Buch in Pension – Rezensionen 2022|05


Simone Dark: Verspieltes Glück. Der Bozen-Krimi.

Martin Maier: Oder so.

Fiston Mwanza Mujila: Tanz der Teufel. Roman.

Klaus Rohrmoser: Flüstern. Erzählung.

Ana Schnabl: Meisterwerk. Roman.

Elias Schneitter: Civetta. Erzählung.

Constantin Schwab: Das Journal der Valerie Vogler. Roman.

Stanislav Struhar: Farben der Gegenwart. Erzählungen.

Judith W. Taschler: Über Carl reden wir morgen. Roman.

Ada Zapperi Zucker: In Südtirol und anderswo. Erzählungen.



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2316

Verspieltes Glück

Krimis sind im Literaturbetrieb das, was in der Landwirtschaft die Massentierhaltung ist. Ein aus den Fugen geratenes Genre, das ähnlich dem berühmten Tanker schwer steuerbar ist und lange Vorlaufzeiten braucht, um Missstände abzustellen.

Längst nämlich sind Krimis in allen Medien verankert und machen darin einen Großteil des Angebotes aus. Das Fernsehen etwa besteht an manchen Tagen bloß aus Kriegsberichterstattung und Krimis, was bewirkt, dass immer mehr Menschen beiden „K“ aus dem Weg geben.

Die Krimis, die wir jetzt am Bildschirm und in den Regalen aushalten müssen, sind noch vor der Pandemie in Auftrag gegeben worden und haben sich offensichtlich nicht mehr stoppen lassen. Und jetzt, mitten im Krieg, wirken diese Recherchen und Witze um aufwändig drapierte Leichen wie eine Verhöhnung all jener Menschen, die im echten Krieg echt ums Leben kommen.

Wenn in diesen Tagen viel von Moral und Sanktionen die Rede ist, so muss man den Buchhandlungen, Verlagen und Autorinnen zurufen: Hört auf mit diesen sinnentleerten Wortspielereien, die sich durch die Hintertür in die Literatur eingeschlichen haben und so tun, als wäre das eine ernsthafte Kunst!

Nach dieser Einleitung muss der Rezensent ausnahmsweise seine Emotion an den Beginn seiner Lektüreerfahrung setzen. „Oh je, ein Bozen-Krimi, das ist wahrlich kein Genuss. Was soll dieses Leichen-Spiel? Und für Autorinnen, die als Zulieferer fungieren, ist es wohl eine schwache Ausrede, wenn sie vorgeben, deshalb Krimis zu schreiben, um darin den Macho-Kult der Männer zu karikieren. Und für den Bozen-Krimi gilt: Deshalb hat man sich also in der Autonomie die Zweisprachigkeit erkämpft, um später beide Sprachgruppen mit einem solchen Flach-Text unter jedem intellektuellen Niveau zu halten!

Simone Dark muss anlässlich des Systems „Bozen-Krimi“ alle persönlichen Empfindungen über Bord werfen und tapfer das vorgegebene Drehbuch über neunzig Minuten ausfüllen, wie man früher als Serienschreiber in den Jerry-Cotton-Heften die Matrix über sechzig Seiten ausfüllen musste.

Für Massenware haben weder Tierärzte Zeit, um eine ordentliche Fleischbeschau durchzuführen, noch haben Rezensenten die Zeit, einen Massentext mit Hingabe zu studieren.

Es genügt im einen Fall der automatisierte Stempel, welcher den toten Schweinehälften aufgedrückt wird, und im Falle des Bozen-Krimis der Klappentext.

Der Holzschnitzer Vitus Höllrigl liegt erstochen in seiner Werkstatt. Doch offenbar hat jemand versucht, ihn noch zu retten. Also Mord im Affekt? Kommissarin Sonja Schwarz und ihr Kollege Jonas Kerschbaumer müssen nicht lange nach Verdächtigen suchen, denn durch seine Spielsucht brachte Höllrigl viele gegen sich auf. Beim Hotelier Staffler hatte der Ermordete hohe Schulden. Auch Höllrigls Tochter Edith, die sich und ihren schwer kranken Sohn nur mühsam über Wasser hält, hätte ein Motiv. Und welches Geheimnis verband Vitus Höllrigl mit der Hebamme Valeria Meixner?

Privat entfremdet sich Sonja immer mehr von Riccardo, da dieser bereit ist, sehr weit – für Sonja zu weit – zu gehen, um den entscheidenden Schlag gegen den Mafiaboss Lagagna zu führen.“

Wem das zu wenig detailgenau ist, der kann sich die Klappentexte der anderen Südtirol-Krimis hinzu heften. Die Romane „Kaltes Weiß“ und „Die Taten der Opfer“ sind nach ähnlichem Muster abgewickelt. Der „Unterhaltungswert“ ist angesichts der kriegerischen Lage in Europa unerheblich.

Als Literaturwissenschaftler und Bibliothekar denkt man in diesen Stunden an die Kollegenschaft in der Ukraine, die sich mit seriöser Literatur beschäftigt und unter widrigsten Umständen auf die Kraft der literarischen Fiktion setzt. Die ukrainischen Autoren dächten nicht einmal im Traum daran, solche durchgeblödelten Texte zu schreiben, wie sie bei uns als Serienprogramme laufen.

Als Autor möchte man in dieser Zeit, wo es um Leben und Tod geht, mit seinen Büchern nicht neben einem Krimi im Regal zu stehen kommen, auch wenn vielleicht beides nicht gelesen wird.

Wenn der ganze Kontinent von Sanktionen spricht und die gewohnten wirtschaftlichen Abläufe zur Disposition stellt, so kann im Literaturbetrieb nicht das schaurigen Business as usual weitergepflogen werde.

Liebe Leser, Autoren, Verleger und Buchhandlungen: Macht einmal eine kleine Krimi-Pause, schon aus Gründen des Anstands und der Solidarität mit den echten Opfern.


Simone Dark: Verspieltes Glück. Der Bozen-Krimi. Das Buch zum Film.

Bozen: Edition Raetia 2022. 175 Seiten. EUR 14,90. ISBN 978-88-7283-808-2.

Simone Dark, geb. 1982 in Freiburg im Breisgau, lebt in Südtirol.

Helmuth Schönauer 04/04/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2312

Oder so

Wahrscheinlich die diskreteste Relativierungsformel der deutschen Sprache heißt „oder so“. Wird dieses magische Zeichen für Mehrdeutigkeit einer Behauptung hintangestellt, so schwächt sie einerseits das Behauptete ab, indem etwas gar nicht so klar sein möchte, andererseits bekommen die verwendeten Begriffe Konkurrenz, es kann etwas „gefährlich sein oder so“, der verwendete Begriff könnte durchaus ersetzt werden.

Martin Maier überschreibt seine knapp fünfzig Texte mit diesem „oder so“ und lässt dabei das Genre offen. Manchmal glaubt man eine Parabel zu erkennen, wie sie in der Literaturgeschichte Franz Kafka mit seinem „Gibs auf“ vorgelegt hat, ältere Leser werden an Bert Brecht und seine „Keunergeschichten“ erinnert sein, wenn sich nach einer rätselhaften Problemstellung eine Art didaktischer Ausweg anbietet. Manches ist einfach eingedampfte Performance eines verschwundenen Alltags, und Anhänger des Bildes von der Doppelhelix in biologischen Zellen schwärmen von der Verschränkung, mit der Konnotation und Denotation sich in den Armen liegen.

Kaum hat man für eine Prosazelle eine brauchbare Zugangsform gefunden, dreht sie sich weg und die Suche nach einem Eintritt in den Text geht weiter. Das ist jedoch die erste Botschaft an die Leser: Traue deinem Wissen nicht über den Weg, es könnte alles anders sein.

Einen leichten Schimmer von Ordnung strahlen die drei Kapitelüberschriften aus: Grund genug (5) / Aus den Bergen (61) / Begebenheiten (69).

Diese Kapitel sind als Pfannen zu sehen, in die nach älplerischer Manier Zutaten für eine seltsame Speise aufgeschlagen und eingerührt sind. In einem Interview vergleicht der Autor an anderer Stelle seine Vorgangsweise mit einem Antibiotika-Forscher: Ein Text ist eines Tages wie ein Pilz entstanden, er ist einfach da und kann nicht gezüchtet werden.

Wie bei allen Lektüre-heiklen Texten sollte man in zwei Richtungen lesen, zuerst mit dem Finger jede Zeile nachspüren und über jedes Wort meditieren wie im Koan eines Zen-Meisters und anschließend mit Speed paraphrasieren.

Paraphrasiert zischen unter anderem folgende Highlights vorbei: Jemand hat zu Hause und im Auto einen Schirm liegen, wird aber regelmäßig im Regen nass, wenn er unterwegs ist. Er ist aber nicht unglücklich darüber, denn er weiß, wo die Hilfe gegen die Nässe deponiert ist. (7) Ein anderer durchquert unwegsames Gelände und stellt fest, dass es bessere Orte gibt, um einen Schlüsselbund zu verlieren. (9) Ein dritter Held verfällt regelmäßig, wenn er im Kaffeehaus einen Schluck Wasser nimmt. Da hilft ihm auch nicht die Aussicht auf einen Schluck Kaffee. (13)

Assoziationsketten, die thematisch mit einander zu tun haben, brechen mitten im Satz entzwei und nehmen einen unerwarteten Verlauf. An der Abbruchstelle ragt die Infrastruktur des Satzes ins Leere, wie wir es von Brücken kennen, die jäh weggeschwemmt worden sind. Angesteuerte Themen sind plötzlich nicht mehr wichtig, und auch der Leser tut gut daran, von diesen Irrläufern einer Handlung abzulassen.

Durch diese Erzählmethode des „Abrupten“ entsteht viel unbebaute Sinnfläche, die schmerzt, weil sie so viele Möglichkeiten für einen Text offenlässt.

Zwischendurch tun sich groteske Fehlbilder auf, wenn etwa unter dem romantischen Titel „Berggasthaus“ (19) eine Frau die Terrasse betritt und alles schön findet, während dem Helden das ungegenderte Würgen kommt, weil er an ihr einen ungünstig gesetzten Pigmentflecken entdeckt.

Auf völlig unerwarteter Ebene reagiert ein anderer Held auf die Anwesenheit des Schlosses, die zumindest Kafka-Interessierte zu einer Gedanken-Volte einladen sollte. Im Text nimmt der Held keine Notiz, weil das Schloss ja schon immer ohne ihn ausgekommen ist. Gerade durch das Verlassen des vorgegebenen Rezeptionspfades kommt er dem Phänomen Kafka vielleicht näher, als er es im ersten Moment denkt.

Das zweite Kapitel „aus den Bergen“ (61) gibt sich im ersten Schmiss beinahe romantisch-idyllisch, es gibt wahlweise Unwetter oder freie Sicht, aber auf nichts ist Verlass. Eine Hügelkette nämlich verlässt ihren angestammten geographischen Sitz aus dem Vorland und schiebt sich bei gewisser Witterung vor die Berge.

In den „Begebenheiten“ schließlich sind lakonisch Motive aus Märchen, Vorschulübung oder psychologischer Spielerei angezupft und schütteln mit wenigen Sätzen den Baukasten für wertvolle Geschichte durcheinander.

Rotkäppchen taucht unerwartet im zu groß ausgefallenen Seitenspiegel auf, ein Gast fällt vom Barhocker und wird vom Wirten mit der Bemerkung liegen gelassen: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. An einem öffentlichen Platz wallt ein Streit auf, aber gerade als der Lokalreporter sich einer möglichen Geschichte annehmen will, ist alles wieder flach und ruhig, als wäre nie etwas gewesen.

Das Phänomen „oder so“ endet mit zwei Sequenzen, welche die Zeit sprengen und fast schon ein Fall für Einstein sind. In einem Altersheim spielt die Zeit keine Rolle mehr, weshalb eine Rollstuhlfahrerin nach einer kurzen Runde im Park wieder ins Gebäudeinnere verbracht wird, wo sie unendliche Runden dreht im zweiten Stock! Unabhängig von jeglichem menschlichen Zutun geht punktgenau ein Wecker ab, aber niemand weiß, wer ihn gestellt hat und vor wie langer Zeit. Vielleicht ist diese finale Geschichte eine Anspielung auf den Weltuntergang, der ähnlich einem Wecker gleich abgehen wird.

Martin Maier geizt nicht mit dem spielerischen Erzählmoment. Die einzelnen Gedankenschläge trommeln zwar wie ein Wittgensteinscher Tractatus auf die Leser ein, aber hinter allem blitzt jener Spieltrieb hervor, der einen früher als Kind überfallen hat, wenn man eines Tages die Bauklötze neu ausgelegt hat.


Martin Maier: Oder so.

St. Wolfgang: edition art science 2022. 97 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-903335-19-6.

Martin Maier, geb. 1962 in Schwaz, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 25/03/22



GEGENWARTSLITERATUR 3091

Tanz der Teufel

Manchmal erzählt sich ein Roman von selbst, indem er sich zu Beginn als Stück Landkarte zeigt, worin alles eine Stimme hat. Schon das erste Abtasten dieser Karte mit einem kalten Lesefinger lässt den Text aufwallen: Hier erzählen Hitze, aufsteigende Blasen, wabernde Lava, einstürzende Minen und aufgewühlte Menschen von der Geschichte der Kolonialisierung und um ihr Leben.

Fiston Mwanza Mujila, der schon lange in Graz lebt, ist etwas verrückt Schönes gelungen. Er hat mit „Tanz der Teufel“ einen österreichischen „Zaire“-Roman geschrieben. Der brodelnde Kessel ist auf zwei Herdplatten in Angola und der Demokratischen Republik Kongo aufgestellt und heiß gemacht. Die einzige Information die der europäische Leser aus dieser Konstellation ins Bewusstsein überleitet, ist ein Gefühl für unermessliche Größe, entkoppelte Peripherie, Dschungel und Bergbau und für ein eigenes Gesetz, das vielleicht über Musik verlautbart wird. Zaire ist dabei als kultureller Überbegriff zu verstehen.

Das Leben spielt sich meist in doppelter Dunkelheit ab, entweder unter der Erde beim Schürfen von Klunker, oder oberirdisch in der Nacht, wenn ganze Stadtteile zu einer einzigen Bar ausfluten. Wir haben die Straßen einkassiert mit Klebstoff, sagen die Kids, wenn sie voller Rhythmus durch die Nacht tanzen. Und andere sagen, das Glück ist ein Tier. „Die Nacht hatte die ganze Provinz gut im Griff.“ (29)

Im ersten Drittel des Romans reden alle durcheinander, Stimmen fallen Geistern ins Wort, und Geister bedienen sich der nächstbesten Stimme, die an der Bar herumsteht. Genaue Zuordnungen wären eine Reminiszenz an die Kolonialzeit, als plötzlich fremde Besatzer willkürlich Sprachgrenzen und nationale Fronten errichtet haben. Die Offenheit, mit der in der Gegenwart durch die Nacht getanzt wird, huldigt der entlarvenden Fragestellung:„Welche Nationalität hat der Sambesi? Oder gar die Donau, die durch zehn Länder fließt?“ (15)

Nachdem im Stimmengewirr ein paar Lebensschicksale aufgetreten sind wie Rollen auf einer fernen Bühne, entsteht allmählich ein vager Überblick über das Gebrodle, das sich außerhalb der Minen entwickelt.

Fast täglich gilt es einen Jungen zu begraben, den das Erdreich bei seiner Grabung verschüttet hat. Der Friedhof ist das Barometer der Stadt! (251) Hier kommen alle zum Vorschein, die der Gefährlichkeit des Lebens haben entkommen wollen, und bei der Trefferquote des Todes merken alle, dass das Leben wirklich gefährlich ist. Denn die gesellschaftlichen Schäden aus der Kolonialzeit sind mindestens so virulent wie jene aus dem Befreiungskampf. Und angesichts der Opfer der seltenen Erden kann man nicht von Freiheit sprechen, die Kolonialisierung hat bloß ihr Gesicht verändert.

Allmählich treten konkrete Erzähler in den Vordergrund. Da ist einmal die sogenannte Madonna, die angeblich in Japan geboren ist und nur weiß, dass sie an manchen Tagen die älteste Frau der Welt ist. Sie beherrscht nicht nur den Tanz und den darin eingeschlossenen Teufel, sie kann auch zaubern, rächen, Blutspuren legen oder verwischen. In ihr wohnt ein Geist, der mit den üblichen Erzählmitteln nicht befreit werden kann.

Daneben taucht öfters ein klassischer Ich-Erzähler auf, der die wirren Sachverhalte mit den Methoden eines rationalen Kommentators darlegt, sodass sich der Leser ab und zu wie in einem klassischen europäischen Roman fühlt.

Und als österreichische Karikatur und romantische Ironie taucht regelmäßig der Schriftsteller Franz auf, der in St. Pölten geboren und ausgewandert ist, um seinen Afrika-Roman zu schreiben. Aber obwohl er das Thema mehrmals geändert hat, bleibt sein Roman ein großer Zettelkasten, den er im Koffer herumträgt. Sein Vorbild ist die Wand von Marlen Haushofer, die er im Dschungel wiederzufinden gedenkt. Am Schluss freilich nehmen ihm Kindersoldaten den Pass ab und stecken ihn ins Gefängnis, wo er einen herzergreifenden Schlusssong loswird. „Die Augenlider / vom Klebstoff feuerrot / in ihren Träumen / Ozean weißglühender Bilder / tanzen sie / bis ihre Wirbelsäule bricht / den Tanz der Teufel“ (282)

Hinterlegt sind diese Erzähl-Kastelle mit allerhand Stimmen, die kurz ins Essayistische abschwenken, ehe sie wieder im Tanz aufgehen. So gibt es kluge Analysen, wie man einen Zairischen Mittelstand errichten könnte, wie die Geschichtsschreibung die Bezeichnung Zaire als Kulturbegriff verwenden könnte, und was man den Faustregeln vergangener Herrenwitze entgegensetzen muss, wenn diese die Parole ausgeben: Wenn der Weiße spricht, haben die andern zu schweigen.

Manche Szenen sind zeitlos im Diffusum angelegt. Als eine belgische Ärztetruppe wegen der Windpocken in die Dörfer kommt, ist blitzt das Misstrauen gegenüber den belgischen Schlächtern auch nach Generationen wieder auf, zumal sie auch noch andere Impfungen im Köcher haben. Der Mythos der Impfverweigerer erhält plötzlich historisch knallhartes Unterfutter.

Bald darauf bricht eine Epidemie aus, bei der alle ihre Geschlechtsorgane verlieren. (202) Diese Geschichte ist äußerst glaubwürdig, aber sie lässt sich schwer in einen logischen Kontext einordnen. Genau diese rationalen Schweißnähte aber machen den Roman „griffig“, weil das Dunkle immer noch im Dunkeln bleibt, aber dennoch eingeordnet werden kann in die vielen Lektüren, die wir über entlegene Kulturen schon einmal gelesen haben.

Die diversen Stimmen sind hin- und hergerissen zwischen einer kapitalistisch-rationalen Welt „Das Geld verschwand, ohne dass welches nachkam.“ (52) – und einem stumpfen Empfinden, wonach sich eine ganze Generation „wie ein Haar in irgendwelcher Suppe“ empfindet, nämlich als zufällig hineingeraten und störend.

Und die aktuellen Kriegsherren berichten, dass das wirklich gültige Geld erst am Kriegsende auftaucht, wenn dieses jemals kommen sollte.

Fiston Mwanza Mujila bringt mit einen ironischen Erzähl-Klaps beide Kulturen ins Gelächter. Den Helden des Teufelstanzes wird er gerecht, indem er ihren Visionen Ausdruck verleiht, den österreichischen Literaturhelden hält er einen Spiegel vor, indem er einen der ihren in den Erzähldschungel schickt, worin ihm kein subventionierter Koffer voller Notizen mehr hilft.


Fiston Mwanza Mujila: Tanz der Teufel. Roman. A. .d. Franz. Von Katharina Meyer und Lena Müller. [Orig.: La Danse du Vilain, Paris 2020.]

Wien: Zsolnay 2022. 283 Seiten. EUR 25,70. ISBN 978-3-552-07277-0.

Fiston Mwanza Mujila, geb. 1981 in Lubumbashi / DR Kongo, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 23/03/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2314

Flüstern

Von einer Erzählung erwartet man sich eine doppelte Berührung. Einmal soll der Stoff eine unerwartete Nuance liefern wie eine Novelle, und zum anderen soll die Erzählung ein Stück Inszenierung sein. Eine Erzählung wäre damit eine verbalisierte Aufführung für einen einzigen Leser, der eingeladen ist, mit dem Text in der Hand den Abend zu bestreiten.

Klaus Rohrmoser greift auf seine universelle Theatererfahrung zurück, wenn er von der denkbar schärfsten Kante zwischen Leben und Tod erzählt. Die beiden Erzähl-Pole sind Täter und Opfer, Mann und Frau, Jüdin und NS-Scherge.

In dramatischer Konstellation treffen in einem Vernichtungslager der NS-Wärter Hans Miklautz und die Sängerin Ledith Lieblein aufeinander, wobei das Wort „treffen“ einen furchtbaren Hintergrund mit sich trägt. Bei einer Hinrichtungsaktion muss Hans die Erschossenen abgehen und fallweise einen Gnadenschuss setzen. Als sich eine Frau noch bewegt, schießt er daneben. Später beim Aufräumen sieht er ihre Blutspur im Unterholz verschwinden, geht ihr nach und findet die Verschonte.

In den nächsten Wochen pflegt er sie in der Materialbaracke, bringt ihr Essen und Morphium und schlüpft zu ihr unter die Decke um zu flüstern.

In Gegenschnitten entblättert sich die Biographie der beiden. Ledith ist eine geschätzte Sängerin gewesen, ehe sie von ihrer Familie getrennt ins Lager verbracht worden ist. Auf dem Gelände des Lagers befindet sich eine Repräsentations-Villa, in der das Regime Feste feiert, anlässlich eines Hitler-Besuchs muss sie singen und stellt fest, dass die Buchstaben ihres Namens die gleichen sind wie jene des Diktators. Sie ist mittlerweile stumm und antwortet nicht auf das Flüstern ihres „Sorgers“, wie sie den Retter nennt.

Sorger“ Hans ist ein eifriges Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie. Sein Flüstern ist der Versuch, das System zu verstehen, dem er dient, ohne wirklich Widerstand zu leisten. In seiner Geschichte geht es um die Sprache, die das System erst ermöglicht, darin versteckt sich der Begriff Endlösung, von dem Hans nur den hinteren Teil des Wortes sehen will.

Gleich zu Beginn erzählt er sich im inneren Monolog einen Judenwitz, und lacht darüber, dass der Begriff „Judensau“ fein gegendert ist. Aber niemand sonst aus seinem Erinnerungspool lacht dabei, auch später nicht, als die Fügung auftaucht vom „Engpass bei Gas“.

In einem Perspektivenwechsel wird die Baracke mit den Augen der stummen Ledith ausgeleuchtet. An der Barackenwand begreift man das Rätsel Sonne, wenn deren Licht einen Tagesbogen durchreitet. Alle Gedanken enden mit der Hinrichtung, als sie ihren Grabstein sieht, während sie bewusstlos wird. „Ledith Lieblein / 1918 1944 / Sängerin.“ Gegen die Schmerzen bringt ihr Sorger Morphium, dann beginnt er wieder mit dem Flüstern.

Täglich steigt die Gefahr, dass diese Rettungsaktion auffliegen könnte. Über Hans witzeln schon die Kameraden, dass er dreinschaue, als ob er einen fremden Eid geschworen hätte.

Als die nächste Feier in der Villa ansteht, setzt Hans den letzten Schritt. Er verbringt Ledith in einen leeren Güterzug, der nach der Anlieferung von Opfern wieder zurück ins Gelände geschoben wird. Sie steckt ihm einen Zettel zu, worauf ihr Name und „New York“ stehen.

Während sie aus dem Lager geschoben wird, begibt er sich zurück ins System zur Feier der Belegschaft. „Eine Fahne rotzt aus dem Fenster!“ Und jemand sagt, dass die Vernichtung der Schöpfung mindestens so anstrengend sei wie die Schöpfung selbst. Im großen System ist Hans in perfider Weise die einzige Verbindung zwischen Hitler und Ledith. Er wird zerrissen, wenn er darüber nachdenkt. Vielleicht ist das existentielle Flüstern rundum schuld, dass er es nicht mehr aushält. Er wird einen seiner Kumpanen töten müssen, wenn dieser das Flüstern laut werden lässt.

In einem Epilog schleppt sich eine ausgebrannte Figur durch New York City, am Abend verkriecht sie sich in eine düstere Unterkunft, an deren Wand geschrieben steht: Lösung! Die Reste von Hans sind auf der Suche nach Ledith, die am Ende der Erzählung verlorengegangen ist.

Klaus Rohrmoser erzählt in achtzig Positionen und Portionen von diesem Aufblitzen des Individuums, wenn das große System wortlos sein Spielbrett auswirft. Ja, die kleinen Schritte darin machen frei oder können jemanden befreien, aber gegen den Sturm der Vernichtung ist kein Kraut gewachsen.

Die Erzählung lässt sich als Versuch lesen, eine Passage zu finden durch die Geschichte von Tätern, Opfern und Vernichtung. Die Protagonisten sind an der Leseoberfläche einem historischen Kontext zugewiesen, aber bei weiteren Lektüren zeigt sich das Thema allenthalben, wenn es auch nicht immer leicht zu artikulieren ist, weil es ja um das Flüstern geht, das uns umgibt.


Klaus Rohrmoser: Flüstern. Erzählung.

Ulm: danube books 2022. 81 Seiten. EUR 18,50. ISBN 978-3-946046-28-8.

Klaus Rohrmoser, geb. 1953 in Innsbruck, ist Schauspieler und Regisseur.

Helmuth Schönauer 28/03/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2315

Meisterwerk

Zwischen Literatur und Geschichte herrscht immer ein unausgesprochenes Wechselspiel. Zum einen vermag die Literatur gesellschaftliche Umbrüche voranzutreiben oder zu verhindern, zum anderen werden in Zeiten des Umbruchs selbst intime Liebesgeschichten zu einem Politikum.

Ana Schnabl verwendet für ihren Roman „Meisterwerk“ die Witterung des untergehenden Jugoslawiens und stellt den einzelnen Kapiteln immer eine Stadtlandschaft voller Pfützen voran, worin Helden in ihren nassen Kleidern herumtapsen. Und schon beim ersten absichtslosen Betreten eines Treppenhauses merkt jeder, dass hier ein Staat am Ende ist, und es setzt bedrückende Stimmung ein.

Das Manuskript „Meisterwerk“ steht vordergründig im Mittelpunkt einer reifen Liebesgeschichte zwischen einem Autor und seiner potentiellen Verlegerin. Beide sind unauffällig verheiratet und Affären nicht abgeneigt, die sie dann von ihren Ehepartnern bei laufendem Seitensprung-Betrieb analysieren lassen.

Auf der zweiten Ebene handelt es sich um eine Episode des Literaturbetriebs, als Adam, der Professor für Literatur, es nach einem Flop vor zwanzig Jahren erneut mit einem Musterroman probiert, während die Lektorin Ana unter staatlicher Aufsicht steht, sie hat sich vor Jahren an den Geheimdienst verdingt, um diesen Job überhaupt zu bekommen. Für beide geht es also im literarischen und politischen Sinn um alles, während sie um das Manuskript herum jonglieren, das wie eine Patience ausgelegt ist.

Die dritte Motivfläche, die über dem angehenden Meisterwerk ausgebreitet wird, mündet im öffentlichen Raum, in Gemeinschaftsflächen von Parks und Landschaft, in Regularien des sozialen Zusammenlebens und im „puren Sinn“, den große Aufgaben wie Staat oder Liebe abstrahlen und gleichzeitig einfordern.

In einem chronologisch aufgefädelten Plot, der sich über die Jahre 1985 und 1986 erstreckt, entwickelt sich vorerst eine professionelle Liebesgeschichte, die gerade deshalb so stabil wirkt, weil intellektuelle Einschübe wie Baustahl in den emotionalen Beton eingegossen sind. Die Liebesgeschichte muss vor allem im öffentlichen Raum ausgetragen werden, weil zu Hause alles schon mit konventioneller Ehe besetzt ist. Und zudem sind die Literaturfunktionäre der Akademie und die „Polizeimenschen“ vom Geheimdienst hinter den beiden her, und fragen sich, welche Geheimnisse da bei öffentlichen Spaziergängen aufgeführt werden.

Das Meisterwerk ist einerseits jener gelungene Roman, der alle diese Leidenskomponenten des Schöpfungspersonal in sich aufsaugt, andererseits ist es eine Fiktion, die zusammenbricht, sobald es publiziert wird. „Wer wählt, wählt auch Fiktionen.“ (151) Das gilt genauso für die Liebe, wie für die Literatur.

Die beiden Protagonisten Adam und Ana geraten zusehends über sich selbst ins Staunen, als sie merken, dass jedes Besteck austauschbar ist. Man kann mit den Richtlinien für einen meisterlichen Roman eine meisterliche Liebe hinkriegen, und andererseits mit der Entdeckungslust einer Liebesbeziehung auf ungeahnte Meisterstücke der Literatur stoßen.

In einer klassisch entwickelten Dramaturgie muss es schließlich zu einem fälschlichen Höhepunkt und anschließendem Zusammenbruch kommen.

Adam erlebt eine Schreibkrise der Sonderklasse, also ein Meisterstück der negativen Art, während er sich mit dem Vorwurf von Ana auseinandersetzen muss: Du willst beim Schreiben nicht Gedanken austauschen, sondern sie dem Gegenüber einbrennen!

Dieser Totalitarismus ist es, der alles in die Luft jagt, die Liebe, die Literatur, den Staat. Beide ziehen die Reißleine, indem sie die Chose auslaufen lassen. Dabei hatten sie sich schöne Rezepte zurechtgelegt, eine gute Liebesgeschichte besteht aus einem einmaligen Treffen, höchstens ein zweites Mal dürfen die glühenden Körper aneinandergeraten.

Und als auch diese Bremse nichts nützt, gibt es die schöne Spielregel, sich an allen Städtchen Sloweniens zu treffen, aber maximal dreimal pro Ort.

Dadurch lernen die beiden das Land kennen, indem sie ihm vordergründig aus dem Weg gegen und sich aufeinander stürzen. Beide unterschätzen, dass es dieselbe Magie ist, mit der Staatsformen auf Untertanen einwirken und die Liebe auf die Emotions-Untertanen. Beides kommt eines Tages ans Ende, die Frage ist, wie man ohne Gewalt und Hass aus kaputten Staatsformen und Liebschaften herauskommt.

Ana Schnabl erzählt raffiniert über das verflossene Jugoslawien, das trotz seiner grotesken Spione wie eine Geliebte auf seine Staatsbürger aufzupassen versucht. Die einzelnen Sequenzen sind dann oft heftige Schilderungen über Parks, Landschaften, Witterung und Gelände, die uns alle als Botschafter der Öffentlichkeit täglich beeindrucken und leiten.

In einem Epilog, der zehn Jahre nach dem Outing um das Meisterwerk spielt, liest Adam, der sein Stück längst vergessen hat, von einem Meisterwerk, das die ehemalige Lektorin Ana jetzt herausgebracht hat.

Bei diesem postmodernen Cliffhanger merkt man dann doch, dass die Autorin vom Literaturbetrieb geprägt ist, und sich nicht getraut, ohne den Schwenk Text im Text aus dem Buch zu gehen. Ein echtes Meisterwerk nämlich riskiert es, die Leser verblüfft in jenem Regen stehen zu lassen, der beim Untergang von Staaten unaufhörlich fällt.


Ana Schnabl: Meisterwerk. Roman. A. d. Slowen. von Klaus Detlef Olof. [Orig.: Mojstrovina. Ljubljana, 2020.]

Bozen, Wien: folio 2022. 228 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-85256-851-5.

Ana Schnabl, geb. 1985 in Ljubljana, lebt in Kamnik.

Klaus Detlef Olof, geb. 1939 in Oebisfelde, lebt in Zagreb und Pula.

Helmuth Schönauer 02/04/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2313

Civetta

Das Kind kommt zum ersten Mal in die Provinzstadt und ist erschlagen von der Weite und Undurchdringlichkeit der Stadt. Es kann nur einzelne Wörter lesen und merkt sich den Straßennamen Resselstraße, sollte es verlorengehen. Dort nämlich wohnen Bekannte. Aber o Wunder, der Name Ressel geht ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf, er steht für Abenteuer, Sicherheit und Orientierung. Diese drei Dinge verspricht auch die Literatur, weshalb ein Leser immer Züge des Josef Ressel an sich hat, wie das erwachsene Kind eines Tages bemerkt.

Elias Schneitter trägt schon ein Leben lang die Geschichte des Josef Ressel ungelöst und voller Bewunderung mit sich herum. Lange sind seine Fragmente in diversen Schatullen und Kisten zur Ruhe gebettet gewesen, aber jetzt hat er seine gesammelten Alterskräfte aufgeboten, ist ins Technische Museum in Wien zu den Originalschriften gefahren, und hat eine wundersame Erzählung geschrieben. Diese berichtet in der Verkleidung des Erfinders der Schiffsschraube letztlich davon, wie es einem in Österreich ergeht, wenn man seine privaten Erfindungen dem öffentlichen Geist, dem Kaiser, den Volksvertretern und der Beamtenschaft aussetzt.

Jede Biographie-nahe Partitur erzählt die Geschichte immer auf drei Weisen:

a) wie der Held als Dokument in den Vitrinen oder in Wikipedia liegt

b) wie der Autor sich selbst verwirklicht, indem er das Leben eines anderen erzählt

c) wie die Leser bei jedem Absatz überprüfen, wie intensiv ihre Lebensträume vom Helden ausprobiert und verwirklicht worden sind

Josef Ressel (1793 1857) lebt also in ärmsten Verhältnissen, kann gut zeichnen und ist unheimlich neugierig. Er wird zweimal dem Kaiser vorgestellt, einmal erhält er ein zu kurz geratenes Stipendium für eine Forstschule, ein andermal wird er als Forstintendant ins Hinterland von Triest geschickt. Überall, wo er auftaucht, verbessert er die Welt, bis sie klar und logisch ist wie seine gestochen scharfen Zeichnungen.

Anlässlich einer Entkorkung einer Weinflasche kommt ihm die Idee, dass man das „Wasser anbohren“ müsse, um sich darin als Schiff fortbewegen zu können. Obwohl er viele Erfindungen und Patente nachweisen kann, lässt sich nur mit Mühe ein Probelauf für diese Idee durchführen. Das Schiff für dieses Experiment heißt Civetta und löst zumindest für ein paar hundert Meter große Aufmerksamkeit aus. Zwar funktioniert bei der Welturaufführung die Schiffsschraube bestens, aber der Dampfkessel explodiert. Und wie üblich, reden alle nur vom misslungenen Teil und niemand vom geglückten.

Das Patent verfällt und überall auf der Welt setzen sich Schiffsschrauben durch. Erst als in einem Wettbewerb der Nationen ein spätes Rennen um den Erfindungsruhm einsetzt, zeigt sich Österreich von seiner patriotischen Seite und unternimmt alles, um Ressel als Erfinder bekannt zu machen. Aber da ist es naturgemäß zu spät, denn in Österreich ist der Tod die Voraussetzung für Anerkennung. Zwar erfüllt der beamtete Ressel auch diese Vorschrift, aber er hat nichts mehr davon.

In dieser Geschichte, wie man sie aus den diversen Biographien für den eigenen Geschmack herauslesen kann, ist das bemerkenswerte Arbeitsleben des Elias Schneitter selbst verankert. Seine Erfindungen zeigen sich in mannigfaltig im Alltag verstrickten Geschichten, worin die fiktionalen Ressels die Hauptrolle des gewöhnlichen Zusammenlebens spielen. Jeder arbeitet an der Verbesserung seiner Welt und versucht, diese Entwürfe mit der Öffentlichkeit in Einklang zu bringen.

Die simple Frage eines Schriftstellers, wem gehören die Texte und was macht das Urheberrecht damit, kommt an die Fragestellung Ressels heran, wer hat die Schraube erfunden? So wie im Falle Ressels machen auch in der Literatur nicht jene das Geschäft, die eine Sache gut erfunden haben, sondern jene, die am schnellsten damit auf den Markt gerannt sind.

Die Erzählung „Civetta“ beleuchtet so nebenher das Wesen eines guten Beamten, der seine individuellen Bedürfnisse zurücksteckt im Dienste der Allgemeinheit. In grotesk wirkenden Episoden zeigen sich Unschlagbarkeit und Unsterblichkeit des Vollblut-Beamten. Als Ressel einmal überfallen wird, trennt er sich anstandslos von seinen Wertgegenständen, verteidigt aber sein Dienstpferd. Ihr würdet nicht weit kommen, denn das Dienstpferd ist bekannter als ich, sagt er den Räubern.

Dieses Hintanstellen der eigenen Identität führt die Behörden später ins Dilemma: Als eine Statue gegossen werden soll, weiß niemand, wie der Held ausgesehen hat. So ist man gezwungen, einen idealtypischen Erfindungsbeamten zu kreieren.

Die Erzählung endet mit einer Aufstellung der Dienstzeiten, man beachte die magische Ziffernfolge. 44 Jahre, 2 Monate und 22 Tage ist Ressel im Dienst gewesen und hat dabei die Welt verbessert.

Die Parallelen zur Literatur sind unübersehbar, wie der Spruch der Österreichischen Beatniks zeigt: Die Literatur ist immer im Dienst.

Die dritte Komponente, die beim Lesen dieser Erzählung zur Ergriffenheit führt, ist die Möglichkeit, sich mit dem Helden zu identifizieren. In jedem von uns steckt ein Ressel, jeden Tag führen wir Versuche durch, die schiefgehen. Aber die Schraube funktioniert, es ist nur der Kessel, der in die Luft fliegt.

Niemand, der lesen kann, vermag sich nach so einer Geschichte der Auseinandersetzung mit seinem eigenen Lebensgeist zu entziehen!


Elias Schneitter: Civetta. Erzählung.

Zirl: BAES 2022. 100 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-3-9519872-9-3.

Elias Schneitter, geb. 1953 in Zirl, lebt in Wien und Zirl.

Josef Ressel, geb. 1793 in Chrudim, starb 1857 in Laibach.

Helmuth Schönauer 27/03/22



GEGENWARTSLITERATUR 3093

Das Journal der Valerie Vogler

Bald wird die Erde so vermüllt sein, dass es keinen Flecken mehr gibt, auf dem man ein Selfie mit unberührter Natur machen kann. Auch die Literatur leidet schon unter dem Mangel an unberührten Plätzen, worin sich die Seele in sich selbst austoben kann. Als letzte Refugien für kranke Psychen gelten Patagonien und Spitzbergen. Das früher weit verbreitete Sibirien ist ja momentan sanktioniert.

Constantin Schwab nennt seinen Roman „Das Journal der Valerie Vogler“. Mit diesem Genre versucht er einen halbwegs realistischen Rahmen für etwas abzustecken, was gerade dabei ist, jeglichen Rahmen abzuwerfen: Die absolute Kunst.

In einer vagen Erzählstruktur ist die Journalistin Valerie Vogler eingeladen, die legendäre Künstlergruppe AURORA auf Spitzbergen zu besuchen, wo diese ihr permanentes Winterquartier aufgeschlagen hat. Die Gruppe besteht aus vier Künstlern, die sich ähnlich einer Band aus den 1960er Jahren mit viel Mythos und rätselhaften Sagern umgeben, sie sind vermutlich fetz-reich geworden und machen nun in der Eiswüste Spitzbergens auf karg, leer, einsam und peripher.

Eine knappe Woche verbringt die Ich-Erzählerin im Eisbunker, der aus sieben Räumen besteht, wobei der siebte nicht betreten werden darf. Auch sonst gibt es Spielregeln, die zum kultischen Gehabe gehören, in der Werkstatt herrscht Arbeitskittel-Pflicht und die Werkstatt darf ohne Grund nicht verlassen werden.

Ehe die Erzählerin mit den Künstlern in individuelle Gespräche eintritt, gilt es noch, das sogenannte Manifest zu lesen, das aus acht Punkten besteht. Dieses Manifest lässt sich auf alle Künste anwenden und gilt vielleicht auch für Romane.

1. Das Werk steht immer an erster Stelle. / 2. Das Werk hat immer recht. / 3. Kunst kommt von Kollektiv […] / 8. Der eigentliche Held ist die Werkstatt. (22)

Umgelegt auf die Literatur ergibt sich daraus ein schöner Gruß an die Literatur der Arbeitswelt, den Bitterfelder Weg oder das Seufzen des Kombinats Schwarze Pumpe.

Valeries ideologischer Zugang hält sich freilich an das romantisierte Schicksal von Edvard Munch, der mit seinem Allround-Schrei für jede angeschlagene Seele ein willkommener Haltegriff ist. „Ein Künstler muss aus jedem Gefühl schöpfen!“ (35)

Während der nächsten Tage entstehen allerhand Kunstwerke, wobei oft der Vorgang das eigentliche Ergebnis ist. Also das Aufspannen der Leinwand ist Kunst, nicht die aufgestellte Stoffbahn selbst.

Statt in Interviews zeigen sich die Künstler in Performances gesprächig. Einmal muss Valerie Schweiß abliefern, mit dem gemalt werden soll, ein andermal soll die Aura der Betrachterin nahtlos auf die Leinwand geklebt werden. Schließlich stülpt man ihr Kopfhörer über, und spielt ihre eigenen Angstschreie der letzten Nacht ab.

Schon bald verliert die Beobachterin jegliches Gefühl für Raum und Zeit und gibt sich dem Spitzbergen-Effekt hin. Manchmal sind Schüsse zur Eisbärabwehr zu hören. Sie könnten echte Tiere vertreiben oder aber auch nur die Vorstellung davon. In beiden Fallen wäre die Kunst gefährdet.

Die Erzählerin protokolliert tapfer, manchmal ist der Kugelschreiber der letzte Halt, den sie findet. Unklares fasst sie umso kompakter in einer Theorie zusammen. „Was im Werk zu sehen ist, entscheidet der Künstler. Was im Werk nicht zu sehen ist, entscheidet der Betrachter.“ (53)

Natürlich spielt auch die Erotik eine permanente Rolle, aber die Künstler nennen das Wirken mit den Geschlechtsorganen einfach Kunstvorgang, und auch die überrumpelte Erzählerin lässt sich auf jenes Spiel ein, bei dem ein Pinsel schon mal in einen Körperöffnung fahren kann. Der Wind bläst in diesen Breitengraden nach einer lyrischen Melodie. „Er ist ein Unbekannter, der jedem in die Fresse schlägt.“ (72)

In der letzten Nacht lässt sich die Journalschreiberin zu einem heftigen Umtrunk hinreißen. Kein Wunder, dass es zu einem Filmriss kommt. Im Journal heißt es lapidar, vier Seiten fehlen. Aber sie selbst wacht in voller Kotze auf und bemerkt den Einstich am Unterarm, sie glaubt an Narkose, aber man hat ihr Blut abgezapft, um damit auf der Leinwand zu malen. Die Gesichter beginnen sich aufzulösen in die Fratze von Edvard Munch, Eisbären sind nah und es fällt zumindest ein Schuss, der Rest ist Schweigen.

Im Anhang nimmt der Leiter einer psychiatrischen Anstalt Stellung zum Suizid, der offensichtlich in der letzte Nacht geschehen ist, es sind noch nicht alle Motive erforscht, die das Ende der Valerie Vogler herbeigeführt haben. Das Journal wird den medizinischen Dokumenten beigefügt.

Constantin Schwab erzählt heftig, in spitzen Schüben und ohne Selbstbeschönigung der vortragenden Person. Erinnerungen mit dem armen Lenz, der durchs Gebirge geht, tun sich auf, aber auch der schwere Monolog in Schnitzlers „Fräulein Else“ erfährt im Spitzbergen-Design eine neue Schärfe. Die dargebotenen Kunsttheorien sind durchaus praktikabel und erstaunlich klar für den Zustand höchster Selbstauflösung. Romantisch, aber meisterlich nüchtern.


Constantin Schwab: Das Journal der Valerie Vogler. Roman.

Graz: Droschl 2022. 128 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-99059-099-7.

Constantin Schwab, geb. 1988 in Berlin, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 04/04/22



GEGENWARTSLITERATUR 3092

Farben der Gegenwart

Farben verhalten sich in der Literatur geradezu paradox: Je genauer sie beschrieben sind, umso mehr treten sie aus dem Erzählten hinaus, und umgekehrt machen sie eine Stimmung klar, indem man ihnen eine bestimmte Farbe gibt.

Stanislav Struhar ist bereits ein Leben lang unterwegs auf der Suche nach seinen Farben. Migration, Verlust von Angehörigen, Systemwechsel, Heimatwechsel, Sprachwechsel, all diese Veränderungen haben ihn auf die Spur der Farben gebracht, denn diese vermögen, einmal zum Klingen gebracht, sich über alle kleinteiligen Eingrenzungen hinwegzusetzen. Die Farben sind in seinem Falle verlässliche Botenstoffe für Emotionen, Sehnsüchte, Stimmungslagen.

Der „Farbenkosmos“ des Stanislav Struhar ist mittlerweile in einer Dissertation von Gabriela Šilhavá aufgearbeitet, deren Hauptthesen in einem erwärmenden Nachwort jenen drei Geschichten beigefügt sind, die zusammen die Farben der Gegenwart ausmachen.

Die vertrauten Farben der Fremde“ (7) zeigen den 25-jährigen Florian, der nach längerer Zeit wieder nach Marseille fährt, um die Spur zu seiner Familiengeschichte aufzunehmen. Seine Tante gibt ihm Quartier und bereitet ihre nächste Reise vor. Sie erzählt neue Facetten der Verwandtschaft und ist eine seltsame Brücke zu Florians Vater, denn zwischen Vater und Sohn ist das Verhältnis ziemlich abgekühlt. Der Garten bringt nach wenigen Augenblicken die Vergangenheit als Kindheitsparadies aus Farben und Gerüchen zum Vorschein. In diese melancholische Stimmung passt auch die Begegnung mit einer ehemaligen Freundin, die seltsam pastös erscheint, indem sich das Bild von früher mit jenem von jetzt überlagert, die Vergangenheit fungiert als Weichzeichner der Gegenwart.

Überhaupt geschieht alles in einem Ruckeln aus Standbildern, die in sich abgeschlossen sind. „Er stieg aus, und der Busfahrer machte die Tür zu, der Bus setzte sich in Bewegung, entfernte sich träge.“ (25) Diese einzelnen Bilder fangen ganze Empfindungsketten ein, sodass etwa der bloße Anblick einer Statue den Helden zuerst amorph traurig macht, während gleichzeitig diese Traurigkeit auf konkrete Augenblicke, Eindrücke und Begegnungen überspringt. Wegen der Statue wird der Held traurig, aber umgekehrt bietet sie ihm Anlass, an dieser Emotion zu arbeiten, ohne jemandem zu schaden.

Die „Statuen-Therapie“ wird dann gleich notwendig, als die Nachricht vom Tod des Vaters kommt. Eine SMS eines Freundes, wonach sich jemand nach dem Friedhof erkundigt, auf dem die Bestattung stattfinden soll, löst eine komplizierte Informationskette aus. So kompliziert, wie einst der Kontakt zum Vater gewesen ist, gestaltet sich jetzt auch die Nachricht von seinem Tod.

Die Farben der Gärten und Gassen in Marseille flunkern indes ungebrochen weiter und lassen sich auch von Florians Trauer nicht beeindrucken. Wie überhaupt die Farben dauerhafter und verlässlicher sind als die Stimmungen, die sie auslösen. An die Farben musst du dich halten, lautet so eine These des Autors, denn auf sie ist überall Verlass, egal wo du geboren und wohin du später ausgereist bist.

Die Leichtigkeit der Farben“ (49) nennt sich die zweite Geschichte, in der wieder alle Beteiligten unterwegs sind. Adam ist seinerzeit aus Prag geflohen, weil er dem Druck seiner Familie ausweichen wollte, die ihm die Arbeitslosigkeit übelgenommen hat. Jetzt flaniert er in seiner freien Zeit durch die bunten Teile von Wien, die ihn an Prag erinnern. Parks, Schloss Neuwaldegg und helles Licht in der Wohnung einer Freundin begleiten ihn. Er ist in einem Kaufhaus untergekommen und verkauft Herrenmode, beim Spazieren hat er zuerst den Hund Theo und später die junge Heidrun kennengelernt, die seine Seelenfreundin wird.

Alle Personen, die in der Folge auftreten, bedient werden oder sich bedienen lassen, sind Ausgezogene, Umgezogene, Fehlverzogene. Hinter jedem Menschen dieser Stadt Wien tut sich eine Migrationsgeschichte auf, und an manchen Tagen sagen selbst Zugezogene süffisant, sie hätten noch nie einen Österreicher gesehen. Diesen freilich sagt man eine ungute Reserviertheit gegenüber allem Weltoffenen nach, aber man kann es nicht überprüfen, weil sie ja als Österreicher nicht in Erscheinung treten.

Der Held dieser „Leichtigkeit der Farben“ ist der blinde Hund Theo. Er ist ein Beispiel für dieses Leben in vielen Heimaten, denn er sieht überall hinter seinen erblindeten Augen nur das Schöne in seinem Hundeleben, und es macht ihm auch nichts aus, wenn er das ordinäre Grün des Rasens nicht sehen muss.

Obwohl die weite Welt Einzug gehalten hat in der großen Stadt, wird es dann doch sehr eng, wenn es familiär wird. Der Großvater der Geliebten hat es nicht gern, wenn Adam bei ihr übernachtet, andererseits schläft dieser gerne auf ihrer Couch ein und lässt sich erst am Morgen wecken. Und dann stirbt der Großvater jäh in seinem Garten, und in der Trauer sehen alle, dass ein Stück Vergangenheit unwiederbringlich verloren ist. Das Liebespaar versucht aus der Erinnerung zu retten, was zu retten ist. Vielleicht kann man das alte Prag in Erinnerung halten, indem man seine Dichter liest, Kafka, Werfel, Rilke. Vielleicht aber genügt es für einen Gleichklang der Farben, wenn man die einzelnen Blumen des Gartens ins Tschechische übersetzt, umweht vom Hauch der Liebe.

Dieses Übersetzen spielt in der dritten Geschichte die Hauptrolle. „All die geliebten Farben“ (124) ist eine skizzenhaft angelegte Wien-Geschichte, die der Autor einst auf Tschechisch geschrieben hat und jetzt mit seinem Sohn gleichen Namens ins deutsche übersetzt. Diese Übersetzung zeigt, dass die beiden zumindest in der Sprache „angekommen“ sind, wenngleich eine seltsame Unruhe dabei ist, wie bei den Helden der Geschichte, die im fotografischen Milieu spielt. Ein Foto ist nicht an die Sprache gebunden, heißt es manchmal, sodass der Fotograf überall verstanden wird. Aber die Bilder sagen nichts aus über die Unruhe, die diese Künstler umtreibt. Der Ich-Erzähler kommt von einer Ausstellung aus dem Ausland zurück, und fühlt sich missverstanden in Wien, ein anderer Fotokünstler versucht gerade in dieser Stadt Fuß zu fassen, muss aber einsehen, dass er in seiner Heimatstadt Salzburg besser aufgehoben ist. Auf der Suche nach den richtigen Farben des Lebens sind es gerade die Künstler, die unruhig unterwegs sind, auf der Suche nach dem Licht.

Stanislav Struhars Geschichten haben eine ähnliche Wirkung wie die eingangs angesprochenen Farben, in paradoxer Weise werden sie umso kontemplativer, je unruhiger darin die Helden unterwegs sind!


Stanislav Struhar: Farben der Gegenwart. Erzählungen. Mit einem Nachwort von Gabriela Šilhavá.

Klagenfurt: Wieser 2022. 158 Seiten. EUR 21,-. ISBN 978-3-99029-526-7.

Stanislav Struhar, geb. 1964 in Gottwaldov (Zlin), lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 31/03/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2318

Über Carl reden wir morgen.

Je katastrophaler die Gegenwart empfunden wird, umso mehr weichen Romane in die Vergangenheit aus. Eine Familiengeschichte, die kurz nach dem ersten Weltkrieg aufhört, beruhigt aufgewühlte Pandemie- und Kriegsseelen gleichermaßen.

Judith W. Taschler erklärt in einem Begleitinterview zur Präsentation ihres Romans „Über Carl reden wir morgen“, dass sie sich aus dem frustrierenden Pandemiegeschehen ausklinken wolle, weshalb sie einen Stoff recherchiert habe, den eine Mühlviertler Familie so in etwa vielleicht im 19. Jahrhundert erlebt hat. Historie dient also zur Entspannung, weil man immerhin weiß, wie die Geschichte zu einem gewissen Zeitpunkt ausgegangen ist. In diesem Falle endet der Roman gegen 1920 und lässt genug Spielraum, ihn vielleicht bis in die Gegenwart heraufzuführen, wenn diese später einmal weiß, was sie will.

Die Autorin wird seit ihrem Roman „Die Deutschlehrerin“ (2013) geschätzt wegen ihrer ironischen Metaebene, sie erzählt nämlich im Hintergrund immer die Erwartungen des Literaturbetriebes mit und stört diese mit nicht erwartbaren Erzählstrategien.

Der aktuelle Familienroman spielt rund um die Hofmühle im Mühlviertel. Dem Roman ist als Lesezeichen eine kleiner Stammbaum beigefügt, worauf die wichtigsten Vermehrungsknoten aufgezeichnet sind. Diese kleine Skizze ist auch notwendig, denn im Roman werden die Figuren quasi als Aussaat über dem Frühlingsacker ausgestreut, so dass man von vornherein mit großem Personalstand rechnen muss. Und wenn, wie auf den ersten Seiten, jemand stirbt, ist man als Leser froh, dass man dessen Spur nicht mehr weiterverfolgen muss.

Der Start ist fulminant: Sex am Land! In den 1820er Jahren packt der Nachbar die Nachbarin aus, beide erschrecken, weil es jetzt unter der Decke zu einem Abenteuer kommen wird. Und die Erzählposition gibt auch gleich die richtige Einschätzung ab: Die Frauen tun gut daran, sich ihren Teil zu denken und die Männer gewähren zu lassen, vielleicht mit einem wissenden Lächeln in der Dunkelheit des Schlafzimmers. Andererseits wissen schon kleine Buben, dass es gut ist, wenn man männlich ist. Bei seiner ersten Beichte gesteht der Junge, dass er froh ist, ein Mann zu sein, worauf der Beichtvater ebenfalls wissend in der Dunkelkammer der Sprechkabine zu lächeln beginnt.

In einem solch fulminant-ironischen Erzählwerk ist das Leben von drei Generationen eingespreizt, als dramaturgisches Gerüst dienen dabei fünf Kapitel, die jeweils als Traumpaare des Überlebens ausgestaltet sind. Also Anton und Rosa (7), Albert und Anna (67), Emil und Hedwig (144), Carl und Luzia (253), Eugen und Hedwig (403).

Die einzelnen Paare haben über Jahrhunderte hinweg die gleichen Aufgaben zu erledigen, sie müssen zuerst einmal zueinander finden, meist tun sie dies in umfangreichen Briefen, worin sie ihre Glücksvorstellung darlegen mit der Bitte, der oder die Angeflehte möge dabei helfen, zum zweiten gilt es, das Leben ökonomisch zu meistern, wobei die Hofmühle oft nur dazu dient, dass man von ihr aus in die weite Geschäftswelt hinauszieht, schließlich gilt es, sich ordentlich zu reproduzieren, wobei sich immer wieder schlechte Gene und Erblinien einschleichen, zuallerletzt heißt es, das eigene Leben mit einem Narrativ zu versehen, sodass auch die nächste Generation darauf aufbauen kann.

Auf dieses interne Narrativ spielt auch der Romantitel an. „Über Carl reden wir morgen“ dient als Floskel, um heiße Themen zu umgehen, oder zumindest noch einmal darüber zu schlafen, ehe man sie anpackt.

Mit diesem internen Regulativ kämpfen auch die jeweiligen Kids, wenn sie sich von den Alten die eigene Geschichte erzählen lassen. Wie in einem modernen Krimi, wo der Kommissar ja auch alle Kapitel zusammenfasst, um den bisherigen Stand der Ermittlungen zu überprüfen, (in Wirklichkeit macht er das, weil der Leser schon wieder alles vergessen hat), wie in einem Krimi lassen sich die Nachfahren immer den Stand der Familiensaga erzählen, und der Leser wird in Spannung gehalten, wo gelogen wird und wo verbrämt.

Die Hofmühle dient in der Hauptsache als Bollwerk gegen die Fliehkräfte der Familienmitglieder. Selbstverständlich wird sie zwischendurch verwüstet, von einem Tunichtgut aus den eigenen Reihen in Brand gesteckt, und immer wieder ausgebaut und erweitert. Die Clan-Mitglieder freilich drängt es stets hinaus in die Welt, und sei es nur, um die Zeitgeschichte hautnah zu erleben. So gibt es Holzhandel mit Kolonien, Kammerdienste bei Adeligen in Wien, Revolutionsversuche, Expeditionen, Weltkriege und Auswanderung nach Amerika.

Alle diese Ereignisse werden vor Ort erlebt und authentisch erzählt mit dem Hintergedanken, die Auswirkungen der großen Geschichte auf das Mühlviertler Individuum darzustellen.

Selbstverständlich hat die Autorin diese Weltereignisse bestens recherchiert und gut verpackt. Ihr größter Speicher freilich ist die Literaturgeschichte selbst, die raffiniert angedeutet, verdreht und aktualisiert wird.

So kann man das erste Kapitel, als Rosa vom Mühlviertel aus nach Wien fährt, um an einem Palais zu dienen, als angewandte Biographie des Adalbert Stifter lesen. Während in seinem Nachsommer von einem Risach die Rede ist, dient Rosa einem Reisach (28). Wo Stifter in einer Doppelbeziehung unglücklich und verfressen wird, wird Rosa vom Hausherrn wortlos genommen und muss ihren Leib auf einem Gebär-Bauernhof in der Vorstadt zu Markt tragen. Allein die Überlegung, die Literaturgeschichte mit weiblichen Insignien und Demütigungen zu erzählen, entlarvt die übliche Literaturgeschichte als ziemlich verlogene Hagiographie.

Ähnlich lässt sich der Amerika-Aufenthalt von einem der Zwillingsbrüder lesen, Eugen flüchtet rechtzeitig vor dem ersten Weltkrieg nach Amerika, und spielt in etwa den Karl Rossmann von Franz Kafka nach. Freilich geht er über das Naturtheater von Oklahoma hinaus und betreut in St. Louis ein Waisenhaus, mit allen sexuellen Komponenten, die bei Kafka nur angedeutet sind. Auch hier wird die Literaturgeschichte als Mythos entlarvt, der stracks zusammenbricht, wenn jemand das tut, was die literarischen Vorbilder sich so ausgemalt haben.

Gegen Ende kommt es um das Zwillingsmotiv herum noch einmal zu einem großen Showdown. Der gelernte Leser weiß, wenn Zwilling kommt, kommt Verwechslung, Komödie oder Tragödie. In diesem Falle flüchtet der eine aus Amerika zurück und der andere desertiert. Das kann nicht gutgehen, und bringt die Hofmühle nach Kriegsende in ernste Schwierigkeiten.

Judith W. Taschler erzählt so geschickt, dass beide Lesetypen befriedigt werden. Die einen, die eine Mühlviertelsaga mit klappernder Mühle wollen, und die anderen, die hinter jeder Ecke einen Stifter oder Kafka sehen.

Letztlich kommt beim Lesen noch eine späte Pandemieerfahrung ans Tageslicht. Die Figuren von früher, als man ohne Netz auf den Höfen und in der Welt herumsitzen musste, gleichen stark unserem Leben, als wir ohne Kontakt mit Masken auf den Balkonen sitzen mussten und uns zugerufen haben: Darüber reden wir morgen!


Judith W. Taschler: Über Carl reden wir morgen. Roman.

Wien: Zsolnay 2022. 459 Seiten. EUR 24,70. ISBN 978-3-552-07292-3.

Judith W. Taschler, geb. 1970 in Linz, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 10/02/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2317

In Südtirol und anderswo

Wenn einmal das große Wirtschaften die Macht übernommen hat, wird davon auch die Literatur eines Landes berührt. Bei Büchern über Südtirol denkt man meist an Krimis, Hotelprospekte und Sommerfrische-Storys. Kaum jemand kommt auf Anhieb auf die Idee, dass sich unter dem Label Südtirol auch Schicksale, Erzählungen und Lebensgeschichten verbergen könnten.

Ada Zapperi Zucker überrascht Land und Leser mit einer alten Weisheit: Wenn du die Geschichte eines Landes verstehen willst, musst du dir von den Alten erzählen lassen, wie es aus ihrer Sicht gewesen ist. Aus den oft vertrockneten Mündern lassen sich manchmal alte Plots heraushören, sie sind aus klaren Farben wie eine Grundierung von Himmel, wenn die Wolken der Zeitgeschichte aufgerissen haben.

Die sieben Geschichten aus dem Erzählband „In Südtirol und anderswo“ erzählen aus einer abgeklärten Sicht heraus, wie sich das Leben während der Herrschaft der letzten drei Generationen verändert hat. Dabei erzählt die „vergangene“ Schicht über die Köpfe der Business-Truppe hinweg direkt ins Herz der Leser, die vielleicht der jüngsten Generation angehören.

So sind die Geschichten als didaktische Erlebnisse klassischer Art gedacht, einmal erzählen die Texte von dem, was man höchstens noch vom Hörensagen kennt, und andererseits bringen sie eine Sprache aufs Tapet, die sich dem Alltagsgetümmel entzieht und jeweils Fügungen verwendet, die für einen langen Erzähl-Atem gedacht sind. Dass die Texte in Italienisch und deutsch veröffentlicht sind, erhöht die Einladung, sich im Switch beider Sprachen selbstsicher umzusehen.

Am Beispiel der ersten Erzählung „Burgl“ lässt sich das Konzept „Staunen und Lernen“ aufzeigen. Eine „zugewanderte“ Erzählstimme geht schon seit Jahren an einem Grundstück vorbei, dessen Haus in die Tiefe gesunken ist, weil man davor ständig Wege aufgeschüttet hat. Darin wohnt Burgl, eine alte Frau, deren Namen man heutzutage in Notburga übersetzen muss, so entlegen klingt er schon. Die versunkene Wohnsituation zeigt, wie die Geschichten allmählich im Erdboden verschwinden, während man die Wege nach draußen immer höher aufschüttet, bis sie abgehoben von jeder Standfestigkeit verlässlich ins Leere führen.

Ein Gemisch aus Ich-Erzählerin, die beobachtet, Nachbarschafts-Ich, das die Vorgänge im losen Schwatz erzählt, und Ich-Zitaten besagter Burgl arbeitet ein Frauenschicksal heraus, das am Schluss als verhärmtes Wesen im Obstgarten auf und ab geht. Wie in einem Abzählreim kommt alles vor, was kein Glück bringt. Sohn, Haus, Hund, Obst, Option, Gewalt in der Ehe und im Garten. Mit einem bösen Scherz könnte man sagen, dass dieser Abzählreim die jüngere Geschichte Südtirols ausmacht. Der Pfarrer hat lange das Sagen, besucht frisch Vermählte so lange, bis endlich die Schwangerschaft kommt. Bei dieser Gelegenheit werden die Tugenden des Patriarchats ausgepackt und vollgestreckt.

Das alles prasselt auf Burgl ein, sodass sie stumm und stümmer wird. Zwischendurch verteilt sie Kirschen an Vorbeigehende, isst aber selber keine, seit sich ein Angehöriger in ihrem Baum erhängt hat. Und vor lauter Erzählen und Sinnieren merkt die Wortführerin durch den Text, dass Burgl schon lange nicht mehr gesehen worden ist. Jemand deutet an, es habe einen Schlaganfall gegeben.

Wie bei allen konzisen Erzählungen liegt die Botschaft im Erzählvorgang, was sie vom Durchblättern einer Chronik unterscheidet. Nicht nur die Ereignisse sollen recherchiert sein, auch die Sprache muss man als Erzählerin einladen, dass sie mitmacht, bei diesem Erinnerungsvorgang. Die Sprache, das wissen die wenigsten, besteht auf Einladung und Freiwilligkeit, sie lässt sich nicht zur Anwendung zwingen.

Dieses Motiv spielt auch im Schlussessay „Die Verführungen des Gesangs“ eine Rolle. In diesem Falle ist es die Musik, die sich nicht übers Knie brechen lässt. Zuerst wird auf den schönen Sachverhalt hingewiesen, dass es nichts nützt, den besten Musiklehrer zu engagieren, wenn der Kunde nicht singen kann. Das spricht die Musikpädagogen scheinbar frei. Im zweiten Abschnitt wird freilich erzählt, wie ein sizilianischer Obst-Adeliger nach und nach seine Güter verkauft, um sich Musiklehrer zu leisten, die ihm das Singen beibringen möchten. Aber niemand sagt die Wahrheit, dass es nämlich um sein Genie schlecht bestellt ist. Als eine Klavierlehrerin Klartext spricht, bleibt der Sänger verschwunden, er hat sich wohl was angetan. Seht, sagt die Geschichte, wenn wir die Wahrheit singen würden, wäre es um uns und die Musik geschehen.

Die „didaktischen“ Beispiele der Zeitgeschichte handeln vom Fuß fassen aus Sizilien emigrierter Künstler, vom Fuß fassen in der Liebe, vom Fremdsein in dieser Liebe und vom Fremdbleiben der Zugezogenen.

Ada Zapperi Zucker gelingt es, ein wärmendes Licht anzuzünden, wenn sie nach alter Methode des Kerzenscheins behutsam in die Vergangenheit blickt, standfest und auf Höhe der Gegenwart.


Ada Zapperi Zucker: In Südtirol und anderswo. Erzählungen. Zweisprachig. [In Sudtirolo e altroverse, Racconti.] A. d. Ital. von Domenikus Andergassen.

München: VoG Verlag ohne Geld 2022. 320 Seiten. EUR 14,80. ISBN 978-3-943810-33-2.

Ada Zapperi Zucker, geb. 1937 in Catania, lebt in München.

Helmuth Schönauer 08/04/22