Schlangenkind

Nirgendwo ist die Kindheit so wild und unbarmherzig wie in Kärnten! In Schlangenkind erzählt ein Ich-Erzähler von seiner Kindheit in Kärnten und Pubertät in Salzburg. Mehr braucht es nicht, um ein dickes, schleimsattes Gel aufzukochen aus Sex, Gewalt und Sprachverstümmelung. Am Kärntner Hof hat der Großvater das Sagen und das Schlagen, mit seiner Trinkernase durchforstet er den Alltag nach Stunk, den er aber meist selber macht. Berüchtigt sind seine Gechlechtsverkehre, die er ansatzlos wie Schulungen am Repetiergewehr als Nachtübung in die Großmutter setzt. Mutter arbeitet tagsüber und hat an den Wochenenden eine reiche Kundschaft zu befriedigen. Der Ich-Erzähler ist ziemlich auf sich alleine gestellt, höchstens die Großmutter versteht ihn, ihr frisch gewaschener Hintern nach dem Bad ist der Inbegiff für Heimat. Sollte er einmal einen Heimatfilm drehen, würde er mit diesem Bild beginnen. Im zweiten Teil kommt der Erzähler zur Mutter in die Stadt Salzburg und wird wegen seines Kärntner Dialekts ausgelacht, ein Lehrer versucht sogar, die Zunge durch Reißen mit der bloßen Hand etwas zu dehnen, damit er nicht so kärntnerisch spricht. Langsam kommt die Pubertät und bringt viel Geilheit, die fast nicht in den Griff zu bekommen ist. Der Griff zum eigenen Genital wird in dieser Zeit zur Selbstverständlichkeit. Im letzten Teil verfällt die Mutter dem Alkohol, sie trägt mittlerweile Kleider in Waldfarben, die Männer haben sie als Spielzeug weggelegt, Melancholie ist angesagt. Aber das erotische Karrussel bleibt nicht stehen, so daß der Erzähler immer öfter im Suff und später auch nüchtern neben einem nackten Mädchen aufwacht. Endlich hat ihn die Welt, und er hat sogar eine Sprache dafür. Peter Truschners Entwicklungsroman ist ein spannendes Dokument aus dem Österreich der letzten dreißig Jahre, der Provinz ist selbst mit größter Aufklärung nicht beizukommen, denn wo die Triebe regieren, wird jedes Sprachprogramm zur Farce. Ein wilder Roman, der sich wunderbar in den Kärntner Kosmos eines Josef Winkler oder Werner Kofler einfügt.

Peter Truschner: Schlangenkind. Roman. Wien: Zsolnay 2001. 175 Seiten. 246,- ATS. 17,90. ISBN 3-552-05176-7

Peter Truschner, geb. 1967 in Klagenfurt, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 15/08/01