Tod eines Kritikers

Manche Bücher haben eine so starke Event-Korona um sich, daß sie als solche nur schwer wahr genommen werden. Und bei der Beurteilung des Textes heißt der Schlüsselsatz dann immer, möglichst kühl bleiben und textgebunden.

Wegen eines abgelehnten Vorabdruckes in der FAZ ist Martin Walsers neuer Roman zu einem Politikum geworden. In dem ganzen Aufruhr geht es darum, ob man einen jüdischen Großkritiker als Vorlage für eine Karikatur verwenden darf. Ein großer Aufreger war schließlich der Satz, ab null Uhr wird zurückgeschossen. Darf so ein Satz, auch wenn er einer auf Erregung getrimmten Figur in den Mund gelegt wird, literarisch verwendet werden.

Der Roman ist also jetzt früher als geplant erschienen, es gibt keinen Klappentext, wie um zu dokumentieren, daß hier der reine Text und nichts als der Text an die Öffentlichkeit gelangt. Der inkriminierte Satz ist entschärft, es heißt jetzt, es wird zurückgeschlagen, was aber nichts bewirkt, weil in der Rezeption ohnehin immer alle Fassungen mitlaufen.

Die Story ist fast germanistisch schlicht, ein Großkritiker ist nach einer Performance im Fernsehen verschwunden, ein gekränkter Schriftsteller wird verdächtigt, ihn ermordet zu haben, ein anderer kommt dem in der Untersuchungshaft Einsitzenden zu Hilfe und open end.

Aber dieses Herausschälen von Verdächtigungen, Ritualen und Back-Store-Geschichten hat es in sich. Der Kritikerzirkus erweist sich als Ansammlung von Tages-Befindlichkeiten, Hormonabstürzen, sexuellen Abstechern und medienwirksamen Auspendeleien von geistigen Wasseradern, die alle auf Wasserkopfsprüche zurückzuführen sind. So bringt ein Roman mit dem glaubwürdigen Titel "Mädchen ohne Zehennägel" alle literarisierenden Figuren ordentlich in Fahrt.

Ein Roman ist ein Roman, deshalb geht von ihm eine große Genauigkeit bei der Beschreibung des Beschriebenen aus. So trivial könnte man die Wirkung des Textes zusammenfassen. Hier wird dem Literaturbetrieb ans Allerheiligste gegriffen, in dem der Literaturbetrieb als großer Bluff entlarvt wird.

Zeitgleich mit dem Erscheinen von "Tod eines Kritikers" werden etwa an den Börsen stündlich die Bluffs gefälschter Bilanzen bekannt, auf provinzieller Ebene diskutiert man, daß der Grand Prix der Volksmusik eine abgekartete Sache ist, na also, Bluff-Bluff allenthalben, deswegen ist die Welt nicht minder schön.

Wohl in einem heftigen Anfall von Altersironie hat Martin Walser einen seiner besten Romane geschrieben. "Tod eines Kritikers" ist eine witzige Abrechnung mit dem monomanischen Literaturgetue alter Herren, und nicht umsonst geistert Philip Roth im Text als bemerkenswerter Ironiker herum, der alle aufmischt. Bravo und lustig!

Martin Walser: Tod eines Kritikers. Roman.

Frankfurt/M: Suhrkamp 2002. 218 Seiten. 20,50.

ISBN 3-518-41378-3

Martin Walser, geb. 1927 in Wasserbur , lebt in Nußdorf.

Helmuth Schönauer 26/06/02