Buch in Pension – Rezensionen August/2020


Ute Eckenfelder: Flure/Fluchten. Lyrik der Gegenwart 89.

Leopold Federmair: Die lange Nacht der Illusion. Roman.

Hubert Flattinger: Mrs. O‘Hara sagt Gute Nacht. Erzählung.

Franziska Füchsl: Tagwan.

Andrej Kokot: Das Kind, das ich war. Erinnerungen an die Vertreibung.

Rudolf Kraus: die letzte frage der menschheit. Siebzehnsilber.

Bettina Messner: Das schachspielende Chamäleon. Erzählungen.

Gerald Murnane: Landschaft mit Landschaft. Roman.

Josef von Neupauer: Österreich im Jahre 2020. Sozialpolitischer Roman.

Jonathan Perry: Bei einem Häufchen Laub. Prosaminiaturen.


GEGENWARTSLITERATUR 2918

Flure/Fluchten

Ein wesentliches Gliederungselement in der archaischen Kunst der Architektur sind Flure und Fluchten. An ihnen orientieren sich die Benutzer, wenn sie über Flure die Zelleinheiten einzelnen Stockwerke betreten, an ihnen richten sich die Häuser aus, wenn sie strammstehen und eine straffe Flucht zur Straße hin ermöglichen.

Ute Eckenfelder stellt nun die Überlegung an, inwiefern sich mit Fluren und Fluchten auch die sprachliche Architektur gliedern lässt. Dabei können Schlüsselwörter wie Exit-Schilder montiert sein, an denen das lyrische Ich entlangläuft.

Poetisch leichtläufige Wörter wie wuchern, Bilder, Licht oder Wolken werden mit einmaligen Fallbeispielen versehen und erweitert. „In Wolken // Licht umzingelt sah ich das Elfen, / ehe es verbeinte, im Sand versteinte, / sah es – elfenbeinzart –“ (18) Dabei fügen sich die Beispielsätze in den erweiterten Kontext, den ihnen das lyrische Ich verschafft. Noch während das Licht etwas Elfenbeinzartes einfangen kann, wird dieses archäologisch verbeint und im Sand eingeschossen für spätere Zeiten.

Zwischenräume, Schritte, ja selbst angelesene Sequenzen des Philosophen Hegel (50) schaffen Platz für geliehene oder weggelegte Wörter. So besteht der weggeworfene Müll zuerst aus Wörtern, ehe er sich als „Gärung des Endlichen“ zeigt. (54) Durch die poetischen Flure ziehen Böen, die sich reimen oder den Singsang eines Kinderliedes aufnehmen: „Haben haben, schrien die Raben“ (40).

Neben dem mitgelesenen Hegel kommt natürlich Wittgensteinsches Material zur Anwendung, wenn es um die Erweiterung des Sprachspiels geht. Ein simples Dixi-Klo erweist sich als ideale Zusammenfassung der These: „Alles was da ist / kommt vor.“ (68)

Um diese poetische Masse zu strukturieren, sind quasi als ordnende Fluchten Gliederungssequenzen in Gestalt von Zwischen-Inschriften angelegt.

Ach ihr, Schneeschwestern mit Lügenlachfalten“ (76), in nächster Nähe zu diesem Ausruf ist eine Hommage an Friederike Mairöcker platziert, freilich etwas variiert, damit das Zitat nicht von Suchmaschinen allzu schnell gefunden werden kann. „Ach Frie/ach Röck im May // Es zündelt / zündelt allerorten, meine Kastanie, / mich erwartend ihre Knospen, macht auf das Tor – // was blühen kann, blüht auf, flügelt, / flackert, gelbäugig, sonnengläubig“ (77). Diese Verknüpfung von Eigennamen-Elementen bewirkt eine Veredelung der Sprache hin zu einer sauber aufgestellten Flucht von Solitären.

Mittendrin wird auch versucht, den amorphen Ablauf von Wetter oder Jahreszeiten einzufangen und in einem Flur zu ordnen. Tagelang blauer Himmel, über und über, Reste noch, Fleck nochmal. Diese Anknüpfungsfügungen laufen als semantische Leiste die Wahrnehmung entlang, an ihnen lassen sich die einzelnen Gedichte aufhängen.

Allmählich taucht so etwas wie eine Wittgensteinsche Conclusio auf. „Nur was nichts ist, kann alles sein –“ (144).

In einem Nachwort verweist Petra Ganglbauer auf die Eigenart der Texte, um geliehene Worte eigenes Material herumzubauen und das Geliehene dann wieder zu entfernen.

Ute Eckenfelder bringt in ihrem „Dank-Gedicht“ die wahren Heroinnen der Gegenwartslyrik ins Spiel. Die Zitate von Hegel oder Wittgenstein könnten nicht stattfinden, wenn es nicht Herausgeberinnen wie Erika Kronabitter oder Raimund Bahr gäbe, die „jenseits des kapitalistischen Marktgeschehens“ den Gedichten Luft zum Überleben organisierten.


Ute Eckenfelder: Flure/Fluchten. Lyrik der Gegenwart 89.

St. Wolfgang: edition art science 2020. 159 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-903335-00-4.

Ute Eckenfelder, geb. 1938 in Sulz am Neckar, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 14/07/20



GEGENWARTSLITERATUR 2921

Die lange Nacht der Illusion

Normalerweise suggeriert ein Erzählrahmen, dass die darin eingeschlossene Geschichte überschaubar und abgeklärt ist. In raren Fällen wird freilich der Rahmen auf offener Bühne gesprengt, um zu zeigen, dass alles ausgefranst, mehrdeutig und fragmentarisch ist.

Leopold Federmair gibt der simplen Story, dass sich Mann und Frau getrennt haben und die Tochter als Überbleibsel der Beziehung mit dem Mann mitläuft, einen fragilen Rahmen, der jeden Denkansatz in Frage stellt. In diesem Rahmen nämlich geht es um nichts anderes als die Überlegung, wie man in das Wesen eines Textes, einer Biographie oder einer Kultur eindringen kann, wenn man sie zu übersetzen versucht. Der Icherzähler findet sich in einer langen Nacht der Illusion wieder, indem er ständig Gedanken zu transformieren versucht, aber dabei kein Morgenlicht erreicht. Angefangen hat alles mit seiner Doktorarbeit, die er wie ein Metzger angelegt hat. „Beim Schlachten einer Sau darf kein Stück verlorengehen.“ Er hat das Thema geschlachtet und alles verwertet, aber bei dieser Gelegenheit ist ihm der Sinn abhanden gekommen.

Während er versucht, das Hauptwerk von Yukio Mishima zu übersetzen, gleitet er in die eigene Biographie ab und überlegt, ob er nicht zuerst diese bearbeiten soll, damit er für die literarische Arbeit den Kopf frei hat. „Es dauert Jahre, Jahrzehnte, bis einer ein Selbst geworden ist. Man begrenzt sich, grenzt sich ab, beginnt langsam, ohne dass man es merkt, sich zu verschließen, und damit die Welt.“ (18)

Der Roman beginnt mit einer sogenannten Affektenlehre, dabei versucht das erzählende Ich aus Studium, Lektüre und Wissensgier eine Tischvorlage zu entwickeln, mit der man in die Diskussion um den Roman gehen könnte. Alles ist rätselhaft ausgeklügelt und vage. Am Schluss wird ein Absatz über einen offen gehaltenen Traum gesetzt werden, der schon im Vorlauf divers gehalten wird. „Zuletzt noch ein Wort zum kurzen, punktartigen Schlusstext in diesem Buch. Die Identität des Verfassers spielt hier gar keine Rolle.“ (29)

Im Mittelpunkt stehen ab jetzt Yuuki, die sich erstmals im Leben als Single fühlt, und der Übersetzer Theo, der aus dem Augenwinkel heraus die gemeinsame Tochter Yoko mitlaufen lässt. Beiden ist jeweils ein kompletter „Sub-Roman“ gewidmet, bei „Okarina“ handelt es sich um die ersten menschlichen Klänge, die in einer schallschluckenden Welt ans Ohr der Heldin dringen. Unter „Kinkakuji“ ist die Unmöglichkeit des Übersetzens für den Helden zusammengefasst.

Vorausgesetzt, dass man immer eine ausweglose intellektuelle Konstellation im Auge hat, lässt sich der Plot zu einer Beziehungsgeschichte zusammenfassen. Yuuki sitzt in einem entlegenen Landesteil in einer Wohnanlage am Waldrand, die Firma hat sie an die Peripherie delegiert, wo sie sich als Außenseiterin nur mühsam zurechtfindet. Sie nennt sich selbst die Einzelgängerin und tatsächlich, ob sie Müll trennt, im Treppenhaus nach verlorenen Klängen sucht oder zu einem kleinen Spaziergang aufbricht, alles wird zu einem einzigartigen Tun mit dem Touch der Eigenbrötelei.

Theo hingegen arbeitet an der Übersetzung von „Kinkakuji“. Seit fünfzig Jahren empfindet er Scham, dass dieses Werk einst als „Tempelbrand“ ins Deutsche übersetzt worden ist. Das Fazit seiner Überlegungen ist die Erkenntnis, dass man Mishimas Originaltitel beibehalten muss, so wie ja auch Don Quixote als solcher in allen Sprachen auftritt.

Während des doppelt ausgeführten Romans fließen auch die Standpunkte ineinander, ehe im Endkapitel auf jegliche Identitätszuordnung verzichtet wird. Allgegenwärtig verbindend ist freilich ein gewaltiger Regen, der durch das ganze Buch rinnt und den Roman zu einem der verregnetsten Romane der Literaturgeschichte macht. (Als nassester Roman gilt nach wie vor Leberts Wolfshaut.)

Am Schluss wird Katastrophenalarm ausgelöst, weil das Land unter Wasser steht. Der Mann kriegt über den Notdienst die Telefonnummer seiner getrennt lebenden Frau und ruft an. Sie sind beide erleichtert, dass sie noch leben, haben sich aber nichts zu sagen.

Leopold Federmairs „Die lange Nacht der Illusion“ lässt sich auch als letzter Teil der Japan-Trilogie lesen. In der Auseinandersetzung mit diesem Land hat er einen eigenen Erzählstandpunkt gefunden. Seine These besagt, dass etwas sofort zur Peripherie wird, wenn man es als Individuum erzählt. Während offizielle Gedanken immer in irgendein Zentrum drängen, fliehen individuelle Denkansätze an den Rand vorhandener Strukturen. Selbst Japan als Kultur ist dieser Dynamik ausgesetzt, sobald etwas auf Japanisch formuliert wird, gerät es an den Rand des sogenannten Weltgeschehens.

Diese fliehenden Standorte verhindern auch ein allzu mächtiges Verweilen bei Plot, Handlung oder Text-Architektur. An jeder Stelle quillt das Fragmentarische hervor, das seinerzeit als Notiz entstanden ist und jetzt zum Auskleiden des Romans verwendet wird. Alles, was während so einer Denk-Nacht entsteht, ist eine Illusion. Der Leser ist klug beraten, dies alles für sich selbst als Illusion zu übersetzen.


Leopold Federmair: Die lange Nacht der Illusion. Roman.

Salzburg: Otto Müller Verlag 2020. 285 Seiten. EUR 23,-. ISBN 3-7013-1276-4.

Leopold Federmair, geb. 1957 in Wels, lebt in Japan.

Helmuth Schönauer 21/07/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2239

Mrs. O‘Hara sagt Gute Nacht

Alle träumen von einem Urlaub, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat. Aber alle liegen falsch, weil sie ins unzuständige Reisebüro gehen. Der ideale Urlaub nämlich liegt in der Kindheit und kann, wie schon der Name sagt, nur in Büchern gebucht werden.

Hubert Flattingers Erzählung handelt von einer langen Reise nach Irland, dabei wird die Kindheit aufgesucht, das erste Abenteuer ausgepackt, und die erste Frau im Handstreich erobert. Der Ich-Erzähler ist voller Unschuld und Raffinesse, sodass er unwiderstehlich ist. Außerdem gilt er als unverwundbar, weil er sich in Geschichten verstecken kann, aus denen er erst dann wieder hervorkriecht, wenn die Luft der Realität rein ist.

Die Erzählung rund um die magische Frau O‘Hara in Irland ist aufgebaut wie eine ehrwürdige Dia-Show, wo solange Bilder gezeigt werden, bis die Rahmen geschmolzen sind. Und wie im echten Leben gilt ein Land erst als erobert, wenn man sich ins Herz der Bevölkerung hinein versenkt hat.

Der Erzähler geht gleich einmal zur Sache, indem er zur in jeder Hinsicht reifen Mrs. O‘Hara ins Bett kuschelt. Vorgeblich handelt es sich um ein unschuldiges Abenteuer im Bett, aber der Hintergrund ist tief ernst: Nur wer bereit ist zu einer gemeinsam erzählten Geschichte, kann auch einen gemeinsamen Herzschlag aushalten. Der Erzähler ist in dieser Sequenz ein junger Bub, das kann aber auch eine Schutzbehauptung sein. Jedenfalls wird die gute Mrs. O‘Hara, die eigentlich bloß einschlafen will, so lange gequält, bis sie ihr Herz öffnet und von Irland erzählt. Die auftretenden Figuren sind alle schräg und irisch vermoost, keiner entspricht einem Menschenschlag von der Stange, jeder einzelne Held gleicht einem zu Fleisch gewordenen Wurzelwerk. Da ist es nur logisch, dass der nach Geschichten dürstende Erzähler ständig „Oistereika“ genannt wird.

Diese Reise scheint bestens zu gelingen, weil sie gut vorbereitet ist. Am kompliziertesten ist dabei immer die Auswahl des einen Buches, das man auf so einen entscheidenden Trip mitnimmt. Im Falle des Irland-Abenteuers wird nach langem Brüten schließlich der Roman vom „Mädchen auf dem Packeis“ eingepackt. So ein Buch ist mehr als ein Reiseführer und Tagebuch zusammen, es ist ein Guide, ein Notfallkoffer und eine Nurse für den Fall, dass einem was zustößt. (39)

Tag und Nacht geht es nun hin und her mit den Geschichten und bemerkenswerten Persönlichkeiten. Gespenster erscheinen regelmäßig, wie es in der irischen Literatur üblich ist. Wenn einmal gar nichts weitergeht, wie am Schnellimbiss von Linda, hilft immer noch die Standardfrage weiter: „Sind Sie Tourist?“

Bei solchen Anlässen kann man dann die eigene Nationalität hervorholen und die Leute ins Staunen versetzen. In „Öistereik“ unterwirft sich alles dem Charme der weißen Pferde in der Hofburg, die in barocken Levaden und Capriolen durch die Arena tanzen. Und wenn die Lipizzaner sich zur Ruhe begeben, macht sich sofort Mozart auf den Weg, der das ganze Land mit Klangwolken durchstreift.

Sei es in der Lektüre, in der Erinnerung, in einem Gespräch oder in Wirklichkeit, plötzlich gibt sich ein gewisser Ned als Agent zu erkennen, der in geheimer Mission unterwegs ist. Dem Erzähler zerspringt fast das Herz. „Ned Stoney. Ein Amerikaner, ein Ire. Ein Junge, ein Greis. Ein Aufschneider, Angeber und Lügner. Ein Kobold, ein Leprechaun. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes. So oder so: Einem wie ihm wollte ich immer schon mal begegnet sein.“ (57)

Die Abenteuer verlagern sich zunehmend in die Nacht, weil in ihr die Figuren noch bizarrer wirken. Limerick bei Nacht, nächtliches Rendezvous, Spiegelbilder und Wachsfiguren nennen sich jene Episoden, bei dem eine Begegnung der dritten Art ziemlich wahrscheinlich wird.

Der Erfolg einer Reise zeigt sich beim Abschied, der Irland-Abenteurer hat jedenfalls eine Menge gelernt und kann sich mit einer angemessenen Pointe verabschieden. In Österreich nämlich erkennt man die Iren daran, dass sie Kopfüber auf Händen gehen. Sie müssen das tun, weil sie das Land sonst nicht aushalten würden, weil es nämlich Kopf steht.

Hubert Flattinger ist ein Meister für erzählte Abenteuertouristik. Diese ist zudem krisensicher, weil die Menschen immer in die Kindheit reisen und ein tolles Land entdecken wollen.


Hubert Flattinger: Mrs. O‘Hara sagt Gute Nacht. Erzählung.

Innsbruck: Limbus 2020. 109 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99039-168-6.

Hubert Flattinger, geb. 1960 in Innsbruck, lebt in NÖ.

Helmuth Schönauer 05/07/20



GEGENWARTSLITERATUR 2922

Tagwan

Die Literatur ist eine Variante der Wahrheit und alles, was sie zeigt, könnte auch ganz anders sein. Deshalb ist ja auch ihre Zusammenfassung in der Literaturgeschichte meist eine Erfindung von verunsicherten Zeitgenossen. Und auch die Sprache selbst steht als Geröll einer semantischen Moräne auf wackeligen Beinen und kann bei jeder Anwendung etwas anders bedeuten.

Franziska Füchsl betritt mit ihrem Debüt „Tagwan“ die Literaturgeschichte, indem sie gleich eine eigene Sprachanwendung und einen sich selbst steuernden Plot mitbringt. Tagwan ist ein Wort, das irgendwie vertraut klingt, gleichzeitig aber nicht mehr verwendet wird. Dieser archaische Klang bedeutet so etwas wie Tagwerk im engeren Sinn und die Fläche, die man an einem Tag bearbeitet im erweiterten Sinn. Der Text Tagwan beruft sich auf beide Komponenten, er beschreibt das tagwerk der Poesie und die Welt, die damit bestrichen werden kann, als Fläche. Nicht umsonst drängt sich dabei der vergleich mit einem Schöpfungsbericht auf, jemand verwendet seine tage, um etwas zu schaffen, zu erfinden oder zu beeinflussen.

Bei Franziska Füchsl fügt sich der Schöpfungsbericht aus vier Tagen zusammen, Tagwan (7), Tagwan / die Tagesarbeit, verrichtetes Tagwerk (67), Tagwan / ein Flächenmaß, Juchart (99), Tagwan, Ortsgenossenschaft (137). Quasi als Einführung wird die Schrift des Fließtextes erklärt. Bei der verwendeten „Centaur“ handelt es sich um eine leichtfüßige venezianische Renaissnce-Antiqua aus dem 20. Jahrhundert. Quer über die Schrift, die durch Jahrhunderte führt, läuft eine Pfotenspur, wie wir sie seit Kindertagen beim Fährtensucher „Lederstrumpf“ in Coopers Romanen ausmachen konnten. Wenn der Text ins allzu Prosaische schwenkt, gibt es Einsätze in kursiver Form.

Das Tagwan ist rätselhaft formuliert wie ein religiöses Epos. Ein Ich ohne Konsistenz wird eingeführt und verliert sich sofort wieder in den Partikeln, die es zu umgeben scheinen. Subjektiv betrachtet handelt es sich um eine Geburt ins Leere. „In diesem Moment war ich geboren und alles zuvor gefror und schmolz, und was da über diesen Körper rann, sammelte sich nicht, nein, es sickerte die Umrisse meiner Füße nach in die Erde.“ (7)

Später verlässt dieses Ich zwischendurch seine Parzelle, sucht eine verlorene Fährte, die an einem seidenen Faden hängt, und trifft schließlich auf Windlinge, wie diese seltsam abgeschliffenen Steine von den Kindern genannt werden. (30) Kursiv folgen ein paar Binnenerzählungen, die „tellen“, also in Trance sprechen, während das Ich grübelt, wie es passendes Stopfgut für einen Puppenkopf finden könnte. Als die Arbeit der Hände für den ersten Tag getan ist, steht tatsächlich die Sonne im Rücken, jemand sagt zu den Pferden Hühott und die Puppe begehrt Wind, der durch ihr Gewebe aus Wortsilben wehen soll.

Im zweiten Tagwan scheint es Besiedlung zu geben, immerhin ist ein notdürftiges Netz an Sozialkontakten ausgelegt, eine Erzählerin trifft auf einen gewissen Woitsch, der Kompetenz abstrahlt und seinem Gegenüber eine erste Konsistenz gibt. „Zuerst ist ihr Körper eingetroffen. Dann hat Woitsch auch sie aufgenommen.“ (78) Bemerkenswert ist seine Behausung, worin kein Buch aufrecht stehen muss. Das kann bedeuten, dass es so wenige sind, dass kein ganzes Regal zusammenkommt, oder dass die Bücher so stark gebraucht werden, dass sie ständig herumliegen und nicht abgestellt sind. (88)

Im nächsten Tagwan tauchen Zeichnerin und Lumpensammlerin auf, sie bearbeiten die Welt in zwei komplementären Schichten, die eine konstruiert und reduziert sie auf wesentliche Striche, die andere räumt beiseite und recycelt, was davon abfällt. Der Schluss liegt nahe, dass aus den Lumpen wieder neues Papier gerissen wird für die Zeichnerin.

Im letzten Tagwan scheint zumindest die engere Umgebung ausformuliert und formatiert zu sein, die Ortsgenossenschaft wird eingeführt als Skizze, worin wie auf einer Strukturtabelle für chemische Elemente vor allem Leerstellen eingezeichnet sind, die wesentlichen Substanzen gleichen Molekülen und haben Namen wie gefletzt, geflungen oder kungeln.

Diese vier Tagwerke lassen sich als poetische Inkarnation lesen, zu den Begriffen gibt es probehalber begreifbare Dinge, zu den fragmentierten Handlungen eine sozial gesteuerte Anordnung. Als Metaebene ist schließlich Glos aufgeführt, eine Art Kern-Glossar, womit die Partikel der Ortsgenossenschaft erklärt werden.

Grundüberlegung für das gesamte Sprachprojekt ist ein abgezirkelter Raum, in dem Individuum, Sprache und Welt unter realen Bedingungen miteinander in Reaktion gebracht werden. Das Ergebnis ist Tagwerk, vielleicht eine poetische Einheit, um einen synthetischen Schöpfungsbericht oder gar Überlebensbericht zu evozieren. Aufregend rätselhaft!


Franziska Füchsl: Tagwan.

Klagenfurt: Ritter 2020. 135 Seiten. EUR 13,90. ISBN 978-3-85415-605-5.

Franziska Füchsl, geb. 1991 in Putzleinsdorf, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 23/07/20



GEGENWARTSLITERATUR 2895

Das Kind, das ich war

Der Schrecken wird umso größer, je mehr ihn das Kind mit unverfälschten Wörtern beschreibt.

Andrej Kokot erzählt von seiner Kindheit in die Vertreibung mit den Mitteln eines Fotoalbums. Dabei liegen scheinbar unverfängliche Familienfotos im „Bilderbuch“ ausgelegt, bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass es sich um Lagerfotos handelt. Und das ist auch die schier unglaubliche Geschichte des Andrej, der als Kärntner Slowene zwar mit zwei Jahren reden konnte, dies allerdings in einer falschen Sprache getan hat.

Als Kind ist alles aufregend und unschuldig, die Dinge haben eine Bezeichnung, die man versteht, wenn man sie hört. Dass in Wirklichkeit alles Slowenische bereits argwöhnisch belauert wird, erkennt das Kind nicht. In seinem Sprachkopf sind alle Sätze gleich wichtig und interessant. Als nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ein gewisser Göring durch Kärnten reist, hat es dem Kleinen vor allem die Liebkosung angetan, mit der er im Auto begrüßt wird: „Lieber Hermann, Komm heraus!“ (13)

Aber dieser liebe Hermann hat letztlich anderes im Sinn. Im Jahr 1942 wird die Familie abgeholt und ausgesiedelt. Das Kind soll stolz gesagt haben: „Wir dürfen gehen, aber ihr müsst dableiben!“ (15) In Wirklichkeit haben die Nachbarn schon gewartet, um sich über das Haus herzumachen. Der Transport wird immer viehischer, je näher man Polen kommt. Der Held drückt im Waggon gewisse Knöpfe und siehe, manchmal bleibt der Zug zufällig stehen, was als Wunder gesehen wird.

Die Stationen sind die Lager Rehnitz in Polen, sowie Rastatt und Gerlachsheim in Baden Württemberg. Während die Erwachsenen zur Arbeit herangezogen werden, versucht das Kind, den „Spielbetrieb“ aufrechtzuerhalten. Heimlich wird die slowenische Sprache gepflegt und trainiert, die Lager haben für das Kind auch Abenteuercharakter. Freilich wird dieses Bild zurechtgerückt, wenn die Erwachsenen von der Zwangsarbeit in die Unterkünfte zurückkommen.

Diese Erinnerungen sind kurz und knapp dokumentiert wie Schulaufsätze, die zu diversen Themen ausgegeben werden. Apropos Schulaufsatz, als nach dem Krieg Andrej von seinen Kriegsabenteuern berichten soll, wird er vom Lehrer ermahnt, diese Geschichten in Zukunft unter den Teppich zu kehren. Im Jahr 1946 sei es nicht günstig, von den Grausamkeiten der Vergangenheit zu reden.

Tatsächlich bildet die Verstummungs-Phase einen zweiten, wesentlichen Teil der Geschichtsschreibung. Die Nachbarn sind nicht erfreut, als die ehemaligen Hausbesitzer wieder zurückkommen, sie einigen sich auf ein stummes Nebeneinanderleben, nur selten jemand hat ein schlechtes Gewissen. Die meisten flüchten sich in eine öffentliche Verdrängnis, nicht einmal unter der Hand flüstert man sich etwas von „damals“ zu.

Der dritte Schritt nach dem Erleben und Verdrängen ist schließlich eine Reise zu den ehemaligen Lager-Orten. Das polnische Rehnitz ist so entlegen von der Gegenwart, dass es manche Teile noch im Originalzustand zu sehen gibt. Die Reisenden stehen wie in einem Flash in der Vergangenheit und können nichts anfangen mit der Erinnerung. In den prosperierenden Orten des Westens hat man hingegen alles unternommen, die ehemaligen Lager verschwinden zu lassen, niemand will mehr mit der Vergangenheit in Berührung kommen.

Andrej Kokots „Erinnerungen an die Vertreibung“ sind mittlerweile ein wichtiges Fundament, um das Zusammenleben der Kärntner verschiedener Sprachen halbwegs in die Gänge zu bringen. Bei seinem ersten Erscheinen 1996 setzte der damalige Nationalratspräsident Heinz Fischer ein wesentliches Zeichen im Ortstafelkonflikt, indem er dem Buch ein Vorwort voranstellte.

Jetzt im Jahre 2020 ist das Buch Teil der ersten Satzung für eine „Slowenische Bibliothek“, die als Gemeinschaftsprojekt zwischen Wieser, Drava und ZTT-EST (Triest) herausgegeben wird.

Andrej Kokot selbst ist bei seiner Erinnerungsarbeit zwischendurch mulmig zumute. „Oft ertappe ich mich bei dem Gedanken, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, wir wären zu Hause geblieben.“ (131) Um dieses zu Hause anzusprechen, muss man erst einmal eines haben. Den Kokots wurde es immer wieder genommen, physisch, historisch und emotional. Aber der erste Schritt zur Versöhnung besteht oft darin, dass es eine Bibliothek dazu gibt.


Andrej Kokot: Das Kind, das ich war. Erinnerungen an die Vertreibung. Abb. A.d. Slowen. übersetzt vom Autor. [Orig.: Ko zori spomin, Celovec 1996]. Mit einem Geleitwort von Heinz Fischer und einem Nachwort von Klaus Ottomeyer.

Klagenfurt: Wieser 2020. (= Slowenische Bibliothek). 135 Seiten. EUR 21,-. ISBN 978-3-99029-399-7.

Andrej Kokot, geb. 1936 in Oberdorf/Zgornja vas, starb 2012 in Klagenfurt/Celovec.

1942 wurde er als Kind wegen seiner Zugehörigkeit zur slowenischen Volksgruppe mit seiner Familie von den Nazis in Arbeitslager nach Deutschland verschleppt.

Helmuth Schönauer 31/07/20



GEGENWARTSLITERATUR 2916

die letzte frage der menschheit

Die Literaturgeschichte lebt ja von Anspielungen und Bonmots. Wenn ein Schriftsteller schon Kraus heißt und sich ständig mit einem anderen Kraus, ebenfalls ohne scharfes „ß“, vergleichen lassen muss, warum soll er dann nicht einen Hörfehler vorschützen und aus den letzten Tagen der Menschheit eine letzte Frage der Menschheit machen?

Rudolf Kraus greift die Idee vom überirdischen Mondtheater auf und widmet sich einer schier unfassbaren Fülle von Themen, die vielleicht im Laufe eines Tages über einen hereinbrechen könnten. Als Methode für diese in einer endlos getakteten Erfahrungsschleife verwendet er „Siebzehnsilber“, obwohl er kein Japaner ist, wie in einem Gedicht süffisant vermerkt ist. Und diese Süffisanz erbringt auch eine eigene Zählweise: „viertes bier vor mir / jetzt sieben silben später / kommt bier nummer fünf“ (104).

Das permanente Zählen ist die Grundform dieser Siebzehnsilber-Lyrik. Einerseits wird die Botschaft in die richtige Länge getaktet, im Nachwort heißt diese Verlässlichkeit des Zählwerks „atomuhrgenau“, andererseits liegt dem Schreibvorgang die bloße Permanenz zugrunde, eine Art lebenslängliches Standby der Wachsamkeit. Diese Erregung nach innen hin lässt sich mit dem japanischen Windspiel vergleichen, das dort Fuurin genannt wird.

Die singulären Gedichte können als Ziffern eines Blattes gelesen werden, auf dem der Zeiger des Zeitstroms vorüber huscht. Dabei kann alles zu einem 17-Silber ausgestaltet werden, in einem Wortspiel glänzt das Gebilde wie Silber. Das Telefon tutet so lange, bis die lyrische Vorlage voll ist (17), später wird der Vorgang der Transkription selbst zu einem lyrischen Akt (20) und schließlich beugt sich auch etwas Realistisches wie eine Mannschaftsaufstellung im Fußball dem Versmaß. (21)

Diesen Texten wohnt naturgemäß jede Menge Ironie inne, aus einem Kindersingsang wird wertvolles Zeilenmaterial, das Rascheln des japanischen Papiers veredelt den Dichtvorgang, und die Mannschaftsaufstellung überhöht den Klassiker von Peter Handkes „1. FC Nürnberg“, indem darin Fragmente von Rapid Wien eingestreut werden. „herzog flögl krankl / weber grausam panenka / hofmann hof kienast // [rapid wien]“ (21)

Das Hintereinandersetzen der Augenblicke ergibt ein Sittenbild österreichischer Gegenwart, worin die entscheidenden Themen von Kasperl und Pezi abgehandelt werden, Österreich in den Konjunktiv flüchtet und ein Psychologe den klugen Rat gibt: Schau ja nicht zurück. (54)

Solchermaßen vorbereitet, darf schließlich die Frage der Menschheit gestellt werden. „ich frage mich die / letzte frage der menschheit / schein oder nichtschein“ (30). Nicht der Inhalt der Fragestellung rettet die Menschheit, sondern der richtige Zeitpunkt.

Der Lyrik wird immer wieder gehuldigt, indem Vogelmotive aufgegriffen werden, ohne die bekanntlich Gedichte keinen Tiefgang haben. Im Falle der Alltagsnotate handelt es sich um verstümmeltes Vogelgezwitscher, das im armen Österreich ausgeplaudert werden muss. Abgerundet wird die Hommage an eine unversehrte Natur von einer Abenddämmerung, in die ein letzter Stier hineinbrüllt. (84)

Dem 17silbrigen Panorama sind noch zwei Nachschläge angeklebt. Einmal sind es Dialektgedichte „neiche dreizäula“ (89), die beweisen, dass das Ganze auch in der feinnervigen Sprachwelt des Untergrunds funktioniert, und zum Abschluss gibt es „Bonustracks“ (99), die den Suchenden von Sonderangeboten und sogenannten Schnäppchen freiwillig in die Arme laufen. In diesen Bonustracks sind wahre Schätze versteckt, eine Würdigung an Karl Krolow etwa, oder ein auf wichtige Silben reduziertes „Über allen Wipfeln ist Ruh“.

Als allerhöchsten Punkt würdigt sich der Autor mit verdeckter Hand, indem er ein Loblied auf das Bibliothekswesen anstimmt, immerhin arbeitet er zwischen den zu verfassenden Zeilen als Bibliothekar. „in jedem regal / der bibliothek bücher / nur das eine nicht“ (131).

Jetzt ist dieses Buch da, das immer gefehlt hat, es handelt von der letzten Frage der Menschheit.


Rudolf Kraus: die letzte frage der menschheit. Siebzehnsilber. Mit einem Nachwort von Armin Baumgartner.

Wien: Verlagshaus Hernals 2020. 137 Seiten. EUR 22,90. ISBN 978-3-902975-73-7.

Rudolf Kraus, geb. 1961 in Bad Fischau, ist Schriftsteller und Bibliothekar in Wien.

Helmuth Schönauer 09/07/20



GEGENWARTSLITERATUR 2919

Das schachspielende Chamäleon

Der ideale Erzähler hat vielleicht etwas von einem schachspielenden Chamäleon, er ist immer einen Zug voraus, seine Augen lassen sich einzeln in alle Richtungen drehen und als Ganzes vermag er sich zu tarnen, indem er das Muster des Schachbretts annimmt.

Bettina Messner geht bei ihren fünfzehn Erzählungen umsichtig wie dieses schachspielende Chamäleon vor, die Textpassagen verlieren sich in der Realität, sodass der Leser zuerst einmal auf ein Schachbrett blickt, aus dem heraus dann jäh die Figuren und Spielzüge treten.

In der Titelerzählung sucht ein Schachspieler dermaßen regelmäßig das Kaffeehaus heim, dass man die Uhr danach richten kann. Er formatiert die Spielzüge als Überbau für seine Konsumation. Seine Wirklichkeit wird zu einem Ritual, das täglich überprüft und aufs Neue zelebriert wird. Als der Held eines Tages verschwindet, fällt dieses Ritual in sich zusammen und es entsteht daraus Literatur. Tatsächlich schreibt bald einmal jemand ein Buch über den Helden, der früher eins mit seinem Schachbrett gewesen ist. Damit diese aufgezeichneten Literatur nicht wieder selbst zu einem Ritual wird, muss jemand ein Gegenbuch schreiben und so fort. In dieser „Mastererzählung“ kommt das Knowhow der Autorin zum Tragen, die als Kulturmanagerin ständig mit dem Auffinden und Abarbeiten von literarischen Ritualen konfrontiert wird.

Das Muster von Konstruktion, Bewunderung und Dekonstruktion schlägt auch bei Themen wie Digitalisierung, Rollenverständnis oder Sprachanwendung durch.

So macht in der Erzählung „Zittern“ die Heldin an der Oberfläche eine Nervenkrankheit durch, die vielleicht vom Alkohol bestärkt wird, vielleicht aber auch nur die Lebensangst im Innern auf die Außenseite des Körpers überträgt. Nichts ist so, wie es ausschaut. Im Lift gibt ein Mann ständig anzügliche Sätze von sich, die auf die Heldin gemünzt sein könnten, vielleicht aber auch auf jemanden, der in den oberen Stockwerken außerhalb des Erfahrungsbereichs wohnt. Allmählich geht dieses Zittern auf alle Sinnesorgane über, nichts lässt sich mehr fixieren und das Leben oszilliert wie wild zwischen den Wahrnehmungsparametern. Die Lage implodiert schließlich, als die Wahrnehmungs-Irritierte uneingeladen zu einer Geburtstagsfeier hinzustößt, auf der offensichtlich eine Gegenwelt zelebriert wird.

In der Geschichte „total digital“ geht es um erotische Perfektion. „Ein perfekter Mann und eine perfekte Frau sind sich begegnet, was nun?“ (27) Es gibt keine Lösung, weshalb der vorgesehene Text deutlich durchgestrichen werden muss. Eine idealisierte Situation lässt sich nur beschreiben, indem man sie zerstört.

Unter der dramaturgischen Bemerkung „Tiptree (Charles Bericht)“ kommt es zu einem sogenannten „gleichgeschlechtlichen Experiment“. Eine Frau lässt im Stile einer Geschäftsanbahnung ein Casting über sich ergehen, das in eine homoerotische Aktion münden soll. Bemerkenswert ist die geschlechtsneutrale Darstellung der Akteure, die völlig genitalbefreit agieren und dadurch die Erotik bis in die höchste Erregung pushen. Zu einem vollkommenen Experiment gehört es auch, dass ein Buch darüber geschrieben wird. Die Versuchsfrau ist also nicht weiter irritiert, als sie einige Zeit nach ihrem Casting ein Buch zu Gesicht bekommt, das anonymisiert über sie und ihre Stellungen geschrieben worden ist.

Ein wesentliches Element, komplizierte Zusammenhänge halbwegs in eine Ordnung zu bringen, ist die Verwendung von Floskeln und Schaukeln. In der Erzählung vom geglückten Tag wird diese Floskel nach jedem Absatz eingestreut, wie etwa auf Gebetsmühlen nach jeder Umdrehung eine gewisse Gebetsfügung wieder auftaucht. An anderer Stelle schaukelt jemand zwischen den Sätzen vor und zurück, um zu dokumentieren, dass Bewegung nicht unbedingt heißen muss, dass man vom Fleck kommt.

Die Bedeutung der Wörter steckt in ihrer Anwendung! An diese Fundamentalsatz hält sich der ambivalente Begriff „Vögelizid“. Auf der einen Seite des Wortes fallen Vögel in selbstmörderischer Absicht vom Himmel, auf der anderen Seite unternimmt jemand alles, um beim Sex (Vögeln) den Suizid anzubringen. Beide Bedeutungen künden von einer gewissen Endzeitstimmung der Erde.

Nach diesen auf die Apokalypse ausgerichteten Texten versucht die Icherzählerin, wenigstens ansatzweise positive Geschichten aus der Versenkung des Alltags zu schöpfen. Sogenannte „BIM-Geschichten“ zeigen Trivia am Höhepunkt, die Helden in den öffentlichen Verkehrswesen sind trivial und außergewöhnlich in einem Atemzug. Dementsprechend entgleisen auch die Sätze, welche oft noch mit Sinn gestartet werden, aber dann kein gutes Ende nehmen, weil sie zu bedeutungslos sind. So bleibt für die letzte Geschichte nur eine erzählerische Zwangsmaßnahme: Das Happy End wird ausgerufen und siehe, es erscheint als Ebbe und Flut. Nichts macht so glücklich wie Anfangen und Aufhören, Hin und Her, Ebbe und Flut.

Bettina Messner hat ein kluges Erzählmesser, um diese vorgeblich hohen Kulturfrüchte der meist in der Provinz angesiedelten Menschen anzuritzen, und ihnen fallweise den Überdruck zu nehmen.


Bettina Messner: Das schachspielende Chamäleon. Erzählungen.

Graz: Keiper 2019. 182 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-903144-90-3.

Bettina Messner, geb. 1968, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 19/07/20



GEGENWARTSLITERATUR 2917

Landschaft mit Landschaft

Eines der Geheimnisse der Literatur ist es, dass man von einer leeren Landschaft nur erzählen kann, wenn man darin Menschen verlorengehen lässt.

Gerald Murnanes Texte drehen sich fast durchgehend um Landschaften, in denen jemand sandverloren verschwindet. In seiner Poetologie nämlich kann alles eine Landschaft sein, wenn es nur geschrieben wird. Traum, Psychologie, Politik und Biographie werden durch das Aufschreiben zur Landschaft, die zwar lesbar, aber nicht übertragbar ist. Wenn es jemandem gelungen ist, eine Landschaft zu beschreiben, so gilt diese nur für den Aufschreiber, der Leser muss sie sich wieder umselbst erarbeiten, denn die Beschreibung des Autors führt ja ins Leere.

Diese Erzähl-Theorie liegt auch den sechs Sub-Romanen des genre-losen Werkes „Landschaft mit Landschaft“ zugrunde. Dabei sind die einzelnen Erzählungen durch ein jeweils anderes Ich miteinander verbunden, der Held stammt dabei immer aus einer Vorstadt von Melbourne, ist entweder Lehrer oder Schriftsteller oder beides, und versucht, eine Frau zu finden. Die einzelnen Schicksale enden meist mit einer Hochzeit und dem Untergang durch Alkohol. Die Helden versuchen sich als Schriftsteller ohne lesbares Werk und fliehen in eine gedachte Landschaft, die nur für sie selbst erkennbar und gültig ist.

Gleich in der ersten „Landschaft mit sommersprossigen Frau“ entwickelt das Ich ein Faible für sommmersprossige Frauen und will ihre gesammelten Bilder keinesfalls zerknüllen. Er träumt von ihnen eher, als dass er sie ansieht. (12) Einmal steht er einem Komitee von neun Frauen gegenüber und verheddert sich in einer Erzählung von einem jungen Mann, der alles als Landschaft sieht. Dieser potentielle Toy-Boy ist Schriftsteller und zieht in den ödesten Vorort, weil er Platz braucht, um seine Phantasie aufzubauen. Je eintöniger die Vorstadt, umso aufregender die Landschaft, die er sich ersinnt. Tagsüber ist er manchmal auch Lehrer und trinkt nachmittags auf seinem Zimmer. Dann wird er ab und zu heruntergeholt zu den Frauen. „Komm herunter und sei gesellig!“ (25) Aber es gelingt dem jungen Mann nicht, Kontakt aufzunehmen, denn es sind alle in einer anderen Landschaft. Das Ich gibt erschöpft auf, denn auch der Umweg über die Erzählform aus der Sicht eines Alter-Ego bringt nichts, die Landschaften lassen sich nicht austricksen.

Die nächste Erzählung „Essenz schlürfen“ ist durch einem Kühlschrank leitmotivisch mit der ersten verbunden. In Australien lässt sich Bier nur trinken, wenn man auch einen Kühlschrank hat. Gerade in den 1960er Jahren wird der aufkommende Kühlschrank zu einem Überlebensmittel, das das ordentliche Trinken erst ermöglicht. Alles, was dabei zu einem „erhöhten Beobachtungsstandpunkt“ führt, wird als Essenz bezeichnet. Man trinkt seine Essenz, um der Essenz des Lebens auf die Spur zu kommen. Der Erzähler richtet sich allmählich in der Vorstadt von Melbourne ein. Um die Weite und Konturlosigkeit der Vorstadt zu begreifen, lesen er und sein Freund Kerouacs On the Road und beide schauen sogenannte weite Filme aus Amerika. Bald aber stellen sie fest, dass die vorgeschwärmte Weite Amerikas mickrig ist gegen jene einer Australischen Vorstadt, zumal, wenn man sie in der Vorstellung selbst vermisst. Das Entdecken von Essenzen und Weiten endet jäh, als der freund heiratet. Auch dem Erzähler bleibt nichts anders übrig als zu heiraten, er schreibt an seinem Roman weiter, aber dieser wird durch die Verehelichung des Autors nicht verständlicher.

Die ineinander verschachtelten Erzählungen enden schließlich in einer Metaebene, welche das Erzählkonvolut umspannt. Die Schlusserzählung heißt naturgemäß „Landschaft mit Künstler“. Ein Ich-Erzähler ist auch hier verzweifelt am Werkeln, durch Schreiben eine Landschaft hervorzubringen. Er führt ein Notizbuch, in dem er Wörter gesammelt hat. „Aus Wörtern versuche ich, meine geistigen Landschaften zu komponieren.“ (329) Aber der Trick, der Landschaft einen Künstler beizufügen, hilft nichts, sie bleibt unerzählbar.

Gerald Murnane gehört zweifellos zu den Giganten der Literatur, nicht nur in Australien, sondern zunehmend auch im europäischen Raum. Über Giganten werden naturgemäß jede Menge Rezensionen verfasst, welche literaturwissenschaftliche Zusammenhänge zu anderen Großmeistern herstellen. Der Identitätskult von Thomas Pynchon, die Neoavanguardia Umberto Ecos, das Rätsel Jorge Luis Borges und Franz Kafkas Schöpfungsbericht als Bürokratie geben genug Wald ab, um darin die Hängematten der linguistischen Institute und Anstalten aufzuhängen.

Für den Endverbraucher Leser bleibt in solchen Fällen die Aufmerksamkeit, noch genauer hinzusehen, was der Text mit einem macht. Und das ist wahrscheinlich das Geheimnis von Gerald Murnane, er verlangt vom Leser alles und verträgt keine Querverweise. Es endet im Lektüre-Showdown: Nur Text und Ich! Während der Lektüre kannst du nichts anderes lesen, und das Leben beruhigt sich erst, wenn du deine Erregung in den Griff bekommen hast. Eine Rezension des Endverbrauchers ist in diesem Falle der Versuch, der Erregung Herr zu werden, um in der Landschaft des Lesens weiterleben zu können.


Gerald Murnane: Landschaft mit Landschaft. Roman. A. d. Engl. von Rainer G. Schmidt. [Orig.: Landscape with Landscape, Melbourne 1985].

Berlin: Suhrkamp 2020. (= BS 1514). 397 Seiten. EUR 24,70. ISBN 978-3-518-22514-1.

Gerald Murnane, geb. 1939 in Melbourne, lebt in Victoria.

Helmuth Schönauer 12/07/20



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2237

Österreich im Jahre 2020

Utopien und Dystopien müssen den Leser mit zwei Brechstangen öffnen und bearbeiten, einmal ist es eine utopische Botschaft in Romanform, zum anderen das Aushebeln der Zeit.

Ein Buch kann noch so in der Zukunft spielen, es wird den Makel im Impressum nicht los, dass es zu einem bestimmten Jahr an einem bestimmten Ort gedruckt worden ist. Diese irdische Verankerung gilt auch für digitale Files in der Cloud.

Die Kunst dieser Romanform wird in den 1890ern vor allem in Amerika dazu genutzt, um politische Thesen und Zukunftsentwürfe zu diskutieren. Diese utopischen Thesenromane beschäftigen sich oft mit dem Thema Kommunismus, als Weiterentwicklung der Demokratie. Ein Höhepunkt dieser Gattung ist später Orwells 1984. In Europa werden diese Romane um die „Kommunisten-Angst“ diskutiert, um daraus eine Fortführung der Monarchien abzuleiten.

Josef von Neupauer nimmt 1893 diese Diskussion für die Habsburgermonarchie auf. Sein Plot ist verschmitzt und akademisch klug. Er schickt die beiden Amerikaner West und Forest nach Österreich und zwar genau in den Juli 2020. Die beiden haben sich mit den Utopien amerikanischer Thesen auseinandergesetzt und wollen diese nun in Europa diskutieren. Auf das Jahr 2020 greift man vor, weil in einer Utopie ein Professor eingeschlafen und nach 113 Jahren als Pedell erwacht ist, eine tolle Anspielung auf das österreichische Beamtentum. Fazit: Die Zeit mag am Datum herumspringen, der Beamte bleibt zeitlos stabil und ist deshalb der beste Erzähler.

Die beiden Amerikaner kommen also in Österreich an und werden einmal von einem gewissen Beamten Zwirner empfangen, der aber bald w.o. gibt, weil er gerade heiraten will. Ein Land kann man am besten durch seine Hochzeiten kennenlernen, das ist auch die Erzählweise heutiger Dokus über den Hindukusch oder den Dschungel von Goma. Als der erste Guide durch Hochzeit verschlissen ist, kommt Dr. Kolb zum Zug, er ist über-belesen und kennt zu jedem Ereignis ein Buch. Somit ist er der ideale Fremdenführer und gleichzeitig ein besonnener Moderator akademischer Diskussionen.

Da man auch als belesener Schriftsteller die Zukunft selten voraussagen kann, hält sich Josef von Neupauer als Autor selten an das Alltagsdesign, er hätte ja das Smartphone und den Screenshot voraussehen können, dafür entwickelt er vage Theorien für eine schmucklose Zukunft.

Die Besiedlung ist gerecht auf das Land verteilt, alle am Land wohnen so ähnlich wie die Tullner. Es gibt genügend kollektiven Wohnraum und die öffentlichen Ereignisse werden wie Hochzeiten im Gemeindepalast abgewickelt. Der Kaiser führt die Amtsgeschäfte verlässlich, sie dürfen aber nie länger als eine Stunde am Tag dauern. Das Rauchen ist freiwillig eingestellt, das Geld ist abgeschafft, Dienstreisen haben Vorrang, wer sich lange genug wohl verhält, kriegt einen Reisegutschein. Pensionisten machen Aufsicht im Öffentlichen Raum (72), überall finden Ruderregatten statt, Tag und Nacht gibt es ein Rennen auf einem Altwasser.

Die Menschen vermehren sich eher durch Zucht als natürlich, zu diesem Zweck ist eine Frauenkurie eingerichtet, die letztlich bestimmt, wer schön genug ist für die Vermehrung. „Schauen Sie sich die verkrüppelten Menschentypen in ihren alten Trachten an, dann sehen Sie, wie wir uns weiterentwickelt haben.“ (53) Die beiden Amerikaner leben die meiste Zeit in Tulln, von wo aus das Österreichische besonders gut erkundet werden kann. In Tagesausflügen nach Wien wohnen sie interessanten Diskussionen bei oder studieren das Bibliothekswesen. Dieses ist perfekt ausgebaut und wie ein Staat im Staat organisiert, die Bücher fetzen mit Druckluftpost quer durchs Land und tragen so das Wissen bis ins entlegenste Tal.

Während einer politische Diskussion stellt ein Professor Lueger seine politischen Absichten dar, es gilt, in einen edlen Wettstreit zu treten, dabei kann durchaus einmal auch Eigentum für einen herausschauen. Und der Kaiser ist die ruhende Kraft im Wettstreit der Ideen, seine vornehmste Aufgabe ist es, die Ideale des Volkes zu fördern. (186) Der aktuelle Kaiser wird zustimmend Joseph der Standhafte genannt.

Das höchste Ziel des einzelnen ist es, nach Jahren des Dienstes für die Allgemeinheit „arbeitsfrei“ gestellt zu werden. Fremdenführer Kolb ist arbeitsfrei und kann deshalb besonders gut diskutieren, seine bevorzugten Themen sind Emanzipation und Beamtenschaft.

Die zwei Amerikaner machen sich bereit, das Land durch den Hintereingang zu verlassen. Nach einem Pflichtabstecher nach Tirol, wo sie vor allem in Meran nichts erleben, reisen sie über Finstermünz nach Bregenz, wo sie sich mit Eindrücken und Souvenirs aus dem sagenhaften Jahr 2020 Richtung Amerika vertschüssen.

Zurück bleibt ein Land, das in manchem Züge der DDR trägt, das aber trotz der Abschaffung des Geldes bestens funktioniert. Der Schlüssel für dieses Glück scheint eine gelungene Geburtenkontrolle zu sein, denn der Österreicher wird umso besser, je weniger er ist.

Im Nachwort verknüpft der Autor die literarische Frömmigkeit Tolstois mit den sozialistischen Thesen Bebels und der Allgemeingültigkeit der Bibel.

Für den Leser ist es ein Genuss, als Alleswisser die Prognoseversuche aus dem vorvorigen Jahrhundert zu studieren. Der Roman ist intellektuell fit und erzähltechnisch perfekt, Reisebericht, Utopie, Rührstück und Österreich-Bashing halten einander ausgewogen in Schach.

Für Innsbrucker tut sich in Gestalt des Josef von Neupauer erneut eine Volksweisheit kund: „Wenn du endgültig sterben willst, musst du es in Innsbruck tun!“ Der pensionierte Rechtswissenschaftler starb zwischen 1. Dezember 1913 und 1. Dezember 1914 in der Innsbrucker Universitätsstraße 3/11. Sein Verschwinden in Innsbruck ist gelungen.


Josef von Neupauer: Österreich im Jahre 2020. Sozialpolitischer Roman. Mit einem Vorwort von Tobias Roth. [Originalausgabe Dresden und Leipzig 1893].

Wien: Luftschacht 2020. 295 Seiten. EUR 26,-. ISBN 978-3-903081-50-5.

Josef von Neupauer, geb. in den 1840ern, starb 1914 in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 30/07/20



GEGENWARTSLITERATUR 2915

Bei einem Häufchen Laub

Die Kraft von Miniaturen liegt in ihrer spitzen Größe und stumpfen Unordnung. Miniaturen können oft auf einer einzigen Seite verlorengehen oder sich auf die nächste Seite durchschlagen, um ihr Werk im Untergrund fortzusetzen. Miniaturen sind zudem nicht geordnet wie chemische Elemente, ihre Daseinskoordinaten laufen in einem Haufen zusammen.

Jonathan Perry hat im Laufe seiner Alltags-Streifungen Prosaminiaturen aufgelesen und mit der Schreibpinzette konserviert. Seine Sammlung trägt den erbarmungswürdigen Titel „Bei einem Häufchen Laub“, was durchaus etwas Fragiles oder Vergängliches mitklingen lässt. Die Sammlung ist zudem unterteilt in einen „Picknickkorb“, womit sich der Erzähler hinaus begibt in die Welt, um seine Zwischenlager aufzuschlagen, und in jenen verdichteten Kern, der in der Nähe „eines Häufchens Laub“ abgelagert ist.

Innerhalb dieser beiden Erzählgefäße liegen die Miniaturen angeordnet wie Streugut, die einzelnen Motive hängen übereinander oder sind von einander versprengt, manches klebt kausal zusammen, anderes emotional. Allen Miniaturen wohnt freilich große Strahlkraft inne, bei schier unendlicher Halbwertszeit schweben die Partikel durch den Alltag.

Schon der erste Auftritt dieser Teilchen erklärt deren dramaturgische Kraft. Im Nebenzimmer läutet das Telefon, der Ich-Erzähler schreckt auf, und der ganze Tag ist im Eimer. Es bleibt ihm ein Fragment aus einem Alptraum hängen, worin ein verschrecktes Mädchen mit aufgerissenen Augen in einer fahrbaren Badewanne herumgeschoben wird.

Dieser angeknackste Tag beruhigt sich erst, als es die erste Zigarette gibt, im Garten, der geschützt hinter einer verwahrlosten Gegend liegt. Ein Altersfleck verharrt an seinem erwarteten Platz, im Kopf lässt sich der Begriff „knurrende Stunden“ nieder und geht nicht mehr weg, in der Hand liegen Wattestäbchen, ab und zu gibt es Bahnhofsdurchsagen. Der Erzähler arbeitet die Zeit ab wie ein Gefangener, statt Striche in die Wand zu ritzen, steckt er laufend Zigaretten in den Mund. Dieser Picknickkorb verlorener Situationen ergibt eine Geschichte aus austauschbaren Momenten, sie platzen überall auf und verlöschen jäh, nachdem sie ausgedämpft worden sind.

In der zweiten Abteilung ist das Erzähllaub sachte zusammengerecht zu einem Haufen, der einem Vulkankegel aus totem Material gleicht. Eine Schmeißfliege ertrinkt im Kaffee, im Hintergrund Burg Greifenstein, der Erzähler öffnet die Geldbörse und sieht ein abgegriffenes Foto, auf dem vielleicht einmal die Geliebte abgelichtet war. Obwohl das Bildchen kaum größer als eine Briefmarke ist, ist noch ausreichend Platz für einen Wald, aus dem das Gesicht hervorleuchtet. Nichts kann groß genug sein, dass es nicht in einer Miniatur Platz hätte!

Der Erzähler streift an einer Parkbank vorbei, darauf sitzt eine Frau und liest Noten. Just als er auf ihrer Höhe ist, berührt sie eine davon mit dem Hauch des Zeigefingers. (38)

Beim Gehend-Lesen kommt plötzlich Wind auf, als erstes macht er sich beim Umblättern bemerkbar, die Seiten kriegen Gegenwind. (43)

Manchmal genügt das Aufrufen von poetischen Motiven, um daraus nach GPS-Manier eine unverwechselbare Ortung abzuleiten. „Unter Eichen, an einem Hang gelegen, Reste von Grabsteinen, saftig-grün das Moos, das sie zerbröselt, geduldig, sanft. Die wenigsten kennen diesen Ort, und so gut wie niemand besucht ihn. / Das Waldstück liegt zwischen einem Acker und einer stark befahrenen Straße ins Tal.“ (66) Wie in einem Suchbild ist „sie“ versteckt in einem Gebilde aus Eigentümlichkeit und Einzigartigkeit. Nur wer das Lesen unterbricht, entdeckt in dieser Miniatur das Individuum, ehe der Verkehr wieder loslegt.

Plötzlich, wie die kleinen Texte eingesetzt haben durch das Läuten im Nebenzimmer, setzen die Texte wieder aus. „Unter meiner Nase eine Waldameise, sich den Regenstaub von ihren Fühlern putzend. Als sie fertig ist, schaut sie auf, zu mir. Ich nicke.“ (72)

Wenn die Vollendung im Fragment liegt, so liegt das wahre Cinemascope in der Miniatur. Jonathan Perry breitet die Alltagsdevontionalien nicht bloß aus, wie es sogenannte „Müllstierler“ auf der Suche nach dem Überleben tun, er kehrt sie anschließend zusammen, damit sie geschützt sind vor dem Betrachter oder dem Winter. Oder auch vor dem Notizblock, in den sie manchmal eingetragen werden, aber nur ganz selten.


Jonathan Perry: Bei einem Häufchen Laub. Prosaminiaturen.

Klagenfurt: Sisyphus 2020. 72 Seiten. EUR 8,-. ISBN 978-3-903125-40-7.

Jonathan Perry, geb. 1993 in Lilienfeld, lebt als Straßenmusiker in Melk, St. Pölten und Wien.

Helmuth Schönauer 01/07/20