GEGENWARTSLITERATUR 1221

in flagranti

"In flagranti" ist quasi die Steigerung von Plötzlichkeit, was immer in flagranti geschieht, ist eine auf höchste Dramatik zugespitzte Gegenwart. Nach dem "flagranti" gibt es nur mehr die Beseitigung der Katastrophe und die Sühne, in welcher Form auch immer.

Werner Schandor hat seine Prosasammlung aus lauter Höhepunkten des schamlosen Blickes aufgebaut. Seine Prosa ist an der Kippe von Essay und Fiktion angesiedelt, in jenem Beobachtungsrevier, in dem Robert Musil oft seine Figuren vazieren läßt. Diese Erzählhaltung ist kein Wunder, gibt doch Werner Schandor seit Jahren die anerkannte Feuilleton-Zeitschrift "schreibkraft" heraus.

Als Vorspann gibt es eine klassische Witzsituation, wo ein gehörnter Ehemann seine Frau in flagranti beim Pudern, wie es semantisch einwandfrei heißt, erwischt. Aber da diese Situation ein Witz ist, verfällt der Ehemann in ein vollkommenes Gelächter.

Im Hauptteil, dem Buch Nairobi, geht es um nichts weniger als den Sinn des Lebens. Essayistisch kunstvoll aufgeschlichtet diskutieren ein Joghurt und ein Wurstrad Marke Extrawurst im Forum eines Kühlschranks über den Sinn des Lebens. In einem Walter Benjamin nachempfundenen Lehrstück höchster Exegese gibt es so etwas wie Ratschläge der höheren Art.

"Nicht zuviel fernsehen. Das verklebt dir nur das Gehirn. Nicht zuviel wixen, das ist wie fernsehen. Nicht deprimiert herumhängen und alles schwarz sehen. Nein, es kommt oft besser als man denkt." (17)

Ein auch vom Schriftbild her als Manuskript ausgewiesener Text beschäftigt sich mit dem Wirklichkeitssinn in der Post-Wittgensteinschen und Post-Watzlawickschen Philosophie. Am Beispiel des Satzes "Meine Katze ist wirklich" (45) wird gezeigt, wie Wirklichkeit im Hirn konstruiert und dekonstruiert wird. Vor allem die graphische Darstellung eines Gedankensprungs als Sprung in der Hirnsschüssel und die Gedankenlücke als Anmerkung eines Oberlehrers haben es in sich. Hier handelt es sich um ausgesprochene Flagranti-Situationen.

Ein Highlight realistischer Ironie ist die Flagranti-Rede eines Landeshauptmannes im O-Ton, aus dem kurzen Versatzstück von Nonsens läßt sich spielend das Redematerial für neun Landeshauptmänner und -frauen herausschlagen.

Walter Schandors Prosastücke sind fließende Ironie auf höchstem intellektuellen Niveau. Hintereinander und durcheinander gelesen ergeben die Texte einen Eindruck von Kulmination, wie wenn ein Überangebot an Geistesblitzen auf einer zu klein geratenen Antenne einschlagen muß, es entsteht dabei ein Funkenregen von hoher Gedankenkompetenz.

Werner Schandor: in flagranti. Prosa.

Linz: Resistenz 2002. 101 Seiten. 15,-.

ISBN 3-85285-070-3

Werner Schandor, geb. 1967 in Fürstenfeld, lebt in Graz.

Helmuth Schönauer 01/12/02