Buch in Pension – Rezensionen 2022|13


Albert Ennemoser: Geschichten und Bilder.

Joachim Gunter Hammer: Quantenschäume. Gedichte. 17- und 19-Silber.

Elisabeth Lexer: Fluchttiere. Novelle.

Reinhard Margreiter: Wohnen im Zeitalter der Mobilität. Ein philosophischer Essay.

Robert Menasse: Die Erweiterung. Roman.

Waltraud Mittich: Ein Russe aus Kiew. Roman.

Alexander Peer: Gin zu Ende, achtzehn Uhr. Gedichte.

Ronald Pohl: Der Vaghals. Drei Erzählungen.

Martin Troger: Ein Einzelzimmer bitte. Paargeschichten.

Andrea Wolfmayr: Saustall. Der fünfte Roman aus der Provinz.


TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2346

Geschichten und Bilder

Im Zeitalter der Digitalisierung ist es vielleicht die Hauptaufgabe eines Buches, haptisch unterwegs zu sein. Viele Sinneseindrücke lassen sich digital erregen, das taktile Aufschreien der Sensoren freilich, wenn Kunst auf den Körper trifft, lässt sich nur haptisch analog produzieren.

Albert Ennemoser ist in mehreren Genres und Künsten unterwegs. Seine „Geschichten und Bilder“ sind als eine Art Anleitung zum Gesamtwerk zu lesen. Aus diesem Grund erscheint das Buch mit zwei Bildern als Vorder- und Hintercover, die Buchrelevanten Angaben nach Verlag, Autor und Titel sind auf den Buchrücken verschoben, wo sie letztlich den größten Nutzen entfalten, denn vom Buch sieht man man meist nur das Rückgrat.

Umrahmt sind die Bilder und Texte mit einer editorischen Notiz vorne, worin Größe der Werke und Aufmachung der Texte angeführt sind, und zwei autobiographischen Notizen hinten: „Warum ich Bilder mache / Warum ich schreibe“ (127/129)

Beide Kunstgattungen sind als die Lebenshaltung eines Reisenden erstmals richtig ausgebrochen während seines langen Aufenthaltes in Schottland. Mittlerweile äußerlich sesshaft geworden, ist die Reise noch immer nicht zu Ende, denn der Meister hat ein Geheimrezept für den Umgang mit der Kunst. „Nun kann ich mich beim Schreiben von der Bildenden Kunst erholen und umgekehrt.“ (129)

Die zehn Geschichten sind als kleine Szenen ausgearbeitet, in denen es für einen Augenblick gefährlich, erhellend, vernichtend oder sonst wie dramatisch wird.

Im harmlosen aufgemachten „Handel“ (9) kommt es zu einem irritierenden Deal. In klandestinem Ambiente erwartet der Exbürgermeister einen späten Gast, um ihm eine Violine zu verkaufen. Aber die Geschichte hat einen Haken, die Violine ist seinerzeit bei der Exekution von Roma „übriggeblieben“. Und der Gast trägt einen Namen, der plötzlich alles wieder aus dem Dunkel der Geschichte holt. Weinrich, ein bekannter Musikername! Jetzt stehen sich der Überlebende von Damals und sein Exekutor gegenüber, beide wissen nicht, was man in dieser Situation sagen sollte. Am besten, man bringt den Handel still über die Bühne. Der Musiker kauft sich seine Violine zurück, der Täter macht sich bereit für eine Schachpartie im Club. Nur kurz ist das Ungeheure aufgeblitzt, ehe die Geschichte wieder ihren kalten Mantel über das Unsagbare wirft.

Cora gilt landläufig als seltsame Person, die viel vom Leben gesehen hat und offensichtlich auch mit jenseitigen Kräften in Kontakt steht. Als sie begraben wird, wirft sie noch einmal ihre magischen Kräfte in die Waagschale, indem sie Bilder ohne Grund in Schwingung versetzt, sodass sie plötzlich schief an der Wand hängen. Die Dorfbewohner winken ab, sie ist halt schon immer ein echter „Poltergeist“ gewesen. Und tatsächlich, draußen fährt ein Traktor durchs Dorf und bringt die Wände zum Zittern. Es lässt sich heutzutage alles logisch erklären, was man nicht erklären kann.

Das Unerklärliche wird im Volksmund gerne „Schnapsidee“ (20) genannt. Wehe dem, der davon heimgesucht wird. Ein heller Kopf liest schon ein Leben lang alles über Erfinder, weil diese ihm am ehesten die Zukunft der Welt erklären können. So ist es kein Wunder, dass seine eigenen Erfindungen sofort als Schnapsideen abgetan werden. Dabei wirken sie ziemlich überzeugend: Wenn es auf der Welt gerecht zugeht, braucht man weniger Mittel für kriegerische Auseinandersetzung. Und wenn man dort, wo jetzt Strommasten stehen, Windräder baut, kann man sogar die Welt retten.

Die meiste Zeit freilich haben es die Helden mit einer besonderen Feinausstattung der Sinne mit der Erkenntnis zu tun. „Nichts ist so, wie es scheint!“

Diese Botschaft steckt nicht nur hinter den Bildern, die zwischen die Texte gestellt sind, manchmal lösen sich die Helden geradezu auf, wenn sie ihre Wahrnehmung bildhaft zum Ausdruck bringen.

Jemand findet einen toten Jäger unterhalb eines Jagdstandes. Als er den Fund meldet, schleichen sich sofort andere Jäger weg, um die Spuren des Jagdunfalls zu beseitigen. Der Dumme ist wieder einmal jener, vorgibt, den toten Jäger gesehen zu haben. Dieser nämlich ist schon längst beiseitegeräumt, und die Jagd ist wieder unsichtbar wie immer.

Ein anderer findet in verwachsenem Gelände den Eingang zu einer Höhle, die er mit den Buchstaben I C H kennzeichnet, damit er sie wiederfindet. Als ihm niemand glaubt, dass es diese Höhle gibt, sucht er sie abermals auf und verkriecht sich in ihr. Jetzt ist er endgültig in sich selbst verschwunden.

Die Geschichten sind ein idealer Begleittext für die Bilder, die als Installationen, Gemälde, Zeichnungen und Konzeptentwürfe ausgelegt sind. Alle sind im Sinne einer Geschichte mit einem selbsttragenden Titel versehen: Pelzmantel am Inn / Was ist das? / Good bye! / Holz und Wind.

Die Metaebene wird oft zu einer Lasur aus Ironie, während das Ironische aufgelöst wird durch einen sogenannten Hintersinn. So sieht man etwa im „Denkmal“ (58) ein dekonstruiertes Gebilde, das einmal eine wertvolle Inschrift getragen hat. Freilich ist das Fundament verlorengegangen und die Spitze des Obelisken ist abgebrochen. Es lässt sich nicht sagen, ob das Denkmal beim Aufbau oder Abriss kaputtgegangen ist.

Das Haptisch-Handliche des Albert Ennemoser täuscht, in seinem Werkbüchlein stellt er Sehweisen vor, die weit über alle Galerien und Depots hinausragen. Nicht umsonst spielen viele seiner Werke am Fluss, der in einem einbetonierten Flussbeet auf „Panta rhei“ macht.

Und im linken Klappentext ist die finale Weisheit eingeritzt. „Humor ist der Wanderstab des Lebens.“


Albert Ennemoser: Geschichten und Bilder.

Innsbruck: Tiroler Autorinnen und Autoren Kooperative TAK 2022. 129 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-900888-81-7.

Albert Ennemoser, geb. 1948 in Inzing, lebt in Telfs.

Helmuth Schönauer 28/10/22



GEGENWARTSLITERATUR 3138

Quantenschäume

Wenn ein physikalisches Thema mit einem Nobelpreis für Physik ausgestattet wird, sollte dann nicht auch in der Lyrik dieses Thema aufgegriffen werden?

Joachim Gunter Hammer verfasst schon ein Leben lang Gedichte, die in der Welt der Physik spielen, mit mathematischen Formulierungen jonglieren und biologische Kreisläufe jäh unterbrechen, um sie poetisch fortzusetzen.

Im Diskurs über seine Gedichte tauchen manchmal plastische Bilder auf, um die Vorgänge rund um seine Lyrik halbwegs in Worte zu fassen. Ein bemerkenswerter Vergleich spricht davon, dass Joachim Gunter Hammer nicht Gedichte „baut“, indem etwas aus dem Nichts konstruiert wird, sondern dass er sie „abbaut“, wie Erze in der Montanistik.

Tatsächlich fräst der Autor aus dem Gebirge der Sprache ununterbrochen Gänge, Irrwege, semantische Versorgungsstollen und poetische Kavernen heraus. Sein Bohrmeißel ist dabei der sogenannte „17- und 19-Silber“, mit dem er die Morphologie der Sprache bearbeitet.

Viele der Gedichte sind zeitgenössischen Lyrikern und Lyrikerinnen gewidmet, im Bergbauvergleich wären sie dann so etwas wie die Stollen-Paten, die aufpassen, dass es untertags zu einem Glückauf kommt.

Oft sind seine Lyrikbände sogenannte poetische Jahresbände, worin Natur, Physik und Biologie täglich neu erforscht werden, meist mit der Neugierde eines Erstforschenden.

Der aktuelle Band ist mit „Quantenschäume“ umschrieben, dabei stellt das lyrische Ich die konkrete Frage, „ob es es unter Quantenschäumers Schreibtischlampe spukt?“ (7)

Der Quant, der den Schaum ins Wallen bringt, wird im Volksmund mit „Teilchencharakter“ übersetzt. Seit heuer der Nobelpreis an einen Teilchenforscher aus Innsbruck und Wien vergeben worden ist, sind die Quanten in aller Munde, und die meisten verstehen etwas Poetischen darunter.

Die Texte sind über weite Strecken als 17- und 19-Silber ausgestaltet, zwischendurch werden sie freilich auch durchsichtig und schimmern als luzide Notizen durchs Papier, an anderer Stelle verklumpen sie zu einem schweren Textquadrat, das wie eine Faust die Thesen ins Papier haut.

Manchmal sind die Stationen mit den beiden „Archaikern“ Taifuno und Chao-tse überschrieben, ihren Sprichwort-artigen Behauptungen lässt sich nichts entgegensetzen, weil sie sich jedem Argument rätselhaft entziehen. „Wow, du also bist das Nichts?“ (3)

Die Motive sind ähnlich einem Jahrbuch strukturiert, biologische Aberwitzigkeiten umkreisen ein Geschehen, dessen Gesetzmäßigkeiten nicht mehr gelten. Mutation ist angesagt, oft verändert sich die genetische Information eines Verses wie von der berüchtigten Genschere zerschnitten.

Zwischen den Auftritten von Quanten und der soliden Basis des poetischen Bergbaus sind permanent Verbindungen geknüpft, am stärksten erweisen sich dabei die Flechten. „Flechten-Poesie / den Stein besiedelnd des unsichtbaren Berges“. (50)

Dieser seltsame Berg aus Sprache und Quanten wird stilgerecht von einer Sisypha berollt (34), wenn sie in Gestalt einer Pillendreherin die Nacht zu durchtauchen versucht.

Quantenmusik auf einem Luftpiano vorgetragen, ein Spurwechsel unter dem Mikroskop und ein Krieg, der jäh mit unerhörtem Vokabular einsetzt und in der zynischen Formulierung mündet: „Hauptsache, Gott ist aus dem Schneider“ (102): diese Motive ragen aus dem dem Textrumpf wie zur Unzeit ausgefahrene Überrollbügel.

Die Texte könnte man auch nach ihren Anlässen „quantifizieren“.

1. Bei der Lektüre der Theorie der Teilchenphysik entstehen komplizierte poetische Gegenentwürfe. „Teilchenphysik 2 // Im Interferenzmuster / meiner Gedichte vermeinte ich / die Wechselwirkung verschiedener / Versiunen wahrzunehmen, und / fragte auch mein lyrisches Du, wie / wahrscheinlich es sei, dass / seiner poetischen Intuition / die absurde Quantenwelt / zu Grunde läge.“ (114)

2. Nach dem Zufallsprinzip eines lyrischen Producers entstehen erste Entwürfe: „Backhendlstation auf drei Bierdeckel skizziert“ (128)

3. Im Sinne eines globalen Selfie knipsen sich am anderen Ende der Welt autochthone Schnappschüsse, „Schnappschüsse aus Siam“ (149)

Die Quantenschäume mit ihrem hohen Anteil an Biomasse enden wie selbstverständlich mit dem Tod. Zuerst erscheint dieser wie bei einer Fehlzündung als „Fehltod“, das heißt, die Wirkung tritt noch nicht ein, vielleicht auch, weil die falsche Person gemeint ist, die mit dem Tod ausgestattet werden soll.

Doch dann erledigt sich alles wie von selbst und führt zu einem poetisch aufwühlenden Vermächtnis: „Unter der Sonnenblume / die am Fenster klebt / Fliegenleichname“ (208)

Joachim Gunter Hammer setzt mit seinen Texten abrupt ein und verzichtet auf jedes Vorspiel. Die Sätze knallen aus dem Papier wie 17- und 19-Silber. Der Leser ist mit jeder Zeile mitten im Thema, was zur Folge hat, dass er völlig ohne Umschweife von poetischen Fakts getroffen wird.


Joachim Gunter Hammer: Quantenschäume. Gedichte. 17- und 19-Silber.

Wien: Verlagshaus Hernals 2022. 214 Seiten. EUR 24,90. ISBN 978-3-903442-16-0.

Joachim Gunter Hammer, geb. 1950 in Graz, lebt Edelstauden.

Helmuth Schönauer 16/10/22



GEGENWARTSLITERATUR 3140

Fluchttiere

Der Begriff Fluchttiere sagt den Tierliebhabern etwas völlig anderes als den psychologischen Analytikern, die sich gerne strategisch verlesen und von „Fluch-Tieren“ sprechen.

Elisabeth Lexer erzählt freilich Eindeutiges: Die Tiere sind das Um und Auf, Lebensinhalt und Skala zum Messen von Veränderung, und schließlich Katalysatoren in den Beziehungen des knapp bemessenen Personals.

Im Unterschied zur Hauptperson Elsa, für die Tiere das Sinnbild des Lebens sind, verliert der an Tieren weniger interessierte Leser leicht den Überblick über die Herde an mehr oder weniger gezähmten Vierbeinern und registriert letztlich bloß die ständige Anwesenheit von Hunden, Katzen und Pferden.

Das eigentliche Personal besteht aus dem Dreieck aktueller Mann Adam, erinnerter Ehemann Hans und der Aussteigerin Elsa, um die herum die Novelle gestaltet ist.

Die menschlichen „Fluchttiere“ Adam und Elsa kommen also in einer entlegenen Gegend an, in die von allen Seiten Berge hineindrücken. Die Witterung unterstützt das Diffusum, worin man nicht weiß, soll man sich befreit fühlen, weil man der Welt entrückt ist, oder schwermütig, weil Tonnen von Gestein über einem hängen.

Das Aussteiger-Haus scheint in Realität anders zu leuchten als im Internet, wo es ziemlich vernünftig gewirkt hat. Jetzt in Echt besticht es durch schroffe Kälte, die auf langes Auskühlen sozialer Wärme hinweist.

Nachbarn sind eigentlich nicht vorgesehen, wenn man in die Entlegenheit flieht. Aber eine ältere Frau erzählt in kurzen Sätzen von der Gegend. Es ist alles verlogen hier, nichts ist so, wie es scheint. Die Städter rasen Wochenende für Wochenende mit den Motorrädern durch die Landschaft, verunfallen und werden mit den Helikoptern zurückgeflogen, wenn es die Witterung zulässt. Die gesuchte Stille zerstören sich die Städter selbst und sind enttäuscht, dass nichts so ist wie auf der Roadmap eingezeichnet.

Nach dieser Einführung in die Antiidylle kommt auch bald ein gewaltiger Sturm auf, der die Gegend elementar umkrempelt. Die Tiere sind hysterisch, die Bäume entledigen sich der eigenen Wurzeln, das Haus wird noch kälter, und die Erinnerungen an die Zeit draußen sind seltsam zerrissen wie aufgesplittete Baumstämme.

Während sich Adam und Elsa zumindest sprachlich im Chaos einzurichten versuchen, setzt sich erstaunlich manifest die Erkenntnis durch, dass beide in der eingeübten Blase von früher durch die neue Umgebung rennen und so nicht miteinander ins Gespräch kommen können.

Für Elsa geht immer wieder der „Ehestrang“ auf, eine würgende Erinnerung an ihre Ehe mit Hans. Mit ihm hat sie im Stile der Achtundsechziger eine Art „Küchentischmarxismus“ (63) entwickelt. Die Welt wurde dabei analysiert, geschnetzelt, zerkocht und anschließend aufgegessen.

Glücklicherweise hat Elsa ihren Willen durchgesetzt, keine Kinder zu bekommen. Denn genau betrachtet sind Kinder nur biographische Verkrümmungen, die den eigenen Weg verlegen.

Lange Gespräche handeln davon, ob Kinder nicht doch als Dinge aufgefasst werden sollten, um sie rein und pädagogisch wertvoll erziehen zu können. Und die unausgesprochene Behauptung liegt im Raum, ob Tiere nicht die besseren Kinder sind.

Von der Ehe ist Elsa noch in Erinnerung, dass sie immer mehr zur Außenseiterin gemacht worden ist. Zuerst hat sie sich vom Küchentisch entfremdet, dann von Hans und schließlich vom ganzen Dorf. Ein unerzogener Hund ist das beste Beispiel für diesen neuen Kurs. Untrügliches Merkmal dieser Störung: Sie musste jedes Mal fliehen, wenn Gäste gekommen sind.

Jetzt mit Adam geht es also darum, das ehemalige Eheleben zu überwinden, möglichst ohne Menschen, mit Tieren, die ihr Leben selbst gestalten können.

Die Novelle setzt dreimal an, um die Geschichte des Entfliehens vor sich selbst zu erzählen. Am Beginn greift die Geschichte mit einem Neubeginn in scheinbar unberührter Gegend aus. Im Mittelteil schlägt die alte Ehe durch, die sich im Gemäuer eines frischen Ambientes niederlassen will. Und im letzten Drittel eskaliert die Flucht zu einem psychischen Zusammenbruch.

Plötzlich ist Adam verschwunden, Elsa reagiert verstört und sucht ihn im Dickicht des Waldes. Ein Gewitter hat das Areal in eine theatralische Schlammlandschaft verwandelt, worin alle Wege als Sackgassen enden.

Als Adam verschwunden bleibt, formuliert Elsa ihre Vermisstenanzeige bei der Polizei. „Ich vermisse meinen Mann!“ (120) Dieser simple Satz lässt sich kaum aussprechen. Aber die Polizei toppt die Verwirrung. Als Elsa die Hausnummer durchgibt, von wo aus sie anruft, erwidert die Polizei, dass dieses Haus schon längst abgerissen sei und nicht mehr existiere.

Ehe Elsa zusammenbricht, dämmert ihr die Erkenntnis: „Ich brauche all das, vor dem ich weggelaufen bin!“ (133)

Die Erlösung kommt schön wie eine Novelle ums Eck. Adam taucht auf, als wäre nichts geschehen. Er hat nur kurz den Müll weggebracht.

Elisabeth Lexer spielt gekonnt mit dem Genre der Novelle, worin ja ein trivialer Vorfall edel geklärt und rund zu Ende gebracht werden soll. (In jüngerer Zeit hat dies etwa Martin Walser mit seiner Novelle „Ein fliehendes Pferd“ [1977] vorgeführt.)

Die Figuren spielen ein Thema am eigenen Leib durch und führen es einer Erkenntnis oder Lösung zu. Dabei darf durchaus Ironie im Spiel sein. – So gedeutet ist die Novelle „Fluchttiere“ eine wunderbare Beschreibung jener Aussteiger, die das Leben unbeschwert zu planen versuchen wie einen Sonntagsausflug.


Elisabeth Lexer: Fluchttiere. Novelle.

Coverbild „Dunkle Gedanken“ von Alina Kunitsyna.

Oberwart: edition liszt 12, 2022. 141 Seiten. EUR 19,-. ISBN 978-3-99016-229-3.

Elisabeth Lexer, geb. 1965 in Wolfsberg, lebt im Südburgenland.

Alina Kunitsyna, geb. 1981 in Minsk, lebt in Wien und Kärnten.

Helmuth Schönauer 30/10/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2349

Wohnen im Zeitalter der Mobilität

Die Wohnung ist nach dem Blasoderm und der Kleidung unsere dritte Haut, in der wir leben. Die vierte wäre das politische Gemeinwesen.

So ungefähr ist für des Ende des letzten Jahrhunderts das Curriculum der Erwachsenenbildung aufgebaut. Anhand der vier Häute können damit alle Probleme des adulten Menschen besprochen und fallweise gelöst werden.

Das Wohnen an sich ist zwar seit Jahrhunderten jenes Thema, das dem Denken und Philosophieren eine weite Bühne bietet, man denke nur an den berühmten Heideggersatz „Die Sprache ist das Haus des Seins.“ Im gegenwärtigen Diskurs freilich handelt das Wohnen vom Schaffen von Wohnraum, Materialisation von Kapital und einem vorläufigen Endzustand einer Gesellschaft, die in den Segmenten Tourismus und Migration ständig unterwegs ist.

Reinhard Margreiter streift mit seinem philosophischen Essay „Wohnen im Zeitalter der Mobilität“ das Thema anhand des Begriffsschwerpunktes „Medien und Medialität“ versus „Wohnung und Wohnen“. (14) Dabei werden beide Zustände angesprochen: die Wohnung als eine räumliche Institution, die letztendlich physisch „geräumt“ werden kann, und das Wohnen als Zustand des Denkens.

Der Essay ist raffiniert dichotomisch angelegt. Im oberen Teil des Buches zieht er sich als Konglomerat voller Überraschungen durch die Seiten, hier kommt das assoziative Denken zum Zug, das durchaus auch Leser ohne philosophisches Studium erfreut. Der untere Teil ist mit Zitaten unterlegt und entspricht wissenschaftlichem Arbeiten.

Wohnen lässt sich also vulgär lesen, wie ja auch meist vulgär gewohnt wird, und professionell, wie ja auch viele Professionen im wirtschaftlichen Segment des Wohnens stecken.

An mehreren Orten stellt der Autor Gliederungen auf, die dem Phänomen unter dem Eindruck strenger Ordnung ein besonders Rückgrat verleihen.

So werden etwa die vier Hauptzustände des Wohnens eingeteilt in „1. Zustand / 2. Befindlichkeit / 3. Gestaltung / 4. Beziehungsgeschehen“ (11) Auf diesem Denkfundament lassen sich einem Brettspiel ähnlich die intelligentesten Spielzuge durchführen.

Nach einer anderen Einteilung, die auf das Lesewissen beruht, werden dem Themenkomplex die wichtigsten Persönlichkeiten samt ihren Schlüsselwörtern zugewiesen.

So ist etwa Paul Virilio für die Beschleunigung zuständig, Martin Heidegger für sesshaftes Wohnen, Gilles Deleuze für Nomadentum und Peter Sloterdijk für die Sphären. Anhand der Schlüsselbegriffe wird das Wohnen aufgerollt und mit der jeweilige Philosophie der Denker injiziert.

Besondere Aspekte ergeben sich aus dem Wohnen mit Tieren, Wohnen als Bühne, oder Wohnen als Korrespondenz.

Einen Schwerpunkt stellt dabei die Medienphilosophie dar, denn in einer Mediengesellschaft ist alles abhängig von Schein und Sein, ob nun die Domain als Wohnung angesehen wird oder der Prospekt einer Anlegerwohnung für ein Investment ausschlaggebend ist.

Aus den Kapitelüberschriften entwachsen überraschende Assoziationsmöglichkeiten. So sind die Begriffe von Heimat, Heimweg oder Heim nur denkbar in einem Wohn-Kontext, der sich ständig verändert. Das Nomadentum versinkt in einer „Bodenlosigkeit“. Die Sphären des Wohnens haben vielleicht die digitale Wohnmaschine im Auge.

So nebenher verweilt der Essay ausgreifend in den Gebieten Architektur, Baustil, Materialkunde und Finanzwesen. Mit der Zeit wird klar, dass es sich beim Wohnen um einen beeindruckenden Überbegriff handelt, der durchaus imstande wäre eine, Epoche zu beschreiben.

Im Schlusskommentar verweist Reinhard Margreiter noch darauf, dass assoziieren nicht nur Erweiterung bedeutet, sondern auch Einschränkung. Er entschuldigt sich bei den Denkmeistern dafür, dass er sie durch Zitieren oft auf ein kleines Argument eingeengt hat, das zu vorschnellem Urteil geeignet ist.

Als Leser ist man von der Idee begeistert, die gesamte aktuell zur Diskussion stehende Philosophie auf einen Nenner zu bringen, indem man von der Warte des Phänomens „Wohnen“ aus, alle Denkaufreger der letzten Jahrzehnte daraufhin abklappert werden, was sie wohl sie zum scheinbar trivialen Thema zu sagen hätten.


Reinhard Margreiter: Wohnen im Zeitalter der Mobilität. Ein philosophischer Essay.

Basel: Schwabe Verlag 2022. 208 Seiten. EUR 28,-. ISBN 978-3-7965-4633-4.

Reinhard Margreiter, geb. 1952 in Reith / Alpbachtal, lebt in Imst.

Helmuth Schönauer 02/11/22



GEGENWARTSLITERATUR 3142

Die Erweiterung

Der sogenannte Europa-Roman ist gleich zweimal definiert. Einmal als Roman, der sich um das politische Europa der Gegenwart kümmert, das seinen Sitz wie frühere Pfalzen überall am Kontinent hat, und zum zweiten als literarisches Genre. Der Europaroman ist ein auf DIN-A-Brüssel geeichtes Textkonglomerat, das mit austauschbaren Elementen von jeder Übersetzungsmaschine in alle Sprachen der Mitgliedsländer leicht übersetzt werden kann.

Robert Menasse liefert mit voluminösen Bausteinen in „Ziegelgröße“ fallweise Material zum Bau dieser Pyramide, die sich EU nennt.

Im Roman „Die Hauptstadt“ (2017) geht es wohl um das historische Fundament der EU. Wie kann ein politisches Gebilde in Europa gelingen, wenn es nicht stets mit seinem größten Desaster, dem Holocaust, in intellektueller Auseinandersetzung steht? Die Lektüre hat dann auch zu heftigen Diskussionen geführt, weil die Grenze zwischen Fiktion und gesichertem Fakt freizügig gehandhabt wurde. „Mei, er ist halt ein Schlamperer“, lautet die Verteidigung seiner Fans, als debattiert wird, ob man einer scheinbar historisch gesicherten Person aus der Gründerzeit der EU eine Phrase der Wiederbetätigung in den Mund legen darf, weil es einfach gut ins Konzept des Romans passt. Dieses Konzept könnte man schlampig rezensieren mit: Die Guten sind die Sozialisten, weil sie die internationale Humanität auf die EU anwenden, die Schlechten sind die nationalen Rechten, weil sie im Zweifelsfalle für die Nation zum Schaden der EU plädieren, landläufig wird diese Haltung Populismus genannt.

So wird wohl auch der zweite Teil der nach oben hin offenen EU-Saga wieder heiß diskutiert, ist doch die Thematik von vornherein auf dieses zweischneidige Schwert Nationalismus versus EU angelegt.

Im Roman „Die Erweiterung“ (2022) geht es um die Aufnahme Albaniens in die EU, die dichotome Diskussion ist vorprogrammiert.

Im Prolog wird freilich wundersam verschmitzt erzählt, warum es für manche Themen einfach einen Roman braucht, um eine verzwickte Sache zu erörtern.

In der Eingangsszene steht ein Zwei-Meter-Mann in der Rüstungskammer in Wien und begutachtet den Skanderbeg-Helm. Er ist überzeugt, dass jede Geschichte eine Angelegenheit von Zwergen ist, wenn sie final mit ihren Insignien und Artefakten in der Vitrine liegt. Geschichte erweist sich als ein eingebildetes Größenverhältnis mit Ablaufdatum. Just als der schauende Riese das Wesen der Geschichte begriffen hat, kommt nämlich eine Aufseherin mit der Meldung, dass in fünf Minuten geschlossen wird. Alles, was in den nächste sechshundert Seiten erzählt wird, handelt also von zwergenhaften Verhältnissen mit Ablaufdatum.

Der Plot ist als ausgefranstes Tragseil gedacht, das jederzeit reißen kann. An der weiten Erzähloberfläche spielt sich das dramatische Thema ab, wie kann die EU erweitert werden, ohne zusammenzubrechen. An der fransigen Tiefenstruktur knabbern an diesem Thema hunderte Beamte, die teilweise nichts anderes im Sinn haben, als mit rhetorischen Schwüngen durch die eigene Wohlbefindlichkeit zu surfen.

Empfänge, Liebschaften, Standardsex und Statussex, Hotels, Flüge, Netzverbindungen – wer das alles erzählen müsste, brauchte mindestens 27 Leben, um dem beamteten Geist Europas auf die Schliche zu kommen.

So verliebt sich bei der Vorbereitung auf Albanien ein Beamter gleich einmal in eine einheimische Frau, die wahrscheinlich kalkuliert auf ihn angesetzt ist.

Auf höherer Ebene spielt das polnische Aktivismus-Paar Adam und Matteusz das Schwarzweiß-Spiel national gegen europäisch. Die beiden sind im Geiste der Solidarność eine Blutsbrüderschaft eingegangen und müssen feststellen, dass sie jetzt mit ihrem Widerstandsschwur von damals beide am Ende sind.

Und auf ganz höchster Ebene treten staatstragende Figuren auf und legen ein Veto ein. In diesem Fall ist es der französische Präsident, der sich gegen einen Aufnahme Albaniens ausspricht.

Die Maßnahmen sind auf allen Ebenen vorgegeben, unten wird mit Hilfe des Hormonspiegels intrigiert, oben wird auf Konferenzen und Kreuzfahrten öffentlich geglänzt.

So wird eine Konferenz in Posen vorbereitet, die der literarisch lüsterne Leser durchaus mit einer Musil’schen Parallelaktion aus dem Mann ohne Eigenschaften deuten könnte. (Menasse ist ausgewiesener Musilist!)

Bei der Vorbereitung kommt es zu einer unangenehmen Szene, ein Widerstandskämpfer schreibt einen Brief an die Regierung, lässt ihn am Postamt abstempeln, und verbrennt sich anschließend samt seinem Kanister.

Diese unrunde Kommunikation zwischen den regionalen und hierarchischen Achsen durchzieht den Roman wie die hochgelobte Marmorierung eines besonders fleischigen politischen Proteinstücks.

Der Plot wird zu einem makaberen Gag, als die albanischen EU-Aspiranten die Brüsseler Spitzen auf ein Kreuzfahrtschiff einladen und jene Route abfahren, auf der üblicherweise Migrierende in die EU zu gelangen versuchen. Europa als gepanzertes Kreuzfahrtschiff – auch hier lässt es sich wieder jahrelang erzählen.

Das Besondere am europäischen Stoff ist es, dass er Tag und Nacht über uns hereinbricht und unser Leben verkleistert zu einem politischen Überlebensbrei, den wir ähnlich dem Schlaraffenland Tag für Tag zu durchfressen haben.

Während der zweiten Lektüre im Advent 2022 tauchten an einem Tag drei Meldungen am Display des Rezensenten auf.

- Wolf frisst Pony der Präsidentin der europäischen Kommission. Hoffnung auf Abschussmöglichkeit für Wölfe wächst.

- Österreichischer Innenminister macht ein Veto gegen Schengen-Beitritt Bulgariens und Rumäniens in der Hoffnung, die Balkanroute zu schließen. Sparer in den betroffenen Ländern ziehen ihr Geld von der Raika ab.

- Hausdurchsuchung bei einer von vierzehn Vizepräsidentinnen des europäischen Parlaments. Behörde hofft, noch mehr Geldsäcke mit vermutetem Schmiergeld in den diversen Dienstwohnungen zu finden.

Der EU-Roman erzählt sich in Realität weiter, während man die fiktionale Fassung Menasses studiert.

Für beide Welten, die Tages-pressliche und die romanhafte, sind freilich die sechs Thesen gut zu verwenden, mit denen der Autor seinen Romanziegel in Kapitel untergliedert hat.

Erster Teil. Das Ganze und seine Gegenteile. (15)

Zweiter Teil. Als Tragödie, als Farce, als ob. (113)

Dritter Teil. Fügungen. (307)

Vierter Teil. Wenn das Lose abblättert vom Besinnungslosen. (385)

Fünfter Teil. Der Exkurs ist die kürzeste Verbindung von zwei Fluchtpunkten. (431)

Sechster Teil. Code Alpha. (553)

Der im Prolog angesprochene Schutzhelm des Kriegsherrn Skanderbeg (14051468) soll heute noch in Albanien massenwirksam sein, gilt er doch als Nationalheld, der einem Fußballgott ähnlich das Land in die nächste Liga führen kann.


Robert Menasse: Die Erweiterung. Roman.

Berlin: Suhrkamp 2022. 652 Seiten. EUR 28,80. ISBN 978-3-518-43080-4.

Robert Menasse, geb. 1954 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 26/10/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2347

Ein Russe aus Kiew

Merkt es eine Dichterin eigentlich, dass sie aus der Zeit gefallen ist? Und wenn ja, ist sie dann nicht schon wieder in der Zeit drin?

Ein Russe aus Kiew“, der Roman von Waltraud Mittich, wirkt auf den ersten Blick, als wäre er marktgerecht, mit einem Paradoxon im Titel, aktuell zum Überfall auf die Ukraine geschrieben. Aber in der Literatur hat selten die Schriftstellerin die Oberhoheit über den Stoff, meistens sind es pure Zeitgeschichte, Literaturbetrieb und Lieferkette, die das Sagen haben.

Hinzu kommt, dass wir spätestens seit der Pandemie eine Veränderung im Literaturbetrieb haben: Wir sprechen von einem Schreibkräfte-Überschuss und einem Lesekräfte-Mangel!

Waltraud Mittichs Roman vom Russen aus Kiew war schon in der Pipeline, als der Überfall geschah und in allen Bereichen eine Zeitenwende auslöste. Vom Titel angefangen, über Quellenlage, bis hin zu Schlussfolgerungen ist nichts mehr so, wie es von der Autorin vielleicht geplant war.

Es ging ihr vielleicht darum, aus der Sicht einer 74-jährigen „Vatersuchenden“ die Geschichte zu erinnern, wonach die Erzählerin aus einem Verhältnis einer Einheimischen in Goisern mit einem „Rotarmisten“ entstammt, bald einmal nach Südtirol transferiert wurde, und in der Folge das Land in einer Parallelaktion erlebte.

Sowohl die Ukraine als auch Südtirol waren im letzten Jahrhundert von Grenzverschiebungen, Identitätsproblemen, Mehrdeutigkeit und Mehrsprachigkeit gekennzeichnet. Alle, die darüber reflektieren, stehen vor dem ähnlichen Problem: „Es widerstrebte mir zutiefst, hinter deiner und meiner Mutter Geschichten die Weltgeschichte zu öffnen.“ (15)

Aus den Erzählungen der Mutter, den Geschichten ähnlicher Jahrgänge aus Südtirol, aus Lektüre und Romantik ergibt sich dann eine letzte Reise in die Ukraine abseits von „Nostalgietouristen“ (25), worin der Krieg Teile des Landes schon zum Sperrgebiet gemacht hat und die Erzählerin bei der Aufzählung der Checkpoints festlegt, keine Kriegsberichterstattung zu schreiben. (65)

Die Schlacht der Narrative findet scheinbar nur zwischen Russland und der Ukraine statt, aber wenn wir unsere Narrative hinzuzählen, spielen diese Deutungen oft auch bei uns nach Ritualen.

Aus den Fallbeispielen lassen sich etwa die drei Stränge herauslesen: Habsburger-Mythos / vernichtetes jüdisches Leben / Tiroler Kriegsteilnehmer (Trakl / Leitgeb).

Ein in den letzten Jahren häufig zur Ukraine aufgebauter Konnex lief über die Leihmütter, die in der Ukraine die Wohlstandskinder zur Welt bringen mussten, weil es im Westen nicht erlaubt war. Wenn man frech liest, lässt sich die Darstellung der Erzählerin auch als besondere Leihmutterschaft deuten: Der Rotarmist aus Kiew lässt von der Goiserin das Kind austragen und verschwindet wieder.

Der offene Erzählstil ermöglicht viele Deutungen offen, die ohne weiteres an den Text andocken. Denn der Text versteht sich als eine Art freie Assoziation über ein Leben, das aus verschiedenen Kulturen und Deutungen geboren ist.

Stets kommt ein Ordnungsruf: „Ich will Ordnung machen, Vater.“ Oder aber auch. „Ich muss immer wieder Korrekturen machen, Vater.“

Diese sogenannten „Vateranrufe“ sind auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftig, denn was macht es für einen Sinn, wenn eine 74-jährige Erzählerin ihrem Vater ihr Leben darlegen (opfern) will? In einem größeren Umfeld freilich lässt sich dieses „Vaterrufen“ mit den Erzählungen Joseph Roths erklären, der ein Leben lang seinen Vater gesucht und aushilfshalber den Kaiser gemeint hat. Wer in der Ukraine nach dem Vater ruft, meint vielleicht den Kaiser. (In Südtirol ist es lange Zeit nicht anders gewesen.)

Einmal auf die Spur gekommen, finden sich ständig Episoden und Schicksale, die in das „Aufwallen“ Ukrainischer Begebenheiten passen. In einer Ausstellung sieht die Erzählerin weite Baumwollfelder aus dem magischen Erzähl-Reich von Hesses Siddhartha, und schon sind die Verbindungen geknüpft zwischen der Erlösung des Siddhartha-Romans und der ausstehenden Vervollständigung der Familiengeschichte.

Viele Assoziationen sind nach dem Überfall nicht mehr tragbar, aber die Leserschaft hat mittlerweile gelernt, mit diesen politischen Wörtern, historischen Anekdoten oder geographischen Verortungen umzugehen. So lassen sich Begriffe wie Maidan und Krim nicht mehr aussprechen, ohne gleich etwas Epochal-grauenvolles hinzuzudenken. Mit dem Begriff Tschernobyl hat die Welt schon vor Jahrzehnten gelernt, dass es manche Wörter nur in Verbindung mit Vernichtung gibt.

Erzähltechnisch gesehen entspricht „Ein Russe aus Kiew“ einem Kisten-Roman, wo alles hineingepackt ist, was eine Verbindung zum Thema hergeben könnte. Nicht unklug endet der Roman schlicht mit vier Kindererzählungen aus Kiew.

In verschmitzten Kreisen spricht man auch von einem „Brenner-Roman“, benannt nach dem Archiv, in das regelmäßig Schachteln transportiert werden mit der der Bitte um kurzes Sichten.

Die Ukrainische Zeitenwende hat bereits eine Veränderung in der Literatur bewirkt, man liest wieder Texte für den Ausnahmezustand. „Der Russe aus Kiew“ gehört trotz seines herausragenden Titels nicht dazu.


Waltraud Mittich: Ein Russe aus Kiew. Roman.

Innsbruck: Edition Laurin 2022. 334 Seiten. EUR 25,-. ISBN 978-3-903539-15-0.

Waltraud Mittich, geb. 1946 in Bad Ischl, 1952 Übersiedlung nach Südtirol, lebt in Bruneck.

Helmuth Schönauer 08/11/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2348

Gin zu Ende, achtzehn Uhr

Je nach Gemüt, Stimmung oder Zustand der intellektuellen Datenbank bringt Lyrik bei der Rezeption eine Menge Sichtweisen ins Spiel. Die zwei wichtigsten sind immer: Schlüsselwörter und Konzeption.

Damit ist gemeint, dass es vor allem Reizbegriffe und Schlüsselwörter sind, die das Individuum zum Erklingen und Erschüttern bringen, wenn es einen lyrischen Text liest. Die zweite Komponente ist die sogenannte Konzeption, damit ist jenes Programm gemeint, auf das sich die urhebende Person stützt. Die steilste Form der Lyrik ist demnach die Konzeptlyrik. Dabei wird zwar ein Programm beschrieben, die Ausführung wird aber den Anwendern überlassen.

Alexander Peer speist seine Lyrik aus einem Reservoir an Bildern, lyrischen Szenerien der Literaturgeschichte und Eingriffen aus einer deklarierten Metaebene heraus. So kann beispielsweise ein lyrisches Ich Dankbarkeit empfinden, wenn es von einem Gedicht aufgesucht wird zwecks Gestaltung eines Kunstwerks. Diese Szene ist als Gedicht eine Rarität, während wir nichts dabeifinden, wenn jemand beim Fotografen ein Bild von seinem Gesicht bestellt.

Im „Gin-Lyrikband“, wie die aktuelle Sammlung in Bibliothekskreisen mittlerweile süffig genannt wird, sind als Tragwerk Bilder des Autors eingewoben. Diese Schwarzweißfotos sind ausgeklügelte Kompositionen und zeigen vor allem eine Sehweise, die hineinführt ins Bild.

Im ersten Bild, eine Art Stillleben mit Glas und Flüssigkeit, ist man versucht, an das Spiel mit halb-voll und halb-leer zu denken. Aber diese Vorausschau wird dem Bild nicht gerecht, im Bild geht es nämlich drum, durch die Flüssigkeit hindurchzusehen wie durch einen Katalysator. Der Blick kommt hinten anders an, als er vorne eingedrungen ist, lässt aber dabei das Motiv aber unverändert.

Nach dieser Methode lassen sich die meisten Bilder mit Gewinn zu einem Schauerlebnis aufschaukeln. Die sechzehn Fotos „zeigen“ jeweils eine Abweichung geübter Sehpraktiken. Normalerweise weiß das Auge, was Vorder- und Hintergrund ist, wenn nun aber ein Strommast dem Dach eines Campingbusses entragt, lässt das Sehprogramm beides verschmelzen, ehe das Gesehene dann wieder logisch getrennt und den eingeübten Sehprogrammen zugeordnet wird.

Ähnliches geschieht, wenn das Bild eine eingrüstete Kirche zeigt, wobei Gibelkruzifix und Gerüst ineinander übergehen. Auch hier ist das Wissen um die Symbolik zuerst aufs Glatteis geführt, ehe dann wieder die einzelnen Teile zu ihren angestammten Kontexten eilen dürfen.

Die Bilder sind nach dieser Logik auch das Gerüst des Lyrikbandes. Sorgfältig über das Buch verteilt, entlasten sie den eingeübten Blick und belasten ihn mit den Zwischentexten, die nach der Fachwerkmanier in das Gefüge eingesetzt sind.

Aber auch bei den Texten erhöht sich die Stabilität, wenn sie als ideelle Traverse quer durch die Materie gesetzt ist. Das Gedicht „Sinnsucher“ besteht aus drei von einander getrennten Teilen, die durch die gleiche Überschrift und durch Platzzahl eins bis drei im Buch verstrebt sind.

Im Sinnsucher eins besteht der Sinn darin, dass die aufgezählte Identität den Berufsgruppen Soziologie, Psychologie und Theologie zuzm Markenzeichen wird. Psychologie / Wer bin ich? // Soziologie / Wer sind ich? // Theologie/Philosophie //Wer bin wir?“ (33)

Sinnsucher zwei beschäftigt sich mit allerhand Getränken, die das Bewusstsein erweitern. (49)

Sinnsucher drei bekommt großes Lob, dass er einem Kind gleich bis zum Tod nicht mit dem Fragen aufhört. (71) Diese drei Methoden der Sinnsuche decken tatsächlich den größten Teil aufgestauter Sinnfelder ab.

Die einzelnen Gedichte sind jeweils klug miteinander verschränkt, sie werden einmal verglichen mit den Vögeln, die sich im Herbst versammeln, um sich auf den Weg zu machen in den Winter. Dabei gibt es keine zwingende Ordnung, wie wohl sich zwischendurch ein Hauptvogel hervortut.

Überhaupt sind die Bilder ständig dabei, sich neu zu scharen und vielleicht aufzubrechen. Auf einem Gemälde wartet ein Vulkan schon seit Jahrhunderten, dass er ausbrechen darf, in einer Mulde sitzt ein Gedicht und ist überrascht, dass es gefunden wird. Stofftiere der Kindheit zwängen sich im lyrischen Gebrauch in einen Zweizeiler, und der Titel des Bandes geht auf die letzte Zeile des Gedichtes „Fassungslos“ zurück.

Auf der Suche nach Glück, wagt das lyrische Ich eine Expedition durch Park und Hinterhof, offensichtlich werden dabei auch Gläser geleert, und Gin & Tonic machen das Ich fassungslos, da stehen schon die apokalyptischen Reiter da, „Gin zu Ende, achtzehn Uhr“. (20)

Die Genauigkeit, mit der das lyrische Ich unterwegs ist, lässt auf eine Bildungsexkursion schließen. Immerhin ist in Reichweite des Gin die Kultur als aufgebauschtes Feldlager installiert.

Ständig werden Partikel aus der Metaebene des Kulturbetriebs zitiert, Finnegans Fake erscheint einem völlig logisch, die leichte Abweichung des ursprünglichen Sinns ist glaubwürdig wie nach einem bewusst gesetzten Druckfehler.

Wer a sagt, muss b sagen; wenn er in der Romantik bewandert ist, muss er Achim und Bettina sagen. Der Elfenbeinwurm (44) zeigt sich als das Ergebnis solcher Gedankenschleifen.

Der Welt des Kunstbetriebs ist zwischendurch handfeste Lokalgeographie gegenübergestellt. Mozart heilt als Touristentrophäe alle Wunden, die ihm gezeigt werden. Im Innergebirg versucht jemand mit dem Gestus eines Wasserfalls, der großen Aufstülpung des Gebirges nahezukommen, während er auf der simplen Suche nach der Geliebten ist, die sich in diesen Alpenbögen offensichtlich verloren hat, und von der letztlich nur der typische Geschmack der Kartoffel geblieben ist: „Weil in der Vorratskammer immer ein / paar Kartoffeln aus Pfösing auf dich warten.“ (67)

Schlafwach ist das lyrische Ich, wenn es auf Recherche aus ist, um die Risse in der Sprache aufzuspüren, weil diese jemand schlecht verfugt hat.

Das stärkste Bild einer „Wortüberraschung“ ist wahrscheinlich jene Szene, wo das Niemandsland überläuft. Was im ersten Eindruck vielleicht eine Schutzmaßnahme gegen Hochwasser ist, zeigt sich im zweiten Blick als die große Anklageschrift, die dem Kontinent zugestellt werden muss. „Das Niemandsland ist überlaufen / Jahrtausende verpasste die Kultur / bis zu den Menschenrechten. / Wie viel Kraft haben wir in den Sand gesetzt?“ (71)

Die Gedichte haben es nicht leicht, im politischen Gemetzel zu bestehen, ihre Aufgabe ist es, eine Buchstabenübung im Sinne von Zen durchzumachen.

Alexander Peer beendet seinen hellwachen lyrischen Ritt durch Zeit, Glas und Gin mit einer sogenannten Abschlussübung für den Geist, dessen Sehnen mürbe sind. „ Ich schaue mir so oft die Buchstaben an, / ihre Eleganz, / ihre Elastizität, / ihre Expression [...]… es sind grazile Körper, so viel besser in Form als ich, als wir.“ (86)


Alexander Peer: Gin zu Ende, achtzehn Uhr. Gedichte. Mit Fotografien des Autors rund einem Nachwort von Daniela Chana.

Innsbruck: Limbus 2021. 96 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99039-213-3.

Alexander Peer, geb. 1971 in Salzburg, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 14/11/22



GEGENWARTSLITERATUR 3143

Der Vaghals

Das Konzept des Ritter-Verlages besteht darin, jedes Buch zu einem eigenen Genre auszubauen. Die einzelnen Publikationen tragen folglich nicht nur einen unverwechselbaren Titel, sondern auch eine einmalige Gattungsbezeichnung am Cover. Wenn dabei dennoch handelsübliche Begriffe wie „Erzählungen“ auftauchen, so bedeutet das auf jeden Fall, dass diese Erzählungen nichts mit den kursierenden Texten dieses Genres zu tun haben.

Ronald Pohl ist Exponent einer Erzählform, bei der an der Textoberfläche scheinbar alles wie immer abläuft, sobald man aber an die Tiefenstruktur herangeht, ist nichts mehr so, wie es noch geschienen hat. Zwar gibt es Hauptpersonen, einen Novellen-ähnlichen Plot und eine nachvollziehbare Geographie. In Wirklichkeit aber hängt nichts mit jedem zusammen, sodass sich selbst so antrainierte Elemente wie eine lineare Handlung jäh ins Gegenteil verkehren können und unter die Patina eines Stilllebens schlüpfen.

Unter dem seltsamen Titel Vaghals sind drei Erzählungen versammelt, die als Helden abgeschlagene Politiker, Giraffen und Landschaftsmaler ins Spiel bringen. Die Mehrdeutigkeit der Erzählungen lässt es durchaus zu, dass zwei Lektüre-Personen jeweils einen völlig andere Text anzusprechen scheinen, wenn sie darüber reden. Das hat damit zu tun, dass die Erzählelemente wenig Hierarchie aufweisen, sodass entweder nur Haupt- oder nur Nebenfiguren auftauchen, je nachdem, wie Helden-gläubig die Lesenden sind.

Der Gemeinde Untere“ lässt den unauffälligen Rohn zu Wort und Gedanken kommen. In der kleinen Gemeinde ist Vorwahlzeit, die Grenzen zwischen formalem Ritual und informeller Kommunikation sind verschwommen. Offensichtlich werden Kandidatenlisten für die nächste Wahl erstellt, Rohn macht sich Hoffnungen, einen Listenplatz zu ergattern.

Die Gespräche sind in diesem Klima zweckgebunden. Jede Erinnerung an früher, kann einen Verbesserungsvorschlag nach sich ziehen, jede harmlose Äußerung zur Tagesverfassung ist vielleicht schon ein abschätziges Endurteil.

Selbst die Bilder von Glück zerfallen in politische Splitter. Ein harmloses Bild aus Kindertagen, als im Bilderbuch noch eine Dampflok auf dem Bahndamm kreischte, wird zu einer denunzierenden Aussage über eine verunglückte Verkehrspolitik.

Rohn hat seine Avancen noch gar nicht richtig geäußert, da formieren sich schon handfeste Widersacher, die offensichtlich die besseren Wörter für einen Lebenslauf akkumulieren. Für Rohn bleiben zwielichtige Fügungen wie „stillgelegt“, „abgewimmelt“ und „nie zur Wahl gestanden.“

Es bleibt offen, ob der Held sich zurecht gekränkt und ausgestoßen fühlt, oder ob ihm das politische System wirklich einen Streich spielt. In einem romantischen Anfall trägt Rohn einen Igel über die Straße. Dieser hat sicher einen Termin bei der Igelkommission und wird wahrscheinlich reüssieren, weil er einen stacheligen Schutzpanzer trägt.

Die Titelgebende Erzählung „Vaghals“ (17) löst großes Rätselraten aus, zumal der Text plötzlich mit Roman überschrieben ist, als ob es um eine große Sache ginge. Neben übersetzerischen Abschweifungen ins Schwedische, wo der Vaghals durchaus als wagemutiges Unterfangen auftritt, sind alle Sinnkomponenten mit vage oder diffus denkbar.

Eine recht obszöne Sichtweise bietet freilich die Hauptfigur der Erzählung an, eine Giraffe, die aus bloßem Hals zu bestehen scheint. Als Fremdkörper und Fremdtier wird die Giraffe in einem Zoo gehalten, der dafür ein eigenes Gehege errichtet hat. Anlässlich einer Medikamentengabe wird die Anlage erweitert, indem rund um den Hals der Giraffe ein Gerüst gebaut wird. In der nun möglichen Draufsicht auf den Giraffenhals ergibt sich ein Bild von einem Vagina ähnlichen Hals, der die üblichen Dimensionen sprengt. Jedenfalls stehen die Wärter vor einem Gigaorgan, durch das sie ein Medikament schleusen.

Wozu das Ganze, wozu dieser Vaghals-Mythos? In einer ersten Assoziation fällt einem vielleicht das trojanische Pferd ein, mit dem die Bewohner letztlich überfordert sind. Was nun, wenn die Giraffe einen ähnlichen Auftritt zugesprochen bekommt, einen letzten Auftritt der Giraffenart, wobei die Bezeichnung Vaghals auf eine Gattung hinweist, die bald ausgestorben sein wird?

Wie begegnet man Tieren, die selbst vergessen haben, was artgerecht ist? Was macht man mit einer Tierart, die nur mehr im Bilderbuch vorkommt? In der Erzählung werden diese Fragen in fünf Kapiteln abgehandelt: Der Pflegling / Einsicht und Fernweh / Drohende Ohnmacht / Stadt Land Sumpf / Die Schlacht.

In der Schlacht etwa werden Keile in die Giraffe getrieben wie bei einer Panzerschlacht, eine Verlegung der Gliedmaßen ist aufwändig wie der Transport von Kriegsgerät, der Umgang mit dem Metapherntier ist ähnlich vulgär wie bei einer Schlacht zwischen Truppen.

In der dritten Erzählung „Donna Malerbas Hochzeit“ (53) wird die Lieblichkeit der Landschaftsmalerei auf die Probe diverser Geschäfte gestellt. Ein sogenannter Gloeden, hinter dem der Bildkünstler Wilhelm von Gloeden (18561931) gemeint sein kann, steigt in Sizilien an Land und gerät sofort in die sprachlichen Fänge des Ätna. In einer Fortführung des Projekts „Signor Mongibello“ wird dort weitererzählt, wo der 2020 publizierte Roman des Autors Ronald Pohl aufgehört hat.

Die Wörter werden wieder wörtlich genommen, etwa wenn ein fetter Frosch zu Tische sitzt, um die sogenannte Froschperspektive (57) abzugleichen. Kaum kommt die Rede auf die Ausbrüche des Ätna, taucht auch schon ein Agent auf, um diverse Versicherungspolizzen (61)

zu verkaufen.

Man könnte die Erzählung ein fettes Sittengemälde nennen, worin Pflanzen, Naturgegebenheiten, Personen und Bräuche ihre Konsistenzen wechseln. Im Sinne einer vollendeten Metamorphose kann eine Hochzeit einen Versicherungsabschluss bedeuten, ein Gemälde ein opulentes Mahl, eine Frucht ein Gedicht. Knapp am Kalauer vorbei werden die Metaphern ausgereizt und je nach Bedarf personifiziert und anonymisiert.

Roland Pohl setzt mit seinen Texten die Erzählkunst der Lesenden in Gang, denn niemand hält es aus, diese Texte still zu lesen, ohne jemandem davon zu erzählen. Und bei diesem Nacherzählen kommt ständig etwas Neues heraus, immer in Sichtweise des Projekts „Vaghals.“


Ronald Pohl: Der Vaghals. Drei Erzählungen.

Klagenfurt: Ritter 2022. 139 Seiten. EUR 19,-. ISBN 978-3-85415-648-2.

Ronald Pohl, geb. 1965, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 11/11/22



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2344

Ein Einzelzimmer bitte

Sammlungen mit Geschichten haben ihre Initialzündung entweder als Schüttgut, als Chronik oder als thematische Verklumpung.

Martin Troger lässt sich mit seinen „Paargeschichten“ von allen drei Möglichkeiten anregen. Seine Sammlung „Ein Einzelzimmer bitte“ ist vorerst einem Wettbewerb des Projekts ZOOM ED geschuldet, darin werden Erstpublikationen von Literaturschaffenden aus Südtirol und den angrenzenden Gebieten gefördert. Für das Projekt hat der Autor 21 Geschichten aus der persönlichen Schütte ausgewählt und klug aufgefädelt. Einmal auf die Spur gesetzt, entdeckt man als Lesender tatsächlich die inneren Zusammenhänge zwischen den Geschichten, die vage auf den Begriff „Paar“ kalibriert sind.

In der Titel gebenden Szene kehrt ein Held nach einer verlorenen Beziehung wieder in die „Paar-tner-Stadt“ zurück, in der er einst auf Geheiß der Eltern zwecks Sommerfrische mit ihnen abgestiegen ist. Aus der Urlaubssituation mit Meerblick ergibt sich tatsächlich bald eine Verbindung zu einem einheimischen Mädchen. Daria und Günther nehmen sich sogar eine gemeinsame Wohnung, die offenbar unter dem Bogen einer Autobahnbrücke liegt. Beziehung, Wohnung und Autobahn scheinen brüchig zu sein, denn immer wieder liegen Brocken der Brückenkonstruktion auf dem Asphalt, wenn sie ihr Auto aufsuchen, das sie vorsichtigerweise außerhalb des Wirkungsbereichs der Brösel-Brücke abgestellt haben.

Das Paar ist offensichtlich eingekreist von Brüchigkeit. Interessant ist bei solchen Konstellationen immer, wer die Beziehung erzähltechnisch überlebt. In diesem Fall ist es Günther, der noch einmal in die Stadt zurückkehrt, obwohl offensichtlich schon alles aus ist. Er nimmt sich im Hotel „Ein Einzelzimmer bitte“ (51) und ist erstaunt, über die Radikalität dieser Bestellung. Aber gleichzeitig liefert diese Klarheit auch den Impetus, die Sache mit dem fragilen Paar noch einmal zu reflektieren und vielleicht als Geschichte mit Sollbruchstelle weiterzuerzählen.

Eine ähnliche Verquickung zwischen Absicht der Geschichte und Schicksal des Helden tut sich in der Erzählung „Eberers letzter Fall“ (32) auf. Der Plot ist rund um die standardisierte Stelle in Krimis gewickelt, wenn der Ermittler voller Gram den letzten Fall abarbeitet und mit einem Auge schon ins Leere, sprich in die Pension blickt.

Wir haben es mit Eberer, einem Ermittler in einer Provinzstadt, zu tun, der das Büro schon geräumt hat, um die Rente anzutreten. Jetzt im Abgang verhört er noch einen Mann, der mutmaßlich die eigene Frau ermordet hat. Der Ermittler ist selbst dreimal verheiratet gewesen, oder fühlt sich zumindest so. Jedenfalls hat er Verständnis mit jedem Motiv des Verdächtigen, denn es ist manchmal pures Glück, wenn man Beziehungen ohne Mord beenden kann. Im Idealfall geht man anschließend in Rente.

Im Kriminalmilieu einer Kleinstadt spielt die Geschichte „Ein paar Schritte voraus“ (91). Ein Kleinbürgerpaar, sie Polizistin, er Schuhgeschäftsinhaber, liefert an Wochenenden die Kinder bei den Eltern ab, um während eines Spaziergangs die Ereignisse der Woche durchzugehen. Je nach Problemlage geht der eine oder die andere dabei ein paar Schritte voraus. Dieses mal kommen sie am Aussichtsturm vorbei, an dem sich vergangene Woche ein Mord im Burschenschaftsmillieu abgespielt hat. Die Polizistin ist noch zu erregt vom Fall, so dass sie auch privat noch nicht abschalten kann. Sie sucht Spuren eines zerstörten Denkmals, das auf einen früheren Mord hinweisen soll.

In einer Melange von Gehen, Ausrufen und Anfraß, die ein wenig an die „Baumgrenze“ von Thomas Bernhard erinnert, absolviert das Paar den Spaziergang. Dabei ist alles in Schwebe, das Schuhgeschäft ist kaputt, die Stimmung in der Provinzstadt gewalttätig, die braune Suppe der Zeitgeschichte frisch aufgeschäumt.

Die Schritte voraus erweisen sich als untauglicher Versuch, etwas zu antizipieren. Denn was immer der eine auch vorausdenkt, es liegen immer Distanzen dazwischen, die vom anderen nicht überwunden werden können.

Zwischen diese größeren Paar-Blöcke sind ein Dutzend kleiner Szenen eingestreut. In der ersten Geschichte etwa verdunstet eine Partnerschaft durch Alzheimer. Sie sitzt im Heil-Garten der Anstalt und kann sich an nichts mehr erinnern. Hoffnung keimt auf, als er fragt, ob man Eichkätzchen oder -hörnchen sagt. Die Antwort ist wie bei Paar-Gesprächen enttäuschend: Beides kann man sagen.

Die literarische Form des „Liebesduetts“ scheint nur auf den ersten Blick ein Ausweg zu sein. Losgelöst von Zeit, Raum und Körper reflektiert ein Paar über den Fall, der sie beide in einer Schlucht zu Tode gebracht hat. Jetzt sind sie nur mehr Geister, und flüstern einander Liebesbezeugungen und andere Affirmationen zu, die von niemandem gehört werden und eigentlich für die Wäsch sind.

An einem Ententeich lernen Kinder das Sozialverhalten der Tiere, wenn diese Schwimmrudel bilden oder in einer Kette der Mutter folgen. Eine Erziehende fragt ihr Kind, wie die Enten machen. Keine Antwort.

Wie sooft in der Literatur kommt die Antwort an völlig unerwarteter Stelle. In der letzten Geschichte wird das große Rätsel der Beziehungen gelöst: „Die Ente sagt Quak!“ (113) (Südtirolerisch ausgesprochen: Guag.)

Martin Troger erzählt hinter einem Schutzschirm heraus abgebrüht von den Situationen und Verwerfungen, denen die Paare ausgeliefert sind. Jeder Eingriff wäre sinnlos, weshalb er die Bruchstücke und Haarrisse der auf glatt polierten Beziehungsoberflächen sorgfältig mit erzählt. Das Ergebnis gleicht einem Traum, der spätestens am nächsten Tag zusammenbricht, wenn er zwischen Partnern im Alltag erzählt wird.

Er hatte ihr erzählt, dass er in einem großen Raum in einer Villa vor einem Wolf gestanden habe.“ (11)


Martin Troger: Ein Einzelzimmer bitte. Paargeschichten.

Bozen: Edition Raetia 2022. (= ZOOM ED). 125 Seiten. EUR 16,50. ISBN 978-88-7283-852-5.

Martin Troger, geb. 1982 in Bozen, lebt als Bibliothekar in Wien und Bad Vöslau.

Helmuth Schönauer 05/11/22



GEGENWARTSLITERATUR 3139

Saustall

Provinz ist ein anderer Ausdruck für Österreich. Diese literarisch etwas unterkühlte Übertreibung weist darauf hin, dass die österreichische Literatur dann am stärksten ist, wenn sie unzensiert das erzählt, was auf dem weiten, kleinen Lande so passiert.

Andrea Wolfmayr führt mit dem Roman „Saustall“ die Protagonisten wieder einmal zu einer großen Familienaufstellung zusammen. Im mittlerweile fünften Band der Provinz-Saga sind wieder alle älter geworden, das merkt man schon am Einkaufstrolley, den manche von ihnen Tag und Nacht durch die Gegend schieben, um den eingeschränkten aufrechten Gang etwas abzumildern. Und auch im Personenverzeichnis hat mittlerweile so mancher ein Kreuzerl, dass er verstorben ist, und dass die Verstorbenen zuvor zu Lebzeiten ein persönliches Kreuz tragen mussten, versteht sich von selbst.

Am lustigsten sind bei einem Provinzroman stets Titel und Motto. Der Begriff „Saustall“ bezeichnet landläufig eine scheinbar unaufgeräumte Situation, im Motto werden freilich die Kinderzeilen aus einem Beatles-Song zitiert, „Have you seen the little piggies crawling in the dirt?“ Andererseits macht unter „Saustall“ ein beliebtes Brettspiel gerade in der Weihnachtszeit die Runde, darin kann man sich ähnlich wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht aus der Szenerie werfen.

Es folgen 42 Kapitel pure Epik, die aber didaktisch bestens aufbereitet sind. Jedes Kapitel formuliert per Schlagzeile eine Grundbefindlichkeit, wie etwa den Kirchensong „O Haupt voll Blut und Wunden“. In einem kursiv gesetzten Absatz gibt es dann einen Summary der psychischen Befindlichkeit, und anschließend prasseln Witterung, Gerüchte, Schmerz und Desaster auf die Person ein, die gerade ungewollt den Helden oder die Heldin geben muss.

Das Personenverzeichnis ist ähnlich umfangreich angelegt wie eine weitverzweigte Adelsdynastie aus vergangenen Zeiten. Mehrere Clans und Sippschaften präsentieren in der ersten Generation noch Ordnung, Beruf und Lebensaufgabe. In der nächsten Generation gibt es Hader, Verdruss und Scheidungen am laufenden Band, ehe die dritte Generation völlig entwurzelt zu einem zeitgenössischen Besiedlungsbrei führt, der als urban-ruistikaler Aufstrich über das Land geschmiert ist.

Der Vergleich des sozialen Zusammenhangs mit einem Brotaufstrich kommt in den angefügten Rezepten zum Vorschein. In Krisensituationen, bei Hormonausschüttungen oder Blutdruckabfall greifen die Figuren zu bewährten Hausmitteln. Am beliebtesten sind natürlich alkoholische Getränke, aber auch Hausmannskost, esoterische Kräuterorgien oder Backen bis der Ofen bricht können als Hausmittel eingesetzt werden. In einem eigenen Nachschlag-Kapitel sind die Rezepte untereinandergeschrieben und ergeben so etwas wie eine Heilslehre, die über die kaputten Seelen gespannt ist.

Den Kern des „Saustalls“ bildet eine weitverzweigte Anekdotensammlung aus dem Alltag in der flachen Provinz. Obwohl die einzelnen Abschnitte gleichwertig und gleichrangig ineinander übergreifen, fügt sich daraus eine Spannungskurse, die eine Art höheren Sinn vermittelt. Im ersten Abschnitt kommen die Defekte zum Vorschein, die mit „Tarnen und Täuschen“ bekämpft werden sollen. Die Helden versuchen einen Schein zu wahren, auch wenn sie darunter schon zusammengebrochen sind.

Der nächste Abschnitt stellt Maßnahmen vor, wie man ohne großen Aufwand über die Runden kommen könnte, vom simplen Carpe diem, über Ausreden suchen, bis hin zum Kurzfluch „Scheiß“ ist hier alles erlaubt.

Im hinteren Lebensabschnitt reißen sich die Figuren noch einmal am Riemen nach dem Motto, das kann doch nicht alles gewesen sein. Hier werden alternative Lebensmodelle ausprobiert, Rituale aus dem Netz gesucht oder einfach Maßnahmen gesetzt, die irgendwie dem Aufwärmen der Seele dienen.

Am Schluss gibt es kalten Entzug, der sich als Schuss in den Ofen erweist. Eine Demo gegen den Verfall des Klimas hilft auch nichts mehr, die handelnden Personen stehen quasi neben sich und betrachten die eigenen Parolen, die in die entleerte Zukunft führen.

Die einzelnen Kapitel liefern in diesem großen Sinn-Bogen ständig Überraschungen und beste Überlebensrezepte. So ist eine Mörderin erstmals glücklich, als sie im Gefängnis die Mithäftlinge bekocht statt der eigenen Familie, die nur Verdruss gebracht hat.

Ein Autist wird zu einem Spiel eingeladen, er soll den Verwandten besondere Wörter zuweisen, die er für charakteristisch hält. Fast alle Bezeichnungen sind negativ, so manche Person wird vom Autisten in einer Art Schamanen-Weissagung als Versager, Spießer oder oberflächlicher Mutant bezeichnet.

Ein paar sind nach Mallorca ausgewandert und erleben dort die gleiche Soße wie jene, die in der Kernzone der Peripherie zurückgeblieben sind. Ursprünglich hat es Berufe gegeben, die identitätsstiftend waren: Buchhändler, Frühstückspensionistin, Wirtschaftsfunktionär, Bäuerin, Biobauer, Architekt, Designerin, Maler, Schlagzeuger, Altbürgermeister.

Mit diesen Berufsnamen wurden sie angesprochen, geachtet, und verachtet, wenn sie die Rolle nicht perfekt eingenommen haben. Mittlerweile sind alle mit allen verwandt durch Seitensprünge, Scheidungen und gehackte Selfies, die sich zu jeder Zeit inszenieren lassen.

Die nächste Generation ist dabei, sich wieder zu verlieben und aneinander zu riechen, sie wird alles so machen, wie es die Alten gemacht haben. Das ist das Spiel, das sich Saustall nennt.

Andrea Wolfmayr erzählt ungeschminkt und ungekürzt. Freilich verdichtet sich der Roman dabei zu einer ungeheuren Dystopie. In sieben Tagen wurde der Sage nach die Welt erschaffen, in 42 Kapitel ist sie zur Provinz ausgewalzt und verflacht. Eine grandiose Saga!


Andrea Wolfmayr: Saustall. Der fünfte Roman aus der Provinz.

Graz: Keiper 2022. 319 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-903322-66-0.

Andrea Wolfmayr, geb. 1953 in Gleisdorf, lebt in Gleisdorf.

Helmuth Schönauer 22/10/22