Reise mit Engel Nirgendwohin

Günther Nennig hat jüngst in seinem Buch alle Engel zu Schutzengeln erklärt, Raoul Schrott hat die Engel als die großen Liebesvermittler dargestellt, und bei Bernadette Schiffer dient für die Heldin Elen ohne H ein persönlicher Engel als Guide ins Erwachsenwerden.

Elen ist von allen beschützenden Lebensgeistern verlassen worden, sie beschließt, erwachsen zu werden und aus dem kleinen Ort in der Nähe Wiens auszubrechen, kommt aber mit ihrem Engel nur bis Graz. Der Engel ist in erster Linie Gesprächspartner für den inneren Monolog, in unzähligen Selftalkes analysiert Elen ihr Leben, doch der Engel ist höchstens etwas wie ein gespräch-reziproker Hund, er verschweigt sich auf immer intellektuellere Weise, je mehr er angesprochen wird.

In der Folge bummelt Elen durch Graz, durch eine WG der Marke frühes Seniorenheim, sie legt sich den Liebhaber Simon zu und glaubt, in der Bibliothek entscheidende Hinweise für ihr Leben zu finden. Doch das Erwachsenenleben ist unbarmherzig, so daß Elen sogar eine Stelle annehmen muß. Was liegt näher, als zu kellnern, wenn auch nur für ein paar Tage. Nirgendwo ist offensichtlich die Arbeitswelt so hart wie in dieser zur Sinnlosigkeit verdichteten Kellnerwelt, und wie ein Alptraum biegt die Heldin diese Stunden herunter, sie wird in Minutenschnelle erwachsen, reif und satt.

Da macht sie sich auf die Suche nach ihrer verschollenen Mutter, findet sie doch glatt in einem Supermarkt, und ihr Engel zieht sich daraufhin zurück.

C est la vie, heißt der kaltschnäuzige Kommentar, und das ist es dann auch.

Bernadette Schiefer erzählt in einem unschuldigen Arrangement Marke Schelmenroman von einer Heldin, die sich mit den vorgegebenen Illusionshilfen zur Illusionslosigkeit führen läßt. Engel ist dabei ein persönlicher Liebhaber, ein stiller Guide für die Welt der Wirtschaft und das Spiel der Erwachsenen, letztlich ist er auch eine moralische Instanz, die sich moralisch wohltuend verschweigt. Und erzählt ist das alles salopp, frech und irgendwie unbelastet von der Schwerkraft der eigenen Sätze.

Bernadette Schiefer: Reise mit Engel Nirgendwohin. Erzählung.

Innsbruck: Skarabaeus 2002. 123 Seiten. 14,00.

ISBN 3-7066-2254-8

Bernadette Schiefer, geb. 1979, wohnt in Wien.,

Helmuth Schönauer 12/05/02