Buch in Pension – Rezensionen 2021|06


Juliane Adler / Martin Winter (Hg.): Brett voller Nägel. NPC-Anthologie.

Georg Bydlinski: Flüchtiges Fest. Gedichte.

Volker Demuth: Fossiles Futur. Gedichte.

Regina Dürig: Federn lassen. Novelle.

Gundi Feyrer: Der Tempel des Nichts. (Das Zaubern).

Ludwig Roman Fleischer: Hundert Jahre Seewinkel. Erzählungen.

Gerhard Henschel: Soko Fußballfieber. Ein Überregionalkrimi.

Bernhard Hüttenegger: Auf dem Grund des Brunnens. Roman.

Thomas Sautner: Die Erfindung der Welt. Roman.

Callan Wink Big Sky Country. Roman.


GEGENWARTSLITERATUR 2991

Brett voller Nägel

Wenn dir beim Aufschlagen eines Buches alles fremd ist, lies es wie ein Lexikon!

Die chinesische Lyrik-Anthologie „Brett voller Nägel“ ist im ersten Anriss dermaßen fremd, dass nicht einmal der Tipp mit dem Lexikon weiterhilft. Aber das Herauslesen diverser Bausteine ergibt dann doch einen zweifachen Lesenutzen. Einmal erfährt man sehr viel über ein literarisches Feld, das für die meisten eine weiße Wüste im Hirn ist, und zum anderen läuft ständig die Frage mit, ja wie lesen wir eigentlich in Österreich eine Lyriksammlung?

Die Methode Lexikon-Lektüre garantiert, dass das Buch immer klüger bleibt als der Leser, weil ja nur Teile gelesen werden. Was immer man liest, es bleibt noch genug übrig, das auch zu entdecken wäre.

Juliane Adler und Martin Winter stellen rare chinesische Lyrik vor, die zumindest eine Gemeinsamkeit hat: sie ist politisch akzeptiert, und ihre Autorinnen sind sogar manchmal im Ausland unterwegs, wie ein Gedicht über Wien zeigt, wo man man bei jeder Gelegenheit deutsches Bier trinkt, das man als Chinese erst geschmacklich ausreizen muss. (113)

Diese Weltoffenheit resultiert aus einer studentischen Neugier, die einst dem Gründer der NPC-Lyrik widerfahren ist. Diese Abkürzung bedeutet einerseits frech das chinesische Parlament, das einmal jährlich für ein paar Tage zusammentritt, und andererseits „Neue Poesie Chinas“, wie der New Poetry Canon abgekürzt wird. Dieser Canon tritt täglich irgendwo ans Licht der Öffentlichkeit. Im Sinne eines täglichen Gedichtes oder Gedichtes zum Tag schicken Autorinnen ihre Texte an eine Redaktion, die sich vor dreißig Jahren als „First Line“ gegründet hat.

Der Initiator Yi Sha erläutert dieses Projekt anhand des eigenen Gründermythos, er hat nämlich frech ein Gedicht nach Amerika geschickt, wo es in einer Zeitschrift abgedruckt worden ist. Seither gilt das als Wesensmerkmal der NPC, dass etwas relevant ist, wenn es unter dem Radar der Politik eine Resonanz im Ausland schafft.

In seinem Vorwort Stellt Martin Winter jenes System von Torwächtern vor, das in Form von Diskurs und Selbstkorrektur jene Texte an die Öffentlichkeit bringt, die bei Veranstaltungen quer durch den Kontinent auftrittstauglich sind.

Die Anthologie ist alphabetisch nach Autorinnen geordnet, in der deutschen Übersetzung gibt es dann so seltsame Dichter wie A Ti, A Wen, A Wu, A Yu, AAA (3A). Die Biographien der 81 Autorinnen des Bandes beschränken sich auf Zweizeiler, die meist das Geburtsdatum und den Ort des Studiums nennen, ergänzt mit Mitgliedschaften oder Genres, mit denen sie hantieren. Der erste Band „Brett voller Nägel“ kümmert sich um das Alphabet von A-J.

Die Originaltexte sind in Sammelbänden der NPC erschienen oder entstammen Internetquellen.

Als Leser, der nicht chinesisch kann, reduziert sich die Information natürlich um die Hälfte, unsereins kann die Original-Texte nur als wunderschöne Kalligraphien würdigen und muss darauf hoffen, dass die Übertragung ins Deutsche ein bisschen was vom Sound des Originals wiedergibt.

So erscheinen dann auch die meisten Gedichte als lyrische Inhaltsangaben, die das Arrangement zeigen, worin sich die lyrische Figur bewegt. Dabei wird auf spezifisch chinesische Parameter zurückgegriffen, die nur als Leerstellen zu erahnen sind und die oft in seltsame Wortungetüme münden, die allein schon in ihrer Wortwucht reine Lyrik sind.

Beispielsweise wird die Situation des „Helden in Friedenszeiten“ (65) durchaus plastisch, wenn er eine Wohnung „neben einer Armeefabrik“ kauft und täglich geehrt wird durch Schüsse, die dem Munitionsdepot entweichen. Wie im Krieg droht täglicher Beschuss und die Aussicht auf Lazarett, aber er wird nie einen Orden dafür bekommen.

Die Militarisierung der Gesellschaft geht bis in die Semantik hinein, wenn einem vor Überraschung ins Stottern geratenen Erzähler unterstellt wird, dass er mit dem „Re, Re. Re“, an dem sich sein Sprechorgan aufgehängt hat, nur Revolution gemeint sein kann. 123

Der (hoffentlich berühmte) AAA reizt das Thema „Wahl“ insofern aus, als er von einem anonymen Querkopf berichtet, der auf dem Stimmzettel ein Gewehr ohne Patronen gezeichnet hat. (45)

Diese Gedichte verführen zum Träumen. Während man auf dem romantischen Tischtuch das Picknick-Set voller Landschaft, Herbst und Depression auslegt, ordnet man auf dem politischen Linnen das Geschirr nach Zerbrechlichkeit soziologischer Begriffe, Revolution, Armee, Helden. Sie alle geben schöne Träume wieder, je nachdem mit welcher Jahreszahl man sie verbindet.

Als Dichter der Chronik sieht sich A Wu, wenn er seinen Texte einfach Jahreszahlen voranstellt, die allein schon als Inschrift schwere historische Ereignisse vermuten lassen. 1988 / 1971 / 1979 / 1988 /1989 auf chinesisch gedacht, ergibt wahrscheinlich den politischen Hintergrund, der NPC ausmacht.

Die Anthologie ist unerschöpflich und steckt einem tatsächlich mit jeder Seite ein Briefchen mit einer geheimen Botschaft zu. Der große Nutzen besteht darin, dass der Blick auf die Dinge ein anderer wird, und auch die Poesie ist so ein Ding, in dem Vorder- und Hinterseite ineinander überlaufen. Da niemand imstande ist, die lyrische Seele als solche zu finden, gibt es auch keine chinesische Seele dafür zu finden.

Vielleicht liegt alles, was wir als Nachricht empfinden, als Gedicht für uns parat, vielleicht ist Lyrik nichts anderes, als eine ungewöhnliche Lesart von Nachrichten.


Juliane Adler / Martin Winter (Hg.): Brett voller Nägel. NPC-Anthologie. (New Poetry Canon). Band 1: A-J. Gedichte. Chinesisch/Deutsch. Übersetzt von Martin Winter.

Wien: Fabrik 2021. 507 Seiten. EUR 24,-. ISBN 978-3-903267-00-8.

Juliane Adler, geb. 1947 in Schwarzenberg im Erzgebirge, lebt in Wien. Mitbegründerin des Literatur- und Kunstvereins fabrik.transit. /

Martin Winter (Wei Mading), geb. 1966 in Wien, ist ein Übersetzer, Sinologe und Lyriker.

Helmuth Schönauer 20/05/21



GEGENWARTSLITERATUR 2994

Flüchtiges Fest

Am Fest zeigt sich die Seele des Gastgebers, denn die Gäste sollen untereinander reden und dabei das Flüchtige des Lebens kurz anhalten. Im idealen Fest tritt der Initiator diskret zurück und überlässt anderen das Lobhudeln und Zelebrieren großer Worte.

Georg Bydlinski hat zum 65sten Geburtstag zu einem „flüchtigen Fest“ eingeladen. Er hat seine besten Freunde, wie er seine Gedichte nennt, in ein sorgfältig komponiertes Buch gelockt. Daraus ist ein haptischer Genuss geworden, der bei jedem Umblättern ein neue Facette zutage treten lässt. Zum sinnlichen Höhepunkt wird schließlich die aus einem Tafelbild gefalzte Buchmitte, worin Michael Roher in einem vierteiligen Innenbogen imposante Strukturen aus dem Licht der Schöpfung treten lässt. Über das Motivgerüst „Blumen und Schmetterling“ verwandelt sich das Licht in ein jugendliches Paar, das, mit Flügeln ausgestattet, bereit ist für den Abflug in die Zeitlosigkeit.

Für den Jubilar stellen darüber hinaus die Gedichte die kompakteste, innigste und emotionalste Form des Schreibens dar. „GEDICHTE // Sie umschreiben / den unbeschreibbaren / Kern // umfahren / die unzugängliche Insel / als Boote // Gedichte: / Messpunkte / innerer Kartographie“ (37)

Der Gedichtband ist als Jahreskreis von Motiven angelegt, wobei statt der üblichen Jahreszeiten vielleicht die vier „A“ eines schreibenden Menschen eingelagert sind: Arbeit, Altern, Anstrengung und Aufhören.

Das „flüchtige Fest“ als Eingangspforte verweist in seinem Schlussstein auf diesen „älter gewordenen Blick“, der einem stumpfen Bleistift gleicht, der sich im permanenten Einsatz abgeschliffen hat. (3)

Ein hellwach gehaltener Blick wird vor allem im Föhn zu einer Klarsichtfolie, die über die Berge gelegt ist und dadurch die Konturen des Gebirges heranzoomt bis vor den Garten.

FÖHNTAG // Der Wind hat die Berge / nah herangeweht / ich erkenne / jeden Baum // Die noch winterkahlen Äste / ein Aderngeflecht / im lichten / Februartag“ (6)

In vergangenen romantischen Zeiten, als es oft noch ein inniges Verhältnis zwischen der sogenannten Arbeiterschaft und den Dichtenden gab, war es selbstverständlich, dass sich die beiden Gruppierungen umeinander gekümmert haben. Heutzutage wirken Gedichte um die Arbeitslosigkeit seltsam beschützend, weil sie Worte finden über einen Zustand, der letztlich alle stumm und wortlos macht.

ARBEITSLOS // Weg vom Fenster // Den ganzen Tag jetzt / am Fenster // mit Blick auf die / geschäftige Gasse“ (10)

Das lyrische Ich kennt keine Freizeit, wenn es auf Urlaub geht oder im Relax-Modus verharrt, tauchen erst recht die unwirklichsten Motive auf und müssen bearbeitet werden. Manchmal greift ein Begriff in die Zeilenführung und ins Layout ein, wie am Beispiel des „Katarakts“ zu sehen ist, das sich einer Wortkaskade gleich an den Zeilen bricht und in taumelnden Motiven auf den Boden der Seite fällt. (18)

An anderer Stelle verrutscht der Blick nach oben, wie wenn einem Stativ ein Bein wegbricht, plötzlich ist der Himmel voll im Bild, er liegt über Wien und breitet sich umso heftiger aus, je länger man sich bemüht, den Blick von ihm zu nehmen. Geduld ist gefragt, oder umgekehrt, sie entsteht, weil sie nicht gefragt ist. Das Gedicht kumuliert schließlich in den Hauptwörtern einer Überschrift: WIEN, AM HIMMEL, GEDULDIG. (32) Allmählich lässt sich der Blick wieder senken, aber er ist überlagert von Bäumen, die nichts anderes im Sinn haben, als gegen Himmel zu ragen, Esche, Birke, Olive, Buche und sechsunddreißig andere. (32)

Wenn die Weite das Wesentliche für den Blick ausmacht, so wäre es auf der anderen Seite der Frost, der Blutgefäße, Beziehungen und Landschaften einengt. In der Auswahl kommen die Gedichte freilich meist an der Hinterseite der Kälte zu liegen, Hitzewelle, Jazznacht in lauer Luft, Alpensee mit höhenklarem Wasser: die Empfindungen sind auf angenehme Körpertemperatur getrimmt. Schon das wohlige Ambiente lässt selbst bittere Gedanken erträglich werden. Der Friedhof wird ein Ort der Versöhnung mit der Zeit, die unumgänglich notwendigen „lyrischen Vögel“ beschleunigen die Dämmerung mit dem Licht ihrer Stimmen. (31)

Das lyrische Ich ist jetzt schon eine runde Jahreszahl lang unterwegs, ständig im Aufnahmemodus, immer eingekeilt von Bildern, die an unerwarteten Stellen aufpoppen. Und als geräumige Decke der Beruhigung liegt über allem eine Lektüre, die seit Kindertagen nicht abgerissen ist, „in den Nachklängen der Verse / die immer mehr verraten / als das Beschriebene“ (12)

Georg Bydlinski hat für sein Leben ein anregendes Motto gewählt: Flüchtiges Fest. Die Leser sind eingeladen, kurz zu verweilen, bis wieder Atem da ist für den nächsten Gang. Seine Literatur zieht weiter, damit niemand an einem Ort kleben bleibt.


Georg Bydlinski: Flüchtiges Fest. Gedichte. Mit Farboffsetlithographien von Michael Roher.

Horn: Edition Thurnhof 2021. 40 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-900678-52-4.

Georg Bydlinski, geb. 1956 in Graz, lebt in Mödling.

Michael Roher, geb. 1980 in Scheibbs, lebt in Baden bei Wien.

Helmuth Schönauer 01/06/21



GEGENWARTSLITERATUR 2995

Fossiles Futur

Was für ein universell gekreuzter Begriff! Die Fossilien liegen in ferner Vergangenheit und vom Futur wissen wir nicht, wie lange es hält.

Volker Demuth verwendet für seine Lyrik die unerschöpflichen Begriffsfelder Landschaft und Zeit. In dieser Konstellation verschmelzen Fossilienforscher, Landschaftsarchitekten und Zukunftsdeuter zu einem, nämlich zum Lyriker. Der Autor definiert diese Felder als Kapitel-Unterschriften, die wie Insignien im Buch ausgelegt sind. „Die Gegenwart ist die reale Zukunft einer inexistenten Vergangenheit.“ (35) „Landschaften sind Speichermedien.“ (63)

Mit solchen Prämissen ausgestattet, tut sich ein Fossiles Futur auf, das sich nicht ernten lässt, sondern höchstens mit gedichtähnlichen Notizen im Gedächtnis verankert werden kann, sauber austariert zwischen Emotion und Intellekt.

Denn schon der Ausdruck Veduten, mit dem die Eingangssequenz eingegrenzt ist, deutet auf ein intellektuelles Emoticon hin. In einer Vedute sollte ursprünglich ein Stück Landschaft oder Gebäude als unverwechselbar eingescannt werden, wie es heute „Google Street View“ macht. Dass dabei die Emotion ins Spiel kommt, versteht sich von selbst, denn die Jahreszeit der Beschreibung ist oft eine andere, als die der Rezeption. Und die Sinnesorgane des Veduten-Anlegers sind anders ausgereizt als jene, mit denen der Leser die Spuren dieser geheimnisvollen Bilder „erschnüffelt“.

An den Nägeln „wechselnde Veduten“ sind Städteporträts von Lissabon, Buenos Aires, Wien oder Syracus aufgehängt. Dabei treten neben Beschreibungen einer Stadt als soziale Siedlungsfläche konkrete Kreuzungen oder Verknüpfungen auf die Rampe, so dass die jeweilige Konzeption als Kupferstich, Ausgrabung oder Prospektfoto zusätzlich individualisiert als Ikone abgerufen wird. Stadtbilder brauchen neben den vielen Bildern, mit denen Hoch- und Tiefbauingenieure ihr Treiben koordinieren, jeweils diese Ikonen, die dann zum Stadtwappen werden. In Berlin wird bereits in der Überschrift auf das Westend hingewiesen, das die Stadt einmalig macht, in Wien ist es die Neulinggasse bei Wind.

Das lyrische Element liegt in diesem Wechselspiel von Spielfläche als Spielbrett und Bildfläche als Erinnerungsmuster.

Über Rom heißt es, „Blind vor Rom, sehe ich Rom nicht, / habe es nie gesehen.“ (16) Das lyrische Ich versickert im eigenen Material über die Stadt und wird so ein Stück Stadtdepot von Rom. Die Annäherungsweisen sind bei einem Gedicht und einer Stadt ähnlich, darauf haben etwa Autoren wie Michel Butor in Variationen der „Stadt als Text“ hingewiesen.

Nach diesem Entree, worin das Verhältnis Gegenstand und Text geklärt wird, geht es erstmals um das „fossile Futur“. In drei Ansätzen taucht dieser Begriff auf, wobei unter fossiles „Futur II“ durchaus das zweite Futur mitgedacht werden kann, wie es als grammatikalische Zeitgestaltung in Erscheinung tritt.

In einem langen Poem wird in zehn Abschnitten, die Gesetzestafeln aus Mammutknochen entsprechen, die Idee besungen, dass die Eiszeit einmal die Zukunft gewesen ist, und die jetzige Zukunft wieder zur Eiszeit werden wird, wenn sie zuvor ausgiebig verglüht ist.

Ein Ort ohne Vorort. Eiswind weht, / Um den Bahndamm besendürrer Ginster. / Die Abstände zwischen den Zügen / rechnen dir den Tag zusammen.“ (25) Es genügen wenige Akkorde, um diesen Zustand eisigen Futurs in Szene zu setzen. In einer verlorenen Gegend mit ausgedünnter Vegetation und ausgedünntem Traffic verliert sich jeder Protagonist zwischen den flachgepressten Zeitschichten des Anthropozäns.

Die einzelnen Gedichte sind ausgelegt und abgesteckt wie Fundquadrate, in jedem Scann löst sich eine ältere Zeitschicht aus der Erde. Dem Ich der Gegenwart zeigen sich alle Schichtungen übereinander, der lyrische Scann wird zur puren Datenmenge, die in einem Augenblick der Meta-Synchronität explodiert.

Eine längere Episode widmet sich den „kretischen Scherben“. Das Unterfangen einer gigantischen Ausgrabung endet wie meist an solchen archäologischen Hotspots in einem Parkplatz für touristische Zwecke. „Das Jahrhundert der Gruben / Kartoffeln Marmor Schädelknochen / endete auch hier zwischen dem Manövrieren / von Autos beim Einparken / […] / Die Zeit passt sich selber ab.“ (41)

Zwischen den „Nachgrabungen“ für ein Futur zwei und drei ist das sogenannte „Hinterland“ ausgebreitet. Die Helden dieser Gedichte sind Außenposten, Nebenstrecken, postpolitische Provinz, Dorfweg oder märkische Metamorphosen, eine leise Spur in jene amorphe Gegend, worin der Autor fallweise lebt und an seinen Sprachfeldern gräbt. „Und nichts wird sein, die Spuren, das monotone / Imperfekt vom Körperbau zu erlösen.“ (74)

Volker Demuths Gedichte erzeugen einen melancholischen Eindruck vom Fortgang der Welt, diese scheint nicht nur aus der Gegenwart hinaus zu schreiten, sondern von uns fortzugehen. Im Kreislauf aller Zeitgefühle ist es nur logisch, wenn wir das Futur dort suchen, wo es sich einst hoffnungsfroh eingenistet hat, in der Tiefe unserer Landkrusten. Während die Gedichtgrabungen stets neue Erkenntnisschichten freilegen, schaffen sie auch Platz für seltsame Gedanken. Was würden die Fossile wohl heute denken, wenn sie als Erdöl ausgegraben werden? Was sollen wir vom Futur denken, wenn man uns dereinst darin ausgräbt?

Es ist diese bodenständige Vertrautheit mit dem Vagen, die diese Gedichte so hilfreich machen. Man ist als Leser zur Ruhe gekommen, wenn man sich als Teil eines Erinnerungsgeländes niederlegt wie ein Stein.


Volker Demuth: Fossiles Futur. Gedichte.

Wien: Passagen 2021. 96 Seiten. EUR 10,90. ISBN 978-3-7092-0455-9.

Volker Demuth, geb. 1961, Professor für Medientheorie, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 27/05/21



GEGENWARTSLITERATUR 2996

Federn lassen

Während die einzelne Feder als etwas Edles gilt, immerhin verdanken wir dem Federkiel einen Großteil unserer Schriften, gilt der Vorgang für ihre Gewinnung als etwas Brutales. Das Federvieh entgeht dabei oft knapp einem Räuber, indem es Federn lässt. Ähnliches trägt sich in der Erziehung eines Individuums zu. In regelmäßigen Abständen muss es etwas von seiner Identität abwerfen, damit es von den Zugriffen der Gesellschaft halbwegs ungeschoren davonkommt.

Regina Dürig überrascht noch vor Beginn der Lektüre mit zwei Besonderheiten: Einmal ist es die Verwendung des Genres Novelle, und zum anderen das spitze Hochformat des Buches, das als langer Schaft einer Feder ausgeführt ist. Durch dieses Layout ist der Text zu einem gedanklichen Longdrink verformt, in einer Zeile stehen kaum mehr als drei Wörter. Man beginnt daher automatisch mit dem Scrollen, obwohl es am Papier aussichtslos ist, dass dadurch der Text weiterginge. Die einzelnen Zeilen sind offensichtlich als Federäste gedacht, die ineinander verkeilt dann erst die Federfahne ergeben. Und der Ausdruck Novelle weist darauf hin, dass alle Zeilen zusammen gebündelt eine „unerhörte Begebenheit“ ausmachen, die ja das Wesen einer Novelle ist.

Federn lassen“ ist also das Hauptmerkmal eines Erziehungsprozesses, in etwa vierzig Abschnitten wird eine Protagonistin hergerichtet und zusammengeschliffen für das Leben. Stets taucht diese ominöse Eingangsformel einer Sequenz auf, die an einen schlechten Geburtstagsgruß erinnert. „Du bist vier / und spielst am liebsten / mit dir alleine“ (14) | „Du bist zwanzig / und bist die letzte die / drankommt beim / Getränkebezahlen“ (61) | „Du bist achtunddreißig / in einem Hotelzimmer das / trotz Fliesen nach nassem Teppich / riecht“ (100) Die Regieanweisung zu diesen prägenden Begebenheiten funktioniert erstaunlich gut, eine Altersangabe genügt, um im Leser alle Altersangaben in Filmen, Lektüren und Zeremonien abzurufen und eine erinnerte Geschichte zu starten. Die kargen Ortsangaben wie Allein, Lokal oder Hotelzimmer tun ein Übriges, um sogenannte Mustergeschichten anzuwerfen.

Wenn einmal die Erwartungshaltung ausgelöst ist, treten verlässlich die zwei Grundhaltungen eines jeden Erziehungsprozesses auf: Bestätigen und Abweichen. Für die Protagonistin gibt es oft Anlass zum Schmunzeln, wenn das Leben so funktioniert, wie es die Lehr-Geschichten erzählen. Das Federn-Lassen besteht also darin, dass etwas antizipiert wird, die Heldin wirft ihre Federn freiwillig ab und füttert damit die Erwartungen rundum. Im Falle des Widerstands freilich werden die Federn ausgerissen, trotz aller Vorbereitungen tritt die Gewalt aus heiterem Himmel auf. Die Gewalt hat das Überraschungselement auf ihrer Seite, weshalb man ihr kaum unversehrt und unzerstört begegnen kann. Für die Leser sind diese „Gewaltsituationen“ mit Sternchen gekennzeichnet, die als Warnung dienen, dass es jetzt nicht jugendfrei zugeht. Dieses Paradoxon beschäftigt ja die Pädagogik seit Jahrhunderten, dass die Gewalt sich nicht virtuell stilllegen lässt, sondern im entscheidenden Augenblick immer roh und „gewaltig“ ausbricht.

Die einzelnen Sequenzen sind als Langgedichte in Prosa ausgeführt und haben etwas von der Melancholie der Beat-Balladen an sich.

Die Zuneigung als Nachtblindheit, das echte Spielen mit sich allein, die Vollendung einer halben Portion, das Undurchdringliche von Stoff, das Glück einer überraschenden Landung und das Herumgeistern in einem dritten Stock sind Scharniere, an denen die Novelle jeweils die Richtung ändert. Zusammen ergeben diese Stationen eine logische Route durch das eigene Leben, wobei eins auf das andere aufbaut. Im Vergleich mit einer Bahnstrecke könnte man sagen, die Stationen sind von einander abweichend bedeut- und einprägsam, aber die Spurweite bleibt verlässlich gleich.

Aus dem Streckennetz der Biographie ragen freilich Episoden hervor, die das I-Tüpfelchen einer Identität abgeben, weil sie den Menschen dahinter unverwechselbar und einmalig machen.

So geht die Überschrift Asphalt über in eine Kanüle, die in die Adern der Heldin hineinführt. Langsam kehrt das Bewusstsein zurück, es muss etwas geschehen sein, was außerhalb eines Tagesplans abgelaufen ist. Über die Kanüle lässt es sich nur schwer kommunizieren, die Welt draußen ist plötzlich eine ganz andere geworden. (75)

Während es sich beim Asphalt um einen physischen Unfall handelt, geht es bei „Wittgenstein“(88) um einen Denkunfall. Die Heldin sitzt in einem Istanbuler Lokal einem Visavis gegenüber und versucht, eine Sprache zu finden, die von beiden Anwendern geteilt werden kann. „wenn jemand von starken / Schmerzen spricht / können wir nur Schmerz / verstehen der für uns / stark ist nicht stark für / die andere Person“.

Wie bei einer geglückten Novelle üblich, stellt sich zumindest bei der Heldin ein großes Glücksgefühl ein. Freilich muss die Glücksformel auf englisch gesagt werden, damit sie die Kraft eines Popsongs ausspielen kann. Nach einem sexuellen Elementarereignis in einem Hotelzimmer, wobei die Schwerkraft die Wände hochgeht, sprudelt es final heraus: „actually / I have been / pretty lucky / so far“. (101)


Regina Dürig: Federn lassen. Novelle.

Graz: Droschl 2021. 101 Seiten. EUR 19,-. ISBN 978-3-99059-071-3.

Regina Dürig, geb. 1982 in Mannheim, lebt in Biel.

Helmuth Schönauer 29/05/20



GEGENWARTSLITERATUR 2993

Der Tempel des Nichts

Wenn Materie nicht aus Materie besteht, wie in Physikerkreisen formuliert wird, dann könnte vielleicht Dichtung Materie sein?

Gundi Feyrer geht mit ihrem Roman „Der Tempel des Nichts“ an die Anfänge der Existenz, des Weltalls und des Bewusstseins zurück. In der einen Lesart ist die Welt aus dem Urknall entstanden, in einer anderen Sichtweise hat sich das Nichts so lange selbst angestarrt, bis daraus ein Spiegelbild geworden ist, in einer religiösen Fassung ist die Welt gar aus Worten gemacht. Hinter all diesen Thesen steckt nicht nur eine elegante Verführung zur Entfaltung von Sinn, sondern vermutlich beinharte Zauberei. Deshalb trägt der Roman in Klammern den Untertitel das Zaubern.

Wenn ein Plot keinen Anfang und kein Ende hat, dann lässt er sich in der Methode chronologischen Auffädelns von Wörtern nur schwer darstellen. Aus diesem Grund ist im Roman oft alles Gleichzeitigkeit, die aber an keinen bestimmten Zeitpunkt geknüpft ist.

Am ehesten lässt sich dieses Ungetüm an Nichtvorhandensein mit einer halbwegs stabilen Hülle darstellen, wie es etwa dem Wesen eines Tempels entspricht. Dieser ist ja auch bloß das Containment für eine Gottheit, einen Zustand oder eben das Nichts.

In der Tradition klassischen Erzählens muss man bei dieser Themenstellung scheitern, es sei denn, man wählt die Form des Layout-Romans. Damit ist gemeint, dass alles gleichzeitig vor dem Leser ausgebreitet (layoutet) ist. Selbst das Umblättern muss man sich wegdenken, im besten Fall blickt man durch das Papier hindurch auf einen Materialblock voller Textsorten.

Dabei kommen Zitate, Fragmente, „Geschichten“, physikalische Arrangements und philosophische Behauptungssätze gleichrangig zum Vorschein. Die Thesen der Physiker Hans-Peter Dürr, Werner Heisenberg und Anton Zeilinger sind verdichtet zu poetischen Quanten oder textuellen schwarzen Löchern.

Die oberste Aufgabe des Lesers ist es, Ruhe zu bewahren, eins nach dem anderen zu lesen, die Textstränge ins Leere laufen lassen, Querverbindungen zurückzuverfolgen.

In einer Art Vorwort ist ein Programm dargelegt, das zwar nicht weiterhilft, aber eine erste Einschätzung des Projekts ermöglicht. „Das Nichts ist der Mantel, der das Alles einhüllt.“

Am besten liest sich das alles aus einem runden Kopf heraus, sodass es sich wie der Kugelkopf einer alten Schreibmaschine in alle Richtungen wirken und dabei rezipieren lässt.

Das Verhältnis Materie / Nichts ist als Verhältnis Wörter / weißer Platz dargestellt, aus aufgerissenen Zeilen und Blockgebilden wuchern Löcher aus dem Text. Und was die Chronologie betrifft, so ist es durchaus möglich, dass beim Zählen eine niedrigere Zahl eine höhere überholt.

Während die Fakten wie physikalische Grundgesetze formuliert sind, etwa „die Sonne hat alle Tage in sich“ (17) oder „Raum und Licht sind keine Dinge“ (37), plagt sich eine ordnende Hand, aus den Materialien ein Buch zu gestalten. Dabei gleicht das Buch einer Wäscheleine, die vor dem Einsetzen des Gewitters schnell zusammengerollt und ins Hausinnere getragen wird, um sie angetrocknet zu halten.

Ein tragendes Element ist im Sinne des Roman nouveau die Geschichte vom Halbdunkel. Dabei wird aus halbem Dunkel heraus ein Stillleben mit Lichtkegel inszeniert. Die Welt gleicht jetzt einer physikalischen Versuchsanordnung und die Ergebnisse sind physikalische Rohdaten in Gedichtform.

Diese Vorgänge werden dann stracks in die Umrisse eines Protokolls gesteckt, welches in Verbindung mit ähnlichen Protokollparzellen zu einem Romanstrang führt.

Zusammenfassung von ‚Genau und gut‘ aus halbem Dunkel heraus gesehen. // Staubiges Sonnenlicht durchquert eine nervöse Wasserblase, springt so erhitzt, auf 12 verschwommen schaukelnde Hausdächer und 6 Antennen, umtanzt sie 2 mal in der meterlangen Hälfte einer Zeitung und faltet sie mit dem vorbeifliegenden Kopf eines neugierigen Nachbarn Stück für Stück und in überhitztem Schritt auf, schwimmt eine Zeitlang kurz und wie eine Fliege in der Zeitung herum, zerschneidet sie anschließend […]“ (18)

Was an der Oberfläche wie ein Blick aus einem Fenster über die nähere Umgebung angelegt ist, wird zu einem unsteuerbaren Drama, wenn man die Szenerie bloß als Versuchsanordnung der Botschaften und Nachrichten deutet. Die Zeitung ist vorläufig noch als bloßer Datenträger aus Papier konzipiert, aber die Nachrichten werden durch das Falten und Zerreißen zu neuen Nachrichten, die Antennen sind vorläufig Auswuchtungen gegen die Hitze auf den Hausdächern, aber wenn sie senden oder empfangen, entsteht eine andere Hitze, nämlich die von Botschaften.

Damit sich das Auge nicht vollends verliert im Dickicht der Gleichzeitigkeit, sind ab und zu „Sehhilfen“ eingestreut. Markant ist etwa ein Textlineal, das von oben nach unten in die Seite geklebt ist und Auskunft über die Flexibilität von Längen geben soll. (39)

Um das Verrückte dieser Zeremonie um den Tempel des Nichts in Grundrissen anzudeuten, setzt sich das lesende oder schreibende Ich waghalsige Ziele. „Ich lerne einen ganzen Tag auswendig.“ (61) Diese absolute Erschaffung, Restaurierung und Dokumentation eines einzelnen Tages kann nur mit Zaubern bewältigt werden. Man erinnere sich, die Sonne hat alle Tage in sich.

Und davon handelt Gundi Feyrers Herausforderung der Leserschaft.


Gundi Feyrer: Der Tempel des Nichts. (Das Zaubern).

Klagenfurt: Ritter 2020. 87 Seiten. EUR 18,90. ISBN 978-3-85415-613-0.

Gundi Feyrer, geb. 1956 in Heilbronn, lebt in Wien und Köln.

Helmuth Schönauer 25/05/21



GEGENWARTSLITERATUR 2989

Hundert Jahre Seewinkel

Was für ein Herzstich! - Als Grundschulpädagoge sollst du den Erstklässlern die Liebe zur Heimat beibringen, aber das Land ist so jung, dass es nicht einmal eine Fahne hat.

Ludwig Roman Fleischer beackert den burgenländischen Seewinkel in achtzehn Erzähl-Furchen. Das patriotische Feld ergibt sich aus der Tatsache, dass 1921 das Burgenland als jüngstes Bundesland zur Republik Österreich gekommen ist. Die Erzählungen erstrecken sich über ein Jahrhundert und greifen Sequenzen auf, die erst im Dahinter-Blick jene Verstrickungen offenlegen, die beim Suchen einer neuen Identität auftauchen.

Auf der Vorderbühne spielt sich das Alltagsleben in süffisanten Szenen ab, die man in einer bunten Vorabendserie unterbringen könnte. Im Souffleurkasten freilich liegt ein leeres Drehbuch, sodass niemand den Helden einsagen kann, wenn es um die patriotische Wurst geht. Dementsprechend hilflos reagieren die Protagonisten, weil sie schon bei der Sprachwahl aufgeschmissen sind. Gerade in den Siedlungen des Seewinkels geht alles auf einen fließenden Sprachmischmasch hinaus, Dialekte, Schulsprachen, pädagogische Leitsätze in Deutsch, Ungarisch und Kroatisch purzeln aus den Helden, sobald sie sich geschüttelt fühlen durch ständiges Zuprosten.

In der ersten Geschichte steht der Volksschullehrer also vor seiner Klasse, das Land ist gerade neu ausgerufen worden und hat keinerlei pädagogische Infrastruktur. Weder Hymne noch Fahne stehen zur Verfügung, um das Unterrichtsjahr halbwegs feierlich zu starten. Da lässt er seine Kids Vorschläge zeichnen, wie die neue Landesfahne aussehen könnte. Die Schülerin Mizzi führt das Unterfangen gleich ad absurdum, indem sie für vier Fahnen plädiert, für jede Windrichtung eine, und außerdem sind alle Entwürfe mit den Regenbogenfarben unterlegt. Der Lehrer ist nicht zufrieden, und Mizzi beginnt zu weinen, weil sie ahnt, dass das neue Burgenland kein reiner Regenbogen werden wird.

In Ermangelung einer offiziellen Geschichte plädieren die Kids an anderer Stelle dafür, dass der Lehrer echte Geschichten erzählen soll, solche aus dem Leben im Seewinkel. Dieser lässt sich nicht lumpen und schwadroniert im Stil von Rittersagen vom Abenteuer, das Fürsten in dieser Gegend zu bewältigen hatten. Zumindest das Wetter war immer extrem, und nirgendwo lässt sich am Ende die erlösende Weihnachtsgeschichte so kalt zuspitzen wie in einem pannonischen Windkanal.

Während für den Unterricht die Geschichte allmählich eine gewisse Struktur erreicht, indem man „früher“ und „heute“ unterscheidet, geht es draußen im Freien oder im Schankbetrieb noch ziemlich gleichzeitig zu. Als jemand beklagt, dass er gerade seine Geburtsstadt Ödenburg verloren habe durch Volksabstimmung, fallen auch die anderen mit ihren Wahlergebnisse in den Dörfern über einander her. Alle sind sich einig, dass die Gegenwart ein unbeschriebenes Blatt ist, egal auf welchem Staatsgebiet es aufgeschlagen hat.

In der Folge liefert der Seewinkel wie überall im Dritten Reich brav seinen Beitrag ab. Drei besonders Kluge gehen auf die Eliteschule NAPOLA und finden sich bei Feldarbeiten in einem US-Camp wieder, andere, wie etwa im Falle der Siedlung Frauenkirchen, machen als Mitläufer mit, wenn jüdische Mitbewohner ausgeforscht und ins Ungewisse verbracht werden. Irgendwo kommt sogar Stolz auf, dass man bei der Heimkehr ins Reich in einigen Orten schneller als der offizielle Terminplan gewesen ist. Plötzlich wird in Stunden gemessen, wie schnell einer Nazi geworden ist. Auf der anderen Seite werden schon die ehemaligen Mitbewohner aussortiert und mit der Fügung verbracht, die später alles gutheißt: „Leider hätt’ man nix tun können, nicht helfen oder sowas.“ (50) Der Dialekt erweist sich bei solchen Floskeln oft als hilfreich, weil man hofft, man werde nicht verstanden.

Das Leitmotiv der Fahne weht verlässlich über dem Seewinkel. Dieser umgangssprachliche Begriff für einen durchgehenden Sud im Gemüt sickert durch alle Gespräche, und in einer Fachanalyse stellt sich gar heraus, dass die Fahne, vulgo der Wein, ein Selbstträger sein kann.

In der Geschichte von der Lese freilich werden wir mit einer Tagesarbeiterin bekannt gemacht, die sich den ganzen Tag lang im Weinbau in die Finger schneidet, damit die Weinschmecker später einen ordentlichen Abgang haben. Der Abgang der Arbeiterin besteht im Warten auf den Bus, der sie nach Wien zurückbringen wird.

Die sogenannte Ungarnkrise hingegen macht die Bewohner schlagartig nüchtern und hilfsbereit, sie wissen selbst, wie fragil Staatengebilde und Systeme aufgesetzt sind, und wie schnell man die Flucht antreten muss. Immerhin kennt jeder jemanden, der aus irgendeinem Grund das Land hat verlassen müssen.

Auslandsaufenthalte in geplantem Sinn führen früher oder später zur Entwicklung einer großen Persönlichkeit. Der Humanpräparator ist beispielsweise 1952 nach Tirol aufgebrochen, um das „Ausstopfen“ von Tieren zu lernen, wie man in der Trivialsprache sagt. Bei dieser Gelegenheit hat es ihm ein abgestürzter Bergsteiger angetan, an dem er seine Meisterschaft des Präparierens testen will. Und siehe, zuerst muss alles noch im Geheimen geschehen, aber dann gibt es kein Halten mehr, jeder will den ausgestopften Tiroler sehen.

Ein gutes Jahrhundert hört vorsichtshalber mit der Zahl 99 auf, damit es nicht als vollkommen empfunden wird. Das gilt auch für das Jahrhundert vom Seewinkel. Rechtzeitig zu etwaigen Jubiläumsfeiern bricht eine große Seuche aus, die das öffentliche Leben stilllegt. Und selbst die griechischen Sagen müssen umgedeutet werden. Im pandemischen Zeitalter verschmelzen die pannonischen Helden Hero und Leander, indem er mit dem Boot übern See „kommt“ und die Geliebte am Steg begattet. Aber ein Fluch liegt über der Liebe, die Einheimischen zeigen die beiden an wegen Überschreitung der Lockdown-Vorschriften.

Ludwig Roman Fleischer erzählt die hundert Jahre in einem einzigen Aufguss. Alle kommen vor, niemand wird vergessen. Und neben den verrückten Plots, die nur der Alltag schreiben kann, zählt vor allem die absurde Verknüpfung der Slangs und Sprachen. Diese haben sich nämlich alle von ihren Muttersprachen verabschiedet und sind als Kollektiv im Seewinkel endemisch geworden. Davon erzählt der Autor, ausgestattet mit einem Breitband-Ohr, das auf alle Signale reagiert.


Ludwig Roman Fleischer: Hundert Jahre Seewinkel. Erzählungen.

Klagenfurt: Sisyphus 2021. 140 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-903125-58-2.

Ludwig Roman Fleischer, geb. 1952 in Wien, lebt in Wien und Feld am See.

Helmuth Schönauer 18/05/21



GEGENWARTSLITERATUR 2990

Soko Fußballfieber

Ein Literatur-Genre ist für den Leser nur zweimal interessant: einmal, wenn es erfunden wird, und ein andermal, wenn es beendet wird. Dazwischen liegt Massenware, die der kluge Leser beiseite lässt, um das Leben nicht mit finsteren Wetterlagen im Kopf zu belasten.

Gerhard Henschel hat sich ein verrückt gutes Konzept für seine Romane zurechtgelegt. Er beendet einfach die jeweiligen Genres, indem er sie ad absurdum und somit zur Vollendung führt. Nach ihm gibt es keinen Arbeiter-, Liebes- oder Bildungsroman mehr, er sprengt sie alle mit ihrem eigenen Erzählstoff. Jeder Genre-Roman implodiert, wenn man ihm die Vorlage nimmt. Mit der Fließbandtheorie könnte man sagen, die Fließbandarbeit ist zu Ende, wenn das Fließband abgebaut ist.

Mit dem finalen Fußball-Krimi „Soko Fußballfieber“ bringt der Autor endlich diese Serie unsäglicher Krimis hinter sich, indem er das Schreib-Fließband abstellt, nicht ohne es zuvor noch mit allem zu befrachten, was je als Plot, Hirngespinst, Fake oder Fußballnachricht gesendet oder geschrieben worden ist.

Die Übertreibung hat es so an sich, dass sie kein Ende kennt, weil sie die Haupteigenschaft der Globalisierung ist. Darin gleicht sie dem Wirtschaftswachstum, für das wir alle abhängig gemacht worden sind. Mehr Konsum, mehr Glück, mehr Lebenszeit – die Übertreibung ist die wahre Triebfeder der Gegenwart.

Im Übertreibungsroman „Soko Fussballfieber“ wird jeder Ort der Welt, an dem jemand mit einem Kopf in der Kugelform eines Fußballs auftritt, zum Schauplatz einer neuen Seuche. Der Fußball ist mutiert und hat die Regie über die Welt übernommen. Ständig finden Turniere statt, Stadien entwachsen der Wüste, die regionalen Lebensformen sind zusammengestutzt auf die klassischen Fußballspielregeln, wobei vor allem die eine zum Tragen kommt, dass der Ball rund ist.

Schon nach wenigen Seiten ahnt man als Leser, dass es in diesem Roman keine andere Logik gibt, als dass alles ein Krimi sein kann, der die Kugel rollen lässt. Der Reihe nach werden an allen Orten der Welt Fußballfunktionäre umgebracht. Nach außen hin wirkt es wie Hinrichtungen im Mafia-Milieu, aber die Zufälligkeit, mit der die Todesfälle ausbrechen, drängt zur Vermutung, dass hier ein seltsames Fieber im Spiel ist.

Da dieses Fieber durch Schmierinfektion bei Geschäften übertragen werden kann, ist niemand davor gefeit, und es gibt auch keine Impfung dagegen.

Der Roman handelt von den permanenten Ablenk-, Schmier- und Vertuschungsmanövern, die in allen Zeitzonen streng getaktet unter dem Geschäftsbegriff Fußball ablaufen. Um das Chaos zumindest von der Ferne beobachten zu können, sind drei vage Stränge aufgemacht. Auf einem klassischen Ermittler-Trip reisen Hauptkommissar Gerold Gerold und Oberkommissarin Ute Fischer vergeblich ihren Fällen nach. Sie sind mit dem Pouvoir von Regionalbeamten ausgestattet und heillos überfordert. Kaum sind sie in Athen, wo ein Fußballfunktionär umgelegt worden ist, kommt es schon zu Todesfällen in Südkorea und Argentinien. So viele Reisediäten gibt es gar nicht, dass man diese Fälle alle abarbeiten könnte. Berühmt geworden sind die beiden übrigens durch die virtuelle Jagd von fiktionalen Serienmördern in Regionalkrimis. Bei dieser Gelegenheit ist ihnen auch jeder Sinn für die Realität abhanden gekommen, so dass sie jetzt überall dort eingesetzt werden, wo alles unverständlich ist.

Auf einem zweiten Track arbeitet sich der Regionaldichter Thomas Gsella durch die Wüsten Saudi-Arabiens, er hat zu viel Karl May gelesen und ist jetzt erstaunt, dass erfundene Reisegeschichten lebensbedrohlich werden, wenn sie auf die Wirklichkeit treffen. Auf einem Kamelmarkt wird er als Rarität angeboten, aber niemand kauft ihn, weil ein Dichter zu nichts zu verwenden ist. Im Untergrund der Glitzerwelt von Fußball-Scheichs gibt man ihm eine Art Gnadenbrot, weil er immerhin den Traum nie aus den Augen verloren hat, dass Rotweiß-Essen doch noch aufsteigen könnte.

Am dritten Erzähl-Ast sind schließlich Beckenbauer und Hoeneß unterwegs, sie sind völlig übergeschnappt und dealen mit Stadien, WM-Ausrichtungen und Spielertransfers. Ihre Währung ist die Erinnerung an goldene Fußballzeiten, als sie offensichtlich noch den Ball getroffen haben, während sie jetzt in Lounges herumlungern und die Zeit totschlagen. Hier kommt auch im Stile eines falschen Einwurfs der sagenhafte Beckenbauer-Satz zur Geltung, wonach er in Katar keinen einzigen Sklaven beim Errichten von Fußballstadien gesehen habe.

Im Volksmund gilt ja der Spruch, dass im Fußball jeder die Wahrheit kennt und ein Fachmann ist. Im Überregionalkrimi treten prinzipiell nur Fachleute auf, die das Wissen um die runde Kugel schonungslos auf alle Ereignisse aus dem Trash-Teil einer Zeitung ausweiten.

Allmählich kriegt der Filz aus Verbrechen und Scheingeschäften Hand und Fuß. Wo immer eine Wahl gefälscht, eine Drohne abgeschossen, ein Dissident massakriert wird, immer führt die Spur hinein ins Fußballgeschäft. Seit nämlich Börsen schwanken, auf Gold kein Verlass mehr ist, und das Carbon-Zeitalter dem Ende entgegenwankt, ist das Fußballgeschäft das einzige, was den Gangstern dieser Welt noch geblieben ist. Die wahren Super-Vereine sind deshalb längst in der Hand von Oligarchen, die sich zu Tarnungszwecken auch noch Emirate und Oblaste halten. Wenn das Spiel am Rasen angepfiffen wird, sind die großen Geschäfte schon erledigt, und es ist egal, welcher Spielstand herauskommt.

Die Protagonisten dieses Überregionalkrimis sind auf allen Ebenen überfordert, weil schon längst gekauft. Die Kommissare, weil sie von ihrer Pension abhängen, die Dichter, weil sich ihre Krimis schon verselbständigt haben und ohne sie eigene Wege gehen, und die Altstars der goldenen Zeit, die schon längst von Geld gelähmt und Erinnerung gebrochen in der Körperhaltung von Schlaganfallpatienten dem Treiben zusehen.

Gerhard Henschel hat wieder weit ausgeholt, um das Fußballfieber mit dem Gestus einer Pandemie zu beschreiben.


Gerhard Henschel: Soko Fußballfieber. Ein Überregionalkrimi.

Hamburg: Hoffmann und Campe 2021. 303 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-455-01062-6.

Gerhard Henschel, geb. 1962 in Hannover, lebt in der Nähe von Berlin.

Helmuth Schönauer 15/05/21



GEGENWARTSLITERATUR 2998

Auf dem Grund des Brunnens

In alten Märchenbildern ist die Welt wie eine Sanduhr aus Sternen aufgebaut. Wer in die Tiefe eines Brunnens blickt, sieht darin die Sterne des Firmaments gespiegelt, wer in den Himmel schaut, wird in die Tiefe hinabgezogen wie in einen Brunnen.

Bernhard Hüttenegger verwendet dieses Bild für den Titel des vierten Bandes seiner ausklingenden Autobiographie. Längst hat er sich zum Schreiben heikler Angelegenheiten, und das eigene Leben ist eine solche, die Figur des Albin Kienberger zugelegt, der in diesem Roman in die Provinz Rovigo in Venetien reist.

In den bisherigen Büchern der Laguna-Tatralogie ging es um die Mutter und die Sprache (I), das Kulturtreiben in der Provinzstadt Graz, die sich als literarischer Nabel der Welt ausruft (II), um das unruhige Pendeln zwischen Wien und Kärnten, das durch aufkeimendes Krankwerden nicht besser wird (III), und jetzt im Band IV geht es wohl um das Delta, das einen Zwischenzustand schlechthin darstellt.

Gleich zu Beginn ragt eine Tatze ins Meer, auf der sich der Held noch einmal in das diffuse Reich aus Ufer, Sand, Morast und Wasser wagt. Er hat ein Zimmer in einer Pension gebucht, aber wegen seines Alters hat man die Buchung in eine Reservierung für das Abendessen umgedeutet, man traut ihm nicht mehr zu, dass er wie ein Tourist herumreist. Dabei wollte er seine Abschlussreise noch wie in Jugendtagen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln absolvieren, es wird aber ein gebrechlicher Trip mit seinem alten Auto.

Als er sich am Touristenstreifen umsieht, fühlt er sich wie ein Schauspieler, der einen Touristen darstellen soll, der Sinn seiner Rolle ist ihm abhanden gekommen. Ein Tiroler Radler-Ehepaar gibt ihm dann noch den Rest, als es alles in eine Reisebürosprache übersetzen will, so wie man es zu Hause in Tirol macht, wo jeder Ausdruck ins Touristische übersetzt ist.

Dabei zerfällt dem Helden gerade die Sprache, ein Kassazettel löst sich in ein konkretes Gedicht auf, wenn die einzelnen Positionen lose mit einander korrespondieren. Ähnliches geschieht mit den Happen auf der Speisekarte, aus denen sich kein sinnzusammenhängendes Menü gestalten lässt.

Auch der Held scheint sich aufzulösen, während er darüber brütet, ob er nicht schon öfter mit seiner Lebensgefährtin Mia hier geswesen ist. Aber was hat sie gemacht, wenn sie dabei war, und wo ist sie jetzt? Unbemerkt hat er die Rolle seiner Nachdenkfigur Albin Kienberger übernommen, der manchmal weiterhilft, wenn es beim Denken hinein in die Sackgasse oder in die „pure Existenz“ geht.

Wenn er die Gedanken unbeobachtet lässt, kommen wieder diese entscheidenden Stellen im Leben hervor, der Tod der Mutter, der ihn fassungslos zurückgelassen hat. Mit der Fügung „Ich will nicht dumm sterben“ (59) hat er sich das Nachdenken verordnet, doch dann ist ihm der Körper weggebrochen, er musste intubiert werden und hat Monate in einem Dämmerzustand verbracht, einem Delta nicht unähnlich. Dabei gab es handfesten Boden unter den Füßen oder im Bett, in einer Seeklinik der Karnischen Alpen.

Die Schlüsselwörter sind jederzeit abrufbar: Spital, Schlucken, Intubieren, Rehab (!) Luftröhre. Vor allem der Ausdruck „Rehab“ ist bemerkenswert, steckt darin doch der Rest eines Besitzanspruches.

Jetzt ist wohl Mia in einem Pflegeheim, er ist mit ihr verbunden durch ein Gefühl unbarmherziger Nichtigkeit. (84)

Der Schluss des Bandes und wohl auch der Tetralogie ist als Schrift „Aus dem Nachlass“ (87) angelegt. In einer dubiosen Erzählhaltung geht der Held der Frage nach, was mache ich hier? Er sucht seine Mia, von der er nur weiß, dass sie auf Zimmer 126 liegt, aber er kommt nie zu ihr durch. Stets verhindert das Pflegepersonal den Übertritt von der Männerabteilung in den Frauentrakt. Er selbst scheint auch in Behandlung zu sein, er hat sich nämlich „in die Schwarze Glan vergafft“. Dieses Hineinstarren in bodenloses Wasser bringt aber keine rettenden Sterne hervor, an denen man sich orientieren könnte.

Jemand aus der Ärzteschaft lässt den Ausdruck fallen „irreversibel“ (114), ist Mia gemeint? Oder geht es wieder um ihn selbst, wenn er nicht mehr zurückfindet in sein Zimmer. Vermutlich würde ihn Mia gar nicht mehr erkennen, wenn er durchkäme.

Wie ein strahlender Held, der seine Mission mit einem Ruck beginnt, fährt es jetzt durch ihn, den Nachlass und den Roman: „Ins Delta!“

Bernhard Hütteneggers Reise durch sich selbst ermöglicht einen seltsamen Dialog mit den Helden, man kann mit ihnen reden, aber sie lassen nicht mit sich reden. So kommt man als Leser in den Genuss jenes Zwielichts, das vor allem im Delta herrscht zwischen den Fluten.


Bernhard Hüttenegger: Auf dem Grund des Brunnens. Roman.

Graz: Keiper 2021. 114 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-903322-26-4.

Bernhard Hüttenegger, geb. 1948 in Rottenmann, lebt in Wien und Kärnten.

Helmuth Schönauer 03/06/21



GEGENWARTSLITERATUR 2997

Die Erfindung der Welt

Schöpfungsgeschichten haben meist einen Prolog, in dem das Wesentliche erzählt wird. Bei der Erschaffung der Welt geht es nämlich wie in der Genesis darum, dass zuerst nichts ist, und dann durch einen Erzähltrick plötzlich die komplette Welt eruptiert. In der Bibel funktioniert das mit dem Satz vom „Anfang war das Wort“, beim Faust mit der Sonne, die nach alter Weise kreist, im Taoismus beginnt die Welt als mathematische Formel, wonach die Eins die Zwei hervorbringt.

Thomas Sautner hat sich für die „Erschaffung der Welt“ ebenfalls einen funktionierenden Erzählhandgriff einfallen lassen. In der Welt der Stipendien- und Auftragsliteratur wird die Literatur erschaffen, indem plötzlich Kohle auf das Konto der Autoren kommt und vielleicht noch die Durchsage, wie viel Zeichen der abzuliefernde Text haben soll.

In Sautners Roman erhält im Prolog die Autorin Aliza Berg von einem magischen „G“ die Einladung, in einem entlegenen Stück Waldviertel auf einem vorgegebenen Quartier Recherchen für einen Roman aufzunehmen. Alle im Literaturkosmos Bewanderten wissen an dieser Stelle, dass die Recherchen schon der fertige Roman sein werden. Es geht nicht darum, etwas allwissend zu erzählen, sondern Vorbereitungen zu treffen, was man vielleicht in Rücksprache mit dem Auftraggeber erzählen könnte.

Während der postmoderne Roman vom Leser verlangt, dass er selbst im Text die Endmontage der Vorgaben im Kopf verfertigt, geht es im Postpost-Roman (manchmal abschätzig als Popo-Roman bezeichnet) darum, das Material so aufzubereiten, dass es der Verleger ins Programm nimmt. In der Gegenwart rechnet nämlich niemand mehr damit, dass ein Roman vom Endverbraucher auch gelesen wird, alles ist bloß darauf ausgerichtet, dass er im Prospekt vorgestellt und gekauft wird.

Diese Literaturkritik lässt Thomas Sautner, der im Waldviertel selbst Schreibwerkstätten veranstaltet, unverblümt durchklingen. Für die Erfindung der Welt bedeutet es, dass es keine Zwänge des Fertigerzählens gibt, es genügt, die Bausteine anzudeuten.

Die „Erfindung der Welt“ zeigt sich als Stoffbeutel, in den während eines Kurzurlaubs die Autorin alles verpackt, was einen wohlklingenden Roman ergibt. In einer überschaubaren Kleinstadt werkelt ein umtriebiger Trafikant daran, neben den Rauchwaren auch Kultur zu vermitteln. Er hat offensichtlich Wind vom Aufenthalt der Autorin bekommen und stellt in seinem Zigarettenlokal alles aus, was nach luftiger Literatur schmecken könnte, darunter das Gesamtwerk der Gastdichterin.

Gleich ums Eck ist das Schloss, in dem die Autorin absteigt, weil das einzige Hotel schon ausgebucht ist. Mit der Gastgeberin Gräfin Elli, 53 Jahre alt, gibt es gleich literarisches Bussibussi, und als später dann noch Graf Leopold dazustößt, ist das Ehepaar Hohensinn komplett und die Romantik abgerundet.

Der Auftrag lautet bekanntlich unvoreingenommen etwas über das Leben zu schreiben, das die Bewohner im auserwählten Quadranten führen. „Das Leben mit unbestechlichen Augen wie neu entdecken. Das hatte G. Sich gewünscht.“ (249)

Das Grafenehepaar gilt sogleich als die beste Quelle, immerhin ist das Geschlecht schon lange ansässig und kann sich, da es keinem Broterwerb nachgehen muss, den Launen des Daseins und seiner Verschönerung widmen.

Die Stipendiatin notiert alles, was ihr vorgespielt wird, und plant einen Mix aus literarischer Erfindung und vorgeblich authentischen Interviews. Es geht letztlich darum, die Erfindung so vorzustellen, dass das Publikum später glaubt: So muss es sein, so ist es schön!

In den Gesprächen fallen viele sinnvolle Sätze, wie es eben üblich ist, wenn das Bildungsbürgertum die besten Zitate aus der Literaturgeschichte durchgeht. Der Graf Leopold arbeitet intellektuell in der Stadt, am Wochenende kümmert er sich darum, dass die Gegend paradiesisch bleibt.

Eine große Gefahr stellt seltsamerweise das angrenzende Naturschutzgebiet dar, denn im Tourismus wird heutzutage alles überrannt und zerstört, was irgendwer einmal als schützenswerte Besonderheit ausgewiesen hat. An einer anderen Stelle soll der Graf eine Hühnerfarm aufkaufen und die armen Hühner befreien. Und gleichzeitig muss auf die Jagd geachtet werden, das gehört sich so in dieser Gegend.

Eine zusätzliche Stofflieferantin ist die Aussteigerin Kristyna, die auf ihrer Waldlichtung so alles verwirklicht, was in diversen Volkshochschulprogrammen für ein alternatives Leben angeboten wird.

In der Recherche werden die einzelnen Glücksangebote hinterfragt, und wenn sie stimmig wirken, kommen sie ins Textdepot. Während der Textsammlung entwickelt sich dann noch ein echter Hammer-Plot: Graf und Gräfin haben nicht nur Liebschaften an der Seitenfront ihres Schaulebens aufgebaut, sie sterben auch wie in einer Illustrierten am gleichen Tag, und werden feierlich wie in einer Vorabendserie bestattet.

Aliza Berg packt ihren Koffer und fährt mit dem Kleinauto zurück. Das ominöse Kürzel G aus dem Prolog hat noch einmal eine Summe überwiesen, womit sich vermutlich der Roman mit Dämmmaterial ausstaffieren lässt.

Thomas Sautner bedient auf der Romanschablone alle Kundschaften, die im Urlaub ein Stück Glück suchen, und dabei Zeit haben, Sätze auf sich wirken zu lassen. Die Gegend ist touristisch bestens durchmodelliert, das Rare wird angedeutet, so dass es nicht zerstört wird. Die Protagonisten des Aussteigertums bleiben unverbindlich und richten keinen Schaden an, deren Programm könnte man sich also für vierzehn Tag ausleihen.

Zwischen den Zeilen liest man freilich auch eine bedrückende Botschaft. Dieses Schreiben von Saison zu Saison und Katalog zu Katalog ist am Ende. Es fehlt nämlich flächendeckend relevanter Stoff, der zur Literatur werden könnte. Der Literatur scheint es wie dem Netz zu gehen, sie ist mittlerweile schnell durchgescrollt, aber sie hat kaum einen Inhalt. Die Erfindung der Welt ist verschoben, der Leser muss sie sich wohl auch in dieser Saison selbst machen.


Thomas Sautner: Die Erfindung der Welt. Roman.

Wien: Picus 2021. 403 Seiten. EUR 24,-. ISBN 978-3-7117-2103-7.

Thomas Sautner, geb. 1970 in Gmünd, lebt in Wien und im Waldviertel.

Helmuth Schönauer 05/06/21



GEGENWARTSLITERATUR 2992

Big Sky Country

Ein gutes Paradies muss sich in ein paar Zeilen zusammenfassen lassen, sonst ist es keines. „Er war sechsundzwanzig, sie einundzwanzig, und das Leben war nie besser gewesen.“ (8)

Callan Wink stellt seinem Roman von der Weite des Himmels am Land eine kurze Programm-Prosa voran. Ein Paar ist glücklich und verspielt, es erwartet das erste Kind und versucht mit kichernden Sticheleien einen passenden Namen zu finden. Schließlich entscheidet sie, dass es ein August wird. (Deutschsprachige Leser denken sofort an Goethes Sohn!) Im Original heißt der Roman dann auch „August“, was in der Landwirtschaft den Erntemonat bedeutet. Aber die beiden denken vor allem an „geachtet, erhaben, ehrwürdig, bewundernswert“. Nach dieser Einstimmung, die auch den Vorgang des Schreibens inkludiert, wenn man dem Kind einen Namen geben soll, ahnt man es schon, dass Roman und Kind ganz anders verlaufen werden.

Big Sky Country“ ist ein verlässlich unberechenbarer Roman, er ist nämlich ein eng verknüpftes Erzählgebilde aus Landschafts- und Bildungsroman. In der Romantik gab es so etwas wie Bildung durch Landschaft, und selbst amerikanische Historiker geben zwischendurch zu, das oft nicht die Politik, sondern das Agieren in unendlicher Landschaft das Movens der amerikanischen Geschichte ist.

Der Plot setzt ein, als August etwa zwölf ist und in Michigan auf einer kleinen Farm voller Milchkühe ins Leben eingeschult wird. Ab sechzehn gibt es einen ersten Bildungsschub durchs Landleben, der mit der Suche nach einer Universität endet. Im zweiten Teil arbeitet August auf einer Großfarm in Montana, der dritte Teil handelt davon, wie Vater seine Kuhfarm an die Amischen verkauft und in einem größeren Ort sesshaft wird.

Das Curriculum für das Landleben ist anders vorformuliert als jenes für die Stadt oder gar für die Uni. Während Vater dem August den Umgang mit Rasur, Motorsäge, Pickup und Vorschlaghammer zeigt, isoliert sich die Mutter schon früh, zieht ins Altenhaus auf der Farm und huldigt als „Lichtkösterin“ der Esoterik, bis sie schließlich als Bibliothekarin im Gebirge, sprich Montana, ihr Glück findet. Hin und hergerissen zwischen beiden Welten, Vater und Mutter, entwickelt der Held allmählich seinen eigenen Kurs, er arbeitet endlich halbtags auf einer Farm und studiert die restliche Zeit der Woche an einer Uni. Der Roman endet damit, dass alle in ihrem sogenannten Lebensprogramm angekommen sind.

In diesen großen pädagogischen Wurf sind Lektüre-Perlen eingestreut, sei es dass einzelne Sätze zum Innehalten zwingen, wenn es verheißungsvoll heißt: „Das tote Gras war silbrig vom Frost.“ (98), oder aber wenn Pointen des Alltags pure Skurrilität kundmachen. So ist ein Baggerfahrer dermaßen schwergewichtig, dass er mit der eigenen Schaufel in die Kabine gehievt werden muss. (36) In diese Kategorie fällt auch der alpine Ötzi, der nach amerikanischer Lesart ein Schweizer gewesen ist und durch seinen Wandertrieb die Chromosomen für das unruhige Lebensgefühl der Amerikaner in die Welt-Adern gespendet hat.

Das Leben in der Weite kennt zwar keine ausformulierten Regeln, aber die Sätze, die so allenthalben ausgespuckt werden, zeugen von den paar Punkten, auf die es ankommt. Hintereinander gereiht ergibt sich ein glorioses Programm. „Irgendwann wird der eigene Herkunftsort zu etwas Abstraktem.“ (151) / „Das Leben ist scheiße und dann stirbst du.“ (188) / „Gute Zäune gute Nachbarn.“ (328) / „Jung sterben, dann ist man ein fossiler Held.“ (358)

Diesem Gesetz scheinbar grenzenloser Freiheit steht das Programm der Hutterer gegenüber, die mit ihren strengen Regeln eine tägliche Herausforderung für die Freelancer werden. Wenn sich der Einzelne der Gemeinschaft unterordnet, so kann er sich nicht irren, denn die Gemeinschaft hat immer recht.

Den freien Helden macht vor allem die Sexualität zu schaffen. Alle Ehen und Partnerschaften, mit denen August es zu tun bekommt, scheitern. Das Misstrauen in die Stabilität einer Beziehung ist sogar so groß, dass Paare für die Hochzeitsreise eine Rücktrittsversicherung abschließen, weil nie gewiss ist, ob das Paar bis zum Antritt der Reise noch zusammen ist.

Die informelle Sexualität mündet zwischendurch in Perversitäten oder gar in Straftaten wie Kindesmissbrauch. Jeder, der aufs Land zieht wird argwöhnisch beäugt, ober er nicht Dreck am sexuellen Stecken hat. Selbst einer angesehenen Lehrerin kommt beim Einseifen ihrer Mädchen die Betatsch-Hand aus und sie muss wegziehen.

Um die Gerüchte zu hinterfragen, schaut man allgemein in den Strafregistern der Gegend nach, ob jemand dabei ist, den man kennt, und den man meiden sollte.

Um die Hutterer gibt es zudem die Sage, dass sie immer wieder zur Blutauffrischung des eigenen Stamms die umliegenden Farmer zum „Aufbocken“ einladen, damit ihre Gemeinschaft nicht in Inzucht versiegt. Aber die Geschichten dienen letztlich bloß zum Aufgeilen an Wochenenden, an denen man nichts anderes zu tun weiß, als zu trinken und sich gegenseitig niederzuschlagen. Für August endet jeder Aufenthalt mit einer Schlägerei, nach der er das Weite suchen muss, ehe sich die Niedergeschlagenen organisieren und zum finalen Gegenschlag ausholen.

Mutter hält als Bibliothekarin nichts von diesen animalischen Umtrieben, und Vater will ohnehin bloß, dass August die kleine Familienfarm übernimmt.

Am Schluss sind alle auf ihre Art gebildet und für das Leben tauglich. Die Eltern versuchen es mit neuen Beziehungen, August macht den Spagat zwischen Arbeit und Studium. Und über allem thront der große Weite Himmel und schickt Jahreszeiten und Wetterlagen, die offensichtlich immer verrückter werden. Aber das ist nur indirekt ein Bildungsproblem, es betrifft ja im Katastrophenmodus die ganze Menschheit.

Callan Wink schreibt großes Kino, in das wir uns lustvoll versenken. Das ganze Leben baut auf Illusion, wenn es um Wörter geht, und auf analogen Kontakt mit der Natur, was die Empfindungen betrifft. Das große Firmament spannt sich jeden Tag über die Helden, die es abrufen, indem sie sich darin abarbeiten, bis sie müde sind und reif für das Innehalten. Wenn die Motorsäge abgestellt ist, hört man die Natur umso lauter, das ist dieser Pioniergeist, der für die Jungen nicht immer leicht zu erlernen ist. Für Europäer ist diese Weite ohnehin durchgehend exotisch.


Callan Wink Big Sky Country. Roman. A. d. Engl. von Hannes Meyer. [Orig.: August, New York 2020].

Berlin: Suhrkamp 2021. 378 Seiten. EUR 23,70. ISBN 978-3-518-42983-9.

Callan Wink, geb. 1984, lebt als Fly Fishing Guide in Montana.

Hannes Meyer, geboren 1982, lebt als freier Übersetzer in Düsseldorf.

Helmuth Schönauer 23/05/21