GEGENWARTSLITERATUR 1214

Wellington

Wie es Fotos gibt, die scheinbar immerwährende gute Stimmung ausstrahlen, gibt es auch Texte, die ständig einen optimistischen Zustand im Leser evozieren.

Waltraud Seidlhofers Porträt der neuseeländischen Hauptstadt Wellington ist in erster Linie ein heller, durchgehend optimistischer "Textton", der ohne Absatz auf knapp hundertzwanzig Seiten angeschlagen wird, und unter diesem fröhlichen Oberton breitet sich dann eine Welt von Kulturinformation, Reiseerlebnis, Erkundung und vornehm gestillter Neugierde auf.

Wie schon im präzisen Titel angekündigt, geht es um die Stadt Wellington und quasi als Annotation zu diesem Begriff um den "privaten Versuch, eine vorübergehende Gegenwart zu beschreiben". Die Genauigkeit des Titels ist Programm für die Genauigkeit des Textes.

Die Sätze sind wie die Bauteile eines riesigen Modells sorgfältig aus dem Karton der Realität ausgeschnitten und liebevoll zusammengeklebt an der genau passenden Stelle ohne Patzer und Klebestelle. "Die Lokomotive ist etwas höher als die vier Waggons, eine Diesellokomotive, die über zahlreiche Details verfügt. Sie wirkt wie aus einem Bausatz gefertigt, ein riesiges Modell, durch die Fenster können Ausschnitte von Gerätetischen, Apparateschränken, Schalter etc. wahrgenommen werden." (5) Die Welt wird beschreibend nach einem Schreibmodell nachgefertigt und nicht umgekehrt, daß der Text der Stadt Wellington entsprechen müßte.

Das Textprodukt "Wellington" ist eine allmähliche Verfertigung beim Erinnern und nicht eine retrospektive Ablichtung eines Momentzustandes. In der Sprache der Fotografie ausgedrückt: Das Stativ, auf dem der beschreibende Erzählstandpunkt die Stadt beschreibt, ist zwar anwesend, aber als solches tritt es zurück.

Dieses Zurücktreten zeigt sich am Verschwinden jeglicher betrachtender oder kommentierender Personen. Die Wortmeldungen aller Figuren, die zitiert werden, kommen nur im Konjunktiv vor, oft sogar im scheinbar falschen zweiten Konjunktiv; die Konjunktivfiguren sprechen aus der Irrealität heraus zum Leser.

Der Busfahrer erzählt von seiner beschwerlichen Bustour im Winter, indem er seinen Bus sprechen läßt. Beiläufig erfahren wir eine Menge über den meteorologischen Ablauf, die geographische Lage, die Vegetation der südlichen Hemisphäre.

An einer anderen Stelle spricht die Bibliothekarin von der Cafeteria, die an die Bibliothek angeschlossen ist, wenn sie von der eigenen Bibliothek spricht. Und seltsamerweise wird in der Bücherei gar nicht gelesen, sondern mit Kleidungsstücken Platz für das Lesen reserviert.

Im Stil einer Gebrauchsanweisung fließen die Abläufe durch den öffentlichen Raum der Stadt, die kommunalen Einrichtungen und sozialen Verflechtungen. Der scheinbar genau aufs Meer gerichtete Blick von Einheimischen gilt in Wirklichkeit Broschüren über allerlei Themen, die Wellington betreffen, während im Hintergrund ein Hafenstilleben abläuft, umständlich in Einzelteile zerlegt, und es bleibt offen, ob sich dieses Stilleben in der Broschüre oder im Hintergrund des beschriebenen Blickes abspielt.

Die Autorin hat immer wieder Aufsätze zum Roman nouveau veröffentlicht und hält sich in diesem Wellington-Porträt an Theorien des Roman nouveau. Dabei werden historisierende Versatzstücke der französischen Meister mit neuen Materialien der Jahrtausendwende und vom sogenannten Antipoden Europas verwendet. Durch die genaue Installation des Erzählrahmens in einer erzählten Zeit, verschwindet dieser, so daß das pure Bild zum Vorschein kommt.

Waltraud Seidlhofers "privater Versuch" über Wellington hinterläßt schließlich einen überwältigenden Stimmungseindruck eines fragilen, permanent fließenden "Text-Pointilismus" und daraus entwickelt sich ein durchaus stabiles Porträt.

Waltraud Seidlhofer: Wellington oder der private Versuch, eine vorübergehende Gegenwart zu beschreiben.

Gunskirchen: Pangloss 2002. ( = EP 18). 121 Seiten. 13,-.

ISBN 3-901132-23-6

Waltraud Seidlhofer, geb. 1939 in Linz, lebt in Wels.

Helmuth Schönauer 24/11/02