versuche zu heimaten

Die gut neunzig Gedichte aus "verschiedenen Heimaten" sind in drei etwa gleich große Abschnitte gegliedert: Reisers Gedächtnis, Urbi et Orbi und Wege. Am Druck der Gedichte fällt auf, daß sie nicht auf gleiche Höhe gesetzt sind wie Wäsche auf der Wäscheleine, sondern daß ihnen das Prinzip der Galerie zu Grunde liegt, jedem Gedicht schaut der Leser in Augenhöhe "in die Augen". Der Vergleich mit einer Galerie paßt auch zu den Motiven der Gedichte, in Serien werden verschiedene Museen, Plätze, "loci amoeni" und touristische "musts" hintereinander ausgestellt. An manchen Orten ist das lyrische Ich länger sitzen geblieben (es sitzt meistens), manche Orte sind dicht wie ein Set von Faltkarten beinahe Schnappschuß-artig angerissen. Das lyrische Ich zieht sich meist völlig zurück und läßt den Leser mit den von ihm gesehenen Tatsachen allein, zwischendurch aber zwackt ein Hosenbund oder es gibt einen sehr innigen Umtrunk auf Goethes Sohn. "so rundum toll war Dein Papa auch nicht / schenk noch nach / ich tue / was ich tun kann für Dich / und nenneDich / Gustl ..." (S. 47) Dieses Element, einen ehrwürdigen Gedenkkult aufzubrechen mit der Namensgebung aus dem eigenen Grätzl, kommt immer wieder in den Texten vor. Vielleicht kann man sich so den Heimaten nähern, daß man ihre Erscheinung in der eigenen Sprache beschreibt und sie nicht dem Jargon der Touristik überläßt. Die Verkleinerungsformen werden trotz des hohen Inhalts, immerhin geht es um die erhabensten Kunst- und Kulturplätze dieses Kontinants, ungeniert eingesetzt. Das lyrische Ich setzt sich stets auf ein Bankerl, wenn es große Dinge schaut, damit ist auch der Beobachtungsstandpunkt unbestechlich. Wie schwermütig-leicht Erich Schirhubers Texte sind, zeigt am besten seine Würdigung des großen Meisters Kafka, von dem er nicht einmal den Namen nennt. "nie werden meine Augen so traurig blicken / ich schreibe bestenfalls "Das Schlößchen" / oder "Ein paar Zeilen an das Vaterl". (S. 95) Wahrscheinlich ist die Literatur ohnehin die größte Heimat, da sie keine Grenzen kennt und mit jeder Verkleinerungsform gleichsam substanzieller wird.

Erich Schirhuber: versuche zu heimaten. Gedichte. Krems: Österr. Literaturforum 2000. 101 Seiten. 140,- ATS. 10,17. ISBN 3-900860-04-1

Erich Schirhuber, geb. 1955 in Bad Vöskau, ist Bibliothekar in Wien.

Helmuth Schönauer 15/06/01