GEGENWARTSLITERATUR 1241

Das Geheimnis kluger Entscheidungen

Im sagenumwobenen Raumschiff Enterprise gibt es zwei Typen, den kalten, rational denkenden Vulkanier Spock und den herzlichen, mit dem Bauch kommandierenden Commander Klerk. Beide stellen Extremtypen für Entscheidungen dar, wobei sinnigerweise der Mensch das Oberkommando über das Raumschiff inne hat.

Die Autorin platziert diese beiden Typen immer wieder in den Vordergrund von Entscheidungen, und eine kluge Entscheidung besteht schließlich darin, daß beide Komponenten zum Zuge kommen. Aus diesem Grund sind wesentliche Überlegungen auch als Zeichnung mit fröhlichen Männchen angeführt, für die Akzeptanz von Angeboten ist es nämlich laut Maja Storch notwendig, daß Ratio und Emotion befriedigt werden.

Im ersten Teil des Buches wird das Hirn und seine Arbeitsweise in geradezu frottiert kühner Weise dargestellt. Die Intelligenz eines guten Hirnes besteht nämlich darin, daß es sich entlastet. Aus diesem Grund sind wesentliche Entscheidungen ausgelagert, die Sinnesorgane entscheiden quasi ohne Hirn, und erst nach dem ersten Scannen der Geschehnisse wird das Hirn als oberste Instanz zugeschaltet.

Beeindruckend ist jenes Beispiel, wo jemand durch den Wald geht, etwas Intellektuelles denkt und plötzlich zusammenzuckt, weil er glaubt, auf eine Schlange getreten zu sein. In Wirklichkeit ist es nur ein Stock. Im Zweifelsfalle den Stock für eine Schlange halten als die Schlange für einen Stock!, heißt es im Kapitel über "die Schnellen und die Toten".

Somatische Marker sind Körpersignale, die jeder Mensch individuell als Tabulator seines Gefühls eingestellt hat. Bei jeder Entscheidung schwingt immer auch das Gefühl mit, das sich in Fügungen wie "ich hatte ein flaues Gefühl", "Alarmglocken schrillten", "etwas tickte nicht richtig" hintennach vage einordnen läßt.

Somatische Marker sind mit einer Ampel zu vergleichen, stop oder go. Ähnliche Situationen werden in rasender Geschwindigkeit abgeglichen und eine Entscheidung schlägt reflexartig durch.

Im zweiten Teil des Buches geht es um die Praxis der Entscheidungen. Beispielsweise braucht es positive Entscheidungen, um eine Pizza nach der Speisekarte zu bestellen, das ausschließende und vorsichtige Verfahren genügt hier nicht. Ein Kellner kann mit dem Wunsch "keine Oliven!" nichts anfangen. Ähnlich geht es beim Glück darum, positive somatische Marker zuzulassen.

Glück ist nämlich kein Gedanke sondern ein Gefühl, und letzten Endes geht es ja bei allen Entscheidungen darum, in die Zone des Wohlbefindens vorzudringen. Das psychische Wohlbefinden tritt dann ein, wenn die Bewertung emotionaler und rationaler Signale ausgeglichen ist.

Nicht nur durch ihre witzigen Figuren und tollkühnen Vergleiche macht Maja Storch den Benützern dieses Buches Mut, sich die Balance zwischen rationalen Elementen und somatischen Markern einmal persönlich anzusehen. Auch bei der Einschätzung anderer Entscheidungsträger ist es von Vorteil, wenn man sofort den Commander oder Vulkanier in ihnen erkennt und weiß, wie man dran ist.

Und gerade bei Menschen mit großen und seltsamen Entscheidungen drängt sich ja immer wieder der Gedanke auf, daß ihr Hirn gerade auf Mittagspause ist. Das zu erkennen ist schon eine erste Hilfe.

Maja Storch: Das Geheimnis kluger Entscheidungen. Von somatischen Markern, Bauchgefühl und Überzeugungskraft. Mit Ill. der Autorin.

Zürich: Pendo 2003. 118 Seiten. 15,40.

ISBN 3-85842-557-5

Maja Storch, geb. 1958 in Oberkirch/Breisgau, Diplompsychologin, lebt in Konstanz.

Helmuth Schönauer 15/02/03