GEGENWARTSLITERATUR 1222

Thomas Sykora

Aus der Literaturgeschichte wissen wir ja, daß die sogenannten negativen Helden oft die wahren Sieger sind, weil sie zumindest über jenes Leben Bescheid wissen, das sie abgeworfen hat.

Der ehemalige Slalom-Künstler Thomas Sykora erzählt nun sein Leben aus der Sicht eines "negativen" Helden, seine Karriere ist anders verlaufen, als sie im Bilderbuch vorgeschrieben war, und dennoch trägt die Karriere zu Recht den optimistischen Titel "Vom Glück des Scheiterns".

Der Text ist ziemlich unbearbeitet und erinnerungsassoziativ gehalten, wie wenn jemand nach einer großen Reise ein langes Interview mit sich selbst führt. Die Gespräche und Abläufe rund um den Rennzirkus sind wie das Fahrtenbuch eines Bergsteigers oder Tourengehers protokolliert, Freund und Feind werden subjektiv, aber respektvoll dargestellt.

Die Geschichte beginnt mit jenem Klacks im Knie, mit dem die Karriere eines Schifahrers ziemlich unspektakulär zu Ende gehen kann.

Thomas Sykora erzählt von den Therapien und Operationen, Aufbautrainings und den Medienrummel, der am Ende einer Karriere ziemlich ungeplant und unvorbereitet über einen hereinbrechen kann, ehe es dann vollkommen still wird.

Falsche Diagnosen, falscher Ehrgeiz, Ungeduld an allen Schikanten: der Autor analysiert sein eigenes Leben trocken wie jene Schirennen, zu denen er mittlerweile als Co-Kommentator entsandt wird. Vom Knackpunkt der schweren Knieverletzung geht es zurück an die Schauplätze der gewonnenen Rennen, die Zeitgenossen werden aus einer seht intimen Sichtweise porträtiert und immer wieder steht auch der Rennzirkus selbst zur Debatte, worin eben viele versuchen, Geld zu verdienen und irgendwelche Messages zu verbreiten, sei es nun als Rennhelden, Trainer oder mentale Gurus.

Dieser Selbstbeschreibung sind noch zwei Kapitel des Vaters und der Ehefrau angefügt. Hier kommen ganz andere Werte zum Tragen, Geduld, Zuneigung und schließlich das Familienglück.

Beeindruckend ist die Gelassenheit, mit der die Karriere Thomas Sykoras letztlich dokumentiert ist. Hier wird nicht gejammert oder geraunzt, hier spricht eine menschliche Seele, die am Schicksal gereift und eben mit jenem glücklich geworden ist, das ursprünglich gar nicht eingeplant war. Ein schönes Beispiel also, daß auch das sogenannte Unglück ein Fundament für das Glück sein kann. Die Biographie ist auch deshalb höchst spannend und lebensfroh, weil hier nicht das Ziel, sondern die Abweichung davon als Lebensinhalt definiert wird.

Heidi Sykora / Robert Salzer: Thomas Sykora. Vom Glück des Scheiterns.

St. Pölten: NP-Landesvelag 2002. 207 Seiten. 21,90.

ISBN 3-85214-772-7

Heidi Sykora, geb. 1974 in Mödling, lebt am Hochkar. Robert Salzer, geb. 1963 in Texingtal, ist Sport-Ressortleiter der NÖ Nachrichten.

Helmuth Schönauer 04/12/02