GEGENWARTSLITERATUR 1199

Born Bad

Wenn während der Lektüre einer verrückten Geschichte eine noch verrücktere Geschichte in der freien Wildbahn des Lebens draußen passiert, dann entsteht im Leser automatisch Bewunderung für den asymtotischen Realismus der Fiktion.

Andrew Vachss kommt in den Genuß einer solchen Bewunderung, immerhin scheint die Erzählung "Gesetz der Straße" [Orig. 1994] jene Mordserie vorwegzunehmen, die im Herbst 2002 den Landstrich um Washington heimgesucht hat. Während in der Realität zwei Männer aus einem Spezialkofferaum auf zufällige Tankkunden und Buschauffeure schießen, bestraft in der Kurzgeschichte ein Ich-Erzähler als Racheengel ungebührliches Verhalten im Straßenverkehr. Wer zu knapp auffährt oder falsch abbiegt, bingo, kriegt ein wenig später die Rechnung in Gestalt eines Projektils präsentiert.

In den Geschichten Andrew Vachss wimmelt es nur so von Gestörten, Ausgeklinkten und Abgekippten. Viele haben eine Strafe abgesessen und versuchen nur eines: möglichst lange den ersten Schritt in die nächste Falle hinauszuzögern. Denn unbarmherzig tief ist die Kluft zwischen einer bigotten Gesetzesmühle und einem in der US-Verfassung festgeschriebenen Drang nach Verfolgung des eigenen Glückes.

Durch Erfahrungen mit Gerichtsfilmen sind wir geduldig vorbereitet, in der sogenannten Gerichtssituation gleichmäßiges Pro und Kontra zu erleben. In Andrew Vachss Kurzgeschichten hingegen erzählt das handelnde Ich unbarmherzig monoman von seinen Aktionen. Da ist kein Platz für Logik und Justiz, da geht es um das Verknüpfen von Gefühlsketten und das Aufdröseln schräg gestellter Hormone.

"Born Bad" ist also eine schlechte Verfassung, die bei den Genen beginnt und als irrwitziger Versuch endet, diesen "schwarzen Peter" der eigenen Konstitution irgendwie weiter zu geben, und sei es durch ein keck abgefeuertes Projektil.

Die Protagonisten haben durchaus den Knall, den die Helden in Ellroy-Romanen immer haben. Aber dadurch, daß sich die Helden quasi in böse Chromosomen versprengt haben, entsteht so etwas wie ein Dauerfeuer mit böser Munition.

Und die einzelnen Sätze sind Leckerbissen einer ungustiösen Emulsion. "Er kam zögernd heraus - wie Eiter, der langsam aus einer Wunde gedrückt wird. Ein neuer Mann in Momys Leben." (127) Helden, die so auf die Bühne einer Beziehung treten, sind schon erledigt, ehe sie den ersten Satz gesagt haben.

"Born Bad" ist eine erregende Ansammlung von jenen Gestalten, die in die dunklen Hirnwindungen des gesellschaftlichen Bewußtseins geduckt sind.

Andrew Vachss: Born Bad. Stories. A.d.Amerikan. von Jürgen Bürger.

Frankfurt/M: Eichborn 2002. 219 Seiten. 19,50.

ISBN 3-8218-0923-X

Andrew Vachss, geb. 1944, lebt in New York und im Westen der USA.

Helmuth Schönauer 28/10/02