Tue, 11. Sept.

Eine Jubiläumsnummer in einer Zeit, wo die literarischen Zeitungen eingehen wie die sprichwörtlichen Fliegen, ist schon etwas Erwähnenswertes, mittlerweile sind noch einige Großväter am Leben, die seinerzeit die Zeitschrift zweisprachig aus der Taufe gehoben haben, und mittlerweile ist die Zweisprachigkeit in Südtirol so selbstverständlich, daß man sie nur mehr zu Jubiläen hervorhebt. Vielleicht haben die Sturzflüge eben auch dazu beigetragen, unverkrampft zwischen Italienisch und Deutsch zu surfen nach dem schönen Motto: Die zweite Sprache ist der Spiegel, in dem man die erste sieht.

Tue, 11. Sept. ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Einmal ist es die Themenwahl, schließlich hätte es ursprünglich um das literarische Internet gehen sollen, aber anläßlich des Desaster-Days am 11. September 2001, wurde auch fast logischerweise das Thema geändert. Denn für sensible Menschen hat sich der Zugang zu Fiktion und Wirklichkeit seit dem September verändert, und richtigerweise kann man eben nicht mehr in alter Weise an den Socken Fickers weiter forschen, als wäre nichts geschehen. Aber zum Unterschied von der Gemanistik sind die Sturzflüge eben ein waches Unternehmen.

Das Thema selbst wird auf zwei Ebenen behandelt, einmal als Erlebnis der fiktional-realen Art, Josef Oberhollenzer erzählt skurril realistisch, wie er gerade IKEA-Möbel zusammen gebaut hat, während die Twin-Towers zusammengefallen sind, die Destruktion der Weltgebäude als persönliche Konstruktion gewissermaßen. Und Hermann Winkler setzt seine Erlebnisse aus bislang formlosen Zitaten zusammen, die durch Zerstörung zu einem Sinn geformt werden..

Auf einer noch fragmentarischen Diskussionsebene, die über das Erlebte frisch und stracks eingezogen wurde, führt etwa Elmar Locher medienanalytisch aus, wie sich die Semantik der bösen Illusion anläßlich der Manifestation des Bösen zu realen Bildern verklumpt, indem etwa Satan als Bin Laden erscheint.

Paul Fleming kommt schließlich zum Ergebnis, daß der 11. September endlich den perversen Wunsch der Konservativen nach Orientierung erfüllt hat. (68)

Zwischen den Aufsätzen sind seltsam anarchistisch und pingelig Feuerwehrschläuche gezeichnet, ins Leere spritzende Heroen bewässern die Seiten, eine Homage an die Feuerwehrleute von N.Y., in einer Bleistifttechnik ausgeführt, wie sie sonst nur Gerichtsreporter bei Fotografierverbot ausführen.

Im sogenannten Standardprogramm stellt die Herausgeberin Nina Schröder die Kulturzeitung Arunda und Hans Wielander ausführlich vor, ein umfangreicher Dokumentationsteil über die Gegenwartsliteratur speichert die Jetztzeit sehr sinnvoll für die Enkel ab.

sturzflüge. Eine Kulturzeitschrift. Heft 50. Tue, 11. Sept.

Herausgegeben von Nina Schröder.

Bruneck: sturzflüge 2001 [2002]. 129 Seiten. 12,90.

Helmuth Schönauer 08/03/02