Land jenseits der Stimmen

Es gibt diese Romane, die haben einen einzigartigen Sound, den man auf der ersten Seite aufnimmt und dem man zuhört, bis der Roman zu Ende ist. Rudy Wiebes Roman hat auf den ersten Blick mit Entdeckung, Abenteuer, Forschern und sogenannter Wildnis zu tun, aber sein Thema heißt eigentlich, wie entsteht eine Sprache, die uns berührt. Auf der Folie eines Abenteuerromans ziehen 1819 John Franklin und seine Challenge-Genossen der Britischen Admiralität ins unkartographierte Weite, um die sagenhafte Nordwestpassage zu suchen. Schon dieses Ansinnen ist deklariert als Suche nach dem Mythos angelegt, es ist gar nicht so wichtig, daß diese Passage entdeckt wird, es genügt, daß man sie sucht. In dieser Konstellation, halb historisch festgemacht an Tagebuchausrissen der Expedition, halb installiert als fiktionales Panorama, in dieser Konstellation agieren nun drei Sprachfelder. Einmal die mehr oder weniger auf Armee-Basis durchstrukturierte englische Sprache der Expedition, dann die Sprache der Einheimischen und schließlich die Sprache der Natur selbst, sei es in Tiergeräuschen oder im Atem der Botanik. Am ehesten kooperieren die Einheimischen aus dem Kulturkreis der Yellow-Knife mit der Natur, indem sie manches als Tabu erklären und anders aus gesicherter Distanz zu verstehen versuchen, die sogenannten Eroberer freilich kümmern sich weder um Natur noch Einheimische, sie schlagen eines ziemlich sinnloses Schneise durch die Semantik, die um so bedrohlicher wird, als die Expedition ins Stocken gerät und überwintern muß. In dieser Ausnahmesituation erstarrt das Sprachspiel zur existentiellen Überwinterung, aber dann geschieht doch noch das Wunder, die Liebe zwischen einem Offizier und der Tochter des Schamanen sprengt die eingefahrene Kommunikation auf. Wir erfahren, wie Sprache entsteht, Bedeutung, Sinn und Wirklichkeit. Bei Rudy Wiebe kann Sprachphilosophie völlig unterhaltsam und relaxend sein, und bleibt doch abenteuerlich wie ein guter Abenteuerroman.

Rudy Wiebe: Land jenseits der Stimmen. Roman. [A discovery of strangers]. A. d. Engl. von Joachim Utz.

Frankfurt/M: Eichborn 2001. 411 Seiten. 22,90. ISBN 3-8218-0845-4

Rudy Wiebe, geb. 1934, lebt im Nordwesten Kanadas.

Helmuth Schönauer 12/01/02