GEGENWARTSLITERATUR 1200

Vertrauen führt

Unter den sogenannten Bildungs-Gurus gilt Reinhard K. Sprenger sicher als der philosophischste und weitsichtigste. Da die Philosophie im Unterricht meist als etwas Vergangenes hingestellt wird, sind die meisten Menschen verblüfft, wenn jemand mit Philosophie auch etwas Zukünftiges anstellen kann. Und Reinhard K. Sprenger stellt nicht nur Thesen für die Zukunft auf, er eröffnet diese Zukunft auch gleich, indem er einen ganzen Trend auslöst, man denke nur an die schönen Wende-Bücher "Aufstand des Individuums" oder "Mythos Motivation".

Mit dem Programm "Vertrauen führt" geht der Autor vorerst fast schon wie Martin Heidegger den Sprachschichten auf die Grund, wenn er das Führungsprinzip erklärt.

"Der Titel Vertrauen führt spielt daher mit der Dreifaltigkeit des Verbs: Erstens ist Vertrauen das Erste (und in gewisser Weise auch das Einzige), worauf es im Unternehmen ankommt; zweitens ist es die Basis der Mitarbeiterführung und führt - drittens zu Werten, die ohne Vertrauen ungehoben bleiben." (13)

Irgendwo sind die gängigen Change!-Befehle und permanenten Motivations-Durchhalteparolen offensichtlich am Ende. Das Pendel schlägt zurück in humane handfeste Werte, und eine Grundfestung scheint das Vertrauen zu sein.

Vertrauen kann manchmal mißbraucht oder erschüttert werden, aber es gibt keine Alternative.

Dabei verschwindet das Vertrauen in jenem Augenblick, in dem es als Befehl eingefordert wird. "Vertrauen Sie mir!" ist unter Garantie der Hinweis, daß Vorsicht angebracht ist. Es stellt sich ja überhaupt die Frage, ob ein Vertrauen, daß bewußt eingesetzt wird, sich überhaupt noch alle Vertrauen erweist.

Nach dem Schauspieler-Grundsatz, wenn jemand Aufrichtigkeit spielen kann, kann er alles spielen, ist jemand, der Vertrauen hat, für alle Vertrauenswürdig.

Jedes Geschäft, jede Transaktionen, jede wirtschaftliche Entscheidung hängen von diesem Vertrauen ab, das manchmal sofort mit Rechnung, manchmal aber mit einem Gefühl, daß das Geschäft vertrauenswürdig ist, abgeschlossen wird.

Vertrauen ist nicht nur ein Lebenszustand, sondern auch eine wichtige Säule für alle Arten der Kommunikation. Folglich ist Scham eine nicht verstandene Ablehnung und Schuld eine verstandene Ablehnung. Gerade in der Mitarbeiterführung sind diese Zustände von Relevanz.

Gerade die zu Formeln gegossenen Grunderkenntnisse verblüffen auch wieder im jüngsten Buch Sprengers.

# Was man losläßt, bleibt.

# Was man festhält, flieht.

# Nur wer sich selbst vertraut, kann anderen vertrauen.

# Die einzige Möglichkeit, vertrauenswürdigen Menschen zu begegnen, ist zu vertrauen.

# Nicht Zielvereinbarung schafft Verbindlichkeit, sondern Vertrauen.

Die Unternehmens-Philosophie Sprengers geht weit über das sogenannte Unternehmen hinaus, es kümmert sich geradezu als Das Leben als Unternehmen. So sind auch die Alltagsweisheiten recht einleuchtend, wenn es heißt, daß durch Heirat eine Beziehung das Vertrauen verliert.

Die Spieltheorie sagt, daß jedes System etwa 5 % Unschärfe hat, daher lohnt es sich eigentlich nicht, dieses marginale Segment mit großen Überprüfungsmethoden aufzuspüren und zu eliminieren. Mit dem Vertrauen läßt sich diese Unschärfe spielend überbrücken.

Für Fälle, wo das Vertrauen mißbraucht worden ist, gibt es so etwas wie die Ethik der Zweiten Chance. Die drei wichtigsten Regeln lauten:

1. Kooperiere! Biete immer zunächst Kooperation an!

2. Wenn sie erwidert wird, stelle das Vertrauen auf Dauer! Wenn nicht, bestrafe sofort und unnachsichtig!

3. Mache nach einer gewissen Zeit wieder ein Vertrauensangebot!

Im historischen Nachwort wird der Tod Julius Caesars zum Anlaß genommen, daß sich das unbewaffnete Vertrauen auch dann lohnt, wenn man von seinem Widersacher hingemetzelt wird. Die Voraussicht ist die wahre Quelle all unseres Elends, heißt es bei Rousseau. Denn Sicherheit ist Illusion. Eine individuelle und gesellschaftliche Fata Morgana. Das Leben ist immer lebensgefährlich. Wenn wir nicht vertrauen, leben wir in permanenter Angst. Ein Leben in Angst zu führen ist die schlimmere Erfahrung, als gelegentlich betrogen zu werden. (186)

Mit dem feinen Gespür für die Lage der Wirtschaft und der Gesellschaft insgesamt leitet Reinhard. K. Sprenger offensichtlich einen neuen Trend ein, weg vom normierten Kleinkram, der Kleinanalyse des Kapitalismus, hin zu einer ganz großen humanistischen Handbewegung, dem Vertrauen eben. In der Theorie ist das Konzept bestechend, da es auf eine winwin-Situation angelegt ist. Die Frage wird natürlich sein, ob nicht doch wieder die üblichen unter die Räder kommen werden wie immer. Aber das ist ja kein vertrauensvoller Satz, den man so nicht formulieren dürfte.

Reinhard K. Sprenger: Vertrauen führt. Worauf es im Unternehmen wirklich ankommt.

Frankfurt/M: Campus 2002. 192 Seiten. 25,60.

ISBN 3-593-37089-1

Reinhard K. Sprenger gilt als profilierte Führungsexperte Deutschlands.

Helmuth Schönauer 30/10/02