.
Allmählich
dämmert dem Erzähler, dass hier jemand noch ans große Reinemachen seiner Seele
denkt, ehe dann alles in einen Vergleich endet. Pflichtgemäß stirbt dann auch
der Unternehmer, vermutlich menschlich gereift, weil er doch noch dem starken
Geschlecht abgeschworen hat.
Hans Werner
Kettenbach erzählt in Gestalt eines Anwalts-Krimis vom unausweichlichen Altern
der ehemals herrschaftlichen Herren. Die Erotik ist eine verlässliche Partnerin
des Todes. Sie kommt noch einmal in voller Schwülstigkeit ans Bett, ehe sie
dann doch dem Tod den Vortritt lässt. Ein reifer, langsamer aber doch furchtbar
wahrer Roman, der nichts beschönigt, aber auch nichts lächerlich macht.
Hans Werner Kettenbach: Das starke Geschlecht. Roman.
Zürich:
Diogenes 2009. 432 Seiten. EUR 22,60. ISBN
978-3-257-06688-3.
Hans Werner Kettenbach, geb. 1928,
lebt in Köln.
Helmuth
Schönauer 28/12/09
GEGENWARTSLITERATUR
1799
Renato
Im Film „Teorema“ von Pier Paolo Pasolini taucht eines Tages ein
wunderschöner Mann in einer Villa auf und macht alle zuerst sexuell und später
mit dem Kopf verrückt.
In Andreas
Renoldners Roman „Renato“ sind zwar weniger Protagonisten beteiligt, aber der
Vorgang ist etwa in ähnlich, nur dass hier zuerst die Lebenstheorie und erst
sehr spät die Sexualität zum Zuge kommen.
Dabei ist
der Plot völlig trivial, der Ich-Erzähler hat seine Scheidung hinter sich und
fährt jetzt als Antithese zum bisherigen Familienleben zuerst nach Italien und
später mit der Fähre nach Griechenland. Am Anfang ist seine Stimmung
eingependelt zwischen Trivialität, „Auch alles andere ist bei mir so gekommen
wie bei allen anderen.“ (8) und ästhetischer Urlaubsphilosophie, „Wie das
zusammen geht, dass nichts mehr einen Wert hat und das Leben trotzdem so teuer
geworden ist.“ (21)
Doch dann
trifft der Erzähler jäh den lebenslustigen Renato, und dieser wirft ihn mit
seiner ungestümen Art, ziemlich aus der bisher so pragmatisch angelegten
Urlaubsplanung. Dabei ist das Rezept Renatos recht überzeugend: das Leben als
Urlaub zu genießen, von einer Stunde auf die nächste zu denken und keine
Zeitbeschreibung mehr zuzulassen außer Tag und Nacht.
Für den
Erzähler wird bald einmal klar, dass es jenseits eines Lebens nach Erwartungen
und straffen Mustern auch noch ein wildes Leben gibt, bei dem es durchaus
zutraulich zugehen kann. Und dann reißt es den ehemaligen Familienvater selbst
von den Socken: „In diesem Augenblick muss ich mich in ihn verliebt haben.“
(113) Die homoerotischen Gefühle kommen schleichend und lassen sich weder mit
dem Kopf noch mit dem Bauch aufhalten.
Aber nicht
nur der ehemalige Familienvater erschrickt, auch für Renato geschieht
offensichtlich etwas, was ihm die Lebensfreude nimmt, wenn die Liebe so
unerwartet kommt, zerstört sie vielleicht alle Beteiligten.
Mitten im
Wald in Griechenland tätigt Renato dann auch den entscheidenden Handy-Anruf.
„Das heißt,
du musst nach Hause?“ – „Ich bin nirgendwo zu Hause“. (203)
Unerwartet,
wie die Geschichte die beiden überfallen hat, schleicht sie sich auch wieder
davon, jeder der beiden verschwindet in seiner eigenen Zukunft auf
Nimmerwiedersehen.
Andreas
Renoldner erzählt eine raffiniert homoerotische Liebesgeschichte, in welcher
die ganze Lebensphilosophie üblicher Alltagshelden auf den Kopf gestellt wird.
Bei dieser Gelegenheit wird ständig gesüffelt und die Urlaubsländer werden als
zum Teil ausgereizte Erlebnis-Folien karikiert. Am Schluss ist man als Leser
ein bisschen traurig, dass die Geschichte schon aus ist. Aber alle
Liebesgeschichten gehen offensichtlich am Schluss mit sich selbst ums Eck und
verschwinden im Dunst der Erinnerung.
Andreas Renoldner: Renato. Roman.
Klagenfurt:
Kitab 2009. 232 Seiten. EUR 15,60. ISBN
978-3-902585-37-0.
Andreas Renoldner, geb. 1957 in
Linz, lebt in Wien.
Helmuth
Schönauer 11/01/10
GEGENWARTSLITERATUR
1785
Ich bin Tschetschene
Üblicherweise
tritt man als Leser so genannten patriotischen Formulierungen mit gemischten
Gefühlen entgegen, und tatsächlich klingen sie auch seit Kennedys Berlins-Sager
je nach Tagesverfassung unverfroren oder kitschig.
German Sadulajew erzählt unter der klaren Fügung „Ich bin
Tschetschene“ von einer Gegend, von der wir letztlich seit Jahrhunderten fast
nichts wissen. Dabei sitzt der Erzähler in St. Petersburg weit weg von einer
Heimat, die aus seltsamen Ritualen, berührenden Mythen und einer völlig
unerschütterlichen Regelsammlung für das Überleben besteht. In kleinen Erzählschüben
kommen dabei alle jene patriotischen Partikel zum Vorschein, die in der
modernen Medienwelt entweder ausgeblendet oder verstümmelt dargestellt werden.
Gleich zu
Beginn wird die verwundete Erde beschrieben. So wie jeder im Krieg Ermordete
mit weit aufgerissenem Körper herumliegt, ergeht es auch der Erde
Tschetscheniens, sie ist aufgerissen und von Historie durchpflügt. Die Menschen
fliehen aus dieser aufgewühlten Aura und werden dabei vom Krieg zerfetzt.
Der
Erzähler berichtet vom Elend, das dabei über die Familien kommt. Im hohen Alter
werden die Eltern vertrieben, was nicht nur Tschetschenen das Herz bricht, die
Schwester kommt zu Schaden. Aber flüchtet jemand, so kommen ihm gleich
Schuldgefühle, dass er letztlich die Heimat verlassen hat.
In manchen Sequenzen
kommt auch das Verrückte jeder Historie zum Vorschein, vielleicht gibt es
Tschetschenien gar nicht und ist in Wirklichkeit nur der Name für ein nicht
beschreibares und unzähmbares Land.
Das alles
geschieht seltsamerweise mit größter Poesie, aus deren Poren der wahre Schmerz
in undosierbaren Portionen rinnt. Gleichzeitig wird
auch erzählt, was einem Tschetschenen in Russland passiert, wenn er halbwegs
selbstbewusst in der russischen Gesellschaft auftritt. Dabei erkennt man jeden
Tschetschenen an seinem Gang und an seinen Gesten. Aber ein Tschetschene tritt
immer so auf, als gehöre ihm die ganze Welt, auch wenn man ihn morgen schon
tötet. (62)
Germann Sadulajews Tschetschenen-Epos ist politischer Kommentar,
Lyrik, Patriotismus voller Melancholie und Handreichung in einem. Diesen Text
verlässt kein Leser, ohne dass er nicht durch und durch erschrocken ist.
German Sadulajew: Ich bin Tschetschene. A. d. Russ.
von Franziska Zwerg. [Orig.: Ja tschetschenez, Jekaterinenburg 2006].
Zürich:
Ammann 2009. 155 Seiten. EUR 18,50. ISBN
978-3-250-60136-4.
German Sadulajew,
geb. 1973 in Tschetschenien, lebt in St. Petersburg.
Helmuth
Schönauer 11/01/10
GEGENWARTSLITERATUR
1798
Tage, Passagen
Nach einer
intensiven Reise wird das Informationsmaterial meist in einer Schachtel
abgelegt und Jahre später wird alles umgestülpt und neuerlich zum Vorschein
gebracht. Die wahre Ordnung einer Reise aber bestimmt stets der Reisende.
In Waltraud
Seidlhofers poetischer Materialschachtel betritt vielleicht jemand ein Museum,
umkreist es, geht hinein und legt sich eine Ordnung der ausgestellten Dinge
zurecht. Ähnlich geht man ja auch beim Erkunden einer Stadt vor, man reist an,
umkreist sie und durchschreitet sie mit aufgerissenen Augen.
„Tage,
Passagen“ handelt von diesem Durch-driften der Sinnesorgane durch eine
inszenierte Welt. Manches erscheint vertraut wie der Weg zur Arbeit, den man
Jahrzehntelang geht, anderes wiederum erweist sich als völlig undurchschaubarer
Weg, in welchen aber stets rätselhafte Hinweise eingeflochten sind.
Als
Hauptstrang könnte man den Besuch eines Keramik-Museums herauslesen. Während
die Augen nach Hinweisen gieren und das Hirn sich einen durchlaufenden Sinn
zusammensucht, läuft dem Besucher in Kursivschrift ein schmerzhafter Arm durch
die Sinne. Letzten Endes durchlebt der schmerzhafte Arm dasselbe Schicksal wie
das gut aufgestellte Museum, das sich mit jeder Vitrine und jeder Beschriftung
neu erschließt. Auch beim Schmerz gibt es Hoffnung, vielleicht lässt er nach,
wenn man ihn nur sorgfältig genug untersucht, vielleicht aber kommt man den
Ursachen dieses Schmerzes nie auf die Spur.
In täglich
neuen Anläufen türmen sich vor dem Betrachter die seltsamsten Dinge auf, ein
Bahnhof etwa besteht letztlich nur aus dem Schild Bahnhof, jegliche
Infrastruktur ist bereits demontiert. Die Poesie eines gelesenen Reiseführers
erweist sich angesichts der Realität als blind, andererseits türmen sich kleine
Beobachtungs-Scherben einer alltäglichen Passage zu Bojen eines verschlüsselten
Kurses auf.
Ab und zu
gibt es Inserts, die das Gesehene in eine bestimmte Richtung hin deuten und
einen Übergang in ein neues Segment verschaffen: „ insert
/ bruecke II /das foto der
anbindungslos in der landschaft stehenden brueckenkonstruktion ist teil
einer ausstellung, die sich mit architekturdetails
befasst: ausschnitte von haeusern, fabriken, zimmer, durchgaenge.“ (100)
Waltraud
Seidlhofer erzählt unbeirrt und unermüdlich, Namen und Gefühle werden scheinbar
ausgeklammert, und dennoch spielen die Gefühle bis hin zum unerträglichen Schmerz
eine tragende Rolle und legen eine eigene Achse durch den Text. Als Leser hat
man gewiss einzelne Komponenten dieser „Seh-Wiese“ schon persönlich erlebt,
aber diese dichte Universalsammlung aufgesplitteter
Erkenntnisteile ist einmalig und grandios. „Tage, Passagen“ regen dazu an, mit
einem neuem Sensorium frische Passagen durch die Zeit zu schlagen.
Waltraud Seidlhofer: Tage, Passagen.
Wien:
Klever 2009. 135 Seiten. EUR 15,90. ISBN 978-3-902665-14-0.
Waltraud Seidlhofer, geb. 1939 in
Linz, lebt in Thalheim bei Wels.
Helmuth
Schönauer 12/01/10