Buch in Pension – Rezensionen 10/2018



Thomas Antonic: Literaturklatsch auf dem Testgelände.

Alessandreo Baricco: Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur.

Bobette Buster: Story. Wie man eine Geschichte richtig erzählt.

Peter Clar: Die Worte, sagst Du. Gedichte.

Wolf Haas: Junger Mann. Roman.

Elisabeth Lexer / Robert Boulanger: Maiandacht. Kriminalroman.

Liviu Rebreanu: Der Wald der Gehenkten. Roman.

Zsuzsa Selyem: Regen in Moskau. Die Geschichte einer Aussiedlung.

Erich Sündermann: Der Heimatdichter. 1 Bildergeschichte.

Paul Theroux: Mutterland. Roman.



GEGENWARTSLITERATUR 2766

Literaturklatsch auf dem Testgelände

Seit Literaturzeitschriften rar geworden sind, wissen die meisten nicht mehr, welchen Vorzug sie eigentlich hätten. Im Idealfall berichten sie aus einer Werkstattsituation heraus, wo sich ein kommendes Projekt spießt und wo Schreibressourcen investiert werden müssen, klugerweise sind immer auch Essays in einer Literaturzeitschrift, um eine Theorie zu entwickeln und bereits fertige Texte an der aktuellen Gegenwart zu testen, als Bonus dieser Medien mag die jeweilige Redaktion gelten, die als Team einen Trend oder gar eine literarische Epoche zu formulieren vermag.

Thomas Antonic gehört einer vagen Grazer Szene an, die entfernt mit Wolfgang Bauer im Jenseits befreundet ist und soetwas wie periphere Literatur im Focus hat. Der Autor hat soeben ein monumentales Werk über Wolfgang Bauer herausgebracht, außerdem unterstützt er den sogenannten Austrian Beat, worin lose herumirrende Schriftsteller in prekären Situationen versammelt sind.

In einem aktuellen Werkstatt-Bericht „Literaturklatsch auf dem Testgelände“ ist das Thema vom Schreiben in schrägen Situationen eingegrenzt von den zwei Leitlinien: Freunde ohne Vorteile / Scheiße mit der Erleuchtung.

Der knapp zehn Seiten lange Text besticht im ersten Anblick durch einige geschwärzte Stellen, was gerade die Österreicher ungemein neugierig macht, werden doch im Government dieses Landes Tag und Nacht Berichte geschwärzt, damit die Bevölkerung etwas zum Rätseln hat. Und enträtselt darf auch in diesem Essay werden. „Wer mindestens zehn geschwärzte Namen identifiziert, nimmt an einer Verlosung teil [...]“

Die Erzählsituation dieses Aufsatzes ist fulminant und frech: „Zurückgekehrt aus dem Jenseits ist es nicht leicht, über den Literaturhokuspokus noch einmal in Rage zu geraten, so wie es anno dazumal öfter der Fall war und in ein paar p-Heften dokumentiert ist.“ Der Ich-Erzähler ist vielleicht wirklich im Jenseits gewesen, oder es war doch nur Amerika, zumindest hat er eingecheckt und durfte keinen Revolver mitnehmen, weil man drüben niemanden erschießen darf. Dieses Zwischenreich wird in diversen Tiroler Kreisen übrigens „enten“ genannt, und niemand ist von enten zurückgekommen, ohne nicht beeindruckt zu sein!

Der Held ist auf literarischer Mission und wartet beispielsweise in einer Pizzeria in Arizona auf eine Dichterin, „die Pizza kommt, die Frau nicht.“ Da überbrückt er die Leere mit Memen und hofft auf einen schmerzlosen Tod wie alle aus seiner Generation.

Der Text ist in der Folge aus einem Dutzend Bausteinen zusammengefügt, die einzelnen Absätze fügen sich mörtellos wie Inka-Steine ineinander, aber sie haben jeweils eine andere Maserung und Farbnuance.

So geht es einmal um ein Heft des „Alienist Magazin“, worin das Konzept „friends with benefits“ erläutert wird, umgekehrt herum wäre es aber vielleicht besser und würde dem Literaturbetrieb guttun.

Ein Absatz kümmert sich plötzlich um die Schlüsselqualifikation der Literatur, nämlich dem Abschreiben. Damit sind sowohl die Abschrift, die Reinschrift und erst recht das Verlorengehen gemeint. In einem interessanten Versuch geht es darum, keine Namen mehr zu nennen. Zu diesem Zweck wird eine x-beliebige Literaturgeschichte an den Namen geschwärzt und siehe, es entsteht die gleiche amorphe Literaturmasse wie bei Nennung der Namen. Die Namen scheinen also so etwas wie die Pigmentierung eines Literaturteiges zu sein.

In der Folge geht es um den zwischen Avantgarde und Vergreisung dahinplätschernden Literaturbetrieb, wobei schon mal einer in einem Gremium sitzt und einem Freund eine Ehrung verpasst. Überhaupt ist die Grenze zwischen befreundetem Arbeitskollegen und erpresserischem Netzwerk fließend. Geradezu gefürchtet ist die Gattung der „Literaturhäuslerinnen“, sauber gegendert flicken und ficken sich diese Netzwerker Tag und Nacht gegenseitig am Zeug.

Eigentlich müsste ja das einzige Kriterium für einen guten Text sein, dass ihn niemand lesen mag. Der perfekte Text liest sich so, als hätte man überhaupt keine Freunde.“ (30)

An dieser Stelle wird auf dem Testgelände offensichtlich eine Rakete Marke Beatnik in den Probelauf geschickt. Außerhalb der universitären Strukturen organisieren sich die Beatniks wie Myzel und wuchern unerkannt unterirdisch übers Land. Die Analyse wird plötzlich recht diesseitig und erdig.

In einem fassungslos klaren Dialog ergründet das essayistische Ich das Wesen eines Beat-Dichters. Veröffentlichst du viel? - Nein gar nichts. | Gibst du Lesungen? - Nein, nein! | Wovon lebst du dann? - Was meinst du damit? | Na, was arbeitest du? Von der Dichtkunst kannst du ja dann wohl kaum leben? - Ich arbeite nichts. | Und wie überlebst du? - Mein Vater ist gestorben und hat mir einen Haufen Geld vererbt. | Du Glückspilz!

Die Literaturkritik, die oft gnadenlos über den Kapitalismus und seine Vasallen herfällt, entlarvt sich und den Literaturbetrieb auf geniale Weise, es geht nämlich um gar nichts in der Literatur, außer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort jenes Glück zu haben, das man nicht einmal suchen darf.

Aus diesem Test-Aufsatz vom literarischen Testgelände kommt beim Glück, das Thomas Antonic zu wünschen ist, wohl demnächst eine Theorie mit Hand und Fuß und Gelächter.


Thomas Antonic: Friends without Benefits / Bullshit with Satori. Literaturklatsch auf dem Testgelände.

In:

perspektive. Hefte für zeitgenössische Literatur. Nr. 94/95. Graz 2018. S. 23-32. EUR 10,-. ISSN 1021-9242.

Thomas Antonic, geb. 1980 in Bruck an der Mur, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 30/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2760

Die Barbaren

Zwölf Jahre sind im Literaturbetrieb schon fast eine Epoche, und wenn ein Kulturessay nach zwölf Jahren immer noch aktuell ist, so hat er wohl etwas Epochales an sich.

Alessandro Bariccio veröffentlicht 2006 einen Fließ-Essay über die Mutation der Kultur. Der Ausdruck Fließ-Essay beschreibt die Art, wie der Autor mit dem Publikum kommuniziert, es handelt sich um eine Art Fortsetzungstext, der wöchentlich von Neuem beginnt und je nach Lage der Woche mehr oder weniger tagespolitische Ansätze aufweist. Der Leser wird dabei mündlich angesprochen und wie in einem Espresso-Gespräch behutsam durch das Thema geführt. Ein kluger Schachzug besteht dabei in der Einführung von Barbaren, sie sind diffus und allgemein gehalten und können eine Bedrohung von außen sein, aber auch eine augenzwinkernde Selbstdarstellung der Kultur-Insider.

Die Begleitung der Kultur ist immer die Mutation. Nur wenn sich ständig etwas verändert, kann auch die bewährte Kultur am Leben erhalten werden. Der wichtigste Weckruf für diese Überlegung ist das allseits bekannte Zitat: Früher war alles besser!

Am Beispiel der Kultur-Felder Wein, Fußball und Buch zeigt der Autor die Veränderungen der letzten Jahrzehnte, dabei sind die Barbaren die Betreiber der neuen Formen, die sich nur sporadisch mit der Vergangenheit beschäftigen, während sie nomadisierend über die Begriffsfelder ziehen.

Der heilige Wein aus Frankreich beispielsweise ist nach dem Weltkrieg von GIs nach Amerika verpflanzt worden, wo er zum Hollywood-Wein ausgebaut wurde. So ist es möglich, dass man heutzutage mit der Sprache einer Fastfoodkette über die Qualität des Weins sprechen kann, was der Weinkultur eine neue Richtung gibt.

Im Fußball ist heutzutage das individuelle Genie nicht mehr gefragt, es geht um ein kommerzielles Zusammentreffen von Millionären, die mit den Regeln von früher einen Sport betreiben, der eher nach Society-Regeln abläuft als nach Rasen-Regeln. Dazu kommt noch die perverse Kluft zwischen den verarmten Zuschauern, die oft das letzte Geld einsetzen, um wenigstens für ein paar Stunden aus dem eigenen Prekariat herauszukommen und im Stadion den internationalen Glanz von vergoldeten Kickern zu bewundern.

Bei den Büchern ist es ähnlich, der Kommerz hat die Lektüre erfasst, es wird mehr über die Begleitumstände der Literatur geredet als über die Texte selbst. Aber der Autor warnt vor Qualitätsdiskussionen nach dem Früher-Besser-Prinzip. Der Literaturbetrieb gleicht immer schon einem Spiegel-Ei, worin das Eigelb der Qualitätsliteratur auf das Eiweiß der Belletristik trifft. Heutzutage ist das Spiegel-Ei eben größer und dünner geworden. Und auch die edle Kraft von Romanen hat zwischendurch an Glanz verloren. „Früher gab es wenige Leser, aber der Roman eroberte jeden einzelnen von ihnen.“ (74)

Das Kapitel über die Google als neue Kulturmaschine ist zwar jenes, das am schnellsten veraltet ist, man soll aber würdigen, dass in diesem Essay Google bereits einer Kulturtechnik wie dem Wein oder den Büchern gleichgestellt ist. Das Elementare an Google ist ein Paradigmen-Wechsel, die Erfahrung von Menschen wird durch Suchverläufe abgelöst. Nicht mehr die Lebenserfahrung zählt bei der Bewältigung von Aufgaben, sondern die geschickte Verbindung von Suchanfragen.

So endet der Essay auch nicht mit Kulturpessimismus, sondern einem gewissen Verständnis gegenüber den Barbaren, die eben in der Historie noch nicht heimisch geworden sind. „Die bürgerliche Kultur lehrt den Abstieg in die Vergangenheit, während die Barbaren sich nur um die herumtreibenden Trümmer auf der Oberfläche kümmern.“ (179)

Sinnbild für diesen Kampf zwischen Kultur und Barbarei könnte der Propeller sein, dessen Blätter sich bei jeder Umdrehung der Vergangenheit und Zukunft, dem Hinten und Vorne gleichermaßen zuwenden.


Alessandreo Baricco: Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur. A. d. Ital. von Annette Kopetzki. [Orig.: I Barbari, Mailand 2006.]

Hamburg: Hoffmann & Campe 2018. 221 Seiten. EUR 20,60. ISBN 978-3-455-40580-4.

Alessandro Baricco, geb. 1958 in Turin, Mitherausgeber von La Repubblica, lebt in Rom.

Helmuth Schönauer 06/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2762

Story

Nicht umsonst gilt die Globalisierung als stets hungrige Krake, die an der Peripherie die Geschichten absaugt, um diese dann in der Cloud oder im Weltall zur Verpuffung zu bringen. Storytelling ist trotz des aufgeblasenen Begriffs etwas vom Intimsten, was es in einer Kultur gibt. Für manche afrikanische Gesellschaften war das Storytelling früher einmal sogar Verfassung, Archiv und Gesetz in einem.

Bobette Buster rühmt sich in allen möglichen Klappentexten damit, für die Hollywood-Schinkenfabrikanten zu arbeiten. Bei Disney zu sein ist freilich keine Auszeichnung, sondern eine Warnung. Hier werden die Geschichten nämlich geklaut und dann im Wälzlager der Fiktion so lange gewalkt, bis sie nur mehr hauchdünne Folien sind.

Die Autorin rühmt sich auch, überall tätig zu sein, und es klingt ein wenig nach einer Agentin, die von bereits ausspionierten Ländern erzählt. Ihre Thesen kosten vor allem, und man kann sie überall buchen. So gesehen ist dieses Buch ein Schnäppchen, weil es ein paar Tipps auslässt, die wir alle mit anderen Worten schon längst anwenden.

Über allem steht die Betroffenheit. Die Trainerin lässt sich von den abgecashten Kunden Geschichten erzählen, die auf den ersten Blick Schutzbehauptungen sind. Jeder Mensch erzählt nämlich im Vordergrund vorbereitete Narrative, die sein Tun schützen und legitimieren. Die Trainerin lässt sich dann die wahre Meta-Geschichte erzählen, und diese ist dann oft so ehrlich und gut, dass man sie vielleicht ins Netz stellen kann.

Im angeführten Fallbeispiel fährt jemand nach der Scheidung nach Israel, um zu sich selbst zu finden. Auf Nachbohren hin gesteht das Fallbeispiel, dass es eigentlich Gott sucht. Merke: Bei amerikanischen Aufklärern wird immer mit religiösen Nebelgranaten gearbeitet! Daher erinnern auch die aufgezählten zehn Gebote nicht umsonst an den großen Meister, der in der Bibel aus dem Nebel tritt und alles auf den Gesetzestafeln aufgeschrieben hat.

Erzähle als Freund | Verorte die Geschichte mit dem persönlichen GPS | Mach den Hemingway! (kurze Sätze) | Zerlege die Story in These, Antithese, Synthese | Suche das „schimmernde Detail“ | Reiche den Funken weiter | Sei verletzlich | Aktiviere das Sinnes-Gedächtnis, stelle einen Sinn in den Vordergrund (riechen) | Bring dich selber ein | Lass los.

Mit diesen Richtlinien lässt sich offensichtlich überall auf der Welt auftreten. Aber gerade das ist das amerikanisch Gefährliche, diese zehn Schritte vermitteln scheinbar eine Methode des Erzählens, sind aber in Wirklichkeit eine aggressive Erzählstrategie, um das amerikanische Weltbild Marke Hollywood herumzuerzählen. Den schlauen Lese-Fuchs täte es nicht wundern, wenn da nicht eine Portion Scientology dabei wäre!

Die Übungen sind dann auch ziemlich schlicht und mehr ein Alzheimer-Abwehrkampf als eine Unterstützung für Storytelling. Erinnere dich an eine besondere Situation! Erzähle vom Ende einer Ära! Verkaufe uns deine Ideen oder was dir am Herzen liegt! (116)

Der beste Tipp freilich wird nicht erzählt, sondern angewandt. Deine Biographie muss mindestens drei Seiten aufweisen und vor Erfolg strotzen! Die Dankestabelle muss mindestens sechs Seiten aufweisen, darin sind dann etwa tausend Namen genannt, wenn die alle das Büchl kaufen, hast du zumindest die Papierkosten schon hereingespielt!

Es tut gut, an der Peripherie zu sitzen und zuzusehen, wie die Krake nach einem schnappt. Und morgen vielleicht wirst du selbst geschnappt und in die Cloud verbracht sein, wo du dir dann alle diese Geschichte Marke Bobette Buster anhören musst!


Bobette Buster: Story. Wie man eine Geschichte richtig erzählt. A. d. Engl. von Tino Hanekamp. [Orig.: Do Story, London 2013.]

Hamburg: Tempo 2018. 125 Seiten. EUR 12,40. ISBN 978-3-455-00426-7.

Bobette Buster ist Drehbuchautorin und -direktorin und arbeitet unter anderem für Disney, Pixar und Twentieth Century Fox.

Helmuth Schönauer 12/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2767

Die Worte, sagst Du...

In Gedichten werden Botschaften verdichtet, homöopathisch verdünnt oder überhaupt zum Verdunsten gebracht. Im Idealfall verflüchtigen sich die Worte kurz bevor sie ihr Ziel erreichen, sodass sich das lyrische Gegenüber seinen eigenen Reim auf das machen muss, was Reim-los angedeutet ist.

Peter Clar nimmt die Ur-Konstellation der Lyrik als Titel für seinen Gedichtband. Wort, Du und Punkte, die das Versickern des Gedankenganges andeuten. Seine drei „Versuchsanleitungen“ bestehen einmal als Farbankündigung, dann als Einstellung des Empfängers auf die Nachrichten und im dritten Teil aus einer leeren Regieanweisung, die in ein Mayröcker-Zitat mündet. „wir hatten einander gesehen / ich meine zugeworfen den Blick“ (55)

In der Farbankündigung wird das Statement von Yves Klein vorgeschoben, wonach „die Farbe ist“. Im Anschluss kommen wie in einem Aquarellkasten die Farben, die gleich poetisch ausprobiert werden. Dabei kann ein Farbexperiment durchaus ins Leere gehen, wenn etwa das Grau plötzlich ohne Aussage dasteht, weil es nur so eine Idee ist. Und tatsächlich verschwindet das gegenüber sitzende Du, sobald das Grau auftaucht. Jetzt ist auch die Beziehung verschwunden, das Grau sinkt von den Karawanken herunter und du weinst, oder bilde ich mir das nur ein.

Die „Farbgedichte“ berufen sich meist auf eine Mal-Theorie oder ästhetische Vereinbarung, sie lassen eine regionale Witterung auftreten, die sich um die Farben kümmert, und jagen schließlich die lyrischen Figuren zuerst ans Zeilenende und schließlich aus dem Gedicht hinaus.

Der mittlere Teil ist mit einem Derrida-Zitat überschrieben: „Du gibst mir die Worte“ (21). Darunter sind Gedichte abgelagert, die sich oft auf die Poetik von Autorinnen beziehen, Frischmuth, Medusa, Köhle, Nöstlinger. So wird etwa die Spiegelgeschichte von Ilse Aichinger „nachgespiegelt“, die Gartenarbeit von Barbara Frischmuth geht in den Myzel-Sound von David Bowie über und Markus Köhle wird an einer Wortschleife festgebunden und einem immerwährenden Slam zugeführt.

Zwischen den Poetiken wuchern sogenannte o.T.-Gedichte heraus, die sich keinen Titel leisten können, weil bis zum Schluss nicht feststeht, wohin es sie verschlägt.

o.T. // Cohens Stimme blau / zwischen Leitungen / darin Möwe und Flugzeug / eine schwangere Frau / mit gelbgrüner Jacke / eine Straßenbahn fährt / drei Pfadfinder lachen / ein Mann raucht Zigarre / und ich atme den Nebel“ (28)

Dieses Gedicht drückt den Sound einer ganzen Generation aus, ein Lied von Cohen wirkt geradezu peinlich naiv, die Poesie des Meisters wird durch eine schadhafte Übersetzung heruntermoderiert auf den dilettierenden Hörer, bei dem sich poetische Floskeln zu regen beginnen wie bei einer aufkeimenden Verkühlung. Die Poesie bleibt im Transport stecken. Die Poesie verdunstet, während sie gehört wird.

Das dritte Kapitel beginnt mit einer leeren Seite (53), ehe es dann aufgeht in eine Friederike Mayröcker gewidmeten Textur voller Gedichts-Partikel. Der Zustand von zu Hause ufert aus in die immer gleichen Risse im Asphalt, die ewig gleiche Distanz von Nussbaum und Sportplatz und radikalisiert sich in dem schönen Begriff von der mitgewachsenen „Tujenheckenspießigkeit“. (70)

Ein wunderschönes Heimatgedicht nennt sich „im Zug von Föderlach nach Klagenfurt“, worin kaputte Alltags-Poetiker die Krone lesen und die Pendler als Geruch aneinander vorbei gehen, während sie schmerzbefreit lächeln.

Poetische Konstellationen können bei jeder Witterung auskristallisieren. Ein Gedicht voller Langeweile, Hitze und mörderischem Stillstand nennt sich schlicht „Hundstage“. Darin ist alles ausgehebelt, was ein Gedicht ausmacht. Die Worte, sagst Du, ….

Hundstage // Der Tag wie Langeweile / Sommerhitze und Motorradlärm / Falkenschreie aus strahlendem Blau / Ein letztes Zittern im Kreuzspinnennetz / (Umarmung zum Tode / Umgarnung zum Mord)“


Peter Clar: Die Worte, sagst Du. Gedichte.

Klagenfurt: Sisyphus 2018. 80 Seiten. EUR 10,-. ISBN 978-3-903125-30-8.

Peter Clar, geb. 1980 in Villach, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 20/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2784

Junger Mann

Die Literatur von Wolf Haas ist eigentlich eine Tournee, bei der als Benefit für die Leser die Romane verteilt werden. Wenn jemand geh-schwach ist, kann er sich die Tournee auch ins Haus schicken lassen, eingehüllt in den Roman kommt ein Lesezeichen zum Vorschein, auf dem die wichtigsten Lesungen des Wolf Haas aufgezählt sind.

Erfurt, Berlin, Hamburg, Wien: Das Lesezeichen erinnert an einen ICE-Plan, an dessen Umsteige-Knoten zu gewissen Terminen der Wolf Haas sitzt und vorliest. Bei ihm ist ausnahmsweise das Vorlesen nicht falsch, zumal der „Schreibstil“ oft sehr österreichisch mündlich ist. Und wenn man sich den Umschlag und alles kurz wegdenkt, sitzt man vielleicht mitten in einem Horvath-Stück. Alles könnte eine politische Anspielung sein, gleichzeitig ist alles ein rosarotes Trallala, das in tiefroten Ernst übergehen kann.

Junger Mann“ ist eine Floskel, mit der man oberflächlich rein eine tiefere Sauerei ankündigt. Im Roman ist der Icherzähler wörtlich ein junger Mann um die dreizehn, der an und für sich einmal die Matura machen will aber jetzt in den Ferien seine Pubertät an der Tankstelle auslebt. Die Arbeitshandgriffe sind schon sehr erwachsen, sie Selbsteinschätzung noch nicht. Der Held fühlt sich mit 92 Kilo zu voluminös und teilt die Welt folglich ein in Fettspender und Fettverzehrer. Als die junge Frau Elsa mit dem jungen Mann ein bisschen anbandelt, ist es um das Selbstbewusstsein geschehen. Alles könnte eine Falle sein, denn in der Pubertät gibt es keine Ironie.

Die Ferien entpuppen sich als Läuterungszeit, die mit einer kleinen Prüfung beendet wird. Ein befreundeter Trucker und Mann der Elsa nimmt den Erzähler mit nach Griechenland, wo eine Landung abgeliefert werden soll. Als Meta-Reise erleben die beiden, was es wirklich heißt, on the road zu sein.

Im Endeffekt geht die Geschichte dann bestens aus. Der Trucker lässt sich doch den Krebs herausoperieren, seine Gattin Elsa liebt ihn mit Haut und Haar, und aus einem Zeitungsartikel erfährt man noch, dass auch die wild gezeugte griechische Tochter samt Mutter in den Familienverband aufgenommen werden. Und aus dem Erzähler ist ein mündlich denkender Romancier geworden, der neben zerbröselnden Krimis auch luzide Taugenichts-Geschichten zu schreiben vermag und das Publikum verhext, auch wenn es nicht zu seinen Lesungen kommen kann.

Neben der Freude, dass man in die Vergangenheit auch zwischendurch rosig zurückdenken kann, sind es dann die vielen Kleinigkeiten, die auf den Leser überspringen und diesen wichtig machen. Die Pubertät ist nicht gerade jene Zeit, an die man sich am liebsten erinnert. Wolf Haas freilich wirft einen durch-oxydierten Mantel über diesen Lebenskram, der einem die österreichische Zeit um 1974 herum mit Milde serviert. Schilling, Renault, autofreier Tag, Tankstelle als sonniger Sommerjob: alles ist hell und zukunftsfroh.

Beim zweiten Hinschauen kommen einem dann jene Sachen in den Sinn, die nicht erzählt sind, weil sie zwischen den Zeilen herausquellen wie eben diese mündlichen Sätze eines Horvath-Stückes, die ununterbrochen auf der Lauer liegen.

Wolf Haas ist ein abgeklärter Erzählmeister, der mit Grinsen diese rosaroten Punschkrapferl serviert, die wir alle seit Gerhard Fritschs Fasching so bunt im Magen liegen haben. Die Pubertät als Marzipanhölle, da kommt es auf ein paar Kilo mehr oder weniger nicht drauf an.


Wolf Haas: Junger Mann. Roman.

Hamburg: Hoffmann und Campe 2018. 237 Seiten. EUR 22,80. ISBN 978-3-455-00388-8.

Wolf Haas, geb. 1960 in Maria Alm, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 16/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2769

Maiandacht

Maiandacht ist ein religiöses Zeremoniell, das in der öffentlichen Lesart gerade noch als Volksbrauch oder Meditationsübung durchgeht, in entlegenen Landesteilen aber vollends ins Archaisch-Mythische hineingreift. So ist der echte Maiandachtskult für den Tourismus noch immer tabu, wer ihn erkunden will, muss entweder Betroffener oder Forensiker sein.

Elisabeth Lexer und Robert Boulanger haben die Form des Kriminalromans gewählt, weil man sich dadurch landläufig etwas vorstellen kann und weil erzähltechnisch gesehen so die diversen Geheimnisse geknackt werden können, indem einfach ein Chefinspektor über die Sache drüberscannt. In der Tiefenstruktur ist der Roman durchaus ein Stück Ethnographie, Psychologie und Dialektologie. In einem Glossar werden nämliche die einzelnen Fügungen nicht nur in eine Allgemeinsprache transferiert, ihre Auswahl und ihr semantisches Selbstbewusstsein deuten darauf hin, dass diese Begriffe auch den Sinn des Lebens in einem gewissen Landstrich ausmachen. Diese regionale Feldforschung ist gewissermaßen die Antwort auf die Globalisierung, der Kosmos ist nämlich ein Wallfahrtsort mit aufgesetztem Wellnessbereich.

Romane werden nach allem möglichen beurteilt aber selten nach dem Aufspür-Genuss für den Leser. Das Lesen kann nämlich per se zu einem Genuss werden, wenn sich die Autoren etwas kunstvoll ausgedacht haben, was der Rezipient nur in mehrfachen Leseschüben aus dem Text hervorholen und für seine Welt deuten kann.

Vom Lesevorgang her gesehen erinnert Maiandacht vielleicht an das gigantische House of Leaves von Mark Z. Danielewsky, nur dass hier nicht ein Haus verrückt spielt, sondern ein kleiner Ort gruselig metaphysisch wird. So gibt es in der Maiandacht eine Rahmenhandlung, die der bewährte Chefinspektor Kovacs tapfer absolviert, die Handlung ist auf vier Tage aufgeteilt und die wunderlichen Frauenfiguren kriegen eine eigene Schrifttype, um ihre Gendankenwelt rein graphisch von den allgemein gedeuteten Vorgängen herauszuheben.

Inspektor Kovacs, seine Begleiterin und der Hund Puppi kriegen einen Wellness-Gutschein, entscheiden sich aber im Angesicht des Dorfes Maria Schmerz zu einem klassischen Wanderurlaub mit volkstümlicher Einlage. Die ganze Gegend ist Walpurgis-gemäß erigiert, überall spielen sich Tänze, Rituale und Bräuche ab, und als man munkelt, dass ein Kind verschollen ist, kann niemand den Wahrheitsgehalt dieses Gerüchtes feststellen.

Kovacs bringt sich ins Spiel und benimmt sich gleich einmal tolpatschig, indem er gegen seine vergessene Windjacke ermittelt. Ständig geht ihm die Luft aus, wenn er eine Spur aufnimmt, und der Hund ist urbane Dekoration, die in der Gegend nichts verloren hat.

In ihren Geheimwelten tauchen dann ein paar starke Frauen auf, vor allem Cilli hält die Fäden zusammen, indem sie die wichtigen Entscheidungen mit alten Ritualen unterlegt. In dieser archaischen Struktur werden geistige Handicaps durchaus in Stärke umgewandelt, die Gesetze des Hexenwesens übertünchen übliche soziale Gefüge. Die moderne aufgeklärte Welt wird draussengehalten, weshalb auch die Touristen nichts vom psychologischen Myzel des Dorfes mitkriegen.

Der Fall um das verschwundene Kind wird natürlich aufgeklärt, aus forensischen Gründen darf die Lösung hier freilich nicht verraten werden.

In der Gegenwartsliteratur müssen Romane oft herhalten, um eine Gegend zu puschen und touristisch auf Vordermann zu bringen, in der Maiandacht geht es darum, den Spuren einer magischen Welt nachzugehen, die den Tourismus glatt unterwandert. Dieser Roman erweckt Gelüste, vor der eigenen Haustüre unter dem Zirkuszelt des Tourismus nach irrealen, bigotten und unlogischen Verknüpfungen unserer Gesellschaft zu graben.


Elisabeth Lexer / Robert Boulanger: Maiandacht. Kriminalroman.

Klagenfurt: Sisyphus 2018. 332 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-903125-32-2.

Elisabeth Lexer, geb. 1965 in Wolfsberg, lebt in Südburgenland.

Robert Boulanger, geb. 1965 in Altötting, lebt in Südburgenland.

Helmuth Schönauer 24/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2761

Der Wald der Gehenkten

Aufsehenerregende Romane sind oft für eine einzige Szene bekannt. Diese ist an und für sich überschaubar, breitet sich dann aber über ein ganzes Jahrhundert aus.

Liviu Rebreanus „Der Wald der Gehenkten“ aus dem Jahre 1922 versucht aufs erste einmal Atem zu holen und das Desaster des Weltkriegs in halbwegs greifbaren Bildern darzustellen,. Weltberühmt ist der Roman inzwischen wegen der Hinrichtung im ersten Kapitel. Das Besondere dieser Aktion am Rande der Geographie und des Kriegsgeschehens ist die groteske Hilflosigkeit, mit der die Beteiligten die Sache hinter sich bringen wollen, inklusive des Delinquenten, der nur einen Wusch hat, dass diese vermurkste Hinrichtung möglichst bald vorbei ein möge. Bei dieser speziellen Hinrichtung handelt es sich um eine österreichische Amtsaktion unter Kriegsbedingungen. Das ist so das Schlimmste, was man sich als Soldat, Beamter, Mensch oder Österreicher wünschen kann.

Vor dem Dorf sind in einem Wäldchen alle Utensilien für ein perfektes Henken angeschleppt, nur das Schemelchen fehlt noch, auf das der Delinquent steigen soll. Als ein General vom Bahnhof heraneilt, ist das Personal für eine standrechtliche Hinrichtung vollständig. Jemand hat ein Urteil mit, jemand segnet, jemand ist Delinquent, es gibt ein kurzes Geräusch, und dann wird der arme Kerl mehr erwürgt als gehängt, der Arzt schaut auf die Stoppuhr anstatt auf den Gehenkten und erklärt ihn für tot.

Was hier so als gequälte Freizeitübung gelangweilter Akteure dargeboten wird, ist ein kleiner Blutspritzer der Weltkriegstragödie. Alles ist überdimensioniert und lächerlich, die Protagonisten sind zufällig in die Bredouille gekommen, jeder hätte ein Überläufer sein können, jeder ein Standrechtshenker, alles ist zufällig und ausweglos.

Auf diese wie gespielte Hinrichtung zielt der ganze Roman ab, indem er am Beispiel des Leutnant Apostol Bologa aufzeigt, wie ausweglos Thema, Landkarte und Nationalität um die Protagonisten herumgewickelt sind. Im Spannungsfeld Österreich, Russland, Siebenbürgen, Rumänien, Ungarn wechseln die Fronten täglich, und Überläufer wird man in dieser Gegend nicht durch aktive Entscheidung, sondern durch Veränderung der Front. Du brauchst nur einen Tag zu lange in einer Gegend sein, schon bist du im Feindesland und als Überläufer hingerichtet.

Da diese läppisch einfältige Wahrheit niemand aushält, baut sich der Leutnant eine persönliche Schicksalsgeschichte hinzu, damit sein Leben wenigstens einen Grund hat, wenn es schon keinen Sinn hat, hingerichtet zu werden. Eine politisch motivierte Liebesgeschichte lässt ihn im inneren Monolog eines Expressionisten Enttäuschung, Verlobung, Löschung der Verlobung und Spontanliebe zur Tochter eines Totengräbers erleben. Im Liebesrausch packt er die Stellungsskizze seiner Batterie ein und geht durch den Wald der Gehenkten, die schaurig Tag und Nacht von den Bäumen baumeln. Er wird gestellt, als Überläufer markiert und redet sich selbst in die Schlinge, indem er sich nicht helfen lassen will. Er will ein ordentliches Schicksal in einer Welt des Desasters und wird am Schluss als Wiedergänger der Eingangssequenz hingerichtet.

Liviu Rebreanus Klassiker gilt als erster literarischer Andockversuch, womit sich die zerstäubten Helden der Habsburgmonarchie nach dem Weltkrieg auf eine Art gemeinsamer Erzählung einigen konnten. Indem der Liebeskummer als privater Kriegsgrund vorgeschoben wird, lässt sich hinter dieser Metapher die Diskussion über die Nationalismen in vagen Gedankengängen über die Fronten hinausführen. Frieden müssen andere bringen, wir können nur den Krieg, sagen die Offiziere immer wieder.

Hundert Jahre später zeigt dieser Anti-Weltkriegsroman die Schwierigkeiten, nach einem Krieg wieder zusammenzufinden in den neuen Staaten. Der Wald der Gehenkten lässt sich auf viele Gegenden der Ex-Monarchie übertragen, wo ganze Gebiete feststellen müssen, dass jemand mit ihnen einen Frontwechsel durchexerziert hat.

Was jeden höfischen Österreicher und somit Bürokraten nach wie vor besticht, ist diese schlamperte Verwaltung des Hofratswesens. Vurschrift ist Vurschrift, und eine Hinrichtung ist gar nicht so schlimm, wenn man vorher das passende Getränk zu sich nimmt. Zwischen Hinrichtern und Hingerichteten besteht kein Unterschied, sie alle haben schmutzige Beine, wenn sie im Letten des Galgens herumstehen.


Liviu Rebreanu: Der Wald der Gehenkten. Roman. A. d. Rumän. von Georg Aescht. [Orig.: Padurea Spinzuratilor, 1922]. Mit einem Nachwort von Ernest Wichner.

Wien: Zsolnay 2018. 350 Seiten. EUR 26,80. ISBN 978-3-552-05903-0.

Liviu Rebreanu, geb. 1885 in Tarlisua, starb 1944 in Valea Mare.

Helmuth Schönauer 08/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2765

Regen in Moskau

Wenn einem eine Geschichte schon Haltegriffe in Gestalt von Ortsnamen und Zeitangaben in den Beipackzettel steckt, dann sollte man diese Angaben nicht ignorieren. Diese äußeren Angaben sind kleine Guckfenster um dadurch ins Innere der Erzählung zu schauen, die unter hohem Druck steht und wie in einem Reaktor mannigfaltige historische Prozesse ablaufen lässt.

Zsuzsa Selyem beschreibt unter dem poetischen Titel „Regen in Moskau“ eine Geschichte von Zwangsmobilität, Glückssuche und Sich-zurechtfinden mit dem Faktischen. Allein schon der Erzählstandpunkt ist irritierend, neben betroffenen Aussiedlern, Wachpersonal und historischen Funktionären ist es das Ungeziefer, das erzählt. Immer wieder berichtet jemand von der Eiablage, und wie er oder sie dann von der Wand herunter sind und diesen oder jenen gestochen haben, um ihm ein wenig Blut abzusaugen.

Diese Innenwelt der Baracken und hygienisch bedenklichen Zustände ist quer über den Kontinent verteilt, dabei bilden sich Hotspots der Migration heraus. Von Amsterdam, über Hiroschima, Rumänien, Georgien bis Washington sind unter dem lapidaren Begriff „Ortsangaben“ alle Knotenpunkte und Verknüpfungszentralen angegeben. Nimmt man die Orte als Ausgangspunkt für ein Netzwerk, so zeigt sich allmählich eine weitverzweigte Verwandtschaft, wo ständig alle unterwegs sind, teils freiwillig, teils als Spielball der Politik. Und ein hell imaginierter Zustand wie Regen in Moskau kann auch ein Ort der Vernichtung sein, wenn das Regime an dieser Stelle gerade eine vernichtenden Ausbuchtung angelegt hat.

Die Erzählung ist in elf Sequenzen aufgeschnitten, die jeweils einen öffentlichen Vorgang mit einer fix verankerten Erinnerungsjahreszahl verbinden. Jagd 1947 etwa verheißt nichts Gutes, die Minister der historischen Brache nach dem Weltkrieg versammeln sich zu einer Treibjagd, bei der zwischen Mensch und Tier kein Unterschied gemacht wird. Während dieser Vorgänge auf Leben und Tod kommen auch frühere Todeserlebnisse zum Vorschein, die Familie arbeitet über Jahrzehnte mit dem Unterbewusstsein und hat ein Depot an Verdrängungen angelegt, um das alles auszuhalten. Vom Großvater wird berichtet, dass er schon 1927 mit den Faschisten in Schlagdistanz gekommen ist und die Überlebensparole ausgegeben hat: „Egal wer kann uns keinen Tritt versetzen.“ (34)

Der „Geistesterror“ 1945 macht sich als Volksgericht Luft und in dieser tödlichen Atmosphäre sind es die Fliegen die zu erzählen beginnen und sich wundern, was mit dem Menschenfleisch alles geschieht.

Aber auch bei den untertänigen Tieren ist nicht immer alles klar, „ich weiß nicht, wessen Larve ich bin“ (73) sagt jemand um 1952 herum und tröstet sich mit dem Kalenderspruch: „Jeder hat sein eigenes Drama.“

Die einzelnen Erzählbecken voller Dunkelheit, Stalinismus, Säuberung und Aussiedlung arbeiten sich allmählich an die Gegenwart heran wie eine Ansammlung von Klärbecken, die gegen die Schwerkraft aufgestellt sind. Am eisernen Tor schließlich wird um 1989 so etwas wir die neue Freiheit besungen, und als Sinnbild für die Veränderung dient ein modernes sowjetisches Atomkraftwerk, das über Nacht alt, gefährlich und zerbrechlich wird.

In der Gegenwart springt das Ich als Eichhörnchen durch den Wald und sucht Halt zwischen den Stämmen, denen allerdings nicht zu trauen ist.

Zsuzsa Selyem erzählt die Überlebensgeschichte von Helden, die zufällig ins historische Räderwerk gelangt sind und nur sporadisch daraus wieder hervorkommen. Indem alle historischen Begebenheiten aus der Sicht von Tieren, Außenseitern oder Befehlsempfängern dokumentiert sind, entsteht eine Geschichte von Zufallsmutanten, die nur durch Glück und Anpassung das jeweilige Regime durchtauchen können, zäh wie ein Insekt oder submissiv wie der sprichwörtliche Schäferhund.


Zsuzsa Selyem: Regen in Moskau. Die Geschichte einer Aussiedlung. A. d. Ungar. von Eva Zador. [Orig.: Moszkvában esik, Budapest 2016].

Wien: Nischen Verlag 2018. 113 Seiten. EUR 19,-. ISBN 978-3-9503906-6-7.

Zsusa Selyem, geb. 1967 in Tagu Mures, lebt in Cluj Napoca.

Helmuth Schönauer 18/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2752

Der Heimatdichter

Kaum ein Beruf ist intensiver, notwendiger, herzlicher und lebendiger als der des Heimatdichters. Der Heimatdichter stellt sein persönliches Empfinden in den Hintergrund und dient ausschließlich der Heimat. Oft ist seine Demut vor dem großen Ding, das sich Heimat nennt, so groß, dass er selbst dabei aus dem Bildrahmen fällt und in eine prekäre Schieflage gerät.

Erich Sündermann erzählt 1 Bildergeschichte mit konstruktivem Strich auf konstruktivem Millimeterpapier. Wo andere mit diesen Utensilien vielleicht an großen Brücken, Autobahnkleeblättern oder Freizeitparks herum zeichnen, entwirft er herzergreifende Bilderfolgen, die sich zu einer Geschichte des Heimatdichters auswachsen.

Der Heimatdichter wird allmählich zusammengezeichnet wie eine eigene Welt mit den sieben Tagen einer Schöpfungsgeschichte. Auch die Ruhepausen werden bedacht, und immer wieder tun sich Freiräume auf, worin sich das bisher Geschöpfte begutachten und für gut befinden lässt.

Die etwa 35 einzelnen Blätter werden über die Figur des Heimatdichters passgenau zu einer Geschichte zusammengefügt. Oft taucht dabei eine in Stein gehauene Sprechblase auf, worin das Wichtigste erzählt wird. So gibt es eine Erleuchtungsszene, worin der angehimmelte Dichter den inneren Monolog entdeckt. (11)

Der gefeierte Held trägt mentale Züge des Herausgebers Rudolf Lasselsberger, der in Natura die Funktion eines Heimatdichters übernommen hat. Aus Datenschutzgründen taucht er in der Heimat-Elegie als Franz auf, der allerhand Überraschungen im Alltag über sich ergehen lassen muss. Die Eisenbahn-Haltestelle wird aufgelassen, weil jetzt nur mehr schnelle Züge das Sagen haben, für Franz bedeutet das, dass er nicht einmal mehr seine Mutter in ihrer angestammten Peripherie besuchen kann. Wenn man den Dichter mit einem Sixpack in der Hand sieht, zieht er gerade los zu einer Dichterlesung. Manchmal ist Franz auch ohne Jutesackerl unterwegs und er kann dann völlig befreit durch die Stadt ziehen und dem Sound der Heimat frönen. Manchmal ist der Heimatdichter auch ganz zittrig unterwegs, was auf einen spontanen Entzug hinweist. Zittrig liest er ein Buch, dessen Titel geheim bleibt.

Aber in einem eigenen Abenteuer besucht Franz anderntags den Zeichner in seinem Atelier und lässt sich wieder glattzeichnen. Die Gebäude, Kirchen, Brunnen, Denkmäler: alles glattgezeichnet. Die Schluss-Episode lautet wörtlich: „Der Dichter Franz auf Atelierbesuch bei Freund Zeichner, reiner Wahnsinn!“ (32) Dazu springen zwei kleine, mausgroße Menschen voller Freude in die Höhe, die freilich von einem Sakralbau spielend übertroffen wird.

Die Bildgeschichte ist wie ein Wimmelbuch angelegt, bei jedem Durchlesen wird man mit zusätzlichen Bonus-Erlebnissen geküsst. So taucht überraschend der loma-Stern auf und kriegt sogar im Inhaltsverzeichnis mehrmals eine Würdigung. Das Auge Gottes auf Seite 27 ist so raffiniert angelegt, dass es dem Leser nachschaut, wenn er weiterblättert. Und die Witterung auf den einzelnen Blättern verändert sich ununterbrochen und ist doch immer millimetergenau, die Witterung ist Millimeterpapier. - Der Heimatdichter ist eine der stärksten Heimatgeschichten, die in Österreich in den letzten Jahrzehnten gezeichnet worden ist!


Erich Sündermann: Der Heimatdichter. 1 Bildergeschichte. Herausgegeben von Rudolf Lasselsberger.

Wien: loma* 2017. 37 Seiten. EUR 8,-. ISBN 195-631-0520-17.

Erich Sündermann, geb. 1952 in Ruprechtshofen, lebt in Wien.

Rudolf Lasselsberger, geb. 1956 in Schlatten 8, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 13/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2715

Mutterland

Mutterland klingt ähnlich wie Muttertag sehr kämpferisch gutmeinend und kann letztlich nur mit Sarkasmus beschrieben werden. Mutterland ist auf den ersten Blick auch das gegenderte Vaterland, das mit einem patriotischen Weichzeichner porträtiert wird.

Paul Theroux platziert um eine Über-Mutter herum eine fette Familiensaga. Insgesamt sieben Kinder sitzen wie die sieben Zwerge um die Mutter herum und stellen einen Ausschnitt von der Welt dar. Die Berufe Advokat, Lehrerin, Diplomat, Krankenpfleger, Professor und Schriftsteller sind artig vertreten, alle wirken und werken im Geiste der Mutter, um die sie regelmäßig aufgepflanzt sind. Das Lieblingskind der Mutter freilich ist Angela, sie ist schon verstorben und mit ihr kann man so herrlich schön ins Jenseits beten. Am Ende der Beliebtheitsskala steht naturgemäß der Ich-Erzähler, der als Schriftsteller nicht immer alles für bare Münze nimmt. Und außerdem legt er sich immer mit seinem Professoren-Bruder an, der in Stunden der Depression mit Lyrik herumdilettiert und schlechten Geschmack verbreitet.

Der Roman setzt mit dem Tod des Vaters ein, baut die Mutter dann zu einer prächtigen Intrigantin und Prinzessin aus und lässt sie als Hundertzweijährige sterben, gerade als die Kinder selber mit dem Sterben beginnen.

Die Familie zeigt sich als amerikanisches Konglomerat, das sich einerseits aus den eingewanderten Sippen rekonstruiert und mit einer historischen Legitimation ausstattet, andererseits ist diese Familie die berühmte politische Urzelle des Staates, worin alles entwickelt wird, was später Trump und Merkel als Mutter und Vater auf der Weltbühne ausspielen.

Die einzelnen Sequenzen verraten etwas vom kapitalistischen Familienverbund, der in der Hauptsacje Geschäfte macht und ein Imperium an Geschichten am Leben erhält, wie verlogen diese auch sein mögen.

Mutter wusste zu Lebzeiten des Vaters nie, was er dachte, weshalb er auch der Stärkere war.“ Nach dem Tod eignet sie sich diese schlitzohrige Denkweise an und lässt alle ins Leere laufen. In der Idealszene sitzt Mutter im Sessel und schickt die erwachsenen Kinder zu diversen Ärzten, nachdem sie ihnen eine Krankheit angedichtet oder implementiert hat, sie bestimmt berufliche Entscheidungen und sagt auch, wann es Zeit ist zu heiraten und am Nachwuchs zu arbeiten.

Mutters Bosheit ist aus keinem Keim erwachsen.“ (178) „Geld war Liebe. In einem Heptagramm waren die Gelder für die sieben Kinder verzeichnet. (387) „In Mutterland hörte niemand zu und nichts war neu.“ (550)

Der Erzähler kommt nicht los von dieser Bindung, selbst in den entlegensten Gegenden und in den tiefsten Romanen wird er plötzlich durch eine Kleinigkeit an das Spinnennetz erinnert, worin die Mutter sitzt und den Kids ein Leben lang die Lebensfreude aussaugt. Ihre Herrschaft geht auch im Arcadia weiter, worin Mutter die letzte Jahre verbringt. Die Besuche in diesem Altersheim sind genauso ritualisiert, wie zuerst ein halbes Jahrhundert lang in Mutterland.

Als der Held diese satte Saga heruntererzählt hat, ist ziemlich geschafft, aber nicht fertig. Man kann auch schöne Wörter um ein totes Verhältnis machen, und man kann mit synthetischen Geschichten ein Leben vorgaukeln.

Die wahre Dynamik entfaltet der Roman freilich, wenn man ihn über seinen fiktionalen Plot hinaus liest und sich etwa das Weiße Haus vorstellt, wie alle um die blonde Frisur herumsitzen und nicht frei kommen, oder um die deutsche Kanzlerin Merkl herumtanzen nach dem Motto: „Wir waren alt, Mutter war alterslos.“ (602) – Ein süffisanter Politroman, wenn man diese Leseweise zulässt.


Paul Theroux: Mutterland. Roman. A. d. Amerikan. von Theda Krohm-Linke. [Orig.: Mother Land, New York 2017.]

Hamburg: Hoffmann & Campe 2018. 652 Seiten. EUR 28,80. ISBN 978-3-455-00290-4.

Paul Theroux, geb. 1941 in Medford / Massachusetts, lebt auf Hawaii.

Helmuth Schönauer 10/09/18