Buch in Pension – Rezensionen 1/2019


Dennis Cooper: Mein loser Faden. Roman.

Dietmar Füssel: Deppentango. Merkwürdige Geschichten über Versager.

Siegfried Hetz (Hg.): Wo Dollfuß baden ging.

IG-Autoren-Tirol (Hg): Über die Jahre.

Felix Philipp Ingold: Die Blindgängerin. Erzählung.

Jörg Piringer: datenpoesie. Abbildungen.

Peter Reutterer: Um das Leben gespielt.

Alfred Paul Schmidt: Die Logik der Schatten. Aphorismen und Anekdoten.

Elke Steiner: Über das Licht gedreht. Roman.

Matthias Vieider / Arno Dejaco (Hg.): Lyrischer Wille.



GEGENWARTSLITERATUR 2789

Mein loser Faden

Die größte denkbare Kluft tut sich nicht zwischen diversen Kulturen auf, sondern zwischen der Welt der Jugendlichen und Erwachsenen. Das hat neben pädagogischen Konsequenzen auch zur Folge, dass es kaum Brücken in der Literatur gibt, diesen Gap zu überwinden. Denn die Autoren schreiben selten das, was Jugendliche betrifft, und die Jugendlichen haben keinen Bock auf die Entschleunigungsliteratur der Erwachsenen.

Dennis Cooper greift ein Thema auf, das sich nur vage von außen beschreiben lässt. Und es liegt die Vermutung nahe, dass auch die jugendlichen Heroen selbst nicht wissen, was in ihrem Innern los ist. „Mein loser Faden“ deutet auf die Konsistenz eines Helden hin, der nur vage einen Faden hat, an dem er sich entlang denkt. Und auch die Bedeutung „loser“ als Verlierer liegt auf der Hand.

Erzählt wird in schnellen Schnitten von den Ritualen einer Gang, die zwischen Schule und Rechtsextremismus ihr Unwesen treibt. Allmählich kristallisiert sich ein Ich-Erzähler heraus, der jeglichen Sinn für Realität verloren hat und zwischen Vorstellung, Ahnung und Fakt nicht mehr unterscheiden kann, seit er bei einer Schlägerei einen Freund umgebracht hat. Andere sagen, dieser sei an der eigenen Schwulness verstorben, andere reden von Suizid. Eine zentrale Figur ist das Mädchen Jude, das diffuse sexuelle Verhältnisse pflegt und so die herumschwirrenden Hormon-Drohnen auf Äquidistanz hält.

Der Gral der ganzen Gruppe ist ein Notizbuch, das einer geschrieben hat, weshalb er dafür umgebracht werden soll. In diesem altertümlichen Notizbuch stehen nicht nur krude Ideologien oder groteske Tagesabläufe, das Buch ist deshalb so gefährlich, weil alles über die anderen drin steht. In der Pubertät sind die wichtigsten Daten immer jene, die über das Selbstwertgefühl, die Erscheinung und die Wirkung bei Mädchen Auskunft geben. In diesem Buch lesen der Reihe nach die Freunde und ziehen seltsame Schlüsse daraus, nämlich dass es keine Übereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung gibt.

Erzähltechnisch taucht immer wieder die Fügung auf: „Das kostete mich eine Sekunde.“ (120) Diese Fügung erklärt ähnlich wie bei einem Download, dass der Kopf gerade etwas verarbeiten will, was jemand in der Umgebung gesagt hat. Aus dieser Sekunde resultieren noch keine Handlungen, es genügt, dass die Sätze gesagt worden sind. Und Sätze gibt es jede Menge, die das Zeug zu einer Ideologie oder zumindest zu einer Inschrift haben. „Vielleicht werde ich, wenn ich tot bin, einen Sinn ergeben.“ (120)

Im letzten Absatz schreitet der Bandenführer als Einzelgänger zur Tat. „Gilman schießt vor sich her.“ (147) Es folgt ein Auftritt, wie wir ihn aus den Schulmassakern immer wieder übermittelt bekommen. In einem Zwischenreich aus Wahn und Krieg, Kampf und Meditation, Chaos und Plan sticht der Privat-Gunner durch die Masse seiner Schulkollegen. Mit logischen Mitteln ist diesem Abschnitt nicht beizukommen, er erzählt etwas nicht mehr von dieser Welt.

Dennis Cooper hat natürlich keine Gewissheit, ob die Kids in Wirklichkeit ähnlich ticken wie seine Helden. Aber zumindest geht dadurch ein Fenster auf, durch das man sich Sätze zuschreien kann. Denn eine geordnete Kommunikation scheint nicht möglich zu sein, dazu fehlt es allen Beteiligten am Wirklichkeitssinn, denn sie sagen alle die Wahrheit und die Wirklichkeit ist eine Lüge.


Dennis Cooper: Mein loser Faden. Roman. A. d. Amerikan. von Raimund Varga. [Orig.: My Loose Thread, Edinburgh 2002.]

Wien: Luftschacht 2018. 147 Seiten. EUR 18,50. ISBN 978-3-903081-32-9.

Dennis Cooper, geb.1953 in Kalfornien, lebt in Paris und Los Angeles.

Raimund Varga, geb. 1970 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 16/11/18



GEGENWARTSLITERATUR 2793

Deppentango

Der Unterschied zwischen Lehrern und Schriftstellern liegt in ihrer Art, mit Fehlern umzugehen. Während Pädagogen einen Fehler bei ihren Schützlingen schon meilenweit gegen den Wind riechen, um denselben dann sofort mit Prüfung und Strafarbeit ausmerzen zu können, riecht der Schriftsteller den Fehler eines Menschen gegen den asozialen Wind, um ihn begrüßen und ihm gratulieren zu können. Erst der Defekt nämlich macht den Menschen perfekt.

Dietmar Füssel geht seit Jahrzehnten auf diese Dellen in der Psyche der Menschen los, im Volksmund werden sie auch Macken genannt. Das Groteske wird dabei zwischendurch rustikal und bedarf der Umrahmung durch literarische Fiktion, damit es nicht als Kalauer am braunen Stammtisch endet. Manchmal sind die Defekte der Protagonisten so konstruiert, dass sie eigentlich nur der Couch eines schriftstellernden Psychologen oder Psychopathen entstammen können, was bei Dieter Füssel oft auf das Gleiche hinausläuft. Seine Geschichten sind nämlich brutal logisch und unterlaufen dadurch alles Österreichische, mit dem diese geometrischen Seelenkonstrukte gerne ins Unterbewusstsein gekehrt werden.

Der Titel Deppentango weist schon darauf hin, dass hier auserwählte Versager und Abweichler jeglicher Korrektheit für einen kurzen Sketch ans Ruder kommen.

Es beginnt mit einem Fehlversuch, Hitler auszuschalten. Der britische Geheimdienst will mit der „Operation Adele“ durch eine Mega-Dosis an weiblichen Hormonen den Diktator in eine Frau umwandeln. Die Sache misslingt, weil Hitler Vegetarier und Salatmuffel ist und die Hormon-verseuchten Speisen ausschlägt. An seiner Stelle mutiert der hübsche Ernst Braun zu einer Eva. Als Churchill vom Fehlversuch erfährt, ändert er auch gleich den Sager für die Geschichtsbücher: „Wir haben das falsche Schwein umgewandelt!“ (3)

Mit Gemüse kriegt es auch ein pseudogeiler Aufreißer zu tun. Auf der Suche nach einem Kondom für einen Spontanverkehr fällt ihm ein Radieschen auf den Kopf und setzt ihn kurz außer Genitalgefecht. Bei genauerer Untersuchung des Radieschens stellt sich heraus, dass es sich dabei um ein außerirdisches Raumschiff auf biologischer Basis handelt.

Ein echter Versager ist auch der Held der „Fehlversuche“. Er bittet ein paar Mal um einen Geschlechtsverkehr, aber scheitert immer an der Frau, die einfach zu viel Frau für seine Psyche ist. Als es beim dritten Mal noch immer nicht klappt, beendet die Frau die Angelegenheit mit einem sportlichen Vergleich. Wem beim Hochspringen drei Mal die Latte reißt, der muss ausscheiden.

Ein ungeliebtes Kind entwickelt teils genetisch, teils psychisch bedingt starke Würstelfinger und ist in der Folge für das Leben gekennzeichnet. Es gibt nämlich kaum einen Beruf, den man mit Würstelfinger ausüben könnte.

Oft scheitern die Helden einfach an den aktuellen politischen Gegebenheiten. So strandet ein Reisender auf dem Weg nach Dublin, er klettert als Schiffbrüchiger die Küstenbrüstung hoch und wird von einer Frau gleich zusammengeschissen, weil er seine Anfrage nicht gendert. Dabei will er eigentlich nur wissen, wo er gestrandet ist. Aber die Dublin-Insel ist mittlerweile äußerst emanzipiert.

Die Geschichten sind nurr auf den ersten Blick etwas unglaubwürdig, weil sie so klar sind. Genaugenommen aber halten sie sich an die Schicksale des Alltags und den hämischen Duktus, der in den jeweiligen Chronik-Teilen übertreibender Zeitungen gepflegt wird.


Dietmar Füssel: Deppentango. Merkwürdige Geschichten über Versager, Unglücksraben und Idioten.

Gosau: Arovell 2018. 121 Seiten. EUR 14,90. ISBN 978-3-903189-23-2.

Dietmar Füssel, geb. 1958 in Wels, lebt als Bibliothekar und Schriftsteller in Ried/OÖ.

Helmuth Schönauer 20/11/18



GEGENWARTSLITERATUR 2791

Wo Dollfuß baden ging

Geschichte wird oft mit einem Schachspiel verglichen, bei dem die Regeln erst hintennach erkennbar sind. Das menschliche Spiel wird dabei aufgezeichnet als Helden-, Ideen- oder Ortsgeschichte. Je nachdem, aus welchem Beobachtungswinkel man die Geschichte betrachtet, entstehen mehr oder weniger nützliche Andekdoten für den wirtschaftlichen Gebrauch.

Als Überraschungsgeschichte gilt jeweils das Zusammentreffen von Orten mit Helden. Dabei ist nicht klar, ob die Person nun den Ort adelt oder der Ort den Helden. Wenn du als Ort Pech hast, kriegst du statt eines gefeierten Stars ein Arschloch in die Annalen gesetzt. Von der Inntaler Gemeinde Braunau her kennen wir das ewige Jammern, der Ort wäre so schön, wenn er nicht diesen braunen Flecken hätte.

Nun rennt jeder Ort den Genies nach und liegt ihnen zu Füßen. Manchmal ist dieses devote Verhalten freilich kontraproduktiv, wenn die gefeierte Person später in gesellschaftliche Ungnade fällt.

Der idyllische Ort Mattsee spielt in der Zwischenkriegszeit eine historische Rolle, weil darin allerhand öffentliche Personen die Sommerfrische aufschlagen. An der Nahtstelle zwischen touristisch devotem Verhalten und urban-progressivem Experiment treffen hier oft gesellschaftliche Strömungen zusammen, die meist den anstehenden Zeitgeist vorwegnehmen. So ist Arnold Schönberg kurz nach dem Ersten Weltkrieg gern gesehener Gast in Mattsee, obwohl man mit seiner Musik nicht viel anfangen kann. Als dann der Antisemitismus im Land Fuß fasst, wird Schönberg unverblümt aufgefordert, den Ort mit dem wärmsten Seebad der Alpen zu meiden und ihn nicht weiterhin mit seiner Anwesenheit zu verschandeln.

Die vaterländischen Marschierer haben inzwischen den Ort als sommerfrischelndes Refugium entdeckt und politisch salonfähig gemacht. So kommt auch Dollfuß, dem ein Besuch beim italienischen Duce bevorsteht, spontan nach Mattsee, um in einem Crash-Kurs das Schwimmen zu lernen. Er will nicht noch einmal in voller Uniform neben dem aufgeblasenen Duce stehen, der ins Wasser springt und Dollfuß auslacht, weil dieser nicht aus der Uniform herausfindet.

Auch das Ehepaar Seyß-Inquart plantscht ab den Zwanziger Jahren verlässlich am Mattsee, ehe „der Seyß“ dann frisch ausgeruht und relaxed als Reichsstatthalter reüssiert.

Nach dem Krieg macht der Ort noch einmal Furore, als der ungarische Faschistenführer Ferenc Szalasi samt Stephanskrone durch Europa flüchtet und in Mattsee absteigt.

Nicht als konkreter Ort aber als verfilzende Kulisse taucht die Gegend in George Saikos Roman „Der Mann im Schilf“ auf, worin sich die Protagonisten vor der Zeitgeschichte im Schilf des nahen Sees verstecken.

Die Literatur der Gegenwart geht mittlerweile eine starke Symbiose mit dem Tourismus ein, gefördert wird alles, was eine Nächtigung bringt. Ähnliches geschieht in der Geschichtsschreibung, wo durch den Abstieg von Persönlichkeiten in einer Lokalität die Touristen animiert werden, es ähnlich zu machen. Vielleicht findet sich noch das Bett, worin so ein historischer Körper geschlafen hat.

Neben dem touristischen Aspekt dient das Bade-Buch über Dollfuß wohl auch der einheimischen Bevölkerung, dass sie durch Erinnern jene Gegend adelt, die sie dem Tourismus hemmungslos aussetzt.


Siegfried Hetz (Hg.): Wo Dollfuß baden ging. Mattsee erinnert sich: Schönberg. Seyß-Inquart. Stephanskrone. Fotos. Mit Beiträgen von Roland Peter Kerschbaum, Therese Muxeneder und Berta Altendorfer.

Salzburg: Verlag Anton Pustet 2018. 181 Seiten. EUR 24,-. ISBN 3-7025-0890-6.

Siegfried Hetz, geb. 1954 in Piesendorf, ist Kulturpublizist.

Helmuth Schönauer 13/11/18



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2176

Über die Jahre

Spätestens seit den Banken-Crashs vor zehn Jahren ist allen klar geworden, wie zerbrechlich die alles umfassende Globalisierung ist. Längst gilt der Index an der Frankfurter Börse als alarmierender als die Literatur an der Frankfurter Buchmesse. Was so allgemein in den Medien als Literatur abgehandelt wird, sind Börsenberichte über die Verkaufschancen diverser Geschichten rund um erlesene Autoren. Wenn sogar die chinesische KP zu einer Einrichtung des Kapitals geworden ist, warum soll es dann nicht die gesamte Literatur sein? Literatur wird mittlerweile als Strömungslehre für diverse Stoffe gehandelt, das Branding ist alles. Nicht die Autoren zählen, sondern die Preise, die man ihnen umhängen kann, ehe man sie auf die literarische Waage stellt.

Die Antworten auf diese durchgestylte und kapital-harmonisierte Schreibindustrie sind die Literatur der Peripherie, die Texte der Beatniks, die regionalen Geschichten, die analoge Abarbeitung des Transfers. Zu einem Bundesland gehört eine Fahne, eine Leibspeise und eine aufwühlende Geschichte, heißt es in einer frühen Definition über österreichische Regionalliteratur.

Unter diesem Regionalaspekt sind vor dreißig Jahren die IG Autoren Tirol entstanden und sind seither tapfer durch die Wellen genereller Veränderungen, Digitalisierungen und Globalisierungen durchgetaucht. Kürzlich ist ihnen sogar eine Verjüngung gelungen, der Vorstand setzt sich aus Angehörigen von Dreißigjährigen zusammen. Poetisch ausgedrückt: Die Geburtstagskinder der IG Tirol sind jetzt die Fädenzieher, zumindest in der IG.

Quasi als Geburtstagsalbum haben sich 47 Tiroler AutorInnen zusammengefunden, um unter dem Aspekt des puren Zeitverlaufs Geschichten und Gedichte über die Jahre zu verfassen. Die daraus entstandene Anthologie ist aufregend geworden, weil allein schon die jeweilige Themenwahl zeigt, was an der Peripherie der Literaturgeschichte angekommen ist.

Bereits das Namensregister liest sich wie das Programmheft zu einem großen Spektakel, die AutorInnen sind ausgewogen nach Lebensalter, Geschlecht und Herkunft aufgefädelt, bei allen Individualitäten entsteht letztlich pure Harmonie.

So sind sie also alle über die Jahre gekommen. Paul Fülöp berichtet von seinen frühen Schulwegen, die ihn letztlich in das magische Reich von Bildung geführt haben. Minu Ghedina ist extra zum Berliner Bahnhof Zoo gefahren, um Entfernung, Rand und Mitte zu erleben. Bei einem Klassentreffen kocht bei Annemarie Regensburger noch einmal die alte Zeit hoch, die allerhand Schatten geworfen hat, zumindest was das Ausbildungssystem betrifft. Aber wenigstens gibt es jetzt Worte dafür, um das alles in eine Geschichte zu kriegen. Irina Spira berichtet vom Eintritt in das Wunderland Innsbruck, gesehen mit den Augen eines rumänischen Flüchtlings um 1970. Peter Teyml weist noch einmal darauf hin, dass es Gerechtigkeit und alles, was wir uns wünschen, nur in den Geschichten der Literatur, aber nicht in der Literaturgeschichte geben kann. Dafür verwendet er Belege aus der griechischen Mythologie.

Die Poesie, die wie von selbst aufkommt, wenn man in alten Dateien wühlt, hat Annemarie Regensburger zu einem programmatischen Gedicht für die Sammlung zusammengefasst.

Über die Jahre // Über die Jahre / manches angesammelt / manches aufbewahrt / manches im Dachboden / manches im Keller / über die Jahre / noch viel mehr losgelassen / drauflos geschrieben / losgeschrieben / meinen innersten Kern hüten / frei / wie ein Vogel“ (76) Dieses Bild ist selbst für die Provinz ziemlich radikal, weil auch in Tirol die Vögel bereits so gut wie ausgestorben sind und nur mehr in Gedichten vorkommen.

Christian Kössler verweist auf seine an die Lebenskraft gebundenen Talente. Während er als Tormann immer ungelenker wird, wird er als Schriftsteller immer Wort-geschmeidiger. Der Kompromiss dieser Lebenshaltung ist der Literaturtorwart.

Elias Schneitter preist den typischen Österreicher, dem der Ablauf der Zeit nichts anhaben kann. Von Geburt an sehnt er sich nach der Pension, und wenn er diese dann erreicht, ist er erfreut darüber, dass sich die Vorfreude als richtig erwiesen hat.

Der Vergänglichkeit kann die Literatur nur Lebensentwürfe entgegensetzen. Von Gerhard Jäger stammt ein Lebensentwurf aus dem Jahre 1995. Während der Drucklegung des Buches ist er 52-jährig verstorben. Eine Gedächtnis-Tafel beschließt deshalb diese Anthologie, die vielleicht deshalb zeitlos sein wird, weil sie sich der jeweiligen Zeit gestellt hat.

Die Literatur der Peripherie hat nämlich die Kraft, den großen Hype und die digitalen Wellen, ja selbst die künstliche Intelligenz zu überleben, weil sie das Leben in erträglichen Portionen in die Hand nimmt und sich dadurch nicht überhebt.


IG-Autoren-Tirol (Hg): Über die Jahre. 47 Tiroler AutorInnen erinnern sich in Geschichten und Gedichten. Anthologie. Illustrationen von Yeti Beirer.

Innsbruck: pyjamaguerilleros* 2018. 160 Seiten. EUR 16,50. ISBN 978-3-9504143-3-2.

IG-Tirol, gegründet 1987, aktueller Präsident ist Thomas Schafferer.

Helmuth Schönauer 22/12/18



GEGENWARTSLITERATUR 2790

Die Blindgängerin

Eine sorgfältige Erzählung kümmert sich auch um das Umfeld, in welchem sie entstanden ist. Die Erzählsituation wird gemeinsam mit dem Leser in Frage gestellt. Erzähl-beruhigende und -aufwühlende Hinweise halten sich die Waage.

Felix Philipp Ingold geht gleich mit einem spektakulären Doppelbild mitten in die Erzähl-Sache. Er berichtet von einem Jeep, den der Erzähler offensichtlich restauriert hat, es gibt nämlich ein Altar-ähnliches Flügelbild mit dem Jeep vor und nach der Restaurierung. Aber auch der Autor wird gleich in Frage gestellt, schließlich handelt es sich bei Felix Philipp Ingold um einen Kunstnamen, den sich der Ich-Erzähler spaßhalber zugelegt hat, weil das Wort Felix darin vorkommt.

Und auch der installierte Held Simon Goldin dürfte mittlerweile so unbekannt sein, dass er nicht einmal in Wikipedia aufzufinden ist, wie der Autor meint.

Der Erzählvorgang beginnt mit dem Aufschlagen von Moleskine-Heften, die eher durchgesessen als durchgeschrieben sind. Aber es kommt in der Literatur ohnehin bloß auf den Effekt der Zur-Schau-Stellung in einer Vitrine an, und da wirken durchgesessene Notizbücher besser als durchgelesene.

Erst wenn man im erzählerischen Umfeld bis zu den durchgekneteten Heften durchgedrungen ist, kann man mit dem Lesen der Kern-Erzählung beginnen. Aber dieser Kern der Erzählung erweist sich bald als Kernspaltung, denn ständig zerfällt etwas, wird zu einer kritischen Masse und explodiert.

Der Ich-Erzähler soll als Simon Goldin in die UdSSR reisen, um etwas über Glasnost und Perestroika herauszukriegen. Alle Halbseite wechselt dabei die Perspektive, indem Ich-Erzähler von innen und Simon Goldin als Fakt nach außen hin berichten. Simon Goldin wird eine Übersetzerin zugeteilt, die blind ist. Theodora Minzenberg hat nach einem Unfall das Augenlicht verloren und geht jetzt als Blindgängerin durch die Welt. „Ich bin in meiner Blindheit zu Hause.“ (43)

Bald einmal kommen dich die beiden auch erotisch nahe und sind durch die Aufspaltung des Erzählers die ganze Zeit zu dritt. Selten ist in der Literatur das Intime so intim übertragen worden, wie in dieser Erzählkonstellation. Statt über die politischen Vorgänge zu forschen, kümmern sich die beiden um einen gewissen Reimar Rilke, der als Wiedergänger des in der Literatur bekannten Rilke sein Unwesen treibt. Obwohl alle Bücher dieser Welt schon geschrieben sind, wird der Journalist noch eines schreiben müssen, über die Blindgängerin nämlich. Sie weiß das auch und erzählt neben Geschichten, die lebensnotwendig sind, auch solche für das Buch.

Literaturfiguren kristallisieren dann zu größter Logik, wenn sie sich zu einer puren Regieanweisung zusammentun. „Wir stehen draußen im Herbst 1936.“ (120) In dieser Aufmachung lässt sich Reimar Rilke ziemlich authentisch erforschen.

Nach Beendigung der Recherchen fährt der Erzähler mit seinem Erzähl-Jeep zurück nach Basel. Er hat viel Zeit verloren aber viel Traum gewonnen. (152) Provinz ist da, wo ich bin, sagt er. In diesem Fall ist es Basel und Theodora kommt mit einer Rücksiedlergruppe in den Westen und bald nach Basel, wo sie die Sprache mit den Füßen lernt, indem sie ununterbrochen durch die Stadt wandert und dabei die Sprache aufnimmt. Der Spracherwerb ist letztlich nichts anderes als das Herstellen von Textur und Textilien, weshalb sich die Blindgängerin auch die wichtigsten Kleidungsstücke selbst strickt.

Nach einem ähnlichen Verfahren ausgebildet ist Simon Goldin inzwischen Werbetexter geworden. Eines Tages, wie am Ende eines Satzes, verschwindet Theodora, die Polizei sucht nur widerwillig, der Hinterbliebene verzichtet auf die Ausstellung eines Totenscheines. Er nähert sich seinem Computer und sieht einen Schatten am Monitor. „Wer keinen Schatten hat, ist einer!“ (209) Vielleicht ist es auch nur die Krebsdiagnose mit neunundfünfzig, die ihn solche vollkommenen Säte ausstoßen lässt.

Im Bildanhang werden Sätze aus dem Text aufgegriffen und mit Bildmasse hinterlegt. So etwa könnte sich die Blindgängerin verschiedene Szenen vorgestellt haben, so etwa kann sich auch der Leser eine Textstelle vorstellen, wenn er selbst keine Vorstellung zusammenbringt.

Die Bildgängerin ist eine hochkomplizierte, vergnügliche Geschichte über den simplen Sachverhalt, dass alles nur ein Stück Imagination ist.


Felix Philipp Ingold: Die Blindgängerin. Erzählung. Bildanhang.

Klagenfurt: Ritter 2018. 264 Seiten. EUR 19,00. ISBN 978-3-85415-581-2.

Felix Philipp Ingold, geb. 1942 in Basel, lebt in Zürich.

Helmuth Schönauer 18/11/18



GEGENWARTSLITERATUR 2792

datenpoesie

Hinter dem unscheinbaren Begriff „Datenpoesie“ tut sich eine literarische Revolution auf. Hier schreibt nicht mehr ein Autor Gedichte oder poetische Texte, sondern die Programme, einmal in Bewegung gesetzt, spulen ihr poetischen Akzente ab. Logischerweise dürfte diesem Unterfangen nicht ein lebender Leser in die Quere kommen, sondern ein kluger Leser müsste dieser Poesie sein eigenes Leseprogramm entgegenhalten, sodass sich zwei Künstliche Intelligenzen gegenseitig auslesen und in Schach halten könnten.

Jörg Piringer verweist trocken auf den Forschungsstand der Datenpoesie. Zwar ist allerhand disparat aufgestelltes Material herum, aber nur wenige haben bisher die diversen Programme, poetischen Algorithmen und Dichtungsströme Künstlicher Intelligenz zusammengefasst. Der Autor tut dies in der guten alten Form eines Lexikons, das Profis und Neulingen mit Anfangsverdacht beste Auskunft gibt.

Der Autor verknüpft in verschiedenen Arbeitsschritten und unter Bedingungen der Meta-Kommunikation die sogenannte Poesie mit Programmen. „Statt der Fütterung von Textverarbeitungsprogrammen mit Worten und Zeilen verbrachte ich meine Zeit mit der Erstellung von Programmen, der Suche nach geeigneten Daten, der Aufbereitung derselben, dem Trainieren künstlicher neuronaler Netze, dem Durchforsten von Textcorpora und dem Finden von Fehlern und Ausbessern von Unzulänglichkeiten in den Programmen.“ (273)

Erst wenn man sich die Arbeitsmethodik Jörg Piringers zu Gemüte führt, merkt man den Unterschied zu sogenannten normalen Autoren, die in der Hauptsache heiße literarische Luft verwalten und im Design eines Verlags zu einem stromlinienförmigen Gebilde zusammenstellen.

Dieses Anpassen auf einen einzigen Literatur-Strom gelingt mit Computerprogrammen schneller, plausibler und makelloser. Etwa neunzig Prozent germanistischer Arbeiten dürften mit einem Datenpoesie-Programm in einer Woche zu bewältigen sein, was jedes Studium unermesslich verkürzen würde.

Am Beispiel von Matthias Claudius Gedicht „Das Abendlied“ werden verschiedene Operationen durchgeführt, unter anderem Übersetzungen mit Maschine in alle möglichen Sprachen. Spontan tut sich eine Assoziation auf, ob Claudius nicht eine Ur-Cloud aus Vorzeiten ist.

An anderen Stellen werden Verse graphisch verdichtet oder aufgelöst, so dass Landkarten-artige Bedeutungsgebilde entstehen, weitläufig verwandt mit dem gängigen Wordle-Prinzip. Eine sogenannte natürliche Sprache zerfällt vor den Augen des Lesers in Zufallssprüche. Diverse Genres werden aufgebrochen und zur Explosion gebracht, so gibt es etwas ein Märchen für die Zukunft, das aus futuristischen Segmenten zusammengesetzt ist.

Im sogenannten Paratext stellt der Autor die Arbeitsmethode vor, erklärt die eingesetzten Programme und deren Logik, und alles mündet schließlich in einem Glossar, mit dem der schlichte Leser am besten anfangen sollte.

Im Glossar ist nämlich alles erklärt, was so durch das Netz und über die Clouds vermittelt wird. Die wichtigsten Programmiersprachen sind genauso angeführt wie eine simple Definition, was ein Algorithmus ist.

Als Leser staunt man, was da alles in Sekundenschnelle möglich ist, wenn man das richtige Programm gefunden hat. Wahrscheinlich wird man einen Großteil der Textsorten mit Leseprogrammen besser abarbeiten können als mit Augenarbeit an den einzelnen Zeilen. Für das analoge Schreiben spricht freilich immer noch die Entschleunigungskraft von Romanen oder die emotionale Einfärbung von Gedichten.

Für den Allgemeinbedarf von Menschen, die Preisträger-Literatur lesen oder sich für die Zentral-Matura vorbereiten, ist ein kluges Leseprogramm allemal befriedigender als das Herumfuhrwerken an Texten, die letztlich nur Teil eines gigantischen Geschäftsmodells sind. Jörg Piringers Lexikon der „Datenpoesie“ ist ein faszinierendes literarisches Werk, das völlig neue Lese-Felder erschließt. Als Leser antwortet man ihm sofort mit einem Gegenprogramm, automatisiertes Rezensieren beispielsweise, das schon ziemlich verbreitet ist, wenn man die Gleichförmigkeit diverser Rezensenten anschaut.


Jörg Piringer: datenpoesie. Abbildungen.

Klagenfurt: Ritter 2018. 287 Seiten. EUR 18,90. ISBN 978-3-85415-583-6.

Jörg Piringer, geb. 1974, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 22/11/18



GEGENWARTSLITERATUR 2795

Um das Leben gespielt

Mit entsprechender Leichtigkeit ausgestattet, lässt sich das Leben durchaus als Spiel mit offenem Ausgang auslegen. Am Lebensende wird dann abgerechnet, und so mancher hat dabei das Leben verspielt.

Peter Reutterer begegnet diesem Lebens-Spiel mit vier Spiel-Anleitungen: In der Nähe gespielt / Überall verspielt / Spiel in der Ferne / Im Liebesspiel. Themen, Perspektive und Intensität werden dabei mehrfach gewechselt, sodass sich das Spiel in Wellenbewegungen verflüchtigt, ehe es wieder an unerwarteter Stelle auftaucht. Wie bei Lyrik üblich, ist das Leben am jeweiligen Ansatzpunkt des Gedichtes abgeschlossen, sodass es in überschaubare Zeilen geformt werden kann. Jedes Gedicht ist also das Ende eines Spieles.

Das Motiv des Sich-Ausziehens wird mehrmals als lyrische Maßnahme gedeutet. So ist es beim Arzt eine gelungene Ablenkung von der Krankheit, die vielleicht zu erwarten ist. Beim Liebesspiel ist es eine Aufregung, die verlässlich an das Doktor-Spielen der Kindheit anknüpft, und auch in der Ferne, mitten im Urlaub, fallen schon einmal die Hüllen, um etwas Neues zu sehen, was es zu Hause nicht gibt.

Die Gedichte entwachsen meist Notizen, wie sie während des Wartens in einen Speicher eingetragen werden, als Nebentätigkeit herumgescrollt werden oder als Begleiterscheinung von kurzer Nachrichtenlektüre abfallen. Der Fußball-Gott Prohaska taucht mehrmals auf, indem er geniale Pässe verteilt oder eine geniale Grammatik für seine Analysen von Spielzügen verwendet. Die Jagd spielt eine große Rolle, weil die Sprache der Jäger oft eigenbrötlerisch ist wie jene der Lyriker. Und jedes Gedicht, das einer Jury vorgelegt wird, hat etwas von einem Geweih, das von den Enden her abgezählt wird. Die Nähe des Spiels bezieht sich oft auf das genauere Hinschauen auf Kleinodien, in einem Kalauer könnte man es auch als Einblicke in das Näh-Kästchen bezeichnen.

Die Gedichte für die Ferne kümmern sich hingegen um entlegene Spaziergänge, was sowohl die Jahreszeit als auch die Gegend meint. Zwischendurch geht es einfach südwärts, ein Ausflugsziel kann ein Fehlziel sein, aber es gibt noch immer verlässlich ein Gedicht ab.

Den Texten des großen Bogens, der rund um „überall“ gezogen ist, stehen die intimen Liebeskundgebungen gegenüber, die vor allem durch schroffen Pragmatismus glänzen. Liebliche Situationen können in pures Fleisch übergehen, die Länge einer Liebschaft kann in Dürre münden.

Spätlese // Die Süße deines Fleisches / habe ich eingesogen / bevor der Schatten der Zeit / unsere Haut befiel // als wäre unsere Liebe / wie bluesige Langspielplatten / aus unseren Studentenzimmern // wieder und wieder abspielbar.“ (119)

Diesen Spielen ist mit schwerem Stift ein ewiges Motto vorangestellt. Im Sinne der ewigen Dichtung wird auf die mickrige Stadt Calw verwiesen, die erst durch Hermann Hesse einen Eintrag in die literarische Landkarte erfahren hat. Gleich daneben steht der Tübinger Turm für die Ewigkeit, woraus Hölderlin seinen genialen Zopf heruntergelassen hat wie für ein Märchen. Und all diese große Literatur wäre nicht für die Ewigkeit geeignet, hätten sie nicht unbedarfte Dilettanten von Anfang an unterstützt wie Meister Zimmer und seine Tochter Lotte.

Peter Reutterers Spiele sind leicht, ernst, nah und fern. Ein Spiel gilt dann als gelungen, wenn man es eines Tages wieder aufnehmen wird.


Peter Reutterer: Um das Leben gespielt.

Gosau: arovell 2018. 125 Seiten. EUR 14, 90. ISBN 978-3-903189-13-3.

Peter Reutterer, geb. 1956 in Waidhofen/Thaya, lebt in Bergheim/Salzburg.

Helmuth Schönauer 27/11/18



GEGENWARTSLITERATUR 2796

Die Logik der Schatten

Der Aphorismus ist ein Brühwürfel, der eine würzige Argumentationskette auslöst, wenn man ihn ins Gespräch wirft.

Alfred Paul Schmidt blickt auf ein reiches Schriftstellerisches Leben zurück, dabei kristallisieren oft ganze Bücher und Schriftsätze zu Aphorismen aus. Außerdem hat der Autor eine Zeitlang wöchentlich einen Aphorismus für eine Zeitung geschrieben. Das Brüh-Verfahren dafür ist originell, jeden Tag entsteht ein guter Spruch, und am Wochenende setzt der Redakteur einen davon in die Zeitung. So entstehen über-konzentrierte Textzeilen, die wahrlich aus dem Alltagsgeschehen ausbrechen und das Zeug für die Zeitlosigkeit haben.

Der Titel versucht etwas Ordnung in diese schemenhaften Gedanken zubringen, indem er alle diese Schatten unter die Logik eines Spruches setzt. Alles lässt sich auf die Spitze treiben und zu einer Erkenntnis formulieren, wenn man nur lange und regelmäßig dranbleibt. So sind die Text-Pfeile auch weniger das Ergebnis eines spontanen Gedanken-Flashs, sondern Ernte sorgfältiger Lektüre und Lebensbeobachtung.

Als Leser wird man von dieser über-munitionierten Gedankenwaffe eher niedergestreckt als animiert. So sehr der einzelne Gedankengang unter dem Blabla einer Zeitung wirkt, so sehr geht er in diesem flächendeckenden Ideenbombardement unter. Wie soll man das artgerecht lesen? Mit dem Finger unter den Zeilen wie ein Volksschüler, der darauf wartet, dass ihm die Lehrerin wohlwollend zunickt? - Also ist ein gewisser Lese-Speed angesagt, der bei Aphorismen natürlich pervers ist. Professionell kreuzt man sich so genannte brauchbare, erhellende an und solche, die eher ins Kalauerische gehen.

Ein paar gute:

Unwissend zu sein verbirgt man am leichtesten, indem man sich so stellt. (5)

Literatur, die sich mit sich selbst beschäftigt, ist wie ein Theater, das nur Darstellungsprobleme auf die Bretter bringt. (13)

Der beste Lehrer ist jener, der gerade beginnt, die Sache selber zu verstehen. (15)

Man braucht umso weniger Geld, je mehr man das Leben durch reines Tun bestreitet. (27)

Der Mensch ist immer ein Roman, aber nur selten auch ein Autor. (36)

Je weniger man sich wichtig nimmt, umso mehr geht unser Leben von selbst. (103)

Der glückliche Zufall ist eine Entmündigung, für die wir unendlich dankbar sind. (117)

Viele dieser Sprüche haben den Duktus von Ludwig Wittgenstein, der ja seine Sätze der Reihe nach logisch auf die Spitze treibt. „Ein Aphorismus hat größere Chancen, gelesen zu werden, wenn er auf einer ungeraden Seite steht!“ Was hier so Wittgensteinisch klingt, ist eine Faustregel im Bibliothekswesen, dass die rechte Seite immer die bessere ist. Zumindest beim Lesen.

Ziemlich Kalauerisch klingt eine Fügung wie:

Ein Denker zieht jederzeit einen Stau im Hirn dem auf der Straße vor. (61)

Hier zeigt sich, dass nicht nur der Autor einer sogenannten Tagesverfassung unterliegt, sondern vor allem der Leser. Was heute eher schal wirkt, kann einen als Leser morgen schon von den Socken reißen, das ist ja auch so ein Geheimnis der Literatur.

In die Aphorismen sind Anekdoten eingestreut, die vor allem die Aufgabe haben, Situationen auszukundschaften, in denen spitze Sätze einen gewissen Sinn ergeben. In einem Dutzend von Vorfällen spitzt sich die Lage auf Spitz oder Knopf zu. Das kann eine friedliche Meditation unter der Koralpe sein, eine Verwirrung, der Mond hinter Wolken oder eben jene geniale Situation, in der ein Beamter einen guten Ratschlag zum Leben weiß.

Die Obertöne der Mitte (82) berichten von einem Beamten im Ruhestand, der am Seeufer im Herbst sitzt. Ein Urlauber kommt vorbei und wundert sich, dass das nun schon seit Tagen so dahingehe, das Wetter, der Herbst und der Ruhestand. Die beiden kommen ins Gespräch und stellen ausgewogen fest, dass man einmal im Leben extreme Pläne gehabt haben muss, um die Mitte zu erreichen. „Ja, ja, sagte der Beamte, der Mensch hat eine interessante Natur, er muss immer hoch antragen, damit er dann in der Mitte halbwegs durchkommt.“

Eine Anekdote mündet meist in einem Aphorismus, während sich beim puren Aphorismus der Leser eine Anekdote hinzudenken muss.

Im Nachwort mit Vorsätzen und Nachsätzen verortet Reinhard Urbach die Denkleistung des Autors in dessen Gesamtwerk. Jedes Buch wird dabei zu einem Aphorismus.


Alfred Paul Schmidt: Die Logik der Schatten. Aphorismen und Anekdoten. Mit einem Nachwort von Reinhard Urbach.

Graz: Keiper 2018. 172 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-903144-61-3.

Alfred Paul Schmidt, geb. 1941 in Wien, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 29/11/18



GEGENWARTSLITERATUR 2794

Über das Licht gedreht

Die schaurige Geschichte vom Erlkönig, der mit seinem toten Kind durch den eigenen Wahnsinn reitet, lässt sich auch psychologisch deuten. Da identifiziert sich ein Held so heftig mit der Rolle, dass er die Geschichte mit toten Bruchstücken zu Ende bringt, auch wenn die Story schon tot geritten ist.

Elke Steiner zeigt in ihrem Roman „Über das Licht gedreht“ eine Heldin, die mit dem Verlust ihrer frühgeborenen Tochter nicht zurecht kommt und durchdreht. Gleich zu Beginn steigt Hanna spät in der Nacht in einem Hotel ab, sie ist von der Anfahrt verwirrt. Nach dem Einchecken merkt sie, dass sie ihre Tochter Emmelyn (mit Ypsilon) im Auto vergessen hat. Das Personal wundert sich noch, wie man so ein Kind vergessen kann, aber die Müdigkeit scheint auch verrücktes Verhalten erklärbar zu machen.

Hanna ist tatsächlich müde, ausgebrannt und in eigenen dimensionslosen Zustand verfallen. In monatlichen Rückblenden zwischen ihr und ihrem Mann Bruno wird ein scheinbar erfolgreiches Leben aufgerollt, bei dem sich Innenleben und äußerer Habitus ständig voneinander entfernen.

Was ist eigentlich ein erfolgreiches Leben? Dazu gehören sicher das Aufräumen der Kindheit, der leicht ironische Umgang mit den Verwandten, jeden Tag Fun mit Bekannten und eine ausgewogene Work-Life-Balance. Das Ehepaar kriegt dieses Leben scheinbar easy hin, es weiß immer, was zu tun ist, und prägt die Szene, indem es alles mitmacht, was für ein offen zur Schau gestelltes Leben notwendig ist.

So ist es eines Tages notwendig, ein Kind zu haben, zumal Bruno gerade die Kindheit ausräumt und als Immobilienmakler ein Antiquariat zurückkauft, das ihm seinerzeit bei der Aufteilung des Familienvermögens vorenthalten worden ist.

Das heranwachsende Kind wird schon während der Schwangerschaft innigst begutachtet und betreut. Nach einem frühen Bild aus dem Ultraschall sieht die Mutter bereits, dass es ein Mädchen wird und goldene Haare hat. Wenn das Bild richtig über das Licht gedreht ist, ist es perfekt. (93)

Doch dann läuft das Leben anders ab, als es in den Hochglanzmagazinen und Lebens-Apps vorgesehen ist. Es kommt zu einer Frühgeburt und Emmelyn wird in einen Brutkasten gesteckt. Was für ein grausames Wort, das man aktuell nicht mehr verwenden darf. (171) Und die Kleine schafft es nicht, sie stirbt vor den Augen der derangierten Mutter. Hanna bastelt sich zu Hause eine neue Emmelyn, ein Mittelding zwischen Salzteig-Skulptur und Gugelhupf. Gut eingewickelt ist das Baby nicht mehr von einem echten zu unterscheiden. Man kann sogar über Land fahren damit und es fallweise im Auto liegen lassen, bis die Lage im Hotel geklärt ist.

Elke Steiners Roman geht unter die glatte Haut, die üblicherweise für die Gesellschaft ins rechte Licht gedreht wird. Zwischen den offiziellen Ritualen und dem Knarren der inneren Scharniere klafft es oft meilenweit auseinander. Und gerade die innigste Umgebung ist in solchen Fällen meist eine unzuverlässige Hilfe. Das gesellschaftliche Getue spiegelt sich nämlich als Familiengetue. Alles ist Schein, alles wird so lange gedreht, bis es passt. Das Ende ist der Kollaps.


Elke Steiner: Über das Licht gedreht. Roman.

Graz: Keiper 2018. 226 Seiten. EUR 22,50. ISBN 978-3-903144-63-7.

Elke Steiner, geb. 1969, lebt im Burgenland.

Helmuth Schönauer 26/11/18



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2175

Lyrischer Wille

Südtirol gilt weltweit als Musterland für gelungene Autonomie, die vermutlich der größte Arbeitgeber im Land ist, muss doch alles Öffentliche Proporz-gerecht verwaltet werden. Mustergültig ist auch des Bestreben der Bozner Universität, möglichst viel auf Englisch zu unterrichten, damit der sprachliche Kleingeist gar nicht erst aufkommt. Südtirol ist dadurch auch das ideale Land für multilinguale Literatur. Legendär sind die Pionier-Taten des Gerhard Kofler (1949-2005), der bis zum Tod nicht verraten hat, ob nun das Italienische oder das Deutsche seine Oberhand-Sprache sei.

Matthias Vieider und Arno Dejaco haben in einem Lyrik-Projekt 55 Autorinnen und Autoren ausfindig gemacht, die zumindest zwei Sprachen beherrschen und so gleichzeitig Originale und Übersetzungen verfassen können. Wenn man die Zeichensprache Oswald Eggers als Sprache gelten lässt, so schreibt er zwar nur auf Deutsch, ist aber der Multi unter allen, was Sprachen und Preise betrifft.

Neben der Methode, kreuz und quer alles in alle Sprache zu übersetzen, ist vor allem der Titel eine aufregende Geschichte. Lyrischer Wille setzt in diesem Projekt die Absicht voraus, Lyrik zu verfassen, während sie im Alltagsbetrieb der Literatur eher passiert oder aus einem Überdruckventil pfeift, wenn der Schreibdruck zu groß ist.

Für die Geschichtsschreibung läuft die Literatur in einer Sprache ab, in Südtirol sind es üblicherweise drei (Ladinisch, Italienisch, Deutsch). In diesem Projekt gibt es freilich auch Übertragungen ins Albanische, Bulgarische, Griechische, Englische und „Chaotische“, wenn man sich an Oswald Egger hält. Dadurch schaut auch das Verzeichnis der Biographien völlig ungewohnt aus, weil es quer durch alle Sprachen geht. Norbert C. Kaser, Kurt Lanthaler, Sepp Mall, Wolfgang Nöckler oder Matthias Schönweger sind wahrscheinlich am bekanntesten.

Die Gedichte und Poesie-Einheiten sind um Themen geschart, die etwas von einem sprachlichen Scharnier haben, womit man von einem Zustand in einen anderen wechseln kann. Die sieben Themen nennen sich: „Emblem, tyrolisch | Vers ladin | Dämmrig | Parole | Quando/Wenn | Kante | Kreuzung.“ Diese Vorgänge und Zustände ergeben einen ersten Eindruck von den Texten, von denen man als einsprachiger Leser nur einen kleineren Teil entschlüsseln kann, die Masse der Texte ist ja in unbekannten Sprachen aufgestellt, zum Teil in einer rätselhaft poetischen Schrift.

Für das Kapitel „Dämmrig“ nimmt Wolfgang Nöckler überhaupt einen starken Dialekt, mit dem er als Hellwach-Gedicht voll in die Gegenwart hineinbricht. „bol i dowoch // grelle isch a, dia westliche mond / sövl grelle, dass a mei miedigkeit blendit“ (43)

Matthias Vieider verwandelt diesen poetischen Eindruck in das Toben eines schlaflosen Gletschers. „Ich ersehne die Meere, so entstehen die Gletscher / in der Nacht / dein Schnarchen ist kein Schlaf / frische Luft, sagst du, Mond und Zunge, du / Warum ziehst du mich nicht auf den Gupf und liebst mich nicht?“ (45)

Den Gedichtsätzen ist jeweils ein graphisch gestaltetes Blatt vorangestellt, auf dem die einzelnen semantischen Schachzüge zwischen den Sprachen wie bei einem Liniennetz des Nahverkehrs aufgeschlüsselt sind.

Je nach Sprachmächtigkeit switcht man in den Sprachen hin und her, oft muss man sich mit der graphischen Aufmachung begnügen und das Rätselhafte dahinter offen lassen. Matthias Schönweger nützt diese Verwirrtheit, indem er sein Gedicht als Formular vorlegt, das man spontan ausfüllen möchte, auch wenn man nicht weiß, worum es geht. „SO … VIEL … ZUM … ÜBER … SETZEN …“ (61)

Der Lyrische Wille braucht natürlich einen starken Lesewillen, damit alles klappt.


Matthias Vieider / Arno Dejaco (Hg.): Lyrischer Wille. Poesie einer multilingualen Gesellschaft. 55 Autorinnen und Autoren schreiben in allen möglichen Sprachen.

SAAV. Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung.

Wien, Bozen: folio 2018. 100 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-85256-760-0.

Matthias Vieider, geb. 1990 in Bozen, lebt in Wien.

Arno Dejaco, geb. 1976 in Bozen lebt in Brixen.

Helmuth Schönauer 15/11/18





Buch in Pension – Rezensionen 12/2018


Rachel Cusk: Kudos. Roman.

Zoltán Danyi: Der Kadaverräumer. Roman.

Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft.

Ludwig Roman Fleischer: Bad Weihnachten. Erzählungen im Lärm der stillsten Zeit.

Christine Haidegger: Nach dem Fest. Erzählungen.

Peter Henisch: Das ist mein Fenster. Fast alle Gedichte und Songs.

Kapka Kassabova: Die letzte Grenze.

Ilse Kilic: Das Buch, in dem sie Kontakt aufnehmen.

Bernhard Strobel: Im Vorgarten der Palme. Roman.

Reinhard Wegerth: Himmelsstiege oder Ein bitterer Gang. Erzählung.



GEGENWARTSLITERATUR 2763

Kudos

Manche Begriffe sind dermaßen schichtenspezifisch, dass sie von vorneherein das Publikum definieren, wenn sie als Roman-Titel eingesetzt werden.

Rachel Cusk verwendet für den letzten Teil der Selfie-Trilogie den abgelegenen Begriff „Kudos“, was landläufig mit Hochachtung, Bewunderung, Chapeau übersetzt wird. Damit ist auch das handelnde und lesende Personal abgesteckt. Die Ich-Erzählerin Faye macht eine Lesetournee durch Europa, um einerseits als Schriftstellerin diverse Lorbeeren abzuholen und andererseits im Literaturbetrieb Komplimente an andere Kolleginnen zu verteilen. Jeweils zu Beginn und am Ende ist sie mit ihrem Sohn in Kontakt, der auf ihre Meta-Rolle als Mutter hinweist.

Der Roman ist als Erlebniskuchen angelegt, wie er in der Geologie oft aus tiefen Schichten der Erdkruste geholt wird. Die Tages-Bohrkerne werden zeitlos aneinander gelegt, die einzelnen Erlebnisse greifen ineinander über, aber zwischendurch ergeben sich eigenartige Verwerfungen, die als Einzelschicksale gedeutet werden können.

In der ersten Sequenz fallen vor allem die langen Beine des Sitznachbarn aus dem Text. Erzählerin und Langbeiner sitzen im Flugzeug, und wie in einem Slapstick stolpert das Personal ununterbrochen über diese Beine, die metaphorisch darauf hindeuten, dass der Mann für diese beengte Sitzwelt nicht geeignet ist. Zwischen den Entschuldigungen an das Personal erzählt er der Erzählerin unverfroren seine Geschichte. Die Tochter ist Oboistin, aber Genaueres kann er nicht sagen, denn dann überwältigt ihn wieder ein anderer Schicksalshappen. Die Protagonistin kann mit Ach und Krach ein paar Informationen abgeben, dass sie Schriftstellerin ist und der Sohn Kunstgeschichte machen will. Dann kommt schon wieder die Geschichte eines Hundes ins Spiel, denn das Leben des Langbeiners ist ausschließlich auf den Hund fixiert, der dann unglücklicherweise auch noch stirbt, sodass der Mann jetzt ein Stück Sinnlosigkeit und Leere auf zu langen Beinen ist.

Nach einer Leerzeile spielt der Roman bereits in einem runden Hotel, in dem ein Festival ausgerichtet ist. Bemerkenswert sind diese abgehobenen Sätze zwischen Verlegern, Lektoren und Autorinnen, die eingebettet sind zwischen „fett und vierzig“ und der Bemerkung, dass Geschichte Erinnerung ohne Schmerz sei. (43)

In einer Sequenz mit einer Journalistin stellt sich heraus, dass sich Faye mit ihr schon einmal vor zehn Jahren getroffen hat. Aber zehn Jahre sind in der Literatur nichts, weil in dieser Kunstgattung immer gut promotete Gegenwartsstimmung herrscht.

Auf der Party rücken dann die Männer ein bisschen vor und machen auf Anmache, die aber mit dem seriösen Begriff Kudos in eine hochsublimierte Sonderzone gestoßen wird.

Beim Buffet erklärt dann eine Frau, dass oft in dieser Szenerie die Auftritte besser seien als die Bücher. (104)

Etwa an der Mitte des Romans leistet sich der Selfie-Talk eine leere Seite und weist in der Folge auf den eigentlichen Kongress hin. Der Inhalt ist belanglos, weil er ohnehin jedes Jahr abgehalten wird, aber das Hotel, die Umgebung, die inszenierten Spaziergänge, die machen das Wesentliche dieser Kongress-Literatur aus.

Die Heldin lässt das alles tapfer und routiniert über sich ergehen, zumal die Anerkennung überwiegt und Eifersüchteleien und Konkurrenzkämpfe elegant weg-buffetiert werden. Hier diskutiert eine wattierte Gesellschaft in einem auswattierten Ambiente.

Sobald man als Leser freilich im Text stehen bleibt und selber die Lesefüße als Ärgernis in den Text hält, tun sich neue Welten auf. In einer Mischung aus Zynismus, Raffinesse und arglistigem Text-Pokern tun sich die trivialsten Erkenntnisse als hype Literatur auf. Als Leser ist man atemlos ans Ende des Kongresses gelangt und fragt sich nach diesem Erzählrausch, wie ein Text so aufregend sein kann, der letztlich nichts anderes erzählt, als dass die Literatur wie einst dekadenter Adel auf abgefackten Schlössern herumflaniert.

Chapeau, das geht in voller Bewunderung an die Autorin!


Rachel Cusk: Kudos. Roman. A. d. Engl. von Eva Bonné. [Orig.: Kudos, London 2018].

Berlin: Suhrkamp 2018. 214 Seiten. EUR 20,60. ISBN 978-3-518-42807-8.

Rachel Cusk, geb. 1967 in Kanada, lebt England.

Helmuth Schönauer 14/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2768

Der Kadaverräumer

Exzentrische Berufsbezeichnungen erzählen mit einem Wort ein ganzes Schicksal. So kommt der Kadaverräumer immer dann zum Einsatz, wenn im Kampf um Lebensraum Tiere auf der Strecke bleiben, sei es im Kanal, auf der Straße oder an einem Grenzzaun.

Zoltán Danyi erweitert den Begriff des Kadaverräumers noch um jene Kriegserfahrung, wo auch Menschen zu Kadavern werden und geräumt werden müssen. Zum Unterschied etwa von einem Schneeräumer, der den Schnee nur auf die Seite bringen muss, muss ein Kadaverräumer sein Material vollends beseitigen.

Der Ich-Erzähler hat aus dem jugoslawischen Zerfallskrieg schwere psychische Schäden davongetragen und ist Heimat- und Orientierungslos geworden. Auf dem Weg nach Amerika, wo angeblich alles besser wird, wenn man der Filmmusik Glauben schenkt, bleibt er in einer Klinik in Berlin hängen, wo er seinen schweren Darmschaden bekämpfen will. Die Kriegsereignisse an der serbischen Grenze haben ihm so viel Scheiße gezeigt, dass er seine eigene nicht mehr zurückhalten kann. Er kauft ununterbrochen Hefte, schreibt sie halbvoll und wirft sie dann wieder weg. Mit dieser Methode hofft er, aus der Depression herauszukommen. Dabei spielt die Zeit nicht immer so mit, wie er es geplant hat. „Eigentlich hätte ich schon längst in Amerika sein sollen!“ (36) So beschränkt sich das Leben auf die Pflegeanstalt, in die immer wieder alte Scheißerinnerungen zu Besuch kommen, sei es als Personen, Geschichten oder einfach Scheißorte wie jener Lift, in dem ihm einmal eine ganze Darmladung ausgekommen ist.

Nach Ende des Krieges haben sich alle mit seltsamen Arbeiten über Wasser gehalten oder sind gleich ausgewandert. Der Held ist mit einem Trupp Kadaverräumer unterwegs, dabei müssen überfahrene Tiere auf der Grenzstraße beseitigt werden. „Sie laden den Kadaver auf die Ladefläche und zeigen dem toten Reh, wo es einst gelebt hat.“ Mit dieser Gesinnung hat man im Krieg auch die toten Kameraden geborgen und ihnen das Sinnlose gezeigt, für das sie gekämpft haben.

In dieser Zeit spielt der Körper schon verrückt, der Erzähler sucht einen Heilpraktiker auf, der aber gegen den Darm chancenlos ist und nur sinnlose Heil-Parolen ausstoßen kann, wie es einst die Kommandanten im Krieg gemacht haben. Erinnerungen an einen Soldaten, der beim Scheißen durch die Eier erschossen worden ist und bei dem plötzlich der Harn aufhört zu fließen, lassen den Darm auch nach Jahren noch überquellen.

Aber hinter dieser Welt aus Scheiße muss es doch noch etwas anderes geben. Der Erzähler berichtet von möglichen Liebesbeziehungen, die aber daran scheitern, dass die Küstenstadt Split am anderen Ende des Landes liegt und von einem fremden Meer umspült wird.

Ein Ausflug ins verheißungsvolle Europa endet in Budapest, wo um diese Zeit die Nutten am schönsten und die Frauen am dienstfertigsten sind.

So irr kann ein Beruf gar nicht sein, dass es darin nicht Aufstiegsmöglichkeiten gäbe. Der Held bringt es zum Kadaver-Dispatcher, der die Einsätze organisiert. Seine persönliche Verfassung bleibt freilich hoffnungslos. „Es war die Straße, in der das Gasthaus sein musste, obwohl er nicht genau wusste, wohin er musste.“ (205)

Am Schluss reicht es dann nur auf eine beschränkte Aussicht auf das nächstbeste Meer. Und nach einem Schluck wischt sich der Held das Leben von den Lippen. „Gut, das alles mit einem Schnaps zu beenden.“

Der Kadaverräumer hinterlässt schließlich weit mehr als die Geschichte eines aus der Bahn geworfenen Zeitgenossen, der im Post-Jugoslawien nicht zurecht kommt. Der Kadaverräumer ist letztlich der erste Versuch, aus der dampfenden Scheiße ein historisches Gesamtbild über ein Dezennium zu entwickeln, das bislang nur die Kadaver verräumt hat. Die passenden Geschichten müssen erst rekonstruiert werden. - Eine ziemlich anarchische Art, mit der Aufarbeitung zu beginnen.


Zoltán Danyi: Der Kadaverräumer. Roman. A. d. Ungar. von Terézia Mora. [Orig.: A dögeltakaritó, Budapest 2015].

Berlin: Suhrkamp 2018. 251 Seiten. EUR 24,70. ISBN 978-3-518-42835-1.

Zoltán Danyi, geb. 1972 in Senta / Jugoslawien, lebt in Senta / Serbien.

Helmuth Schönauer 22/09/18



GEGENWARTSLITERATUR 2773

Zeige deine Klasse

In der Soziologie gibt es durchaus einen spielerischen Zugang zu den Fakten, aber die Ergebnisse sind dann immer ernüchternd realistisch und beileibe kein Spiel. In der Abwandlung eines unschuldigen Kinderspiels lässt sich durchaus intensiv das eigene Leben durchspielen mit der Anleitung: Zeige deine Klasse!

Daniela Dröscher analysiert in ihrem Sozio-Essay das Aufsteiger-Leben in Deutschland in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts. Sie nennt ihr Untersuchungsfeld bewusst Klasse, weil diese undurchdringlich und unveränderbar ist, während die etwas lieblicheren Begriffe Milieu und Ambiente suggerieren, dass man etwas verändern könnte, wenn man nur wollte. Das brutale Gegenstück zur Klasse wäre dann die Kaste, in der die Unveränderbarkeit über Generationen festgeschrieben ist.

Die Textsorte ist einmal ein Essay, worin die Außenwirkungen der Gesellschaft auf eine Biographie dargestellt sind. Auf der nächsten Ebene sind Elemente eines Romans vorhanden, indem das erzählende Ich eine Mischung aus erlebter Realität und angebotener Traum-Menge zu einer logischen Story zusammenfügt. Und das dritte bemerkenswerte Element sind Listen von sogenannten Privilegien, die den jeweiligen Zustand des Individuums in der Gesellschaft sichtbar machen.

Treibendes Element dieser Analyse ist das „Schämen“ im soziologischen Sinn. Es gibt das Hinauf-Schämen und Hinunter-Schämen, je nachdem, ob ein Sachverhalt ein mulmiges Schamgefühl erweckt, weil er nicht der Lage entspricht, oder ein Versäumnis darstellt.

Bei jeder Klassendiskussion ist die Kalibrierung der erste Schritt. Wo ist null, damit man sich hinaufarbeiten kann?

Für die Erzählerin sind die Eltern die Grundparameter soziologischen Empfindens. Wenn man die Eltern zur Analyse bittet, kommt es auf jedes einzelne Wort drauf an. „Die Mutter: Fremdsprachenkorrespondentin und Tochter eines schlesiendeutschen Bergmanns. Der Vater: technischer Zeichner und Sohn rheinland-pfälzischer Kleinbauern.“

Aus diesem Material setzt sich dann das soziologische Material in Gestalt eines Durchschnittskindes in der Gesellschaft ab wie ausgegorene Maische. Jeder Lebensabschnitt bedient eigene Erwartungen, die mit Privilegien erfüllt werden. „Ich habe ein eigenes Zimmer. Ich muss mein Taschengeld nicht sparen. Niemand sagt, dass ich stinke. Ich werde geliebt und das ist normal.“ (97)

Diese positiven Beschreibungen erzeugen Selbstbewusstsein und das Gefühl, dass man etwas dafür tun muss, um diese Privilegien zu erreichen und zu halten. Auch für diese Sätze dienen wieder die Eltern als die ersten Satz-Erzeuger. Spielerisch analysiert die Protagonistin, wie etwa das Küchenfenster des Vaters und das der Mutter ausgesehen hat. Aus solchen Übungen erwachsen dann Listen, die die Lebenswelt der Eltern und später auch die eigene beschreiben. Gerade die einfachsten Fragen bringen oft ein erstaunliches Lebensgefühl zu Tage.

Vater und Mutter wollen ein Haus. Lass uns ein Haus bauen. Wozu ein Haus, wir haben ein Haus? Aber kein neues. Wozu, warum ein neues? Keine Ahnung, was soll man sonst mit seinem Geld anfangen? Keine Ahnung, Leben? Leben? Keine Ahnung, also gut, bauen wir ein Haus. Na also.“ (112)

Dieser Dialog wie aus dem sprichwörtlichen Bilderbuch erklärt alles und nichts, aber aus dieser Melange von Überfluss und Langeweile entsteht das vollendete Leben, das für das Kind zu einer Aufstiegsgeschichte wird.

Zeige deine Klasse ist ein raffinierter Sozio-Spiegel, wer immer hineinblickt, sieht sich selbst in einem völlig neuen Zusammenhang. Denn die Geschichte der Protagonistin ist nur ein Fallbeispiel, in Wirklichkeit liest jeder seine intime und persönliche Geschichte heraus. Abenteuerlich raffiniert.


Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft.

Hamburg: Hoffmann & Campe 2018. 249 Seiten. EUR 20,60. ISBN 978-3-455-00431-1.

Daniela Dröscher, geb. 1977, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 08/10/18



GEGENWARTSLITERATUR 2780

Bad Weihnachten

Ausgrabungen werden später einmal bestätigen, dass Weihnachten das wichtigste Ereignis jener kapitalistischen Gesellschaft gewesen ist, in der sich einmal im Jahr das Volk wie die Tiere auf die kleinen Geschenke eine gigantischen Konsums gestürzt haben. Längst haben alle Schriftsteller, die sich mit der konkreten Welt beschäftigen, ein Weihnachtsprogramm im Repertoire. Sei es, um daraus zu jeder Jahreszeit spontan vorlesen zu können, sei es auch, um an alten Krippen-Mythen die eigene Erzähltheorie zu schärfen.

Für Ludwig Roman Fleischer ist es schon das dritte Mal, dass er sich mit Weihnachten auseinandersetzt. Nach Herbergssuche (1995) und Letzte Weihnachten (2000) muss er sich mit Bad Weihnachten abermals mit dem „unbeweglichen Fest“ beschäftigen, wie er stolz im Geleitwort verkündet. In den siebzehn Erzählungen holt er dann das Letzte aus der österreichischen Seele, um daraus ein paar Weihnachtstropfen herauszupressen.

Denn Weihnachten ist vor allem eine Angelegenheit der Differenz. Die Gegenwart ist nicht mehr das, was alles früher war, die Kindheit verzerrt die Größenordnungen der Dinge und Gefühle, das Marketing für den Alltag verläuft anders, als jenes für die Fest-Zeit, die Realität ist immer anders als die Projektion von was. Letztlich steckt in jeder Geschichte ein Fuzzel von Weihnachten, wahrscheinlich kann man es nicht erforschen, nicht einmal mit Psychoanalyse.

In der Eröffnungsgeschichte „Christkindpuppe“ stapft denn auch Martin, der mittlerweile in Tucson wohnt, bei einem Europaaufenthalt in den Keller seiner Kindheit und findet tatsächlich eine Puppe ohne Kopf, die seinerzeit alle wahnsinnig gemacht hat. Versteckspiel, Kinderschändung, schale Erotik, Kinderspiel, Aufwachsen, Denunzieren: alles bricht auf den Schatzjäger der eigenen Kindheit herein. Sachen, die man nicht erklären konnte, hat damals einfach das Christkind gebracht. Er wird die kopflose Gestalt vielleicht nach Tucson mitnehmen und im Garten bestatten.

Sehr ökonomisch und wirtschaftsklug arbeitet in der Geschichte „Punschverschwörung“ eine Truppe von Advents-Standlern. Seit Jahren schon gestalten sie den Adventsmarkt, der sich auf Punsch spezialisiert hat. Jeder hat seine Rolle und seinen persönlichen Fetzen, alle saufen sich harmonisch dem Fest entgegen. Aktuell freilich stört ein Frischling die Ruhe, weil er mit seinem Bio-Punsch Wirbel in die dröge Feierstimmung bringt. Eindringlinge muss man mit speziellen Waffen schlagen. Die Altstandler verschenken ihre Punsch-Häferln und zwingen so den Biomenschen, dass er das Pfand für alle zurückerstattet. Das bringt ihm den Ruin und der Gesellschaft wieder Feierstimmung.

Weihnachten ist vor allem deshalb so populär, weil darin die geilste Sexgeschichte der Menschheit aufgeführt wird. Also dass jemand unbemerkt schwanger wird und dann der Nährvater einspringen muss, das erfasst jedes Herz, das schon einmal sexuell tätig gewesen ist. Eine Mädchenklasse für höhere Frauenberufe spielt die Geschichte nach, indem sich alle beim Landausflug vom Schwarm-Lehrer schwängern lassen. Zu Hause kommen dann pünktlich die kleinen Christkindlein auf die Welt, die Mädchen haben auch meist einen passenden Nährvater zur Hand. Nur dem Lehrer bekommt diese Heilsgeschichte nicht gut, die Behörde steigt ihm auf die Füße.

In der titelgebenden Geschichte stellt ein Dorf auf ganzjährigen Weihnachtsbetrieb um. Diverse Umbauten sind nötig, unter anderem wird auch eine Heilquelle gebohrt und ein Wellness-Tempel angelegt. Um auf die tolle Stimmung hinzuweisen, nennt sich der Ort Bad Weihnachten. Ein Schelm, der das Bad falsch liest!

Ludwig Roman Fleischer kratzt aus allen Fugen und Brüchen der Gesellschaft weihnachtlichen Erzähl-Lametter heraus. Seine Geschichten zeigen auf brutal-groteske Art, wie weihnachtskontaminiert die Umwelt bereits ist. Von der entlegendsten Kindheit bis in die fruchtbarste Landwoche der Kids hinein wackelt der Weihnachtsengel mit dem Zeigefinger und ruft: Kauf, erinnere dich, erniedrige dich, der große Konsum ist gekommen.


Ludwig Roman Fleischer: Bad Weihnachten. Erzählungen im Lärm der stillsten Zeit.

Klagenfurt: Sisyphus 2018. 141 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-903125-33-9.

Ludwig Roman Fleischer, geb. 1952 in Wien, lebt in Wien und Feld am See.

Helmuth Schönauer 21/10/18



GEGENWARTSLITERATUR 2774

Nach dem Fest

Feste sind allgemein dazu da, um etwas zu vertuschen oder aufzuputschen. Wer etwas von der nackten Realität erfahren will, muss die Zeit nach dem Fest abwarten.

Christine Haidegger erzählt klugerweise immer so lange, bis das Fest an der Oberfläche vorbei ist, damit sich die Helden dann der nüchternen Wahrheit zuwenden können. In den fünfzehn Erzählungen werden die Helden vielleicht abschließend geliebt, aber es wird ihnen nichts geschenkt. Die Figuren der Christine Haidegger erkennt man daran, dass sie sich das Überleben erarbeiten müssen.

In der Titelgebenden Geschichte rüstet eine überschaubare Familie zum Weihnachtsfest. Die Kids sind schon in der Welt unterwegs, die Alten halten zumindest einmal im Jahr den ganzen Haufen zusammen. Die Vorbereitungen für so ein Fest sind schon seit der Nachkriegszeit anstrengend und haben offensichtlich nichts mit dem Konsum zu tun, der naturgemäß jedes Jahr üppiger wird. Das Fest wird durch Rituale und Erinnerungen in eine Form gegossen, die es allen ermöglicht, herumzusitzen, obwohl man sich fehl am Platz fühlt. Nach der Kleinidyll-Zeremonie bricht dann bei den Alten alles zusammen. Er ist zu Weihnachten gekündigt worden und hat im neuen Jahr keine Arbeit mehr, sie hat die Feiertage über tapfer die Diagnose hinuntergeschluckt und muss sich jetzt ihrer Krebserkrankung stellen. Aber das ist eine andere Geschichte, nämlich jene, wo es nichts mehr zum Übertünchen gibt.

Unter dem unauffälligen Titel „Heimatlos“ versucht nach dem Krieg eine Familie ein Haus zu bauen und in der neuen Zeit Fuß zu fassen. Aus allen Teilen Europas sind die Überlebenden zusammengekommen und versuchen etwas gemeinsames zu erleben, indem sie überall Häuser bauen. Aber in diesem Fall geht alles schief, Suizid und Krankheit raffen die Eltern hinweg und das Kind bleibt mit den Trümmern übrig. Von Ferne winkt wie zum Hohn ein Baustellenplakat: Wir bauen Österreich.

Unter den Begriff „Zwischenraum“ fällt eine Frau aus Indien, deren Studium in Österreich noch nicht anerkannt ist, weshalb sie als Putzfrau arbeiten muss. In der Videoüberwachten Anlage putzt sie ihre Touren herunter, aber dann verschwindet sie im Zwischenraum der Überwachungskameras. Sie gönnt sich einen Kaffee aus dem Dienstautomaten und schläft dann noch ein paar Sequenzen im Putzraum. Sie ist Teil einer großen Anlage, aber eben in einer unsichtbaren Zone, die weder privat noch öffentlich ist. Zu Tageslichtstunden lernt sie für Prüfungen, damit ihr Studium anerkannt wird. Sie wird diesen Zwischenraum verlassen, aber es ist nicht sicher, ob was anderes daraus wird.

In der Erzählung „Bauernkind“ wird der Mythos von der freien Landwirtschaft in den Alpen völlig schnörkellos erzählt. Das Hoamatl hat nichts mehr abgeworfen und das Bauernkind von damals hat alles verkauft und ist ein normaler Mensch geworden. Jetzt freilich ist das Leben vorbei und es gilt, das Sterben hinzukriegen, was einen Besuch in der Kindheit notwendig macht. Die Pflegerin des Helden kapiert diesen Zusammenhang und pflegt das Bauernkind, bis es als Kind gestorben ist. Über der Geschichte schwebt der schöne Satz des Salzburger Autors Fritz Popp: „Der Körper ist der Ort, wo gestorben wird.“ (171)

Christine Haideggers Geschichten leben vom Nachklang, vom Geräusch des Aufräumens, von der Leere der Becher, die hastig und maßlos geleert worden sind.


Christine Haidegger: Nach dem Fest. Erzählungen.

Salzburg: Otto Müller Verlag 2018. 176 Seiten. EUR 20,-. ISBN 3-7013-1263-4.

Christine Haidegger, geb. 1942 in Dortmund, lebt in Salzburg.

Helmuth Schönauer 03/10/18



TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2775

Das ist mein Fenster

Von innen wie von außen betrachtet: „Das ist mein Fenster“ ist die ideale Positionierung eines Dichters. Von außen sieht er sein Fenster, wenn er vom Ausgang zurückkommt, um weiterzudichten. Innen sitzt er dann an seinem Fenster, das Aussicht auf die Welt ermöglicht.

Peter Henisch lässt sich mit zwei Vorzügen beschreiben. Er war immer schon da und er hat sein Material immer wieder umgewälzt und neu gestaltet. So muss man mit der Geschichte umgehen: Immer hellwach anwesend sein um sie sorgfältig aufzuarbeiten und neu zu schreiben!

Kurt Neumann weist im Nachwort darauf hin, dass sich die Gedichte von Peter Henisch nach den klassischen Methoden nicht edieren lassen, das ist das Schwierige daran. Andererseits ist jede Ordnung, die aus einer Tagesverfassung entspringt, für diesen Tag relevant, das macht es leichter, bei der Herausgabe der Gedichte alles richtig zu machen.

Die Texte haben natürlich den Beat, mit dem sie aus dem Alltag herausgeschlagen sind. Oft sind sie selbst Musik, oft lassen sie sich wie ein Untertext zu einem Musikstück abspielen. Wie es bei Songs üblich ist, haben sie einen schmerzvoll-romantischen Aufhänger und gehen dann oft in ein langes Epos über. Wenn ein Gedicht nicht ausreicht, um ein Thema zu befriedigen, erwächst daraus eben eine kleine Sammlung.

Mit ausführlichen Registern ausgestattet liegt das Konvolut eher wie ein historisches Lexikon in der Hand, als dass es etwas Zerbrechliches eines Lyrikbandes hätte. Am ehesten hilft der Vergleich mit einem Yellow-Reader, wie ihn die damaligen Generationen beim Autostoppen und Interrailen am Rucksack hängen hatten. Solche Reader dienten für alles, als Lektüre, Nachschlagewerk für Gefühle, Kopfpolster und zwischendurch als Umhüllung von Joints, für die man zuerst die unwichtigen und dann die wichtigeren Seiten opferte, bis der Reader leergeraucht war.

Peter Henisch gelingt das Verrückte, dass er zwar Texte auf Gegenwart machen kann, dass sie aber dennoch den Hauch der Entstehungszeit behalten. Dabei kommen Genres zum Vorschein, die sich nicht durchgesetzt haben und wie abtrünnige Erfindungen stumm ihre Potenz zeigen. Licht- und Schattenbilder, Terrassentexte, Waldtexte, Begleittexte zu Romanen. Peter Henisch schafft mit dieser Methode eine eigene Geschichtsschreibung, indem er für jede Zeit ein eigenes Genre entwickelt.

Und selbst das Inhaltsverzeichnis dieses Readers ist ein Gedicht. „Markierungen / Lokale Verhältnisse / Zwischeneiszeit / Rück- und Vorblenden / Hierzuland / Zur Lage.“ Aus dem Angebot schafft sich der Leser wohl seine eigene Biographie, indem er die kollektiven Bausteine dieser Lyrik für sein eigenes Spiel verwendet.

Im „Wortklauber“, der der Sammlung als erstes Gedicht eingeritzt ist, sind dann wie in einer Glaskugel sämtliche Wörter vorhanden, durch Schütteln kann man es lyrisch schneien lassen, wundersam abgeklärt.

der den ich suche / soll wortklauber sein // ein ehrenwertes geschäft / wenn man auch krumm wird / vom bücken // der den ich gefunden habe / versteht diesen job nicht // immer / hebt er / die falschen wörter auf“ (13)


Peter Henisch: Das ist mein Fenster. Fast alle Gedichte und Songs. Mit einem Nachwort von Kurt Neumann.

Wien: Sonderzahl 2018. 406 Seiten. EUR 25,-. ISBN 978-3-85449-518-5.

Peter Henisch, geb. 1943 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 15/10/18



GEGENWARTSLITERATUR 2776

Die letzte Grenze

Eine Grenze im Gelände ruft immer zwei Komponenten zur Räson: Die Ästhetik und die Moral. Keine Autorin darf zugeben, dass es sich bei der Grenze auch um etwas Ergreifendes und Schönes handeln kann, vor allem wenn die Grenze auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Und jeder muss nach dem augenblicklich korrekten Wertekatalog empört ausnüstern, wenn es um eine Grenze geht, die womöglich auch noch Menschen aufhalten soll. Eine Grenze badet immer das aus, was in den Zentren angerührt oder verbockt wird.

Kapka Kassabova legt ihre Grenztour als letztlich romantische Reise rund um Bulgarien an. Einst ist sie aus Sofia ausgewandert und lebt nun glücklich in den schottischen Highlands, wie sie selbst immer wieder hervorhebt. Aus der satten Sicherheit des Grünlandes blickt sie noch einmal auf ihre ehemalige Heimat Bulgarien, das seine Grenzkraft in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat. Aus dem Grenzgebiet von NATO und Warschauer Pakt ist mittlerweile eine Gegend geworden, worin EU und Migration ihr erstes Aufeinandertreffen abwickeln müssen.

Am Umschlag ist in Gestalt einer Schatzsuche-Karte das Grenzgebiet umrissen, das für die Erlebnissammlung die Kulisse bietet. Zwischen Schwarzem Meer, Thrakien und dem Rhodopen-Gebirge taucht eine historisch klug ausgefeilte Landschaft empor, worin sich seit Jahrtausenden Grenzgänger und Grenzgebietler angesiedelt haben. Daher sind die einzelnen Abschnitte zuerst mit einem historisch-mythisch-geologischen Konstrukt bespannt, ehe dann die Ich-Erzählerin ihre Reiseeindrücke in Geschichten verarbeitet.

So taucht einmal die schlichte Zahl „415“ auf, die bedeutet, dass so viele Menschen im kommunistischen Bulgarien in diesem Grenzgebiet als Touristen verlorengegangen und vermisst worden sind. Während das alte Thrakische in den Gesichtern der Bewohner als genetisch bedingte Schönheit eingraviert ist, hinterlässt die jüngere Geschichte schmerzliche Spuren in den Gesichtern der Alten.

Nicht zu vergessen die Nazis, die auch in diesem Grenzgebiet gewütet haben und heute noch bei den Nachfahren der Überlebenden Schrecken auslösen, wenn deren Nachfahren in Gestalt von Euro-Rettung das Land abermals devastieren.

Aber die Bevölkerung nimmt es oft auch mit Humor und Sprichwörtern, wenn es etwa darum geht, dass ein Grieche seine Frau und ein Türke die Familie seiner Frau heiratet.

Natürlich sind die Episoden literarisch aufgemotzt. So eine Anhäufung von interessanten Begebenheiten erlebt jemand nur dann, wenn er ein Stipendium für diese Recherchen gewonnen hat. Ehrensache, dass im Sinne der Produkt-Platzierung im Abspann wieder eine Orgie von Grüßen und Dankesfloskeln kommt, die über den gesamten Text ein schales, nach faulen Eiern riechendes Grundgeräusch legt.

In Nebensätzen sind dann immer die wahren Geschichten verborgen, etwa dass in den Hotels entlegener Städtchen immer auch Geologen übernachten, die für eine Bergbaugesellschaft nach neuen Abbaugebieten unterwegs sind. Da wirkt die Autorin, die Geschichten schürfen soll, geradezu lächerlich naiv.

Was diesen Grenzgeschichten fehlt ist die erzählerische Grundhaltung. Wenn man sich vor Augen hält, mit welchem philosophischen Verve die anerkannten Grenzschreiber Andrzej Stasiuk oder Karl-Markus Gauß unterwegs sind, so schmerzt dieser schottisch feuchte Zugang, bei dem es nur darauf ankommt, für die Interviews mit den Einheimischen auch ordentlich geschminkt zu sein, damit man in eine Sendung kommt.

Nicht Fisch und nicht Fleisch, kein Roman und kein Reisebericht, ein Stipendium-Gewinn eben.


Kapka Kassabova: Die letzte Grenze. Am Rand Europas, in der Mitte der Welt. A. d. Engl. von Brigitte Hilzensauer. [Orig.: „Border. A Journey to the Edge of Europe“, London 2017].

Wien: Zsolnay 2018. 382 Seiten. EUR 26,80. ISBN 978-3-552-05907-8.

Kapka Kassabova, geb. 1973 in Sofia, lebt in Schottland.

Helmuth Schönauer 16/10/18



GEGENWARTSLITERATUR 2777

Das Buch, in dem sie Kontakt aufnehmen

Wenn es gelingt, einen ausgeprägten Markentitel anzuzapfen und umzuformen, spart man sich auf jeden Fall viele Marketing-Kosten und kann mit einem eleganten Handstreich Weltgeltung erlangen. „Das Buch, in dem sie Kontakt aufnehmen“ erinnert natürlich sofort an diesen Menschheitsfilm „Odyssee 2010, das Jahr in dem sie Kontakt aufnehmen“. Wie eine Gebetsfloskel löst diese majestätische Fügung Schaudern, offenes Herz und Weltall-Stimmung aus.

Ilse Kilics Erzählkonzept ist seit Jahren darauf aus, an vorhandene Stoffe anzudocken, Behauptungen zu relativieren und Thesen in gutmütige Merksätze umzuformen. Die Protagonisten dieser Abenteuer sind dabei meist im Fröhlichen Wohnzimmer installiert, einer Institution, die den alten revolutionären Zusammenhang zwischen Öffentlichem und Privatem jeden Tag neu inszeniert. Rund um diesen Zusammenlebenskern ist die österreichische Gegenwartsliteratur installiert, die mit Fangarmen der Grazer Autorenversammlung in das Geschehen einzugreifen versucht, was aber selten gelingt, da die GAV eine ausgesprochen auf Retro angelegte Inszenierung ist, die nur reagieren aber nicht agieren kann. Und in der äußersten Schale dieses Handlungskonglomerats taucht dann der Leser auf, der manchmal ins Geschehen hineingezogen wird, dann aber wieder unterhalten wird, manchmal wird der Leser sogar aus dem Buch fortgeschickt.

Die Autorin tritt scheinbar mit echtem Namen auf und bereitet sich auf die Teilnahme an einen Kongress vor, den man nur über das schwarze Loch betreten kann. Die Reisevorbereitungen sind der eigentliche Sinn so eines Kongresses, denn einmal dort angekommen, weiß niemand mehr, worum es geht.

So sind auch im gegebenen Fall die Teilnehmer durchaus fröhlich und witzig, wenn sie sich Gedanken über das Po-wackeln machen, aber bei dem einen oder anderen bricht die Frage nach dem Sinn auf.

Dieser Frage versucht sich auch die fiktionale Autorin zu stellen, indem sie ständig Inszenierungen vorschlägt, die wie in der klassischen Postmoderne Zeile für Zeile konstruiert und anhand der Anwendung durch den Leser wieder dekonstruiert. So erweist sich alles als richtig und brauchbar, ist aber bei genauerem Abklopfen hohl.

Was in der Literaturwissenschaft als interessant und unverbindlich abgetan wird, weil man ja immer wieder den Kongress wechseln kann, scheint im eingeschweißten Leben nicht so recht zu funktionieren. Wie könnte es sonst sein, dass der Heldin anlässlich einer Krebserkrankung alle diese Konstrukte als wirkungslos erscheinen?

Mit pompösen Überschriften wie „Die Unruhe in der Figur. Mobilisierung des Imaginären“ (81) wird versucht, mit den Gegebenheiten Kontakt aufzunehmen. Oft lässt sich etwas beruhigen, wenn man eine gute Überschrift dafür hat, um es zu zähmen und zu kanalisieren. Am anderen Ende der Überschrift stehen meist Merksätze, worin das Unerklärbare in eine Faustregel gezwängt wird. (124) „Merksatz 14: Ich suche nicht des Lebens Sinn, weil ich dieser selber bin. Merksatz 15: Mein Liedlein geb ich nicht her.“

Dieser Merksatz ist gleichzeitig ein Buchtitel der Autorin, der erste, der das Sinnieren und Schreiben ausgelöst hat. Damit schließt sich auch der Kreis zum Universum, denn der aktuelle Buchtitel ist eine klangliche Annäherung an die große Odyssee 2010.

Und dazwischen sind diese täglichen Überraschungen eingelagert, wenn sich Helden nicht planen lassen, Leser anders als erwartet reagieren, und die Helden am falschen Programm werken. Tatsächlich sind auch viele germanistische Züge in diesem wohlwollenden Chaos zu entdecken.


Ilse Kilic: Das Buch, in dem sie Kontakt aufnehmen.

Klagenfurt: Ritter 2018. 124 Seiten. EUR 13,90. ISBN 978-3-85415-582-9.

Ilse Kilic, geb. 1958, lebt im Fröhlichen Wohnzimmer in Wien.

Helmuth Schönauer 14/10/18



GEGENWARTSLITERATUR 2771

Im Vorgarten der Palme

Die großen Dinge wie Liebe, Glück und Zufriedenheit sind oft nur deshalb so schwer zu erreichen, weil es keine gesicherten Erfahrungsparameter dafür gibt.

Bernhard Strobel baut in einer Siedlung einen üppigen Glückskosmos auf, der so reichhaltig bestückt ist, dass einem das Glück als gebratene Taube in den Mund fliegt. Aus Gründen des umgreifenden Tierschutzes ist diese Taube freilich als Palme ausgestaltet und steht in einem Vorgarten.

Ein gewisser Leidegger scheint es trotz seines ominösen Namens geschafft zu haben. Er hat Arbeit, ein Haus mit Vorgarten und eine Frau, die auf den Namen Martina hört und soeben ein Kind gekriegt hat. In dieser minimalistischen Konstellation liegt aber auch das Fatale. Wie kann er ein Verhältnis zu seiner frisch geborenen Tochter entwickeln, wenn bei jeder Empfindung die Frau dazwischengeht?

Der Held ist sich sicher, dass er das Glück fassen könnte, wenn es sich eindeutig äußern würde. Aber die ganze Welt ist mehrdeutig, fake-ig und voller Widersprüche. Eine kleine Szene zieht sich als inszenierte Hölle durch den Roman. Hat Leidegger, als er von der Geburt seiner Tochter erfahren hat, seine ehemalige Freundin davon verständigt, wie Martina argwöhnt, oder nicht? Denn auch Martina äußert sich durchaus zweideutig und fühlt sich als zweite Wahl. Vielleicht hätte Leidegger doch lieber die Tochter mit der Vorgängerin zeugen sollen.

In dieser wackeligen Idylle steht die Palme eisern im Vorgarten. Sie ist das Erste, was Leidegger sieht, wenn er nach Hause kommt, und das Letzte, wenn er noch einmal eine Runde dreht, weil er es zu Hause nicht aushält.

In der Idylle und im Schmerz verlässt einen das Zeitgefühl, die erzählte Woche fühlt sich wie ein langes, verhunztes Leben an. Der Held bemüht sich um Martina, macht aber immer etwas falsch, beispielsweise vergisst er den Kuss, nachdem er den Tochterkuss abgesetzt hat. Dann wiederum stimmt die Raumaufteilung nicht, man kommt sich zu nahe oder vermutet eine Intrige, wenn eines der beiden im Garten sitzt. Schließlich zieht Martina kurz einmal aus, aber es muss nichts bedeuten, zumal ja die Schwiegermutter auftaucht und alles in den rosaroten Bereich zu drehen wünscht.

In Leideggers Körper war eine Unruhe, aus der heraus keine Beruhigung stattfinden konnte. […] Im Vorgarten hockte er sich neben die Palme, betastete die Erde im Trog und stellte fest, dass sie nicht zu feucht war.“ (75)

Allmählich kollabiert Leidegger auf allen Ebenen. Er holt eine alte Dart-Scheibe aus Kindheitstagen hervor und gleitet in einen Schwindelanfall. Das Wochenende erweist sich erst nach dem Wochenende als richtig anstrengend, wenn man überlegt, was alles übers Wochenende schief gegangen ist. Es kommt die Stunde, da braucht es kein Rechtfertigen mehr, „denn auf einmal war alles falsch geworden“. Leidegger stellt mit Entsetzen fest, dass er schon länger nicht mehr nach der Palme gesehen hat. Er stellt sich eine Katastrophe mit Palme vor, damit die echte Begegnung im Vorgarten nicht so schlimm wäre. Aber einmal im Katastrophenmodus hochgefahren, gibt es kein Entrinnen mehr. Leidegger schaut die vor seine Augen projizierten Bilder an. „Nur rennen, rennen wollte er. Nichts sehen müssen, nur rennen.“ (185)

Thomas Strobel erzählt dokumentarisch kühl von einer Wahrnehmungskatastrophe, worin es letztlich keinen Halt mehr für den Helden gibt. Wenn die Sicht auf die Dinge verstört ist, werden die Dinge selbst verstört und schlagen zurück. Zwischen den Bildern des Unglücks und dem Unglück wird selbst der ausgefuchsteste Held zermalmt. Und das ganze Unglück besteht darin, dass es keine Gewissheit gibt, wie Wittgenstein sagen würde. - Als Leser wird man ordentlich auf die Palme gebracht.


Bernhard Strobel: Im Vorgarten der Palme. Roman.

Graz: Droschl 2018. 185 Seiten. EUR 20,-. ISBN 978-3-99059-019-5.

Bernhard Strobel, geb. 1982 in Wien, lebt in Neusiedl am See.

Helmuth Schönauer 02/10/18



GEGENWARTSLITERATUR 2772

Himmelsstiege oder Ein bitterer Gang

Die Himmelsstiege kann durchaus auch als Paradoxon gelesen werden: Während jemand philosophisch den Weg der Befreiung erklimmt, macht er die Hölle der Schwerkraft und anderer körperlicher Handicaps mit.

Reinhard Wegerths literarische Quelle ist das eigene Leben, das ständig zwischen hell und dunkel oszilliert. Erzähltechnisch geht er einen raffinierten Weg, indem er die hellen Stellen im Buch „Damals und dort“ zusammenfasst, die dunklen Streifen aber mit dem hellen Titel „Himmelsstiege“ erzählt.

Die Himmelsstiege ist ein literarisches Protokoll einer Krebserkrankung, die still und logisch zum Tode führt. Solche Krankengeschichten laufen tausendfach in einer Stadt ab und dennoch ist jedes einzelne Schicksal ein einzigartige Erzählung. Der Ich-Erzähler protokolliert den Durchgang seiner Frau durch die klinischen Instanzen, ein Vorgang, der für jeden Protagonisten eine einzigartige, wenn auch unheimliche Art ist, mit völlig neuen Schattierungen von Krankheit und Zutrauen auf das Unbekannte loszugehen.

Der Ich-Erzähler ist an logisches Denken gewöhnt und glaubt, ähnlich einem Bibliothekar, an eine gewisse Ordnung. So wie der Bibliothekar glaubt, das Chaos der Literatur mit dem Alphabet bekämpfen zu können, indem er die Bücher beispielsweise alphabetisch aufstellt, so denkt der Erzähler an eine ordnende Kraft der Krankheit.

Deshalb ist die Erzählung zum Tod nicht von ungefähr in 26 Abschnitte gegliedert, die einem Alphabet ähneln. Gleichzeitig bekommt jedes Kapitel einen Dreifaltigkeitsbegriff als Überschrift. „Notaufnahme – in der Röhre – Verfärbungen; Himmelsstiege – dringliche Vorhaben – Hausärztin; Anknüpfungspunkte – Primar – Biopsie“. Die entsprechenden Sequenzen werden dann mit einem kalten Einsatz der Absätze abgewickelt. Jeder Satz hat einen unsichtbaren emotionalen Teil, der miterzählt wird. Das Aufgeschriebene setzt wie in diesen Interviews ein, wo sich ein Betroffener zuerst vor der Kameras schütteln muss, ehe er mit belegter Stimme einen Satz herausräuspert.

Diese Überschriften geben einen ersten Halt, weil sie eine Ordnung darstellen, mit der diverse Instanzen angefleht werden. Medizinische Titel wie Primar, Fachausdrücke wie Röhre und Ablenkungsmanöver wie eine intime Reise ans Mittelmeer zur Himmelsstiege greifen ineinander über und sollen den Fortgang des Krebses unauffällig dokumentieren. Denn die Dramaturgie dieses Krebses ist dramatisch.

So wie Schwangere nur Schwangere um sich sehen und Dichter nur von Lesern umgeben sind, sieht auch der Kranke in jeder Figur einen potentiellen Mitkranken. Als die Frau des Erzählers von ihrer Erkrankung erfährt, fällt der Blick sofort auf diverse Zeitungen, in denen die damalige Gesundheitsministerin mit ihrer Krebserkrankung kämpft.

Die Erzählung gibt beiden Mut, dem Autor und dem Publikum. Während der Leser das beinharte Protokoll liest als mögliches Überlebenstraining für den eigenen Fall X, liefert die Erzählung dem Schreiber tatsächlich Lebenssinn und Gestaltung. Plötzlich kann der Autor eingreifen in den Stoff, ihn gliedern, ausleuchten und „veredeln“, und wird nicht mehr davongeschoben von der Erlebnismasse des Tagwerks.

Für den Leser tut sich in dieser diskreten Geschichte zusätzlich etwas Positives auf, die Geschichte wird zu einer übertragbaren Liebesgeschichte. Ja, so könnte es gehen, dass man dem Ende zwar nicht entkommt, den bitteren Gang aber als Himmelsstiege eines mediterran-hellen Lebens empfindet.

Gingen mein Sohn und ich nach einer halben Stunde hinauf, war der Verabschiedungsraum klimatisiert, gekühlt, lag dort meine Frau, seine Mutter, auf dem Rollbett, Blütenblätter auf ihrer Decke verteilt [...]“ (112)


Reinhard Wegerth: Himmelsstiege oder Ein bitterer Gang. Erzählung.

Klagenfurt: Sisyphus 2018. 114 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-903125-28-5.

Reinhard Wegerth, geb. 1950, lebt in Mödling.

Helmuth Schönauer 05/10/18