Buch in Pension – Rezensionen Januar/2020


Rachel Cusk: Lebenswerk. Über das Mutterwerden. Roman.

Günther Geiger: Meroni & Co. Roman.

Friedrich Hahn: Melichar oder Von der Kunst, keinen Roman zu schreiben. Roman.

Mario Hladicz: Die Dauer der Scham. Geschichten.

Felix Philipp Ingold: Endnoten. Versprengte Lebens- und Lesepläne.

Thure Erik Lund: Das Grabenereignismysterium. Roman.

Andreas Niedermann: Das Glück der falschen Fährten. Novelle.

Constantin Schwab: Der Tod des Verführers. Erzählungen.

Waltraud Seidlhofer: wie ein fliessen die stadt.

H. W. Valerian: Mourir pour Dantzig. Erzählung.


GEGENWARTSLITERATUR 2870

Lebenswerk

Peinlich berührt ist die Menschheit von der Frage nach der eigenen Reproduktion. Was wäre, wenn der Sinn der Menschheit wirklich darin bestünde, sich zu vermehren, und sonst nichts?

Rachel Cusk nennt den Roman über das Mutterwerden ironisch „Lebenswerk“. Damit ist gemeint, dass sich rund um die Reproduktion das ganze Leben auf den engen Raum zwischen Mutter und Kind reduziert, ein riesiges Theaterstück, bei dem zuerst das Stück im Mutterleib spielt und später auf einem kleinen Karree, in dem gestillt und gewickelt wird. Die Außenwelt hält während dieses intensiven Schaustücks den Atem an, während die Protagonisten das Mutter-Kind-Stück so gut es geht zu Ende spielen.

Diese theatralische Konstellation fordert seit jeher die Literatur heraus. Einerseits gibt es unzählige Regelwerke, worin eine amorphe Gesellschaft Richtlinien herausgibt, wie sich eine Mutter zu verhalten hat, um der Gesellschaft einen guten Dienst zu erweisen. Andererseits treten in der fiktionalen Literatur raffiniert gestrickte Mutterbilder auf, die in ihrer gespielten Harmlosigkeit jede Schwangerschaft nachhaltig beeinflussen.

Die Erzählerin berichtet von ihrem Sonderfall, dass sie nämlich die Schwangerschaft antritt, obwohl sie darüber ziemlich viele abschreckende Bücher gelesen hat. Sie wird bei diesem Projekt von ihrem Partner unterstützt, der sich allerhand schräge Fragen anhören muss. Das Projekt Mutterschaft selbst handelt davon, die eigenen Erfahrungen mit Literatur zu verbinden und nötigenfalls mit eigenen Worten fortzuschreiben.

Der Erzählduktus des Romans ist „heldinnenhaft“, die Protagonistin tritt die Mutterschaft an und überlegt, ob die vorhandenen Narrative ab nun mit der eigenen Erfahrung übereinstimmen. Zuerst erzählt der Körper, der sich verändert, dann schmuggelt sich das Kind in den Dialog hinein, und schließlich kommt es zu einem Kaiserschnitt, der diese Geschichte abrupt abkürzt. In einer neuen Erzählung oszilliert das Baby zwischen den Rollen „Opfer und Alleinherrscher“. (39) Bald einmal gibt es skurrile Fotos vom Baby, die an die Kontaktaufnahme mit Außerirdischen erinnern. Andererseits sind diese Bilder Dokumente für die Inbesitznahme des Babys, gleichsam ein Beweis für die Behörde. Einen anderen Sinn können diese Bilder wohl nicht haben, vor allem haben sie keinen künstlerischen Wert.

Das Baby richtet sich ebenfalls in der neuen Welt ein, indem es alles mit einer Kolik beantwortet. „Kolik haben ja nur Pferde“, meint die nervöse Mutter und besucht diverse Kliniken, aber dann pendeln sich die Geräusche ein und werden fortan als Ausdruck eines wilden Kindes genommen.

Während die Geräte für das Baby sterilisiert werden, damit keine böse Infektion aufkommt, liest die Mutter von der tapferen Rolle der Madame Bovary. Die literarischen Helden korrespondieren ja immer mit der Umgebung der jeweiligen Leserschaft. So nimmt die Erzählerin fallweise den Standpunkt der Madame Bovary ein, wenn sie sich in die Innensicht des Babys versetzt.

Es wird viel vorgelesen um diese Zeit und das Baby hört aufmerksam zu, am meisten beeindruckt es allerdings ein Quietschbuch, das Geräusche macht und sich gut angreifen lässt. Um aus der isolierten Mutter-Kind-Beziehung allmählich herauszufinden, wird per Annonce eine Kinderfrau gesucht und siehe, es meldet sich ein Mann, der schon immer einmal die Mutterrolle einnehmen wollte.

Nach etwa einem Jahr ziehen Kindsvater, Mutter und Baby aus London weg in eine putzige Universitätsstadt, die wie für Babys gemacht ist, jedenfalls ist die Welt plötzlich kindgerecht und überschaubar. Und die Heldin ist erstaunt, dass sie nach einem Jahr wieder einmal durchschläft. Sie fasst das Projekt lapidar zusammen: „Mutterschaft ist weniger ein Zustand als Arbeit.“ (216)

In der Einleitung schreibt Rachel Cusk, dass sie nicht damit rechnet, dass allzu viele Männer diesen Roman lesen werden. Aber immerhin können sie nichts falsch machen beim Lesen, denn die Mutterschaft überschreitet in der Darstellung der Autorin alle Geschlechterklischees. Und wem die Diskussion über die Reproduktion zu dünn ist, der kann das „Lebenswerk“ literarisch lesen Ob jemand ein Kind oder ein Buch gebiert, da ist gar kein so großer Unterschied dabei, nur dass Bücher nicht so laut sind.


Rachel Cusk: Lebenswerk. Über das Mutterwerden. Roman. A. d. Engl. von Eva Bonné. [Orig.: A Life‘s Work, London 2001].

Berlin: Suhrkamp 2019. 223 Seiten. EUR 22,70. ISBN 978-3-518-42889-4.

Rachel Cusk, geb. 1967 in Kanada, lebt England.

Helmuth Schönauer 03/01/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2217

Meroni & Co

Der wahre Untergrundroman bedient sich der Helden, Träume und Sprache des Untergrunds. Soziologische Studien können zwar die eine oder andere Schattierung auf des Leben im und um das Gefängnis herum werfen, den klebrigen Kosmos der sogenannten Gegengesellschaft darzustellen vermag freilich nur der Roman.

Günther Geigers Roman „Meroni & Co“ erzählt an der Oberfläche die Geschichte einer Jugendbande aus den 1970er Jahren, die in der Provinz ständig mit dem Gesetz in Konflikt gerät und unter dem polizeiinternen Begriff „permanenter Ladendiebstahl“ eine eigene Behörde beschäftigt. Schon der Beginn ist spektakulär wie der Aufmacher eines großen Films: Meroni ist aus der Zelle geflüchtet und sitzt auf dem Anstaltsdach, wo er zuerst sein Manifest der Freiheit hinausschreit, später bessere Haftbedingungen fordert und schließlich mit der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit die Exhibition beendet. Mit diesem internen Ausbruch ist auch schon das Dilemma der Gruppe beschrieben. „Unsere Revolution hat keinen Sinn, denn sie überschlägt sich, noch ehe sie zur Revolte geworden ist.“ (124)

In die Rahmenhandlung eines Gefängnisromans ist der Geist einer ganzen Generation eingebettet, die sich die Entarteten und Ausgestoßenen nennen. (48) Jetzt mag man wie bei jeder Revolte streiten, wer die Verursacher sind, jene, die die Verhältnisse schaffen, oder jene, die daraus ausbrechen.

Die Gesellschaft jedenfalls nimmt die Revolte der Jugendlichen auf, indem sie diese in einzelne Fallbeispiele zerlegt und bürokratisch aufmischt. Meroni & Co sind nur dem Namen nach ein Kollektiv, in Wirklichkeit sind sie eine Ansammlung von geschundenen Individuen, die mit dem gesellschaftlichen Kontext nicht klarkommen. Dabei geht es nicht um Selbstmitleid sondern um eine Mission, die man in der Aussichtslosigkeit vollenden muss. „Das Gefängnis zwingt mich direkt in die brutale Gegenwart einer gleichgültigen Ewigkeit. Nur die Atombombe würde das Dauerleiden beenden.“ (72)

Allmählich ergibt sich eine Philosophie des Ausharrens und der Beschäftigung mit sich selbst, sei es, dass man Rimbaud liest (46) oder in einem Taschenkalender für Gefängnisinsassen Texte verfasst, denen man programmatische Überschriften gibt wie „der Entartete / der Ausgestoßene“. (48) So nebenher entsteht eine eigenwillige Poesie. „Nur Unwirkliche sind heute von Moder und Verwesung behäuft, sie geistern um zwölf in von Spinnen durchwobenen Gewölben. Das sind die filmischen Töchter des Blutgrafen Dracula.“ (144)

In diese Welt des Abtauchens greift freilich ständig die Behörde mit ihren erzieherischen Maßnahmen ein. Mal wird jemand mit der Psychiatrie vertraut gemacht, dann gibt es wieder eine Haftprüfung, und schließlich braucht es Kontakte zum Anwalt, der ein Verfahren günstig anlegen soll. Die Sprache dieser Konversationen ist immer eindeutig, in jeder Fügung ist klar, wer der Herr und wer der Unterworfene ist. So wird der Name Geier von der Behörde stets verunglimpft, indem ein verächtliches „Herr Geer“ daraus wird. Die Justizbeamten nehmen sich nicht einmal die Mühe, einen Zwielaut auszusprechen.

Seit Kafka wissen wir, dass das Leben ein Prozess ist, der alle Lebensbereiche umfasst. Die Helden sind nicht von vorneherein für das Gefängnis geplant gewesen, aber man hat es nicht verstanden, sie in ein Gemeinwesen einzufügen. Dabei sind die Ausreden, mit denen Ablehnungen ausgesprochen werden, durchaus süffisant. Als sich einer für den Posten eines Redaktionsmitarbeiters interessiert, wird sein erster Text gleich beiseite geworfen. „Mehr Tiefe und sie haben Zukunft!“ (66)

Der Taschenkalender erweist sich als literarisches Forum, in das die Lebensweisheiten der zwangsversunkenen Welt gekritzelt werden können. „Im Gefängnis ist alles nummeriert.“ (152) Das hilft, dass bei der Entlassung die Kleider für die Außenwelt schnell gefunden werden. Aber trotz aller Verordnungen liegt diese Generation ein Leben lang schräg in der Zeit. Sie sind die letzten „grünen Blätter im Oktober“, wie sie sich nennen.

Meroni & Co erzählt auf einer dritten Ebene auch eine Geschichte, wie Außenseiter im Literaturbetrieb ständig verdrängt und vergessen werden. Der Roman ist erstmals 1987 erschienen, jetzt ist er an ein paar Stellen ergänzt, wie manchmal in einem langen Prozess Aussagen ergänzt werden, die aber am Sachverhalt nichts ändern. Ein Untergrundroman ist nämlich nie fertig und schon gar nie vollendet.


Günther Geiger: Meroni & Co. Roman.

Zirl: Edition BAES 2019. 196 Seiten. EUR 14,90. ISBN 978-3-9504833-9-0.

Günther Geiger, geb. 1949 in Graz, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 11/01/20



GEGENWARTSLITERATUR 2869

Melichar

In einer Zeit, wo durch die digitalen Korrespondenzmöglichkeiten quasi jeder User zu einem Schriftsteller geworden ist, gewinnt für dezidiert ausgewiesene Schriftsteller das Diktum Bertolt Brechts an Bedeutung. „Gar nichts ist immer das Beste, was einer schreiben kann.“

Friedrich Hahn schickt seine Protagonisten oft in Schreib-, Sinn- oder Sprachkrisen. Auch wenn an der Oberfläche scheinbar makellos komponierte Romane auftauchen, pflügen im tiefergelegten Erzählhumus ständig Helden herum, die dem Schreiben entkommen wollen, vergebens.

Das Verschwinden durch Schreiben, ohne dass es dabei Geschriebenes gibt, ist eine schier unlösbare Aufgabe. Wahrscheinlich ist sie so kompliziert wie das Leben selbst, das hinter so einem Programm steckt. Der Roman „Melichar“ setzt sich aus einer Unzahl von Dreier-Schritten zusammen. In den einzelnen Sequenzen wird als Aufmacher das Medium vorgestellt, auf dem ein Texteintrag stattfindet. In Kursiv-Schrift folgt anschließend die aufgefundene Notiz, in einem gerade gesetzten Schriftzug berichtet schließlich der vom Stoff aufgewühlte Ich-Erzähler, welche Erinnerungen an das eigene Leben diese aufgefundenen Satz-Schätze auslösen.

Aus dieser losen Episodensammlung ergibt sich einerseits ein Stück-Lebensgeschichte des Erzählers, andererseits taucht die merkwürdige Figur des Melichar auf, der wie eine Randfigur fallweise in die Kindheit hereintappt, wie es Außenseiter ohne Absicht machen. Melichar ist ein Künstler ohne Werk, er arbeitet nicht sichtbar und hat ständig eine Lebensweisheit auf der Zunge, meistens aber spricht er in Rätseln. (37) Aus einem rätselhaften Grund übergibt er eines Tages eine Holzkiste an den Erzähler, die dieser zwar als wertvoll einstuft, aber noch nichts damit anfangen kann.

Nach einer recht ruckartigen Karriere zum Polizisten, nach Liebschaft und Leidenschaft für ein geordnetes Leben findet sich der Erzähler in einem Ex-Stadium wieder. Er hat offensichtlich ein Talent zum Ex, alles, was er anfasst, verschwindet. (111)

Nachdem wieder einmal das ganze Leben umgestülpt und über den Haufen geworfen ist, findet der Held die Kiste von Melichar und wühlt sich durch das Material. Im Stile eines Archivars wird das Medium als Botschaft dechiffriert, Pappkarton, abgerissene Notizzettel, Ausrisse aus einem Kalender, Fragmente eines Kuverts, alles kann gut genug sein, um einen Satz darauf zu schreiben.

Man glaubt, klare Vorstellungen zu haben. Von sich. Von anderen. Man stellt sich vor, was sich der andere vorstellt. Und schon ist man nur noch ein Gedanke.“ (36)

In der Folge poppen Fragmente für einen Roman auf, Lebensweisheiten, Kalendersprüche, die als Richtschnur gelten könnten. Gleichzeitig aber relativieren sich die Sätze zu Sätzen, die keinen Anschluss an das Gesagte finden. Bis endlich das Brecht-Diktum vom Nicht-Schreiben als wahre Lesung für einen Schriftsteller auftaucht.

Man ist ja vor allem immer Körper. Besonders in der Badehose.“ (147) Diese Sätze entwickeln ihre Botschaft erst, wenn sie vom Träger genommen und in ein fideles Leben übertragen werden. Der Erzähler merkt sofort den Unterschied. Als er ein Revival mit seiner Freundin beginnt, wiederholen sich zwar auch die Sätze, aber sie haben neuen Glanz, weil sie schon einmal verschwunden waren.

Friedrich Hahn erzählt anhand einer verschwommenen gehaltenen Figur von jenem großen Fade-Out, mit dem der Lebenssinn allmählich zurückgedreht und ausgeblendet wird. Ja, die Liebe ist wichtig, ja, das Schreiben macht generell Sinn, aber beides muss man zurückdrehen und zum Verschwinden bringen, will man es fassen. - Es ist eine schöne Kunst, keinen Roman zu schreiben!


Friedrich Hahn: Melichar oder Von der Kunst, keinen Roman zu schreiben. Roman.

Graz: Keiper 2019. 154 Seiten. EUR 19,-. ISBN 978-3-903144-92-7.

Friedrich Hahn, geb. 1952 in Merkengersch / NÖ, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 08/01/20



GEGENWARTSLITERATUR 2868

Die Dauer der Scham

Die Scham ist sowohl als Geschlechtsorgan als auch als Gefühl die meiste Zeit eine ziemlich überflüssige App, mit der sich auf Dauer kaum Nützliches bewerkstelligen lässt.

Mario Hladicz fragt in seinen Geschichten, Erlebnisskizzen und mentalen Flashes, wann die Scham eintritt, warum sie jemanden befällt und wie lange sie bleibt. Die Dauer der Scham sagt also noch nichts über ihre Größe aus. In den siebzehn „Scham-Anfällen“ wird meist eine kleine Szene angesprochen, in der es für einen Moment aufpoppt, dieses seltsame Gefühl von Unwucht, das die Helden meist noch lange irritiert.

Programmatisch ist so eine Ungeheuerlichkeit in der Einleitung angesprochen. „Vorstellung“ wendet sich an den Leser, der für sich etwas aus dem Faktum machen soll, dass es das berichtende Ich gerade zerlegt. Dieses erzählende Ich nämlich wird von einer „Sache“ heimgesucht, die den Herbstnachmittag überschattet. Einen Augenblick lang sitzt sie da, die Sache, und breitet sich aus. Nichts Genaueres ist bekannt, es kann sich um eine Liebschaft handeln, ein Kindheitsgefühl oder um den Botenstoff einer fernen Jahreszeit. Die Sache ist so amorph, dass sie sich nicht genauer beschreiben lässt. Aber die Unruhe breitet sich aus und springt auf den Leser über. Es ist eine bloße Vorstellung im doppelten Sinn, die Sache stellt sich vor, der Betrachter malt sie sich aus.

An anderer Stelle springt die Scham ins Obdachlosenmilieu, wo sie zwei konträre Erscheinungsformen wählt: Das Überlebens-Schämen und das Fremdschämen. Eigentlich ist es ein Alptraum, in dem eine Gruppe gegen den Abstieg kämpft. Beim Aufwachen bleibt ein bedrückendes Gefühl, dass es tatsächlich deprimierend ist, wenn man sozial abgestiegen ist. Der Traum wirkt noch lange in den Alltag hinein.

Das Verrückte an der Scham ist, dass sie aus Mücken Elefanten machen kann. Einmal richtig in Scham-Euphorie, kann jede Banalität zu einer empfundenen Niederlage werden. In einer kleinen Beispielkette regt jemanden zuerst das Angebot eines Optikers auf, die Brille zu reinigen, als ob man das nicht selbst könnte. Kurz darauf sitzt dieser Jemand beim Psychiater und muss sich alle Formen der Depression erklären lassen, obwohl er eigentlich mit keiner dieser Erscheinungsformen etwas am Hut hat, und abschließend rennt dieser Empfindungsheld durch die Stadt und hat das permanente Gefühl, dass ihm Essensreste am Mund kleben. (46) Gerade diese willkürliche Abfolge von Beispielen lässt eine diffuse Erkenntnis aufsteigen: Die Scham kann immer und überall zuschlagen.

Ein Paar hat Probleme mit den Flöhen, die vielleicht in der Bettwäsche versteckt sind, ein angeschlagener Nachtschwärmer fährt alkoholisiert durch die Nacht und nichts klärt sich im Scheinwerferlicht auf, im Gegenteil. Ein Nachbar versucht mit ritualisierter Unauffälligkeit zu überdecken, dass er gerade arbeitslos geworden ist. Das Kind darf erstmals mit dem Vater Silvesterraketen abschießen und produziert dabei Blindgänger.

Ständig kippen die Ereignisse und versinken in einem Traum, aus dem vage Erlebnisblasen aufsteigen. „Das Schweigen, das Schauen, das Warten“ ist jener Zustand beschrieben, in den man ohne eigenes Zutun hineingezogen werden kann. Es nützt auch nichts, sich auf den Traum hinauszureden, man muss ihn trotzdem in voller Länge geschehen lassen.

Mario Hladicz erzählt ausweglos schön von Helden, die im eigenen Grübeln versickern, die sich vor sich selbst genieren oder anderen eine schöne Geschichte vorspielen. Aber alles ist vergebens, die Scham bringt auch dann keine Erlösung, wenn man sich in den Boden hinein geschämt hat, wie man das in der archaischen Pädagogik früher den Kindern empfohlen hat.


Mario Hladicz: Die Dauer der Scham. Geschichten.

Graz: Keiper 2019. 122 Seiten. EUR 17,-. ISBN 978-3-903144-91-0.

Mario Hladicz, geb.1984, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 06/01/20



GEGENWARTSLITERATUR 2867

Endnoten

Nach einem ausgeprägten Lektüre-Leben fallen die einzelnen Lesetropfen gedämpft in das große Fass angelesener Erfahrung. Lesen und Leben verbindet sich zunehmend zu einer Einheit, es ist letztlich egal, ob man eine Erfahrung im Buch oder im Wind gemacht hat, das Alter baut alles zu einer milden Brise aus.

Felix Philipp Ingold präzisiert seine „Endnoten“als versprengte Lebens- und Lesepläne. Wie diese Erkenntnisse zusammenhängen, lässt sich aus einem fetten Anfangskapitel herauslesen, worin unter dem Gattungsbegriff Inhalt die Welt in Schlagworten und Seitenzahlen als Textblock angelegt ist. Ins Auge stechen Schlüsselbegriffe wie Lesarten, Schreibarten, Zettelwirtschaft, Immer nur Gesichter, Angefangen mit Joyce oder Provinzielle Nachbarschaften. Dabei lässt sich eine erste Oberfläche des Inhalts erahnen. Das Personal ist in gleicher Aufmachung ans Ende des Buches gestellt. Diesmal ist das von den Bibliothekaren so verherrlichte Alphabet der Inbegriff der Ordnung, und man kann sich sein persönliches Personal zusammenstellen zwischen den Urschweizern Äbli und Zwingli.

Alles hängt mit allem zusammen, deshalb tut man bei der Lektüre gut daran, die angebotenen Bausteine als ausgeschüttete Steinchen für ein Mosaik zu nehmen und daraus ein persönliches Lektürebild zu basteln. Die Zeit spielt eine untergeordnete Rolle, weil sie sich ständig verändert. Dabei haben die Bausteine eine hohe Halbwertszeit, sie sind also durchgehend aktuell, zumindest für ein ganzes Leben. Zwischendurch sind wie bei einem Tagebucheintrag aktuelle Datumsnägel eingeschlagen, sie reichen herauf bis ins Jahr 2019.

Das ziemlich fette Buch ist mit Foto-Gliederungsblättern zwischen den Bögen ausgestattet, sodass man vor dem Anblättern des Korpus auf eine zarte Gliederung stößt wie bei einem Tageskalender. Aber einmal aufgeschlagen ist jede Seite die gerade aktuelle, und das Thema springt einen an als Lesemitschrift, Essay, Aphorismus, Traumprotokoll oder politische Analyse.

Bei dieser Gelegenheit werden allerhand Theorien vorgestellt, eine stets wiederkehrende These besagt, dass man nicht schreiben kann, sondern sich schreiben lassen muss. Das gilt auch für Gedichte, die sich selbst schreiben und denen man nur als gutmütiges Medium dient. (51)

In einem Plädoyer für die Handschrift ist erklärt, warum es für die Entwicklung mancher Gedanken nicht getan ist, Digitalbuchstaben zu tippen, der Gedankenfluss braucht nämlich an entscheidenden Stellen oft den Tintenfluss. (80)

Die scheinbar persönlichen Befindlichkeiten sind außerdem elementare Aussagen zu den Lesebauplänen. Ein Jahreswechsel fällt plötzlich auf, weil er entlegen stattfindet, sodass ihn keine Silversterknallerei erreicht. „Ein Jahreswechsel hier in meinem provinziellen Refugium geschieht ohne Böller, ohne Feuerwerk und Kirchengeläut; einzig ein kleiner Trommlertrupp, weiß kostümiert und mit aufgesetzten Totenmasken, zieht tagsüber ab und an durch die menschenleeren Gassen.“ (60) In diesem Ambiente scheint die Vollendung von Lektüre erreicht.

Große Themen von Textgenies werden auf kleine Begebenheiten heruntergebrochen, so mündet die Lektüre des tschechischen Philosophen Vilém Flusser in dem Ausruf: Katastrophe und Heilsversprechen zugleich! (362) Umgekehrt erfährt ein Spaziergang eines Pensionärs große Aufmerksamkeit, weil sein kleiner Hund wie eine Katze aussieht. (340) Es ist eben alles eine Frage der Perspektive, der Erfahrung und der Lebensweisheit.

Womit wir wieder bei dem großen Lesebottich wären, den sich Felix Philipp Ingold angelesen hat. Die einzelnen Gedanken sind geräuschlos, sie fallen sachte in den Fundus von Eigen-Weisheit und lösen sich spurlos auf. Die einzelnen Endnoten verschwinden im Leser, nachdem dieser sie ausgeschöpft hat, zu dessen Leseberg. - Ein elementares Leseerlebnis über versprengte Lebens- und Lesepläne.


Felix Philipp Ingold: Endnoten. Versprengte Lebens- und Lesepläne.

Klagenfurt: Ritter 2019. 566 Seiten. EUR 24,-. ISBN 978-3-85415-597-3.

Felix Philipp Ingold, geb. 1942 in Basel, lebt in Zürich.

Helmuth Schönauer 15/01/20



GEGENWARTSLITERATUR 2865

Das Grabenereignismysterium

Was für ein norwegischer Beginn! „Jeden Tag muss ich ein paar Stunden am Küchentisch zubringen, um zu weinen!“

Thure Erik Lund erzählt nichts anderes als von einer norwegischen Seele, die an sich selbst zerbrochen ist und auch beim besten Willen nicht mehr von der Natur zurückgenommen wird, vor der sie sich abgespalten hat. Diese Seele wird dargestellt in der Hülle des Helden Tomas Olsen Mybraten, der sich als Ich-Erzähler versucht, aber von diesem noch während des Erzählens erschlagen wird.

Das Grabenereignismysterium ist auf den ersten Blick ein Wortungetüm, das nicht besser wird, wenn man es in die Einzelteile zerlegt. Auch die Gliederung des Romans in drei Teile bringt nur oberflächlich eine Erleichterung für den Leser, in Wirklichkeit ist alles zu einem Klumpen verformt, der am Schluss johlend in einem Waldmoor untergeht.

Der Held durchläuft die Stationen „Der Geistesmensch“ (5), „Das Leben zeigt sich hier“ (135) und „Der Waldläufer“ (235). Im Geistesmensch-Kapitel bekommt der Held von der Akademie den Auftrag, die Kulturdenkmäler des Landes zu erforschen und zu dokumentieren. Im Stile eines großen Volkskundlers macht er sich auf den Weg durch das Land, verliert aber bald den Blick dafür, was ein Kulturdenkmal sein könnte und welchen Wert es darstellt. Er zerkracht sich logischerweise mit der Auftraggeberin, als er die Kulturdenkmäler als hohle, floskelhafte Gebilde beschreibt. Es ist vor allem das Geld, das jegliche Kultur zerstört. Es gibt nur eine Möglichkeit, der Aufgabenstellung zu entkommen, indem man nämlich die Begriffe der Kulturdenkmäler in kursive Schrift verwandelt und die Zitate damit wertlos für den Kulturbetrieb macht.

Während der Erstellung des Manuskripts stellen sich beim Forscher starke Selbstzweifel ein. Er empfindet es letzten Endes als große Schmach, ein Norweger sein zu müssen, wie es die Norweger von sich selbst unreflektiert einfordern. Vor allem die „Betrachtungskrankheit“ (63) frisst ihn schier auf. Mit der Erkenntnis, dass alle Worte bloß Fiktionen sind, beendet er die Arbeit, die mit ihrer an Thomas Bernhard erinnernden Generalverzweiflung naturgemäß keinen Gefallen findet.

Im zweiten Kapitel bewirtschaftet der Erzähler zusammen mit seinem Bruder und der Freundin Helene den Elternhof. Schon während er täglich ans entlegene Gymnasium geradelt ist, hat er sich entfremdet. Jetzt drückt ihm das Landleben einen finsteren Stempel auf. „Plötzlich sollte alles auf seinen Platz gezwängt werden.“ (149) Auch das Verhältnis zur Freundin wird oft seltsam düster und gewalttätig. Mittendrin glaubt man, sie sei erschlagen worden, aber nach den Anfällen von Rage gibt es wieder den Versuch, die Welt vom entlegenen Zipfel des Dorfes aus zu betrachten und in den Griff zu bekommen. Ja eigentlich sind Helene und der Ich-Erzähler verheiratet, aber die Hochzeit ist so weit weg wie die Ankunft auf dem Bauernhof. Das Leben zeigt sich, heißt es in der Kapitelüberschrift, und es zeigt sich von einer knallharten Seite, was das Zusammenleben betrifft.

Fast logischerweise endet der Held als Waldläufer. Ähnlich den modernen Manager-Heroen, die im passenden Outfit sich selbst davonlaufen, sollen auch bei Tomas die Probleme in den Hintergrund treten, indem er den Wald in den Mittelpunkt stellt. Beinahe teilnahmslos nimmt er an der Natur teil und ist frustriert, dass sie sich endgültig von ihm abgewendet hat. „Für Waldläufer gibt es keinen Urlaub, und zunächst bestand der Waldläuferzustand aus einer unerträglichen Wachsamkeit.“ (244) Gegen Ende bewegt er sich in einem riesengroßen Moor und registriert Geräusche, Gerüche und Konturen wie aus einem Waldlehrbuch, das man im Gestus eines Nachschlagewerkes benützen sollte. „Dann öffnete er den Mund und johlte.“ (285)

In der Anmerkung des Übersetzers heißt es, dass der Roman in einer eigentümlich verzwergten und auf ein bestimmtes Rayon reduzierten Sprache verfasst ist. Für die Übertragung ins Deutsche hat er einen künstlichen Dialekt aus der Eiffel genommen. „Das sind die geistesmenschlichen Problemausdehnungen, durch die sich jeder Geistesmensch durchknurpsen (!) muss.“ (28) Höchst philosophische Materie wird dem Tragewerk des Dialekts anvertraut. In einem anderen Beispielsatz heißt es, als die Kulturministerin hinter einem Halbliterglas sitzt: „Ich lunzte (!) ein paar Mal hin.“ (124) Auch hier verpasst die Sprache dem Status eine ungeahnte Deformation.

Thure Erik Lund hat den Roman 1999 geschrieben, und der Text ist wild, norwegisch und zeitlos wie Arbeiten der Geistesbrüder Thomas Bernhard oder J. J. Voskuil. Der eine hat mit der „Verstörung“ den Zerfall einer Seele untersucht, der andere mit dem „Büro“ den Untergang der Wichtelmännchen in der Volkskultur. Grabenereignismysterium hat das Zeug, ein Genre zu sein.


Thure Erik Lund: Das Grabenereignismysterium. Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Glossar von Matthias Friedrich. Deutsche Erstausgabe 2019. [Orig.: Groftetildragelsesmysteriet, Oslo 1999].

Graz: Droschl 2019. 294 Seiten, EUR 23,-. ISBN 978-3-99059-035-5.

Thure Erik Lund, geb.1959 in Vikersund, lebt in Oslo.

Helmuth Schönauer 02/01/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2216

Das Glück der falschen Fährten

Die Kunst dient meist dazu, eine Epoche solitär in der Geschichte zu verankern oder ein Stück Zeitgeschichte unvergesslich zu machen. So werden oft Bildikonen, Popsongs oder Filmsequenzen dafür verwendet, um beispielsweise die 1960er oder ähnliche Großvater-Dekaden für die Nachfahren aufzubereiten.

Andreas Niedermann greift auf Ikonen-Zitate vergangener Zeiten zurück, aber in seiner Novelle „Das Glück der falschen Fährten“ geht es um das Verlöschen der Erinnerung, das Einschlummern der ehemals wilden Helden in der Gegenwart, und um das Verfolgen von zwei Erzähl-Tracks, die sich gegenseitig auslöschen.

Der Ich-Erzähler erlebt die Gegenwart als Dejavu eines Bullshits vor zwanzig Jahren. „Ich ließ diese Leere auf mich wirken, blickte über den Schirm hinweg in den Hof, direkt auf den großen Abfallcontainer, und fragte mich, ob der auch schon vor zwanzig Jahren hier gestanden hatte. Das waren die wirklich interessanten Fragen. Bullshit! 20 Jahre. Bullshit!“ (41) Der Bullshit ist dabei jene kulturelle Kraft, die einst Hemingway zum Schreiben gebracht hat und die nach wie vor als die Zündschnur für jede literarische Explosion gilt.

Der Erzähler ist also ab und zu in der Gegenwart eines aktuellen Wiens und geht dabei jene Wege ab, die er vor zwanzig Jahren schon gegangen ist. Sein Leben steckt immer noch in der Endlosschleife, statt der Frau, die er einst verlassen hat, weil sie sein Schreiben nicht mehr ausgehalten hat, sitzt jetzt eine Phantomkünstlerin in der Wohnung. Sie hält sich geheimnisvoll die meiste Zeit hinter einem Paravent verborgen und badet dabei, sodass es den Helden vor vagen Lustvorstellungen ins Freie treibt. Links geht es zum Getränk, rechts in den Park, beides kann befreiend wirken.

Diese stumme Künstlerin nennt sich Lucinda und stammt aus Louisiana, sie ist begnadete Sängerin und muss sich die Stimme in Wien sanieren lassen. Alles, was sich über sie erfahren lässt, resultiert aus verfilmten Sehnsüchten und Videoclips. Da Lucinda nichts sagt, liegt bei ihr jeder richtig, was immer er sich auch vorstellt. Ihre Anwesenheit ist letztlich so selbstverständlich wie der gesamte Lebenslauf des Erzählers. Mal ist dieser Musiker, Kunstsammler oder Barkeeper. Er bezeichnet sich auch immer wieder als Verleger und Schreiber, und beide stehen sich im Weg!

In dieser Gegenwart poppen ständig Kultfiguren aus der Zeit vor zwanzig Jahren auf. Wer kennt noch Helmut Schödel, einen begnadeten Journalisten, der als einziger über Michael Brodsky geschrieben hat? Warum dreht sich plötzlich alles um Townes van Zandt, den Erfinder des Alternativ Country? Und plötzlich ist auch Wolf Wondratschek mitten im Raum und produziert „Menschen, Orte, Fäuste.“

Alle diese Kunstwerke sind verblasst und stehen herum als fahle Schemen der Vergangenheit, die hinter den Figuren der Gegenwart hervorschäumen. „Aber nun standen andere an der Kasse. Die Verlierer waren alle tot. Und die, die an ihrer Stelle an der Kasse anstanden, die alt gewordenen Kinder der toten Verlierer, kramten genauso in ihren Börsen herum, aber sie waren nicht gebeugt und sie waren nicht knöchern dünn und schweigsam, sondern übergewichtig, träge und geschwätzig. Mir waren die armen, alten Verlierer lieber gewesen.“ (59)

Ein Leben lang geht es beim Schreiben ums Schreiben, sodass man mit der Zeit die einzelnen Schreiblagen nicht mehr auseinanderhalten kann. Der Erzähler soll als Niedermann einen Vortrag halten, einzige Bedingung, dieser soll 45 min lang sein. Schon vor zwanzig Jahren hat der Held einen Vortrag mit dieser Länge gehalten, aber der Inhalt ist verlorengegangen, vielleicht waren die zitierten Personen von damals jene von heute.

Ständig setzen absurde Träume ein, die zeitlos überall hinpassen und oft erst gegen Mittag als solche erkannt werden. Das lange verschollene Manuskript von Hunter Thompsons „Rum Diary“ taucht auf und wird publiziert, man könnte es als Vorlage für die eigene Schreibweise verwenden, zumal im Rum Diary immer die Gegenwart leicht schräg in die Vergangenheit verschoben ist.

Bald lassen sich keine Sätze mehr in der Jetztzeit sagen, ohne dass nicht ein Film aus der Vergangenheit anliefe. „Wie geht es Ihrer Throat?“ (73) , will er die stumme Lucinda fragen, aber sie antwortet nicht, während bei ihm ein erotischer Pionierfilm anläuft, Deep Throat.

Wenn als Verleger nichts weitergeht, helfen oft Fitness-Übungen, die aus der Zeit an der Uni übriggeblieben sind, wo der Held in der Hauptsache geboxt und weniger studiert hat. Die ständige Anwesenheit der Künstlerin macht einen gewissen Druck (123), sodass sich die Gedanken zu unbrauchbaren Gebilden verformen.

Endlich findet der Vortrag in Bern statt. Schon während des Releases geht das Thema verloren, und auch der Referent zieht sich gleich darauf in die Berge zurück und gilt als verschollen. „Es dauerte nicht lange, da hatte ich nicht nur meine Familie in Irland vergessen, sondern auch Lucinda und die ganze Träumerei, die Schmach und die falschen Fährten, auf denen ich mich herumgetrieben hatte.“ (136) Später ist die Wohnung leer wie immer. Lucinda hat eine CD hinterlassen, er schiebt sie wo hinein und es geht ab ins nächste Kunstwerk.

Die wahre Kunst besteht darin, dass sich alles in der Zeit verliert. - Asketisch grandios!


Andreas Niedermann: Das Glück der falschen Fährten. Novelle.

Zirl: Edition BAES 2019. 139 Seiten. EUR 14,90. ISBN 978-3-9504833-1-4.

Andreas Niedermann, geb. 1956 in Basel, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 05/01/20



GEGENWARTSLITERATUR 2871

Der Tod des Verführers

Manche Titel sind wie eine Quizfrage gestellt. Wer hat schon einmal den Tod des Verführers gesehen? Und ist der Verführer nicht ausgestorben und sein Tod bezieht sich auf eine Gattung?

Bei Constantin Schwab ist die buchtitelgebende Erzählung vom „Tod des Verführers“ eine Abrechnung mit dem gegenwärtigen Krimi-Kult. Dabei müssen bekanntlich mehr oder minder reißerische Titel von Serienschreibern abgearbeitet werden. Ein schreibender Held hat sich für den neuen Katalog des Verlages vertan und ein Thema angegeben, mit dem er nicht zurecht kommt. Jetzt ist die Lage ziemlich aussichtslos, denn er soll liefern. Ein Versuch, den Krimi nach Motiven von Don Giovanni abzuarbeiten, scheitert, ebenso erweist sich ein Workshop über die Kunst des Verführens als Flop. Schließlich erlebt er mit der Freundin etwas wie Trance oder Blackout, was man notdürftig als Verführung durchgehen lassen könnte. Selbst die eine oder andere unsterblich schöne Formulierung ist sinnlos. Das Buch wird nie fertig und es bleibt die Erkenntnis: „Alle Verführer sind Lügner, aber nicht alle Lügner sind Verführer“. (132)

In den insgesamt elf Erzählungen werden diverse Erzählformen aufgemischt und zum Schweigen gebracht. Diese von einem Germanisten-TÜV abgenommenen Modelle funktionieren letztlich nur mehr als Zitat. Aber in der Unbrauchbarkeit dieser Klassiker liegt ein hoher Informationswert. Wenn gezeigt wird, wie etwas nicht mehr funktioniert, wird gleichzeitig umschrieben, was im Untergrund funktioniert.

In der Eingangserzählung kommt die Disposition eines Genies zu Wort. Der Held müht sich als Museumsaufseher ab, eigentlich hätte er das Zeug zu einem Genie, wie er an dem Bild von Rubens sieht, wo zwei Söhne des Meisters porträtiert sind. Die Söhne tragen nicht nur das genetische Material in die Zukunft, sie sollen auch geheime Botschafter des Vaters sein, der sich in ihnen verwirklicht sehen möchte. Der Museums-Held hat zu Hause ebenfalls einen Vater sitzen, der ihn und seinen Bruder für die Zukunft fit machen will. „Ich habe nichts getan, was sich darstellen ließe.“ (23) Selbst als Taugenichts könnte er aber noch für ein Porträt taugen, denn in einem Porträt ist immer das zu sehen, was sich der Meister einbildet. Die Erzählung wird zu einer Abbild-Theorie frustrierter Väter.

Im Gestus einer Filmerzählung tritt „Uteria“ auf, dabei handelt es sich um einen dänischen Film, deren Regisseurin offensichtlich nie die Stadt Kopenhagen verlassen hat, um das Enge und Eingeschränkte perfekt zeigen zu können. Im Plot landet der Vertreter der Verleihfirma in der Stadt, ständig schwirren ihm Zitate des Films durch den Kopf und er weiß letztlich nie, was im Film oder im Leben stattfindet. So ist auch im Modus eines Alptraums kein Hotel vorbereitet, worin er absteigen könnte, er wird Film-gemäß zusammengeschlagen und des Koffers beraubt. Der Held zittert, schüttet den Tomatensaft aus und erinnert sich, dass er Fährmann heißt. Letztlich ist alles ein unruhiger Flug und siehe, die Landung scheint zu gelingen. Die Filmerzählung funktioniert perfekt durch Ausblenden der Realität, wie ja jeder Film nur funktioniert, wenn man sich in ihm versenkt und die gesamte Rezeption zu einem Zitat wird.

In den übrigen Erzählungen geht es um ein verspieltes Paar, das sich ständig in die Schranken weist: „Es ist immer ein Suchen, aber meistens ohne Ziel.“ (47)

In der Groteske von der „Bähringer-Theorie“ eskaliert eine religiöse Meditation rund um den Altar, indem ein Pubertierender die Cousine des Erzählers ermordet. Dem ganzen soll der fatale Satz vorangegangen sein: „Du bist genauso hässlich wie deine Mutter.“ Der Mörder heißt Bähringer und nach der Theorie über ihn, können „schiache“ Sätze nur ausradiert werden, wenn man die dazu passende Hässlichkeit ausrottet. Am Schluss wirft der Erzähler einer Verwandten den hässlichen Satz ebenfalls an den Kopf, aber es bleibt offen, ob diese dabei getötet wird. Die Bähringer-Theorie funktioniert nur, wenn sie als grausige Lokalposse in Völkermarkt spielt.

Was nützen die Gezeiten“ erweist sich als Urfrage menschlichen Seins. Amme hat das Schlafen eingestellt und erlebt ab jetzt alles unter dem Datum 18. Mai. Dabei stellt sich heraus, dass das Datum oft das wichtigste Ereignis ist. In der Folge erscheint alles als sinnlose Wiederholung von etwas, was noch nicht stattgefunden hat. Das Leben gleicht den Gezeiten, es geht auf und ab, sonst nichts.

Ende einer Mission“ geht vom Genre „Kassette“ aus. Man schiebt das Stück in den Rekorder und lässt diesen laufen, bis das Ende erreicht ist. Eine ganze Generation ist mit diesen eingeschobenen Stücken groß geworden und stellt im späteren Alter fest, dass die Kindheit nichts anderes als eine Kassette ist, die sich nicht wechseln lässt.

Constantin Schwab erzählt mit Hingabe von den Grenzen des Erzählbaren. Seine Helden werden vom eigenen Duktus überrumpelt, die Plots fahren sich an die Wand, die Metaebene verabschiedet sich scheinbar grundlos von der Primärgeschichte. Beeindruckend ist jedenfalls die Ironie, mit der er seine verrückten Fälle ausstattet, weil er sie zurecht liebt.


Constantin Schwab: Der Tod des Verführers. Erzählungen.

Klagenfurt: Sisyphus 2019. 143 Seiten. EUR 14,80. ISBN 978-3-903125-42-1.

Constantin Schwab, geb. 1988 in Berlin, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 12/01/20



GEGENWARTSLITERATUR 2872

wie ein fliessen die stadt

Die Vorzüge des „roman nouveau“ lassen sich erst nach Jahrzehnten erkennen, wenn Handlung, Zeit und Ort herangereift sind zur vollkommenen Archivierung.

Waltraud Seidlhofer fungiert als „Solitärin“ in der österreichischen Gegenwartsliteratur, seit Jahrzehnten entwickelt sie als freistehende Einzelperson Elemente des „roman nouveau“ weiter und unterlegt diesen mit Widerhaken, die das allzu glatte Versinken eines Romans im Archiv verhindert sollen. Im roman nouveau geht es ja um das Eindicken von Alltag zu einer Masse, die in zeitlose Model gegossen werden kann. Als ehemalige Bibliothekarin weiß die Autorin zudem um die österreichische Grundtugend, wonach das Meiste aus dem Gedächtnis getilgt und in ein Archiv geschoben werden soll. Der österreichische Roman gibt ja bekanntlich erst eine Ruhe und erfüllt somit seine Aufgabe, wenn er in einem Archiv liegt.

wie ein fliessen die stadt“ verweist schon im Titel auf diese zähflüssige Veränderung, die insbesondere die Nicht-Natur befällt. Ein besonderes Stück Nicht-Natur besetzt dabei die Stadt, die die meiste Zeit nach innen gerichtet auf sich selbst schaut, während sie an den Rändern von Pionierpflanzen und Urban-Tieren angeknabbert wird.

Als Muster einer Stadt mit ihren Wellen der Expansion und des Schrumpfens dient Chikago, das sich vor allem als Bauplan, Infrastruktur und Verkehrsnetz zeigt. So sind die Aktionsorte in einem Dreieck zwischen Hotel, Museum und Archiv angesiedelt. Ein anonymes Medium, das oft als „man“ auftritt, verbringt eine gewisse Zeit in einem Hotel, besucht ein paar Ausstellungen und kramt in Archiven herum. Dabei wechseln Plan und Ausführung, die betrachtende Person entwickelt zwischendurch Pläne, wie man die Stadt besuchen könnte, diese werden zwischendurch so stark imaginiert, dass sie einem Besuch in realiter entsprechen. Umgekehrt zeigt sich die Stadt als planes Papier, das aus einer Archiv-Lade gezogen und dadurch plastisch wird. Im Museum ist zudem das Museum als Modell ausgestellt, was den Realitätsbegriff erweitert.

Mit digitalen Begriffen gesprochen könnte man von der Stadt als Cloud aus Papier reden, die ständig aufgerufen und gescrollt wird. Dabei werden die individuellen Konturen der Objekte abgeschliffen und zum Genre erklärt, während wir ein Hotel imaginieren rufen wir quasi das Genre Hotel und Hotelleben auf.

Phasenweise funktioniert alles nach Plan, doch dann dringen Tiere in die Stadt ein, Dachgärten stürzen zusammen und neue Werkstoffe überwuchern das Baugeschehen. An manchen Tagen mutiert die Stadt zu einem Bergwerk, das vor allem sich selbst umbaggert, ohne etwas Konkretes zu schürfen. Das Individuum sucht zu Zeiten der Verunsicherung einen Self-Store auf, ehe es dann ein Schließfach mietet, um sich diverser Dinge für eine gewisse Zeit zu entledigen. In den Ablauf des Plan-Geschehens sind sogenannte „inserts“ eingestreut, die eine Hommage auf die Besiedelung aufrufen, ein evolutionäres Lob auf die Natur ausstreuen oder den ehemals romantischen Vorgang evozieren, wie eine Seele an einem See sitzt.

Alle diese Beschreibungen und Zitate sind so gehalten, dass sie an jedes Archiv andocken können, sollten die Originalzustände verloren gehen. Die Zitate sind oft am unteren Ende der Seite angefügt und stellen den Sukkus einer Beobachtung dar. Die Meisterzitate stammen im Sinne des roman nouveau von Michel Butor oder Claude Simon. Natürlich ist auch Adorno mit seinen Traumprotokollen vertreten.

man wird die aufnahmen ins archiv legen“ (148), heißt es lapidar, und am Schluss ist von Texten als Inseln die Rede, die mit behandschuhten Findern angefasst werden, ganz im Stil behutsamer Archivare.

Waltraud Seidlhofer beherrscht die hohe Kunst, jede erzählende Person aus der Handlung zu nehmen. Die Sachverhalte sind einem „man“ unterschoben, die Wahrhaftigkeit verschiebt sich ins Archiv, worin jegliche Erinnerung ihre letzte Ruhestätte findet. Die Literatur dieser Könnerin steigt beizeiten aus sich selbst aus und wird zeitlos. - Als Leser wird man von diesem Fließ-Text überwuchert und fortgespült, nach Tagen taucht man in der eigenen Stadt auf und muss sich neu sortieren: Was ist jetzt der Plan, was ist die Stadt?


Waltraud Seidlhofer: wie ein fliessen die stadt.

Wien: Klever 2019. 153 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-903110-51-9.

Waltraud Seidlhofer, geb. 1939 in Linz, lebt in Thalheim bei Wels.

Helmuth Schönauer 14/01/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2218

Mourir pour Dantzig

Soll ich heute überhaupt was erleben? - Diese Frage der Spätromantik gilt heute als schwer überholt, besteht der Sinn des Lebens doch darin, möglichst viel zu erleben. Im Alter freilich kommt immer öfter die Frage auf, was tue ich mit dem Erlebten?

Für H. W. Valerian stellt eine Busreise durch das gegenwärtige Polen so ein Erlebnis dar, das irgendwie unbeabsichtigt aufgetaucht ist wie so viele Aktivitäten, die jemand im Ruhestand vollbringt. Nun ist diese Polenreise also einmal geschehen und für den belesenen und historisch interessierten Autor geht es darum, damit etwas anzufangen. In erster Linie heißt das für seine Generation: Aufschreiben. „Denn was nicht niedergeschrieben wurde, ist nicht geschehen.“ (7)

Eine Busreise ist vielleicht die Urform der Erzählung, egal ob man von der Planungs-, Absolvierungs- oder Reflexionsphase spricht. Auf einer Busreise werden mehrere Menschen gebündelt und einem kollektiven Erlebnisstrom ausgesetzt, anschließend werden die Individuen wieder in ihre Privatsphären entlassen, worin jeder seine persönliche Geschichte zu erzählen hat.

Mourir pour Dantzig“ ist ein Kernzitat, das den jeweiligen Zustand Europas zeigt. Die Beschwörungsformel entstand anlässlich des Überfalls Hitlerdeutschlands auf Polen, und nicht wenige Europäer wehrten sich gegen bewaffnete Solidarität, denn wieso soll man beispielsweise als Franzose für Danzig sterben? Eine ähnliche Situation könnte sich heutzutage auftun, wenn plötzlich die baltischen Staaten überfallen würden. Lohnte es sich, für Narwa oder Tallin zu sterben? (13)

In dieser Gedankenlage erreicht die Gruppe Danzig, und der Autor schreibt den zweideutigen Satz „Dabei interessierte mich die Stadt brennend“. (9) An dieser kleinen Fügung lässt sich aufzeigen, was die Erzählung meint und wozu sie geschrieben ist. In einer historischen Analyse müsste so eine flotte Fügung getilgt werden. Wörtlich genommen spielt sie darauf an, dass wir aus den Wochenschauen Danzig nur brennend kennen. Und gerade diese Ungenauigkeit darf in der Erzählung Platz greifen, denn es soll ja erzählt werden, wie sich ein Siebzigjähriger das Wissen erworben hat, was in seinem Unterbewusstsein kocht und wie er ab und zu den Deckel seines Gehirns lüften muss, um etwas Zusammengedachtes herauszulassen.

So sind über die Reiseroute Danzig, Solidarnosc-Werft, Mehlsack oder Warschau persönliche Leseerlebnisse, Zitate des Vaters oder Prospekte der Reiseindustrie gelegt. In der Gegend von Mehlsack (34) ist der Vater des Erzählers verwundet worden und übrig bleibt das pure Überleben, worin politische Überlegungen keinen Platz haben.

So sind auch die Ortsnamen oft in der deutschen Verwendung verortet wie bei einem germanisierten Navi. Diese Unkorrektheit ist aber erlaubt, weil die Erinnerungen mit den deutschen Namen spielen und die polnische Realität kaum etwas mit diesen evozierten Storys zu tun hat.

Letztlich sind es immer ein paar Bücher, die uns eine Meinung über ein Land bilden lassen. Die Generation des Autors ist jedenfalls stark geprägt von Gräfin Dönhoff, die in ihren masurischen Reminszenzen sehr wohl die Entwicklung der deutsch-polnischen Geschichte im Auge hat. Und überhaupt stellt sich bei der Begutachtung eines Landes die Frage, welchen offiziös gelenkten Standpunkt man einnimmt. Für Polen gibt es aktuell eine völlig andere Wahrnehmung in Brüssel oder Waschau als an der masurischen Seenplatte. An den Seen sind kaum Menschen, halb Polen ist ohne Tourismus, das Land ist halb so dicht besiedelt wie Deutschland. Das alles sieht man, wenn man aus dem Bus schaut.

Die Fakten und die richtige Aussprache der Ortsnamen lassen sich profund in Wikipedia nachschlagen, das Thema dieser Erzählung ist, welche Gedanken einem kommen, wenn man durch das gegoogelte Land fährt. So macht dem Erzähler immer noch Kopfzerbrechen, dass er anlässlich des Auschwitz-Besuches zuerst an einen riesigen Wallfahrtsort erinnert wird, ehe er sich zu tiefgreifenden Gedanken zwingt. Und kaum der Gedenkhaltung entkommen fällt dem Helden schon wieder ein, dass er die jüdische Kultur über den jüdischen Witz kennengelernt hat. Die Tante Jolesch hat lebenslange Spuren gelegt, egal, ob man als Deutscher über den jüdischen Witz hat lachen dürfen oder nicht.

Je mehr man durch die Fläche eines Landes meditiert, umso ausgefranstere Gedanken kommen einem. Vielleicht ist Polen heute deshalb so leer, weil die echten Polen alle in England sitzen und das Land zu Hause einer ziemlich radikalen Partei mit dem lustigen Namen PIS überlassen haben.

H. W. Valerians Erzählung ist eine aufwühlende Geschichtsstunde, in der erzählt wird, was man sich alles durch lebenslanges Lesen über ein Land aneignen kann. Das Erzählen selbst wird schließlich zum Thema und bestätigt hintennach die These, wonach man es aufschreiben muss, wenn etwas geschehen soll. Der Autor wendet sich eindringlich an die Hinfälligkeit, die uns im Alter befällt, auch im Denken. Deshalb ist in dieser Erzählung nichts zu einer Lehrmeinung ausgeformt, sondern die Gedanken bleiben im Metermaß des menschlichen Erlebens. So könnte alles gewesen sein, wenn ich mich heute erinnere! Morgen kann es vielleicht anders sein, wenn ich inzwischen etwas darüber gelesen habe. Eine sehr feine Diskussionsform in den harten Zeiten des Blogs!


H. W. Valerian: Mourir pour Dantzig. Erzählung.

Berlin: edition inkpen 2019. 139 Seiten. EUR 10,99. ISBN 978-3-750244-43-6.

H. W. Valerian (= Pseudonym), geb. 1950, lebt in der Nähe von Innsbruck.

Helmuth Schönauer 09/01/20