Buch in Pension – Rezensionen Juni/2019


Bjarte Breiteig: Die kennen keine Trauer. Erzählungen.

Markus Deisenberger: Was in Erinnerung bleibt. Roman.

Waltraud Haas: Schlaglichter. Lyrik und Prosa.

Joachim Gunter Hammer: Die Klanglaterne. Gedichte.

Cornelius Hell: Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum.

Geovani Martins: Aus dem Schatten. Stories.

Kathrin Passig: Vielleicht ist das neu und erfreulich. Technik. Literatur. Kritik.

Sophie Reyer: Queen of the Biomacht, ehrlich. Gedichte.

Stefan Schmitzer: okzident express. falsch erinnerte lieder. Gedichte.

Christine Teichmann: Zu ebener Erde. Roman.



GEGENWARTSLITERATUR 2828

Die kennen keine Trauer

Die Menschen reagieren wie jedes Lebewesen auf die Umwelt, neben den genetisch formulierten Instinkten tragen sie freilich so etwas wie Erfahrung mit sich herum, die sie manchmal bei der Ausübung der Gegenwart mehr irritiert als dass sie hilfreich ist. In der Literatur werden solche Verwerfungen, Erinnerungsnarben und Bruchstellen sichtbar oder hörbar gemacht.

Bjarte Breiteig scannt Lebensumbrüche mit einem feinen Seismometer, er stöbert jeweils jene Haarrisse in der Biographie der Helden auf, die zu einem Umbruch oder zu einer Katastrophe geführt haben. Über den sieben Erzählungen schwebt nicht umsonst die Abwehrfloskel, „die kennen keine Trauer“. Wie in einem Western wird zuerst einmal mit großem Schweigen geantwortet, wenn die Opfer des Desasters seltsam verrenkt auf dem Set herumliegen.

In der Eingangssequenz halten sich Jugendliche an dieses Rezept, das jenseits von Gefühlen das Leben als pure Abwicklung propagiert. Der Ich-Erzähler und der Außenseiter Karsten haben sich vom Schwimmunterricht losgeeist und durchkämmen in der Nachmittagsstille das Schulgebäude, bis sie die Tür zum Keramik-Raum offen finden und diesen zu verwüsten beginnen. Alles, was als pädagogische Maßnahme ausgelegt werden könnte, wird zerstört. Die selbstgebastelten Tonarbeiten und das Inventar werden zertrümmert, selbst ein Vogelhaus wird mit der Kreissäge zerlegt, weil es zu lieblich ist. Während des Zerstörungswahns erkennt der Erzähler, wie die ganze Klasse Karsten zu einem Außenseiter gemobbt hat. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Alles ist logisch, wenn es kaputt ist. Der Erzähler ist wie von Sinnen, als er bei dieser Zerstörung mitmacht.

Am Ende seiner Karriere als Hallenarbeiter in einer Fabrik bekommt der Held eine Uhr von den Kollegen geschenkt. Er macht die letzte Schicht fertig und merkt, dass etwas nicht mehr stimmt. Er hält es für die Vorboten der Rente, als er den Reinigungsboy für sinnlos hält, wenn dieser seine Schlieren mit dem Wischer zieht. Aber es sind eindeutig Stiche dabei, im Rücken, an der Schulter, Brust. Er sieht sich schon zu Hause sitzen und das pure Messer des Alters spüren, da fällt er um, die Kollegen murmeln was von Infarkt. Er aber bleibt beim Titel der Erzählung: „Nichts passiert!“

Der Herr betet in Gethsemane“ ist so eine ferne Fügung aus den Kindertagen, mit der man ein Leben lang nichts anfangen kann. Der Ich-Erzähler kehrt in das Haus der Kindheit zurück, worin Vater gerade gestorben ist. „Das Zimmer riecht nach Schlaf.“ (31) Seine Frau sieht zum ersten Mal das Haus, das sie bisher nur aus den Erzählungen ihres Mannes gekannt hat. Dieser strolcht wahllos durch die Räume und bleibt an einer Kinderzeichnung hängen. Vor Jahrzehnten hat er sie gezeichnet, und da fällt ihm der Titel wieder ein, der Herr betet in Gethsemane.

Bis zum Abend“ handelt von einer anderen Kindheit, worin das erinnernde Ich einen lapidaren Tagesablauf beschreibt, der selbst für ein neugieriges Ich sehr langweilig werden kann, wenn der Abend nicht kommt.

Für Ronnys Hund“ ist so eine beiläufige Fügung, die im Gespräch der Arbeiter fällt, die gerade ein Soda-Schiff entladen. Die Lebensgeschichte eines Kollegen kommt dabei auf den Hund. Ronny hatte einmal einen Hund, aber seine Frau war darauf allergisch, da hat er den Hund erschossen. Hatte er wenigstens einen Namen? Nein.

Die Wäschespinne“ ist so ein belangloses Accessoire, das zum Haus gehört. Vielleicht kann der Vater wenigstens dazu was sagen, denkt sich das erzählende Ich, das ein bisschen was über das Haus, die Vergangenheit, Mama und den toten Bruder wissen will. Aber Vater sagt nicht viel, die Wäschespinne empfindet er als Ablenkung von nichts.

Stockholm“ schließlich ist eine verkorkste Liebesgeschichte, die zwischen Fake, Fernbeziehung und Online-Stand angesiedelt ist. Zu Weihnachten denkt sich einer eine Beziehung aus, die in Stockholm spielen könnte. Eine Freundin entdeckt den Bluff und schlägt vor, Weihnachten handfest und gewöhnlich zu begehen ohne Hirngespinste.

Die Erzählungen deuten zwar so etwas wie einen Plot an, an dem man mit der Fingerkuppe entlang fahren kann wie bei einem Relief, aber das wahre Fleisch der Verzweiflung dockt an diesen Plot mit kleinen Verästelungen an, die als Seitenhiebe gegen einen etwaigen Lebenssinn gedacht sind.


Bjarte Breiteig: Die kennen keine Trauer. Erzählungen. A. d. Norweg. von Bernhard Strobel. [Orig.: Surrogater, Oslo 2000].

Wien: Luftschacht 2019. 85 Seiten. EUR 16,50. ISBN 978-3-903081-32-1.

Bjarte Breiteig, geb.1974 in Kristiansand, lebt in Oslo.

Bernhard Strobel, geb.1982 in Wien, lebt in Neusiedl am See.

Helmuth Schönauer 05/05/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2188

Was in Erinnerung bleibt

So um das dreißigste Jahr herum werden in der guten alten Literatur die Helden ziemlich nervös und beginnen entweder Ingeborg Bachmann zu lesen oder sich selbst wie ein Bachmann aufzuführen.

Markus Deisenberger überschüttet seinen 35-jährigen Protagonisten mit einer Erbschaft, damit er zur Hälfte des Lebens darüber nachdenken kann, was der Sinn für die zweite Hälfte sein könnte. Denn das bisherige Leben lässt sich nur knapp für die Chronik aufarbeiten nach dem Motto: Was in Erinnerung bleibt.

Paul Fossel ist auf dem Weg nach Kreta, er hat sich aus der Anwaltsszenerie verabschiedet und tritt einmal belanglos seine Erbschaft an. Von sich selbst weiß er momentan nicht mehr viel, außer dass seine Identität etwas verschwommen ist. Bei einem Schachspiel kann er sich nicht entscheiden, ob er schwarz oder weiß nehmen soll und tendiert zu einem Grau. Obwohl ab jetzt kein Zeitdruck mehr da sein sollte, klemmt alles, der Flug verspätet sich und so bleibt genug Zeit für ein paar Getränke am Terminal-Cafe.

Ja, es ist Langeweile, die ihn umfängt. Er erinnert sich ein bisschen herum, aber es ist alles belanglos. „Pauls Generation hatte alles. Gleichzeitig nichts.“ (45) Jetzt hat er das Haus der Großmutter, weil er als Kind gerne dort gespielt hat. Aber der Zauber ist vorbei. Er wird ein wenig schreiben, denn schreiben kann nie schaden. (35)

Der Abflug soll eine Erleichterung von der eigenen Vergangenheit sein. Als Paul Fossel, den man als Leser zunehmend als Fossil liest, am Flughafen in Kreta ankommt, ist das bisherige Leben gut abgesetzt und alkoholisch ertränkt. In den erstbesten Gesprächen geht es um das Hirnwixen, und nichts ist dafür besser geeignet als eine kleine Wittgensteiniade. Wenn man schon keinen Inhalt hat, kann man immer noch über die Sprachform reden, ob sie auch trägt, die Wahrheit sagt, auch wenn es nichts zu sagen gibt. (131)

Aus den vielen belanglosen Gesprächen, die sich den ganzen Tag lang auftun, stechen jene mit dem Kneipenwirt Scott hervor. Von ihm lernt Paul die regelmäßige Abfolge der Tätigkeiten auf der Insel: Schwimmen, Essen, Trinken. (223) Mit der Zeit stellt sich heraus, dass auch die ausgefuchstesten Aussteiger nur mit Wasser kochen. Wenn man lange genug redet, kommt die Leere zum Vorschein, was in Erinnerung bleibt, ist das pure Nichts.

In Trinkpausen kriegen selbst die Aussteiger mit, dass es offensichtlich eine Außenwelt gibt, die Probleme hat. Demonstranten ziehen herum und verweisen auf das Migrationsproblem. Paul analysiert sich wieder einmal und stellt fest, dass er letztlich ein unbescholtener Anwalt auf der Flucht ist.

Am Schluss löst sich auch noch die Geheimnistuerei, die der Kneipenwirt zu später Stunde immer auf dem Programm hat, wenn die Unterhaltung stockt. Tatsächlich gibt es ein unbewohntes Eiland, auf dem Marihuana gepflanzt wird, ganz wie es der Mythos von Aussteigern verlangt. Und dann brennt es noch bei Paul. Aber das ist fast schon eine Erleichterung.

Markus Deisenberger zeigt einen ziemlich verunglückten Taugenichts, der nicht einmal imstande ist, einen romantischen Traum vor sich herzutragen. Aussteigen kann fad sein, erben sowieso, und am Meer liegen und ein bisschen herumschreiben ist die Hölle.


Markus Deisenberger: Was in Erinnerung bleibt. Roman.

Innsbruck: Edition Laurin 2019. 300 Seiten. EUR 22,90. ISBN 978-3-902866-73-8.

Markus Deisenberger, geb. 1971 in Salzburg, lebt in Salzburg und Wien.

Helmuth Schönauer 26/04/18



GEGENWARTSLITERATUR 2826

Schlaglichter

Schlaglichter sind Lichtkonstellationen, die jäh auftauchen, wenn etwa das Licht ungeplant quer über den Asphalt einer Straße läuft oder als Lichtspritzer aus einer Wasserwelle herausglitzert.

Waltraud Haas verwendet Schlaglichter, um aus einem Logbuch Formationen von Querschlägern aufzuzeichnen oder in Gedichten das Helle eines spröden Tages aufkeimen zu lassen.

Dem ersten Teil, schlicht Lyrik genannt, ist das Schreibprogramm des Beatniks Christian Loidl vorangestellt: „Wenn es ein Gedicht ist, fliegt es sowieso.“ Und tatsächlich kriegen die schwersten Sachverhalte und die bleiernsten Füße plötzlich Auftrieb, wenn sie Waltraud Hass flugfähig macht und gen Himmel bläst wie den sprichwörtlich leichten Löwenzahn. „ich bin // ein hase / mit löwenaugen / und habe / eine blume / ätsch!“ (9)

Die Vorfahren sitzen als Bauern mit Spitzhacken in den Adern, auf den Bäumen hocken die Schwestern und werfen mit Steinen um sich, das lyrische Ich brütet eingesunken vor dem Satz: „ich habe nichts.“ (15)

Das lyrische Ich ist oft in dieser obdachlosen Nachkriegszeit zu Hause, manchmal gilt es, Mehl zu ergattern, im Kornfeld eine warme Mahlzeit zu einzusammeln, oder einen Engel zu bewundern, der wieder einmal durchs Zimmer streift. „im schatten // meines schlagschattens / läßt es sich / gut träumen.“ (24)

Der Abschnitt Prosa ist mit knapp dreißig Skizzen ausgelegt, kleine Flashs aus dem Familienbereich, Notate am Schreibtisch, an dem die Texte ausgesessen werden müssen, Schnappschüsse aus dem Venedig 2018, als plötzlich die Möwen nichts mehr zu lachen haben.

Die Kindheit erscheint in der Erinnerung als stramme Einheit, worin schon mal die Lehrerin das Lineal auspackt und an den Kinderfingern erprobt, wo Gemüseduft schwer in den Schulhof hineinhängt und Hunger macht. Stramm in die Psyche fährt auch jene Szene hinein, wo die junge Frau der Mutter beim Rühren im Topf zusieht und den Satz ertragen muss: „Du hast ihn nicht geliebt, sonst wäre er nicht gegangen.“

Die Blumen der Kindheit können andererseits immer noch ganze Jahreszeiten evozieren, als noch mit der Sense gemäht wird, Glockenblumen neben der Eingangstür hängen, Teerosen vor dem Küchenfenster. Bei genauerem Erinnern sind überall Blumen versteckt. Und die Heldin wird jäh aus dem Blütenmeer gerissen, als sie auf einen Blumenverkäufer trifft, der im Straßenverkehr ums nackte Überleben kämpft.

Das Sinnieren geht schließlich in puren Alptraum über, als das Ich nachts auf der Bettkante sitzt und weint „armes Ferkele, armes Ferkele“. Die Heldin wiegt den Oberkörper vor und zurück und verflucht den Bauern, ehe es gelingt, mit geballten Fäusten aufzuwachen.

Waltraud Haas stellt sich den Schlaglichtern, die sich jäh und ungeplant über die Tage legen, gerade wenn diese unauffällig sind. Die Ahnen schreiben ihre Geschichte fort und bemächtigen sich der Schreiberin, die Vögel verwenden sie, um in den Süden zu entkommen, die Donau spuckt ein paar Wellen aus, wenn sie am Geburtsort Hainburg vorbeirinnt.

als ich / luzida / geboren werde / tritt die donau / über die ufer / und die weiden / saufen sich satt“ (8)


Waltraud Haas: Schlaglichter. Lyrik und Prosa.

Wien: Klever 2019. 124 Seiten. EUR 16,-. ISBN 978-3-903110-42-7.

Waltraud Haas, geb. 1951 in Hainburg, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 27/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2830

Die Klanglaterne

Naturwissenschaftler und insbesondere Biologen machen dieser Tage eine fachliche Katastrophe durch, stündlich sterben Tiere und Pflanzen aus und bald einmal werden sie umsatteln müssen auf Fossilienforschung, wenn die Lebewesen erledigt sind.

Joachim Gunter Hammer ist gelernter Naturkundler, aber als Lyriker hat er die Möglichkeit, in die Welt der Poesie auszuweichen und dort alles zu erschaffen, was in der realen Welt ausstirbt. Vielleicht sichert er so den Fortbestand der Erde, indem er in eine andere Sprach-Galaxie ausweicht. Logischerweise setzt auch die aktuelle Sammlung von 17- und 19-Silbern mit einem Genesis-artigen Kraftakt ein. Jäh aus dem Impressum heraus fließt ein Motto: „Wachtest als Schmetterling auf/ sahest unvorstellbar / neue Farben, wofür du / verzweifelt Wörter suchtest.“ (5)

Das ist auch das Konzept der dreizeiligen Silber, sie reagieren auf Geträumtes, Erdachtes, Erlesenes oder Verschollenes und machen einen Grundeintrag im Lexikon der Poesie. Alles, was da steht, gibt es wirklich, weil es durch Sprache erschaffen ist. Die straffe Form der 17- und 19-Silber ist eine Art Spiegelbild einer Molekularkette, mit der sich die kompliziertesten Gebilde zusammensetzen lassen als sprachliche Form von Lebewesen.

Die Zeilen schießen wie ein permanenter Logbucheintrag durch die Jahreszeiten, die einzelnen Einträge sind Kommentare, worin Farben, Lichter, Klänge und Temperaturen zusammenkommen. Da ziehen Streichquartette durch den Oktober, während in einer vergangenen Kindheit ein Lehrer dem Kind das dritte Ohr langzieht. Ein Requiem in einer fremden Sprache lässt sich im Mai nieder, später reist Franz als Schubert auf einem Hammerklavier durch den Winter.

Neben diesem musikalischen Aspekt sind es vor allem verschiedenfarbige Lampions, die als Ebenbilder von Planeten die Finsternis durchleuchten. Ganze Zyklen sind diesen Lampions in ihren Grundfarben gewidmet.

Ein drittes Element stellt die Forschung im naturwissenschaftlichen Bereich dar. Tatsächlich keimt künstliche Intelligenz auf und beherrscht auf Anhieb das poetische Metier. Systematiken machen sich selbständig und erschaffen eine Meta-Semantik, die nur ansatzweise mit den übernommenen und überkommenen Begriffen der Lyrik korreliert.

In die Orgie des Logbuchs sind Zwischentakte eingestreut, die den lyrischen Strom wie eine Peilung neu vermessen. Titel sind als lyrisch dramatische Anleitungen zu verstehen, damit man als Leser ungefähr weiß, wo man umgeht. Nächtlicher Ausflug im Reservat, Auf ins Grüne, Der blaue Kehlkopf, Krähenschrei in Violett sind sogenannte GPS-Verankerungen einer Klangwelle.

Allein über den Ausdruck „blauer Kehlkopf“ könnte man stundenlang meditieren. Ist dieser Kehlkopf vor Singen blau angelaufen, hat die Stimme einen Herzfehler, brennt im Innern des Kehlkopfs das blaue Licht der Romantik und führt alle nach Hause?

Joachim Gunter Hammers „Klanglaterne“ ist ein Unikat, das nur jemand erschaffen kann, der in mehreren Welten zu Hause ist. Aber auch einzelne Gedichte und Zyklen sind durch literarisches Zitieren und Verlinken mit Widmungen in den lyrischen Zustand der Gegenwart eingeflochten. Hannes Vyoral ist eine Textstelle gewidmet, die aus dem pannonischen Blick herausdestilliert ist, und dem Rezensenten ist „der etwas schräge Zyklus Laterna robotica gewidmet“ (187-190), der das Roboterhafte moderner Bibliothekare im Ruhestand anspricht.

Schon feiern die Roboter / ihr Herstellungsjahr, / weinen zur Musik. // Wird ein Chip in Robotern / vermeiden, was / Menschen antun Menschen? // Ich am Horizont / ein Homunculus, / der alles nur kaufen kann? // Mama robotica gibt / Milch, feucht werden auch / die Kulleraugen.“

Die Welt wird zumindest mit dem jetzigen biologischen Personal untergehen, aber es macht nichts, denn durch diese robusten Zeilen ist sie für die Unendlichkeit gerettet.


Joachim Gunter Hammer: Die Klanglaterne. Gedichte. 17-Silber und 19-Silber.

Wien: Verlagshaus Hernals 2019. 241 Seiten. EUR 24,90. ISBN 978-3-902975-77-5.

Joachim Gunter Hammer, geb. 1950 in Graz, lebt Edelstauden.

Helmuth Schönauer 29/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2829

Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum

Lesen ist eine ziemlich einsame Angelegenheit. Damit man ins Lesen kommt, muss man vor allem sich selbst über den Weg trauen, sich selbst der Welt stellen und diese dann aushalten. Groß ist daher die Lust, sich ab und zu mit anderen Lesern auszutauschen und im Idealfall davon zu lesen, wie andere das Lesen und sich selbst aushalten.

Cornelius Hell gilt als Erfinder der Litauischen Literatur. Er hat sie natürlich nicht erfunden, aber als Österreich-Lektor entdeckt, ausgegraben und übersetzt. Wenn man in der Geschichte von Gründern einer Dynastie spricht, könnte man über Cornelius Hell sagen, er hat die Dynastie der Litauen-Leser gegründet.

Seine Streifzüge durch die Literatur haben immer wieder mit Litauen zu tun, aber ihr goldener Anlass geht auf Sonntagssendungen zurück, die der Autor für den Rundfunk verfasst hat. Mit diesem Begriff ist auch geklärt, dass es sich um etwas Optimistisches, Helles, Sonntägliches in der Literatur handelt, wiewohl natürlich auch die Düsternis darin Platz hat, gerade auch wenn es um jüdische Protagonisten geht, die in Litauern immer wieder verfolgt und ausgerottet worden sind.

Autoren wie Meister Eckhart, Abraham a Santa Clara oder Johann Peter Hebel haben das Erbauliche in ihrem Programm, gerade Kalendergeschichten, Sprüche und Predigten stellen das Positive eines Lebensprogramms in den Vordergrund. Üppig ist diese Art des Erzählens früher einmal als Erbauungsliteratur bezeichnet worden.

Die dreißig Streifzüge beginnen oft mit einer unerhörten Begebenheit oder einem bemerkenswerten Satz, der auch dem Leser sofort quer durch die Knie schießt. „Abraham a Santa Clara saß auf einem Abhang.“ (27) So ein schrulliger Übungssatz für das „A“ kann nur einem Germanisten einfallen, aber sinnlose Übungen bewirken, dass daraus oft eine Meditation werden kann. Und was kann ein Literat eigentlich besseres tun, als mit sich selbst auf einem Abhang zu sitzen und das A in verschiedenen Fassungen zu artikulieren.

Ich werd in diesem Leben nicht mehr viele Rosen zu pflücken haben“, sagt hingegen Hebel ganz versonnen und denkt, dass alles auch ein Ende haben muss.

Neben diesen Sätzen und Aufhängern sind es vor allem Lesesituationen, welche die Bücher zum Leben erwecken. Als der Autor als Zivildiener in Salzburg Michail Bugalkow liest, ist es ein Leben lang um ihn geschehen. Wo immer er aus einem öffentlichen Verkehrsmittel schaut, sieht er draußen das düstere Moskau, das nicht nur den halben Kontinent, sondern auch sich selbst in mausgrauer Geiselhaft hält. Lesen ohne Lesesituation ist unmöglich, weshalb das Lesen immer auch zu einem individuellen, einmaligen Vorgang wird.

Wenn es jemanden gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es bestimmt Gott.“ (113) So eine Erkenntnis des E.M. Cioran, der seine Vornamen bis in seine Abkürzung hinein gehasst hat, bringt den selbst Orgelspielenden Autor auf die Erinnerungspalme.

Aber die euphorisierenden Stellen der Literatur werden oft dünn gehalten, um auch die Kritik durchschimmer n zu lassen. So ist Max Frisch mit seinem Tagebuch letztlich die pure Werbemasche eines zutiefst verunsicherten und dadurch zu einem großen Namen aufgeblasenen Schweizer Autors, der im kalten Krieg als neutraler Identitätssucher letztlich bei der eigenen Eitelkeit gelandet ist.

Auch bei Gertrud Fussenegger schimmert das Herrische durch, das der Sudetendeutschen von klein auf eingeimpft ist und in der Nazizeit zu einem großen Gestus ausgebaut wird. Dass der Autor mit der Beantwortung eines späten Briefes bis zu ihrem Tod gewartet hat, ist irgendwie gerecht.

Eine ähnlich durchschimmernde Grundierung zeigt sich auch bei Christine Busta, deren Nachlass wie selbstverständlich im Brenner Archiv liegt. Die Korrespondenz zu ihrem Mann, einem ausgewachsenen Nazi, verdüstert so manches Gedicht.

Von Thomas Bernhard sind seltsamerweise die Psalmen angesprochen, nicht nur weil sie für den Sonntag am geeignetsten sind, sondern weil vielleicht in den Psalmen die eigentliche Unsterblichkeit der raunzenden Thomas-Bernhard-Poesie steckt.

Und den Höhepunkt des Zitierens eines Lebenswerkes in einem Satz stellt Elfriede Gerstl mit einem Kriegsende-Gedicht zur Verfügung. „April 1945 // a bissal gfiacht / a bissal gfreit / hauptsach aus kölla / aussegräud“. (227)

Cornelius Hell zeigt zurückgenommen, wie die Bücher untereinander sprechen, wenn sie von einem Individuum hintereinander gelesen werden. In den Streifzügen steckt die Weisheit aller Rezensenten: In der Literatur geht niemand verloren! Ein paar vom Rand der Aufmerksamkeit hat Cornelius Hell einen Sonntag lang in den Mittelpunkt des Interesses geholt.


Cornelius Hell: Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum. Streifzüge durch die Literatur von Meister Eckhart bis Elfriede Gerstl.

Wien: Sonderzahl 2019. 230 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-85449-523-9.

Cornelius Hell, geb. 1956 in Salzburg, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 07/05/19



GEGENWARTSLITERATUR 2825

Aus dem Schatten

Manche Erzählungen liest man eindeutig wegen des Stoffes, den sie versprechen, und weniger, weil man sich mit einer neuen Erzähltheorie auseinandersetzen will.

Bei Geovani Martins kommen jedoch beide Komponenten zusammen. Die Sammlung „Aus dem Schatten“ handelt von dreizehn Ereignissen, die in einer Favela geschehen. Aus dem Schatten ist auch gleichzeitig das Konzept, diese Fälle sollen aus dem Schatten heraustreten. Schatten ist überhaupt der Kosmos, der die Favela umgibt. Das ganze Gebiet liegt außerhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmung, ab und zu kommt Polizei von außen und durchkämmt die Siedlung, teilweise mit tödlichem Erfolg. Landebahn für Gefühle mit der Außenwelt ist der Strand, auf dem sich Touristen, Weiße und Außenseiter in die Quere kommen, obwohl zeitlich und räumlich die einzelnen Sandfelder recht genau abgesteckt sind.

Held ist jeweils ein Ich-Erzähler, der vor allem zwei Ziele hat: zu überleben und den neuen Tag mit Lebenslust anzuwerfen. Obwohl die Episoden zur Kindheitszeit, Schule oder Pubertät spielen, sind sie immer gleich erwachsen und todernst, in diesem Milieu gibt es nur Erwachsensein oder tot sein.

Die Titel der Erzählungen verraten etwas von der Dramaturgie des Überlebens. Kleine Runde, Spirale, russisches Roulette, der Trip, durch die Favela. Wie beim höchsten Theater geht es nicht so sehr um die Handlung, sondern um den großen Chor, der im Innern des Helden groovt.

Es geht schon damit los, wie man das Geld für eine Busfahrt zusammenkriegt. Und wenn man halbwegs legal unterwegs ist, wird man von der Streife abgeführt, denn die nehmen alle mit, die kein Geld haben oder zu viel, weil sie mit Drogen unterwegs sind.

In den Gassen der Siedlung belauern sich die Typen gegenseitig, zuerst als Schatten, später mit gezogenen Waffen. Oft stellt sich erst nach dem Schusswechsel heraus, wer die Guten oder Bösen sind.

Als Schüler nimmt das erzählende Ich einmal die Waffe des Vaters mit in die Schule, um dort ein Mann zu sein. Am Nachmittag kommt der Vater verfrüht heim, und jetzt gilt es, die Waffe wieder zu deponieren, ohne dass es Vater merkt. Das ist russisches Roulett, es geht schließlich um Vater oder Tod!

In der brutalen Welt gibt es Kleinodien, die wahrscheinlich noch brutaler sind als das Leben in der Favela. Ein Schmetterling fällt von der Wand in das heiße Öl der Großmutter und wird frittiert.

In der Schule wird in allen Facetten gemobbt, das führt bis zur sexuellen Entwürdigung. Der Satz „Mädchen auf die Toilette“ gilt als Aufforderung, in der Pause seinen Mann zu stellen und irgendwelche Initiationsriten an Mädchen zu vollziehen.

Selbst in einer Welt voller Graffiti ist jeder Sprayer in Lebensgefahr, denn er sprüht entweder was Falsches oder an einem falschen Ort. Der Held nimmt spontan die Schuld auf sich, ein Sprayer zu sein, um einen anderen zu retten, der gerade ein Kind gekriegt hat.

Ein Trip gelingt selten, wenn man ungeduldig ist. Oft werfen die Kids spontan andere Sachen nach, wenn das LSD auf Löschpapier nicht schnell genug wirkt. Und dann gibt es Herzrasen, das stracks auf den Friedhof führt.

Zwischendurch ergeben sich seltsame Fragen. Angesichts eines Blinden, der seit Geburt halbwegs unbeschädigt durch die Hölle geht, tut sich die Überlegung auf, ob man eigentlich blind sein muss, um das alles auszuhalten.

In der abschließenden Erzählung durch die Favela wird eine Leiche von einem Ende zum anderen transportiert. Obwohl alles wie Slapstick wirkt, ist diese groteske Form des Transports für alle Beteiligten eine hundsgewöhnliche Angelegenheit

Brutale Geschichten kann man naturgemäß nicht grandios nennen, aber den eigenen Slang, die eigentliche Hierarchie und das letzte Ziel von der Favela auf eine konsumorientierte literarische Welt nach außen zu beamen, diese Erzählform ist grandios.


Geovani Martins: Aus dem Schatten. Stories. A. d. bras. Portug. von Nicolai von Schweder-Schreiner. [Orig.: O sol na cabeca, Sao Paulo 2018].

Berlin: Suhrkamp 2019. 125 Seiten. EUR 18,50. ISBN 978-3-518-42858-0.

Geovani Martins, geb. 1991 in Rio de Janeiro, lebt in der Favela Vidigal.

Helmuth Schönauer 24/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2831

Vielleicht ist das neu und erfreulich

An allen Germanistik-Instituten des Kontinents werden Tag und Nacht Poetikvorlesungen abgehalten, meist über Stefan Zweig. Mit diesem permanentes Abtasten zwischen den akademischen Hermetikern und der weitschweifigen Poesie sollen offenbar germanistische Arbeitsplätze gesichert werden, aber die meisten dieser Umtriebe bleiben etwa so interessant wie der Umlauf einer Straßenbahn auf einer heruntergekommenen Vorortelinie.

Nicht so bei Karthrin Passig. Seit ihrem fulminanten Vorlesungsstart mit einem Bild über ein Eichhörnchen, das eine Nuss in einem Hundefell verstecken möchte, gilt sie als die Eichhörnchen-Poetin. Dieser seltsame Vergleich löst einen unvergesslichen Wissenszuwachs aus. In Wirklichkeit ist nämlich das Eichhörnchen eine Autorin, die den Nuss-Text im Internet-Fell verstecken möchte.

Mit dieser schrägen Versuchsanordnung ist das Dilemma angesprochen, dass seit Jahrhunderten eine Schieflage zwischen Literaturform und Literaturmöglichkeit herrscht. Die Literatur ist generell etwas Konservatives und es braucht mindestens zwanzig Jahre, bis ein Phänomen der Gesellschaft vom Literaturbetrieb aufgegriffen wird. So ist der Titel der Vorlesung versöhnlich gedacht: „Vielleicht ist das neu und erfreulich.“

Die Autorin entwickelt ihre Thesen aus einem eigenen Germanistikstudium, bei dem ihr bloß in Erinnerung geblieben ist, dass es für die Rezeption eines Textes Wurst ist, in welcher Verfassung er geschrieben worden ist. Eine weitere Quelle ist der technische Ablauf des eigenen Schreibens, die E-books und E-writings des vorigen Jahrhunderts wirken zwar abenteuerlich, aber sie haben sich immerhin dem Tagesgeschäft gestellt. Die Literatur hingegen zelebriert immer noch Formen des 19. Jahrhunderts, was anlässlich einer Preisverleihung an den gefeierten US-Autor Jonathan Franzen gezeigt wird. Dieser zieht bei seinem Dankesvortrag so ziemlich alle antiquierten Register, um die Uralt-Jury nicht alt aussehen zu lassen. Generell kommt die Autorin am Ende dieses Eichhörnchen-Kapitels zur Auffassung, dass das Neue kaum erkennbar ist, und wenn es jemand sieht, schließt er es sofort aus, wie etwa die Idee mit dem Self-Publishing.

Im Mittelteil geht es um das Verhältnis Schreiben und Maschine. Es wird die berühmte Markow-Kette vorgestellt, die der Frage nachgeht, ob man mit Schlüsselwörtern dem Schreibstil diverser Autoren auf die Schliche kommen könnte. Die Autorin stellt dabei ihre eigenen Projekte im Netz vor, wobei sie mit Zufallsgenerator und Spielanleitungen arbeitet. Die Literatur verdankt den Gamern und Game-Entwicklern unendlich viel, ohne diese zu würdigen. Fallbeispiele der lustigen Art lockern diese finstere Germanistenmaterie auf. Etwa das Experiment von Schmatz und Czernin, durch spielerische Fälschung die gesamte Lyrik-Kaste vom Podest zu stürzen.Oder auch ein Gedicht über den Tod, das aus lauter Buchtiteln über Suizid besteht. Im „Gomringador“ schließlich werden Twitter-ähnlich ziemlich belanglose lyrische Schlagzeilen verfasst. Während das Spielerische bei der Nachäffung von Literatur noch nicht ganz zum Zuge kommt, erweist es sich in Übersetzungsmaschinen als sehr überzeugend. Die modernen Übersetzungsprogramme sind so verspielt, dass sie wie ein Kätzchen oder Kind mit jeder Zeile etwas dazulernen.

Das dritte Kapitel macht sich Gedanken über das „Papierbuch“, das ständig neue Ablehnungen und Liebkosungen auslöst. Ein Papierbuch lässt sich am ehesten mit der Ausgrabung von Troja vergleichen, in jedem Buch liegt eine Stadt in neun Schichten zwischen den Seiten. Rund um das Buch hat sich eine Kultur des Kaufens, Sammelns und Verdrängens entwickelt, dabei geht es nie um das Lesen der Bücher, sondern um das Handling dieser Papierprodukte. Im Japanischen bedeutet der Ausdruck Tsundoku, dass man Bücher kauft, um sie zu Hause auf den Stapel der ungelesenen Werke zu legen.

Bücher dürften einen seltsamen Charme haben, denn auch die größten Digital-Freaks drucken bei Veranstaltungen manchmal etwas auf Papier aus, damit sich die Anwesenden die Gedanken leichter vorstellen können. Kathrin Passig schließt mit dem Versprechen, dass sie die wirklich wertvollen Projekte in Zukunft als haptisches Ereignis ausdrucken wird. Dieses Anliegen ist verständlich, wenn man das Quellenverzeichnis liest, das aus lauter Links besteht. Keine Sau wird diese Quellen anzapfen, zu groß ist die Kluft zwischen dem gedruckten Text und den angefügten Links, die vermutlich großteils ins Leere führen. So gesehen hat das Papierbuch eine ziemlich große Halbwertszeit.

Die Vorlesung kann man durchaus als Kritik des bestehenden Germanistikbetriebs lesen, bei dem oft nicht klar ist, ob die angeschlossenen Literaturhäuser als Innenraum einer großen Kiste oder als überdimensionale Vitrine wahrzunehmen sind.


Kathrin Passig: Vielleicht ist das neu und erfreulich. Technik. Literatur. Kritik. (= Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens. Band 2).

Graz: Droschl 2019. 116 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99059-029-4.

Kathrin Passig, geb. 1970 in Deggendorf, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 10/05/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2189

Queen of the Biomacht, ehrlich

Im Feuilleton regiert in diesem Frühjahr eine Frau mit Seepferdchen-Blick. Es handelt sich dabei um Sophie Reyers neues Markenzeichen, das mit nebulösem Seh-Gestus aus der Presse heraus am Leser vorbeischaut, als ob dieser völlig wertlos sei. Aber im Hintergrund sei etwas, da könnte man sofort ein Buch machen darüber, sagt dieser Blick.

Sophie Reyer hat jetzt gleichzeitig fünf Bücher auf den Markt geworfen. Man wendet sich ab, wie es ein Fußball-Schiedsrichter tut, bei dem eine Mannschaft mit dreizehn Spielern aufläuft. Man wird dieses Match vorläufig nicht anpfeifen. Erst allmählich, wenn ein paar überzählige Bücher vom Schreibtisch gegangen sind, kann man sich der „Queen of the Biomacht, ehrlich“ widmen.

Da bei Sophie Reyer alles belangloses Spiel ist, wie sie in ihren Statements immer betont, kann man ihre Gedichte auch belanglos spielerisch lesen. Es geht darum, dass der inszenierte Literaturbetrieb in zusammengeschnittenen Lyrik-Zeilen vorbeizieht, ohne vorerst Spuren zu hinterlassen. Der Aufzug des Vorhangs ist das Thema, nicht der dadurch gesteuerte Auftritt des Lichts.

Da in dieser Inszenierung nichts mehr glaubwürdig wirkt, ist bereits dem Titel die Floskel „ehrlich“ beigefügt, wie es frisch Ertappte der Behörde anzeigen, „ich habe die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht gesehen, ehrlich!“ Bei Sofie Reyer taucht die Queen of the Biomacht auf, das „ehrlich“ soll darauf hinweisen, dass es wirklich so ist. Diese Biomacht ist eine Art Künstliche Intelligenz der Biologie, ein zum Roboter mutierter Schöpfer, der allerhand Befehle für die Steuerung gibt. Trivial gesprochen sind es auch die kleinen Helferlein, die schon mal über eine Nachmittagsdepression helfen.

Wie in einer Programmiersprache setzen die Gedichte mit einem isolierten Doppelpunkt ein, der Nichtvorhandenes mit Vorhandenem induziert oder in einem nicht vorhandenen Raum ein Gedicht installiert. Dieses Gedicht hat dann ab und zu ein Programm, das aus der Überschrift hervorgeht, etwa Utopie, Suchbewegung, Erinnerungen, Delirium. Es kann aber alles zu einem Tweet zusammengeschmolzen sein, wenn es etwa heißt: „seit du // übe ich wieder / leben“ (19)

Die Leserschaft ist eingeladen, die Leerstellen aufzufüllen mit einem persönlichen Sinn. Diese lyrischen Gerüste sind ein bewusst gesetzter Akt, nicht alles von der Autorin zu erwarten. Im Sinne einer Übungsanleitung sollen die lyrischen Akzente mit eigener Atmosphäre ausgefüllt werden, wenn möglich nach Art von multiple choice.

Selten gebrauchte Wörter werden plötzlich übertrieben oft eingesetzt, um einen didaktischen Akzent zu setzen, seht her, was man mit einem Wort wie „Schläfe“ alles machen kann. Tatsächlich taucht die Schläfe als weiße Schneebehaarung auf oder als Übergangsphase von Wachsein zu Schlaf. Die Schläfe fungiert sozusagen als Smiley des Schlafes.

Nicht nur die Psychen liegen mit ihren Nerven blank und müssen mit Beruhigungstherapien sediert werden (Puzzles statt Iphones!) (51), auch die Botanik hat sich genetisch neu aufgeladen und fragmentiert, die Bäume reißen sich plötzlich selber aus.

Eine anvisierte lyrische Seele kriegt plötzlich ein Burnout und ihr Auge fängt plötzlich zu kreiseln an, bis alles in einer vollkommenen Abwehrhaltung erstarrt: No! Im Gebirge sind sie dann zum Fürchten nah, diese Todesübergänge, die wie absturzreife Seilschaften in die Hänge geschmiedet sind. Und selbst der Regenbogen hat nichts Stabiles, wiewohl er als eine Art Rettungsgurt am Firmament hängt. Das letzte Gedicht taucht auf, das letzte Wort, „und“.

In einem Würdigungsnachspann sind vier Meister eines Lebenssinnes aus dem17. Jahrhundert angeführt: Friedrich von Logau, Johannes Rist, Hans Sachs, Philipp von Zesen.

Ob in dreihundert Jahren jemand Sophie Reyer zitieren wird? Vielleicht ja, weil die Gedichte recht gut das Grobporige angeschlagener Psychen aus den 2020ern dokumentieren könnten.


Sophie Reyer: Queen of the Biomacht, ehrlich. Gedichte.

Innsbruck: Limbus 2019. 94 Seiten. EUR 13,-. ISBN 978-3-99039-144-0.

Sophie Reyer, geb. 1984 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 02/05/19



GEGENWARTSLITERATUR 2823

okzident express

In der Mathematik spricht man von Ableitungen, wenn eine Gleichung durch eine Operation verdichtet, verdünnt oder falsifiziert werden muss. In der Literatur ist bei einer Ableitung der ursprüngliche Satz noch erkennbar, aber bereits durch das Zitieren hat er seine Explosionskraft neu aufgeladen.

Stefan Schmitzer lässt in seinem „okzident express“ falsch erinnerte Lieder im Gehör der Leserschaft anklingen in der Hoffnung, dass daraus vielleicht ein falscher Ohrwurm wird. Wie bei einem Tinnitus könnte man dann das störende Geräusch der Erinnerung mit einem falschen zum Verstummen bringen.

Bereits der Titel ist so eine Überlagerung. Während in der Stoffgeschichte ständig vom Orient-Express und seinen üppigen Verfilmungen die Rede ist, ist der Okzident-Express ein Tabu, weil hier die Menschen in der falschen Richtung unterwegs sind. Außerdem lässt es sich nur schwer filmisch darstellen, wie auf dem Weg nach dem Okzident die Menschen der Reihe nach in Schlauchbooten und an Grenzzäunen verglühen.

In acht Kapiteln und einer Einschwingung, die unter Null fungiert, wird die Lage des Kontinents anhand von griffigen Parolen, aufwühlenden Liedern und grotesken Balladen aufgerollt. „Wir werden irgendwas machen müssen“, heißt es gleich zu Beginn, „wir werden in unsere Träume ein Bleigewicht zaubern müssen.“

Tatsächlich wiegt überall der Sachverhalt schwer, während die Parolen leicht dahinplätschern. Etwas Blei ist da eine gute Idee, freilich wird diese falsch verstanden und das Blei kommt wie immer aus Gewehren.

Die einzelnen Anlegestellen für Parolen und Zitate sind nach diversen Methoden der Interpretation ausgelegt. Idylle, Tiger Mountain Flachdach, Rambo III oder Herzi Herzi Eigentum lassen eine Ur-Dramaturgie erkennen, die zwischen einem Soldatenwestern, einer Alpinschnulze oder einem griffigen Love-Song herauswuchert. Die Originaltextur wird dabei ähnlich schnell hinter sich gelassen wie etwa der Spargel durch seine Frühjahrsfolie schießt. Die Dramaturgie verfestigt sich zu einem kräftigen Bild, wenn beispielsweise eine Georgierin sich aus Stalin heraus weiterentwickelt und auf der Planierraupe der Zeitgeschichte Platz nimmt.

Die Revolutionäre treten in diesem Projekt als Parolenschmiede auf den Plan, Peter Rümkorff, Rolf Dieter Brinkmann oder Andreas Gabalier nehmen als Headline in den Köpfen des Publikums Platz und bestrahlen es mit Sätzen maßloser Halbwertszeit.

Ab und zu treten Helden der Peripherie in Erscheinung und verformen die Welt vom Rand her. Zwei Geckos etwa unterhalten sich in L.A. über den Lauf der Welt und verändern ihn dadurch nachweislich.

Unter dem allumfassenden Begriff Klimawandel verdorren ehemals fruchtige Schnulzen-Zeilen und verpuffen, ohne sich je einen neuen Sinn übergestülpt zu haben. Ein großer Austausch findet statt, zuerst als harmlose Wortfügung, später als Ideologie von politisch radikalisierten Truppen. Da wird selbst die romantische Anrufung alter Kampflieder zu einem Flurschaden, „sag mir wo die Blumen sind“.

Wenn alle verunsichert sind und die Lieder keine Geschmeidigkeit mehr haben für das Schmalz des Alltags, fragt jemand in die Zukunft hinein: sag, was hörst du zwischen den Kriegen?

Stefan Schmitzer stellt die Zeitgeschichte als kulturelle Satzausfransungen dar. Einem wuchtigen Originalzitat, wie wir es immer gehört und gelesen haben, stehen plötzlich Erosionen der Glaubwürdigkeit gegenüber. Wir können nichts mehr für unverrückbar nehmen, die Lieblingssätze zerbröseln uns unter der Hand.

Ländersterben / Landstrichwegschwimmen / Landstrichaustrocknen / großer Austausch // Einatmen Ausatmen“ (53)


Stefan Schmitzer: okzident express. falsch erinnerte lieder.

Graz: Droschl 2019. 69 Seiten. EUR 16,-. ISBN 978-3-99059-028-7.

Stefan Schmitzer, geb. 1979 in Graz, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 21/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2827

Zu ebener Erde

Gerüchtehalber hat der Beruf der Eltern einen kräftigen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder. Als schwer angeschlagen gelten dabei Kids, die von Pädagoginnen und -gogen abstammen. Aber auch genetische Reproduktionen von Theatermenschen scheinen ziemlich defekt zu sein, wenn man dem Roman „Zu ebener Erde“ Glauben schenkt.

Christine Teichmann erdet ihre Helden mit einem halben Nestroy-Stück, der erste Stock der „Local-Posse“ entfällt. Der Ich-Erzähler Gabriel, schicksalshaft Gabi genannt, lebt mit seiner jüngeren Schwester Ida und den Theatereltern ein unauffälliges Leben, sieht man davon ab, dass alles theatralisch ist. So dreht sich alles um die Auftritte der Eltern, ihre Tourneen und Durchbrüche, der Haushalt läuft sehr schlicht als lästiges Ereignis ab. „Wir Sängerinnen sind nicht geeignet für Hausarbeit.“ (178) Statt Kinderbüchern gibt es Opernrollen und Exzerpte wichtiger Stücke. Ehrensache, dass an manchen Abenden stundenlang über Nestroy diskutiert wird.

Die Geschwister sind viel allein und rücken immer enger zusammen, sie entdecken ihren unterschiedlichen Körperbau und nehmen nach der Pubertät auch die Genitalien in Betrieb, indem sie „es tun“. Es entwickelt sich ein inzestuöses Verhältnis, das die beiden aber als besonderes Theaterstück empfinden.

Eines Tages entdecken die beiden, dass Mutter schon ein paar Jahre lang nicht mehr aufgetaucht ist. Lange hat man ihr Verschwinden für ein ausgiebiges Engagement an einer fernen Bühne gedeutet. Und als später Vater stirbt, ändert es kaum etwas im Lebenslauf der Hinterbliebenen, denn auch seine Auftritte waren immer Theater und jetzt scheint er eben eine stumme Rolle zu haben. Der Notar verkündet den Kindern: Ihr seid mittellos aber schuldenfrei.

In einer zur Sexualität etwas tiefer gelegten Arbeitswelt wird Gabriel auch am Arbeitsmarkt geschlechtsreif. Er besucht eine Tourismusschule und macht ein Praxismonat an einem miesen Kärntner Seehotel, wiewohl eine Schnupperlehre in Tirol, wo am Abend Moretti im Hotel auftritt, als das Nonplusultra gilt.

In der Einsamkeit der Kärntner Szenerie arbeitet Gabi an seiner sexuellen Zukunft. Da er vielleicht schwul ist, obwohl er immer noch auf seine Schwester steht, kümmert er sich um das Zusammenspiel zwischen Körpersäften, Geschlechtsorganen und Identitätsstiftenden Genitalaktionen. Über einen Arzt gelangt er schließlich an eine Hormonklinik, die allerhand Umbauten an der Sexualität vornehmen kann. Bei Recherchen stellt sich heraus, dass sich auch die Mutter vor Jahren umoperieren hat lassen und nicht verschwunden ist, sondern als Herr Karl, der gute Kerl der Familie fungiert. Im echten Theater wird so gut gespielt, dass nicht einmal die Angehörigen merken, welches Stück gerade gegeben wird.

Vielleicht hatte ich auch nur eine Wahrheit gefunden, die immer schon da war und die ich einfach nicht sehen wollte.“ (212)

Christine Teichmanns Roman ist atemberaubend grotesk, als Leser fiebert man mit den Helden mit und man wäre auch zu einer Geschlechtsumwandlung bereit, wenn es die Dramaturgie verlangte. Hinter dem „lustigen“ Teil dieser überdrehten Familiengeschichte steckt auch ein befreiender Umgang mit den geschlechtsspezifischen Rollen, den Zufälligkeiten bei der Rollenverteilung und dem ewig-gültigen Schnitzler‘schen Diktum: Wir spielen alle, wer es weiß, ist klug.


Christine Teichmann: Zu ebener Erde. Roman.

Graz: Keiper 2019. 213 Seiten. EUR 22,50. ISBN 978-3-903144-73-6.

Christine Teichmann, geb. 1964 in Wien, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 30/04/19




Buch in Pension – Rezensionen Mai/2019


Volker Braun: Handstreiche.

Paul Divjak: Dardanella. Roman.

Petra Ganglbauer: Gefeuerte Sätze. Gedichte.

Cornelius Granig: Darknet. Die Welt im Schatten der Computerkriminalität.

Kilic / Widhalm: Meistens sind wir einfach soso lalala. Verwicklungsroman elfter Teil.

Robert Kleindienst: Zeit der Häutung. Roman.

Cvetka Lipus: Komm, schnüren wir die Knochen. Gedichte.

Wolfgang Pollanz: Das Züchten von Kakteen inmitten einer üppigen Landschaft.

Christian Steinbacher: Wovon denn bitte? Gedichte und Risse.

Jáchym Topol: Ein empfindsamer Mensch. Roman.



GEGENWARTSLITERATUR 2820

Handstreiche

Jeder Revolutionär träumt davon, dass er etwas in einem Handstreich nehmen könnte. Kluge Revolutionäre wissen zudem, dass die wahre Revolution immer auf dem Papier stattfindet.

Volker Braun ist ein altgedienter Schreibrevolutionär. Im Spätwerk hat er die Absätze zu Sätzen eingedickt, die Reisen zu Spaziergängen, die Bibliothek zum Überlebensregal. Zum achtzigsten Geburtstag sind die wesentlichen Sätze aus den Triennien 2005-2007 und 2015-2017 zusammengebunden worden zu einem Jubiläumsband, der könnte unter dem Motto einer eingelegten Kinderskizze stehen, die mit Kreide auf den Gehsteig geschrieben ist: Hier lang!

Der vordere Abschnitt nennt sich „aus der Werkzeugtasche“. Dabei steht ein gewisser Flick im Hintergrund, der ähnlich wie der Herr Keuner von Bert Brecht mit griffigen Sätzen herumgeht, um einen aus dem Ruder gelaufenen Sachverhalt zu reparieren. Die Dinge werden dabei nicht verändert, sondern repariert. „Man kann es sich nicht aussuchen, aber man kann sich etwas herausnehmen.“ (119)

Diese eingekochten Sätze brauchen keine umständliche Fabel, sie bringen die Moral auch ohne Helden und ohne Ambiente auf den Punkt. Manchmal genügt ein markantes Schlagwort wie „Ötzi“, und es ist ohnehin ein ganzer Roman evoziert. „Ötzi, der Gletschermann, muss ab und zu aufgetaut werden, gereinigt, bevor er wieder vereist wird in seine Bedingungen; das sieht mir ähnlich.“ (25)

Viele Reflexionen haben mit dem schleichenden Verfall des Körpers zu tun, dieser muss immer öfter repariert werden. Und nicht immer hilft die Flick‘sche Methode mit dem Werkzeugkasten, ständig muss die Medizin ran. „Vielleicht sollte er auf die alten Tage dazu übergehen, nur eine Sache zu tun und nicht zwei oder drei nebeneinander; weil die Zeit knapp wird.“ (39)

Als Zwischenablage vor dem zweiten Abschnitt ist Partikel-Prosa eingestreut, worin ausgefuchste Alpträume ein poetisches Ich bedrängen, mit dem Aufwachen zu warten. Unter der geographischen Verortung an der Leidsestraat schwimmt eine ungeheure Flut durch den Stadtteil, halb ist es eine Historie, halb ein Traum. Bei einem apokalyptischen Abendmahl sitzen die skurrilsten Personen inklusive Stalin beieinander, und zwingen das Ich, irgendwie nackt eine Eröffnungsrede zu halten. Wie grotesk das alles ist, sagt am besten diese wunderschöne Fügung, wonach „eine Sängerin ariniert“. Die Arie klingt dementsprechend unverschämt.

Der zweite Abschnitt ist überschrieben mit „Ausschreitungen auf dem Papier.“ Auch hier ist wieder ein Flick mit seinem Reparaturkasten zugange. Das zurückgezogen kämpfende Ich ist in den letzten zehn Jahren noch eine Spur abgeklärter geworden. „Ich lasse das Chaos arbeiten.“ (57)

Seltsame Fragen tun sich auf, etwa ob die Amseln berufstätig sind, weil sie immer mehr zurückgedrängt werden und nur mehr zu bestimmten Bürozeiten singen dürfen. Ein paar Mal wird auch Kafka wie eine Amsel zitiert und sein Aphorismus zu einem jähen Ende gebracht. „Natürlich bleibt nichts. Nichts bleibt natürlich.“ (89) Die Sätze werden immer gasförmiger und seltener. Am Schluss geht es nur mehr darum, „das Denken ins Freie zu bringen“. (90)


Volker Braun: Handstreiche.

Berlin: Suhrkamp 2019. 91 Seiten. EUR 18,50. ISBN 978-3-518-42849-6.

Volker Braun, geb. 1939 in Dresden, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 07/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2821

Dardanella

Es gibt die freche Überlegung, dass der schärfste und logischste Roman Wittgensteins Tractatus sei: Knapp, jeder Satz ein Zitat, durchkomponiert und ein vernichtendes Ende, indem sich alles in sich selbst auflöst, nachdem die Leiter der Erkenntnis umgefallen ist.

Paul Divjak geht mit seinem Tractatus-ähnlichen Roman „Dardanella“ ähnlich knapp und präzise vor wie Wittgenstein. Zwar gibt er seinem namenlosen Helden eine kleine Handlung mit auf eine Luxusjacht, auf der er immerhin den Narrenschiff-Philosophen Oskar Werner treffen darf, aber sonst werden die Erkenntnisse heruntermanövriert wie eine aus den Fugen geratene Kreuzfahrt.

Der Ich-Erzähler hat eine aufgeschwemmte Kindheit in einer übergeschnappten Gesellschaft hinter sich, er ist schwer adipös und erklärt sich als Opfer des Kapitalismus. „An den Abenden lag ich in meiner Kabine, rauchte, masturbierte oder versuchte mein Glück im Kasino.“ (15)

Ein feiner, tiefer Schmutzfilm liegt über allem. Ein alter Deckenventilator brummt. Keine Spur von Romantik.“ (16) Mit kleinen Regieanweisungen wird allmählich der Zustand der Welt beschrieben. Zwar werden die wichtigsten Zeitungen an Bord geliefert, aber kaum jemand liest sie, während alle warten, dass draußen an der Wasserkante etwas Interessantes geschieht. Tatsächlich treiben in der Ferne Flüchtlinge herum, hinter denen Frontex her ist oder vor denen die Grenzpatrouille flüchtet, um die Primärflüchtlinge nicht retten zu müssen. Einmal geht ein Finanzhai aus der Schweiz über Bord, aber trotz seiner Geldschwere reißt er kein Loch in den Kapitalismus.

An Bord taucht schließlich Oskar Werner auf und redet über die letzten Dinge der Welt. Es kann sein, dass bloß der Film Narrenschiff gezeigt wird, worin er eine Hauptrolle mit Herzinfarkt spielt. Oder vielleicht ist die aktuelle Schiffsreise eine Neuinszenierung des Narrenschiffs oder es wird aus allem ein Roman gemacht. Der Ich-Erzähler verliebt sich zur Vorsicht in eine Tänzerin ohne Brüste und wird dabei ganz wild in seiner Fettleibigkeit. In regelmäßigen Abständen taucht ein Mann ohne Gesicht auf und begutachtet die Welt. „Ein Mann ohne Gesicht, gezeichnet vom Krieg, schaut durch einen Maschendrahtzaun. Er betrachtet die toten, weißen Körper auf ihren Sonnenliegen.“ (48)

Die Reise treibt auf Attribute der Dekadenz und des Untergangs zu. Das Schiff verwelkt, alle, inklusive Käptn, sind auf Crack. Aus dem Off kommt sowas wie Stille. Und dann ein Übergang in eine andere Realität, vorsichtigerweise in Klammern gesetzt. „(Und du? Wo warst du, als es passierte?)“ (78)

Dardanella ist zwar nur ein Schiffsname oder der Schatten einer Geographie, aber insgesamt eine Lebenshaltung, in der Verdrängen, Absaufen und Wegschauen als Metaebenen einer Realität auftauchen, von der der Held bereits erledigt worden ist. Und der Held ist dermaßen voluminös gestaltet, dass damit beinahe die Menschheit gemeint sein könnte. „Was von mir blieb, war ein Kadaver, eine leere Hülle.“ (61)

Gerade weil der Roman so knapp und wortkarg dahintreibt, können an ihn unendlich viele Deutungsmöglichkeiten andocken. Dardanella ist vielleicht ein ins leere abgeschossener Torpedo, der verwelkt, bevor er ein Ziel erreicht. Der Untergang der Vernichtungswaffe Mensch ist vielleicht die einzige Rettung der Menschheit.


Paul Divjak: Dardanella. Roman.

Klagenfurt: Ritter 2019. 78 Seiten. EUR 13,90. ISBN 978-3-85415-587-4.

Paul Divjak, geb. 1970, lebt in Wien und Südostasien.

Helmuth Schönauer 17/04/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2186

Gefeuerte Sätze

Eine wichtige Aufgabe der Lyrik besteht darin, an der Sprachgrenze das Ausfransen von Sinn zu beobachten und einen sprachkritischen Kanal zwischen Inventar und Anwendung herzustellen.

Petra Ganglbauer spürt mit ihren Gedichten stets den Mehrdeutigkeiten, semantischen Beigeräuschen und dem gesellschaftlichen Unterbewusstsein nach. Es ist ein klärender Prozess, wenn die herumschwirrenden Parolen und herumgeisternden Sachverhalte wie bei Gericht aufgestellt werden, wobei die Lyrik als Richterin fungiert.

Der Prozess „Gefeuerte Sätze“ geht der latenten Gewalttätigkeit nach, die quasi unter jeder Parole schlummert. Gefeuert werden dabei nicht nur Sätze, wenn sie die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses begleiten, gefeuert meint auch im militärischen Sinn, dass die Wörter zu Munition werden, die unter den Anwendern abgefeuert werden. Am ehesten poetisch kann man die gefeuerten Sätze noch deuten, wenn man sie als Leuchtfeuer nimmt, die eine Küste markieren. Freilich steckt hinter der Ausleuchtung meist eine Abwehranlage.

Die Analyse geht logisch in drei Schritten vor: Gewalt Muster (5) | Revisited (45) | Blessuren (69). Zuerst werden die sprachlichen Muster entlarvt, später begutachtet und schließlich die Schäden dokumentiert. Als übergeordneter Plot dient eine Migrationsszene, die sich unter erbärmlichen Umständen aufmacht in eine Überlebenszone, wobei die Menschen anonymisiert einer ebenfalls anonymen Abwehrmasse gegenüberstehen. Nur das Meer des Ertrinkens hat dabei wenigstens einen Namen. In den migrierenden oder abwehrenden Kollektiven könnte jeder von uns als lyrisches Ich involviert sein.

Das Gebrüll aus gefeuerten Sätzen / Gefriert in der Hitze zur Mauer aus / Scherben und Spurlosem (Steine) - / Jede Stelle im Raum der Sprache ist / Kahl die sickernden Worte / Kriechen durch Wände.“ (17)

Nach dieser Sprachdramaturgie sintert jegliche Ordnung als Mauer aus, die Sprache wird in eigenen Echoblasen eingezwängt und aus dem Bewegungsmodus genommen, die einzelnen Begriffe sitzen eingepfercht wie Häftlinge in in streng überwachten Sprachzellen, einmal werden Begriffe zu „Fresswerkzeugen“ (26), dann wieder ist ein Landstrich zu einer Luftaufnahme verklumpt, und im Bild darin ist alles verwest und verschüttet. (20) Das Meer selbst wird zur Gewalt, wir wissen im Aufprall darauf und Untergang darin nicht, wer wir sind.

Der Krieg kommt schließlich ins Haus wie eine Hauszustellung, rundherum ist bereits der ganze Ort verstört und die Sprache darin vergriffen. (63) Geschlossene Lager und Ankerzentren der Erkenntnis werden installiert, irgendwo gibt es ein Buch mit Erkenntnis-Schauplätzen. Längst hat das Phänomen der Total-Blessuren die ganze Erde erreicht, alles läuft hinaus auf eine unruhige Restlebensdauer.

Petra Ganglbauer nimmt dystopische Begriffe aus diversen Katastrophen und wirft sie als Munition in die formalisierte Lyrikmasse. Was in Gedichten zwischendurch als Ode, Hymne und großer Gestus zelebriert wird, kriegt eine unerträgliche Schärfe, indem diese Getragenheit mit Pamphleten und Populismen substituiert wird. Die gefeuerten Sätze schlagen in der Leserschaft wie Verletzungen ein. Aber dieses Mal sind es heilende Wunden, die angerissen werden.


Petra Ganglbauer: Gefeuerte Sätze. Gedichte.

Innsbruck: Limbus 2019. 94 Seiten. EUR 13,-. ISBN 978-3-99039-145-7.

Petra Ganglbauer, geb. 1958 in Graz, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 11/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2824

Darknet

Damit eine Sache gut wird, braucht es das Böse als Herausforderung und Kontrolle. Fast alle am Globus nützen mittlerweile das gute Internet, aber gleichzeitig lauert in seiner Tiefe auch das Finstere. Dabei macht das sichtbare, helle Netz vom Umfang her nur ein Prozent aus, alles andere gedeiht im Verborgenen, manches davon auch auf kriminelle Weise.

Cornelius Granig hat ein echtes Handbuch zu einem großen Thema geschrieben. Dieser Vorgang muss mittlerweile extra erwähnt werden, seit in diesen Tagen der Springer Verlag sein erstes automatisch generiertes Buch über die Lithium-Batterie auf den Markt gebracht hat. Wenn dieser Algorithmus-Zombie namens Beta Writer funktionieren sollte, könnte Cornelius Granig womöglich als der letzte analoge Autor in die Geschichte der Fachliteratur eingehen.

Ein Handbuch sollte immer zweifach gelesen werden. Einmal in einem Zug, um den individuellen Wissensstand auf die Aktualität der Forschungsszene zu bringen, zum anderen in kleinen, anlassbezogenen Portionen. Das Buch vom Darknet richtet sich natürlich an Anwender, Fachleute und international tätige Unternehmen, die jeweils ihre Sicherheitsbeauftragten drüberlassen. Immerhin gilt Cornelius Granig als anerkannter Unternehmensberater, der um die Gefahren von Internet-Abuse und Kriminalität weiß. Diese Klientel wird vermutlich mit dem Inhaltsverzeichnis anfangen und je nach Arbeitsfeld die entsprechenden Kapitel aufsuchen.

Ungelenker und deshalb interessanter freilich ist die Anwendung bei einem Pensionisten in der Peripherie, der das Buch vielleicht als puren Stoff von der Außenwelt auf den Rechner herunterlädt. Dieser periphere Leser wird wahrscheinlich mit dem Glossar anfangen, wo alles zwischen „Access point“ und „Zwei-Faktor-Authentifizierung“ erklärt ist.

Spannend ist für diesen User auch das kriminelle Feld des Netzes, endlich weiß man, wo die flachen Krimi-Schreiber abschreiben, nämlich im Darknet. Und auch für genügend Helden ist gesorgt, immerhin gibt es bei den Hackern White Hats, das sind die guten, die Fehler aufspüren um sie zu verbessern. Die Black und Grey Hats freilich haben Böses unterschiedlicher Qualität im Sinn. Ein eigenes Kapitel zählt dann die häufigsten Betätigungsfelder der Kriminellen auf, sie reichen vom Zuneigungsbetrug bis zum Wohnungsdesaster. Phising, Spams und Pharming, alles, wovon man nicht heimgesucht werden will, ist hier ausführlich beschrieben.

Über ein eigenes Kapitel, das durch Tor (The Onion Router) zu erreichen ist, geht es dann stracks hinein ins finstere Netz, wo neben Kinderpornos auch Baupläne für Waffen heruntergeladen werden können.

Ein Abschnitt über das Netz für Unternehmer lässt den kleinen User erahnen, was sich hinter Industriespionage und Datenklau für Gefahren verbergen. Einmal wird von einem Datenleck der TGKK (Tiroler Gebietskrankenkasse) berichtet, da ist man als Betroffener fast stolz, dass man endlich über die Krankenkasse abgegriffen worden ist, weil man latent wichtig ist.

Zehn Sicherheitstipps sollte man auch in Randlage des Geschehens immer berücksichtigen, beispielsweise nie einen USB-Stick anstecken, wenn man nicht seinen Verseuchungsgrad zuvor geklärt hat.

Interviews geben dem Netz schließlich eine „menschliche Größe“. Der ehemalige Landeshauptmann von Salzburg berichtet, wie man ihm über das Netz eine Ehekrise angedichtet hat, aus der er fast nicht mehr herausgekommen ist. Der ehemalige niederösterreichische Landeshauptmann berichtet, wie er sich in Wahlkämpfen zu Zeiten vor Donald Trump geschützt hat, um eine Mehrheit ohne Betrug einzufahren.

Was der Amateurleser natürlich nicht beurteilen kann, ist die Ideologie, die hinter dem Darknet steht. Angesichts der Urheberrechts-Kampagnen in der EU hat der Einzelne wohl endgültig den Überblick verloren. Fakt scheint zu sein, dass das Darknet wie alles auf der Welt dem Kapitalismus nützt. Da lässt es einen hellhörig werden, wenn die Informationen von einem Unternehmensberater kommen. Aber das Netz ist an manchen Tagen so schnell, dass alle Gedanken darin träge wirken.


Cornelius Granig: Darknet. Die Welt im Schatten der Computerkriminalität.

Wien: Kremayr & Scheriau 2019. 304 Seiten. EUR 24,-. ISBN 978-3-218-01157-0.

Cornelius Granig, geb. 1970 in Klagenfurt, ist Unternehmensberater und Journalist.

Helmuth Schönauer 19/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2819

Meistens sind wir einfach soso lalalala

Einen Verwicklungsroman kann man sich vage als einen Erzählzopf vorstellen, bei dem mehrere Zeit- und Themenstränge ineinander verflochten sind, oder wie ein starkes Tau, das ein schaukelndes Boot an Land festhalten kann.

Ilse Kilic und Fritz Widhalm liefern jeweils hundert Seiten einer unendlichen Geschichte, geben dem Textabschnitt einen markanten Titel und enden dabei immer mit dem Versprechen, dass die Geschichte noch nicht fertig ist. Aktuell ist der elfte Band erschienen, „meistens sind wir einfach soso lalalala“, genauer kann man eine noch nicht abgeschlossene Handlung nicht bezeichnen. Die Helden haben einen fiktionalen und einen realistischen Zug, im sogenannten wahren Leben am Boden der Realität heißen sie vielleicht Ilse und Fritz, in der Heldenwelt von Romanen fungieren sie als Jana und Naz.

Der Verwicklungsroman hat zwei Zeitebenen, die ständig voranzuckeln wie früher die Zeiger einer Turmuhr. Die Erzählzeit ist die nähere Gegenwart, die erzählte Zeit spielt immer eine Generation früher, in diesem Fall also um 1988 bis 1990. Beim Generationenwechsel müssen nicht immer Kinder im Spiel sein, im Verwicklungsroman machen das die Helden selber, indem sie alle Stadien einer Biographie durchspielen.

Das Thema ist immer eng und weit, es geht um lesen und schreiben, Kunst und Überleben, Freude und Körper. Dabei merkt man, dass die Grazer Autorenversammlung immer fix und fest ist, während die Körper ständig schwächeln und zusammenbrechen.

Naz freundet sich mit einem Hörgerät an, weil er dabei in drei Stufen die Intensität der Welt festlegen kann, als geheimer Musiker nimmt er die Stufe „soft“. Jana hat zuerst dem Naz zugesehen, wie er Blutdruck misst, und jetzt ist sie es, die erhöhten Druck hat und dagegen einen Senker einwirft. Und überhaupt die Rahmenhandlung: Zu Beginn wirft es Naz am Eis um und er bricht sich Rippen. Am Ende wird ein Verkehrsunfall reflektiert, bei dem ein Auto den Naz umfährt und ihn mit gebrochener Nase ins Krankenhaus bring. Dazwischen zittert Jana um die neuen Befunde einer Überwachung eines Krebses, der sie ständig in Bewegung hält.

Biertrinken ist immer noch schön, leider braucht man mit zunehmendem Alter immer länger, um aus dem Kater zu kommen, meint Naz. Aber kein Kater kann letztlich einen Menschen besiegen, der das Bier liebt.

In den Rückblenden geht es um Reisen nach Griechenland und Cuxhaven, dabei zeigt der Tourismus vor allem seine Fratze, niemand entkommt ihm und er wird immer mächtiger. Halbwegs leere Flecken der Welt oder gar eine weiße Bucht kriegst du heute nur mehr in der Erinnerung.

Dieses biographische Netz trägt letztlich auch die österreichische Literaturgeschichte, in die Naz und Jana peripher eingeflochten sind. Die beiden erinnern sich an die ersten Publikationen und starren dabei fassungslos auf Druckabrechnungen aus den 1990er Jahren, als ein Buch machen schon so viel gekostet hat wie der Lebensunterhalt eines Helden quer durch ein ganzes Jahr.

Die Freundschaft unter den Schreibenden geschieht nach ganz anderen Regeln, als es die offizielle Literaturgeschichte meint. So erfährt Jana das Entscheidende von Elfriede Gertl, als sie ihr beim Transport von Vintage-Kleidern hilft. Naz ist noch nach Jahrzehnten berührt von einer Rezension eines Bibliothekars, der die Familiengeschichte von Naz ernst und wörtlich nimmt. Sind die Sätze, die uns ins Empfindungsfleisch schneiden, aus der Literatur oder aus dem Leben? Als die Mutter von Naz stirbt, schreibt der Bruder, „heute ist Mama gestorben“. Das ist der erste Satz aus Camus Fremden, aber der Bruder hat gar keinen Camus gelesen, sondern nur seine Mutter verstorben vorgefunden.

Während man als Leser den Helden zuhört und mit ihnen mitleidet, ob sie wohl alles gut und fröhlich hinkriegen wie „das fröhliche Wohnzimmer“, in dem sie mit ihren Glücksschweinen hausen, hat man ein Stück österreichische Zeitgeschichte ausgelesen, erzählt in Form eines aktiven Mitgestaltens. Der Verwicklungsroman ist nämlich eine Lebenshaltung, er ist erst zu Ende, wenn das Leben vorbei ist. Das ist der Grund, warum 2021 der zwölfte Band erscheinen soll. Im Zeitalter des Artensterbens muss man sich vor Augen halten: Solange es den Verwicklungsroman gibt, gibt es ein Leben in Österreich.


Ilse Kilic / Fritz Widhalm: Meistens sind wir einfach soso lalala. Des Verwicklungsromans elfter Teil.

Wien: edition ch 2019. 108 Seiten. EUR 12,-. ISBN 978-3-901015-70-0.

Ilse Kilic, geb. 1958 in Wien, und Fritz Widhalm, geb. 1956 in Gaisberg, leben in Wien.

Helmuth Schönauer 09/04/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2187

Zeit der Häutung

Ein aufrüttelnder Roman zeigt mit einer imposanten Leseszene oft an Helden und Lesern, dass Literatur lebenslänglich etwas bewirken kann.

Bei Robert Kleindienst reißt im Roman „Zeit der Häutung“ eine kleine Eingangsszene, die Heldin und Leserschaft aus der Lethargie: Draußen ist Sonne und Leben, und drinnen liegt Ana und hat Masern. Der Großvater kommt vorbei, und erklärt den Zusammenhang zwischen Sonne, Krankheit und Leben.

Diese Ur-Situation des Lesens, nämlich dass man in Quarantäne der Hinterseite des Lebens auf die Schliche kommen muss, ist über die Heldin gestülpt, als diese nach dem Krieg das bisherige Handeln reflektieren und das kommende begründen muss. Es ist die Zeit der Häutung, wo alle ihr Kriegsgewand abstreifen und nicht bei allen klar ist, ob daraus auch ein bunter Schmetterling schlüpfen wird.

Ana hat den Krieg und Kroatien schon hinter sich, als sie in Aussee in einer Jagdhütte wartet, wie sich die Dinge entwickeln werden. Sie ist irgendwie auf der Flucht, gleichzeitig aber auch auf der Suche oder in Warteposition, um über alles Vorgefallene klarzukommen. In Kroatien hat sie in einem Kinderlager der faschistischen Ustascha sanitäre Hilfsdienste geleistet. So gut es ging, galt es die Kinder zu betreuen und auch in der Todeszone der Gefühle bei Laune zu halten. Als es darum geht, Kinder zu retten, indem man sie von den Todgeweihten selektiert, macht sie sich mitschuldig, weil sie mit der Erstellung dieser Liste den Tod schwarz auf weiß fixiert. Ana ist noch nicht ganz klar, inwiefern sie sich schuldig gemacht hat, jedenfalls sind die Ustascha-Leute hinter ihr her, und auch die Befreier dürften kurzen Prozess mit ihr machen.

Über alte katholische Untergrundkanäle wird die Flucht der Heldin gesteuert. Zuerst geht es ins zerstörte Salzburg der Nachkriegszeit, anschließend über Krimml, die Tauern und Südtirol nach Genua, wo der Dampfer nach Argentinien wartet. Als Navigation ist eine klassische Naziroute ausgewiesen, auf der sich Ana tatsächlich bis in den Hafen von Genua hinein bewegt. Je näher die Abfahrt nach Südamerika kommt, umso heftiger wühlen die Schicksale der Kinder in der flüchtenden Seele. Als ihr dann noch ein Brief von einem besonderen Kind übergeben wird, zieht sie die Reißleine der Flucht. Während der Dampfer ablegt, steht ihr die finale Häutung bevor. Sie wird nach Kroatien gehen und dort an der Aufarbeitung samt Schuld und Sühne mitwirken.

Robert Kleindienst nimmt für das Chaos, das nach dem Krieg in der Stadt Salzburg geherrscht hat, ein winziges Schicksal heraus und versucht dabei, die Ruinen der semi-sakralen Stadt als Filter zu verwenden. Das Schicksal der Heldin ist das eine, das nehmen die Leser so hin als neue Variante der Nazistraße. Die Funktion einer kaputten Stadt für die Reinigung kaputter Helden ist das andere. Das kaputte Salzburg wirkt dabei dynamischer und quirliger, als die restaurierte und mit Morbidität aufgemotzte Festivalstadt. Eine Aufarbeitungs- und Emantipationsgeschichte einer sogenannten kleinen Frau von der kroatischen Straße.


Robert Kleindienst: Zeit der Häutung. Roman.

Innsbruck: Edition Laurin 2019. 234 Seiten. EUR 20,90. ISBN 978-3-902866-72-1.

Robert Kleindienst, geb. 1975 in Salzburg, lebt in Salzburg.

Helmuth Schönauer 14/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2822

Komm, schnüren wir die Knochen

In der Gastronomie ist es längst üblich, dass der Teller umso größer und weißer ist, je kleiner und wertvoller der servierte Happen ausgefallen ist. Ähnlich sollte es sich bei der Lyrik verhalten, wo das Weiße mitgelesen werden muss, um das Wertvolle in den Zeilen richtig würdigen zu können.

Cvetka Lipus braucht für ihre dreiundzwanzig Gedichte über hundert Seiten Platz, und das ist gut so. Immerhin geht es nicht darum, Lyrik als Zip-Datei auf den Markt zu werfen. Als Leser kriegt man also ein echtes Buch, das sich anfühlt wie etwas, das länger wirkt als eine ausgerollte Datei. Das weiße Feld, das sich auch beim Umblättern nicht einschränken wird, nimmt den Zeitaussteiger gefangen und leitet ihn schließlich sorgfältig auf die Gedichte, die wie bebaute Furchen in der Weite liegen.

Oft sind die Gedichte in zwei bis siebengliedrige Blöcke unterteilt, die Zeilen sind breit und erinnern fast schon an Prosa, aber jeder Vers bremst rechtzeitig am Seitenrand ab, um keine Unwucht in den Text zu bringen.

Komm, schnüren wir die Knochen“ ist ein merkwürdiger Aufruf, der einerseits eine groteske Ermunterung ausspricht, sich samt dem Knochengerüst auf den Weg zu machen. Andererseits gilt dieser Satz vielleicht Forensikern oder Archäologen, die die diversen Knochen von Verstorbenen zusammenklauben sollen für ein Beinhaus. Das Leben wird leicht und ausgebleicht, wenn es nur mehr aus Knochen besteht.

Als Überschrift über sieben Tugenden, mit denen man aufbrechen soll, steht, „komm, schnüren auch wir die Knochen“. Damit ist gemeint, dass man es als Leser auch machen soll, was der Gedichtband schon gemacht hat. „Red nicht. Lass keinen Mucks von dir hören. Gib keinen Ton von dir. Lass dich mit niemanden auf einen Streit ein.“ (47) Es sind Empfehlungen wie aus einem Sachbuch für Überlebensfragen, am Schreibtisch könnte man das Foto eines Angehörigen als Talisman aufstellen, sprich nicht, wenn du aufstehst und einen Kaffee aufsetzst, allein gelassen mit der Fernbedienung suchen wir die Überreste der Welt.

Zwischen Suche, Ratschlägen und Leitlinien irren die lyrischen Protagonisten durch den Text. Man soll dabei loslassen von Rilke, auch Heidegger bringt es nicht, wenn das Ich wie ein Geschoss durch den Raum der eigenen Zeit reist. Anfrage an Martin auf dem Todtnauberg, gab es da dunkle Wolken beim Spazierengehen?

Cvetka Lipus ruft die lyrisch-metaphysischen Helden zur Räson, sie sollen nicht Mythen verstärken, die vielleicht hohl sind. Auch sonst wird das lyrische Inventar ständig in Frage gestellt. „Im Nu passe ich mich an“ (55), sagt das lyrische Ich, das durchaus stromlinienförmig im Wasser der Gegenwart liegt, oder als braves Boot an einer bröselnden Mole angebunden ist.

Und über allem liegt ein scharfer Blick, der durch die Zeit schneidet wie durch Butter. Während das Antlitz noch im Gespräch ist, landen bereits Aasfresser auf dem Knochenbogen überm Auge. (105) Irgendwer hat Verspätung, entweder das Aas oder der Knochen! - Wundersam zerbrechlich und zeitlos, wie Knochen eben sind.


Cvetka Lipus: Komm, schnüren wir die Knochen. Gedichte. A. d. Slowen. von Klaus Detlev Olof.

Salzburg: Otto Müller 2019. 120 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-7013-1269-6.

Cvetka Lipus, geb. 1966 in Eisenkappel, lebt in Salzburg.

Helmuth Schönauer 18/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2818

Das Züchten von Kakteen inmitten einer üppigen Landschaft

Das Lesebuch gilt einerseits als die freieste Form der Literatur, weil darin alle Gattungen und Erzählschubladen aufgelöst sind, andererseits ist der Begriff durch den Schulbetrieb versaut, endet dort doch alles mit einem gebellten Befehl: Les!

Wolfgang Pollanz weiß als abklingender Gymnasiallehrer um diese Schizophrenie des Lesebuchs. Gleich in der ersten Geschichte erklärt er, dass er ein bedeutungsloser Ehemann, Lehrer und überhaupt Bedeutungsloser gewesen sei. Den ersten Sex freilich hat er mit sich selbst gehabt. Nach dieser Logik muss man auch bis auf die letzte Geschichte warten, um endlich den Titel dechiffrieren zu können: „Das Züchten von Kakteen inmitten einer üppigen Landschaft.“ Dabei handelt es sich um 100 Mutmaßungen über M., geschrieben im Jahre 1977. Darin posiert im Stile von Kafkas K. ein Pollanz‘scher M. vor Spiegel, Pissoir, Witterung oder Strand. „M. hat schlechte Manieren und Mundgeruch.“ (259) Der Held scheint ein selbstverliebter Aufsteiger zu sein, der auf der neuen sozialen Ebene noch nicht richtig angekommen ist.

Ein ähnlich übergeschnapptes Ich beamt sich in das Hippie-Jahr 1967 zurück. Dabei macht das erzählende Ich zwar gerade das Internat in Graz durch, träumt sich aber über Musik, Popstars und Magazine locker in die freie Szene in San Francisco hinein.

Jetzt lässt sich auch das Konzept des Lesebuchs erahnen, das zum 65sten Geburtstag des Autors komponiert worden ist. In 32 Beispielen führt es von der Gegenwart chronologisch zurück in die Siebziger, was die Schreibzeit betrifft. Der Inhalt freilich geht oft auf Adam und Eva zurück, wenn das Chronisten-Ich etwa seine Zeugungsgeschichte quer durch das letzte Jahrhundert beschreibt. Der Großvater hat seinen Vater nie gesehen, weil er inzwischen an der Isonzo-Front verblutet war, und der Vater kann aus Demenzgründen nicht mehr zum Höhepunkt seines Lebens geführt werden, der in Landeck 1938 stattgefunden hat, als der Steirer in Tirol Unteroffizier geworden ist.

Es sind solche Entgleisungen aus einem unauffälligen Leben an der Peripherie, die das Lebensprojekt von Wolfgang Pollanz so unverzichtbar für die Literatur machen. In allen seinen Geschichten, Glossen, Treatments und Mini-Essays bocken die Helden und verweigern den ordnungsgemäßen Vollzug von Trivialität. Nicht nur die Gattungen werden ständig gesprengt, auch die rurale Moral von Aufsteigern wird von hinten her bearbeitet, bis sie zusammensackt.

In „Blind vor Liebe“ werden anhand von Songs die Phrasen wörtlich genommen. Dabei gerät die Psyche wahrhaftig ins Beben, freilich eher vor der Kitschhaftigkeit als der Wahrhaftigkeit. Aber so ist nun mal die Liebe in Popsongs, jemand singt „weine jetzt!“ und wehe, du tust es nicht.

In einer alpinen Biographie vom Baukran dreht sich alles um den Ich-Aufsteiger, der zwar in der Ebene geboren wurde, jetzt aber mit seinem ausladenden Arm alles in den Bergen in Beton taucht. An der Peripherie haben mangels intelligenter Steuerungsprogramme die Dinge die Herrschaft übernommen. Der Baukran dominiert, weil er das herausragendste Selbstbewusstsein hat, ein Lift daneben verliebt sich trivial in eine Lokomotive, die ihn gerade angeschleppt hat.

Graz ist zwar vielleicht auf dem Papier eine Stadt, sonst aber „liegt es nahe dem Nullmeridian der Ereignislosigkeit“. (42)

Ähnlich schroff wird die Schöpfungsgeschichte erzählt, nämlich als formidabler Fetzen in sieben Tagen.

In einem Roman-Fragment nennt sich der Held sinnigerweise Roman und will die Herrschaft über den Text übernehmen. Aber ein guter Roman ist zu kompliziert für einen schlichten Helden. Deshalb scheitern Roman und Roman auch im Doppelpack.

Geradezu hellseherisch ist eine Glosse aus dem Jahr 1979, wo die beiden damals noch unschuldigen Begriffe Terrorismus und Tourismus zusammengeführt werden zu einem bösartigen Ding, das mittlerweile Realität geworden ist: Tourrorismus! (246)

Dagegen wirkt eine erzählende Wäscheklammer, die sich auf das Niveau von Franz Klammer hinunterbeugt, geradezu charmant. „Nachbemerkung des Autors: An dieser Stelle breche ich den Text ab, obwohl ich mir bewusst bin, dass das Thema WÄSCHEKLAMMER noch lange nicht erschöpft ist.“ (255)

Das Lesebuch von Wolfgang Pollanz ist Weltliteratur an der Peripherie!


Wolfgang Pollanz: Das Züchten von Kakteen inmitten einer üppigen Landschaft. Ein Lesebuch.

Graz: Keiper 2019. 290 Seiten. EUR 24,-. ISBN 978-3-903144-75-0.

Wolfgang Pollanz, geb. 1954 in Graz, lebt in Wies.

Helmuth Schönauer 06/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2817

Wovon denn bitte?

Ein Motto dient als Verzierung eines Buches, als Triumphbogen, als Würdigung oder abgeklatschter Witz, ein Motto kann aber auch der Schlüssel zum Buch sein.

Bei Christian Steinbacher ist das Eingangsmotto der knappe Orientierungsplan in einem Buch voller Gedichte und Risse. „leben frisst ordnung. was gibt es? alles.“ wird Siegfried J. Schmidt zitiert. Der Texthalde im Buch ist eine „Warteschleife“ als Tafeltext vorangestellt. Anschließend folgen dreizehn Zyklen, die zwei bis vierundzwanzig Gedichte lang sind. Diese genaue Untersuchung nach visuellen oder zitierbaren Anhaltspunkten ist für die Leserschaft notwendig, weil sie sonst hemmungslos verloren ist und dann selbst die Frage des Autors stellen muss: „Wovon denn bitte?“

Christian Steinbachers Lyrik ist vielleicht mit einer Programmiersprache für Klopstock-Oden zu vergleichen. Dieser Verdacht ergibt sich, wenn man sich über die Anmerkungen hermacht, um etwas über die innere Struktur dieses poetischen Abenteuers zu erfahren.

Aus diesen Anmerkungen ist auch der geheime Plan herauszulesen, nachdem die Oden aufgestellt sind. Klopstock und seine Meta-Schriften, Hölderlin, Mörike und H.C. Artmann stehen zuerst als Blaupause zur Verfügung und werden dann mit dem Gestus der Gegenwart nach dem aktuellen Stand der Forschung ausgekleidet. Die alten Texte leben also als zeitgenössisches Update weiter, indem die Wörter aus der Gegenwart stammen und der Klang nach entsprechenden Klingelton-Apps ausgerichtet ist.

Natürlich sucht man im ersten Durchgang nach „handfester“ Lyrik, die man vielleicht zitieren und als imaginäres Lesezeichen verwenden kann. „so rot! // I // Fort nahmen Körbe / Farn und Lehm. / Ode auf müde / Palmen. So nackt wie / kein Gewächs / gar irr zig Schwemmen mimt. / Ohne alles Tafeln / Brauch schnürt ein. Das Nicht / führt jedes Und ins Körbchen. Fort / sichern flinke Enden / oder Pracht. Benenne / Innentinte.“ (103)

Eine gute Methode, noch etwas fremd wirkende Texte im Kopf heimisch zu machen, ist die sogenannte Substitutionsprobe. Dabei wird ein Schlüsselwort durch ein ähnliches semantisches Feld ersetzt. In diesem Fall könnte man rot mit Blut, Morgen oder politisch links ergänzen, und in jedem Fall eröffnet sich eine sinnige Ode.

An anderer Stelle führt der Autor diese Veränderung gleich mit dem lyrischen Ich durch. „Knollen, Ich“ (109) nennt sich ein Zyklus, der als Leseobst für sapphische Strophen dient. Knapp achtzig Strophen werden dabei als Knolle im lyrischen Myzel zitiert, upgedatet und mit Fußnoten eingescannt. Die Fußnoten führen tatsächlich zu sapphischen Strophen, die im Original achtzig Autorinnen von Dunja Barnes bis Ror Wolf zugeschrieben werden.

Während die Warteschleife als Präambel dient, liefert ein formaler Satz den offenen Ausklang des Projektes. „Bald diesseits der Form“ (133) Wenn die Form aufgelöst ist, ist quasi die Wittgensteinsche Leiter weggeworfen und der Lyriker über den letzten Wall gesprungen. - Jetzt ist alles hemmungslos frei!


Christian Steinbacher: Wovon denn bitte? Gedichte und Risse.

Wien: Czernin 2019. 141 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-7076-0658-4.

Christian Steinbacher, geb. 1960 in Ried im Innkreis, lebt in Linz.

Helmuth Schönauer 02/04/19



GEGENWARTSLITERATUR 2816

Ein empfindsamer Mensch

Die Empfindsamkeit ist unter anderem ein Lebensstil, mit dem in privater Sphäre jene Sau herausgelassen werden kann, die im öffentlichen Verkehr durch Political- und andere Correctness ziemlich eingeschränkt wird. In der Literatur blüht die Empfindsamkeit vor allem als Rührstück Marke Gartenlaube auf.

Die Welt als Gartenlaube stellt Jáchym Topol zur Diskussion, wenn er in einem fetten europäischen Roman die Protagonisten vorerst einmal die Grundfreiheiten der EU austesten lässt. Die böhmische Schausteller-Familie mit Vater, Mutter, Sohn und Zwerg-Sohn reist die ersten hundert Seiten des Romans durch alle Grenzen Europas, es ist eine hektische Flucht vor den jeweiligen Nationalismen. Besonders arg wird es bei einem Shakespeare-Festival in Bristol, wo die Schau-Künstler unverhohlen als Polnisches Ungeziefer bezeichnet und im Namen des Brexit verjagt werden.

Aber auch in diversen braven EU-Ländern ist der Hass auf das umherziehende Fremde ungebrochen, und als die Helden im Kriegsgebiet der Ukraine auftauchen, werden sie auch dort nicht gelitten, denn zwischen den Fronten gibt es schwarz und weiß, da sind diffuse Grau-Typen unerwünscht.

Bald sind wir in Böhmen, dann wird alles wieder gut, oder?“ (100) Die D1 als übervolle Ausfallstraße aus Prag lässt tatsächlich Heimatgefühle aufkommen, und als der Trupp dann noch in einem heruntergekommenen Gebiet entlang des Flusses Sasau (Sazava) Fuß fasst, scheint das Leben nach Langer Zeit wieder zur Ruhe zu kommen. Diese Gegend im Süden der Hauptstadt ist Idylle, Gartenlaube und Abenteuerspielplatz in einem. Seit Jahrzehnten verbergen sich hier Aussteiger und pflegen einen alternative Lebensstil, der vor allem in der Abwehr von Limo und der Pflege ordentlicher Getränke besteht. Die Polizei geht rechtzeitig vor Erreichen der Enklave in Deckung, denn mit den Bodenständigen entlang der Sandbänke ist nicht gut Kirschen zu essen.

Das entschleunigte Leben besteht vor allem aus Reden, Trinken und Grillen. Jeden Tag bricht ein anderes Abenteuer los, immer wieder taucht jemand auf und erzählt eine besonders scharfe Episode aus dem Robinson-Dasein. Die große Welt von draußen und die innige von drinnen lassen sich in einem Satz zusammenfassen: „Das Auto hat Scheinwerfer an, Motten schlottern im Licht.“ (194)

Die Kunst des Schaustellens gerät zunehmend in Vergessenheit und wird zu Anekdoten, wenn etwa besonders gute Aktionen beim „Totwandfahren“ als Heldentaten aufgewärmt werden. Der Zwerg-Sohn hat schon längst das Wachstum eingestellt und schaut sich das Leben aus erniedrigter Perspektive an. „Ob es jetzt losgeht mit dem Wachstum?“ (145) Der ältere Bruder verschreibt sich der innigen Wahrnehmung der Welt und wird zum „empfindsamen Menschen“.

In der Hauptsache besteht der Roman aus Gesprächen, die in einer Erlebnis-Schütte zufällig abgegrabscht werden. Lose gibt es eine Handlung, wenn etwa die Polizei aus dem Gebiet draußen gehalten wird, drinnen ein Bordell unter Bäumen mit Trieben jeder Art ajour gehalten wird. Und heimlicher Held ist vielleicht ein Panzer aus früherer Zeit, egal aus welcher, in Böhmen hat es immer Panzer-Zeiten gegeben. Dieser Panzer wird schließlich aus dem Fluss geborgen und notdürftig restauriert. Ein gewisser Napalm leitet die Aktion, die vor allem aus Träumen besteht. Wir Neutschechen! (293), das könnte eine Parole werden. Im Traum wird der Panzer ganz wild, verteidigt das Nuttenhaus und zerquetscht ein Polizeiauto. Das muss Zukunft genug sein.

Jáchym Topol erzählt mit kaum übersetzbarem Slang von Aussteigern, die den wahren Staat leben, indem sie diesen vom echten Staat fernhalten. Der empfindsame Sohn beäugt die ältere Generation sehr genau und wundert sich, welchen irren Ritualen sie huldigen. Europa ist ein leeres Übungsgebiet für das Navi, der Nationalismus kann unterschritten werden, indem man sich in die Büsche schlägt. Wenn man dann noch der Groteske huldigt, die ja die heimliche Leidenschaft der Tschechen ist, steht einer glücklichen Zukunft nichts im Weg. „Spring auf, Junge, sagt der Vater freundlich und reicht ihm die Hand. Na gut.“ (486)


Jáchym Topol: Ein empfindsamer Mensch. Roman. A. d. Tschech. von Eva Profousová. [Orig.: Citlivy clovek, Prag 2017].

Berlin: Suhrkamp 2019. 486 Seiten. EUR 25,70. ISBN 978-3-518-42864-1.

Jáchym Topol, geb. 1962 in Prag, lebt in Prag.

Helmuth Schönauer 03/04/19




Buch in Pension – Rezensionen April/2019


Philipp Böhm: Schellenmann. Roman.

Marko Dinic: Die guten Tage. Roman.

Katharina J. Ferner: nur einmal fliegenpilz zum frühstück. Gedichte.

Friedrich Hahn: neben deinen fußnoten mein alter schuh. Neue Gedichte.

Arno Heinz: Samowar & Huflattich.

Sophie Reyer: Die Freiheit der Fische. Roman.

Ralf Schlatter: Margarethe geht. Kinderbuch.

Christoph Strolz: Wenn ich blinzle wird es besser. Erzählungen.

Erwin Uhrmann: Toko. Roman.

Daniel Weissenbach: Die Unmöglichkeit. Roman.



GEGENWARTSLITERATUR 2813

Schellenmann

Wenn jemand in der Literatur Jakob heißt, handelt es sich um einen Außenseiter, der sich vor allem mit dem Sprechen schwer tut und so ein gefundenes Fressen für Germanisten ist.

Philipp Böhm ist studierter Germanist und sein Held heißt folglich Jakob, weil er mit der Welt nicht zurechtkommt. Als Bibliothekar stellt man vorsorglich den „Schellenmann“ in das Jakob-Regal, wo all die kaputten und von Germanisten bearbeiteten Helden stehen. Bei der Lektüre später stellt sich gleich von der ersten Seite an heraus, dass dieser Jakob etwas Besonderes ist. Er hat etwas, was wir alle haben, wenn wir einen schlechten Tag erwischen.

Der Roman ist rund um Jakob aufgebaut, die Weltsicht des Helden ist auch die Welt selbst. In einer unwichtigen Gegend tuckert am Rande einer Siedlung eine Fabrik vor sich hin. Eigentlich handelt es sich um eine Halle, worin eine Maschine steht. „Die Maschine produziert was.“ (49)

Es ist nicht klar, ob es sich um eine Scheinfabrik handelt, die ein unbekannter Investor laufen lässt, oder ob es nur Jakob so vorkommt, dass die Maschine nichts produziert. Als er einmal den Satz fallen lässt, er hätte etwas in den Häcksler geworfen, wird er belehrt, in einen Häcksler wirft man nur biologische Dinge.

Irgendwann ist Jakob in die Fabrik gekommen, eigentlich hat ihn der ältere Arbeiter Hartmann eines Tages mitgenommen und gemeint, er könne jetzt da arbeiten. In der Hauptsache muss er krumme Nägel in einem Brett geradebiegen. Aber dieser Hartmann ist jetzt verschwunden, sodass Jakob allein mit der Arbeit, der Firma und dem Leben fertig werden muss.

In einem Erlebniszusammenschnitt tut sich einerseits nichts und die Zeit steht still, andererseits gibt es ein doppeltes Zählwerk, das das Leben aufzeichnet. Einmal sind die Tage gezählt, seit Hartmann verschwunden ist, zum anderen sind es markante Erlebnisse, die das Leben begleiten. Ein wichtiges Erlebnis kann sich im Alter von zehn oder achtzehn ereignet haben, das Alter sagt nichts über die Stärke des Erlebnisses aus, es dient ausschließlich der chronologischen Ordnung.

Nicht nur die Zeitangaben sind höchst überschaubar, weil sie letztlich um eine erzählte Gegenwart inklusive Stillstand kreisen, auch die Verortung ist bescheiden. Rund um die Fabrik sind ereignislose Siedlungen angelegt, offensichtlich fahren zwei Buslinien durch die Gegend, von denen man aber nicht weiß, wohin sie fahren. Als Jakob am Schluss an die Endstation fährt, ist der Roman auch prompt zu Ende.

In Pausen- und Freizeitgesprächen fallen allerhand wichtige Sätze zur Lage der Welt. Etwa, dass es zu viele Menschen gibt (69), oder dass bei einem Krieg wieder einmal alles auf Null gesetzt werden müsste. (96) Jeder der Gesprächspartner hat ein persönliches Lebensmotto, das er dem Jakob um den Hals hängt. „Geh raus oder lass die Welt rein.“ (140)

Den ganzen Roman hindurch ist es unerträglich heiß, die Kühe spinnen und die Leute gehen mit diversen Gerätschaften auf einander los. Es liegt was in der Luft und es wird noch viel heftiger werden. In einem Sound aus Schwüle und Glitzer begegnet der Held schließlich dem Schellenmann. Kann sein, dass dieser aus einer Faschingsgilde ausgebrochen ist, zumal man nichts Persönliches an ihm erkennt. Später hängt das Kostüm wie eine Schlangenhaut in der Gegend, niemand weiß, wer darin gesteckt hat.

Die Freunde halten alle nicht das, als was sie angetreten sind. Auch von Hartmann ist nichts mehr zu sehen, selbst seine Großmutter meint, dass er vielleicht gegangen ist. „Es ist in Ordnung, verloren zu gehen.“ (194) Ein unbekannter Bus fährt vielleicht aus dem Tal hinaus.

Philipp Böhm erzählt eine vollkommene Verstörung. Die Welt und der Held passen nicht zueinander, weil es keine passenden Formen gibt, wie sie miteinander auskommen könnten. Die Welt ist logisch und verrückt in einem Atemzug, und auch der Held macht alles richtig, fällt aber dennoch aus der Welt heraus. Und alles riecht verdammt nach Apokalypse, nicht nur weil die Kühe spinnen und der Schellenmann klimpert. Vielleicht ist bloß alles zu heiß oder es gibt zu viele Leute auf der Welt.


Philipp Böhm: Schellenmann. Roman.

Berlin: Verbrecher 2019. 221 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-95732-374-3.

Philipp Böhm, geb. 1988 in Ludwigshafen, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 01/03/19



GEGENWARTSLITERATUR 2814

Die guten Tage

Das von Jugoslawien herausgefallene Serbien gleicht einer klapprigen Bus-Gesellschaft, die aus purem Überlebensdrang und nicht aus vergnüglichen Gründen zusammengesperrt ist, um auf der Fahrt in die Hauptstadt ja kein Schlagloch auszulassen.

Marko Dinic setzt seinen Ich-Erzähler in einen dieser angeschlagenen Fernbusse und schickt ihn von Wien aus durch Ungarn nach Belgrad, wo das Begräbnis seiner Großmutter ausgeschrieben ist. Der Held ist vor Jahren nach Österreich gekommen, weil er das Terror-Regime seines Vaters in doppelter Hinsicht nicht mehr ausgehalten hat. Der Vater war zu Hause eine Katastrophe und hat im alten Regime im Innenministerium gearbeitet und sicher allerhand auf dem Kerbholz.

Die rumpelige Reise ist Schlag für Schlag eine Fahrt zurück in das Belgrad der Kindheit, wo er offensichtlich als Deutscher gegolten hat. Am Gymnasium wird damals eine spezielle Art Nationalismus unterrichtet, die Gesellschaft ist radikalisiert und auf politische Slogans getrimmt. Die Nato-Bombardierung Belgrads stellt sich als eine Zuspitzung heraus, nach der die Sätze nicht mehr stimmen. Viele gehen ins Ausland, wo sie meist in Serben-Jobs hinter einem Balkan-Grill ruhig gestellt werden.

Eine serbische Busreise ist auch heute noch ein Abenteuer an Gerüchen und Lärm. Der Erzähler kommt neben einem Pseudo-Historiker zu sitzen, der ein Buch der Wahrheit schreiben will, um den Nationalismus zu rechtfertigen und die teilweise als Kriegsverbrecher verurteilen Führer zu rächen. Wie zum Hohn spielt sich draußen an den Grenzstationen Ungarns der Krieg weiterhin ab, Flüchtlinge werden abgewehrt und zur Vorsicht gilt jeder einmal als Flüchtling, aus welcher Richtung auch immer er sich dem Grenzbalken nähert.

Solcherart körperlich und mit Erinnerung durchgerüttelt trifft der Erzähler dann in Belgrad ein, wo in einer Vorstadtwohnung „seine Eltern versauern“. Eine Tante öffnet und in Sekundenschnelle ist sie wieder da, die Welt von damals, als die Großmutter zuerst mit ihren Geschichten und später mit ihrer Lebensgeduld versucht hat, die guten Tage wirken zu lassen. Dabei ist dieser Titel doppeldeutig, kann er doch neben schönen Tagen seufzend auch die armen Tage bedeuten. Am Schluss hat Großmutter nur noch die Tauben am gegenüberliegenden Haus gezählt. Im Tod hat sie offensichtlich mit jemandem gerungen, so verkämpft hat man sie am nächsten Tag gefunden.

Beim Begräbnis kommt es auch zu allerhand Versöhnungsgesten. Der Vater erzählt ungefragt, dass er als Schwein im Innenministerium immerhin einmal einen Rekruten nahe zu seiner Geliebten versetzt hat, das ist doch was. Jetzt sitzt er da und liest „die Russen“. (234)

Die Stadt, die Leute und das öffentliche Programm haben sich geändert. „Wo bin ich gelandet?“ Der Held kann nicht ausmachen, wohin die Reise des Staates geht. Am ehesten entspricht die Lage einem Rilke-Zitat: „Wir ordnen. Es zerfällt. / Wir ordnen es wieder / und zerfallen selbst.“ (155)

Die Rückreise wird er über Rumänien antreten, es wird wieder eine blecherne, aufwühlende Fahrt werden, aber die guten Tage scheinen in Wien zu liegen.

Marko Dinic erzählt so physisch, dass man nach der Lektüre selbst durchgerüttelt ist wie nach einem Fernverkehr nach Belgrad. Die Deutungsversuche der Mitreisenden sind vor allem quälend, jeder versucht eine brauchbare Sicht auf die katastrophalen Ereignisse beim Zerfall Jugoslawiens zu gewinnen, aber es ist noch nicht ausgestanden. Vielleicht liegt der richtige Point of View im Ausland, wer lange genug weg gewesen ist, kann vielleicht eines Tages wieder heimkommen.

Dem Roman ist eine peinlich lange Liste von Danksagungspersonen beigelegt. Dieser Modetrend amerikanischer Schreibschulen soll üblicherweise garantieren, dass wenigstens eine handvoll Bedankter den Roman liest. In diesem Fall zeigt die Liste jedoch, dass der Autor im neuen Land Freunde gefunden hat, die sein Schicksal nicht kalt lässt.


Marko Dinic: Die guten Tage. Roman.

Wien: Zsolnay 2019. 238 Seiten. EUR 22,70. ISBN 978-3-552-05911-5.

Marko Dinic, geb. 1988 in Wien, lebt in Wien und Belgrad.

Helmuth Schönauer 08/03/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2184

nur einmal fliegenpilz zum frühstück

In einem sogenannten Aufwachgedicht stellt H.C. Artmann ein paar seltsame Geräusche beim Aufwachen untereinander und die Germanisten nennen es später Lautgedicht. In Wirklichkeit aber meint das Gedicht, dass das Aufstehen nur mit Geräuschen und Flüchen funktioniert, die in einer individuellen Mundart in den Tag hineingestoßen werden.

Katharina J. Ferner legt daher ihre Fliegenpilz-zum-Frühstück-Gedichte doppelt an, links wird in Mundart geflucht, getobt und vor sich hin gesonnen, rechts geschieht das Ganze in einer lyrisch feinnervigen Art, die nur als Gedicht funktioniert, als Twitter oder sonst etwas Digitales aufgeschmissen wäre. Die Gedichte suggerieren nämlich einen alltäglichen Sound, sind aber elegant austariert zwischen Satzspiegel, Papier, Grau-Struktur und semantischer Auslegung. Ja selbst das Lesebändchen trägt zur lyrischen Stimmung bei und zeigt wie eine kleine Fahne, wie der poetische Wind steht.

im woid hängt a leich / im wald hängt eine leiche“ (94). Links die Mundart, rechts die Normalsprache, als Leser kann man quasi jede Zeile nachjustieren ob man es lieber hardcore oder soft-semantisch will. Und das Dreidimensionale der Verse entsteht wahrscheinlich erst, wenn man im klugen Tempo zwischen den beiden Auslebungen des Gedichtes switcht.

Die knapp fünfzig Gedichte sind in zwei lyrischen Gehege gehalten: almpoetik // oimgstanzln (5) und schwarzwaldlyrik // im schwoarzwoid (54).

In der Almpoetik geht es gleich zur Sache, weil es in dieser Gegend ohnehin keine Sünde gibt, darf alles gegessen werden, was giftig ist. Und auch sonst kann hier das Leben ausgeschüttelt werden mit vollen Händen, während es in der Welt ohne Alm ständig Gefahren, Einschränkungen und Verdrießlichkeiten gibt. Die Protagonisten dürfen in dieser Zone der Freiheit jede erdenkliche Position einnehmen und etwa mit den Augen eines Tieres Jägerin und Jäger im Unterholz zusehen. Mit ihren erotischen Accessoires bereiten diese nämlich einander Freude, indem sie flintig die Tiere schießen und einander vor die Füße legen als Strecke.

An anderer Stelle rennen Käfer ungeniert gegen eine Wand und werden dabei weder von Psychologen noch Botanikern klinisch betreut. Dann fallen wieder ausgehungerte Wanderer beim lyrischen Ich ein, schicken die Kinder vor und tun so, als ob sie ins Gelände gehörten.

Angesichts von Prozessen, die in Österreich mittlerweile im Ernst über das richtige Verhalten zwischen Wanderern und Einheimischen geführt werden, sind diese Gedichte geradezu wertvolles Gerichtsmaterial.

In der Abteilung Schwarzwaldlyrik geht es frivol weiter, jetzt verkriechen sich die Helden im mythisch unterlegten Forst, der ab und zu mit einer Unterhaltungsserie aufgebrochen wird. Der Kitsch hält in dieser Gegend, was er verspricht, niemand muss enttäuscht aus dem Mythos herausgehen, wenn er sich nur heftig genug in ihn verkrochen hat. Die Rehe sind nervös, der Wald ist tatsächlich verkleidet und eine Maus versucht im Waldschwimmbad überzusetzen. Selbst die Träume sind von Wald verseucht und man träumt von Bären, die einem bei Tageslicht lächerlich vorkommen, während man auf der Allerweltsterrasse sitzt und die obligaten Berge anstarrt.

Und dann endet es in diesem schönen Gedicht von der Leiche im Wald, die in Wien selbstverständlich auf der Straße liegen würde und in Salzburg in einem See dümpeln müsste. Im Schwarzwald hängt sie in gute Höhe und wird grün angestrichen, damit sie nicht stört. In diesem Bild ist die Wirklichkeit todernst, das Klischee ergreifend, und die lyrische Seele atemlos vor Gelächter.

Katharina J. Ferner nimmt artig die ausgestreuten Lyrik-Devotionalien und spielt damit in zwei Sprachnuancierungen, wobei die hingeknallten Spielkarten nur bedingt mit den hingebellten Sätzen zu tun haben müssen. Ein befreiendes Spiel, das man nach Ende der lyrischen Kartenrunde selbst weiterspielt.


Katharina J. Ferner: nur einmal fliegenpilz zum frühstück. Gedichte.

Innsbruck: Limbus 2019. 94 Seiten. EUR 13,-. ISBN 978-3-99039-143-3.

Katharina J. Ferner, geb. 1991, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 24/03/19



GEGENWARTSLITERATUR 2815

neben deinen fußnoten mein alter schuh

Die große Kraft der Erinnerung bewirkt, dass dabei die einzelnen Bauteile kreuz und quer zu liegen kommen. Bei jedem Update dieser Erinnerung liegen die Elemente wiederum neu angeordnet in der Schütte.

Friedrich Hahn verwendet diesen seltsam chaotischen Ordnungsbegriff von den Fußnoten neben dem Schuh, um sein Erinnerungsprojekt für einen poetischen Akt zugänglich zu machen. Die neuen Gedichte sind in zwei Versuchen angelegt, im ersten Teil handelt es sich um eine beinahe chronologisch aufgefädelte Sammlung zwischen 2015 bis 2018. Diesen Pigmenten der Vergangenheit ist ein Motto eingeschrieben: „am falschen ende der Welt oder: der mensch ist eine wanderausstellung“.

Ein lyrisches Ich trägt dabei allerhand Entwürfe und Notizen zusammen, die nach dem jeweiligen Empfindungsgrad des lyrischen Körpers stark oder sanft ausschlagen. Manchmal steuert die Jahreszeit den Gemütszustand und bringt beispielsweise einen November hervor, der alles verschwinden lässt oder zumindest unbrauchbar macht. „das gebirge vorm kopf / unbrauchbar / das gesicht / wie ein grundloses lachen“ (17) Gleich anschließend erscheinen die evozierten Gefühlslagen des Sommers als Tattoo, die Welt hat sich in allerlei Dinge aufgelöst. Und letztlich sind es Tätowierungen auf dünnem Eis, die die Balance zwischen dem Wort und den angehimmelten Mond vage austarieren.

Der dominante Seelenzustand ist eine Melange aus Abschied und Trennung. Eine Liebe fürs Leben, eine lange Arbeit, eine brauchbare Sichtweise auf die Welt, alles scheint jetzt verlorengegangen zu sein, halb schmerzhaft, halb befreiend. So tauchen Orte auf wie Aussee, Rust, Raabs, Litschau, an denen etwas Entscheidendes passiert ist, die aber jetzt als bloße Orte im Gedächtnis liegen. Sie sind noch einmal davongekommen aus dem Ungemach, mit schwerem Erinnerungsmaterial verschüttet zu werden. (35)

mein herz // mein herz / das einzelkind / es steht da / mit vollen händen / vor dir // es ist immer das fehlende / sagst du / und schaust weit weg / das uns mit dem / was nicht sichtbar // ist / verbindet“ (39)

Die drei als poetische Chronik aufgearbeiteten Jahre münden in den unvergesslich klaren Satz: „Existieren ist Reise genug“ (60).

Der zweite Teil umspannt etwa fünfundzwanzig Seiten und nennt sich Zyklus. Dieser Abschnitt besticht vor allem mit einer Theorie des Sammelns. Man stelle sich die einzelnen Gedichte am besten als die Böden von Schubladen vor, die spontan aus einem Möbel der eigenen Befindlichkeit gezogen worden sind.

In strenger Draufsicht erscheinen die Gedichte als Textquadrat, Blocksatz und Fließtext in einem. Fließtext meint hier in übertragenen Sinn, dass alles in einander rinnt. So auch die Stelle, wo die Fußnote an die Schuhsohle gerät.

neben deinen fußnoten mein alter / schuh wir frühstücken kreide mein / hansi oben am lampenschirm dein / kater drinnen im käfig schreie baden / in unschuld einer schreibt der ande- / re liest so die vereinbarung im wilden / fleisch der antwortlosigkeit unauf- / findbar die eingeborenen wünsche in / schönschrift eigens erfundene sätze / sätze denen menschen abhanden / gekommen sind dann der sinn und / zuletzt das papier auf dem sie ge- / schrieben waren“(68)

So ein Text also könnte am Boden einer Schublade liegen, die zufällig herausgezogen ist. Die Textmasse erinnert an schwere Dramaturgie eines Heiner Müller, wenn er Wörter aus dem Lehm von Germania zieht. Dabei ist dieses Gedicht mit Idylle ausgestattet, ein inniges Paar sitzt mit den Vögeln beim Frühstück und lässt die vergangene Nacht ausklingen mit geteilter Tagesarbeit. Gleichzeitig ist die Szenerie skurril überblendet von der Erinnerung, wenn man diesen Text schräg hält, wird er bedrohlich und zerfällt spontan in ungemütliche Einzelteile. Durch die scheinbar zufällige graphische Gliederung lässt sich der Text nach dem Lesen schütteln, und wenn man ihn neu aufzieht, steht wieder etwas ganz anderes da.

Die Elemente des Zyklus sind für sich genommen schon ein theatralisches Erlebnis, aber die herausgezogenen Texte korrespondieren untereinander, der obere verdeckt den unteren und am Schluss hat der Leser eine kompakte Mitschrift erlebt, ein poetisches Tagebuch, eine Chronik von Veränderung, eine Flash-Sammlung großer Liebe. Und alle großen Sätze von früher sind jetzt vielleicht Fußnoten zu einem alten Schuh, der das lyrische Ich inzwischen geworden ist, ausgelatscht, spröde und abgetreten. - Das lyrische Ich schenkt sind nichts.


Friedrich Hahn: neben deinen fußnoten mein alter schuh. Neue Gedichte.

Horn: Berger 2019. 94 Seiten. EUR 16,-. ISBN 978-3-85028-870-5.

Friedrich Hahn, geb. 1952 in Merkengersch / NÖ, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 20/03/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2183

Samowar & Huflattich

Die Kunst eines Künstlers besteht vor allem darin, die eigene Kindheit zu beschreiben und daraus die Thesen für ein sinnvolles Leben abzuleiten.

Arno Heinz ist Architekt und Schriftsteller, von Kindheit an interessiert ihn die Verquickung dieser beiden Künste in der Hoffnung, dass dadurch standfeste Literatur und informative Architektur entstehen könnte. Ein Leben lang beschäftigt ihn außerdem die Quellenforschung für das eigene Programm. Wo in der Kindheit sind die Weichenstellungen passiert, die aus ihm einen Künstler gemacht haben?

Die Dramaturgie einer Kindheit besteht darin, dass die einzelnen Bilder eben keinen Roman ergeben, sondern Bilder ohne Zusammenhang bleiben, die bei jedem Erinnern neu geordnet werden müssen. Die Kindheit des Autors fällt in die Kriegs- und Nachkriegszeit, wo die Ereignisse bewusst anders erzählt worden sind, als sie vielleicht gewesen sind.

Die Hauptrolle spielen die beiden Großmütter, von denen die eine (männlich) General und die andere (männlich) Dichter genannt wird. Die Haupteigenschaften sind somit Ordnung und Fantasie. Aber auch die zufälligen Passanten steuern gute Bilder zur Kindheit bei, in erster Linie sind es die Toten nach einem Bombenangriff, die von blutenden Lebenden umkränzt werden. Für das Kind ist das alles logisch, auch dass der Großvater offensichtlich in den Wald flüchtet und dort erst recht von Bombensplittern eingeholt wird.

Die Kinder dürfen im Unglück das ausleben, was man heute Freilandhühnern zugesteht, weshalb sie sich in der Rückschau Freilandkinder nennen. (27) Ständig kommen Leute vorbei, die auf der Flucht sind und ein paar Stunden verweilen, andere werden umquartiert, und als schließlich die Befreiungsarmee kommt, muss die Wohnung abermals geräumt werden.

Ordnung in dieses Erlebnis-Chaos bringt die eine Großmutter mit ihrem Ordnungswahn. Alles ist einer Zahl untergeordnet, weshalb die Kindheit auch von zwölf auf eins heruntergezählt wird. Dabei ist zwölf eine gute Zahl, die für schöne Erlebnisse herangezogen wird, elf ist eine schlechte, weil da der Jesus-Verräter schon ausgeschlossen ist aus der heiligen Zahl zwölf. So wird ein schönes Spiel mit Kaulquappen der Zwölf zugeordnet, das Zusammenspiel von Großmutter und Großvater der Unglückszahl elf. Dieses irre Zahlenspiel ist unterlegt mit der Zauberkraft gewisser Wörter. „Samowar“ wird zwar von der Großmutter in einem logischen Sinn verwendet, das Kind kann sich aber nichts Genaues vorstellen und weiß nur, es muss sich diesen schönen Begriff aufbewahren für ein schönes Ereignis.

Ich wollte ohne Hilfe der Erwachsenen das Rätsel um Samowar lösen, immerhin ging ich schon zur Schule. Vielleicht war es eine besondere Speise oder ein besonderes Tier.“ (36)

Das Kind bildet sich ein, dass die Erwachsenen auch ihren Samowar hätten, ein Verwandter nennt beispielsweise die Wunderwaffe des Endkrieges so oder so ähnlich.

Je kleiner die Zahlen werden, umso erwachsener wird der Autor. Einen schweren Einschnitt stellt die Vier dar, die mit dem Eintritt in die Realschule einhergeht. Der Künstler zeichnet Karikaturen, die sich aus Umrissen von Fratzen zusammensetzen, ehe sie von Ausbrüchen aus Hausfassaden abgelöst werden. Die Zeichnungen ringen um Ordnung und Fantasie, wie einst die Großmütter. „Und das schöne Wort Samowar hielt nicht, was es versprach.“ (67)

Das erste Mädchen taucht auf und zieht den Jüngling mit einer Drei in die Welt der Erwachsenen hinein. Großvater stirbt und wird mit einer Zwei begraben. Das Ich steht mit einer Eins plötzlich in der einzigen Welt da, die noch geblieben ist.

Arno Heinz hält sich an die autobiographische Faustregel, dass jeder seine eigene Form für das Erzählen der Kindheit finden muss. Andere haben beispielsweise eine Brache, auf der sie sich ins Leben spielen, andere spielen mit Farben und Gefühlen, dritte sind stolz darauf, mit sich alleine das Spielen erfunden zu haben. Arno Heinz hat sein Zauberwort Samowar, wobei der Huflattich eine Garnitur auf einem Teller ist, auf dem die Leibspeise angerichtet ist.


Arno Heinz: Samowar & Huflattich.

Zirl: BAES 2019. 89 Seiten. EUR 12,-. ISBN 978-3-9504419-7-0.

Arno Heinz, geb. 1941 in Innsbruck, lebt heute vorwiegend in Paris.

Helmuth Schönauer 10/03/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2189

Die Freiheit der Fische

Als Bibliothekar erfindet man ständig neue Ordnungen. Zum Beispiel jene, die Bücher nach den Vornamen der Helden abzustellen. Weit voran liegt dabei das Regal mit den Jakobs. Als Leser weiß man, dass jemand sprachgestört ist, wenn er Jakob heißt. Einer der ersten fulminanten „Jakobisten“ ist übrigens Norbert Gstrein mit seiner Erzählung „Einer“ aus dem Jahre 1988. Darin wird ein Außenseiter aus einem Tiroler Dorf abgeholt.

Sophie Reyer besticht mittlerweile als Tausendsassin und Vielschreiberin, die allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2019 fünf Bücher auf den Markt geworfen hat. Dabei bespielt sie als ehemaliges Wunderkind der Literatur alle Genres. Da darf auch der heilpädagogische Roman aus Tirol nicht fehlen.

Das Genre „erweitertes Mitleid“ wird in Tirol vor allem von Felix Mitterer abgehandelt. Im Stück Märzengrund bringt dieser einen Außenseiter auf die Bühne, der nach einer wahren Vorlage einen Einsamkeitsmonolog abzuhalten hat, wobei er Natur und Entlegenheit des Daseins besingt. Sophie Reyers Text basiert auf einer wahren Begebenheit, steht zu Beginn des Romans, wir wissen nicht, ob die Fabel oder die Verarbeitung durch Mitterer diese wahre Begebenheit ausmacht.

Jedenfalls heißt der Held Jakob und ist Außenseiter. In der Schule kriegt er nicht das Richtige mit und landet so in einer Sonderschule. Als er sich ungestüm forschend über ein Mädchen hermacht, landet er in der Psychiatrie. Man holt ihn wieder ins Dorf und verschickt ihn auf eine entlegene Alm, die Jakob Herzensgrund nennt. In einer Höhle verbringt er Jahreszeiten und Jahrzehnte, ehe er am Schluss mit Prostatakrebs in ein Altenheim kommt und stirbt. Soweit die brutale Fabel, landläufig erzählt.

Im Roman spielt sich alles viel inniger und heftiger ab. Jakob ist Autist und lebt in einer eigenen Welt. Flugzeuge erschrecken ihn genauso wie ein Mädchen, das er erstmals nackt sieht. Seine einzige Verbündete ist seine Schwester Resi, die ihn halbwegs versteht. Die Sprache verklumpt manchmal zu einem großen A. Alles andere verstummt. Das ist auch der Grund, warum Jakob sich mit den scheinbar stummen Fischen im Gebirgssee verständigen kann. Die Freiheit der Fische gilt es zu erreichen, wenn er mit bloßen Füßen im Wasser steht und mit ihnen über die Flossen spricht. Draußen vergehen die Jahreszeiten ordnungsgemäß, so hält sich der Roman in vier Kapiteln an die Jahreszeiten, wiewohl dahinter Jahrzehnte vergehen. Das Ende ist felsenfest unbarmherzig und entspricht einem Tiroler Antiroman. Vater erhängt sich, Mutter stirbt, eine Schwester heiratet, die andere pflegt. Am Schluss stirbt der Held mit einem großen A im Mund. Das kann Staunen sein oder auch das Alpha vom Omega.

Der Roman ist kunstvoll komponiert, an manchen Stellen wirkt die Innensicht des Helden freilich wie eine Schreibübung. Die Poesie ist gleichzeitig auch die Schwäche. Wenn sich der Autismus nämlich so abhandeln ließe wie ein Schreibprojekt, wären die täglich geforderten Heilpädagoginnen des Autismus einen großen Sprung weiter.

Ja, der Roman wirbt um ein neues Verständnis des Autismus, aber es ist letztlich doch ein klingender Erzählhappen, der dem literarischen Markt gehorcht und nicht der Realität.


Sophie Reyer: Die Freiheit der Fische. Roman.

Wien: Czernin 2019. 159 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-7076-0659-1.

Sophie Reyer, geb. 1984 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 27/03/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2181

Margarethe geht

Kinderbücher werden zwar für den Leseumgang mit Kindern verwendet, dienen aber vor allem den Erwachsenen zur Analyse ihres gesellschaftlichen Zustandes. Obendrein werden Kinderbücher von Erwachsenen gemacht, gekauft und rezensiert. Grund genug, sich als Erwachsener zwischendurch mit Kinderbüchern zu beschäftigen.

Ralf Schlatter ist ein Grenzgänger zwischen Tagtraum und Tageslicht. Ganz im Sinne des Schweizer luziden Impressionismus eines Robert Walser setzt er selbstverständliche Dinge in ein seltsames Licht und macht sie durchsichtig. Oder er schaut frisch gleich auf die Hinterseite der Protagonisten und gibt ihnen einen hintersinnigen dramaturgischen Auftrag.

Kinderbücher imponieren im ersten Anblättern durch die Illustrizität. Was lässt sich realistisch verfremden? Was liegt hinter Schattierungen und abgeschwächten Linien? Was versteckt sich in einem Haufen von Ereignissen und Mikrokosmen?

Ein gutes Kinderbuch ist fast immer eine Art Wimmelbuch, worin sich die dargebotenen Dinge gegenseitig ins Licht stellen und man mit dem Finger nicht mehr nachkommt: Schau da! Schau dort!

Und was ist in einer Zeit, in der Bienen und Insekten mit Volksbegehren gerettet werden müssen, üppiger und prunkvoller als eine Wiese, die man meist nur mehr vom Hörensagen kennt?

Man ahnt es schon, die Wiese im Kinderbuch ist eine besondere Wiese, die sich durchaus eine Monographie verdient hat. Zumal die Wiese eine komplette Heldin ist mit Gefühlen, Weisheit und Charme. Außerdem hat sie einen Namen: Margarethe.

Margarethe hat allerhand zu tun, dass sie immer der Jahreszeit entsprechend gekleidet ist. Bei ihr ist Gastfreundschaft groß geschrieben, Insekten, Gräser, Blüten kommen und gehen, nachdem sie einen Schwatz gehalten haben. Alle erzählen von einer Welt, die außerhalb der Wiese liegt. So ist es kein Wunder, dass Margarethe eines Tages den Entschluss fasst, auszuwandern. Sie streckt ihre Arme aus und packt sich selbst an allen vier Ecken und wandert aus.

Als Wiese hat Margarethe ein Auge für die wesentlichen Dinge dieser Welt. Einmal ist es ein Fluss, der die Weisheit verströmt, alles fließt. Und zum zweiten ist es der Wald, der die gute Erkenntnis verströmt: Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Allmählich schlägt sich die Welt auf das Gemüt der Wiese. Allenthalben wird Nachwuchs produziert und verteidigt, ständig gibt es einen Kampf um Futter, und auch die Jahreszeiten sind oft große Hindernisse für ein geruhsames Leben. Es stellt sich langsam die Frage, ob Auswandern eine gute Idee gewesen ist.

Bei Sonnenuntergang kommt der Wiese die rettende Idee. Margarethe wird durch das Ohr in das Innere einer Frau schlüpfen und als Frau die Welt verzaubern.

Und so kam es, dass Margarethe fortan im Kopf der Frau lebte. Das ganze Jahr über blühte sie und erstrahlte in ihrer vollen Pracht. Die sah man aber nur, wenn man der Frau lange in die Augen sah. Oder sie ebenso lange küsste.“

Als Kenner der Schweizer Literatur merkt man sofort: Das ist pure erotische Literatur. So wird in der Schweiz geflirtet, angebetet und gelitten! Kauzig wie ein Robert Walser.


Ralf Schlatter: Margarethe geht. Kinderbuch.

Innsbruck: Limbus 2019. 24 Seiten. EUR 16,-. ISBN 978-3-99039-146-4.

Ralf Schlatter, geb. 1971 in Schaffhausen, lebt in Zürich.

Helmuth Schönauer 12/03/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2185

Wenn ich blinzle wird es besser

Eine Erzählungssammlung ist trivial gesprochen mit einem Duschkopf vergleichbar, die einzelnen Strähne springen prickelnd individuell auf die Lesehaut, und dennoch gibt die Installation eine gewisse Richtung vor, der alle diese Strahlen zu folgen haben.

Christoph Strolz lässt in seinen sieben Erzählungen immer ein anderes Ich auftreten, in verschiedenen Posen, Lebenslagen und Berufen. Allen gemeinsam ist das Bestreben, für einen Augenblick der Wahrheit nahezukommen. Der Satz vom Blinzeln deutet eine Methode dabei an, ein Fotograf versucht, sein Model rein und wahrhaftig ins Bild zu setzen. Wenn ich blinzle, wird es besser, lautet die Erkenntnis, um Verunreinigungen aus der Haut zu kriegen. Die Erzählung heißt „Sisyphos“ (31) und deutet schon im Titel an, dass der Fotograf ziemlich vergeblich seine Gesichter ins gute Licht rollen wird. Die ganze Tortur der Arbeit hat erst dann einen Sinn und findet die Sisyphus-Vollendung, als es der Held kapiert: „Da beginne ich mich als glücklichen Menschen zu begreifen.“ (50)

Die Eingangsgeschichte kümmert sich mit dem schlichten Titel „Die Wahrheit“ um die Kraft der Wissenschaft, mit ihren Analysen etwas zur Wahrheitsfindung der Welt beitragen zu können. Der Start ist fulminant und voller Lesesog. Drei scheinbar zufällig ausgewählte Fallbeispiele sollen ein Projekt begründen, worin erforscht wird, warum an entscheidenden Situationen immer das Hirn aussetzt, um den notwendigen Satz zu formulieren. Ist es Angst vor der Wahrheit? Angst vor einer Assoziation, die dieser Satz auslösen könnte? Dabei sind die Situationen haarsträubend trivial. Auf der Terrasse kann einer dem Kellner nicht sagen, dass das Ei zu hart ist, eine Referentin bringt nach exzellentem Vortrag den Schlusssatz nicht auf die Bühne, und bei einem Staatsanwalt versagt die Vitalfunktion, als er das Wort Korruption aussprechen und Anklage erheben soll. Ein Ich-Erzähler arbeitet an der schottischen Universität dieses eingereichte Projekt ab. Dabei kommt er zum Ergebnis, dass Patienten deshalb an Tatsachenbehauptungen scheitern, weil die Ressource Wahrheit begrenzt ist. (26)

In einer für den Tourismus aufbereiteten Landschaft voller Wald und Schnee empfindet eine Zimmerfrau das poetische Leben als durchaus anstrengend. „Schnee“ (53) bedeutet für die Ich-Erzählerin, dass es schwierig ist, zum Arbeitsplatz zu kommen, und dass die Hotelzimmer unabhängig von der Witterung draußen nur durch Ritzen mit der Außenwelt verbunden sind. Zu Hause versucht sie dem Kind mit einem Bilderbuch den Schnee von draußen als inniges Erlebnis zu vermitteln. Anderntags begreift die Erzählerin abgebrüht das Quietschen des Reinigungswägelchens als poetischen Akt.

In der kurzen Geschichte mit dem langen Titel „Die Grundlagen der Harmonik nach Cornelius Berkowitz“ (67) wird der Ich-Musiker hin- und hergerissen zwischen der Welt der Anarchie und der Ordnung. Einerseits versucht das Ich, das Stück nach der Harmonielehre abzuarbeiten, andererseits fühlt es sich als Kommandant von Aufständischen, der einen illegalen Konvoi durch die Wüste zu schleusen hat. Beides lässt sich von der Dramaturgie her vergleichen und ist für das Ergebnis entscheidend. Wieviel Abweichung von der Ordnung braucht es, um ein Ziel zu erreichen, das außerhalb der Ordnung liegt?

Ist es Sauerstoffmangel oder Schönheit, jedenfalls kollabiert die Wahrnehmung am Gipfel nach gelungener „Tour“. (103) Das Bergsteiger-Ich gerät in Trance und sieht seinen Begleiter wanken, als ob er sich in die Tiefe stürzen wollte. Dabei ist alles nur so schön, dass man leicht den Halt verliert.

Christoph Strolz erzählt wie für ein Lifestyle-Magazin, die einzelnen Individuen sind Influencer für eine andere Art, die Dinge zu sehen. Perspektivenwechsel, Auflösung der Ordnung, Risiko zeichnen die Erzähler aus, die durchaus flott in der Gegenwart unterwegs sind, weil sie eine Zukunft haben. Wenn man sich den richtigen Ausschnitt aus dem Bild heraussucht, ist jedes Bild wahr, wenn man dabei noch blinzelt, wird es sogar scharf.


Christoph Strolz: Wenn ich blinzle wird es besser. Erzählungen.

Wien: Luftschacht 2019. 123 Seiten. EUR 18,50. ISBN 978-3-903081-33-8.

Christoph Strolz, geb.1979 in Zams, lebt in Wien und Anstruther/Schottland.

Helmuth Schönauer 31/03/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2179

Toko

Rätselhafte Romane stellen naturgemäß ein Geheimnis in den Vordergrund, das aber trotz aller Lesebemühungen nicht restlos gelöst werden kann. Einem seltsamen Begriff nähert man sich selbst bei Vorwissen sehr vorsichtig, denn alles führt in die Irre. So stellt sich die Vermutung, bei Toko könnte es sich um ein Schiwachs aus Kindertagen handeln, noch im Klappentext als falsch heraus.

Erwin Uhrmann setzt mit Toko gleich zwei Helden in Szene, die aber nicht greifbar werden. Einmal ist es der Hund Toko, der ständig ausbüchst und über weite Strecken als Verschollener durch den Roman streift, ein andermal ist es ein geheimnisvoller Onkel, der ein Leben lang auf Reisen ist. Diese beiden Tokos sind freilich in einer Rahmengeschichte versteckt, die sich selbst wieder in der Warteschleife eines Wissenschaftlers verkriecht.

Erich ist Literaturwissenschaftler und erforscht sogenannte Weltuntergänge. Einen schönen Aspekt liefern dabei die Küsten Englands, die über weite Strecken im Meer versinken. Genauere Studien wird er in Bath abwickeln, aber jetzt sitzt er noch in Wien und hat ein paar Tage Zeit, sich von allen zu verabschieden. Wenn man sich nämlich mitten im Leben verabschiedet, erweckt es die Illusion, ein neues Leben zu beginnen. Ein idealer Ort für diese Reinigungsmeditation ist Irrlitz, ein entlegener Ort, an dem Bobos als Zweitwohnsitzer ihrer Kindheit nachtrauern.

Ein befreundetes Paar stellt Erich das Haus in Irrlitz zur Verfügung. Es ist abgeschieden, abgefroren und sogar zeitlich entlegen zwischen Weihnachten und Neujahr. Schon in der ersten Nacht steht eine seltsame Frau vor der Tür und sucht ihren Hund Toko. Dieser verlorene Hund treibt in der Folge Erich und Daniela zusammen. Im Erich-Haus ist die Heizung kaputt und das Daniela-Anwesen stellt sich als Saurierpark heraus, auf dem von gigantischen Knochen abwärts alles herumliegt, wes die Geschichte der Menschheit beleuchten könnte. Selbst als der verschwundene Hund auftaucht, ändert das nicht viel, er gilt nach wie vor als verschwunden wie der Onkel, der immer wieder kleine Lebenszeichen aus aller Welt in den Dinopark zu schicken scheint.

Wenn es so richtig kalt wird, rückt die Menschheit gerne zusammen. Erich und Daniela kommen einander so nahe, dass sich daraus vielleicht eine Zukunft ergibt. Aber zuvor heißt es Reinemachen. Zu Silvester wird ein riesiges Feuer entzündet und bei dieser Gelegenheit gleich der Toko-Onkel verbrannt, der schon seit Monaten am Gelände liegt und als verschollen gilt, damit die Bank nicht aufs Grundstück kommt.

Das neue Jahr beginnt nicht nur mit neuen Vorsätzen, sondern auch gut gereinigt und von Altlasten befreit. Erich tritt seine Stelle in England an, in einem Brief versichert die Saurierfrau, dass sie ihn besuchen wird.

Erwin Uhrmann erzählt sehr schlitzohrig, indem er die Helden den Literaturgesetzen und nicht den Hormonen unterwirft. In einer Konstellation zwischen Dino-Park und Krambambuli müssen die beiden ihr Leben aufeinander zurichten, weil es die Literaturgeschichte so erwartet. Der Autor führt dem Leser makaber-klar vor, was passiert, wenn man die Erwartungen erfüllt. Ein guter Roman ist letztlich ein Saurierpark, aus dem man ausbrechen muss. Am besten, man verbrennt gleich noch die Leichen im Keller, die gerade in der Literatur massenhaft herumliegen. Ein Roman der Meta-Ebene, der bewusst auf tönernen Füssen in der Realität steht. So datiert der Abschlussbrief schlauerweise aus dem Mai 2019.


Erwin Uhrmann: Toko. Roman.

Innsbruck: Limbus 2019. 218 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-99039-139-6.

Erwin Uhrmann, geb. 1978, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 03/03/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2182

Die Unmöglichkeit

Der Roman ist die einzige Möglichkeit, die Unmöglichkeit des Lebens darzustellen. Im Roman kann sich das Dargestellte während der Lektüre ins Gegenteil verkehren, aus dem Möglichen wird dann das Unmögliche und umgekehrt.

Daniel Weissenbach zeigt einen Helden, der das Leben nicht in den Griff bekommt, weder sprachlich, erotisch, noch arbeitstechnisch. Ein Ich-Erzähler quält sich durchs Leben, versucht sogar diverse Identitäten aus der Literaturgeschichte anzunehmen und scheitert irgendwie erbärmlich. Als er den heiß-verehrten Trakl, dem er sogar auf das Todesfeld Galiziens gefolgt ist, am Mühlauer Friedhof ausgräbt, findet er nur einen Haufen Fake-Knochen und die lapidare Mitteilung „Hier lieg ich nicht“. (238)

Aus einem rasenden Text voller Gleichzeitigkeiten lässt sich eine Hilfshandlung herausdestillieren. Der Tiroler Hinrich, der offensichtlich für das Hotelwesen gezeugt worden ist, verlässt den Tourismus-Hotspot, um in Wien Germanistik zu studieren. Was studierst du deutsch, wenn wir eh alle deutsch sprechen, ist der nicht gerade ermunternde Spruch, mit dem er gegen Osten geschickt wird. Das Land seiner Kindheit ist voller Verlogenheit und Hilflosigkeit. In einer Dauerschleife läuft der Anton von Tirol, während der Babylift daneben allen neunzig Liter Schweröl pro Tag verbraucht. (152) Andererseits ist so gut wie nichts los. Laut der 16-Uhr-Nachrichten gestern gibt es wenig relevant Neues.“ (36)

Die Ereignisse tauchen als Erlebnisse und Niederschrift gleichzeitig auf. Der Erzähler verbringt viel Zeit in der Psychiatrie in Hall, die ein idealer Schreibort ist, zumal hier wirklich ständig Neues aus der Nazi-Zeit ausgegraben wird. Die Schreibarbeit ist als germanistische Hausarbeit angelegt, in der Trakl erforscht wird. Ein psychiatrisches Protokoll ist wie eine germanistische Arbeit und umgekehrt.

Mittendrin verwandelt sich der Erzähler in eine Figur aus dem Traklschen Ambiente. Seine Geliebte heißt jetzt Anna, die mit ihm durch Dick und Dünn geht, von der er sich aber die Erlösung seiner Zerwürfnisse mit der Welt erwartet. „Jetzt sind wir im Reinen. Sie liebt mich.“ (121) Im Anschluss an diese Gewissheit retten die Liebenden in Klimaschutz-Manier ein paar Kröten in einem Park.

Ein verrückter Arzt aus Hall begleitet seine Schreibarbeit, die an manchen Tagen zu kursiv gesetzten Zusammenfassungen einer Trakl-Biographie verklumpt. Letztlich lässt sich alles mit den Hauptwörtern Kunst, Liebe, Hoffnung und Totstellen zusammenfassen. (215) „Da weder auf Georg (Kunst) noch auf Anna (Liebe) Verlass war, stellte ich mich, eine Bibelstelle memorierend (Hoffnung) tot und bediente mich meiner schon vergessen geglaubten Fähigkeit des Bauchredens.“ Als Bauchredner tritt er in einen fetten Dialog mit Gott ein, der aus einem Herrgottswinkel der Kindheit in die Gegenwart dampft.

Eine Zeitlang versucht der Held, mit einem Roman namens „Möglichkeit“ die Figur der Anna zu beschreiben. Er sieht aber bald ein, dass dabei „Die Unmöglichkeit“ herauskommt, so sehr er sein Gebilde auch in der Realität verankern möchte. Um seinem Leben eine gewisse Logik zu geben, zitiert er Ereignisse aus der Chronik, wie etwa das Starkschneeereignis 1999, das zur Verwüstung von Tiroler Siedlungen geführt hat. Aber es geht kein logisches Ende her, selbst Befehle an die Psyche gehen ins Leere. „Schluss mit der Verrücktwerderei!“ (150)

Daniel Weissenbachs Roman ist eine Orgie an Wahnsinn, Rausch und purer Genialität. Der Trakl-Mythos wird psychiatrisch heruntergebrochen auf einen Helden der Gegenwart, der vermutlich eher wegen Trakl wahnsinnig wird als wegen Tirol. Der Ton ist natürlich berauschend und getragen, aber er hält immer Ritzen für das Lachen frei. Ob als Humoreske über Trakl oder Groteske über Tirol gelesen, es bleibt wegen der Tragik der Hauptfigur ein großer Lesespaß. Und der moralische Anteil schwankt in jeder Episode zwischen null und hundert. Unmöglich schön.


Daniel Weissenbach: Die Unmöglichkeit. Roman.

Wien: edition zzoo 2018. 239 Seiten. EUR 17,40. ISBN 978-3-902190-44-4.

Daniel Weissenbach, geb. 1980 in Zams, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 15/03/19




Buch in Pension – Rezensionen März/2019


Martin Amanshauser: Es ist unangenehm im Sonnensystem.

Juri Andruchowytsch: Karpatenkarneval. Roman.

Siegfried Höllrigl: Mein Amerika. Prosastücke.

Maxim Kantor: Rotes Licht. Roman.

Lenz Koppelstätter: Das Tal im Nebel. Ein Krimi aus Südtirol.

Ludwig Laher: Wo nur die Wiege stand.

Antoine Laurain: Die Zigarette danach. Roman.

Patrik Ourednik: Europeana. Eine kurze Geschichte Europas im 20. Jahrhundert.

Alfred Pfabigan: Kaiser, Kleider, Kind. Essay.

Ingrid Zebinger-Jacobi: Ich lege mein Herz. Kurzgeschichten.



GEGENWARTSLITERATUR 2811

Es ist unangenehm im Sonnensystem

Überall gibt es Richtlinien und Spielregeln, sodass man immer auf der Hut sein muss, alles richtig zu machen. Selbst das Sonnensystem, das berühmt ist für seine physikalischen Gesetze und logische Geradlinigkeit, ist durchaus unangenehm, weil es sich nicht durchschauen lässt.

Martin Amanshauser antwortet auf das Sonnensystem mit Gedichten, die einerseits die Kraft und den Willen zur Ewigkeit haben und es andererseits thematisch mit der Unendlichkeit aufnehmen. In jeder dieser kleinen Gedichtzellen steckt die DNA zu einem großen poetischen Tier. Was als fein geschliffenes Puzzleteil vor dem Leser liegt, ist subtiler Teil eines gigantischen Gedankengebäudes. Jedes Gedicht ist der Schlüssel zu einem Tresor, worin vielleicht etwas eingelagert ist, was die Welt noch nie gesehen hat. Und diese Schlüssel-Gedichte sind dann wie bei einem Kalauer auf einer großen bunten Frühlingswiese angehäuft, die den Begriff Schlüsselblume in einem neuen Licht erstrahlen lässt.

Schon im Eröffnungsgedicht bereitet sich das lyrische Ich auf das Geschäft des Dichtens vor. Wenn man in der Literaturszene punkten will, soll man üblicherweise eine Kneipe aufmachen, damit sich darin die poetischen Geister Tag und Nacht ansaufen können. „ich wollte nie eine Kneipe eröffnen“, sagt das Ich und erzählt einen literarischen Traum, den jeder österreichische Lyriker vor sich her durch die Jahrzehnte trägt. Ich wollte in Mattighofen lesen, im Bierstindl, in Kremsmünster und in Scheibbs. (6)

Der Literaturbetrieb wird in der Folge zum wahren Sonnensystem, worin die Genies herumgeistern wie Planeten und die Leserschaft sich hinter einem schwarzen Loch versteckt hält. Fixstern ist ein Gedichtband, der sich schlicht „100.000 verkaufte Exemplare nennt“ und als Nonplusultra für Erfolg gilt.

Die Botschaften entwachsen nicht nur den einzelnen Gedichten, wenn etwa Kandisin als das neue Opium für das Volk ausgewiesen wird, die wahren Informationen stecken in den Verknüpfungen der Texte untereinander. Wenn man etwa hypothetisch annimmt, dass die allseits gefeierte picksüße Mayröcker aus literarischem Kandisin besteht, so entwickelt sich plötzlich eine neue Faktenlage, was das Zusammenspiel von Aufklärung, Volk und Genie betrifft.

Dabei rennt das lyrische ich nicht blindlings in die Falle von guter Literatur, die ja bekanntlich alles verspricht und nichts hält, sondern die einzelnen Metiers werden durchaus in ihrem dekadenten Ambiente aufgesucht und für die Nachwelt eingefroren. Lyrik ist ein derart sterbendes Fach, ruft jemand aus, der gerade die Apokalypse beschreibt. (8)

Aus dem Kommunikationssystem brechen immer wieder einzelne Heroen aus und machen sich mit einer eigentümlichen Sprache selbständig. „Ich spreche Deutschland“ sagt eine Frau immer wieder und begehrt Einlass in die neue Welt, in die sie gerade geflüchtet ist.

Sag mir einfach Bescheid“, meint eine lyrische Stimme und ist für alles offen, ob das Gegenüber nun Suizid macht oder die Bildauslegung des Psychiaters nicht goutiert. „Wenn du das mit der Hacke nicht möchtest, sag mir einfach Bescheid.“ (120)

Im Zusammenhang mit psychiatrischen Gesprächen sind auch sogenannte Jandl-Versuche zu sehen, wo jemand jemanden nachmacht, weil er ihn für lustig hält. Bei einem anderen reicht es nur für Freibord-Gedichte, das sind Texte, die es in die Zeitschrift Freibord schaffen.

Diese Irrtümer, Fehlversuche, poetischen Anstiche und psychiatrischen Exzerpte enden in vollkommener Erschöpfung, die nur mit der Illusion überbrückt werden kann, dass das lyrische Ich heute endlich ein Gedicht geschrieben habe. Der Held ist so aufgekratzt vom Literaturbetrieb, dass er dem Publikum ein ordentliches Goodbye wünscht und innig hofft, dass ein Amokläufer hoffentlich mit einer Uzi etwas anstellt.

Martin Amanshauser hat sein Sonnensystem nicht näher mit den Daumenschrauben einer Gattungsbezeichnung gefoltert. Diese Gedichtähnlichen Gebilde sind am ehesten Textplaneten, die sich ruhig und verlässlich, aber auch kochend und wild verhalten. In neun Zyklen geht es um den armen M.A. selbst, um idiotischen Eigenschmerz, heimische Investoren, Unsterblichkeit, um das Mondkalb, das einen traurigen Song singt, um Reisen, Enttäuschungen, Marscherleichterung und den idealen Tierarzt. Die einzelnen Kapitel sind dabei durchaus als Welterkenntnis formuliert. „Unterwegs zu sein reduziert das Risiko, keinen Lebenslauf zu haben.“

Auch wenn es im Sonnensystem unangenehm ist, dieser Ratgeber zeigt ein paar poetische Schmähs, wie man die Tage dennoch halbwegs belichtet hinkriegen kann.


Martin Amanshauser: Es ist unangenehm im Sonnensystem.

Wien: Kremayr & Scheriau 2019. 171 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-3-218-01163-1.

Martin Amanshauser, geb.1968 in Salzburg, ist Reisejournalist und Schriftsteller.

Helmuth Schönauer 20/02/19



GEGENWARTSLITERATUR 2810

Karpatenkarneval

Freche Dichter betreten die Literaturszene gerne mit einem Roman, der die Gestalt einer Handgranate hat, bei der der Splint schon gezogen ist.

Juri Andruchowytsch ist mit einer sprichwörtlichen Explosion auf die ukrainische und internationale Literaturbühne getreten. Atemlos und ansatzlos wird der Roman „Karpatenkarneval“ in den Monaten September und Oktober 1990 heruntergeschrieben. Das Thema ist ein Schöpfungsfestival, auf dem die Welt neu erfunden und gleich ausprobiert wird.

Eine amorph neue Ukraine wird anhand eines ausgelassenen Happenings gefeiert, ein Mittelding zwischen politischem Woodstock und poetischem Walden. Alles was Farben, Instrumente und Ideen hat, macht sich auf in die Kleinstadt Tschortopil in den Karpaten. Über diesen fiktiven Wallfahrtsort heißt es in einer erfundenen heimatkundlichen Abhandlung: „Tschortopil ist ringsum von Bergen umgeben.“ (7) Der Protagonist Choma ist Dichter und reist auf einer Welle von Begeisterung ins Gebirge. Alles ist schön, weil es überwunden ist, so schmerzt auch der desolate Bahnhof nicht weiter, weil er aus der österreichischen Zeit stammt und die wird als schön empfunden. Auf den letzten Kilometern taucht plötzlich ein alter Imperial auf, der von einem übergeschnappten Universalkünstler gesteuert wird. In einem Mini-Roadmovie wird alles ausgepackt, was das anstehende Festival bereichern könnte.

Da trifft es sich gut, dass Choma schon etwas geschrieben hat, das vielleicht erst im Moment der Darbietung fertig geworden ist. So ein frisches Spontanwerk hat den Vorteil, dass es sofort in der Vergessenheit entsorgt werden kann, wenn es niemand würdigt. Echte On-the-Roand-Kunst bricht zusammen, sobald man den Motor abstellt oder aus dem Waggon klettert. Andererseits baut sich das Programm des „auferstandenen Geistes“ wie von selbst auf, sobald genug Leute angekommen sind.

Im Festprogramm kann es Überraschungen geben, heißt es verschmitzt, auf einem Folder. Jedenfalls sind elf Punkte angeführt, von einer wissenschaftlich-theoretischen Konferenz über Liturgie, Folk, Tanzturnier, Rock-Festival bis hin zu Dichterlesung und Schlussakkord. (41)

Das Programm kann als Manifest für die neue Ukraine gelesen werden, physisch unterstützt von der seltsamen Kultur der Huzulen, die im neuen Staat wieder ans Tageslicht dürfen. Es gibt noch keine Spielregeln über den Diskurs. Jemand fragt unvermittelt, ob das alles eine Parodie auf Gorbatschow sei. (56) Aber dann bricht das Festival los, allein die Aufzählung aller anwesenden Berufsstände und Künstlergruppen dauert drei Seiten.

In Seitengesprächen bahnen sich schon die ersten Erkenntnisse an: „Wir wuchsen auf, jeder wie er konnte.“ (102) Dabei muss vor allem schnell einmal mit der Aufarbeitung der Geschichte begonnen werden, denn viele sind in den Donbass deportiert worden und wollen sich jetzt im Angesicht der Karpaten neu erfinden.

Am Höhepunkt des Festes zerbröseln die Teilnehmer in Einzelschicksale, ein paar drehen um, und wollen wieder nach Hause, andere landen im Bordell oder mit schweren Blicken im Angesicht des Gegenübers. Auch die Dichterlesung sprengt sich selbst, indem sich die Texte während des Vortrags auflösen und jegliche Ernsthaftigkeit verlorengeht. Im Dunstkreis diverser Drogen brechen die ersten Psychosen auf, und jemand unterliegt dem Wahn, dass schon wieder Krieg ist und eine Armee alles besetzt hält.

Das Festival kennt kein Ende. Gerade als sich alle mit dem neuen Geist angefreundet haben, startet eine Militärparade und es beginnt der nächste Abschnitt, plötzlich müssen wieder wie wild Gedichte gelesen werden.

Karpatenkarneval ist eine Orgie des Aufbruchs. Alle Schattierungen von Utopie sind möglich, Entwurf und Abhandlung halten sich in Schach, neue Elemente versickern im Sog alter Bräuche, der Optimismus verliert seine Leichtigkeit, und am Ende ist vielleicht alles eine groteske Parade, auf der die alten Geister ihre neuen Waffen zeigen.

Dieser Staatsgründungs-Roman hat die erstaunliche Fähigkeit, dass er mit der Realität jeweils mithalten kann. So verrückt kann sich die Ukraine gar nicht entwickeln, dass sie nicht schon vom Karneval der Karpaten überrollt wäre. Die grotesken Feste haben die Neigung, in brutale Realität auszuarten. Ein beunruhigender Roman!


Juri Andruchowytsch: Karpatenkarneval. Roman. A. d. Ukrain. von Sabine Stöhr. [Orig.: Recreacii, Kiew 1992].

Berlin: Suhrkamp 2019. 171 Seiten. EUR 16,50. ISBN 978-3-518-46941-5.

Juri Andruchowytsch, geb. 1960 in Iwano-Frankiwsk, lebt in Iwano-Frankiwsk.

Sabine Stöhr, geb. 1968, studierte Slawistik, lebt in Berlin

Helmuth Schönauer 12/02/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2178

Mein Amerika

Als Buch größter Sehnsucht, die sogar noch erfüllt werden kann, gilt gemeinhin Franz Kafkas Roman Amerika, ursprünglich der Verschollene genannt. In diesem Abenteuer voller Unschuld, Verführung und Aufbruchsstimmung wird ein Sechzehnjähriger nach Amerika verschifft, wo er schließlich im Landesinneren von einem Naturtheater in Oklahoma verzaubert und erlöst wird.

Siegfried Höllrigl bastelt sich aus kleinen Prosastücken und Skizzen ein persönliches Amerika zusammen, indem er zu glücksbringenden Bildern Amerika sagt. Den Schlüssel, um dieses Schloss der Verzückung aufzusperren, liefert ein Absatz aus dem Tagebuch von Henry David Thoreau, worin dieser das Verhältnis von Nähe und Ferne, Bewegung und Ruhe, Welt und Heimat zusammenfasst.

Die Entdeckungen, die wir in fremden Ländern machen, sind spezifische und besondere; diejenigen, die wir zu Hause machen, sind allgemeine und bedeutende. Je weiter weg wir uns begeben, desto näher sind wir der Oberfläche; je näher unsere Heimat, desto mehr gelangen wir in die Tiefe. Geh und suche die Quellen des Lebens, und du wirst dir genug Bewegung verschaffen.“

Das große Thema des Siegfried Höllrigl ist das Erleben weitläufiger Phänomene wie Wetter oder Jahreszeit durch das Individuum. „Vom heurigen Sommer erinnere ich die geschwollenen Füße meiner Mutter.“ (11) In dieser Konstellation von persönlicher Erfahrung und öffentlichen Daten wird der Sommer einmalig und gleichzeitig als Referenzepisode für alles Sommerliche empfunden. Die Mutter, die Blumenhändlerin, eine schwitzende Bäuerin, sie alle tragen zu einem zeitlosen Bild bei, das an anderer Stelle die schöne Jahreszeit genannt wird.

Überhaupt erinnern diese hellen Impressionen voller Sonnenschein an die Erinnerungsblätter eines Robert Walser, die diesem während seiner Spaziergänge aus den Bäumen zugefallen sind.

Das „Amerika-Ich“ wartet in der Folge auf den ersten Schnee, zelebriert das Flanieren auf einem Steig nach Dorf Tirol und huldigt zwischendurch den Bäumen, die trotz Mächtigkeit spurlos in einer Mure verschwinden können, wenn der Natur danach ist. Und was ist überhaupt ein heiler Wald?

Die Themen werden von seltsamen Zeichnungen eingeführt. Die Natur ist reduziert auf drei Kuppen, die von Schraffuren bedeckt sind und alle Jahreszeiten gleichzeitig hervorbringen. Ein tollkühner Mast wartet offensichtlich auf seine Sprengung und läutet ein Kapitel ein, worin sogenannte Laubfeger durch die Natur heulen, um gegen Abend hin eine mustergültige Kunstlandschaft zu hinterlassen. Schön ist das nicht, sagt jemand, aber wie er es sagt, das ist schon wieder schön. Das Verhältnis Erzählen und Sehen kommt in einem Bonmot zum Ausdruck, wonach das Beschreiben vom Anlegen der Schneeketten komplizierter ist als das Anlegen selbst.

Gegen Ende hin kommen dann explizite Kafka-Montagen zum Vorschein. Zuerst ist es noch der Jäger Gracchus, den der Erzähler bei einer Wanderung am Gardasee als Vorstufe der Kafka-Erzählung entdeckt. In einem weiteren Schritt löst ein Telegramm zwischen Kafka und Milena eine Tragödie aus, und schließlich kommt K. selbst als Alptraum ins Spiel, indem eine Zugfahrt quer durch die Literaturgeschichte führt und der Alpträumer das Abteil gerade noch verlassen kann, ehe das Buch am Ende ist.

Die Prosa von Siegfried Höllrigl wächst direkt aus einem Stillleben heraus, wie man es oft auf melancholischen Kalenderblättern sieht, wenn die Figuren auf der Hausbank sitzend für die jeweilige Jahreszeit eingedickt sind. Andererseits sind diese Stücke ein angewandter Katalog für eine Ausstellung, die das Leben jenen bietet, die zum Schauen bereit sind. Für den Meister der Handpresse sind diese Geschichten Blätter, die wie Kupferstiche aus einer Maschine springen, die mit Hand betrieben wird.


Siegfried Höllrigl: Mein Amerika. Prosastücke.

Innsbruck: Edition Laurin 2019. 96 Seiten. EUR 18,90. ISBN 978-3-902866-74-5.

Siegfried Höllrigl, geb. 1943 in Meran, lebt in Meran.

Helmuth Schönauer 24/02/18



GEGENWARTSLITERATUR 2699

Rotes Licht

Ein russischer Roman mit dem Versprechen, ein ganzes Jahrhundert und einen ganzen Kontinent darzustellen, garantiert vor allem eines: Ein Figuren-Set, das jeden Zwischenspeicher beim Lesen sprengt. Der kluge Leser lässt also die meisten Figuren beiseite und zieht jeweils einen Helden auf russischer und deutscher Seite auf seine Seite.

Beim Mammut-Werk „Rotes Licht“ geht es um nichts anderes, als um den Zustand eines Putin-Russlands so um die Gegenwart herum. Dabei sind tausende Erzählfäden vonnöten, um halbwegs ein historisches Geflecht zu beschreiben. Der Roman bietet dazu ergänzende Einsprengsel zu einem historischen Fach-Werk, im Roman lässt sich nämlich zeigen, wie historische Maßnahmen beim Endverbraucher ankommen.

Einer dieser Endverbraucher ist der russische Wissenschaftler Salomon Richter, der in einem Moskauer Vorort-Spital im Sterben liegt. Wie bei allen Moribunden läuft das Leben in ruckeligen Bildern noch einmal vorbei, unterfüttert von aktuellen Geräuschen der Gegenwart. Salomon ist in Buenos Aires geboren, aber 1927 mit seinem Vater in die Sowjetunion übersiedelt, wo er die oft tödlichen Wellenbewegungen der russischen Geschichte immer gerade noch überlebt hat. Auch jetzt noch, beim Sterben, dringen die Nachrichten aus dem Donbass bis ans Bett durch, in TV-Schaltungen sieht man Kampfmaßnahmen, wie sie in Russland seit Zaren-Zeiten üblich sind. Es gehört offensichtlich zur DNA Russlands, ständig in einem inneren oder äußern Krieg zu sein. Das rote Licht wird dabei ständig von feindlichem Gelichter irritiert, fast ein Jahrhundert lang kämpfen Braun mit Rot, Kapital gegen Sozialismus, deutsche Ideologien mit der russischen Seele. Für die Leser und den sterbenden Salomon bleibt eine Beruhigung: Im Sterbezimmer setzt sich das rote Licht durch!

Die zweite Leit-Figur ist vielleicht Ernst Hanfstaengl, der ein früher Kompagnon von Adolf Hitler ist, ehe er sich rechtzeitig absetzen kann und später Regierungen im Kalten Krieg berät. Er wird im Klappentext als Mephisto angepriesen, der zu allem eine Gegenthese hat. Tatsächlich lässt er Sätze heraus wie: Der Krieg ist stärker als Hitler, offensiver als Stalin. (338) An anderer Stelle plant er für Hitler so etwas wie das Königtum, um eine Parallele zu den Staufern zu installieren und das Unternehmen Barbarossa mythologisch zu unterfüttern.

Die dritte wesentliche Figur ist der Autor selbst, der aus diesem Grund mit einem eigenen Beiheft vorgestellt wird. Maxim Kantor ist international anerkannter Künstler, der eine Zeitlang die offizielle Regierungslinie im Ausland vertreten hat. Auch sein erster Roman „Zeichenlehrbuch“ wurde 2006 in Russland noch gefeiert, doch dann kommt es zum Bruch mit dem Putinismus und der Autor wird zu Hause kleingehalten und im Ausland als Dissident herumgereicht. In einem Interview erzählt er seine eigene Geschichte als Folie für den Roman.

Im Roman tritt das ganze Jahrhundert quasi gleichzeitig auf, wie bei einem gigantischen Gemälde. Alles greift in einander über, Parolen machen sich selbständig und entfernen sich vom jeweiligen Kontext, um als Groteske sich in einer anderen Gegend niederzulassen. Als „roter“ Faden ziehen sich das Chaos der Revolution, der Vaterländische Krieg, der Zerfall der Sowjetunion und der oligarchische Kapitalismus nach Jelzin durch die große Erzählung, die sich ihre Logik aus mannigfachen Gesprächen und großem Kopfschütteln der Protagonisten holt. Letztlich dient das Groteske als Motor der Geschichte, heißt es einmal. Und die echte Geschichte produziert Wirklichkeit mit Vergangenheit. (671)

Die einzelnen Sequenzen zerfallen dabei zu purem Abenteuer. Ob sich nun jemand in Stalingrad eine Zigarette anzündet oder ein gewisser Molke im Keller erbärmlich hingerichtet und aufgehängt wird wie Schlachtvieh: Im Vordergrund steht das Plastische, Blutige, Knallige der Geschichte, erst hintennach werden darüber blumige Formulierungen gefunden. Ein wenig erinnert diese Darstellung an die Schlachtbeschreibungen eines Heiner Müller, der ja immer gezeigt hat, wie blasse Parteiprogramme in der Wirklichkeit blutig und farbig werden.

Das Groteske geht beinahe in Klamauk über, wenn etwa ein gefangener Ukrainer im Donbass auf Befehl der russischen Okkupanten seine eigenen Epauletten fressen muss. Oder wenn Hitler nicht das Glück des Vielfraßes Kohl hat, und gegen Russland kämpfen muss, während Kohl die DDR gratis von Russland kriegt.

Diese schrägen Bilder ermahnen den Leser, jeweils selbst zu kalibrieren, was gerade noch geht und was eine Verfehlung der Politicalcorrectness ist. Der Text ist auf jeden Fall ohne Moral und stellt dadurch den Leser vor neue Aufgaben, denn wenn er nicht aufpasst, tappt er in alle möglichen politischen und philosophische Fallen. So tritt etwa der ewig sprachmonströse Heidegger auf und verbrämt mit seiner Singsang-Sprache der Nazis alle politischen Entscheidungen. Ob diese nun braun oder rot sind, die Sprache ist dabei moralisch farblos.

Die Verknüpfung der Zeitebenen zu einen fiktionalen Schlauch ergibt auch einen seltsamen Erzählfluss. Eben noch emigriert jemand vor den Nazis, da kommen schon die super-reichen Putianer-Oligarchen nach London und kaufen ganze Straßenzüge auf. Zu Hause erlässt inzwischen Gasprom eigene Gesetze, um die Altersarmut zu bekämpfen, indem die Alten nach Möglichkeit kürzer leben sollen.

Die gegenwärtige Herrscherclique hat den Zerfall der Sowjetunion perfekt für die eigenen Geschäfte genützt und muss damit rechnen, dass es ein Stalin-Revival gibt. „Begeistert wird das Volk Stalin zurückbringen und eure Klöppeldemokraten in Fetzen zerreißen.“ (529)

Für die angewandte Wirklichkeit Russlands schaut die Prognose vielleicht nicht gut aus, aber in den Bildern und Farben wird alles gut werden, das ist eine russische Eigenschaft. Spätestens beim Sterben gibt es wieder rotes Licht.


Maxim Kantor: Rotes Licht. Roman. A. d. Russ. von Juri Elperin, Sebastian Gutnik, Olga Korneev, Claudia Korneev. [Orig.: Krasnyi Svet, Moskau 2013].

Wien: Zsolnay 2018. 704 Seiten. EUR 29,-. ISBN 978-3-552-05853-8.

Maxim Kantor, geb. 1957 in Moskau, lebt in Berlin und Oxford. Dem Roman ist ein 95-seitiges Lesebuch beigefügt mit Leseprobe, Autorengespräch, Illustrationen und biographischen Skizzen.

Helmuth Schönauer 22/01/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2176

Das Tal im Nebel

Warum können die Südtiroler ihre Morde nicht zivilisiert begehen? Statt dessen muss man immer im Ödland, im Müll und an der Peripherie herumstochern.

Lenz Koppelstätter hat den gebildetsten und musischsten Kommissar im Rennen. Man spürt es als Leser, dass er sich das ganze Krimigetue nur deshalb antut, weil die anderen Felder der Literatur kaum mehr beachtet werden. Jetzt hat er seinen Kommissar Grauner mit Bildung, Sensibilität und trockenem Humor ausgestattet. Das Kriminelle ist dabei eine Begleiterscheinung beim Erzählen. Die Fälle werden, wenn möglich, schnell und in Nebensätzen erledigt, denn in der Hauptsache geht es für Grauner darum, als Alternativlandwirt in Harmonie mit Land und Geschichte zu leben, seiner Tochter beim Pubertieren zu helfen und seinen Kühen beim Melken Gustav Mahler vorzuspielen.

Das ganze Unglück wird in einem Prolog angerichtet. In der ganzjährig vernebelten Brache rund um den Unterland-Ort Auer findet der Außenseiter Zwölfer in den Obstkisten zweit tote Frauen, wie im Katalog sind sie blond und braun. Es handelt sich tatsächlich um Nebelfrauen, wie die Prostituierten dieser Gegend genannt werden, wenn sie meist ohne Zuhälter selbständig in den Mooshütten arbeiten.

Jetzt kommt der Krimi in Gang. Auf der guten, weil amtlichen Seite, knabbern Grauner und Kollege Saltapepe am Fall, auf der anderen Seite versuchen Bauern, Weinhändler und Barbetreiber die Sache möglichst dunkel und geheimnisvoll zu halten. Zwischendurch glaubt man sich in einen Agrarkrimi versetzt. Der Kommissar baut zu den Kühen menschliche Beziehungen auf, die Moos-Bauern schirmen sich von der Außenwelt ab und trinken Tag für Tag ihr alkoholisches Süppchen, und die dritten sind in die internationale Weinpantscherei eingestiegen.

Tatsächlich ziehen sich zwei Chinesen wie ein gelber Faden durch den Krimi. Als Höhepunkt locken sie die Ermittler zu einer Scheinadresse in Innsbruck, wo eine leere Wohnung gestürmt wird.

Dazu muss man wissen, dass in der Krimiszene Innsbruck als das Mekka gilt. Jeder Südtiroler Kommissar lechzt danach, endlich in Innsbruck einen kurzen internationalen Auftritt zu haben. Umgekehrt behandeln die Innsbrucker Welt-Polizisten die Südtiroler gerne als rurale Sub-Experten, die man nicht auf den höchsten Wissensstand bringen muss.

Nach diesem Innsbruck-Einsatz, der wie fast alle Auftritte in dieser Stadt sinnlos ist, kehrt die Truppe noch einmal in die Wüste des Südtiroler Unterlandes zurück und klärt alles auf.

Die Nebel lichten sich, aber zuvor gibt es noch Überfälle bei der Observierung von Verdächtigen, die Wein-Szene zeigt sich von der unguten Seite, und die Nebelfrauen sind gar nicht so selbständig, wie sie es gerne hätten, ein internationaler Schlepperring ist hinter ihnen her.

Der genaue Ablauf dieser Aufklärungsvorgänge darf nicht verraten werden, denn dann wäre der Krimi ja sinnlos.

Dafür sind die Motive für Verbrechen umso einleuchtender. Südtiroler Geschäftsleute sind nicht imstande, mit Frauen ein ordentliches Sexual-Geschäftsleben aufzubauen. Die Gefühle sind fallweise zu groß und die Währung zu klein, sexuell wird immer noch in Lira gedacht. So muss es zum Mord in jenen Gegenden kommen, die abgelegen von jeder Zivilisation auch abseitige Rituale erlauben.

Wie immer steckt bei Lenz Koppelstätter der Sinn in Seitenhieben und Seitenbemerkungen. „Das Geschäft ist zu groß für einen kleinen Fälscher aus Südtirol.“ (247)


Lenz Koppelstätter: Das Tal im Nebel. Ein Fall für Commissario Grauner. Ein Krimi aus Südtirol.

Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019. (= KiWi 1622). 274 Seiten. EUR 10,30. ISBN 978-3-462-05191-9.

Lenz Koppelstätter, geb. 1982 in Bozen, lebt nach Jahren in Berlin wieder in Bozen.

Helmuth Schönauer 21/01/19



GEGENWARTSLITERATUR 2809

Wo nur die Wiege stand

Selbst große Tiere haben einmal klein angefangen, weshalb für die Vermarktung von Persönlichkeiten der Geburtsort immer ein kapitaler Schatz ist, welcher einer Gemeinde zufällt, in der sich der Säugling zum ersten Mal auf dieser Welt gemeldet hat.

Ludwig Laher geht mit gesundem Argwohn jenen Kulten nach, die sich um die Geburtsorte mit einmaligem Windelwechsel ranken. Gerade die Literaturwissenschaft, die mittlerweile völlig kommerzialisiert ist, setzt sich immer wieder zum ökonomischen Ziel, einen uninteressanten Ort durch Anbringen diverser Schautafeln zu einem Geburtsort und damit Hotspot mit Overkill-Faktor zu machen.

Ehe sich der Autor einigen makaberen Fällen in Kunst und Kultur zuwendet, handelt er das Windelgetue am Beispiel von zwei Welt-Persönlichkeiten ab.

Am untersten Inntal, von dem freilich die sonst so Inntal-versessenen Tiroler nichts mehr wissen wollen, liegen in der Nähe der Mündung zwei Geburtsweltorte: Marktl für Papst Benedikt und Braunau für Hitler. Das Marketing für die beiden Selfie-Ambientes könnte unterschiedlicher nicht sein. Während man Marktl mit einer Teilautobahn erschlossen und den Ortskern für eine permanente Feldmesse gepflastert und herausgeputzt hat, um beim Papstbesuch gut abzuschneiden, unternimmt Braunau alles, um die stets nachquellenden Nazis zu vergrämen und vom Hitler-Geburtshaus fernzuhalten. So sehr man auch abreißt, umbaut, enteignet und planiert, den Hitler-Geist kriegt man nicht mehr weg, zum Unterschied vom Heiligen Geist in Marktl, der mit dem Papst wieder abgereist ist. Beide Weltgrößen haben sich nur zufällig in den Geburtsorten aufgehalten und sind auch bald wieder weggezogen, nachdem die Geburt abgewickelt war.

Das Anrufen von Geistern und ihre Beschwörung ist auch das Hauptanliegen von diversen Literatureinrichtungen und Literaturhäusern. Klagenfurt wäre noch immer eine überalterte Hofratssiedlung rund um einen Bahnhof, hätte man nicht die glorreiche Idee gehabt, darin ein Musil-Archiv einzurichten. Tatsächlich hat Robert Musil eine Windellänge gegenüber dem Hauptbahnhof verbracht, später aber von diesem Ereignis kaum mehr Notiz genommen. Jetzt stopft man in seinem Namen alles ins Archiv, was Kohle und Wertzuwachs garantiert. Längst sind Manuskripte von Dichtern Aktien geworden, die von Nachlassgermanisten an der Literaturbörse gehandelt werden. Christine Lavant und der Vorlass-Spezialist Josef Winkler umkränzen den Glorienschein von Robert Musil, der nur vom Bachmann-Wettlesen im nahegelegenen ORF-Theater getoppt wird.

Musil selbst hat für einen Romanentwurf die Sache mit den Windelorten wie immer essayistisch cool gesehen. „Geboren in Steyr. Eigentlich nicht ganz. Aber im Zeitalter der Versetzungen, Geschäftsaufenthalte udgl. werden viele anderswo geboren als sie auf die Welt kommen.“ (41)

Ist schon in der Provinz das Theater mit den Geburtsorten ein Theater, so wird es auf der Weltbühne oft zur Groteske. So versucht die fränkische Siedlung Wunsiedl mit einem Jean-Paul-Kult diverse Naziprozessionen zu einem Fliegergrab zu übertünchen. Das Einstein-Haus in Ulm wird von einer geometrischen Plastik markiert, die mitten in der Fußgängerzone ungefähr andeuten soll, wo das Genie auf die Welt gekommen ist. Und von Paul Celan ist offensichtlich nichts mehr von der muffigen Geburtswohnung im Tiefparterre übrig, weshalb man gleich die ganze Stadt Czernowitz zum Kulturdenkmal mit Nächtigungsmöglichkeit ausgerufen hat.

Nicht nur die Literatur leidet an Unterversorgung mit guten Geburtsorten, auch in der Politik ist ein ständiges Kommen und Gehen, wenn sich die entsprechenden Ideologien verändern. So will plötzlich niemand mehr etwas von Dollfuß wissen, obwohl man sich gerade noch um ihn gerissen hat. Sein Bild wurde aus dem Parlamentsclub entfernt und liegt jetzt nahe seinem Geburtsort Texing im Partei-Museum von St. Pölten.

Ludwig Laher erzählt mit Kopfschütteln von diesen Kulten über die Anziehungskraft früh verlassener Geburtsorte. Sein Essay ermuntert die Leserschaft vor allem dazu, in der eigenen Umgebung nach solchen abgewrackten und aufgemotzten Wiegenorten zu suchen.

In Tirol etwa sind plötzlich bei Kriegsende alle Genies in Seefeld geboren, weil man die Innsbrucker Geburtsstation wegen der Luftangriffe dorthin ausgelagert hat. Der DADA-Schriftsteller Raoul Schrott lebte eine Zeitlang recht gut von seinem Namen und der Behauptung, in Tunis auf einem Schiff geboren zu sein. Der tapfere Tirolflüchtling Norbert Gstrein schließlich verdankt seinen im berüchtigten Inntal gelegenen Geburtsort Mils der Tatsache, dass das friedliche Vent im Winter eingeschneit war, sodass seine Mutter bereits lange vor den Lawinen in bewohntes Gebiet gezogen ist, um die Niederkunft ordnungsgemäß hinzukriegen.

Aus all diesen Anekdoten lässt sich mittlerweile Reibach machen, seit mit der puren Literatur kein Geschäft mehr zu machen ist.


Ludwig Laher: Wo nur die Wiege stand. Über die Anziehungskraft früh verlassener Geburtsorte.

Salzburg: Otto Müller 2019. 104 Seiten. EUR 17,-. ISBN 978-3-7013-1265-8.

Ludwig Laher, geb. 1955 in Linz, lebt in St. Pantaleon.

Helmuth Schönauer 22/02/19



GEGENWARTSLITERATUR 2807

Die Zigarette danach

Zwischen Rauchern und Nichtrauchern gibt es letztlich keine Verständigung, weil beide in einem anderen Aggregatzustand leben. Ein Nichtraucher wird nie verstehen, wie man sich freiwillig so abhängig machen kann, ein Raucher wird nie goutieren, dass jemand die Lust am Leben so achtlos beiseite lässt, indem man nichts zwischen die Lippen steckt.

Antoine Laurain vergisst den medizinischen Zeigefinger und lässt Heldenhaftes aus der Ich-Position eines Rauchers erzählen. Bei gewöhnlichen Helden wird ja auch nie drüber räsoniert, ob das Verhalten nun schick oder sozial ist, die meisten Stars der Literaturgeschichte leben ja von ihrem asozialen Touch, der sie als einmaliges Individuum ausweisen soll.

Der Ich-Erzähler ist Headhunter in einer angesehenen Firma. In der gehobenen Managementkultur ist es üblich, sich mit edlen Zigarren zu umgeben, die meist auch noch während des Rauchens eine Geschichte erzählen. So soll der Vater in Kuba bei einem Autounfall gestorben sein, ein gegnerischer LKW hat Zigarrenkisten geladen, die über den Verunfallten wie die Platte eines Ehrengrabes herfallen.

Dennoch entgleist der Raucher immer wieder in trivialen Szenen. Bei einer Kunstveranstaltung streift er seine Zigarettenasche in einem halb gefüllten Aschenbecher ab, der als Kunstobjekt ausgestellt ist. Jetzt gilt es für die Galeristen, die Kunstasche von der Trivial-Asche zu trennen und wieder der Kunst zuzuführen. (23)

Um der Ehe doch noch einen neuen Wind zu besorgen, gehorcht der Held seiner Frau und begibt sich in Hypnose, zumal seine Zunge bei jedem Kuss wie ein Zigarettenstummel schmeckt. Dem Hypnotiseur gelingt das Unmögliche, er befreit den Helden von seinem Laster. Wann immer dieser in Zukunft in eine Raucherzone gerät, so ist er immun. Schlimmer noch, selbst wenn er raucht, spürt er nichts und beißt auf totes Tabakmaterial.

Als er daraufhin seine Hypnose rückgängig machen will, bleibt er vom Pech verfolgt. Der Hypnotiseur erweist sich als Geldwäscher, der gerade festgenommen wird.

Dramatisch wird dieses Lustdefizit, als er an der Metrostation aggressiv um eine Zigarette angegangen wird. Als der Bettler ein Messer zieht, wirft der Headhunter den Lästigen vor die U-Bahn und verschwindet. Die Zigarette danach entfaltet plötzlich alle paradiesischen Zustände, die er so lange entbehren musste.

Zur funktionierenden Rauchlust gehört es, dass man alles unternimmt, um diese zu steigern. Dem Erzähler bleibt also nichts anderes übrig, als immer wieder jemanden beiseitezuschaffen, um mit der Erleichterungszigarette kurzzeitig den Sinn des Lebens in Händen zu halten. Da die Morde am Chef, Nachbarn und Nebenbuhler selbst für die Polizei ziemlich auffallend sind, kommt es zur Verhaftung. Im Gefängnis trifft er den Hypnotiseur wieder, der ihm in einer Sitzung nach dem Hofgang die Lust endgültig zurückbringt. Ironie des Schicksals: Seine erste Zigarette hat der Held während eines Monopolyspiels geraucht und ist dafür mit seiner Figur ins Gefängnis gekommen.

Dieser Ritt durch den Parcours der Lüste zeigt anschaulich, dass es beim Rauchen eigene Gesetze gibt, die ein Nichtraucher nie verstehen wird. Deshalb gibt es letztlich auch kein funktionierendes Entwöhnungsprogramm, denn das Rauchen ist eine Veranlagung wie die Haarfarbe oder der Knochenbau. Man kann beides nur genießen und vor der Umwelt zur Schau stellen.


Antoine Laurain: Die Zigarette danach. Roman. A. d. Franz. von Sina de Malafosse. [Orig.: Fume et tue, Paris 2009].

Hamburg: Atlantik 2019. 236 Seiten. EUR 16,-. ISBN 978-3-455-65046-4.

Antoine Laurain, geb. 1970 in Paris, war Antiquitätenhändler und ist jetzt Bestsellerautor in Paris.

Helmuth Schönauer 29/01/19



GEGENWARTSLITERATUR 2812

Europeana

Für das Grauen und die Groteske ist im internationalen Literaturbetrieb das tschechische Wesen zuständig. Franz Kafka hat endgültig die Untiefen der Bürokratie beschrieben und Jaroslav Hasek erzählt, was herauskommt, wenn man Befehle wörtlich nimmt.

Patrik Ourednik wählt einen skurrilen Zugang für sein kleines Geschichtsbuch über Europa. Mit gut tausend Schrotkugeln aus Philosophie- und Presse-Artikeln wird Europa durch einen einzigen Schuss erledigt, der in seiner Gleichzeitigkeit den ganzen Kontinent durchlöchert.

Die Geschichte ist atemlos in einem einzigen Aufwaschen erzählt. Kleine Überschriften, die in den großen Fließtext hinein geklemmt sind wie Fettaugen in eine Wurst, ermöglichen eine grobe Orientierung, wie man etwa auch in einem großen Wochenblatt zuerst einmal die Tage mit schnellem Blick abscrollt, ehe man in die einzelnen Abschnitte vorrückt.

Europa im 20. Jahrhundert ist von A bis Z eine skurrile Angelegenheit, voller Irrtümer, Sorglosigkeiten und Verbrechen. Am Schluss heißt es dementsprechend zynisch, dass der Bürger am liebsten Konsument sei und der Wohlstand die Garantie für die Demokratie sei und nicht umgekehrt. „Aber viele Leute kannten diese Theorie nicht und machten weiter Geschichte, als ob nichts gewesen wäre.“ (141)

Europeana sind eine Warnschrift, die zum Millennium entstanden ist, aber jetzt, schon mitten im neuen Jahrhundert, erst richtig als Warnweste greift. Im Schlauch der Geschichte, durch das sich Europa ein Jahrhundert lang gezwängt hat, herrschen kaum Gär-, sondern in der Hauptsache Giftgase. In einer Logik aus Krieg, Waffen, Psychiatrie und Holocaust greift alles nahtlos in einander über, alles hat mit allem zu tun, der erste Völkermord an den Armeniern führt aus dem Ersten Weltkrieg nahtlos über in den Zweiten, das Vernichtungsgas Yperit, das man bei Ypern getestet hat, mutiert bald zu Zyklon B.

In der Eingangssequenz wird ein Bild zu einem Rechenbeispiel angeordnet. Wenn man bei durchschnittlicher Körpergröße die an einem einzigen Tag in der Normandie gefallenen Amerikaner aneinanderreiht, ergibt das die Todeslänge von achtunddreißig Kilometer. Die Europäer stehen auf Bilder, „die Leute glauben den Fotografien“ (93), und in der ersten Hälfte des Jahrhunderts hat man alles in Soldatendenkmäler gegossen, in der zweiten alles in Filmen untergebracht. Die 68er Bewegung schaut sich beispielsweise tollen Sex in den Filmen ab und wendet sich ab von den Kriegsdenkmälern, im Goldenen Zeitalter waren die Leute Rassisten, aber sie wussten noch nichts davon. (79)

Tatsächlich sind die Bewusstseinslagen von einander isoliert, jeder kriegt nur einen gewissen Abschnitt zu Gesicht, das Ganze hat wahrscheinlich ein Jahrhundert lang niemand gesehen. Europa wäre das Ganze, aber wir sehen nur Teile davon, „europeanische Partikel“.

Der Autor erzählt in einem inneren Monolog, der oft im Unterbewusstsein verschwindet und dann wieder als markanter Absatz an die Leseoberfläche emporkommt. Während man als Leser noch eine These verdaut, ist man schon längst bei einem ganz anderen Thema, von dem man nur weiß, dass es logisch an dieser Stelle angesprochen wird, aber es gibt keinen Anfang und kein Ende. Die Themen sind wie die Fasern eines unendlichen Drahtseil ineinander verdreht, reißfest und geschmeidig winden sie sich durch das Jahrhundert. Man ahnt, dass auch viele Irrwege und Lügen eingebaut sind, aber man hat keine Chance, diese zu erkennen. Der Essay flutet jeden Argwohn und erinnert dadurch an den Wahlkampf für die nächste Europawahl, wo man immer nur einzelne Floskeln hört, aber keinen Zusammenhang erkennt.

Aus der Geschichte kann man bekanntlich nichts lernen, man kann nur weitermachen. Wenn man Glück hat, ohne von der Vergangenheit erschlagen zu werden.


Patrik Ourednik: Europeana. Eine kurze Geschichte Europas im zwanzigsten Jahrhundert. A. d. Tschech. von Michael Stavaric.

Wien: Czernin 2019. 141 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-7076-0662-1.

Patrik Ourednik, geb. 1957 in der Tschechoslowakei, lebt in Frankreich.

Helmuth Schönauer 27/02/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2177

Kaiser, Kleider, Kind

Wer regelmäßig über die Buchrücken seiner Märchenbücher fährt, wird bestätigen, dass sich diese jedesmal anders anfühlen. Und wenn man daraufhin ein besonders haptisches Exemplar aufschlägt und ein Stück daraus anliest, entsteht jeweils eine Fassung. Im Laufe seines Lebens baut sich der Leser seine Märchen dutzendfach neu auf, weil er sie ja als Kind, Vater, Großmutter oder Seminarteilnehmerin liest. Auch epochenmäßíg gesehen muss eine Gesellschaft ihre Märchen in jeder Legislaturperiode neu lesen. Wer hat nicht die schönen Kreisky-Jahre in Erinnerung, als man den Wolf als Kapital und Rotkäppchen als Sozialismus lesen konnte?

Alfred Pfabigan kümmert sich in seinem Essay um das Andersen-Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Dabei geht er von der These aus, dass Märchen ständig unterwegs sind und sich neu erzählen, und ab und zu an einer Person hängen bleiben, die ihnen einen taffen Touch für die aktuelle Gegenwart verpassen. Für den optisch ausgesprochen hässlichen Hans Christin Andersen sind Märchen eine gute Methode, den Blick der Zuhörer von seinem Gesicht wegzulenken, indem daraus märchenhafte Ideen sprudeln.

Das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ wird seit jeher als politische Gleichung gelesen, worin gezeigt wird, dass etwas nur so lange existiert, als es von jemandem als existent gehalten wird. Wenn ein Kind in seinem unverstellten Blick kühn verlautbart, dass der Kaiser nackt sei, bricht dessen Macht sofort zusammen, zumal die Nacktheit eine kritische Masse erreicht hat.

Im Zeitalter von Fake-News und galoppierendem Infantilismus geht Alfred Pfabigan nun her, und erzählt das Märchen jeweils aus der Sicht der Beteiligten neu. Kaiser, Weber, Minister, Sekretarius, Kind und Volk tragen die Wahrheit aus ihrer Sicht vor und haben recht. Der aufgeklärte Leser weiß natürlich alles besser und zieht aus der Differenz zwischen dargebotener Geschichte und eigener Erfahrung einen besonderen Nutzen. Oft ist ja gerade der Gap zwischen scheinbarer Wahrheit und Darbietung das Unterhaltsame. Das ganze Internet lebt schließlich davon.

Ein ausführliches Kapitel widmet sich daher dem Hans Christian Andersen, der eigentlich ohne deklarierte Ausbildung, quasi als permanentes Kind, zum epochalen Märchenerzähler geworden ist. So verwundert es auch nicht, dass er mehrmals Autobiographien abgeliefert hat, die er wie Märchen komponiert sind.

In der Begriffskette Kaiser, Kleider, Kind lenkt schließlich das Kind die größte Aufmerksamkeit auf sich. Als raffinierter Kunstgriff im Andersen-Märchen darf das Kind die Wahrheit sagen und damit das Märchen sprengen. Es ist tatsächlich unverbraucht und unbestechlich. Vor allem kommt es in der Kulturgeschichte immer wieder einem Jesukind ähnlich zum Einsatz, wenn es um den Idealzustand der Menschheit geht.

In der gegenwärtigen Gesellschaft, die von manchen als infantil bezeichnet wird, wenn man an das Getue um den Nachwuchs denkt, hat das Kind Narrenfreiheit und man darf ihm nie widersprechen. So wird der grandiose amerikanische Präsident Trump gerne als Kind bezeichnet, wenn er wieder einmal seine Welt auf Twitter vorstellt. Aber auch eine sechzehnjährige Pipi Klimawandel aus Schweden, die momentan von Kongress zu Kongress eilt, um Taten statt Hoffnung einzufordern, wird gerne als Kind dargestellt, um die Kuh vom politischen Eis herunterzubringen.

Ein Essay darf trotz Tiefgangs auch Vergnügen bereiten. Alfred Pfabigans positive Märchenstunde erhellt die Winternächte weit über den skandinavischen Raum hinaus.


Alfred Pfabigan: Kaiser, Kleider, Kind. Die Kunst des Betrugs und seiner vermeintlichen Aufdeckung. Essay.

Innsbruck: Limbus 2019. 151 Seiten. EUR 16,-. ISBN 978-3-99039-141-9.

Alfred Pfabigan, geb. 1947 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 05/02/19



GEGENWARTSLITERATUR 2808

Ich lege mein Herz

Markante Titel machen sofort eine Szenerie auf, worin sie spielen könnten. „Ich lege mein Herz“ lässt jemanden beim Kartenspiel ein besonders wertvolles Blatt in die Spielrunde werfen. In einem psychoanalytischen Ambiente könnte der Satz an der entscheidenden Stelle abreißen, weil entweder die Hypnose einsetzt oder sonst eine emotionale Veränderung auftritt.

Ingrid Zebinger-Jacobi legt es mit ihren 25 Kurzgeschichten darauf an, die Ereignisse unspektakulär zu halten. Die einzelnen Begebenheiten fallen nicht auf Anhieb als etwas Besonderes auf, aber dann kommt es plötzlich zu einem kleinen Dreh, und die Helden sind in einer anderen Lebenskonstellation.

Schon in der ersten Geschichte erlebt die Ich-Erzählerin ihre eigene Auflösung. Bei einer Afterparty geht sie in Bier und Rhythmus unter und verliert ihre Koordinaten. Im amorphen Sog in Richtung Morgengrauen verabschiedet sich alles in Richtung Entropie. Die Verzahnung der Sinne verzichtet auf die bisherige Ordnung, als ob das bisherige Leben gelöscht werden müsste. Afterparty ist übrigens ein wunderschöner Begriff, den man sich unbedingt für einen existenziellen Roman ausleihen sollte.

Und Sara traf Walter“ ist eine Fügung, wie sie in Kitschromanen gerne vorkommt. Zwischen Nostalgie und literarisch übergeschnappten Floskeln startet ein Paar eine Kurzzeitbeziehung, bei der nie klar ist, was im Vordergrund steht: Die Beziehung oder die schöne Sprache, die sie beschreibt. Vor allem aus der Entfernung wirkt das Paar auch nach Jahren noch zeitlos.

In einer Begebenheit aus Israel strolcht eine Erzählerin zwischen Ferien, Bildungsurlaub, Beziehungsgeplänkel und Religiosität durch Tel Aviv. Der entscheidende Satz fällt in einem Smalltalk. Und, haben Sie Jesus schon gefunden? (24)

Nur die wenigsten Kurzgeschichten haben so etwas wie einen Mini-Plot, in der Hauptsache sind es kleine Erinnerungsblasen, die wie spontan entzündete Zigaretten aufglühen und nach der sprichwörtlichen Zigarettenlänge wieder in einer amorphen Erinnerungsmasse verschwinden.

Alfred darf nach drei mal Sex bei der Freundin einziehen. Ein etwas animalischer Arzt massiert mit seinen Pfoten eine Frau so zärtlich, bis sie alles vergisst und ein Schmetterling wird. Ein Gewitter tobt und bringt die Gegend in Aufruhr, das betrachtende Ich kommt mit dem Schauen nicht nach. Aber morgen wird ja alles, was vernichtet ist, in der Zeitung stehen.

Am Abend setzt eine Verschiebung der Perspektive ein. Die Mutter versetzt sich in die Lage ihres Kindes und überlegt, ob es das alles überhaupt will. Auf der Welt zu sein beispielsweise. (68)

Ein Andante hört nicht mehr auf, weil die Erzählung die Partitur wörtlich nimmt.

Gegen Ende des Sommers taucht ein kleiner Punkt aus der Versenkung auf, der durchaus die Fähigkeit hat, alles einzutrüben. Aus der schönen Sommerbeziehung ergibt sich eine Schwangerschaft, die im Herbst wohl oder übel beendet werden muss. Nach zwanzig Jahren meldet sich das abgetriebene Kind und macht einen Knoten in die Erinnerung. Erst jetzt ist der Sommer von damals wirklich zu Ende.

Ich lege mein Herz ist eine Sequenz aus einem intensiven Spiel, wobei der Leser mitspielen muss, will er die angerissenen Geschichten verstehen. Die Kurzgeschichten sind ein offensiver Gestus, der das Herz des Lesers herausfordert. Zu der angebotenen Spielkarte muss er sein Blatt hinzufügen. Herz ist Trumpf!


Ingrid Zebinger-Jacobi: Ich lege mein Herz. Kurzgeschichten.

Graz: Keiper 2019. 190 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-903144-76-7.

Ingrid Zebinger-Jacobi, geb. 1978 in Graz, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 31/01/19