Natura morta

Der Marktplatz gilt ja generell als der Inbegriff für Handel, Leben, Geruch, Lärm und Kommunikation. Wenn sich nun Josef Winkler, der Meister des Totenrituals, dem Thema Marktplatz nähert, entsteht daraus beinahe automatisch eine Novelle um Leben und Tod. Mit hochsensiblen Sinnesorganen ausgestattet wird ein Spektator über die Piazza Vittore Emanuele vor den Toren des Vatikans geschickt, der Beobachter berichtet mit großer Genauigkeit und scheinbar ohne persönliche Färbung. Genaugenommen sind es nur die Organe, die berichten, das gesamte Areal wird zu einem Tummelplatz einer hochgradigen Bildbeschreibung, bei der sich allerdings auch Gerüche ständig in den Blick mischen. Der Blick fällt auf die toten Tiere, die ständig halbiert werden, Innereien tropfen pflichtbewußt auf ein Papier mit Wasserzeichen, das Wasserzeichen des Todes vermischt sich mit den Innereien, die bald selbst darin aufgehen. Früchte und Gemüsen sind nach einer seltsamen Ordnung ausgesteckt und dienen wie später am Teller schon jetzt dem Aufputz des Fleisches, das immer wieder zerteilt werden muß. Der "Falke" dieser Novelle ist ein Verkehrsunfall der üblichen Art, jemand holt Pizza und wird wie der Spaghettikocher bei Robert Musil überfahren, dasGehirn legt sich ordnungsgemäß zu den Hirnhälften der Tiere, die gerade ihr Wasserzeichen empfangen haben. Jemand wischt das Blut aus dem Bart des frisch Überfahrenen, damit das Bouquet des schweren Todesgeruches nicht aufgehalten wird von einem unsymmetrischen Blick. Der Text ist in sechs Abschnitte unterteilt, die vom Tod, sowie rotem und weißem Ginster handeln, ein bedrückendes Todesmotto in einem Italienisch des Todes sorgt samt deutscher Übersetzung dafür, daß die Strahlung der letzten Dinge focussiuert wird auf den daran anschließenden Text. Josef Winkler läuft mit dieser Prosa zur Höchstform auf, lakonisch werden Bilder und Gesprächsfetzen verschnitten, nichts geschieht, weil alles schon geschehen ist, indem es ausgebreitet wird vor dem Auge des Lesers. Der Autor arrangiert mit Sorgfalt seine Utensilien und gleicht darin einem Haubenkoch des Todes.

Josef Winkler: Natura morta. Eine römische Novelle. Frankfurt/M: Suhrkamp 2001. 101 Seiten. 231,- ATS. 16,80. ISBN 3-518-41269-8

Josef Winkler, geb. 1953,lebt in Klagenfurt.

Helmuth Schönauer 19/07/01