GEGENWARTSLITERATUR 1215

Das Manuskript

Der Romantitel "Manuskript" stellt im umsichtigen Leser sofort einen Bezug zur Spionagewelt her, in der es etwa um ein geheimnisvolles Protokoll der vierten Art geht, andererseits hat das Manuskript spätestens seit Franz Kafka immer auch etwas Mysteriöses an sich, das mitten in der Aktenablage des Lebens verschollen gegangen ist.

Stanislav Struhar setzt in seinem gleichnamigen Roman das Manuskript als die Aufgabe und den Sinn des Lebens ein. Ein Schriftsteller afrikanischer Herkunft wird nach Wien verschlagen und hat ein Manuskript, das er veröffentlichen möchte. Von diesem Manuskript erfahren wir, daß es thematisch irgendwie mit Homosexualität zu tun hat und bei den diversen Verlegern auf Desinteresse beziehungsweise Ablehnung stößt.

Der Schriftsteller hingegen baut sein Leben rund um dieses Manuskript auf, immer wieder merkt er an, wie lange und intensiv er an diesem "Lebenssinn" gearbeitet hat.

Überraschend stirbt der Schriftsteller an einem heimtückischen Herzleiden, seine Geliebte fährt nach Afrika und vollendet das Manuskript.

In diese fast an Paolo Coelho erinnernde Mission der Duldung und Dürre sind verschiedene Problemkreise eingeflochten. Einmal geht es um Österreich und seine recht skurril-heimtückische Art, so etwas wie negative Integration zu betreiben. Andererseits geht es um die Geschichte des Literaturbetriebes, die sehr staatstragend und dadurch ziemlich ausschließend werden kann, wenn es etwa darum geht, jedem Schriftsteller die nationale Literatur seiner Geburtslandes zu verpassen und Alternativen zu vermasseln. Und zum dritten ist es eine berührende Geschichte um Liebe und Tod und das Geheimnis der Literatur.

Stanislav Struhar erzählt sanft, manchmal verbissen-ironisch, immer wieder schickt er die Protagonisten aufs Klo, wenn sie etwas Österreichisches erlebt haben, sei es eine seltsame Speise oder ein außergewöhnlich patriotisches Gespräch. Manche Begebenheiten werden geradezu über-erzählt, aber dadurch verstärkt sich der Eindruck der Protagonisten, die es mit der Erfassung der Wirklichkeit besonders genau nehmen wollen, anstatt das Schleißige dieses Landes einfach zwischendurch schleifen zu lassen. Natürlich wird niemand erlöst, der mit dem Manuskript zu tun hat, aber gerade das ist ja der Sinn der Literatur, daß man von einem Manuskript in Geiselhaft genommen wird ohne Aussicht auf Befreiung.

Stanislav Struhar: Das Manuskript. Roman. A.d.Tschech. von Andrej Leben.

Klagenfurt: Drava 2002. 174 Seiten. 16,-.

ISBN 3-85435-378-2

Stanislav Struhar, geb. 1964 in Zlin (Südmähren), lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 25/11/02