Buch in Pension – Rezensionen Oktober/2019


Gianrico Carofiglio: Drei Uhr morgens. Roman.

Hans H. Hiebel: Leuchttürme. Prosagedichte.

Gertraud Klemm: Hippocampus. Roman.

Heimo Mürzl / Wolfgang Pollanz (Hg.): Noch mehr Lärm. Ein Pop-Lesebuch.

Stefan Soder: Die Tour. Roman.

Lisa Spalt: Das Institut. Roman.

Dieter Sperl: Der stehende Fluss.

Josef Steinbach: Narren führen Blinde. Roman.

Tor Ulven: Ablösung. Roman.

Peter Paul Wiplinger: Erinnerungsbilder.



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2202

Drei Uhr morgens

Ein Leben lang bleibt der Vater uneinholbar, zumindest wenn es um die Anzahl der Geburtstage geht, immer ist er eine fixe Zeit voraus. Mit der Zeit aber überlagern sich in der Erinnerung beide Leben, bis sie abgerundet und vollendet sind. Das Kind ist erwachsen, der Vater tot.

Gianrico Carofiglio lässt seinen Helden zuerst magisch herumrätseln, wie alt er jetzt ist, wie alt der Vater damals gewesen ist, als sich das mit Marseille zugetragen hat. Der Held ist gleichzeitig der Junge, der von seinen Vater begleitet wird, dann aber wieder der abgeklärte Mann, der in den Papieren des Vaters kramt und so lange sinniert, bis alles deckungsgleich und dennoch verschwommen ist.

Drei Uhr morgens ist vielleicht die ideale Zeit, um Schlaflosigkeit mit Erinnerung zu überlagern. Drei Uhr morgens ist die ideale Zeit für einen Roman, um ihn zu lesen oder zu schreiben.

Den Rahmen für diesen Verdichtungsprozess liefert eine Epilepsie-Erkrankung des Erzählers. Er taucht als Kind aus der Wirklichkeit ab und die Ärzte erklären ihm, das dies ein Zeichen für hohe Intelligenz sei. Immer, wenn es das Kind vom Stuhl haut, rennen die Angehörigen zusammen und bewundern seine geistige Sensibilität, die sich auch einmal eine Ohnmacht leistet.

Gute Dienste bei Anfällen leistet eine Liste von berühmten Epileptikern, auf der von Flaubert, über Sokrates und Tolstoi alle guten Geister vertreten sind, die man für ein gelungenes Leben gelesen haben sollte. Allmählich richten sich alle in der Epilepsie ein, sodass sie nicht mehr notwendig ist und verschwindet. Zumindest erklärt sich das der heranwachsende Jugendliche so. Um dieses Kapitel abzuschließen, fährt sein Vater mit ihm nach Marseille zu einer Koryphäe. Der Wunderarzt verlangt für die abschließende Untersuchung eine Hellwach-Periode. Der Patient darf zwei Nächte lang nicht schlafen und muss probehalber alles Verbotene tun, um wach zu bleiben.

In diesem finalen Krankheitszustand, denn er wird ja bald geheilt sein, forscht der Erzähler seinen Vater aus. Warum ist er früh von der Familie weggegangen, wie hat er seine Geliebte kennengelernt, was bedeutet es, einen Sohn zu haben, den man nie sieht? Vater weiß darauf keine direkten Antworten, aber über den Umweg zu Literatur und Musik gelingt es, ein paar Dinge klarzustellen. So verströmt der Song „American Pie“ die Stimmung einer ganzen Generation, egal wie alt das Publikum ist. Und auch die Grinsekatze aus Alice im Wunderland eignet sich als psychodelisches Kuscheltier über alle Zeiten hinweg.

Die gedehnte Gegenwart wird ziemlich herausfordernd, wenn es keinen Schlaf gibt. Vater und Sohn strolchen durch das Hurenviertel und machen sich einen persönlichen Reim über den Sex, als sie genügend aufgegeilt sind, gehen sie aber in ein Jazz-Lokal, wo Vater eine Probe als Pianist gibt. Jetzt hat die Sonne Marseille zweimal umrundet und der Junge wird für geheilt erklärt. „Ich fühlte mich erwachsen.“ (168)

Das alles ist schon eine Epoche weit her, Vater ist längst gestorben und in seinem Nachlass findet sich ein kurzer Brief, worin er aufschreibt, wie intensiv diese Zeit in Marseille gewesen ist. Auch dem Erzähler ist nicht mehr klar, was er sich eingebildet hat und was erlebt. Vielleicht ist das Leben eine hochsensible Sache, die von anderen als Krankheit erlebt wird, die man aber durch wache Schübe aussitzen kann.


Gianrico Carofiglio: Drei Uhr morgens. Roman. A. d. Ital. von Verena von Koskull. [Orig.: Le tre del mattino; Turin 2017].

Wien, Bozen: folio 2019. 184 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-85256-769-3.

Gianrico Carofiglio, geb. 1961 in Bari, lebt in Bari.

Helmuth Schönauer 22/08/19



GEGENWARTSLITERATUR 2857

Leuchttürme

Jede Literaturgeschichte ist ja auch eine fiktionale Spekulation über die vorliegende Dichtung, Wissenschaft hin oder her. Poesie lässt sich nur mit grobmaschigem Netz fangen, und die kluge Poesie flutscht dabei mit Pfiff hindurch.

Hans H. Hiebel, emeritierter Literaturprofessor, genießt es am Lebensabend, sich mit der Literatur außerhalb des Wissenschaftsbetriebes auseinandersetzen zu dürfen. Lesen ohne Zertifikat ist für einen Literaturmenschen immer noch der schönste Lebenssinn.

Die Leuchttürme im literarischen Sinn gehen auf eine Bemerkung Charles Baudelaires zurück, mit der er in den „Blumen des Bösen“ Malergrößen ansteuert, die sich aus dem Meer der Farben und Formen erheben. Auf die pure Literatur gemünzt könnten Leuchttürme Text-Meister sein, die durch Thema, Form oder politischen Kontext zu fixen Markierungen jeder Literaturgeschichte geworden sind.

In zwanzig Porträts werden Größen wie Brecht, Kafka, Beckett, Büchner, Dostojewskij oder Marx aufgerufen und im eigenen Sound zum Wiedererklingen gebracht. Die Form des Prosagedichtes erlaubt es, mit freien Assoziationen um Textzitate herum Töne einer markanten Biographie anzuspielen. Die einzelnen Porträts beginnen stracks wie ein Rätsel, und wie in einem Popsong ist schon nach einigen Akkorden alles da.

Das Gedicht „Herbstleuchten“ verwendet die Wörter Kahn, föhnblau und Weiher, und schon ist das Gasamtwerk von Georg Trakl aufgebaut. Das Original wird mit relevanten Begriffen in der Erinnerung des Lesers wiedererweckt. Anders als im Genre „Verhunzung“, mit dem sich im zeitgenössischen Rezensionswesen manchmal Fehler amüsant darstellen lassen, steht bei der Methode „Leuchtturm“ das Original unangetastet im Mittelpunkt. Das Herbstleuchten will kein besserer Trakl sein, sondern zeigen, wie das Instrument aufgebaut ist, das wir beim Anspielen hören.

Das Gedicht über Ezra Pound beherbergt einen Eisenkäfig, in den sich das Genie gezwängt fühlt. Außen toben Dreiecksverhältnisse, politische Desaster und Verfall von britischem Pfund und Moral. „Ezra Pounds 116 Cantos waren eine Odyssee. Eine Odysse durch die Kulturen: China, Griechenland, Italien, Südfrankreich. Und die Unkultur der USA.“ In diesem Beispiel zeigt sich der Leuchtturm als straff zusammengeschnittene Chronik eines Genies, das sich selbst als solches erkannte und dennoch in einem Käfig fühlte.

Vom Eisenkäfig ist es nur ein Katzensprung bis zum Eisensarg, in welchem Bertolt Brecht bestattet werden wollte. Auch ihm springen die Frauen-Verhältnisse quer über die Fahrbahn und er hat keinen Genierer, dabei Vollgas zu geben. Nur die wenigsten wissen, während sie seine Stücke mit epischer Moral goutieren, von seinem aufregenden Leben zwischen den Ländern und Städten, seinem Herzfehler und den dauernden Nierenentzündungen. Kein Wunder, dass er nach vollbrachtem Leben in einem Eisensarg auskühlen wollte. Das Prosagedicht über Brecht liest sich wie ein poetischer Spickzettel zu einem Referat, das sich an den Gedenkstätten in Augsburg und Berlin jeden Tag halten lässt.

Das Lebenswerk von Karl Marx wird mit einem langen Lehrgedicht gewürdigt. Schon die Eingangsfrage ist aufrüttelnd wie der Beginn des Kapitals, in dem bekanntlich zu Beginn ein Gespenst umgeht. „Unsere Religion ist das Wachstum. / Was aber wächst da? Arbeit und / Arbeitslosigkeit hier, Vermögen dort.“ (108) Der Leser wird in den Zustand von Marx gesetzt und muss sich sein persönliches Kapital schreiben.

Hans H. Hiebel ist ein wissenschaftlich ausgereifter Pädagoge, der es mit eigener Poesie auf Anhieb schafft, dem Menschen Rätsel zu stellen, sodass dieser neugierig bleibt. Eine schöne Erzählmethode, die ganz ohne die gängigen Genres auskommt.


Hans H. Hiebel: Leuchttürme. Prosagedichte.

Graz: Keiper 2019. 135 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-903144-86-6.

Hans Helmut Hiebel, geb. 1941 in Reichenberg (heute Liberec), ist Kafka-Spezialist und emeritierter Literaturprofessor in Graz

Helmuth Schönauer 04/09/19



GEGENWARTSLITERATUR 2855

Hippocampus

Jeder Mensch trägt ein Seepferdchen im Hirn spazieren, im Gehirn liegt nämlich der sogenannte Hippocampus. In diesem Denklappen in Gestalt eines Seepferdchens werden Daten verknüpft und zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis hin und her geschaltet. Wer den Hippocampus klug zu verwalten vermag, kann mit Denkgewinn Zeitloses als aktuelle Gegenwart ausgeben und umgekehrt.

Gertraud Klemm versteckt in ihrem grotesken Roman Hippocampus allerhand Literaturtheorien und kleidet sie mit vulgärem Schamott aus. Im Roman rasen Held und Heldin physisch durch den Kunstbetrieb und markieren an vorgeblich wichtigen Schnittstellen zwischen Kunst und Kritik wie wild gewordene Hunde, indem sie Installationen aus Fäkalien und Imitationen von Genitalien hinterlegen.

Geheime Ur-Mutter dieser Kunst ist eine frisch verstorbene Schriftstellerin, die mit emanzipativer Literatur Furore gemacht hat und prompt aus dem Literaturpreis-Karussell hinausgeschleudert worden ist. Jetzt, anlässlich ihres Todes, oder weil man einfach ihren 65er feiern will, soll sie einen großen Preis kriegen und in die literarischen Handbücher eingehen.

Dem stellt sich ihre Notfreundin und Nachlassverwalterin Elvira in den Weg, indem sie den vermüllten Wohnsitz Marke Mayröcker sichtet und aus den defäzierten Papieren der Ausgeschiedenen ein Gesamtkunstwerk zusammenstellt, das an diversen Orten installiert werden soll. Helfende Hand ist der junge Kameramann Adrian, der einerseits als sexueller Aufputz dient, andererseits alles, was irgendwie kaputt nach Kunst riecht, mit Videos dokumentiert.

Als Handlungsstrang dient das Leben der Verstorbenen, sofern es sich rekonstruieren lässt. „Ihre ganze Biographie wurde unheilbar verletzt.“ (229) In den Entwürfen und Aufzeichnungen findet sich auch ein Essay über den Hippocampus, der sich zu einer feministischen Literaturtheorie ausbauen lässt. Denn eines lässt sich bald einmal feststellen: „Heute ist der Literaturbetrieb ein Kindergarten für Schwererziehbare. Jeder darf alles.“ (50)

Elvira erarbeitet einen eigenen Literaturpfad, der an entscheidende Hotspots der Biographie führt. So wird eine Gedenktafel zur Errichtung einer Wasserleitung mit stinkenden Windeln umwickelt, weil man die Leistung des damaligen Bürgermeisters gewürdigt hat, nicht aber die Autorin, die mit dieser Wasserleitung als Alleinerziehende die Windeln ihrer Kinder gewaschen hat. An anderer Stelle wird ein Hochstand mit Fäkalien behübscht, weil daraus ein Jäger im Männlichkeitswahn einen Bären geschossen hat, den die Autorin liebgewonnen hatte.

Insgesamt weist dieser Pfad zwölf Stationen auf und simuliert eine Art Kreuzweg, den Frauen in der Gedenkkultur durchschreiten müssen, wenn sie auf die männlichen Erinnerungsdevotionalien hinweisen. Im Appendix sind diese Installationen wie in einem echten Katalog zusammengefasst. Da wird ein Kriegerdenkmal emanzipiert, eine Preisverleihung richtiggestellt, ein Ingeborg-Bachmann-Salat angerichtet und schließlich in einem neapolitanischen Museum eine Vulva ausgepackt. Markenzeichen ist immer ein Seepferdchen, das als Schablonenzeichnung hinterlegt wird.

Während der Aufarbeitung des Nachlasses durch Installation desselben verschwinden sämtliche Urheberschaften. Was ist der Verstorbenen zuzuordnen, was entwickelt als Nachlass ein Eigenleben, was ist pures Management in einem wildgewordenen Literaturbetrieb?

Gertraud Klemms Groteske wird mit der Zeit zu einer Dokumentation der Realität. Die Protagonisten werden zu Figuren eines Romans, der vielleicht ein Fake ist, und den es gar nicht gibt. In der künstlichen Presse ist von einer Drohnenkönigin die Rede, die über dem Gelände herumsurrt und alles abscannt für einen Metaroman. Und dann verirrt sich doch noch etwas Romantisches in das verquere Literaturspiel: „Wer die Revolution nicht anstrebt, hat kein Recht auf Unzufriedenheit.“ (350) Egal, wer das gesagt hat, es hilft auf jeden Fall weiter, wenn im Hippocampus wieder einmal ein Schalter umgelegt werden muss.


Gertraud Klemm: Hippocampus. Roman.

Wien: Kremayr & Scheriau 2019. 379 Seiten. EUR 22,90. ISBN 978-3-218-01177-8.

Gertraud Klemm, geb. 1971 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 29/08/19



GEGENWARTSLITERATUR 2856

Noch mehr Lärm

Musik begleitet einen ständig – ob man es will oder nicht. Vom Morgenradio über die Beschallung in Kaufhäusern und Arztpraxen bis zu den Toiletten, die einen mit Lounge Musik-Klängen beim Urinieren inspirieren. (Heimo Mürzl)

Noch mehr Lärm“ ist eine Fortsetzung von „Lauter Lärm“, unter diesem Titel ist vor einem Vierteljahrhundert eine Anthologie über Pop- und Rockmusik erschienen. Inzwischen sind aus den Alben Streaming-Dienste geworden, aber eines ist gleich geblieben, Musik ist eine eigene Tonspur zum Leben und somit ein das Leben prägendes Phänomen.

Heimo Mürzl und Wolfgang Pollanz haben als gereifte Musikliebhaber an die Essayisten der Musikszene die Einladung verschickt, das ewig Vergnügliche der Popmusik im Lichte der eigenen Hör-Reifung zu beleuchten. Die Antworten sind wohl überlegt, melancholisch und ausgereift ausgefallen, diese Eigenschaften könnten auch die Pop-Musik beschreiben, die irgendwie vollendet und ausdiskutiert ist. Oder wie es Bruno Jaschke zuspitzt: „Das Problem des Pop ist, dass er keine Feinde mehr hat.“ (127)

So liegt das Aufregende des Pop schon ziemlich weit zurück, als es noch echte Arschlöcher in der Musikszene gab. Wolfgang Pollanz erinnert sich mit abgeklärtem Genuss an seine Ranking-Liste der größten A-los. Seltsamerweise wir diese Liste von John Lennon angeführt, der seine durchgeprügelte Kindheit mit Musik und Eigen-Gewalt verarbeitet hat. Hintennach stellt sich höchstens noch die Frage, ob sich diese A-Typen dessen bewusst waren, dass sie A-Typen sind, oder ob sie es als Grundvoraussetzung für die Pop-Musik gehalten haben. (73)

In diesem Lichte ist auch die Behauptung zu sehen, wonach Pop-Musik immer eine Kunstgattung von Erwachsenen für Erwachsene gewesen ist, an der die Jugend nur teilnehmen konnte, wenn sie dafür ihr letztes Taschengeld ausgegeben hat. Austrofred ist sich auch heute noch nicht sicher, ob nicht alle Datenträger von damals ziemlich wertlos geworden sind und man ein Leben lang sein Geld für die Wäsch ausgegeben hat. Im Zeitalter des Streamings klammert sich das Publikum wie irr an die haptischen Datenträger, um etwas in der Hand zu haben, wenn das Streaming bei Stromausfall auf null zusammenfällt.

Gerald Schmickl hängt in ähnlicher Weise am Haptischen seines Essays, den er schon einmal vor 25 Jahren in der Innsbrucker Zeitschrift „Gegenwart“ veröffentlicht hat. Er hält seinen Beitrag zur Pop-Musik für immer noch gültig, das einzige, was sich verändert hat, ist der Wegfall der Zeitschrift, in der damals der Pop als die Wiegenlieder der Erwachsenen vorgestellt worden ist. (91)

Vollends romantisch wird es, wenn fiktive Covers mit aufgeilenden Titeln aufleuchten wie in einem alten Bestellkatalog. Apocalypse Mao, Strawinsky plays Zappa, Pink Floyd mit Betsy the Cow sind solche Titel, von denen man heute annimmt, dass sie so stattgefunden haben.

Und völlig schwerelos und mit vollem Sound legen die Songtexte von Andreas Unterweger los. „In der Küche riecht es nach Regen / Raureif liegt morgens am Bett / Die Blätter fallen vom Kalender / Das Wasser in der Wanne ist gekippt“ (111)

Auch für diese Anthologie gilt wahrscheinlich die Pop-Regel, dass eine Welt ohne Pop undenkbar, ja armselig wäre. (Heimo Mürzl) Als Leser überlegt man sich, ob es ein ideales Lebensalter gibt, in dem der Pop besonders wirkt. Und die Sechzigjährigen sagen aus Erfahrung, Pop ist immer geil und wirkt immer.


Heimo Mürzl / Wolfgang Pollanz (Hg.): Noch mehr Lärm. Ein Pop-Lesebuch. Mit Beiträgen von Austrofred, Irene Diwiak, Karl Fluch, Daniel Wisser, Dominika Meind, Mieze Medusa, u.a. (= Pop! Goes The Pumpkin No 4).

Wies: edition kürbis 2019. 143 Seiten. EUR 20,-. ISBN 3-900965-55-6.

Heimo Mürzl, geb. 1962 in Friesach, lebt in Graz.

Wolfgang Pollanz, geb. 1954 in Graz, lebt in Wies.

Helmuth Schönauer 01/09/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2204

Die Tour

Was in Tirol gerne schlitzohrig als Schi-Tour verkauft wird, ist nach Abzug der touristischen Werbezutaten meist eine Sauftour bis hin zu Mord und Totschlag.

Stefan Soder lässt seine beiden Helden Franz und Bernd auf der Erzähloberfläche nach langer Zeit eine Tour unter Freunden unternehmen, unter dem Druck der Schönheit von Schnee, Aufstieg, Anstrengung und Belohnung explodieren freilich die Seelen der Sonntagswanderer. Wie in einem Katastrophenfilm rasen die beiden Protagonisten aufeinander zu, beide haben die Wahnvorstellung, sie könnten ihr Leben quasi notariell als richtig beglaubigen lassen, wenn sie es dem jeweiligen Freund aus Kindheitstagen nur selbstbewusst genug vorspielen.

Die beiden Karrieren entsprechen den beiden Wegen, die es in Tirol gibt, um angesichts der Globalisierung zu überleben. Franz bleibt bodenständig, wird Lehrer, hat Frau, Tochter und Haus und ein familiäres Burnout. Bernd ist nach London ausgewandert und im Personalmanagement tätig. Seine Affären sind international und zackig wie die Börsenkurse, auch er hat ein Burnout, er sieht es aber als planbaren Anteil seines Berufs. So hat er etwa Anteil am BIP, wie sich die Abteilung „Burnout Intervention Plan“ nennt. (92)

Als Leser kriecht man in der Innensicht der Helden auf den Gipfel, erlebt dort einen kitschigen Sonnenaufgang. „Das verschneite Tal glomm.“ (38) Alle Sätze werden zu einem Marketingspruch, dem niemand etwas anderes entgegenzusetzen hat, als sich zu betrinken. In einer Jagdhütte lässt sich leicht das Schnapsdepot knacken und die beiden Gipfelstürmer beginnen mit einer gnadenlosen Sauferei.

Dabei laufen Geschichten aus der Jugend, die Freundschaft des Erwachsenwerdens und die getrennten Wege endgültig auseinander und verknüpfen sich im Sud zu einem neuen Strang. Die subjektiven Erzählstandpunkte verfremden das Geschehen, aus harmlosen Anspielungen werden Tragödien und das Unsagbare wird in schlechten Satzfesten gesagt, sodass der andere nichts damit anfangen kann. „Was treibt dich eigentlich an? Wie kommt es, dass du nie genug bekommst, immer mehr willst, mehr Kohle, ein größeres Haus, fettere Autos, jüngere, dünnere Frauen?“ (192)

Schließlich mündet das Zusammensitzen in einer ungeheuren Erregung, niemand kann mehr zwischen der angetrunkenen und der zurechtgezimmerten Welt unterscheiden. Bernd will unbedingt seine Tabu-Story loswerden, dass er mit der Tochter von Franz geschlafen habe, dieser will es einmal noch seinem stets besser aufgestellten Freund beweisen, indem er ihn einfach umbringt und somit endgültig besiegt.

Die beiden beenden die Tour als Einzelperson mit abgekapseltem Individual-Rausch. Der eine gibt an, den anderen umgebracht zu haben. Die gemeinsame Geschichte ist vollends zerrissen, selbst die Polizei zieht sich rasch zurück und erklärt alles zur besoffenen Geschichte.

Die Tour“ ist ein radikaler Tourismusroman, der die düsteren Psychen in einer aufgegeilten Marketingwelt zeigt. Die Schönheit der Natur erweist sich als Fratze, die ihre Kinder frisst. Die Karrieren sind ausweglos, denn ob bodenständig oder global, sie enden im Burnout. Der moderne Mensch ist unfähig, in einer modernen Welt zu bestehen.

Dein Horizont liegt am Ausgang dieses Tales“ (204), heißt es einmal ziemlich erhellend. Und eine literarische Bergsteigerweisheit überstrahlt diese seltsame Tour: Der Gipfel, auf dem du stehst, ist immer in deinem Kopf.


Stefan Soder: Die Tour. Roman.

Wien: Braumüller 2019. 263 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-99200-246-7.

Stefan Soder, geb. 1975 in Kirchberg in Tirol, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 08/09/17



GEGENWARTSLITERATUR 2854

Das Institut

Es gibt Begriffe, die schreien förmlich nach einer Ergänzung. „Institut“ etwa ist für sich genommen eine Installation, in der öffentliche Fäden mit privaten zusammenlaufen. Der Begriff Institut ist dabei so vage-klar, dass man ihn auch in der Bedeutung von Roman verwenden könnte.

Lisa Spalt verschmilzt die Bedeutung von Institut und Roman, indem sie Teil eines Instituts wird, das einen Roman herstellt. Dieses raffinierte Arrangement ermöglicht es, so gut wie alles zu dokumentieren, worin Sprache, Helden, Lüge, Fake und Sinn aufeinanderstoßen. Als Idealfigur erweist sich dabei ein Pseudodiktator namens Cramp, der sich die Sprache samt Wahrheit unter den Nagel gerissen und so eine Weltherrschaft errichtet hat. Denn alles, was irgendwo geschrieben, gesagt oder geträumt wird, hat sich Cramp schon einverleibt. Da bleibt viel Arbeit für das Institut, das von der Icherzählerin gegründet, betrieben und täglich weiterentwickelt wird.

Eine Maßnahme, sich die Souveränität über die Sprachwelt wieder zurückzuholen, ist das Programm Voodoo it yourself. Darin fließen Sprachmagie, Beschwörung und Traum zusammen. Das Programm lässt sich am Ende des Romans als Papierload herunterladen, das heißt, man muss es selber lesen und umsetzen.

Der Diktator bezeichnet seinen Herrschaftsbereich als Lands, da die ganze Welt Lands ist, muss sich das Institut auch mit überraschenden Maßnahmen zur Wehr setzen oder einen Sprachangriff starten. Eine Maßnahme nennt sich Peripetie. (76) Damit wird alles auf den Kopf gestellt, wenn man ankündigt, dass diese heftige Veränderung bald folgen wird. An anderer Stelle wird das Institut zur Bank, was plötzlich überraschende Zugänge zur Weltherrschaft bedeutet. Schließlich wird in einer großen Aktion verkündet, dass das Institut ein öffentlich zugänglicher Raum sei. (79) Damit wird dem Internet ziemlich viel virtueller Wind aus den Segeln genommen.

Eine gute Methode, Einschränkungen zu überwinden, ist der plötzliche semantische Wechsel. Das quadratische Bild in einem Museum kann zu einer quadratischen App werden, wenn man sich mit dem Smartphone in frontale Stellung zum Objekt begibt. Im Zeitalter des Navis ist es von großem Nutzen, wenn sich die Orte bewegen, während sie geortet werden. Das Institut liegt phasenweise in Villach am Kalb, wobei Kalb ständig in Bewegung ist und kaum aufgespürt werden kann.

Eine uralte Fragestellung, was man denn glauben soll, wird in einer Tagesaussendung bravourös beantwortet. Alle, was man nicht weiß. (107) Diese Rezept für heikle Fälle ist auch vonnöten, als sich plötzlich eine oberösterreichische Journalistin mit dem Klarnamen Wiltrud Hackl meldet und behauptet, der Cramp sei ihre Erfindung aus Kindertagen und sie habe das Copyright darauf. Außerdem wechsle sie immer wieder die Identität und gehe als Herrscher durch die Welt, wobei sie dann Weltbürgermeister genannt werde.

Zwischendurch droht auch der Roman, vulgo das Institut, zu entgleisen. Allzu oft hat sich auf den letzten Seiten eine übertriebene Lust nach Pointen eingeschlichen, dabei gibt es eine Faustregel: Poesie verträgt keine Pointen. (142)

Das Institut hat einen ordentlichen Schluss, indem der Sprachexperimentierer Dieter Sperl auftritt und die Sache beendet. Freilich ist es nicht leicht, bei open end einen Roman zu finalisieren, weshalb es noch einen Epilog gibt, ein Postskriptum, eine Dankeshymne, einen Anhang, ein Voodoo zum Downloaden, eine Probeseite für den Drucker und Anmerkungen. Wie bei jedem aufregenden Arbeitsplatz fällt es der Institutsleiterin nicht leicht, diesen schönen Roman zu verlassen. Aber auch der Leser trennt sich nur schweren Herzens vom Institut und ist überrascht, dass alles in Wirklichkeit weitergeht.


Lisa Spalt: Das Institut. Roman.

Wien: Czernin 2019. 166 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-7076-0673-7.

Lisa Spalt, geb. 1970 in Hohenems, lebt in Linz.

Helmuth Schönauer 27/08/19



GEGENWARTSLITERATUR 2851

Der stehende Fluss

Seit den alten Griechen wird das Leben immer mit dem Fluss verglichen, „panta rhei“ und dann so was, der Fluss steht. Und tatsächlich, zumindest in den Alpen gibt es kaum noch ein fließendes Gewässer, alles ist aufgestaut und muss über Fischleitern mühselig erklommen werden.

Dieter Sperl wählt dieses Bild vom stillgelegten Fluss als Oberbegriff für einen kulturellen Zustand, in dem die gängigen Erzählmuster durch Verdrehung, Verspreizung oder Überdehnung dekonstruiert werden müssen, um den letzten Sinn zu schlürfen und zu schürfen. Im wahrsten Sinn des Wortes ist der Erzähl-Fluss ausgehebelt und durch diverse Maßnahmen blockiert.

Diese Staumauern des Erzählens werden vor allem durch das Layout aufgetürmt. Plötzlich nennt sich etwas Fortsetzung und es folgt ein wuchtiger Textblock, der selbst das Umblättern mit dem Hantieren von schweren Gewichten gleichsetzt. In diesen Verdichtungen setzen Figuren, von denen wir nichts wissen, etwas fort, was für sie selbstverständlich ist, was wir Leser aber erst enträtseln müssen. Offensichtlich hat jemand eine Reise angetreten, wobei sich ein Paar wahlweise umarmt oder Koffer zieht, in denen Bücher gestapelt sind. An einem Bahnsteig kommt das Paar zur Ruhe und lächelt, bis der Zug einfährt. (16)

Diese Situation ist aufgestaute Erzählmaterie, die allmählich abgelassen werden kann, wenn sich sonst nichts ereignet. Man könnte auch von einem Erzählspeicher sprechen, der die wilden Handlungen besänftigt und in einen erträglichen Stillstand verwandelt, bis die hitzigen Sätze wieder heruntergekühlt sind auf Papiertemperatur.

Auf diese wuchtigen Texte folgen beschwingte Satzbögen, die oft nur einen Satz vorstellen, den eine Person aus der Hüfte heraus gesagt haben könnte. Einziges Merkmal dieser Personen ist eine Altersangabe in Klammern, wodurch der Eindruck entsteht, es handle sich um einen ungeheuren Vorfall aus dem Chronik-Teil einer Zeitung.

Ohne ersichtlichen Grund meldet sich ein Tagebuch einer Vierzehnjährigen zu Wort und sagt etwas Belangloses, das aber durch die Altersangabe gemildert wird. Im juridischen Sinn müssten Tagebücher von Minderjährigen ja als Kinderarbeit gelten, wenn sie veröffentlicht werden.

Allmählich kristallisieren sich vertraute Personen aus dem Konglomerat, der Wutbürger Franz etwa beklagt in einem Gedicht, dass das Meerwasser zu warm ist und allmählich die Trinkwasserreserven der Erde ausgehen. Das macht ihn wütend, vielleicht weil er mit 48 auch das ideale Wutalter hat. Ein Gelegenheitsdarsteller hingegen muss für alles herhalten, was keinen Anfang und kein Ende hat, er ist also die Verkörperung eines stehenden Flusses und sicher sozialversichert.

Zwischendurch meldet sich ein erzählendes Ich zu Wort und setzt eine Meldung ab: „Alle Geräusche sind schon auf der Straße. Wo die Einsamkeit nicht mehr bewohnbar ist.“ (51) „Du kannst das Holz der Treppe riechen“ ist ein anderer so hingeworfener Satz, der sofort Assoziationen auslöst.

Der stehende Fluss lässt niemanden in Ruhe. Die Abschnitte lassen sich nicht eindeutig oder geklärt lesen, denn sobald der Leser mit dem Text in Berührung kommt, wird es unruhig und eine Melasse aus dumpfen Erinnerungen steigt auf. Mit unzähligen Schnitten, Ablenkungen und Provokationen wird der Leser in Bann gezogen und muss sein eigenes Leben miterzählen, sobald er sich auf die Texte einlässt. Am Ende gibt es noch zwei goldene Regeln mit auf den Weg hinaus aus dem Buch. „Gib alles dem Augenblick!“ und „Vergleiche dich nicht mit anderen“

Es ist schließlich der Kapitalismus höchst persönlich, der wie immer genial den Schlusspunkt setzt. „Und rund um uns und in den Lüften flogen Kreditbündel herum, die die Banken eigens für uns zu Wertpapieren geschnürt hatten.“


Dieter Sperl: Der stehende Fluss.

Klagenfurt: Ritter 2019. 125 Seiten. EUR 13,90. ISBN 978-3-85415-595-9.

Dieter Sperl, geb. 1966 in Wolfsberg, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 17/08/19



GEGENWARTSLITERATUR 2852

Narren führen Blinde

Wenn es darum geht, das Absurde eines Governments darzustellen, zieht der Roman immer den Kürzeren gegenüber der Realität, die ja den Kurz als Helden hat, um gleich einen Kalauer loszuwerden. Die Leistung eines Romans, der über das agierende Regime schreibt, besteht darin, dass über das Alltagsgeschäft hinaus gewisse Trends der Epoche angerissen und zeitlos vage präsentiert werden können.

Josef Steinbach stellt bereits im Titel seine Hauptthese auf: „Narren führen Blinde“ bedeutet, dass Menschen mit falschen Voraussetzungen das Regierungsgeschäft übernehmen. Eine zweite These besteht darin, dass die Österreichische Politik immer Grätzlpolitik ist. So wird Österreich weniger vom Nationalismus als von der schleichenden Verzwergung bedroht.

Der Roman spielt staatstragend im Bundeskanzleramt, aber die heimliche Spielwiese ist das Stuwerviertel in Wien, worin im Grillparzerschen Sinne die kleine Welt ihre Probe für Minimundus abhält. Und tatsächlich ist in diesem prosperierenden Kleingangster-Viertel liebenswürdig skurril alles zu finden, was kleine Freuden zu spenden vermag. Spontane Prostitution, pittoreske Laufhäuser, notdürftig integrierte Migration und vor allem Dachbodenspekulation, denn nichts ist schöner, als in Praternähe ein Penthouse zu besitzen. Die Helden sind Kleinkriminelle, welche die große Welt des Kapitals auf klein-österreichisch nachahmen.

Gleich zu Beginn tun sich ein paar Anleger aus der Provinz zusammen, um den Besitz zu vermehren. Dabei entsteht im Café Landtmann während des Smalltalks die Idee, selbst eine Partei zu gründen, anstatt andere Partien zu schmieren. Eins zwei drei, wir gründen eine Partei! (110) Aus dem Spiel wird Ernst, ein Salzburger Unternehmer wird Kandidat und Kanzler in einem Aufwaschen und lässt sich volksnah nahe zum Prater nieder. Die Kleinkriminalität wird mit grotesken Zügen unterlegt, zumal jetzt die Medien ihre Narren und Blinden auf Schritt und Tritt beobachten. So gibt es eine Zuhälterfehde, bei der aus dem Auge des Bundeskanzlers heraus geschossen wird. Der Killer hat einfach ein Wahlplakat am Auge eingerissen und darin die Waffe angelegt, damit er sehenden Auges zielen kann. Prostituierte werden ermordet oder abgeschoben, jemand wird in einem Sarg aus der Gefahrenzone getragen, damit er für tot gilt und eine Ruhe ist.

Auch der Kanzler kriegt während einer Veranstaltung sein Fett ab, ein verwahrloster Kleinkrimineller wirft ihm eine Fackel ins Gesicht, weil er die Wörter zu wörtlich nimmt. Sofort muss das Programm des Kanzlers umgebaut werden, da das Antlitz des Leaders ziemlich verunstaltet ist. „Jetzt habe ich ein Arschgesicht“, sagt dieser mit einem Hauch von Selbstironie. (234) Der Fackelattentäter hängt sich in einer überwachten Zelle standesgemäß auf.

Alle sind in einer Sackgasse gelandet, weil ein System nicht besser wird, wenn darin Akteure nach dem Zufallsprinzip landen. Das Problem dieses politischen System ist nämlich, dass niemand auf das Ganze schaut, weil sich befeuert von den Medien alle nur auf Einzelfälle konzentrieren. Und die Summe von Einzelfällen ergibt am Ende Müll, oder null, wen man es fiskal betrachtet. (314) Jemand grölt als finalen Misston: „I am from Austria!“ Das ist es denn auch, ein abgestandener Song, der nur im Vollrausch gesungen werden kann.

Josef Steinbach ist ob der Treffgenauigkeit seines Romans in der Realität offensichtlich selbst erschrocken. In einer Nach-Notiz beteuert er seine Unschuld am wahren politischen Geschehen der letzten Jahre. Das Konzept des Romans geht auf das Jahr 2014 zurück, als man nur erahnen konnte, wie auf Jugend getrimmte Narren ein ganzes Land voller politisch Blinder führen würde.


Josef Steinbach: Narren führen Blinde. Roman.

Klagenfurt: Sisyphus 2019. 324 Seiten. EUR 15,70. ISBN 978-3-903125-36-0.

Josef Steinbach, geb. 1941 in Wien, lebt in Klosterneuburg.

Helmuth Schönauer 19/08/19



GEGENWARTSLITERATUR 2853

Ablösung

Existentielle Romane sind manchmal mit einem einzigen Wort überschrieben, das den Zustand oft einer ganzen Generation beschreibt. „Verstörung“ von Thomas Bernhard ist so ein Beispiel, ein anderes ist „Aus“ von Alois Hotschnig.

Tor Ulven, der legendäre Schriftsteller und bildende Künstler des Zweifels, nennt seinen einzigen Roman kurz und bündig „Ablösung“. Damit ist bildlich etwas angesprochen, was sich von einer Wand löst oder aus einem Rahmen rollt, biographisch gesehen ist die Ablösung ein mehr oder weniger freiwilliges Räumen eines Tätigkeitsfeldes.

Der Roman erscheint in geblockten Absätzen, die immer wieder neues Personal, unerwartbare Standpunkte und raffiniertes Ambiente aufzeichnen. In einem erklärenden Klappentext ist von fünfzehn Bewusstheiten die Rede, die von Stillstand und Innehalten der Figuren geprägt sind.

Nun kann man selbst bei genauestem Lesen diese fünfzehn Ebenen nicht sauber den einzelnen Figuren zuordnen, weil es ja das Wesen der Ablösung ist, dass die Helden dabei amorph, konturlos und ausgebleicht werden. Markant eindeutig sind jedoch Szenen, worin ein Kind einen Halbschritt zum Erwachsenwerden unternimmt, während der Greis abermals eine Erwartung an das Leben aufgeben muss.

Die einzelnen Erzählschübe setzen jäh und überdosiert ein, es reißt einen als Leser gewissermaßen vom Lektürestuhl, wenn Begriffsketten auftauchen, worin ein Gewehr zur Verfügung steht, alte Patronen zumindest dem Anschein nach für einen Schuss geeignet sind und letztlich auch jemand generell bereit ist, damit etwas anzufangen. Das Arrangement für eine Eruption ist gelegt, es bleibt letztlich dem Leser überlassen, daraus etwas dramaturgisch Einwandfreies zu konstruieren.

An anderer Stelle schrumpelt das Obst wie ein Menschenkörper im Alter, jemand ist vier Monate nicht außer Haus gewesen und beim Aufknöpfen des Hemdes wird jeder einzelne Knopf zu einem großen Projekt, das vielleicht nicht gelingen wird. Diese Handlungskette kann einer Person zugeordnet werden, die verschiedene Stationen durchmacht, es können aber auch mehrere Personen ihre Erlebnis-Projekte zu einer großen Handlung beitragen, deren Sinn darin besteht, dass sie keine Legierung mit anderen Handlungssträngen einzugehen vermag.

Oft blühen diese Handlungskerne durch einzelne Begriffe auf, die offensichtlich bloß für einen einmaligen Gebrauch geeignet sind. „Gilbgewordenes Gras“ (19), „Pazifikdünung“ (73), „Herzschlag von Säugetieren“ (139). Ohne dass man das Original gesehen hat, geht man an diesen Stellen vor der Übersetzung in eine Kniebeuge der Bewunderung. Diese poetischen Anspielungen lösen geradezu Assoziationen aus, die das Vorgegebene ablösen mit der eigenen Lese- und Erinnerungserfahrung.

Regelmäßig ist von Inszenierungen die Rede, die das Personal an die Grenze der eigenen Identität führen. Ein Pantoffel verschwindet unter dem Bett, der nach ihm Suchende muss sich selbst auflösen, um rein physisch unter das Bett zu gelangen. Ein Traum stellt sich als Ansammlung von schweren Sätzen heraus, wie sie in großen Filmen gesprochen werden. Ein paar Männer arbeiten in einer Fabrikhalle, bis ihre Schweißausdünstung jenem Metall gleicht, das sie behauen. Jemand ist so merkwürdig nüchtern, dass er die gesamte Inszenierung für eine besoffene Geschichte hält. Das große Feuer der Reinigung kann nicht gelegt werden, weil es beim Zerreißen der Zeitungsnachrichten Probleme gibt, sodass nichts Zündendes entfacht werden kann.

Vielleicht ist aber auch alles eine Lektüre in der Lektüre und die Realität ist von etwas Gelesenem abgelöst worden. „Das Gewehr lehnt neben dem Bett. Er ist vorbereitet. Die Glühbirne erlischt. Diesen Abend muss er auf das Lesen verzichten. Die Glühbirne kann er morgen wechseln.“ (140)


Tor Ulven: Ablösung. Roman. Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel. Deutsche Erstausgabe. [Orig.: Aflosning, 1993.]

Graz: Droschl 2019. 140 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-99059-034-8.

Tor Ulven, geb. 1953 in Oslo, starb 1995 durch Suizid.

Helmuth Schönauer 24/08/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2203

Erinnerungsbilder

Man kann dann nichts mehr darüber sprechen, es niemandem mehr erzählen, was man einmal erlebt hat. Aber der Schriftsteller kann vieles aufschreiben, woran er sich erinnert.“ (5)

Ein Leben lang kämpft Peter Paul Wiplinger um eine Form des Erinnerns, die den zeitgenössischen Charakteren historisch gerecht wird und es den künftigen Archivbenützern der Literatur ermöglicht, ungeschminkt die Innensicht von jenen Helden nachzulesen, die in den offiziellen Chroniken nur spärlich vorkommen. Als Fotograf und Chronist hat er es mit Bildern zu tut, die scheinbar von selbst kommen, wenn man die Augen schließt oder einen bestimmten Text evoziert. Dabei entsteht eine subjektive Dramaturgie der Bilderfolge, die immer wieder an der offiziellen Geschichtsschreibung andockt.

Quasi von Geburt an speichert das dokumentierende Ich Bilder und Sätze über den Heimatort Haslach ab. So stehen am Beginn der persönlichen Chronik Zweizeiler, die wie Parolen aufblitzen. Panzersperren, Leuchtspuren, der alte Schuldirektor als Nazi, die Russen mit ihrem Russen-Spital, das Geräusch von Stiefeln, Kerzenlicht am Fenster zu Weihnachten. Dieser Notizzettel der Erinnerung spricht bereits alle Themen an, die den Autor ein Leben lang begleiten und verfolgen.

Anlässlich eines Vortrags über die verdrängte Geschichte des Ortes, überlegt der Autor, der über der offiziellen Chronik brütet, wie man das Vergessene und Verdrängte ans Tageslicht schaufeln könnte, ohne die bronzenen Ehrentafel allzu sehr ins Lächerliche zu ziehen. Denn die Ehrung von falschen Persönlichkeiten trägt immer einen grotesken Zug der Überheblichkeit an sich.

Der Autor entschließt sich, die verdunkelten Geschehnisse mit einer losen Blitzlicht-Dramaturgie in die sichtbare Welt einer Ausstellung zu holen. Dabei zeigen die Bilder stumm, was lange mit der Floskel niedergehalten wurde: „Darüber spricht man nicht!“ (11)

Das erinnernde Ich kauert jäh im Kartoffelkeller, der zu einem Überlebensbunker geworden ist. In einem anderen Shot sitzt der Bruder in voller Montur in der Küche, alles ist still und stumm, der Bruder wird lange verschollen sein und zeigt diesen bedrückenden Zustand den Angehörigen, ehe er an die Front verschwindet. Dann wird Rosenkranz gebetet, nur für ein paar Erinnerungssekunden, ehe das Bild wieder verschwindet. Der Schüler spielt mit Altersgenossen, die Welt ist voller Panzersperren und Panzerfäuste. Diese skurrilen Bilder lassen sich nur ertragen, wenn man vorgibt, sie nachzuspielen und nicht zu empfinden.

In der Chronik steht später, dass eine Brücke gesprengt worden ist, der Zeitzeuge freilich sieht einen schreienden SA-Mann herumhüpfen wie Rumpelstilzchen, sodass die Brücke eher aus Scham in sich zusammensinkt.

Dann sind die Russen im Ort und setzen den Vater wieder als Bürgermeister ein. Die Welt stürmt mit dichten Bildern auf die Bewohner ein. Nichts hat einen Anfang oder ein Ende, es sind Ausrisse aus einem unbegreiflichen Ganzen, die als kleine Erinnerungs-Strips hängen bleiben. Ein Soldat bedrängt mit einem Messer ein Pferd, das der Schüler schützt, der eine schreit „dawai, dawai“, der andere „Pferd, Pferd“. Dann ist das Bild weg. (71) Als die Russen abziehen, tut sich für den Erzähler eine Leere auf, die Tage glänzen matt wie bei einem großen Verlust.

Später tauchen die Angehörigen nur mehr sporadisch auf, die Mutter liegt aufgebahrt und erzählt stumm ihr Leben. Alle sind in alle Winde zerstreut. Im Heimatort hängen noch Gedenktafeln mit falschem Glanz. Der Autor wird ein paar davon reparieren müssen in seinem Kampf um eine gerechte Erinnerung.

Am Schluss ziehen Porträts des nunmehr achtzigjährigen Peter Paul Wiplinger in Passbildgröße auf. Jahr für Jahr hat er abgearbeitet, er ist sich immer treu geblieben in seinem Suchen nach der Wahrheit. Die Augen bezeugen es, Jahr für Jahr, unbestechlich.


Peter Paul Wiplinger: Erinnerungsbilder.

Wien: Löcker 2019. 173 Seiten. EUR 19,80. ISBN 978-3-85409-985-7.

Peter Paul Wiplinger, geb. 1939 in Haslach, Gymnasium in Hall in Tirol, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 03/09/19