Geh weg zu mir!

Elias Schneitters "Notizen zu einer Biografie aus dem Umfeld des Central Dichters" als Zettelkasten der Melancholie

Ein guter Text muß genau so erzählt werden, wie ein Zelt aufgestellt wird. Zuerst sagt jemand, da stellen wir es auf, dann werden scheinbar ohne Ordnung gewisse Stifte und Stangen samt ihrer Fachbezeichnung in die Erde gerammt, jemand springt unter einen Haufen von glänzendem Stoff und gibt Kommandos, worauf etwas festgezurrt wird, und schließlich steht das Zelt da, zumindest bis zum Ansprung der ersten Böe.

Elias Schneitters Text mit dem barock-genauen Titel eines Projektes, dem scheinbar schon vor seiner imaginären Einreichung die Struktur in die Mannigfaltigkeit abgedröselt ist, erzählt wie ein Zelt.

Vorerst gibt es Notizen über die wichtigsten Sätze, die man zum Leben braucht. Die Großmutter warnt das Kind eindringlich vor den Katholiken und ihren Irrlehren, was sich als kluger Rat herausstellt, der gerade in Tirol sehr wichtig ist. (Vieles spielt in Tirol, hat aber dennoch den großen Atem der Welt.) Nichts verspricht sich so leicht wie der Mund, sagt sie, und der Vater des notierenden Ichs fügt hinzu: Such dir später einmal eine Halbtagsarbeit, damit du nicht den ganzen Tag nur Blödsinn machst.

So gewarnt und eingestimmt, sammelt das Ich Gesprächsfetzen, die auch ohne Gespräch oft im Gesicht der Dichter hängen, wenn sie tagesmarod aus ihren Schreibnestern fallen.

Viele Untergrunddichter tauchen scheinbar zeitgleich oder zeitlos mit ihren Sätzen auf, alle diese Sätze sind vom Leben gezeichnet, während die Dichter durchs Leben oft die Unschuld gewinnen, statt sie zu verlieren. Und der Central Dichter ist überhaupt ein interessanter Fall. "wo kommt er her? was treibt er und wovon lebt er? wie verdient er seinen lebensunterhalt, und sind hier drogen im spiel? und vor allem: welche?" (8)

Allmählich sind die Felder der Geschichte, Geographie und Lebensweisheit abgesteckt, die Literatur ist zu Wort gekommen, die Schicksale sind mit semantischen Faustschlägen Marke Uppercut elegant zu Boden gestreckt, da rührt sich schließlich die Melancholie. Es geht um die schiere Liebe, die an und für sich schon sehr schwierig ist, aber in Anwesenheit von Dichtern stets das Weite sucht. Es muß mit den Sätzen zusammenhängen, die entweder nicht liebestauglich oder nicht feuerfest genug sind. Mit einem unendlich nachtblauen Ton enden die Notizen in einem Singleabend, der es irgendwie nicht bringt, oder in einem Sud, der für die Bar zu groß ist, oder mit einem Blick auf die Serles und dem Gedanken: "ganz unvernünftig sind meine frau und ich zusammengekommen und haben geheiratet, ehe wir uns dann wieder ganz vernünftig getrennt haben" (56) Das ist Melancholie vom schwersten.

Kafka soll "es" nur selten heimgesucht haben, wer schreibt, der bleibt, nur wo?, heißt es tröstlich lapidar.

Elias Schneitters Text erzählt vom Dichten in der dünnen Luft der Welt, von den Sätzen, die alleine stehen, von der Paradoxie eines Befehles wie "geh weg zu mir" und schließlich von der Sehnsucht nach einem Buch, das man lesen kann wie man will, sogar von Anfang bis zum Ende.

Elias Schneitter: Notizen zu einer Biografie aus dem Umfeld des Central Dichters. Prosa. Mit einem Vorwort von Heinz D. Heisl.

Innsbruck: Skarabaeus 2001. 93 Seiten. 165,- ATS. 12,00.

ISBN 3-7066-2247-5Elias Schneitter, geb. 1953, lebt in Zirl.

Helmuth Schönauer 19/09/01