TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 622

Himmelschauen

Ungewöhnliche Bücher fordern manchmal einen ungewöhnlichen Vergleich heraus. Hans Salchers umfangreicher Gedichtband "Himmelschauen" ist in ein luftiges Layout gesteckt, die Texte haben viel Besinnungsfläche um sich, ihre fast zaghafte Fixierung an der linken oberen Seitenecke erinnert an die Gedichtbände Paul Celans, bei denen man ja auch oft das Gedicht erst auf den zweiten Blick in der Fläche ausmacht, vor allem wenn "Lichtzwang" herrscht. Und noch eine zweite Assoziation führt zu Paul Celan: Wo dieser die Bedeutung erweitert durch Verknappung, verknappt Hans Salcher gleich das Themenset und erweitert dadurch das individuelle lyrische Bewußtsein.

Berge, Blick auf das Gebirge, Haus, Heimkehr ins Haus, Dämmerung, geordnete Lichtverhältnisse. Das sind die auf den ersten Blick kargen Themen, spärlich über den ganzen Band ausgebreitet, aber in den jeweiligen Bedeutungsnischen wuchert dann dieses seltsame Gras aus Einsamkeit und Beruhigung.

"Feierabend / Abends komme ich zu dir nach Hause / die Hände voll dunkler Taten / Niemand fragt: / War er schön der Tag / Nur weiße Pfoten kratzen meinen Arm / So lebendig ist jahrelange Liebe" (70)

Nach so einem Gedicht ist immer der Tag um und die Lage fixiert, erst nach einer großen Weile setzt das nächste Gedicht ein, Salchers Texte greifen wie weit auseinander liegende Puzzleteile in einander, vielleicht, weil sie alle unauffällige Paßwörter haben, mit denen sich ihre Botschaften auftun.

Allmählich entsteht etwas wie ein Jahreslauf, aus den kleinen Kreisbewegungen der Gebirgschronik lassen sich Vasen voller Schicksal hochziehen. "Das Gedicht der Alten", "Meine Mutter ist eine Bäuerin", "Jänner bis Dezember" heißen diese Gedichte aus festgebranntem Zeitton.

In ironischer Weise gibt es manchmal eine riesige Schlagzeile, auf die fast nichts folgt.

"An einem Nachmittag um zwei in Nachbars Garten", heißt die voluminöse Headline, auf der schlicht folgt: "setzen wir uns nieder". (84). Mit diesem gigantischen Gestus wird die Alltäglichkeit der entlegenen Provinz recht sarkastisch dokumentiert.

Trauer, Abschied, ein Nachruf auf den wohl an Osttirol selbst zerbrochenen osttiroler Dichter Christoph Zanon erzählen von der steilen Schwermut, für die der Osttiroler Menschenschlag manchmal berühmt ist. Und mit einem Blumenstrauß, der im Schmelzwasser der Tränen steht, klingt dieser wundersame Gedichtband aus.

Hans Salcher schreibt ironisch fröhlich, markiert nie einen künstlichen Naivismus, der ihm wohl an mancher Stelle auf der Zunge läge, und bleibt bei seinem Leisten. Geduldiges Schauen ist angesagt, dann ist der ganze Himmel voll. So ist "Himmelschauen" auch eine Sehhaltung, mit der sich die Welt optimistisch erschließen läßt.

Hans Salcher: Himmelschauen. Gedichte.

Innsbruck: Skarabaeus 2002. 143 Seiten. 19,-.

ISBN 3-7082-3112-0

Hans Salcher, geb. 1956 in Bannberg, lebt in Lienz.

Helmuth Schönauer 27/11/02