GEGENWARTSLITERATUR 1205

Musen der Platzangst

Oft sind die sogenannten "Making-Of"-Filme interessanter als die Filme selbst, denn gerade ein dynamisches Medium wie der Film braucht das Unfertige, Werkstatthafte als Rückgrat seiner Entfaltung. Markus R. Weber hat daher so etwas wie eine eigene Gattung kreiert, das "Making-Of" einer inszenierten Verfilmung, oder ein Drehbuch über das allmähliche Verfassen eines Drehbuchs.

Ausgangspunkt für die Überlegungen ist die idealfilmische Annahme, daß jemand gerade ein Grundstück mit allem Drum und Dran frei hätte, um darauf einen Film zu realisieren. Gedacht, getan, und weil gerade Stifters Hochwald semiologisch nach neuen Zeichen schreit, entschließt sich ein vage konturiertes Filmteam, Stifters "Hochwald" zu verfilmen.

Zu diesem Zweck muß in größter Eile ein Drehbuch geschrieben werden. Rezipierte Horrorfilme stellen ein Grundmuster dar, worauf Handlungsäste aus Stifters Hochwald elegant eingefügt oder überschrieben werden.

Und siehe da, die Methode funktioniert. Stifters Set und die Grammatik des Horrorfilms ergeben eine blutrünstige Seelenbeschreibung mit Filmblut.

Ähnlich dem Thesenfilm von Lars von Trier arbeitet auch Markus R. Weber vorgebliche Grundthesen in den Roman, der daraufhin das Deskriptiv-Animalische eines Nouveau Roman annimmt.

1. Regel: Eine unerfahrene läßt man am besten mit einer erfahrenen Schauspielerin zusammen spielen.

2. Regel: Den Zuschauer beteiligen, indem man ihm Information vorenthält.

3. Regel: Extra angstvolle Gesichter aufnehmen. Groß in die Augen - wenn man später noch etwas einfügen muß. Individuelle Angst archivieren.

4. Regel: Durch längere Passagen ohne Dialog eine unheimliche Atmosphäre erzeugen.

Als Leser muß man sich natürlich den persönlichen Film aus den Schlachtabfällen des Sets zusammendrehen. Konstruktivismus ist gefragt. Aber gerade diese Methode, das Blut des Horrors in durchsichtigen Adern durch das Erlebnisgelände zu pumpen, macht diesen Roman so aufregend.

Markus R. Weber: Musen der Platzangst. Roger Corman verfilmt Stifters "Hochwald".

Graz: Droschl 2002. 124 Seiten. 19,-.

ISBN 3-85420-616-X

Markus R. Weber, geb. 1963, lebt in Worms.

Helmuth Schönauer 14/11/02