Buch in Pension – Rezensionen Dezember/2019


Giancarlo De Cataldo: Der Agent des Chaos. Roman.

Markus Köhle: Ganz schön frech! 52 Gedichte für die ganze Familie.

Waltraud Mittich: Sanpietrini. Roman.

Christian Moser-Sollmann: Blaue Schatten. Roman.

John Sauter: Startrampen. Gedichte.

Elias Schneitter: Fußball ist auch bei Regen schön.

Bernd Schuchter: Rikolas letzter Auftritt. Roman.

Peter Steiner: Orbis Terrarum. Roman. Band 1. Das Kriegskind.

Gabriele Weingartner: Leon Saint Clairs zeitlose Unruhe. Roman.

Jörg Zemmler: Seiltänzer und Zaungäste. 114 Begegnungen.


TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2210

Der Agent des Chaos

Etwa fünfzig Jahre braucht man in der Zeitgeschichte, um die Auswirkungen eines Geschehnisses halbwegs für die Geschichte beurteilen zu können. Die Literatur leistet dabei doppelte Schwerarbeit, einmal dokumentiert sie die jeweilige Gegenwart als Fiktion und später transformiert sie das Erforschte zu Geschichte. Für die 1960er Jahre lautet so ein Wirklichkeitsmythos, dass der CIA im Zeitalter des Kalten Krieges Italien regiert hat mit der Auswirkung, dass es in Italien bis heute eine sehr schnelllebige Demokratie gibt mit den beiden Achsen Kirche und Mafia als stabiles Gerüst.

Giancarlo De Cataldo ist Richter und erfahrener Zeithistoriker, der seine Schriftstellerei aus einer Mischung aus Thriller-Theorie und Gerichtserfahrung speist. Im Roman „Der Agent des Chaos“ versucht folglich der Ich-Erzähler für die neue Buch-Saison einen Justizthriller italienischer Art zu entwerfen (94), wird aber von der vorgeblich echten Vergangenheit eingeholt. Vor Jahren hat er einen vagen Roman über die Sechziger Jahre geschrieben und jetzt taucht ein dubioser Anwalt auf, der scheinbar die wahren Hintergründe über die damaligen Helden weiß.

Auf zwei Tracks entwickelt sich eine abenteuerliche Handlung, wobei am einen Strang der Erzähler zieht, um sich aus der geschichte herauszuhalten und in einem Schreiber-Heute in Rom zu bleiben, während der zweite Strang vom Anwalt erzählt wird, immer das Warnschild um den Hals gehängt, dass alles erlogen sein könnte.

Im Mittelpunkt der aufgetischten Story steht der Agent des Chaos. Ein US-Kleinkrimineller polnischer Herkunft wird vom CIA zu einem Superagenten ausgebildet. Einsatzgebiet soll Italien sein, wo man die aufmüpfige Jugend mit Hilfe von Drogen in die Lethargie spritzen will. Ausbildungsleiter ist, no na, ein ehemaliger Nazi, der seine psychodelischen Neigungen aus dem Dritten Reich nahtlos im Amerika des Kalten Krieges ausleben darf.

Die Geschichte wird umso glaubwürdiger, als sie anhand des LSD-Papstes Timothy Leary Drogenräusche des amerikanischen Campus erzählt. Dabei kommt das schöne Muster zum Vorschein, dass an der amerikanischen Westküste in den 1960er Jahren zur gleichen Zeit das LSD und der Computer entstanden sind. Beide Strömungen hatten zum Ziel, das Bewusstsein zu erweitern, was ja auch gelungen ist, wenn man die Auswirkungen der Digitalisierung neutral betrachtet.

Romane, in denen Drogen die Hauptrolle spielen, werden von Lesern meist für äußerst wahrscheinlich und glaubwürdig gehalten, denn im Zweifelsfalle ist ein Ereignis eben das Ergebnis eines Trips. In einer anderen Theorie geht man davon aus, dass der Roman selbst eine Droge ist und somit den Leser in die Knie der Wahrscheinlichkeit zwingt.

Nebenher kommt in der Geschichte des Anwalts die jüngere Chronik Italiens zum Vorschein, Verschwörung, Gewalt, Drogen, Kommunismus und Mafia sind wie in Wirklichkeit sichtbar und unsichtbar zugleich. Der Erzähler schüttelt dabei selbst immer den Kopf und stellt alles in Frage, was ihm da vorgesetzt wird. Aber es ist wahrscheinlicher, die Geschichte des Anwalts zu glauben, als für das literarische Programm einen Krimi zu erfinden. So fühlt sich auch die Geschichte um den Chaos-Agenten recht gut an, und man kommt als Leser nicht in den Verdacht, erfundenen Schund zu lesen. Denn der Erzähler ist ein verlässlicher Anwalt des Lesers.

Giancarlo De Cataldo beherrscht das Milieu aus dem Effeff, durch seine Erfahrung aus dem Justizbereich gelingt es ihm, unter dem Genre Thriller den Wahnsinn der jüngeren Zeitgeschichte Italiens zu erzählen. Dabei liegt das LSD-Thema durchaus im Trend. Der US-Autor T.C. Boyle hat gerade Amerika und Europa mit seinem psychdelischen Bestseller „Das Licht“ verrückt gemacht.

Die inzwischen betagten Leser nicken zu diesen LSD-Romanen, wer die Drogen damals überlebt, hat muss zugeben, dass es so gewesen sein könnte. Und die Kids erkundigen sich immer öfter: Großvater, wie war es damals, als an den Unis vorne der Computer und hinten das LSD erfunden worden ist?


Giancarlo De Cataldo: Der Agent des Chaos. Roman. A. d. Ital. von Karin Fleischanderl. [Orig.: L‘argente del caos, Torino 2018].

Wien, Bozen: folio 2019. 267 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-85256-768-6.

Giancarlo De Cataldo, geb. 1956 in Taranto, lebt in Rom.

Helmuth Schönauer 08/10/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2215

Ganz schön frech!

Das gute alte Hausbuch dient oft als poetischer Notfallkoffer. Egal ob sich jemand in den Finger schneidet, das Gleichgewicht verliert, oder ob die Verpflegung Schimmel ansetzt, immer gibt es im Hausbuch einen passenden Spruch, der den Sachverhalt wenigstens eingrenzen, wenn schon nicht verändern kann.

Markus Köhle und Robert Göschl haben jetzt für den Hausgebrauch ein freches Kunstwerk komponiert, das für alle Lebenslagen eine passende Skizze oder einen entsprechenden Ermunterungs-Zuruf parat hält. In 52 Gedichten für die ganze Familie wird ein komplettes Jahr abgedeckt, für jede Woche gibt es eine frische Erkenntnis, die das Weiterleben geradezu zur Pflicht macht.

Ganz schön frech ist dabei die Tonlage. Die Gedichte trauen sich was, indem sie eine heimliche Wahrheit aussprechen, die sonst oft durch Tabu-Patina eingetrübt ist. Wie in vier Jahreszeiten gliedert sich das Buch in „voll frech“, „voll bunt“, „voll schön“ und „ganz schön anders“. Der gelernte Überlebenskünstler vermisst an dieser Stelle ein Kapitel über „voll fett“, aber da sich das Buch auch an Kinder richtet, sollten diese nicht mit Entgleisungen der Erwachsenen zu sehr eingenebelt werden.

Beim ersten Lesen drängen sich natürlich spitze Bemerkungen und Kalauer-Abwandlungen in den Vordergrund, die Langgedichte haben andererseits durchaus den Zug zu einem philosophisch ausgeklügelten Weltbild.

Oberstes Gebot in der Literatur ist die Vorsicht, und im Zeitalter von Fake-News wird das Zurückschrecken vor dem ersten Eindruck zur Kunst. „Lyrikpessimismus // Das Gedicht / Der Gedichte / Dem Gedicht / Nicht zutrauen // Das Gedicht / Der Gedichte / Dem Gedicht / Nicht zu trauen“ (14) In diesem Zwielicht von Poesie und Fake sind auch diverse Definitionen angelegt, die im Stile eines Tweets die Welt erklären. „Brettljause // Käse ist Milch mit Löchern / Wurst ist Tier in Scheiben / Obst ist gesund in bunt / Brot ist Teig in Laiben.“ (27) Unterstrichen wird die Relevanz dieser Erkenntnisse durch eine famose Zeichnung, worin ein Schwein fröhlich als Ganzes in Scheiben geschnitten ist, sodass es auch Veganern Lust auf es macht.

Eine gute Überlebensstrategie besteht darin, an das Gegenteil von dem zu glauben, was von allen geglaubt wird. Wenn es also eine Fleißaufgabe gibt, die hohes Ansehen geniest, sollte man sich schnell eine Faulaufgabe zulegen. (79)

Im Laufe eines Jahres gibt es immer wieder Durchhänger, sodass man wirklich 52 Gedichte braucht, um alle Ermüdungserscheinungen einer faden Seele abzudecken. Entscheidend ist dabei die Berufswahl. Beim Neffen steht der Autor hoch im Kurs, denn dieser gilt als Dichter und „die Arbeit des Onkels ist selten“. Der Job spielt auch eine entscheidende Rolle, wenn diverse Berufe erklärt werden müssen, beispielsweise am AMS, wenn das Kind nicht so recht weiß, was es werden könnte. „Tennisspieler haben Schläger / Hirschfänger haben Jäger / Lehrerinnen haben Drahtseilnerven / Schmiede sollten nicht Hammerwerfen“ (37)

Wenn einmal nichts los ist, ist Alltag. „Alltag pur rund um die Uhr“ erzählt von einem Nullachtfuffzehn-Tag, bei dem das Gedicht über diesen Tag der Höhepunkt ist.

Aber dann ist gottseidank wieder was los, es geht um ein Eier-Gedicht, das sofort alle Menschen in ihre Herzen schließen, egal ob sie traurig oder ernst, klug oder reich, groß oder klein veranlagt sind. Fast alles, was wir sehen und empfinden, kann die Hülle für eine unerwartete Erkenntnis sein, wie eben in den Überraschungseiern immer etwas drin ist, auch wenn nichts drin ist. „Igel sind Stacheln mit Nasen / Ostern ist Eier von Hasen // Eier im Fußball sind Pflicht / Fußballgedichte nicht.“ (33)

Ganz schön frech ist eine Lebenshaltung und sollte in keinem Haushalt fehlen. Wer Single ist, hat zudem den Vorteil, dass alle Familiengedichte für ihn allein gelten, dann kommt eine Menge Freches zusammen!


Markus Köhle: Ganz schön frech! 52 Gedichte für die ganze Familie. Illustriert von Robert Göschl.

Wien: Luftschacht 2019. 83 Seiten. EUR 15,40. ISBN 978-3-903081-43-7.

Markus Köhle, geb.1975 in Nassereith, lebt in Wien.

Robert Göschl, geb.1977 in Klagenfurt, lebt in Südtirol.

Helmuth Schönauer 28/10/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2209

Sanpietrini

Wenn sich Helden gegen den Ruhestand wehren, werden sie für ein paar Tage noch ganz wild, ehe sie sich dann in ihr Schicksal fügen und das Spätwerk beginnen. Im Literaturdiskurs werden Geschichten, in denen entweder das fiktionale Personal oder die Autoren gegen das voranschreitende „Graue“ aufbegehren, „Prä-Pensionsroman“ genannt.

Waltraud Mittich verwendet als Struktur ihres Romans das Bild von „Sanpietrini“, das sind Pflasterstein-Muster, die scheinbar zeitlos Festigkeit und Halt verströmen, die aber dennoch immer wieder ausgetauscht werden müssen. Gerade das Abgetretene macht ihre Unverwüstlichkeit aus. Die Heldin Barbara ist um die sechzig und geht noch einmal ihr Leben durch, ehe sie sich in die Pension fallen lassen wird. Ihr Hauptcharakterzug ist das gelungene Eindringen in eine fremde Sprache, die sie zu ihrer eigenen gemacht hat, ohne die frühere zu verraten.

Dieses Switchen der Sprachzugehörigkeit äußert sich in einer Unzahl von Fügungen und Floskeln, die jemand, der nicht Italienisch kann, seitenweise googeln muss. Dabei lernt man als User einen anderen Zugang, als ihn die Protagonistin hat. Die beiden Kapitel „Testaccio“ (9) und „Ponte die Ferro“ (53) überschreiben römische Stadtviertel und Gegenden, wenn man aber nach ihnen sucht, erhält man unendlich viele Treffer für Restaurants und Tourismusbuden. Die Aufgabe des Romans ist es also, etwas anderes zu erzählen als jene Tourismushappen und Geschäfte, die im Netz erzählt werden.

Das Sinnieren der Heldin umkreist die Zeit mit ihrem Mann, mit dem sie einige Zeit verheiratet war. Damals kocht die Stadt in politischer Glut, Attentate sind an der Tagesordnung und selbst der Staat geht kriminell gegen seine aufsässigen Bürger vor. Mitten in der Anarchie wird die Heldin Zeugin eines politischen Attentats, das niemand gesehen haben will. Vielleicht ist es aber auch nur ein besonders starker Ausfall einer Ehekrise. Der Stadtteil Testaccio jedenfalls gilt als klassisches Arbeiterviertel, das sich zu einer Parallelwelt entwickelt hat, worin die Dinge anders funktionieren als im Reisekatalog. Letztlich geht es wie bei allen modernen Städten darum, „zu suchen, was in der Hölle nicht Hölle ist.“ (73)

Aus der jüngeren Erinnerungsvergangenheit taucht vor allem eine Liebschaft mit dem afghanischen Dozenten Darian auf, der trotz seiner berührenden Geschichten nicht Fuß fassen kann und eines Tages abgeschoben wird. Mit ihm erlebt Barbara auch den Schock, den eine Entwurzelung innerhalb der eigenen Stadt bewirken kann. Immer wieder werden die Flüchtlingscontainer abgerissen und die Insassen vertrieben. Wahrscheinlich liegt es an der Dichotomie jeder Stadt, dass man darin nicht Wurzeln schlagen kann. Aus jeder Gasse fahren nämlich nächtens zwei Kolonnen von Lastwagen über das Pflaster mit seinen alten Mustern. Die einen bringen Shopping für den nächsten Tag, die anderen karren den Müll weg, der täglich anfällt. Dazwischen versuchen die Menschen, der Hölle zu entkommen.

Animiert von den Außenseiter-Geschichten ihres afghanischen Freundes, kümmert sich Barbara schließlich um die Kultur der Geschlagenen. In einem Anfall von Beat trägt Darian die „Lyrik der Zukurzgekommenen“ vor und sie bleibt an berührenden Versen hängen.

Von den sauwütenden Wildschweinen // Bin eine Woge im stillen Gewässer, / ein Berg auf hoher See / Zeichne mit Worten auf ein Blatt Papier / [...] / Bin ein Erinnerungsfoto von Nicht-Erlebtem / Eine lustige Geschichte mit offenem Ende / Bin ein heimlich verwässerter Wein / Bin am Ende der Warteschlange / Weiß nicht, ob ich hineinkomme / Bin ein Wald mitten in der Stadt“ (85)

Manchmal, wenn das Leben aus den Fugen zu geraten scheint, kochen die beiden und laden Freunde ein, sie sind kein Paar, haben sich aber zusammengetan unter einem Wellblech. Als Darian abgeschoben ist, fragt sich die Zurückgebliebene, ob sie vielleicht nichts anderes gesucht hat als ein Märchen. (117)

Jetzt fällt ihr ein, dass sie ja eine kleine Enkelin hat. „Sie ruft etwas Wunderbares: Nonna, te voio bene. Ich zittere vor Freude. Verstehe es wohl, diese ist meine letzte, grandiose Unterwerfung.“ (119

Das Pflaster ist offensichtlich härter als das Leben. Nach dem Lebens-Kampf wird der Ruhestand erträglich, denn das Spätwerk steht an.


Waltraud Mittich: Sanpietrini. Roman.

Innsbruck: Edition Laurin 2019. 119 Seiten. EUR 17,90. ISBN 978-3-902866-79-0.

Waltraud Mittich, geb. 1946 in Bad Ischl, lebt in Südtirol.

Helmuth Schönauer 02/10/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2212

Blaue Schatten

Es gibt synthetische Krimis, die werden aus Langeweile am Dichter-Reißbrett entworfen und dem Leser als künstliche Welt vorgesetzt, und dann gibt es Romane über realistische Sozial-Desaster, die notwendigerweise in einen Krimi kippen.

Christian Moser-Sollmann schreibt als studierter Kulturwissenschaftler eine saloppe Studie über einen schicken Barkeeper, der in einem Wiener Bezirk in einer Blase lebt. Tom ist schon vor langer Zeit aus der Provinz zugewandert und beherrscht bereits den negativen Sound des Jammerns wie ein Einheimischer. In seinem Weltbild gibt es ein Bundesländerranking der Dekadenz. „Niederösterreich war Toms Erfahrung nach weit vor Vorarlberg, Oberösterreich und Tirol das verkommenste Bundesland Österreichs.“ (11) Aus dokumentarischen Einsprengseln wissen wir, dass er einer nach Osttirol eingewanderten Brauereidynastie entstammt und daher den Umgang mit dem Alkohol in den Genen hat.

Toms Welt- und Weitblick beschränkt sich auf das Nötigste. Wohnung, Altlast einer Beziehung, Mutter mit Schlaganfall, Trinken, Drogen, und ab und zu eine Frau, bei der man Dampf und Sperma ablassen kann.

Die Blauen Schatten verweisen auf ein mexikanisches Sprichwort, wonach „die Seele vom Tag zur Nacht geht wie die Erde“. Und wie ein Psycho-Hamster tritt Tom jeden Tag seinen Bardienst an, absolviert manchmal die Strecke von der Wohnung zum Dienstort zu Fuß, aber das ist es auch schon. Alle übrigen Erlebnisse entspringen diversen Regularien, die mit der Zeit jeder im Blut hat wie die Suchtmittel, die den Lebensinhalt ausmachen.

Erzählt wird dieses Leben in der Blase von der Ich-Erzählerin Marlies. Sie ist Wirtschaftsjournalistin und will eine Studie verfassen, worin der Handel mit Gras als wertvoller Wirtschaftszweig gewürdigt werden soll. Tom ist zuerst eine typische Bargeschichte, allmählich übernimmt Marlies aber seine Perspektive, und obwohl das Ich eine Außensicht ermöglichen soll, verklumpt in der „Währinger Szene“ alles zu einem brüchigen Wahrnehmungsknäuel rund um das Grätzl.

Die Höhepunkte sind in diesem scheinbar maßlosen und ungezügelten Leben recht dünn gesät, die Freiheit eines Barkeepers ist vielleicht gar nicht so groß wie jene des Freundes Willi, der als Landes-Archivar wenigstens eine Ordnung in den Objekten und im Leben hat.

Als Tom wieder einmal Notstand hat, will er sich einen HIV-Test von der Ärztin holen, da er aber weder Geld noch Versicherung hat, muss er ohne Test auskommen. Die Frau ist gnädig und glaubt ihm, wie man eben einem Träumer glaubt, für den alles easy ist.

Trotz diverser Vorsichtsmaßnahmen fliegt das Drogengeschäft an der Bar auf, es gibt eine Vorladung zum Urintest bei der Polizei, die der Held für einen Augenblick als Bestätigung seines Kirchenaustritts hält.

Tom resümierte sein Leben: Er verdiente 2.500 Euro netto, zahlte 770 Euro Miete und hatte in 25 Erwerbsjahren nur 5.000 Euro zur Seite gelegt. So wie es aussah, musste er weiterarbeiten. Es gab keinen Ausweg aus dem unterbezahlten Dienstleistungsgewerbe. Eine Invaliditätspension war trotz lädierter Schulter keine realistische Option; also musste er sich das Erwerbsleben so angenehm wie möglich gestalten.“ (114)

Im Zustand des blauen Schattens sind selbsterlebte Zahlen genauso fiktional wie Daten aus einer Studie. Der blaue Farbton gilt schon seit Jahrhunderten als Beleuchtung für die Romantiker, welche das Leben nur aushalten, wenn sie in ihrer Blase bleiben.

Kulturphilosophisch tut sich Nacht für Nacht eine einzigartige Welt auf, die für jeden offensteht. Wahrscheinlich ist das das geheime Ziel jedes Provinzlers, dass er in die Großstadt zieht, um sich in der Nacht zu versenken, bis die Räusche ausgetrunken und die Organe aufgebraucht sind.


Christian Moser-Sollmann: Blaue Schatten. Roman.

Wien: Dachbuch Verlag 2019. 265 Seiten. EUR 14,90. ISBN 978-3-903263-00-0.

Christian Moser-Sollmann, geb. 1972 in Thurn, lebt in Wien-Meidling.

Helmuth Schönauer 21/10/19



GEGENWARTSLITERATUR 2866

Startrampen

Startrampen sind Vorrichtungen, um militärische, politische oder sportliche Abenteuer zu inszenieren. Auch in der guten Lyrik sind immer wieder Startrampen installiert, von denen aus das lyrische Ich seine Poesie in den Weltraum oder in die nächste Pfütze schießt.

John Sauter nennt seine Gedichte-Komposition Startrampen. Diese liegen oft als einzelne Gedichte im Gelände verstreut, zwischendurch aber auch zu Batterien oder Kapiteln zusammengefasst. Die sechs Kapitel sind um eine amorphe Stadt gezogen, die in Sinn und Würde entgleist ist. Die General-Überschriften „Mörtelland, Routen, Dazwischen, Mythos, Mörtelstadt, Startrampen“ erzählen von einem Zustand, worin Aufbau und Dekonstruktion, Stillstand und Dynamik, Dekadenz und Aufbruch sich die Wage halten. Das lyrische ich strolcht dabei durch das aufgeschüttete Brachland der Vorstädte und kontrolliert wie ein derangierter General, ob die aufgestellten poetischen Geschütze auch scharf gemacht sind.

Schon das erste Gedicht vom Eigenheim (7) zerlegt das Märchen vom Haus im Grünen in seine betonierten Einzelteile. Alles ist vorgefertigt, seriell und universell, das Häuschen gleicht einem Ausstellungsstück, wie es auf der anderen Straßenseite steht. Alles riecht nach Baumarkt, selbst das Bordell im Wohnwagen hinter der obligaten Kinderrutsche für den Spielplatz. Obwohl sämtliche Elemente von einer prosperierenden Gesellschaft zeugen, ergibt das Ganze einen Ort der Lächerlichkeit, auf den die Sonne milde in den Farben eines Katalogs scheint. Sogar der Wald im Autobahnkreuz ist höchstens ein Zitat, ein Anführungszeichen aus Holz.

Wer glaubt, das Ausbrechen aus einem vermörtelten Gelände könnte einen neuen Blick auf die Welt mit sich bringen, wird in seiner Routenplanung auf architektonische Zeichen zurückgeworfen. Unter Stahlträgern trocknet die Farbe, die einem Suff im Kopf gleicht. Die Reste der Architektur sind zu Lungenflügeln verkommen, an der S-Bahnstrecke kleben leere Wohngebäude, die letzten Nadelbäume wachsen aus der Stadt hinaus.

Das lyrische Ich richtet sich in dieser künstlichen Welt ein, so gut es geht. Es genügt beispielsweise, den Himmel umzudrehen und das Zitat, auf dem man liegt wie in einem Rapsfeld, löst sich in Farbe auf. Selbst die in der Lyrik notwendigen Vögel, die den Inbegriff für Flug und Freiheit bedeuten, sind nur mehr als Krähen vorhanden. Völlig urbanisiert halten sich diese Vögel an ausgesparten Stellen auf und ernähren sich wie Menschen, während sie in ganzen Sätzen sprechen.

Die neue Stadt ist ein Dazwischen, im Kern liegt der Mythos einer Zitadelle antiken Stils, draußen löst sich das Gelände auf, selbst die Birken zerbröseln an ihren Rissen. „Die Stadt wird enden / Ohne Sirenen / Ohne Meteor / Einfach zu Ende / Und du bei mir.“ (89) Mit einem Vokabular aus der Endzeitstimmung hält sich das lyrische Ich über Wasser und versucht, die alten Geschichten von Liebe und Traum am Leben zu halten. Angesichts des Untergangs sind die Floskeln, mit denen früher die Liebe gestanden worden ist, besonders tragfähig für das Unglück.

Endlich sind die Startrampen für eine neue Zeit aufgebaut. Die Ziele sind unbekannt, aber das Gelände, worin diese Zeichen für Veränderung stehen, erweist sich als mörtelfest. Das lyrische Ich wartet hinter einem Bahndamm im Brachland, dass jemand kommt, es ist alles gut, der Reis für das Essen ist gekauft. Eine Anti-Angst-Kette ist vorbereitet. „Ich habe zugehört / Gepickt, abgekupfert / Und sie einfach gebaut / Die Anti-Angst-Kette / Nimm // Wir müssen nie wieder Angst haben.“ (153)

John Sauter entwickelt mit seinen Startrampen-Gedichten eine Poesie, die den Weltuntergang besiegt. Obwohl die Gedichte eine Dystopie ergeben und es nur so wimmelt von toten, brachliegenden Worten, entsteht eine Temperatur, in der sich alles aushalten und überleben lässt. Alexander Kluge würde von 37,2 Grad sprechen, so wie damals, als der Ur-Ozean wohlig die ersten Einzeller umspült hat.


John Sauter: Startrampen. Gedichte.

Wien: Edition fabrik.transit 2019. 153 Seiten. EUR 13,-. ISBN 978-3-903267-09-1.

John Sauter, geb. 1984 in Freiberg / Sachsen, lebt in Wien und Leipzig.

Helmuth Schönauer 16/10/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2208

Fußball ist auch bei Regen schön

Es gibt so Lebensweisheiten, die muss man sich durch ein intensives Leben erarbeiten. Eine solche Weisheit lautet: Die wahre Kunst findet im Prekariat statt! Eine Gruppierung, die diesem Überlebensprogramm huldigt, sind die Beatniks in allen Varianten. Sie können als Musiker, Schriftsteller oder Fußballkünstler auftreten, stets bleiben sie dem Fußballmotto treu, wonach man sich möglichst am Rand entlang spielen muss, um in Tornähe zu gelangen.

Elias Schneitter ist ausgewiesener Fachmann für prekäre Kunstformen. Sein Reader „Austrian Beat“ versammelt eine Auswahl von Autorinnen, deren Leben an der Kante zum Überleben entlangläuft, wodurch das literarische Werk oft außerhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu liegen kommt. Denn auch in der Literatur gilt in Zeiten fossiler Energien die Parole: Ohne Kohle läuft nichts!

Längst ist die Parallele zwischen Literatur und Fußball dokumentiert, einschlägige Kaliber wie Wendelin Schmidt-Dengler, Klaus Zeyringer oder Franzobel haben die beiden Welten mit ihren eigentümlichen Gesetzen und Vokabeln in Aufstellung gebracht.

Elias Schneitter dokumentiert bereits im Titel seiner „Auto-Kick-Biographie“, dass es um den irdisch-bodenständigen Fußball geht, um das Kicken der Kids und späteren Aufsteiger in bürgerlichen Berufen, um den Fußball am Rand des Dorfes auf der Gstettn zwischen dem Aushubmaterial der Häuslbauer, um Fußball im Regen eben.

In einer durchgängigen Ich-Erzählung kommt eine typische Underdog-Karriere zum Vorschein. Zu Beginn hat der Erzähler nicht einmal einen eigenen Ausweis und muss unter fremdem Namen und Ausweis zu den Matches antreten. Bei der Siegesfeier freilich schmaust der Ausweisträger die Würstel, die allenthalben als Prämie ausgelobt sind. Die schöne Welt der Brache wird jäh unterbrochen, als der Held ins Internat muss. Wer eingesperrt ist, verliert oft seine Mannschaft, wiewohl gerade Inhaftierte und Internatszöglinge den besten Fußball der Welt spielen.

Später wird der Erzähler ins Ober- und Unterland verschlagen, wo er als Hilfstrainer, Outwachtler und Reserve-Manager in diversen Vereinen reüssiert. Ewig in Erinnerung bleibt eine furchtbare Niederlage, die der Coach mit dem Rücken zum Feld überstehen muss. Noch Jahre später wird er auf der Straße angesprochen und mit jenem legendären Spiel in Verbindung gebracht, bei dem die betreute Mannschaft schließlich auf das eigene Tor schoss, um irgendwie die Zeit bis zum Abpfiff zu überbrücken.

Dramatisch können freilich auch Spielbesuche ausfallen, die der inzwischen Vater gewordene Chronist mit seinem fußballbegeisterten Sohn absolviert. Einmal bricht ein Spieler zusammen und muss mit dem Helikopter abtransportiert werden, ein andermal verwechselt die Kellnerin der Kantine Schnaps mit Spülmittel, was zu horrender Verätzung führt. Der Sohn wird von diesen Ereignissen tapfer abgeschirmt, aber er kapiert, dass Fußball auch mit Tragödien um Leben und Tod zu tun hat.

Die entscheidende Frage für Beatniks-Kicker ist immer jene nach dem Überleben. Der Autor arbeitet mittlerweile bei der Krankenkasse, die um diese Zeit als Zentrum des Beat gilt. Der Direktor ist gleichzeitig Vereinspräsident eines Landesligavereins und stellt seine Mitarbeiter nach den Bedürfnissen der Spielgemeinschaft an. Bei ihm wird nicht ein Stürmer gekauft, sondern jemand in der Krankenkasse angestellt, der stürmen kann. Nach wilden Spielen dürfen die Regio-Stars ihre Blessuren in der Krankenkasse behandeln lassen.

Als Fußball-Historiker hat Elias Schneitter Zugang zu einem gigantischen Fundus an Anekdoten und Kleinschicksalen. Oft genügt es, das Foto einer historischen Mannschaft aufzublenden, und schon springen zu jedem Namen die entsprechenden Erinnerungen an. Mittlerweile ist Elias Schneitter so etwas wie „Lebens-Fan“ beim Wiener Sportclub, dessen Historie mindestens so heftig ist wie jene des FC Wacker in Tirol. Beide Vereine sind längst über dem Zenit der Vereinsgeschichte und somit ideale Leitvereine für das Kicken ohne Sonnenschein.

Im Fußball der sogenannten Niederungen spielen auch Vorbilder und Genies eine große Rolle. Wegen eines genialen Passes in die Weite des Spielfelds wird der Autor plötzlich Löhr genannt, weil dieser in der Deutschen Bundesliga ebenfalls einen solchen Pass geschlagen hatte. Wenn jemand außerhalb des Platzes ein exzessives Leben führt, wird er mit Georgie Best verglichen, den man oft fälschlich für einen Schotten hält, weil man sich als Nordtiroler nichts unter einem Nordiren vorstellen kann. Wenn jemand zum Genie erkoren wird, ist es selbst im Fußball egal, welche Nationalität er hat. (35)

Diese wundersame Geschichte vom Fußball jenseits der Kohle lässt sich am besten mit einem Schweizer Witz abrunden. Beim Literaturfestival in Hall in Tirol erklärt der Schriftsteller Peter Bichsel zu später Stunde, warum der Schweizer Fußball nichts mehr zusammenbringt. „1924 gab es beim Schweizer Fußballverband eine Statutenänderung: Damals wurde das Rauchen auf dem Spielfeld während eines Matches verboten.“


Elias Schneitter: Fußball ist auch bei Regen schön.

Zirl: BAES 2019. 84 Seiten. EUR 17,90. ISBN 978-3-9504833-2-1.

Elias Schneitter, geb. 1953 in Zirl, lebt in Zirl und Wien.

Helmuth Schönauer 10/10/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2213

Rikolas letzter Auftritt

Eine Zeitlang glaubte man schon, der historische Roman habe sich überlebt, weil man ja alles in Wikipedia nachschlagen kann. Aber mittlerweile werden die Vorzüge dieses Genres wieder geschätzt als da sind: Emotion, politisches Update und Begründung eines Themas.

Bernd Schuchter kümmert sich in seinen Romanen aus dem Literaturbetrieb um entlegene oder vergessene Szenen, dabei scheint alles unter dem Motto des aktuellen Nachsatzes zu stehen: „Allen Verbündeten der Literatur gewidmet, besonders A.“

Rikolas Auftritt handelt von dem österreichischen Kapitalisten, Firmenimperianer, Unterhaltungsschriftsteller und Spekulanten Richard Kola, der im geschrumpften Österreich nach 1918 aus dem gleichnamigen Konzern heraus den Rikola-Verlag gründete und führte. Im Verlag sind nach dem Ersten Weltkrieg alle sogenannten schriftstellerischen Größen Österreichs vertreten, wobei das schon das erste Thema ist: Wie kann in einem kleinen Land ökonomisch gesehen große Literatur entstehen? Das zweite Thema ist die Literatur als Spekulation und Geldanlage. Das dritte Thema schließlich die Moral.

Alle drei Felder (Größe, Geld, Moral) bestimmen bis heute den österreichischen Literaturmarkt, wobei wahrscheinlich alles auf wackeligen Beinen steht. „Kola dachte an das Wort „fiktional“, das er noch nie recht verstanden hatte. Die Literatur kommt ja doch aus dem Leben, nicht wahr, sie muss selbst erlebt sein, um Literatur zu sein.“ (142)

Eine Faustregel zieht sich durch den Literaturbetrieb, seit er durchkapitalisiert ist: Literatur ist das, was gelungen vermarktet wird. Alles andere ist Romantik. Richard Kola ist von seinen Erfolgen in der ausgehenden Monarchie selbst überrascht. Als er das Firmenimperium aufgebaut hat, versucht er die Mechanismen der Industrie und des Anlagewesens auf die Literatur zu übertragen. Er will einen Großverlag installieren, der Deutschland als Markt zum Inhalt hat. Mit einem herrschaftlichen Honorar schmeichelt er dem Geld-anfälligen Thomas Mann, der ihm daraufhin das Felix-Krull-Manuskript zur Publikation überlässt. Der Ausdruck Hochstapler kriegt dabei eine zusätzliche Bedeutung.

Der nächste große Schachzug soll ein Manuskript eines gewissen Hitler sein, der anscheinend einen großen Umsatz erwarten lässt. Als Werbekampagne wird daher eine große Redoute veranstaltet, auf der Literatur wie Geschäfte und Geschäfte wie Literatur verhandelt werden sollen. Aber dann überstürzen sich die Ereignisse. Der anwesende Bundeskanzler Ignaz Seipel gibt zu verstehen, dass man den Druck von Schriften des staatenlosen Hitler in Österreich nicht zulassen werde. Und gleichzeitig implodieren an der Pariser Börse die Spekulationsveranlagungen, und der Rikola Verlag muss noch am nächsten Tag liquidiert werden.

Bernd Schuchter ist selbst Verleger und erzählt den historischen Fakt mit dem Herzblut eines Unternehmers, der quasi jeden Tag um Einlass in die Literaturszene betteln muss. Das Verhältnis Geld und Literatur ist in diesem Falle eine Geschichte des Prekariats. In romantischer Weise lässt sich daraus eine Selbstverwirklichung basteln. Die wahre Literatur nämlich ist klein, menschlich, hat Moral und kämpft jeden Tag ums Überleben. (Die Rente des Beatniks ist der Tod, heißt es in einem einschlägigen Aufsatz.)

In einem Roman, der einen Unterhaltungskünstler zum Helden hat, müssen natürlich die entsprechenden Klischees bedient werden. Der Autor macht das elegant, indem er sich fast mit Ekel der Beschreibung des kapitalistischen Verlegers entledigt. Allein die Szene, in der der Geldmacher die Zigarre absetzt, dem Fräulein Grünschnabl während des Diktats den Schwanz von hinten ins Genital steckt und dann wieder die Zigarre und die Geschäfte aufnimmt, ist trumpisch genau. Geld ist in jeder Zeile das Gegenteil von Literatur, weshalb die sogenannte Gegenwartsliteratur die Gesellschaft indirekt genau beschreibt.

Bernd Schuchter gelingt nicht nur ein Verlegerporträt, das man sich als Abschreckungs-Lesezeichen in jede aktuelle Lektüre klemmen kann, er entwickelt auch das Genre „historischer Roman“ zu einem Instrumentarium, mit dem sich Moral verwalten lässt. Und auch der Verlag spielt mit und gestaltet den Umschlag als Jugendstil-Anspielung, wobei der Titel als pure Dekoration gestaltet ist.

Am Schluss des Romans fragt sich der Welt-Autor Stefan Zweig, „ob er für heute ein Erlebnis haben wolle“. (154) Er würde es dann ins Tagebuch eintragen. Aber dann beschließt er, keine Zeitungen mehr zu lesen, weil das Wichtige nur in Romanen steht. Wir Leser wissen aber, dass dieser Zweig noch ein Erlebnis der existentiellen Art haben wird.


Bernd Schuchter: Rikolas letzter Auftritt. Roman.

Wien: Braumüller 2019. 154 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-99200-248-1.

Bernd Schuchter, geb. 1977 in Innsbruck, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 26/10/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2211

Orbis Terrarum

Selbstbewusste Dichter nennen ihr Opus Magnum oft mit dem Gestus eines Papstes „Orbis Terrarum“, was soviel wie die ganze Welt bedeutet. Das ist ja die geheime Aufgabe jedes Schriftstellers, dass er seine ganze Welt aufschreibt und dem Publikum zur Verfügung stellt.

Bei Peter Steiner kommt freilich eine Welt-Spezialität hinzu, er ist im Laufe seines Lebens wirklich überall auf der Welt gewesen, als Geologe hat er dabei das Wesen der Welt erkundet, ihre Morphologie und ihre Substanz. Die Welterkundung endet auch für den erfahrensten Weltenbummler bei sich selbst, in einer gigantischen Biographie durchschreitet jeder Held eine Laufbahn von den ersten Kindheitseindrücken an bis hin zum Sterbebett.

So heißt der erste Band des Giga-Werkes recht schlicht und auf die politisch stillen Jahre der „österreichischen Besatzungszeit“ reduziert: Das Kriegskind. Der Held Karl muss glauben, was man ihm von seiner Geburt erzählt, denn er hat keine eigene Erinnerung daran. Er soll im Feuerschein von Naziumzügen auf die Welt gekommen sein. Wie alle Kinder nimmt er die Ereignisse, während sie geschehen, als die einzig richtige Welt wahr. Erst hintennach lassen sich aus singulären Szenen diverse Verläufe und Geschichten rekonstruieren.

Da spielt das Nazireich bis in die kleine Welt von Bad Kleinheim hinein, irgendwo liegt das Wort Anschluss herum, der Vater ist im Krieg und der Großvater zeigt dem Jungen Karl Munitionsreste, die Flugzeuge auf dem Dach des Waldgasthofes verloren haben. Ein Bild sticht aus diesem Kindheitsbild heraus. Der Vater kontrolliert während eines Heimurlaubs eine Waffe und fährt dann wieder nach Warschau, wo er im Ghetto eingesetzt ist. Das Kind kann nicht genau sagen, was es mit dieser Waffe auf sich hat, aber es ahnt, dass hier etwas Mörderisches zugange geht. Auch später wird sich diese Szene nicht mehr aufklären lassen, weil der Vater beharrlich schweigt oder die Wörter austauscht.

Den Austausch der Wörter erlebt Karl auch, als er nach dem Krieg nach Tirol in ein Gebirgsdorf verschickt wird, wo er als Flüchtling nicht viel zu melden hat, denn die haben alle ganz andere Wörter, mit denen sie sich in den Bergen verständigen. Als er wegen seines Namens Karl ausgelacht wird, nennt er sich Veit Troyer nach dem nächstbesten Gebirgsbach, den er vom Hörensagen kennt. Jetzt ist er einheimisch, hat die Identität gewechselt und die Nazispuren sind verwischt. Da alle etwas zu Vertuschen haben, fällt der Identitätswechsel nicht weiter auf.

Die Weltlage wird von den Verwandten ausgiebig diskutiert und in ein Weltbild gebracht. In der Gegend ist es üblich, vom Märtyrer Dollfuß zu sprechen. Man darf nicht alles sagen, aber wenn man vage bleibt, passiert einem nichts. Auch der Mythos vom Andreas Hofer bricht jedes Mal auf, wenn der sogenannte Rote Schnee fällt. Andere meinen freilich, man solle besser an die frisch Gefallenen denken als an den alten Hofer.

Aus dem Gefühl einer generellen Ohnmacht heraus wird Veit in ein Internat gesteckt, er kommt aber darin nicht zurecht. Er wird Buchdrucker lernen und vielleicht geographische Karten konzipieren. Zur Vorsicht fängt er mit den ersten Reisen an, mit dem Schiff geht es in die Levante, im Jahr darauf kommt der Held schon ans Nordkap. Nicht alles, was man draußen sieht, kann man im Österreich drinnen brauchen. Veit muss vor allem Zielscheiben drucken, die sind jetzt gefragt, wo man wieder frei schießen kann. Denn die Alliierten ziehen ab und Österreich ist frei.

Das Kriegskind ist ein abgeklärter Erzählversuch, das allmähliche Einsickern der Wahrheit in das geschockte Nachkriegsösterreich zu beschreiben. Die Verdrängungsformeln brechen auf, während man die Geschichte erzählt, und darunter kommt ein arges Leben voller Untat und Schuld zum Vorschein. „Die Vergangenheit ist erst Vergangenheit, wenn alle tot sind.“ (200) Gegen dieses Totstellen kämpft der Roman an.


Peter Steiner: Orbis Terrarum. Roman. Band 1. Das Kriegskind.

Innsbruck: Edition Laurin 2019. 332 Seiten. EUR 23,90. ISBN 978-3-902866-80-6.

Peter Steiner, geb. 1937 in Baden, lebt in Baden.

Helmuth Schönauer 18/10/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2864

Leon Saint Clairs zeitlose Unruhe

Das Lesen von Romanen hat unter anderem den Sinn, dass man etwas zu erzählen hat, wenn man auf der Couch eines Psychiaters zu liegen kommt. Die Alternative wäre nämlich, dass man sofort einschläft.

Gabriele Weingartner greift auf diesen standhaften Psychiater-Witz zurück, wenn sie eine logisch-absurde Rahmenhandlung aufbaut, worin sie einen unruhigen Helden durch diverse Zeiten der Literatur schickt. Der Ich-Erzähler Leon kommt tatsächlich auf der berüchtigten Couch zu liegen und schläft einmal pro Kapitel ein. In diesen acht „Erinnerungsimplosionen“ wandert er aus der Therapiesitzung mit Doktor Zucker hinaus ins sogenannte Leben und beginnt zu träumen oder in Tagträumen aufzuschrecken. Was immer auch geschieht, es ist Wunsch, Vorstellung, Traum und Zitat in einem.

Der empfindsame Held hat sich den Namen vielleicht auch nur ausgedacht, als er bei seinen Streifzügen in die Vergangenheit auf ein wertvolles Blatt von Leon Saint Clair stößt und es sich einpacken lässt. Andererseits gilt in der Pulp Fiction Leon Saint Claire als der erste Cyborg, der um 1911 in Frankreich erfunden worden ist. Der Wechsel der Identitäten, das Erahnen fremder Schicksale und das schmachtende Aufgehen darin sind Wesenszüge des Erzählers. Man darf nicht trivial sagen, ich fühlte mich zu ihr hingezogen, die Schmacht-Floskel heißt: Ich verzehrte mich nach ihr! (283)

Im Grundgerüst des Romans lebt der Ich-Erzähler für eine Weile in Berlin bei seiner Freundin Konstanze. Das Verhältnis funktioniert aber nur, weil sie ständig auf Auslandsreise ist. Sie hat ihm aber ein Dauer-Abo beim Psychiater vermittelt, damit er etwas Ruhe findet und in den Kontext irgendeiner Gegenwart kommt. Der Held ist nämlich Romantiker und daher weder an Ort noch an Zeit gebunden. Seine Uhr hat demnach auch keine Zeiger, umso brutaler wirken hingegen die Maßeinheiten während der Therapiestunde, wenn die Sekunden mit heftigen Schlägen aus der Erzähl-Materie gehämmert werden.

Der erstrebenswerte Beruf eines Romantikers ist der Taugenichts. Dieser lebt von seinen Träumen und braucht meist eine Freundin, die ihn aushält. Leon hat einst seine Lehre vorsichtshalber abgebrochen, als es zu konkret in einen Beruf gehen sollte. In der Folge ist er in frühere Jahrhunderte und fremde Länder gereist. Alle Episoden von Napoleon herauf bis zum Bangkok der Gegenwart sind gleich wahrscheinlich und gleichwertig. „Die Wahrheit ist immer konkret!“ (245)

Vom Doktor wissen wir nicht viel, außer dass seine Zeiger die Zeit formen. Und wahrscheinlich schüttelt er auch manchmal den Kopf, den Leon braust auf: „Glauben Sie es oder glauben Sie es nicht.“ (105) Der Held hat offensichtlich viele Geschichten gelesen, die er sich einverleibt hat. In Wien kommt er mit dem näselnden Ungefähren des Österreichischen in Berührung, das ihm als Romantiker ziemlich taugt, denn es gibt keine allzu große Ordnungswut. In der Pfalz gefällt ihm das lockere Wesen der Zunge, wenn diese mit Wein in Berührung kommt. In Berlin trifft er ehemalige Hugenotten, zu denen man nach zweihundert Jahren noch Refugees sagt. Eine ganze Sitzung widmet sich der Romantik. (197)

Irgendwann dann kommt Konstanze vom Ausland zurück, Leon wird weiterziehen, er weiß nur noch nicht, wie er sich am Flughafen verabschieden soll, denn der ganze Flughafen ist ein Abschied. Er wird sich vielleicht wieder einen Beruf überstreifen als „spätberufener Auszubildender“. (326)

Gabriele Weingarnter nimmt den Leser mit zur Therapie und lässt einen Topf voller Leichtigkeit über ihn ausschütten. Kunst, Literatur, Geschichte, alles hängt miteinander zusammen und kann ständig neu verknüpft werden. Allmählich setzt sich die Unruhe, denn die Zeit steht beim Lesen still. Bestens therapiert durch den Roman lässt sich das Leben anschließend wieder mit der Leichtigkeit eines Taugenichts fortsetzen.


Gabriele Weingartner: Leon Saint Clairs zeitlose Unruhe. Roman.

Innsbruck: Limbus 2019. 355 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-99039-155-6.

Gabriele Weingartner, geb. 1948 in Edenkoben, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 05/10/19



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2214

Seiltänzer und Zaungäste

Als aufregendste Geschichte für Journalismus und Poesie gilt nach wie vor jene Episode, wonach in China ein Sack Reis umfällt, sodass in Europa ein Erdbeben entsteht, weil alle davon berichten.

Jörg Zemmler erzählt in seinen „Seiltänzern und Zaungästen“ über hundert Mal von solchen Reis-Unfällen, in seinen Geschichten freilich fällt jemand unauffällig um, im Kühlschrank geht das Licht aus, oder während der Wanderung zerbröselt neben dem Weg ein Stein. Diese 114 Begegnungen tragen jeweils den Namen einer Heldin oder eines Helden, aus dem Inventar für günstige Vornamen sind von Julian bis Saskia Namen herausgenommen, die mit einer Episode unterlegt sind. In der Psychologie könnte man von Syndromen und Traumata sprechen, die aufgelistet werden, also das Klaus-Syndrom, das Annemarie- , Werner- oder Irene-Trauma. Im Leser lösen diese Geschichten Reflexe aus wie Krankheiten beim Psychologen. Einzig das Kapitel „Mut“ macht eine Ausnahme, der Mut nämlich, ob mit oder ohne „TH“ geschrieben, ist ein bloßer Name, der für sich noch nichts erzählt. (60)

Seiltänzer und Zaungäste beschreiben zwei Außenseiterpositionen einer Gesellschaft, der Seiltänzer exponiert sich auf Leben und Tod, während er seinen Akt vollführt, der Zaungast hingegen versteckt sich während seiner Beobachtung und erfährt in der modernen Netzwelt in der Form des Gaffers einen neuen Höhepunkt.

Was kann nun alles ein Reissack sein, der umfällt? Im Grunde genommen alles, hauptsächlich aber sind es Irritationen bei Beziehungen, Krankheiten, öffentliche Hoppalas oder pure Wetterumschwünge, die zu einer literarischen Begegnung ausarten können.

Wie immer bei Text-Ansammlungen kommt der ersten Geschichte eine maßgebliche Bedeutung zu, sie stößt nämlich den Leser unvorbereitet in den Erzählmodus. Im ersten Spot sitzt folglich Julian am Dach und beobachtet die Welt wie aus einem Kinderbuch heraus. Noch während er die einzelnen Pigmente des Panoramas in sich aufsaugt, setzt ein gewaltiger Regen ein und droht ihn in vom spontan glitschigen Dach zu werfen. Es dauert eine Schrecksekunde, bis der Held die neue Witterung registriert hat und zu reagieren vermag, indem er den Dachstandpunkt verlässt.

Nach diesem Muster ist ein Großteil der Geschichten zusammengefügt, Held und Leser sind im gleichen Augenblick überrascht, was ihnen als Plot zugemutet wird. Ilse etwa hat Höhenangst, die sie seltsamerweise überkommt, wenn sie die Wohnungstür ohne Klinke von außen schließt. Otto fällt einfach um und begibt sich in den Krankenstand, um vielleicht eine Ursache für den Umfaller zu finden.

Manche Geschichten haben sich während der Kindheit in eine Zeitkapsel geflüchtet und tauchen erst Jahrzehnte später im Innern der Helden auf und ergeben erst recht keinen Sinn. Das Kind Niki wollte einst einen Erwachsenen fragen, wie man sicher sein kann, dass im geschlossenen Kühlschrank das Licht aus ist, aber es gibt schon seit Jahrzehnten keine Situation, in der man diese Frage stellen könnte. Dabei durchzuckt es Niki jedes Mal, wenn sie den Kühlschrank schließt.

Helmut wird von einem anderen Vogel geplagt. Ihm ist einmal eine ganze Wandersaison versaut worden, weil die Schuhe beim Gehen gequietscht haben. Jetzt hat er immer Angst vor dem Frühjahr, dass das Quietschen wieder einsetzt, aber die neuen Schuhe helfen manchmal.

Walter hingegen ist kein Freund des Wanderns, dennoch findet er sich regelmäßig auf Wanderwegen wieder und stößt am Rand liegende Steine um in der Hoffnung, dass sie dabei zerbrechen. Zerbröselnde Steine nämlich erklären die Entstehung der Welt und ihren Zusammenfall.

Die geheime Relevanz all dieser Geschichten zeigt sich, wenn sie unerwartet mit der Welt des politischen Lebens zusammentreffen. Eine Frau begegnet im Flugzeug einem Passagier, der abgeschoben werden soll. Sie verfällt daraufhin mit ihm in eine so heftige Diskussion, dass beide aus dem Flieger entfernt werden. Für ihn ist das gut, denn er kann vorläufig im Land bleiben, für sie nicht, denn sie verpasst das Urlaubsziel. Aber das ist eben das Ergebnis, wenn sich Zaungäste plötzlich einmischen und zu Seiltänzern werden.

Der Schluss ist aufregend beruhigend, wie die Kunst des Jörg Zemmler: Erich sitzt auf der Hausbank und seine Geschichte verglüht als Sonnenuntergang.


Jörg Zemmler: Seiltänzer und Zaungäste. 114 Begegnungen.

Wien: Klever 2019. 218 Seiten. EUR 22,-. ISBN 978-3-903110-53-3.

Jörg Zemmer, alias Jörg Zemmler, geb.1975 in Bozen, lebt in Seis am Schlern und in Wien.

Helmuth Schönauer 01/11/19