Buch in Pension – Rezensionen 2021|04


Isabella Feimer / Manfred Poor: American apocalypse. Gedichte und Fotografien.

Rudolf Habringer: Leirichs Zögern. Roman.

Friedrich Hahn: Das Debüt. Von den Romananfängen der Andrea Vordernwald.

Ingram Hartinger: Fußspuren nirgendwo. Bruchstücke.

Udo Kawasser: die blaue reise. Gedichte.

Ilse Kilic / Fritz Widhalm: Wir sind wir selbst und ich und du.

Juliane Liebert: lieder an das große nichts. Gedichte.

Klaus Reichert: Die Leichtigkeit des Schweren. Lesen, Verstehen, Übersetzen.

Ivo Rossi Sief: Granatapfel. Ein Werdungsroman.

J.J. Voskuil: Die Mutter von Nicolien. Roman.


TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2270

American Apocalypse

Das ist die epochale Leistung der Beatniks: Sie haben einst von der Peripherie her die Niedergeschlagenheit und bedrückenden Lebensumstände eines Landes beschrieben, von dem niemand geglaubt hat, dass man es in einem literarischen Schwung durchmessen könnte. So waren die Beatniks wohl selbst am meisten überrascht, als sich herausstellte, dass ganz Amerika unter dieser Wolke von Langgedichten und Balladen der Verzweiflung zu liegen gekommen war. „Beat ist ein Slangwort aus dem kriminellen Milieu und bedeutet so viel wie müde und heruntergekommen.“ (173) Mittlerweile lässt sich Amerika nicht mehr durchqueren, ohne dass die Reisenden nicht von einem Beat-Flash Marke „On The Road“ getroffen würden.

Isabella Feimer und Manfred Poor nennen ihren Foto-Gedicht-Band „American Apocalypse“. Wieder einmal sind Künstler mit europäisch klein-geriebenen Augen durch den Kontinent gefahren und wissen nicht, wo anfangen. Überall ist diese hochgefahrene Erregung zu spüren, die als Hitze in der Luft liegt, als Abplatzung von einem Felsen rieselt oder als rostige Verwitterung in der dürren Vegetation dahindöst. Wie bei allen großen Landflächen (das gilt auch für die wirtschaftlich aufgegebenen Gebiete in der ehemaligen UdSSR) kümmert sich niemand um das Aufräumen, wenn ein Goldrausch vorbei ist. Die ausgemergelten Städte und Landschaften überwuchert bald wieder die pure Zeit mit ihren Gehilfen.

Die viel besungene Stadt Boulder ruht in wundersamer Endzeitstimmung in sich selbst. „nichts bewegt sich / kein Wind die Blätter darling / kein Schritt mich weiter in die Landschaft hinein / die sich uns eintönig in den Weg gestellt hat / ein ausladendes Becken / dem es an Wildwuchs mangelt / darüber Himmelsschwere / […] / Verfall darling / das Trockene raut den Rachen auf // Boulder City / Nevada“ (16)

Der Kontinent ist eher als monumentales Zeitgebilde denn als geographische Substanz aufzufassen, Texterin und Fotograf stehen diesem Phänomen fassungslos gegenüber, die Lyrikerin notiert etwas in Handschrift, aber die Tinte trocknet nicht in der Hitze, der Fotograf drückt auf den Auslöser, aber die Pixel wollen sich nicht zu einem Bild vereinen.

Am ehesten helfen noch Reste von Bildern und Fügungen, wie jene Szenen, wo die Welt als große Sanduhr ausgelegt ist in der Wüste (25), in der ein Schiff gestrandet ist zu einer Zeit, als hier noch das Wasser das Sagen hatte. (39) Und kaum blickt man auf vom Notizblock oder dem Display, ist alles abgedunkelt, und die Helden sind umgeben von den Klippen des Ungesagten. (40)

In dieser Apokalypse sind nicht nur die Sinnesorgane verstört, weil ihnen das klare Material fehlt, das sie beäugen, betasten oder beschnüffeln sollen, auch die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit ist aufgelöst, wenn in einem Ice-cream-Museum das Süße festgefroren zu Plastik in den Vitrinen liegt. (72)

Eine Rückschau auf Coney Island ist ernüchternd, das alles hier ist keine Traumwelt und weit entfernt von den Illusionen der Wartenden, die Einlass in den Kontinent begehren. Zwischen den Schluchten der Städte liegt Wüstensand, es handelt sich vermutlich um eine einzige Stadt, die sich als Wüste von Küste zu Küste ausgebreitet hat.

Das lyrische Ich liegt verstört auf dem Rücken und erwartet sich Auskunft vom Himmel, der über-prächtig ausgespannt ist, die Heldin will in die Jungfräulichkeit zurückgefickt (59) werden, denn das hier hat keine Zukunft. Und wenn der Himmel am Horizont im Boden verschwindet, wächst an der Kante etwas heraus, was Teil einer Festung sein könnte, ja, Amerika ist auch eine Festung. (89)

Die Stunde des Fotografen schlägt jedes Mal, wenn aus Momenten Bilder werden. Aber nicht er ist es, der die Bilder auslöst, sondern Amerika löst sich seine Bilder selbst aus, der Fotograf ist nur stummer Bediener seines Bildgerätes.

Amerika ist mehr als nur die USA, in Vancouver oder in Juarez Ciudad geht die Chose nahtlos weiter, in der Endzeit gibt es keine Grenzen, denn sie umfasst alle Flächen, derer sie habhaft werden kann. Die Menschen sind schon verschwunden oder haben sich aufgelöst in ihren Häusern und Silos, beim Überqueren einer Straße wird man vom Gesang eines Obdachlosen angeweht. (157) Da ist er wieder, der Beat, dem man auf keiner Amerikadurchquerung entkommt.

Das Buch ist als buntes Protokoll eines kontinentalen Eindrucks zu lesen, daher sind die Seitenzahlen unauffällig in den Bildern versteckt, es gibt kein chronologisches Abtasten, weil alles überdimensioniert und vor allem gleichzeitig auf einen hereinbricht.

Die beiden Pionier-Künstler ringen ebenso um Fassung wie der Leser, wenn er diesen Allroundeindruck „erfassen“ will.

In einem Abspann sind die Gedichte, Fotoserien und stilisierten Handschriften-Einträge unter einem Inhaltsverzeichnis voller Zitate geordnet. In zwölf Abschnitten lässt sich eine große Reise in überschaubare Zitat-Portionen gliedern, dabei wird auf Musik, Literatur oder Schlagzeilen referiert, die den universellen Eindruck historisch und geographisch einordnen.

Im Nachwort mit dem amerikanisch-klebrigen Titel „Der Geruch von verbranntem Zucker“ berichtet Erwin Uhrmann, wie es zu dieser grandiosen Kombination aus Bild und Text gekommen ist. Zwei Sensoren für das Schwärmen sind ausgelegt: Die Sprache erinnert in ihrer Genauigkeit für Grenzfälle und Peripherie an Pasolini, und der Bewegungsablauf dieses Bandes durch Amerika ist purer Beat!


Isabella Feimer / Manfred Poor: American apocalypse. Gedichte und Fotografien. Mit einem Nachwort von Erwin Uhrmann.

Innsbruck: Limbus 2021. 175 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-99039-198-3.

Isabella Feimer, geb. 1976 in NÖ, lebt in Wien.

Manfred Poor, geb. 1960 in Kärnten, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 05/04/21



GEGENWARTSLITERATUR 2978

Leirichs Zögern

Eine besonders spektakuläre Art, sein Leben in Aufruhr zu bringen, ist dessen Sedierung durch wohl einstudierte Handgriffe des Alltags und Rituale, die regelmäßig ins Leere führen.

Rudolf Habringer stellt einen Helden vor, der mitten in seiner eigenen Ordnung zu versickern droht. Gregor Leirich ist Zeitgeschichtler an einem Universitätsinstitut, wo sich selbst die Gegenwart bereits in eine vorsortierte Materie verwandelt hat, sodass man ohne Aufregung daran herumforschen kann. Der Schwerpunkt liegt ohnehin bei der Produktion von Bachelors, wodurch der Lauf der Geschichte für die nächste Generation gesichert zu sein scheint. Das alles entscheidende Wort heißt „vorsatzgemäß“. Der gute Historiker steht früh am Morgen auf und hat einen Plan, den er nach seinen Vorstellungen als Tagwerk abarbeiten wird.

Ab und zu gibt es Auftritte an einer Bar, wo der Held seine musische Neben-Ader für den Abend freilegt, indem er sich am Klavier den Evergreens und historisch relevante Jazz-Nummern hingibt. In wenigen Absätzen ist alles erzählt, denken sich Held, Autor und Leser, da fällt einer dieser Sätze, die mitten im Leben einschlagen. Nach einem Referat am Stadtrand teilt eine unbekannte Frau dem abgeklärten Leirich mit, dass es eine Person gebe, die sich auf den gleichen Vater beruft, es handle sich wohl um einen Halbbruder. (16)

Ganz Historiker sucht Leirich vorerst einmal nach Sätzen, die in seinem Leben ähnlich stark auf ihn eingewirkt haben. Eine Liste ist selbst im Unglück von Nutzen, denn man kann es dadurch besser ranken und irgendwie einordnen. Überhaupt sind Listen das Um und Auf für ein geordnetes Leben. Wenn man auf Urlaub fährt, ist es hilfreich, das Ziel aus einer Liste auszuwählen, ähnliches gilt für Städte, die man forschungshalber besuchen möchte. Leirich hat sich daher eine Städteliste angelegt, die er abarbeiten wird. (91)

Der Satz vom Halbbruder scheint tief zu wirken, denn Gregor tritt vor allem die Flucht vor Gewissheit an. Sofort erstellt er eine Liste im Kopf, wer im Institut wovor auf der Flucht ist. In einem imaginären Aufsatz nennt er dieses Verhalten „Die fliehenden Uni“. Spitze Sätze haben den Nachteil, dass sie sich nicht abschalten lassen. Der Held füllt seine Wohnung mit Kontemplation aus, bis er hört, wie Gras zu Heu verdorrt. (75)

Allmählich überwuchert die Geschichte vom unbekannten Halbbruder die Gegenwart, die gekennzeichnet ist von einem lauernden Verhältnis zu einer Institutskollegin, mit der sich vielleicht ein Verhältnis ergeben könnte. Aber selbst das längste Zaudern wird abrupt beendet, diese Kollegin „verschaut“ sich einfach in einen anderen, und diese Geschichte ist somit aus.

Die andere freilich wird übermächtig. Als Student hat Gregor Leirich einmal ein Stück über die „Existenz eines Nichtvorhandenen“ geschrieben, jetzt forscht er über seinen Vater in der eigenen Erinnerung und anhand eines Aufsatzes, den er zur Pensionierung als Gemeindesekretär verfasst hat. Darin wird die Nachkriegszeit blumig als Zeit der Entbehrung und des Aufbruchs beschrieben, die als Belohnung einen guten Posten ausspucken konnte. Für den Helden freilich lassen sich die Fünfziger Jahre zusammenfassen mit jener Petitesse, wonach jeder Hut getragen hat. Die 1950er sind eine Hut-Epoche. (174)

Vater hat also zu Kriegsbeginn ein Verhältnis mit einer Frau gehabt, aus dem der Halbbruder stammt. Jetzt muss nicht nur die Zeitgeschichte, sondern auch die Familiengeschichte neu geschrieben werden. Erster Schritt: Das Anlegen eines Ordners. Zweiter Schritt: Aufsuchen der Landesbibliothek, die den Zeitgeschichtler mit einer Pointe abzulenken versucht: „Eines Tages hatte Wieser plötzlich zu lachen begonnen, direkt an seiner Arbeitsstätte, der Buchausgabe in der Landesbibliothek. Er hatte nicht mehr mit dem Lachen aufgehört und war dann in die Nervenklinik eingeliefert worden.“ (243)

Und dabei ist alles so einfach. Leirich ruft bei seinem Halbruder an, dieser ist sofort zugänglich, als hätten die beiden immer schon zusammengelebt unter dem Erinnerungsdach des Vaters. Die wichtigsten Daten werden ausgetauscht, der Bruder Johann ist VOEST-ler geworden, eine Traumkarriere für diesen Jahrgang aus den 1940er Jahren. Die ersten Gespräche verlaufen nach der Methode Zeitgeschichte: Qualitatives Interview.

Als die Biographien ausgetauscht und die offizielle Darstellungsweise ausgewählt ist, kommt es zu einem größeren Verwandtschaftstreffen, wobei alle Genrationen mit einander bekannt gemacht und versöhnt werden.

Bei dieser Gelegenheit darf Johannes erstmals seine persönliche Geschichte erzählen, ohne vom Historiker gestört zu werden. Dieser fragt sich bloß, ob man als Sohn den Vater als Alkoholiker bezeichnen darf, wenn die Faktenlage danach ist. Eine Schwester bringt die neue Familienaufstellung auf den Punkt: Es gäbe Dinge, über die wir lieber ein Leben lang schwiegen. (279)

Nachdem alles neu geordnet ist, gilt es, die Zukunft anzutreten. Leirich spielt in dieser Nacht besonders erinnerungsstarke Stücke, denn die Melancholie ist neben den Listen eine gute Methode, eine Sache in den Griff zu kriegen.

Rudolf Habringer erzählt voller Mitgefühl über eine Generation, die nichts erlebt hat, weil alles schon abgegrast und erforscht ist von der großen Aufarbeitungswelle über die Nachkriegszeit. Dabei ist das Bewältigen der puren Zeit die größte Aufgabe, die ein Mensch meistern kann.


Rudolf Habringer: Leirichs Zögern. Roman.

Salzburg: Otto Müller 2021. 300 Seiten. EUR 25,-. ISBN 978-3-7013-1284-9.

Rudolf Habringer, geb. 1960 in Schwanenstadt, lebt in Walding.

Helmuth Schönauer 02/04/21



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2266

Das Debüt

In der gelungenen Literatur ist ein öder Nachmittag so raffiniert beschrieben, dass Lesende nicht mehr loslassen können vom Text.

Friedrich Hahn erzählt in seinem Roman „Das Debüt“ auf ungewöhnliche Art vom Funktionieren und Scheitern der Literatur, die brandgefährlich wird, wenn man sie zu nahe an sich heranlässt. Der Titel weist auf die spezielle Gier der gegenwärtigen Literaturgesellschaft nach Debüts hin. Einerseits soll immer etwas Neues am Markt auftauchen, andererseits soll diese Literatur etwas von einem netten Dilettantismus in sich tragen, damit sich Literaturmacher und letztlich auch Lesende über den Text erhaben fühlen.

In einer Art Kammerstück nähern sich drei Literaturmenschen der Bücherwelt und testen aus, ob man sich daran die Flügel verbrennen kann. Die Ich-Erzählerin Andrea besucht mit ihrer Freundin Eva-Maria eine Lesung, um den hochgelobten Dichter Wintobel in Realität zu sehen. Als Schülerinnen entdecken sie gerade das Lesen und sind gespannt, ob jemand als Person genauso aufregend sein kann, wie als Autor eines Textes.

Mit der Ausrede, ein Interview für eine Schülerzeitung zu lancieren, pirscht sich anderntags Andrea an den Dichter heran und ist von dessen Lebensumständen überrascht. Er wohnt nach Suizid seiner Frau und überwundenem Lungenkrebs zu Hause bei seiner Mutter und ist vor allem verunsichert, ob nicht schnell was Erotisches ausbrechen könnte, wenn er sich in den eigenen Fügungen verfängt. Tatsächlich bleibt ein Hauch von Prekariat und Trivialität, als Andrea später von ihrer Begegnung erzählt.

In der Literatur können Sporen, die vor Jahren angeweht worden sind, jederzeit zu einem Myzel auswuchern. Nach ein paar Jahren, als die beiden Freundinnen ihre Studien angebrochen haben und als Heilpraktikerin und Anwaltssekretärin ihren Lebensunterhalt bestreiten, schlägt die Schreibkraft wieder zu.

Der Dichter hat im Waldviertel eine Schreibwerkstatt ausgeschrieben, Andrea reitet die Neugierde, sie meldet sich an und nimmt Texte mit, die aus abgebrochenen Anfängen bestehen.

Das Schreibseminar läuft für die Teilnehmenden aufregend, für die Leser aber erwartbar qualvoll ab, ein erzähltes Seminar ist nämlich genauso aufreibend wie eine Erzählung von einem umgefallenen Reissack in einer Bibliothek. In diese schreibpädagogische Inszenierung sind freilich edle Zitate und Übungen eingepackt. Unter anderem besteht eine sinnvolle Übung für Anfänger darin, etwas Fades so zu beschreiben, dass nicht nur sie selbst am Werk dran bleiben, sondern dass vielleicht auch andere mit Genuss und Gewinn darin lesen. (138)

Am letzten Tag kommt es zwischen dem Dichter und seiner Schülerin zu einem verkrampften Kuss, der nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Zuhause wollen die beiden ihr literarisches Verhältnis regeln, in seinem Schreibhäuschen empfängt Wintobel seine angehende Muse und macht sie spontan zur Dichterin, indem er sein eigenes Romanprojekt zurückstellt und stattdessen seinen Verleger bittet, das „Debüt“ zu veröffentlichen. Der Untertitel „Von den Romananfängen der Andrea Vordernwald“ soll das Buch zu einem Aufreger machen.

Am Schluss gelingt die Überlagerung von Erzählzeit und erzählter Zeit, wie sie in Seminaren gelehrt wird. Die beiden beginnen sich zu entkleiden und wissen, was zu tun ist.

Friedrich Hahn hat ein Herz für suchende Helden, immer wieder lässt er sie mit ihren Träumen gegen die Wand der Realität rennen. Die optimistisch angelegte Andrea findet ihr Glück vielleicht darin, dass sie den Helden entkleidet und die Literatur abstreifen lässt. Der entkleidete Dichter vergisst endlich die Spielregeln der Literaturwirtschaft und gibt sich ganz den Sinnen hin, ohne durch eine Fügung oder Floskel aus der Welt der Fiktion abgelenkt zu sein. Erst wenn es kein Drehbuch mehr gibt, gibt es vielleicht das Glück.

Über der Folie einer Liebesgeschichte, die älteren Typen eine Chance auf gutes Gelingen eines Abenteuers in Aussicht stellt, sind jede Menge Lektüreerfahrung, Schreibpädagogik, Marktwirtschaft und Werbeillusion eingeflochten. Je mehr von Literatur die Rede ist, umso mehr erinnert die Sache an einen Handelsplatz mit Bullen und Bären. Die Texte sind im modernen Literaturbetrieb Aktien, die jeden Tag an die Börse geworfen werden. Zwar gibt es Spielregeln und Compliances für das tägliche Aufblättern und Vermarkten der Neuerscheinungen, aber für einen gehen die Aktien täglich verlässlich nach unten: für den Autor.

Friedrich Hahn hinterlässt mit seinem abgesackten Dichterporträt einen optimistischen Eindruck: Er und sein Hauptheld haben kapiert, wie der Literatur-Hase läuft.


Friedrich Hahn: Das Debüt. Von den Romananfängen der Andrea Vordernwald.

Innsbruck: Edition Laurin 2021. 192 Seiten. EUR 20,90. ISBN 978-3-902866-98-1.

Friedrich Hahn, geb. 1952 in Merkengersch / NÖ, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 24/03/21



GEGENWARTSLITERATUR 2979

Fußspuren nirgendwo

Literatur stellt das Bewährte, Gültige, Verlässliche jeden Tag auf den Kopf. Wie oft im Leben schauen wir durch das geschlossene Fenster hinaus, um vielleicht zu erkunden, wie das Wetter ist. Doch eines Tages ist alles anders: Der Himmel zeigt sich als Hinterglasbild.

Ingram Hartinger kümmert sich im ersten Anschein um große Themen, wie es etwa der Himmel darstellt, aber seine Lebenserfahrung zeigt ihm, dass es vor allem um die Filter geht, die diesen Themen vorgelagert sind. Im Hinterglasbild sind Träger und Medium zu einem Kunststück verschmolzen, das Dargestellte würde zerbrechen, wenn man daraus einzelne Motive herausschneiden wollte. Jedes Hinterglasbild führt bei scharfer Betrachtung zu Bruchstücken, weshalb der Autor die Textsammlung „Bruchstücke“ nennt.

In der Reflexion „Das Hinterglasbild des Himmels“ (203) kommt eine Szene zum Vorschein, wie sie bei Wanderungen in einer romantisierten Landschaft entsteht. Aus den Steinen, die zum Meer führen, sprechen plötzlich Dialekte. Das Meer ist aufgedunsen und könnte auch ein Gebirge sein, wie es in den Alpen als „Steinernes Meer“ vorkommt. Auf einem Gipfel ist die Muttergottes zu sehen „oder ist es Teresa von Àvila, die da oben steht, in Holz gehauen, mit der dicken Haut einer Aufsässigen“. Hier kann jeder Zeit der Blitz einschlagen und der Himmel versengt sich vielleicht in sich selbst.

Das Magische dieses Bruchstücks ist die Genauigkeit, mit der das Ungefähre beschrieben ist. Jedes Navi müsste versagen, wenn man es ausfindig machen wollte, die Koordinaten sind nämlich ungenau, Meer, Steine und Firmament sind in einem Hohlweg zusammengefasst, durch den offensichtlich ein Wanderer aufsteigt, während er angelesene Geschichten, aufgeräumte Schutzengel-Bildchen und religiöse Motive der naiven Malerei abruft. Das Hinterglasbild des Himmels vermittelt den Eindruck, dass es überall auftreten könnte, sobald ein Mensch durch ein Fenster schaut, worin sich Fragmente eines Firmamentes zeigen.

Neben der Fähigkeit, das Ganze im Ausschnitt vollkommen zu machen, nützt der Autor eine zweite Faustregel jener Kunst, die für Augenblicke das Unsagbare formulieren lässt: Das Verschwinden der Spuren in sich selbst. Ähnlich wie bei den Meistern des Meta-Romans, Italo Calvino, Umberto Eco oder Thomans Pynchon, die ja das soeben Erzählte im nächsten Absatz durch eine Gegenerzählung zum Verschwinden bringen, sind in den Stücken Sollbruchstellen eingebaut, an denen sich ein Thema brechen soll wie das Licht an einer Spektralkante.

Sinnlich ist diese Methode bereits am Cover verwirklicht. Der Schriftzug „Fußspuren nirgendwo“ ist mit einer an-radierten Schmierspur unterlegt, die zeigen soll, dass der Titel und alles Erzählte jederzeit ausradiert werden könnten.

In Fügungen wie „Leer geschriebene Zeilen“, „Sprache verlieren“, „Zerfranste Kritzelei“ oder „Ungeschrieben“ wird auf den Umstand hingewiesen, dass alles in Bewegung ist. Gerade das schriftlich Fixierte ist in der Literatur das Vage und unterscheidet sich von der Fixierung in der Juristerei. Am ehesten lässt sich dieses Schreiben noch mit dem Entwerfen von Leer-Formularen vergleichen, wo Felder zum Ausfüllen vorgesehen sind, in die keine Wörter passen.

Eine ständige Gefährtin dieses Schreibunternehmens ist die Zeit, die sich mit keinem Chronometer einfangen lässt und dennoch die Triebkraft wesentlicher Gedankengänge ist. Wenn vom „Rieseln des Denkens“ die Rede ist, hört man das unheimliche Arbeiten der Zeit. „Jemand spielt ein Spiel mit sich selber und verliert. Er steht am Wegrand im Morgenlicht und weint bitterlich. Er hat es satt, das ewige Rieseln des Denkens in den Schultern, im Hals, an der Kopfhaut zu spüren.“ (156) In der Folge führt dieser Held einen Monolog ab, den er aber als Zwiegespräch umdeutet. Jemand ist verlorengegangen und soll zurückkommen. Aber auch das ist wahrscheinlich keine Lösung. Wenigstens das Weinen hört auf. An der Sprach- und Denkgrenze droht der Abgrund, beides kann eine Bedrohung sein, Denken ist nicht immer nur schön und abtropfend wie das rieselfreudige Salz in einer Sanduhr.

Nichts zu schreiben“, „langweilig“, „bloße Gegenwart“ nennen sich Kapitel, die zumindest einen Ruck verlangen, ehe vielleicht der Pfropfen wegspringt und einen Gedanken sprudeln lässt.

Stifter-Lesen gilt bei Eingeweihten als Inbegriff höchster Lesekunst, es geschieht ja nichts, und wenn etwas passiert, folgt es dem sanften Gesetz und lässt die große Welt außer Acht. In der Notiz „Stifter lesend“ (185) fühlt sich ein episches Du in eine völlig neue Lage versetzt, die Welt ist plötzlich „fast wortlos und kummerfrei“.

Allein schon der Überblick über die Gedankenaufreißer, wie man die Titel auch nennen könnte, ergibt einen Korb voller Perlen, Anregungen, Notizen, Wortfetzen und Begriffe, die schon deshalb Neugierde auslösen, weil sie in dieser Schütte als Inhaltsverzeichnis liegen.

Da geht es plötzlich um eine Böschung, die selten ein Ort ist, den man zu touristischen Zwecken aufsucht. Im Alltagsgebrauch dienen diese Neigungswinkel der Landschaft als Abfallhalde, Brände brechen daran aus, manchmal überschlägt sich auch ein Fahrzeug, wenn es die Fahrbahn verlässt. Diesem unspektakulären Gebilde eine Sitzung zu widmen, ist dem Gedanken geschuldet, Brachland aufzusuchen. Wenn alles in Besitz genommen und genutzt ist, ist die Brache das letzte Paradies. Sie lässt sich häufig an Böschungen nieder.

Aber auch prekäre Wohnungen, Rastplätze während der Migration, überlebende Vogelarten sind oft gezwungenermaßen als „Nistplätze“ in Böschungen eingerichtet.

Die Steigerung dieses Bildes mündet dann in jenem Emblem, das auf keinem T-Shirt abgedruckt ist: Das gestrandete Polizeiboot in der Wüste. (13)

Wie bei allen Büchern, die aus purem Konzentrat bestehen, muss der Leser zwischendurch auf seine Lesegesundheit achten, Pause machen, sickern lassen, ablenken, aber es gelingt nicht, diese Fußspuren reißen einen immer wieder zurück, bis man dort ist im Nirgendwo.


Ingram Hartinger: Fußspuren nirgendwo. Bruchstücke.

Graz: Keiper 2021. 239 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-903322-31-8.

Ingram Hartinger, geb. 1949 in Saalfelden, lebt in Klagenfurt.

Helmuth Schönauer 29/03/21



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2265

die blaue reise

Die Lyrik wird oft mit einem Fluss verglichen, sie verbindet die Menschen, die an den Zeilen stehen und warten, sie fließt mal üppig, dann wieder an der Grenze zur Verdunstung, sie sammelt Empfindungen, die letztlich in einem Schwarzen Meer der Antimaterie versickern. Oft genügt das bloße Hineinschauen in einen Fluss, um am Ufer aus der Zeit auszusteigen, oft genügt ein Blick in ein Gedicht, um das eigene Tagwerk anzuhalten und zu begreifen.

Udo Kawasser verneigt sich mit seiner „blauen reise“ vor der Donau, die verstreute Kulturen zu vereinen weiß, und vor der blauen Stunde der Melancholie, die Tag und Nacht zu verknüpfen vermag.

Üblicherweise geht man davon aus, dass man die Flussrichtung nicht verändern kann, der Gedankenfluss freilich lässt sich auch von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit drehen, sonst wäre ja keine Geschichtsschreibung, kein Tagebuch, ja nicht einmal ein Verhältnis unter Liebenden möglich. „vom ende her beginnen“ (7) dreht den Ablauf der Ereignisse mit einer simplen Frage um: „wieso müssen wir mit unserem ende / beginnen und weshalb treiben / die blüten wie schiffe auf dem spiegel / […] du hast mir den ball zurück / gebracht / wie aber werfe ich / deine worte an die wände dieser stadt“.

In den nachfolgenden Gedichten sind die lyrischen Claims zwischen Istanbul und Wien abgesteckt. Auf der obersten Fläche korrespondieren zwei Individuen, die offensichtlich ein Liebesverhältnis wagen, es kann aber auch sein, dass die Städte eine innige Beziehung eingegangen sind, und zwei Protagonisten vorschicken, das Verhältnis zu vertiefen.

Flussauf- und abwärts entwickelt sich ein inniger Handelsverkehr mit poetischen Bildern, die fallweise dem Transportmittel entsteigen und eine Weisheit für alle Anwohner verkünden: „es regnet für alle“ (21)

Allmählich entwickelt sich zwischen den beiden lyrischen Metropolen eine Verbindung, die auf allen Ebenen tragfähig ist, ob es sich um das Design der Kleidung handelt, Dostojewski als moderierende Lektüre, oder einen Gedächtnisort, an dem der unerfüllten Lebensentwürfe gedacht wird, sinnlich zusammengefasst in einem „Friedhof der verleugneten Schwangerschaften“. (73)

Die blaue Reise verknüpft nicht nur mit großem Gestus kulturelle Zentren sondern dient auch als Anregung für die kleine Liebe der kleinen Individuen. Wenn etwas im Großen möglich ist, lässt es sich dann herunterbrechen auf ein alltägliches Leben voller Mühsal und Alltagsrituale?

Allein schon die Überlegung, dass man jemanden nicht lieben kann, ehe man ihn kennengelernt hat (41) bestärkt das lyrische ich, mit den dargebotenen Signalen sorgfältig umzugehen, denn die große Liebe drückt sich in kleinen Fügungen aus und in Suchbewegungen, wenn man etwa einen Stein umdreht, um zu sehen, ob sich darunter etwas für den Augenblick Relevantes bewegt.

Nähe und Distanz sind unzuverlässige Parameter, um die Unruhe zu beschreiben. „ich muss fort ich muss weg ich sitze unter dem baum deiner sprache“ (35) Nichts kann diesen Furor eindämmen, der sich auf den ganzen Kontinent auszubreiten droht. Europa wird zu einer Beschwörungsformel, die so etwas wie eine Heimat bieten sollte, freilich aber auch die Grenzen der Grenzenlosigkeit aufzeigt. Wo immer du auf diesem Kontinent hingehst, es ist Europa.

mein körper wird ein anderer sein / wenn wir zusammen schwimmen“ (45) Wenn sich die Sehnsucht an handfesten Bildern festmacht, lässt sie sich begreifen, andererseits ist auf nichts Verlass, denn durch die gegenseitigen Besuche schrumpfen zwar die Entfernungen, aber auch die Innigkeit verklumpt, die sich in der Ferne aufgetürmt hat.

Als zeitlose Treppe hinab zum Fluss und mit ihm in die Freiheit gelten Bücher, die Halt geben, während man über den Seitenrand blickt. Verschwommen werden im Wörterbuch Begriffe angeboten, die der Seite entsteigen und sich verflüchtigen. „Grämen“ ist so ein Beispiel, das lyrische Ich schaut so lange auf den Begriff, bis er sich auflöst und vielleicht die angespannte Stimmung mitnimmt.

Das erste Gedicht hat die Bewegung in die Vergangenheit als blaue Reise hinaus aus der Gegenwart angeboten, das letzte Gedicht lädt zum Verdichten der Gegenwart ein, indem man innehält. (95)

Udo Kawassers Reise führt durch einen Kontinent großer Geschichte, setzt probehalber die Naturgesetze außer Kraft, und versucht eine Liebe zu evozieren, die genug Weitblick hat, um in der Ungewissheit die letzten Bojen der Zuversicht zu entdecken. Als Gedichtband ruckelt „die blaue Reise“ jeden Tag von einer Dämmerung in die nächste, für den Leser ist es egal, ob es dabei in den nächsten Tag oder in die nächste Nacht geht. Der Kurs ist ist gesetzt.


Udo Kawasser: die blaue reise. Gedichte.

Innsbruck: Limbus 2020. 95 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99039-190-7.

Udo Kawasser, geb. 1965 in Vorarlberg am Bodensee, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 21/03/21



GEGENWARTSLITERATUR 2980

Wir sind wir selbst und ich und du. Wir sind Weide, wir sind Kuh.

Die Breze gilt im Alltagsgebrauch als Omen für eine schöne Zukunft, ähnelt sie doch jenen graphischen Zeichen, welche die Unendlichkeit darstellen. Außerdem hat dieses Kunstwerk als dreidimensionales Gebäck für die Benützenden den Vorteil, dass sie überall hineinbeißen können und immer richtig liegen. Dieses Wunderwerk hat nämlich keinen Anfang und kein Ende.

Ilse Kilic und Fritz Widhalm pflegen schon seit Jahrzehnten den Verwicklungsroman, der im Zweijahresrhythmus das Seinerzeit und die Gegenwart eines Schriftstellerpaares wiedergibt. Das literarische Heldenpaar nennt sich Jana und Naz und hat in der sogenannten Wirklichkeit eine Spiegelung, die sich Ilse Kilic und Fritz Widhalm nennt. Am Schluss jedes Bandes kommt einen Breze, die darauf hindeutet, dass zumindest das Leben, vielleicht auch der Roman, weitergehen.

Der zwölfte Band ist mit einer Parole überschrieben, die beim Analysieren von Texten unvermittelt als Erkenntnis auftaucht: „Wir sind wir selbst und ich und du. Wir sind Weide, wir sind Kuh.“ Das entspricht jenem Erzählprogramm, worin die Figuren immer überlappend zu zwei Zeitpunkten gezeigt werden, was wie bei einem 3D-Mikroskop eine plastische Aufsicht ergibt. Die Ereignisse von „damals“ spielen ungefähr im Jahre 1992, die aufschreibende Zeit hat sich 2019 als Jahresangabe ausgesucht. „Heute ist der 22.10.2019.“ (74) Eine Bonuszeit wird im aktuellen Band als Pandemie-Karte in den Ring geworfen. Da während des Korrekturlesens der Lockdown ausbricht, muss alles hinter vorgehaltener Maske geschehen, und es gibt keine Öffentlichkeit, mit der man sich ablenken könnte.

Die Episoden sind in bewährter Form als durchnummerierte Abschnitte ausgeführt, sie erinnern im erweiterten Blick an Paragraphen und ihre höchstgerichtliche Auslegung eines Falles. Man könnte die Geschichte durchaus nach der Abschnittsnummer zitieren, darin sind säuberlich dargestellt: Fall, Ereignis, Erinnerung, Dokumentation und Würdigung.

Jana arbeitet in den 1990ern bei der GAV (Grazer Autorinnen Versammlung) im Sekretariat und führt als Ilse Kilic heimlich und ohne Vereinsbeschluss das Binnen-I ein. In der Würdigung zeigt sich, welche Kraft in einem Sekretariat liegen kann, wenn man es pragmatisch betreibt. Jana wird später wegen dieser Hartnäckigkeit als Ilse Kilic dann auch noch Präsidentin der GAV. Ihre Treue zum Binenn-I wird spät belohnt.

Einen Schwerpunkt der „Erzählung“ stellt der jeweilige Zustand des Körpers da. Jana und Naz sind immer wieder von Defekten des Körpers heimgesucht, die ganz schön an den Nerven zehren. So liest Naz beispielsweise seitenweise aus einem Operationsbericht vor, weil er zu nichts anderem fähig ist.

Später fällt ihm auf, das ein Krankenbericht die höchste Form der Literatur ist, weil sie dem Körper am nächsten liegt. Und auch aus der Praxis wissen wir, dass niemand imstande ist, etwas Literarisches zu lesen, wenn er nicht zuvor die Texte über seine körperliche Befindlichkeit gelesen hat. Man stelle sich nur vor, man hat ein Kuvert mit einer schwerwiegenden Befundung vor sich liegen, lässt das Kuvert aber verschlossen und liest stattdessen eine Szene aus Peter Handkes „Obstdiebin“, worin jemand aus dem Garten schleicht und zweihundert Seiten lang nicht weiß, wo er hingeht.

Das „Heldenpaar“ liest freilich kaum Nobelpreisträger, sondern saugt die Texte aus dem Freundeskreis in der GAV auf und formt daraus eine innige Literaturgeschichte. Dabei gibt es kein Ranking der Literatursorten, Priorität hat immer jener Text, der für den aktuellen Tag gerade notwendig ist. Ein Ausflug zu einem Zeitgenossen endet plötzlich in einer Grotte bei Gföhl, wo gerade die unsterblich schönen Karl-May-Festspiele stattfinden.

Vieles wird von den beiden Paaren gemeinsam unternommen, gerade der Wechsel von der realen Ebene (Kilic/Widhalm) auf die fiktionale (Jana/Naz) geschieht oft schleichend, so dass man als Leser wieder zurückblättern muss, wo dieser Change stattgefunden hat. Ist die Erkenntnis, dass im Wort „individuell“ das Wort „Duell“ steckt, nun eine fiktionale Erkenntnis, die man Figuren zuschieben könnte, oder ist es ein Stück Lebensweisheit, die sich in der nächstbesten Szene einer Partnerschaft anwenden lässt?

Wer über den Abfluss von Zeit schreibt, muss immer wieder anhalten und nachfragen, wann etwa ein Ereignis stattgefunden hat. Diese „Weide“ der Erinnerung lässt sich nicht systematisch abgrasen, weshalb hier das Bild von der „Kuh“ ins Spiel kommt, die auf der Weide die Chefin ist. Aber die Zeit ist eine raffinierte Angelegenheit, und streut immer wieder seltsame Rosen der Erfahrung aus. So ist es leichter, sich vierzig Jahre zurückzuerinnern, als zwanzig Jahre nach vorne. Einmal taucht die Jahreszahl 2043 auf, und alle Helden erschrecken, was wird da sein? (Der Leser freilich ist gelassen, weiß er ja, dass 2043 einst eine berühmte Diesellok der ÖBB gewesen ist.) Auch Jana und Naz lenken sich oft mit seltsamen Denkarrangements ab, wenn sie etwas zu sehr erschreckt.

Die beiden haben ihre berühmten Filmarbeiten aus der beschriebenen Zeit in die Realität eines Museums überwiesen, damit sie dort gepflegt und aufgearbeitet werden. Jetzt ist viel Platz für die Erinnerung, die vielleicht in zwei Jahren wieder in einem neuen Band erscheinen könnte. Die Breze am Ende des Buches macht Hoffnung.

Serien sind beruhigend, sagt jemand einmal beim Zurückblättern in den Jahren. Der Verwicklungsroman ist sogar sehr beruhigend.


Ilse Kilic / Fritz Widhalm: Wir sind wir selbst und ich und du. Wir sind Weide, wir sind Kuh. Des Verwicklungsromans zwölfter Teil.

Wien: edition ch 2021. 112 Seiten. EUR 12,-. ISBN 978-3-901015-73-1.

Ilse Kilic, geb. 1958 in Wien, und Fritz Widhalm, geb. 1956 in Gaisberg, leben in Wien.

Helmuth Schönauer 07/04/21



GEGENWARTSLITERATUR 2981

lieder an das große nichts

Zu entdecken gibt es eine große Performance für das Nichts, Nicht-Themen als Fülle für eine erhabene Vortragsform, Lieder, die vielleicht auf Non-Melodien aufgesetzt sind.

Juliane Lieberts „lieder an das große nichts“ lassen jedenfalls einen großen Spielraum, um den Gestus von Lyrik mit den Grenzen des Sagbaren in Verbindung zu bringen. Ein Blick auf das Programm des Liederabends, wie man das Inhaltsverzeichnis lesen könnte, zeigt elf lyrische Cluster, denen jeweils drei bis fünf Gedichte zugeordnet sind. Dabei ist vom Aphorismus, über das Dialog-Intermezzo bis hin zum zusammengestauchten Langgedicht fast alles vertreten.

Dem Band ist ein Motto vorangestellt, das in etwa den Zeitgeist ausruft, dem Schreibende und Lesende um diese Zeit so huldigen. „wir brauchen strohfeuer, leuchtbotschaften, die einsamen, / die lauten, die leichten dinge: / herzrasen, wasserstoffbomben, popcorn“ (9)

Das Programm startet mit dem unverwüstlichen Gogol, der mit zweiundvierzig an religiösem Fasten verstorben ist, sein Skelett wird später bei einer Umbettung völlig verdreht im Grab vorgefunden. Gegen diese Rahmenbedingungen hilft nur ein Seufzer: „wir reden blech / ach nikolai, mein bodenschatz“ (13).

Verkehrt liegt auch ein Zufallsfund nächtlicher Durchstreifung der Stadt auf dem Pflaster: „gestern fanden wir einen der / lag mit dem gesicht nach unten / auf der straße und machten ihn wach“, in der Aufregung rufen die Nachtwandler freilich die Feuerwehr, weil ihnen sonst keine Nummer einfällt. Überhaupt sind nur wenige unterwegs, sie klettern kurz herunter aus ihren Wohnungen, die ständig im Dunkeln liegen.

Mit der Signation „badamm badamm“ (36) setzt ein schwer zusammengedrücktes Kompaktgedicht ein, das sich quasi selbst zerschreddert und anschließen in einen Klumpen verpackt hat. „in diesem jahr begannen unsere eltern zu sterben […]“, die Geschichte geht gar nicht gut aus für die Kids, die mit Müh und Not den nächsten Frühling erreichen, in dem angeblich alles besser werden soll.

Was den Umgang mit lyrischen Wörtern wie Herz betrifft, so gibt es in kühlem Ton zu berichten, dass es sich dabei um eine unauffällige biologische Einrichtung handelt. „grob gefasst // grob gefasst ist / des menschliche herz / ein kegelförmiges, muskulöses / hohlorgan / in etwa so groß wie die faust / des betreffenden“ (38)

Weil nicht lebensnotwendig, kommt hingegen das Schamhaar selten zu einer Würdigung. In der Ode an das Schamhaar (46) wird diese Nachlässigkeit nachgeholt, freilich sind fast alle Wörter dieses innigen Anbetungsgedichts schwarz unterlegt, weil das ganze Unterfangen offensichtlich dem Datenschutz unterliegt.

Lange muss man warten, bis der obligate Vogel in der Lyriksammlung auftaucht. Doch dann gibt es eine Überraschung: „seine hände sind die letzten // seine hände sind die letzten / exemplare einer aussterbenden vogelart / sind luftträger, windbeladen, unstet ihr flug / wie ihre artgenossen selig / unter mantelärmeln in woll- / in seidensärgen schaukeln können / sie nicht fassen“ (57)

In großer Verbeugung vor allen großen lyrischen Geistern, die das Bewusstsein erweitert und Schmerzen gelindert haben durch Mohn, wird ein Rezept für Träume ausgestellt. „trink mohn und träume // ach sag hausen die sternhuren noch unterm dachstuhl / speien ruß in seinen schlafwein wenns dämmert / dieser unbestimmt vermeidliche lichtgeschmack / wenns dämmert jault er: klatschmohn ja klatschmohn / würd ich ihmwünschen beizeiten“ (83)

Die häufigsten Motive aus der Geschichte der Gedichte sind verlässlich angesprochen, sie werden hofiert, überprüft und im rauen Sound des Alltagswindkanal zurechtgefräst. Der Kern der Lieder ist in Schaumstoff unzähliger Konnotationen verpackt, jede Liedzeile intoniert einen Kanon ähnlicher Melodien.

Wie so oft bei eruptiven Überraschungen von Texten lohnt es sich am Ende der Lektüre, das Inhaltsverzeichnis vorüberziehen und dabei den einen oder anderen Cluster sich noch einmal auf der Lesezunge zergehen zu lassen.

dies ist kein zirkus, dies ist eine globenfabrik“ / „lebendig begraben tot“ / „friede den irren“ / „ein schönes ding du unnützes ding“ / „der laut ist zu verstehen als erschütterte luft“

Diese Themen umreißen recht passabel die Methode der Lieder an das große Nichts, sie geben vor, zufällig des Wegs zu sein, sind aber scharfe Meißel, mit denen sich selbst an glattesten Flächen eine Geheimbotschaft einschlagen lässt.


Juliane Liebert: lieder an das große nichts. Gedichte.

Berlin: Suhrkamp 2021. 84 Seiten. EUR 18,50. ISBN 978-3-518-42982-2.

Juliane Liebert, geb. 1989 in Halle an der Saale, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 26/03/21



GEGENWARTSLITERATUR 2982

Die Leichtigkeit des Schweren

Diese Vorlesungen sind der traurige Abschied von einer Welt von gestern.“ (9)

Klaus Reichert legt seine beiden Vorlesungsabschnitte „Gelehrsamkeit und Poesie“, sowie der „Esel auf dem Eis“ als sinnliche Rückblicke auf ein exklusives Lektüre- und Übersetzerleben an. Die Veranstaltungen waren für Mai 2020 im Literaturhaus Graz geplant und mussten wie so vieles in die Covid-Cloud verschoben werden, aus der sie jetzt aktuell und frisch abgerufen und als Buch ausgedruckt worden sind.

Große Literatur entsteht nach gängiger Großdefinition entweder, indem man sich auf Große beruft, oder, indem man ein großes Thema wählt. Klaus Reichert macht beides, im ersten Abschnitt erzählt er seinen Werdegang in der Literaturszene, in der vorerst nur Giganten der 1950er und 1960er Jahre vorkommen. Das große Thema ist schließlich die Übersetzung „religiöser“ Literatur, also der Bibel oder Finnegans Wake, was als das schwerste Unterfangen überhaupt gilt. Bei Texten Marke Genesis geht es ja nicht um die Umwandlung einer griechischen Fassung in eine deutsche, es muss quasi die Kulturgeschichte der Schöpfung mit übersetzt werden.

Ein geheimes Thema dieses Bandes entsteht dadurch, dass dieses gewaltige Literaturleben auf den Humus der Provinz trifft. Längst ist Graz ja wieder vom Status der Literaturhauptstadt abgerückt und so etwas wie jener goldene Komposthaufen geworden, den in einer Kafka-Erzählung zwei verlorene Soldaten an der Grenze bewachen.

Das Urerlebnis für eine Karriere mit großen und letzten Dingen ist das schlichte Kindergebet: „Müde bin ich geh zur Ruh“ (12), das aus lauter Fehlern besteht, das „geh“ ist kein Befehl, und der Ruh fehlt das -e. Aber große Literatur arbeitet nach diesem Muster, und Jahrzehnte später kommt dieses Gebet bei der Übersetzung von Finnegans Wake wieder zum Vorschein. So gerät das Leichte mit dem Schweren in Verbindung, wie es im Titel des Buches heißt.

In der Nachkriegszeit reden die aus allen Teilen Europas zusammengeströmten Menschen für ein Kind in einem angenehmen Sprachsound, aus dem sich vorerst kaum diverse Sprachen heraushören lassen, alles spricht in einem „Aufbruchsdeutsch“, worin alles Platz hat.

Der junge Reichert schafft eine erste Ordnung in diesem Gemisch, indem er „das gesunde Roggenbrot der Mediävistik aß“. (22)

Die Studienaufenthalte in London und Berlin werden genützt, um seltene Themen zu entdecken. So etwa die Kultur der Beat Poets, die sich auf die drei Zentren Westküste (Ginsberg, Ferlinghetti), New York (Ashbery, O’Hara). sowie den Black Mountains (Olson, Creeley) aufteilen. (28) Eine Übersetzung dieser Poesie hat ungefähr den gleichen exotischen Stellenwert, wie eine Übersetzung eines Shakespeare-Sonetts.

Unter die Kategorie Übersetzung fällt auch die Auseinandersetzung mit den Genres Essay und Feuilleton, weil es im Deutschen keine passende Form für diese Ausreißer zwischen Fiktion und Sachverhalt gibt.

Kleine Anekdoten lockern jeden Abend auf, so wird Adornos eigenwillige Aussprache des Qu-Lautes gewürdigt, weshalb man ihn „Ku-atschkopf“ nannte. (Aus Tiroler Sicht gemahnt dieser Laut daran, dass ihn die Südtiroler italienisch aussprechen und ebenfalls von Ku-elle sprechen, wenn sie Quelle meinen.)

An anderer Stelle versucht Ernst Jandl im Suhrkamp Verlag unterzukommen, scheitert aber an Unseld, der diesen Meister aus Wien für einen leichtfüßigen Sprach-Blödler hält. (40)

Wenn man so will, ist dieser erste Abschnitt das Leichte.

Im zweiten Teil, „der Esel auf dem Eis“ (59) geht es dann ums Eingemachte der Sprache. Nachdem die Dichtung aus der Religion entstanden ist, sollte man sich um die Religion kümmern, wenn man diese urwüchsigen Zusammenhänge zwischen Sprache, Sinn und Schweigen verstehen will. Als Leser ohne große religiöse Ambitionen nickt man diese Teile ab, wenn es etwa darum geht, wie ein verlorenes Signal einer hebräischen Zeile der Schlüssel für die Deutung von James Joyce werden kann. Klaus Reichert weiß, dass das ans Limit geht und zitiert einen Adorno-Satz über Kafka, dessen Zeilen betteln: „Deute mich und keiner will es leiden.“ Auch die exzessiven Bedeutungsüberdehnungen bei Paul Celan haben zumindest in Absatznähe einen Hinweis, dass er zwischendurch in psychiatrischer Behandlung war. Nicht alles muss Sinn sein, es kann auch eine Krankheit sein.

Das Problem der Entkolonialisierung einer fremden Sprache wird übrigens schon seit Jahrhunderten diskutiert. Was sagen die alten Griechen dazu, wenn sie bei Tieck in die Romantik müssen! Wie spielt man Shakespeare, elisabethanisch im Original oder weimarerisch in der Schlegel-Tieckschen-Übersetzung?

Die Waage zwischen dem Leichten und dem Schweren wird schließlich austariert durch ein paar „lose Sätze, Themen und Gedanken“ (103).

Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Es wird sich also wohl entschließen müssen, beides zu verbinden.“ (Friedrich Schlegel, Fragment 53.)

Mit dieser Vorlesung zeigt die Literatur wieder einmal, was sie kann. Da erzählt jemand von seinem reichen Leben, und man hört zu, und ist hinterher ebenfalls reich.


Klaus Reichert: Die Leichtigkeit des Schweren. Lesen, Verstehen, Übersetzen.

Graz: Droschl 2021. (= Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens Band 4).105 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99059-075-1.

Klaus Reichert, geb. 1938 in Fulda, lebt in Frankfurt/M..

Helmuth Schönauer 09/04/21



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2267

Granatapfel

Der Bildungsroman gilt als ausgesprochen optimistisches Genre, er zeigt nämlich Helden, die sich um die Verbesserung ihrer Lage durch Bildung bemühen und zumindest eines schaffen, sie können darüber einen Roman schreiben.

Ivo Rossi Sief wählt den Ausdruck „Werdungsroman“, um einen Suchvorgang zu beschreiben, der quer durch Zeit, Geographie, Bewusstsein und die Künste streift, um als Treffer den „Granatapfel“ auszuspucken. Der Granatapfel gilt als biblisch-archaische Frucht, die beim Anbau und Verzehr viel Sorgfalt braucht, um sie nicht zu verletzen, immerhin weist sie die Konsistenz eines kleinen Gehirns auf. Auch die rote Färbung hat es dem Autor angetan, kann er doch damit seine Schwierigkeiten mit dem Namen zeigen. Dem urkundlich vermerkten Rossi ist später der alte Sippschaftsname Sief aus dem Alpental hinzugekommen. Jetzt passt der Name zwar für den Autor, macht aber Bibliothekare und Lexikon-Bearbeiter unsicher, weil sie nicht wissen, wie sie ihn suchen oder ablegen sollen.

Ivo Rossi Sief entwickelt eine minimale Rahmenhandlung, wonach ein kursives Ich gereift in seinem Körper sitzt und an Schriften arbeitet, die das Leben eines gewissen Reinhard darstellen. Am Schluss sitzt das Ich erschöpft und verunsichert vor dem Roman und zieht ein weites Resümee: „Ich fühle mich noch wie auf offenem Meer – auf hoher See.“ (193)

In einem Protokoll-Ton, der Innen- und Außensicht zu vereinen sucht, wird von einem Helden berichtet, der schon früh aus der ihm zugedachten Unauffälligkeit ausbricht, indem er sich nicht ins Gewöhnliche fügt. Das beginnt mit jener Kränkung, die entsteht, wenn im Dorf der Einfältigen der eigene Name herausragt durch Kürze und Eleganz. Schon von Kindesbeinen an weiß man nicht recht, was man mit Reinhard machen soll, und steckt ihn in das nächstbeste Heim in der Gegend. An Kleinigkeiten zeigt sich dabei die Zerrissenheit des Knaben, der hellhörig der Sprache und ihrer Bedeutung lauscht. „Bachpromenade“ (26) ist so ein sprachlicher Hybrid, der das wilde Gewässer des Dorfes mit den Spaziergängen einer Kurstadt in Verbindung bringen soll.

Reinhard tastet sich vor, übt eine Zeitlang als Sänger, macht etwas Technisches an der Schule, lässt sich von Venedig aufwecken und in die Künste einführen, ehe er ausgerechnet im abgestumpften Innsbruck Psychologie studiert in der fatalen Hoffnung, dass die was wissen von der Seele.

Nicht einmal die simpelsten Fragen können beantwortet werden, in Innsbruck sind nämlich um diese Zeit die Psychologen noch auf der Suche nach dem Ich-Organ. (62) Dabei dreht sich alles um dieses eine: „Was tue ich auf der Welt eigentlich?“ (55)

Der nächste Schritt zwingt Reinhard förmlich nach Wien zu gehen. Hier kriegt er es erst einmal mit dem Archivsyndrom zu tun, „er fühlt sich mit einer Bibliothek beladen“. (79) Aber Wien liefert auch jene Nuance, die man als Blues oder blaue Stunde zelebrieren kann. Zwar wird er wegen seine Doppelsprachigkeit immer noch argwöhnisch beäugt, aber in der Meisterklasse der Bildenden Künste tun sich in der Theorie neue Welten auf, während in der Praxis alles davon handelt, wie man Bilder verkauft, Circles besticht und ein Netzwerk aus Filz über seine Werke legt. „Die Wahrheit ist nicht Literatur!“ (141) Für den Künstler wird es abermals Zeit, die Zelte abzubrechen.

Wie bei so vielen Suchenden auf dieser Welt, ist auch bei Reinhard das Ergebnis verblüffend einfach. Wenn du zur Ruhe kommen willst, dann musst du in dir selbst einen Platz dafür suchen. Und dazu musst du zurück an den Ort des Aufruhrs, zu deinen Wurzeln, in die Heimat, die dir als Kind keine Hand reichen konnte.

Tatsächlich wird erst eine Ausstellung zu Hause für diesen Frieden sorgen. Ein Freund erklärt bei einer Ausstellung das Wesen des Helden anhand seiner Werke. Reinhard ist selbst am meisten darüber erstaunt, wie hellsichtig die Welt sein kann, wenn man sie mit gutem Willen ausleuchtet. Und dann fängt wie so oft im Leben der Körper zu spinnen an, Reinhard wird am Hals operiert und entwickelt sich in der Rehabilitation zu jenem Menschen, den er wahrscheinlich ein Leben lang gesucht hat. Die ganze Biographie kommt ihm wie eine einzige Schrift vor. Das Aufgeschriebene ist plötzlich klar wie ein Roman, sodass der Held um Aufnahme in die IG Autoren bittet.

Ivo Rossi Sief hält mit seinem „Werdungsroman“ Abstand zu seinem Helden, der ihm beim Schreiben immer wieder recht nahe kommt. Die Autobiographie ist so etwas wie „ein Schlamm, in dem man zurückschwimmen muss“. Ein kleine kleine Sammlung mit offenen Bildern und Parabeln schließt diese Suche ab. „Wann verschwindet die Störung, wann beginnt ein Wohlbefinden?“ (191)


Ivo Rossi Sief: Granatapfel. Ein Werdungsroman.

Bozen: Retina 2021. 193 Seiten. EUR 19,90. ISBN 978-88-99834-20-3.

Ivo Rossi Sief, geb. 1949 in Innichen, lebt in Rinn.

Helmuth Schönauer 11/04/21



GEGENWARTSLITERATUR 2977

Die Mutter von Nicolien

Wo Luftwurzeln im Spiel sind, gibt es oft Orchideen. Wo der Hauptstamm der Literatur allzu mächtig angelegt ist, müssen die Seitenäste umso fragiler ausgeführt sein.

J. J. Voskuil steht mit seinem siebenbändigen Monumentalwerk „das Büro“ so übermächtig im Regal, dass es kaum vorstellbar ist, dass dazwischen noch der eine oder andere Roman heraus wuchern könnte. „Die Mutter von Nicolien“ ist so ein Seitenstrang, der von Szenerie und Lebenswelt her gesehen vollends an das Hauptwerk angelehnt ist. Das beginnt schon mit dem Titel, worin die Hauptperson als Mutter der Frau des Helden inszeniert ist. Und dieser Hauptheld Maarten Koning stellt natürlich alles in den Schatten, zumal er mit einem kleinen Thema augenzwinkernd ganze Jahrgänge von Beteiligten mit Lebenssinn auszustatten weiß. Maarten ist nämlich Volkskundler und erforscht in seinem Büro Wichtelmännchen in ausgewählten Regionen.

Wenn man den Roman „Die Mutter von Nicolien“ abgeschlossen für sich nimmt, so zeigt sich darin der Verfall einer Heldin in Demenz. In etwa sechzig kleinen Erzähleinheiten, die oft nur aus je einem missverständlichen Dialog in privater Sphäre bestehen, zeigt sich die Auflösung einer Person. Zwischen 1957 und 1985 schreitet dieser Prozess voran, wobei es kaum Verknüpfungen zur Zeitgeschichte gibt. Einmal heißt es beiläufig, „die wollen die Autos aus Amsterdam draußen haben“, aber es bleibt offen, ob das etwas Gutes oder Schlechtes ist.

An Handlung ist so gut wie gar nichts los, die Schwiegermutter lebt zuerst noch selbständig, man trifft sich zu Geburts- und Feiertagen. Als das Tochter-Ehepaar einmal die Wohnung wechselt, weint sie, weil sie die alte Wohnung nie mehr sehen wird. Fast erwartbar bricht sie eines Tages zusammen, der Arzt rät dringend zu einer Überstellung ins Pflegeheim. Dort verdöst sie allmählich. Bei Besuchen schaut der Schwiegersohn regelmäßig auf den grandiosen Ausblick: „Schlote von einem Kesselhaus!“ Schließlich kommt die Nachricht von ihrem Tod, sie stirbt mit 92. Im letzten Kapitel wird auf sechs Seiten alles aufgefahren, was dem Begräbnis Kraft und Dynamik geben könnte. Maarten hält sogar eine kleine Rede und ärgert sich hinterher, dass er zu sagen vergessen hat, dass der Verstorbenen nichts an Geld gelegen sei. Das Totenmahl besteht aus Fisch, der vorzüglich schmeckt.

Für den normalen Lesebetrieb könnte man jetzt die Rezension zusammenfassen mit einer schönen Geste: Dieser Roman zeigt einfühlsam das Fortschreiten der Demenz, mehr aus Hilflosigkeit denn aus Therapiegründen wird ein leicht ironischer Ton gepflogen, der vor allem eines im Sinn hat, das große Nichts im Disput der Betroffenen zu übertünchen. Man sollte diesen Roman am Küchentisch liegen haben, weil man bei Telefonaten oder Gesprächen mit Angehörigen nachschlagen kann, wie weit die jeweilige Demenz im Familienbetrieb schon fortgeschritten ist.

Wer jedoch im Banne des „Büros“ steht, wird das Meisterliche dieses „Verwaltungsromans“ entdecken und zu genießen wissen. Es genügen die drei Szenen zu Beginn, um den wahren Helden des Romans, nämlich Maarten, wieder einmal in der Lektüre aufzurufen und frisch zu halten. 1957 spielt eine Szene, wo Maarten erstmals vom Büro nach Hause kommt und erzählt, dass er eine Anstellung habe und jetzt ein Leben lang über Wichtelmännchen forschen werde. Die mit „Sie“ angesprochene Mutter von Nicolien kann sich nichts unter dieser Arbeit vorstellen.

Zwei Jahre später fällt 1959 die Bemerkung, dass Maarten in Deutschland einem Wichtel-Kongress beigewohnt hat, die Grande Dame erschrickt kurz, weil Deutschland ja gerade noch ein Kriegsgegner gewesen ist, der die Niederlande überfallen hat, aber das Volkskunde-Thema scheint ein Beitrag zur Versöhnung zu sein.

In der dritten Szene 1961 stibitzt der Held nach der Büroarbeit schnell eine Erdbeere aus dem vorbereiteten Dessert und verschmiert das Loch im Becher, damit er nicht auffliegt. Diese Ordnung und die Angst, dass Kleinigkeiten aufkommen, führt ihn zu der Erkenntnis, dass erwachsene Kinder nicht bei den Eltern wohnen sollen.

Die Versuche des Maarten, mit der Mutter von Nicolien irgend etwas Tiefgehendes anzugehen, scheitern alle und er beschränkt sich auf die nötigsten Anweisungen. Einmal wird ein kaputtes Radio repariert, aber die Melodien, die daraus erklingen, sind nicht mehr jene von früher. Wenn eine Augenoperation ansteht, vertut er sich im Ton und „findet Augen sowieso gruslig“ (85), wenn er in Pension ist, will er frei sein und sich einen Bart wachsen lassen, aber die Frauen rechnen ihm gleich vor, dass er noch nicht einmal die Hälfte seiner Dienstzeit hinter sich hat.

Später wird er kein Maß mehr kennen und neben dem Besuch zu tippen anfangen, weil er „gerade was im Kopf hat“.

Selbst seine Frau ist in dieser Ereignislosigkeit ohne Selbstbewusstsein gefangen. Wenn sie nach ihrer Identität gefragt wird, sagt sie amtlich richtig: „Ich bin Frau Koning. Ich bin die Tochter von Frau Haspers.“ (93)

Maarten erlebt jeden Arbeitstag als sinnlos, „ich habe neun Stunden lang sinnlos getippt“, und zu Hause geht die Wichtelgeschichte weiter. Er muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er Menschen wie abgelegte Karteikarten von Zwergen behandelt.

Überhaupt verliert man ja nach einer trostlosen Arbeit jegliches Gefühl für das Ausmaß der Dinge. Weil ihm das Wort Taxi nicht zur rechten Zeit einfällt, schiebt er die demente Schwiegermutter einen Tag lang mit den öffentlichen Verkehrsmittel nach Hause und zurück ins Heim.

Die Geschichte von Maarten ist in sieben Bänden schon fertig erzählt, und der Leser ist verblüfft, dass dieser Satellitenroman immer noch Neues bietet. Täglich seinen Sinn zu finden, wenn alles rundherum die Sinne verliert, das ist eine Geschichte, die sich nicht fertig erzählen lässt.

Aber das Mitgefühl gilt dem indirekten Haupthelden, denn der weiß, dass er leiden muss. Die Mutter von Nicolien ist freilich bereits zwischen den Zeilen verlöscht und weiß nicht mehr, was das Leben ist.


J.J. Voskuil: Die Mutter von Nicolien. Roman. A. d. Niederl. von Gerd Busse. [Orig.: De moeder van Nicolien, Amsterdam 1999].

Berlin: Wagenbach 2021. 250 Seiten. EUR 23,70. ISBN 978-3-8031-3332-8.

Johannes J. Voskuil, geb. 1926 in Den Haag, starb 2008 in Amsterdam.

Gerd Busse, geb. 1959, lebt in Dortmund.

Helmuth Schönauer 31/03/21