Buchkultur – 10 Rezensionen 01/2010

 

 

 

Zdenka Becker: Taubenflug. Roman.

Frank MacShane: Raymond Chandler. Eine Biographie.

Manfred Chobot (Hg.): Genie & Arschloch.

Tristan Egolf: Kornwolf. Roman.

Gerd Graenz: Zahnlos. Eine fast traurige Geschichte. Roman.

Judith Gruber-Rizy: Drift. Roman.

Hans Werner Kettenbach: Das starke Geschlecht. Roman.

Andreas Renoldner: Renato. Roman.

German Sadulajew: Ich bin Tschetschene.

Waltraud Seidlhofer: Tage, Passagen.

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1802

Taubenflug

Tauben gelten als besonders treue Liebhaber, die Paare bleiben meist ein Leben lang zusammen, der raffinierte Mensch nützt dies, indem er etwa die Brieftauben vom Partner trennt, so dass der getrennte Teil wie wild durch die Gegend fliegt und dabei die Post zustellt.

Zdenka Becker erzählt in ihrem Roman „Taubenflug“ von einer solchen treuen Liebschaft. Die Erzählerin Silvia und ihr geliebter Daniel verlieren sich zwar fast ein Leben lang aus den Augen, dennoch fliegen sie am Lebensabend aufeinander zu.

In einem slowakischen Dorf geht es auch im Kommunismus manchmal recht verbohrt und kleinkapitalistisch zu, zwei alleinerziehende Mütter versuchen einen Garten der Vorfahren irgendwie neu zu erschließen, indem sie ihre Kinder verkuppeln. Das gelingt nicht, weil die Liebe oft eigene Wege geht und zudem ein pädophiler Dorfpfarrer alles verunmöglicht, was halbwegs nach unschuldiger Erotik schmeckt.

Alle züchten Tauben und lernen dabei Liebe, Treue und Selektion, die untauglichen Zuchtergebnisse werden brutal abgemurkst.

Auch zeitgeschichtlich geht es drunter und drüber, im Kommunismus mit seinen permanenten Säuberungen kann es schon einmal vorkommen, dass der Henker und der Hinzurichtende aus dem selben Dorf stammen. Und 1968 bringt dann die Bruderhilfe des Warschauer Paktes die Freiheit in der Tschechoslowakei vollends zum Erliegen. Wer kann, flüchtet, so verschwindet der Geliebte während einer Taubenzüchtermesse, die Erzählerin sucht ihn in Österreich und Amerika, aber es gibt nur ferne Spuren und Erzählungen.

Als die Mutter der Erzählerin stirbt, tauchen ein paar zurückgehaltene Briefe auf. Selbstverständlich hat der Geliebte wie verrückt geschrieben, aber die Mutter hat alles unter den Tisch gekehrt und verleugnet. So wird der Abschied von der Mutter ziemlich herb, denn die Enttäuschung ist groß. Zudem überschlagen sich am Tag der Urnenbestattung die Ereignisse, denn auch die Freundin dreht wegen der ungemäßen Erbschaft durch und kündigt jegliche Freundschaft.

Die Erzählerin ist frei, alles aus der Vergangenheit ist aufgelöst, auch die politischen Verhältnisse haben sich verändert, aus dem ehemaligen Dorf ist längst eine Vorstadt voller Plattenbauten geworden.

Da kommt es doch noch zu einem glücklichen Ende nach treuer Art der Tauben.

Zdenka Becker erzählt eine komplizierte Liebesgeschichte, worin die edlen Begriffe durch Politik und Intrige auf eine harte Probe gestellt werden. Aber so könnte es sich zugetragen haben, tausendfach zwischen Ost und West. Die Figuren sind erfunden, schreibt die Autorin im Nachsatz, aber dennoch ist alles optimistisch und wahr.

 

Zdenka Becker: Taubenflug. Roman.

Wien: Picus 2009. 206 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-3-85452-645-2.

Zdenka Becker, geb. 1951 in Eger, lebt in St. Pölten.

Helmuth Schönauer 28/12/09

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1796

Raymond Chandler

Hintennach ist es oft gar nicht so leicht, zu begründen, warum ein Schriftsteller ein Klassiker geworden ist, denn ein echter Klassiker passiert ohne Gesetzmäßigkeiten.

Raymond Chandler gilt als Klassiker der Privatdetektiv-Literatur, sein Held Philip Marlowe hat nicht nur Kultstatus sondern auch das dramaturgische Outfit einer Shakespeare-Figur.

Warum letztlich die Philip Marlowe Romane so prächtig funktionieren, liegt vielleicht daran, dass der Autor Raymond Chandler zwei Kulturen (die englische und die amerikanische) zusammengeführt hat und mit Marlowe einen verlässlichen Guide durch den gesellschaftlichen Dschungel Los Angeles kreiert hat.

In der ebenfalls mittlerweile zu einem Klassiker mutierten Chandler-Biographie erzählt Frank MacShane von der Prägung Chandlers in England, von seiner Rückkehr nach Amerika, seinem beruflichen Scheitern im Ölgeschäft und seiner mühseligen Schreibarbeit als Underdog-Autor und Kriminalschriftsteller.

Dabei wird das Bild aus möglichst vielen Zitaten und Textausschnitten zusammengesetzt. Viele dieser Stellen überfrachten die Biographie, aber zwischendurch gibt es grandiose Erkenntnisse.

„Als ich anfing, Romane zu schreiben, hatte ich den großen Nachteil, absolut kein Talent dafür zu haben. Ich konnte meine Personen nicht in ein Zimmer hineinkriegen und wieder herausholen. Sie verloren ihre Hüte und ich ebenfalls. Wenn mehr als zwei Leute in einer Szene vorkamen, konnte ich keinen von ihnen am Leben erhalten. Bis zu einem gewissen Grad versage ich da heute noch.“ (111)

Mit dem Roman „Der große Schlaf“ änderte sich diese angebliche Unbeholfenheit Chandlers schlagartig. Gerade die etwas ungelenken Auftritte Marlowes sind das einzig Verlässliche in einer aalglatten Gesellschaft, die alles mit Geld übertüncht. Das äußere glatte Ritual und die innere Zerrissenheit der Figuren, die vom Privatdetektiv meist mit der Psychologie des Brecheisens zu Tage gefördert wird, machen aus Chandler, Marlowe und dem großen Schlaf ein Konglomerat von Klassiker, auf das früher oder später jeder Leser stoßen muss.

Die Biographie MacShanes ist manchmal sehr breit gewalzt, die Sprache scheint sich an jene von Marlowe anzulehnen. Dazu kommt, dass die deutsche Übersetzung grottenschlecht und ärgerlich ist. Oft muss man sich als Leser seitenweise über völlig nichtssagende Satzkonstruktionen quälen, die offensichtlich nur eines im Sinn haben: zu zeigen, dass auch ein genialer Autor oft quälend langatmige Tage mit sich selbst bewältigen muss.

Nach der Lektüre dieser Biographie sollte man unbedingt wieder etwas Marlowe lesen, damit dieser verkalkte Eindruck von Chandler verwischt wird.

 

Frank MacShane: Raymond Chandler. Eine Biographie. A. d. Amerikan. von Christa Hotz, Alfred Probst und Wulf Teichmann.

Zürich: Diogenes 2009. 480 Seiten. EUR 22,90. ISBN 978-3-257-06708-8.

Frank MacShane, 1929-1999, studierte In Havard und Jale und promovierte 1955 in Oxford.

Raymond Chandler, geb. 1988 in Chicago, wuchs in England auf, begann 1932 zu schreiben und starb 1959 in La Jolla, Kalifornien.

Helmuth Schönauer 22/12/09

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1801

Genie & Arschloch

Es gibt die schöne These, wonach sich das Genie nach außen und das Arschloch nach innen zeigen. Zyniker meinen, bei Österreichern sei es genau umgekehrt.

Manfred Chobot hat ein Dutzend Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen, über das grandios widersprüchliche Begriffspaar Genie und Arschloch jeweils Fallbeispiele zu dokumentieren.

Quasi als kulturwissenschaftliches Fundament erläutert Wolfgang Müller-Funk die Faktenlage unter dem Aspekt: Das Arschloch des Genies, Seitenansichten über ein Phänomen im Zeitalter seiner Entzauberung. Darin wird der Begriff des Genies endlich demontiert, das sogenannte Genialische erweist sich dabei als eine werbestrategische Maßnahme, welche besonders für die Installation der Klassik und Romantik von großer Bedeutung gewesen ist.

Die Fallbeispiele sind mehr oder weniger lustig. Lustig ist vor allem, wenn die Stars demontiert werden, weniger lustig sind die Episoden für die Angehörigen und nahen Fans, so haben sich etwa rund um Pablo Picasso fast alle aufgehängt oder sonst wie gedemütigt und verzweifelt zu Tode gebracht.

Ernest Hemingway hat letztlich nur Jagd, Natur und Killen im Schädel gehabt, ehe er sich in diesen die erlösende Munition gejagt hat. Bei seinem Begräbnis war übrigens kein einziger Schriftstellerkollege anwesend, was auf einen hohen Arschlochquotienten des Verblichenen schließen lässt.

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre haben sich ein Leben lang über alle Freundinnen und Freunde lustig gemacht und sie im internen Briefwechsel vollkommen verarscht.

Karl Valentin ging in seiner blöden Misanthropie sogar so weit, einen Arier-Kollegen als Jude zu denunzieren, eine besonders perfide Art des Arschlochtums, an der vor allem Liesl Karlstadt ununterbrochen gelitten hat.

Kandinsky hat seiner Freundin die Stadt verboten, wenn seine Ehefrau zu Besuch kam.

Bert Brecht hat wohl pro Theaterstück, das er selbst geschrieben hat, eine Abtreibung bei seiner jeweiligen Freundin veranlasst, und dann sogar noch den abgetriebenen Vater gespielt.

Arno Schmidt schließlich hat so gut wie alles in seiner Biographie zusammengeflunkert, was aber die verschworene Fangemeinde, die wie alle Fan-Trupps ziemlich blind ist, weiter nicht stört. Im Gegenteil der Arschlochanteil geht bei dieser Betrachtungsweise fließend ins Genie über.

Die Licht- und Schattenseiten der berühmten Persönlichkeiten kommen in dieser Sammlung erheiternd zum Vorschein. Und als Leser lernt man, dass man bei jedem Künstler das Hinterteil anschauen soll, das ist oft genauso wichtig wie jenes Gebilde, das auf dem Hals sitzt.

 

Manfred Chobot (Hg.): Genie & Arschloch. Licht- und Schattenseiten berühmter Persönlichkeiten.

Wien: Molden 2009. 279 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-3-85485-234-6.

Manfred Chobot, geb. 1947 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 28/12/09

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1797

Kornwolf

Im Deutschland des Dreißigjährigen Krieges wurden Außenseiter, Deserteure und Flüchtlinge, die sich in den Feldern versteckten, Kornwölfe genannt. Der Begriff hat in älteren deutsch-amerikanischen Gemeinden bis heute überlebt.

Tristan Egolf beschreibt Amerika stets von den Rändern her, dort wo der amerikanische Traum längst aufgehört hat, wo die Verkehrsverbindungen an ihr Ende kommen, wo sich eine verzopfte Gedankenwelt über Jahrhunderte ungeschoren als Desaster im religiös verwirrten Kopf halten kann.

Der Roman „Kornwolf“ erzählt vom verwahrlosten Journalisten Owen, der in seine Heimatstadt Stepford zurückkehrt, um zu boxen und sensationelle Lokalberichte zu verfassen. Zur Erfolgsstory wird dabei ein Bericht über einen Werwolf, dessen Gesicht an Nixon erinnert und der im Wald von Bewegungsmeldern für streunendes Wild aufgenommen worden ist. „Es war seit Jahren der erste glatte, unbeschwerte Ritt über die Tastatur.“ (160)

Der Aufbau des Romans ist logisch explosiv. Nach einem Vorspann „Auftritt“, bei dem der Journalist und Boxer Owen, der Boxtrainer und Vietnam-Veteran Jack und der amische Outlaw Ephraim vorgestellt werden, geht es mit Boxkommandos durch den sozialen Dschungel der Provinz. Leg los (65), Bleib dran (149), Schlag zu (227), Lass sehen (311) lauten die Zurufe, die die Story explodieren lassen.

Dabei gibt es scheinbar keinen Grund, warum die Geschichte von Werwölfen, Außenseitern und mystischen Gestaltenwechslern eskaliert. Denn als Owen in die Heimatstadt zurück kommt, hat er ja nur Journalismus und Boxen im Sinn. „Nein, keine persönliche Krise, keine Steuern, kein Bankrott. Er hatte weder alle Brücken hinter sich abgebrochen noch all seine Möglichkeiten ausgeschöpft."“(68) Aber das ist der Fluch von provinziellem Journalismus, dass er einen ganzen Landstrich aufregen und kirre machen kann.

Kurzum, alle Vorurteile gegen die Amischen brechen auf, die Amischen selbst sind nicht in der Lage, mit der modernen Gesellschaft zu korrespondieren, alles endet in Misstrauen, Hetzjagd und wie im Boxen mit Niederschlag und k.o.

In einem Nachwort erzählt der Übersetzer Frank Heibert von den Lesetourneen durch Deutschland, bei denen er Tristan Egolf begleiten konnte. Natürlich überlegt er, was mit diesem Packen Egolf-Sprachdynamit noch alles gesprengt hätte werden können, wäre da nicht das Desaster des Suizides. Der Übersetzer stellt auch eine Erzähllinie zwischen „Kaltenegger“, „Luise“ und „Kornwolf“ her, alle drei Romane sind mit der Machete erzählt.

Und tatsächlich starrt der Leser jeweils auf diese kleinen Erzählrisse, die sich durch die Absätze ziehen. „Ephraim starrte schweigend zu Boden. (Hinter ihm zerfraßen Termiten die Wand.)“ (113)

 

Tristan Egolf: Kornwolf. Roman. A. d. Amerikan. und Nachwort von Frank Heibert. [Orig.: Kornwolf, New York 2006].

Frankfurt/M: Suhrkamp 2009. 430 Seiten. EUR 26,80. ISBN 978-3-518-42075-1.

Tristan Egolf, geb. 1971 in Spanien, starb 2005 in seiner Heimatstadt Lancaster / Pennsylvania.

Helmuth Schönauer 28/12/09

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1804

Zahnlos

Meist werden historische Ereignisse mit großen Armbewegungen erzählt, je weiter jemand beim Texten ausholt, umso mehr Luft wirbelt er damit auf.

In Gerd Graenz’s kleinem Roman „Zahnlos“ geht es geradezu irdisch unhistorisch zu. Der Protagonist ist noch zu DD-Zeiten im Anflug auf Ost-Berlin, als es mit dem Gebiss nicht mehr ganz hinhaut. Obwohl er sich eigentlich ein paar harmlose Urlaubstage machen will, wird er jetzt zum Getriebenen, denn irgendwo muss eine zahnärztliche Hilfe her.

Im Hotel vermittelt man ihn an eine Zahnärztin und es stellt sich bald heraus, dass sie keine Ur-Berlinerin ist. So entwickelt sich, so gut das eben während einer Zahnbehandlung möglich ist, ein erstaunliches Gespräch über Kultur, wertvolle Sätze im Zitatenschatz einzelner Systeme und über das politische Leben überhaupt.

Während der Zahn-Urlauber scheinbar belangloses „zahnloses“ Zeug erzählt, um dem System doch noch auf die Schliche zu kommen, aber nicht aufzufallen, sammeln sich gerade die ersten Protestgruppierungen, die bald einmal zum Ende der DDR führen sollen. Als zufälliger Beobachter schaut er sich vom Fenster aus den offensichtlich harmlosen Beginn einer historischen Aktion an.

„Vor dem Schlafengehen hörte er draußen auf der Straße laute Worte und leise Gesänge. Er trat zu dem großen Fenster, schob die Vorhänge zurück und sah hinunter auf die Straße Unter den Linden. […] Eine kleine Gruppe, vielleicht etwa 30 Menschen, demonstrierten. Sie hielten Plakate in der Hand und sangen ein Lied. Dazwischen riefen sie irgendwelche Worte, die er nicht verstand. Zum Schluss marschierte eine Frau mit einem kleinen Kind in der Hand. Beide stapften mutig auf der nassen Straße dahin.“ (33)

Gerd Graenz zeigt fein meisterlich, wie es für den einzelnen kaum möglich ist, mit der jeweiligen Geschichte mitzuhalten, geschweige denn einzugreifen. „Zahnlos“ ist eine durchaus markante Methode, der großen Geschichtsschreibung ein paar Tage irdischen Lebens gegenüberzustellen. Der straff gehaltene Erzähl-Stil suggeriert vollendete Tatsachen, während der Held völlig wund und verzweifelt nichts anderes im Sinn hat, als im Gebiss wieder Ordnung zu schaffen. So trivial seltsam sind oft Innenwelt und Außenwahrnehmung mit einander verbunden.

 

Gerd Graenz: Zahnlos. Eine fast traurige Geschichte. Roman.

Wien: Verlag Der Apfel 2009. 81 Seiten. EUR 16,90. ISBN 978-3-85450-023-0.

Gerd Graenz, geb. 1923, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 13/01/10

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1773

Drift

Komplizierte Vorgänge brauchen eine komplexe Darstellungsweise, und was ist als Stoff üppiger als das Leben?

Judith Gruber-Rizy hat in ihrem Roman drei Vorgänge des Lebens im Auge und daher auch in jedem Abschnitt mindestens drei erzählerische Zugänge. Einmal geht es um die Drift, ein Phänomen, wo etwas scheinbar ungesteuert irgendwohin driftet, zum anderen geht es um die Verlässlichkeit von Erinnerung, und zum dritten geht es um das wahrhaftige Schreiben.

In elf sogenannten Driften stoßen diese Überlegungen aufeinander, wobei jeweils die Protagonistin „Rosa“ alle Parts übernimmt, sie schreibt, erinnert sich und schaut mit mehr oder weniger großer Bestürzung auf jene Drift, die ihrer Biographie zugrunde liegt.

„Ursprünglich wollte ich am Beispiel eines kleinen Mädchens das Spannungsfeld beschreiben und darstellen, wie es möglich ist, dass ein Mädchen sich auf die Männerseite stellt und versucht, dem Frausein zu entrinnen.“ (120)

Schon im Namen der Protagonistin spielt spiegelt sich alles, von der Kindermädchenfarbe rosa über den rosa Himmel bis hin zur Rose der Erotik. Rosa ist ursprünglich eine quer Liegende, schon ihre Geburt ist kompliziert und auch dann liegt sie dem Frauenhaushalt meist quer im Magen. Aber plötzlich entwickelt sich alles anders, Vater hat eine Freundin, Mutter kriegt die Scheidung nicht hin und Rosa verbündet sich durchaus authentisch mit der Männerwelt.

So entwickelt sich Rosa vom Großmutter-Kind zur Vater-Tochter und endlich, im reifen Frauenalter, zur Rosa-Zeit (160) heißt es in einer spontanen Zusammenfassung einmal.

Denn der Text entwickelt sich nicht nur mit dem Leser, die Rosa-Biographie wird auch ständig ausführlich vom Freundinnen-Kreis analysiert und kommentiert.

Dabei geraten sich Tagebuchaufzeichnungen, der geplante Verlauf einer erzählstrategisch gut aufgestellten Liebesgeschichte und das Ausleuchten einer Kindheit immer wieder kreativ in die Haare und erzählen so die eigentliche Geschichte.

Denn komplexe Dinge wie das Leben müssen eben in Einschüben und mit Abbrüchen erzählt werden. „Sich an neuen Ufern festsetzen. Hingedriftet, langsam und gemächlich. Für eine Weile niederlassen, bevor erneut der Drift hingeben.“ (175) heißt es im Tagebuchstil gegen Ende des Romans, irgendwo zwischen Gegenwart und Zukunft.

Judith Gruber-Rizys Roman ist eine beeindrucke Art, wie man ein Leben zwischen Gender, Genie und großer Erwartung erzählen kann. Beeindruckend sind auch die jeweiligen Einstimmungen zu den einzelnen Driften, als Leser staunt man, was so alles auf der Welt als Drift irgendwo hin treibt. Das ist vielleicht die überraschendste Nachricht des Romans, dass wir alle „Gedriftete“ sind. – Wunderbar.

 

Judith Gruber-Rizy: Drift. Roman.

St. Wolfgang: Edition Art Science 2009. 175 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-902157-54-6.

Judith Gruber-Rizy, geb. 1952 in Gmunden, lebt in Wien und Oberösterreich.

Helmuth Schönauer 12/01/09

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1803

Das starke Geschlecht

Die Altersgeilheit geht oft seltsame Wege, am ehesten erkennt man sie daran, dass sie sich an Kleinigkeiten aufhängt.

Hans Werner Kettenbach erfindet einen geradezu minimalistischen Plot, um zu zeigen, wie das sogenannte starke Geschlecht am Ende seiner Tage noch einmal ausrastet, ehe es dann still ausgeistert.

Erzähler des Falles ist ein junger Anwalt, der sich mit alten Leuten herumschlagen muss. Der Inhaber der Kanzlei ist ein alter Mann, der aber noch allerhand Tricks drauf hat. Der Mandant ist ein erfolgreicher Ventil-Hersteller, der wegen einer Kleinigkeit noch einmal das Leben aufrollt. Und dann gibt es noch die Frau des Unternehmers, eine Malerin, die die gnadenlose Erotik jenseits der Siebziger ausspielt.

Der Erzähler muss einen ziemlich ungünstigen Fall übernehmen, der Unternehmer hat nämlich seine Ex-Geliebte gekündigt, weil sie gegen seinen Willen Urlaub genommen hat und alles mit einer Krankheit getarnt hat. Während der Anwalt ermittelt und sich für den Gerichtstermin vorbereitet, schießen allen noch einmal die Säfte in die Blutbahn.

Eine durchgehende Eifersucht zieht sich durch die Szenerie, wer ist alt, wer attraktiv, wer lässt jemanden stehen, wer zahlt eine Entschädigung? Sogar die Verlobte des Anwalts fängt zwischendurch zu spinnen an und glaubt an Intrigen der alten Herzensbrecherinnen und -brecher, als scheinbar unauffällige Schachpartien das Brett verlassen und im Bett enden.

Dabei hat der Unternehmer ausgeprägte Parkinsonsymptome, aber einmal wollte er es eben noch wissen, und von der lächerlichen Kündigung seiner Ex-Geliebten hangt schließlich sogar das ganze Leben ab. „Den germanischen Treuebegriff, den kennst du. Aber nicht das Messer, das irgendein Drecksack dir in die Brust gepflanzt hat. Unter freundlicher Mitwirkung deiner Frau. Und das sie gemeinsam jetzt umdrehen, langsam. Jeden Tag eine kleine Drehung weiter.“ (331)

Der alte Mann ist schwer verletzt, erzählt noch ein paar ungeklärte Geschichten aus seiner Kindheit, ehe er dann beim Gerichtstermin völlig durchdreht und die Verhandlung vollends zu seinen Ungunsten dreht.

Allmählich dämmert dem Erzähler, dass hier jemand noch ans große Reinemachen seiner Seele denkt, ehe dann alles in einen Vergleich endet. Pflichtgemäß stirbt dann auch der Unternehmer, vermutlich menschlich gereift, weil er doch noch dem starken Geschlecht abgeschworen hat.

Hans Werner Kettenbach erzählt in Gestalt eines Anwalts-Krimis vom unausweichlichen Altern der ehemals herrschaftlichen Herren. Die Erotik ist eine verlässliche Partnerin des Todes. Sie kommt noch einmal in voller Schwülstigkeit ans Bett, ehe sie dann doch dem Tod den Vortritt lässt. Ein reifer, langsamer aber doch furchtbar wahrer Roman, der nichts beschönigt, aber auch nichts lächerlich macht.

 

Hans Werner Kettenbach: Das starke Geschlecht. Roman.

Zürich: Diogenes 2009. 432 Seiten. EUR 22,60. ISBN 978-3-257-06688-3.

Hans Werner Kettenbach, geb. 1928, lebt in Köln.

Helmuth Schönauer 28/12/09

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1799

Renato

Im Film „Teorema“ von Pier Paolo Pasolini taucht eines Tages ein wunderschöner Mann in einer Villa auf und macht alle zuerst sexuell und später mit dem Kopf verrückt.

In Andreas Renoldners Roman „Renato“ sind zwar weniger Protagonisten beteiligt, aber der Vorgang ist etwa in ähnlich, nur dass hier zuerst die Lebenstheorie und erst sehr spät die Sexualität zum Zuge kommen.

Dabei ist der Plot völlig trivial, der Ich-Erzähler hat seine Scheidung hinter sich und fährt jetzt als Antithese zum bisherigen Familienleben zuerst nach Italien und später mit der Fähre nach Griechenland. Am Anfang ist seine Stimmung eingependelt zwischen Trivialität, „Auch alles andere ist bei mir so gekommen wie bei allen anderen.“ (8) und ästhetischer Urlaubsphilosophie, „Wie das zusammen geht, dass nichts mehr einen Wert hat und das Leben trotzdem so teuer geworden ist.“ (21)

Doch dann trifft der Erzähler jäh den lebenslustigen Renato, und dieser wirft ihn mit seiner ungestümen Art, ziemlich aus der bisher so pragmatisch angelegten Urlaubsplanung. Dabei ist das Rezept Renatos recht überzeugend: das Leben als Urlaub zu genießen, von einer Stunde auf die nächste zu denken und keine Zeitbeschreibung mehr zuzulassen außer Tag und Nacht.

Für den Erzähler wird bald einmal klar, dass es jenseits eines Lebens nach Erwartungen und straffen Mustern auch noch ein wildes Leben gibt, bei dem es durchaus zutraulich zugehen kann. Und dann reißt es den ehemaligen Familienvater selbst von den Socken: „In diesem Augenblick muss ich mich in ihn verliebt haben.“ (113) Die homoerotischen Gefühle kommen schleichend und lassen sich weder mit dem Kopf noch mit dem Bauch aufhalten.

Aber nicht nur der ehemalige Familienvater erschrickt, auch für Renato geschieht offensichtlich etwas, was ihm die Lebensfreude nimmt, wenn die Liebe so unerwartet kommt, zerstört sie vielleicht alle Beteiligten.

Mitten im Wald in Griechenland tätigt Renato dann auch den entscheidenden Handy-Anruf.

„Das heißt, du musst nach Hause?“ – „Ich bin nirgendwo zu Hause“. (203)

Unerwartet, wie die Geschichte die beiden überfallen hat, schleicht sie sich auch wieder davon, jeder der beiden verschwindet in seiner eigenen Zukunft auf Nimmerwiedersehen.

Andreas Renoldner erzählt eine raffiniert homoerotische Liebesgeschichte, in welcher die ganze Lebensphilosophie üblicher Alltagshelden auf den Kopf gestellt wird. Bei dieser Gelegenheit wird ständig gesüffelt und die Urlaubsländer werden als zum Teil ausgereizte Erlebnis-Folien karikiert. Am Schluss ist man als Leser ein bisschen traurig, dass die Geschichte schon aus ist. Aber alle Liebesgeschichten gehen offensichtlich am Schluss mit sich selbst ums Eck und verschwinden im Dunst der Erinnerung.

 

Andreas Renoldner: Renato. Roman.

Klagenfurt: Kitab 2009. 232 Seiten. EUR 15,60. ISBN 978-3-902585-37-0.

Andreas Renoldner, geb. 1957 in Linz, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 11/01/10

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1785

Ich bin Tschetschene

Üblicherweise tritt man als Leser so genannten patriotischen Formulierungen mit gemischten Gefühlen entgegen, und tatsächlich klingen sie auch seit Kennedys Berlins-Sager je nach Tagesverfassung unverfroren oder kitschig.

German Sadulajew erzählt unter der klaren Fügung „Ich bin Tschetschene“ von einer Gegend, von der wir letztlich seit Jahrhunderten fast nichts wissen. Dabei sitzt der Erzähler in St. Petersburg weit weg von einer Heimat, die aus seltsamen Ritualen, berührenden Mythen und einer völlig unerschütterlichen Regelsammlung für das Überleben besteht. In kleinen Erzählschüben kommen dabei alle jene patriotischen Partikel zum Vorschein, die in der modernen Medienwelt entweder ausgeblendet oder verstümmelt dargestellt werden.

Gleich zu Beginn wird die verwundete Erde beschrieben. So wie jeder im Krieg Ermordete mit weit aufgerissenem Körper herumliegt, ergeht es auch der Erde Tschetscheniens, sie ist aufgerissen und von Historie durchpflügt. Die Menschen fliehen aus dieser aufgewühlten Aura und werden dabei vom Krieg zerfetzt.

Der Erzähler berichtet vom Elend, das dabei über die Familien kommt. Im hohen Alter werden die Eltern vertrieben, was nicht nur Tschetschenen das Herz bricht, die Schwester kommt zu Schaden. Aber flüchtet jemand, so kommen ihm gleich Schuldgefühle, dass er letztlich die Heimat verlassen hat.

In manchen Sequenzen kommt auch das Verrückte jeder Historie zum Vorschein, vielleicht gibt es Tschetschenien gar nicht und ist in Wirklichkeit nur der Name für ein nicht beschreibares und unzähmbares Land.

Das alles geschieht seltsamerweise mit größter Poesie, aus deren Poren der wahre Schmerz in undosierbaren Portionen rinnt. Gleichzeitig wird auch erzählt, was einem Tschetschenen in Russland passiert, wenn er halbwegs selbstbewusst in der russischen Gesellschaft auftritt. Dabei erkennt man jeden Tschetschenen an seinem Gang und an seinen Gesten. Aber ein Tschetschene tritt immer so auf, als gehöre ihm die ganze Welt, auch wenn man ihn morgen schon tötet. (62)

Germann Sadulajews Tschetschenen-Epos ist politischer Kommentar, Lyrik, Patriotismus voller Melancholie und Handreichung in einem. Diesen Text verlässt kein Leser, ohne dass er nicht durch und durch erschrocken ist.

 

German Sadulajew: Ich bin Tschetschene. A. d. Russ. von Franziska Zwerg. [Orig.: Ja tschetschenez, Jekaterinenburg 2006].

Zürich: Ammann 2009. 155 Seiten. EUR 18,50. ISBN 978-3-250-60136-4.

German Sadulajew, geb. 1973 in Tschetschenien, lebt in St. Petersburg.

Helmuth Schönauer 11/01/10

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 1798

Tage, Passagen

Nach einer intensiven Reise wird das Informationsmaterial meist in einer Schachtel abgelegt und Jahre später wird alles umgestülpt und neuerlich zum Vorschein gebracht. Die wahre Ordnung einer Reise aber bestimmt stets der Reisende.

In Waltraud Seidlhofers poetischer Materialschachtel betritt vielleicht jemand ein Museum, umkreist es, geht hinein und legt sich eine Ordnung der ausgestellten Dinge zurecht. Ähnlich geht man ja auch beim Erkunden einer Stadt vor, man reist an, umkreist sie und durchschreitet sie mit aufgerissenen Augen.

„Tage, Passagen“ handelt von diesem Durch-driften der Sinnesorgane durch eine inszenierte Welt. Manches erscheint vertraut wie der Weg zur Arbeit, den man Jahrzehntelang geht, anderes wiederum erweist sich als völlig undurchschaubarer Weg, in welchen aber stets rätselhafte Hinweise eingeflochten sind.

Als Hauptstrang könnte man den Besuch eines Keramik-Museums herauslesen. Während die Augen nach Hinweisen gieren und das Hirn sich einen durchlaufenden Sinn zusammensucht, läuft dem Besucher in Kursivschrift ein schmerzhafter Arm durch die Sinne. Letzten Endes durchlebt der schmerzhafte Arm dasselbe Schicksal wie das gut aufgestellte Museum, das sich mit jeder Vitrine und jeder Beschriftung neu erschließt. Auch beim Schmerz gibt es Hoffnung, vielleicht lässt er nach, wenn man ihn nur sorgfältig genug untersucht, vielleicht aber kommt man den Ursachen dieses Schmerzes nie auf die Spur.

In täglich neuen Anläufen türmen sich vor dem Betrachter die seltsamsten Dinge auf, ein Bahnhof etwa besteht letztlich nur aus dem Schild Bahnhof, jegliche Infrastruktur ist bereits demontiert. Die Poesie eines gelesenen Reiseführers erweist sich angesichts der Realität als blind, andererseits türmen sich kleine Beobachtungs-Scherben einer alltäglichen Passage zu Bojen eines verschlüsselten Kurses auf.

Ab und zu gibt es Inserts, die das Gesehene in eine bestimmte Richtung hin deuten und einen Übergang in ein neues Segment verschaffen: „ insert / bruecke II /das foto der anbindungslos in der landschaft stehenden brueckenkonstruktion ist teil einer ausstellung, die sich mit architekturdetails befasst: ausschnitte von haeusern, fabriken, zimmer, durchgaenge.“ (100)

Waltraud Seidlhofer erzählt unbeirrt und unermüdlich, Namen und Gefühle werden scheinbar ausgeklammert, und dennoch spielen die Gefühle bis hin zum unerträglichen Schmerz eine tragende Rolle und legen eine eigene Achse durch den Text. Als Leser hat man gewiss einzelne Komponenten dieser „Seh-Wiese“ schon persönlich erlebt, aber diese dichte Universalsammlung aufgesplitteter Erkenntnisteile ist einmalig und grandios. „Tage, Passagen“ regen dazu an, mit einem neuem Sensorium frische Passagen durch die Zeit zu schlagen.

 

Waltraud Seidlhofer: Tage, Passagen.

Wien: Klever 2009. 135 Seiten. EUR 15,90. ISBN 978-3-902665-14-0.

Waltraud Seidlhofer, geb. 1939 in Linz, lebt in Thalheim bei Wels.

Helmuth Schönauer 12/01/10