GEGENWARTSLITERATUR 1219

Jenseits von Wimbledon

Ich will gar nicht glücklich werden, hinter der Ziellinie sind nur die Ahnungslosen glücklich. Was danach kommt, wenn man zum Beispiel den Mount Everest ohne Sauerstoffmaske bestiegen hat, sieht man daran, daß man in den Niederungen der Medien viel Geld verdient und in Südtirol eine zerbröckelte Ritterburg kaufen kann. Lieber am Mount Everest erfrieren als so enden. (25)

Der Erzähler ist sportbegeistert und hat eine gewisse Neigung zu Extremen und Idolen, oder auch zu Extremitäten derselben. Besonders die Tennisspielerinnen haben es ihm angetan, jenseits von Wimbledon verschmelzen in sexueller Begierde die Attribute von Erotik und Sportgerät. Das Nachgrätschen nach einem Tennisball kann den Sportnachmittag mit Sinn erfüllen, wenn es von der entsprechenden Fernsehliege aus gustiert wird.

Kurzum, der Erzähler will nicht wie Reinhold Messner abgewrackt in einem Schloß verkommen, sondern es noch einmal genau wissen. Zu diesem Zweck entführt er die berühmteste Tennisspielerin Deutschlands ins Schilfhäuschen eines Sees und entwickelt mit seinem Kompanion eine dementsprechende Erpressungsdramaturgie.

Aber die Wirklichkeit ist nicht das, was die Medien darstellen, die Leiden einer Tennisspielerin am Court sind nicht die wahren Leiden, die Bedürfnisse im Interview haben nichts mit den Bedürfnissen von Heldinnen zu tun und auch der Zuseher schaut zunehmend ins Leere, wenn er der Realität gegenüber steht.

Die entführte Tennisspielerin jedenfalls ist auffallend gefaßt, charmant spielt sie ihre eigene Entführung mit und läßt auch nie etwas wie Angst in ihr hochkommen.

Allmählich verzweifeln die Entführer nicht nur am Sinn der Entführung sondern an der Entführten selbst. Das Rätsel wird dann schließlich doch noch gelüftet. Bei der Entführten handelt es sich um ein Double, das zur Sicherheit der echten Tennisspielerin engagiert worden ist, um Entführungen und andere Störungen des Tenniszirkus hintanzuhalten.

Ein Fake ist das Schlimmste, was einem auf Mythos spezialisierten Konsumenten widerfahren kann. Aber ein Double ist doppelt so schlimm wie ein Fake, ist es doch die Karikatur der Realität.

Nachdem sich auch die Entführung wie alles im Sport als Bluff herausgestellt hat, gehen die Helden dieses Romans ziemlich ernüchtert wieder auseinander. Was bleibt, ist eine wunderschöne Geschichte über Sport, Medien, Illusionen und die knallharte Realität eines Erlebnisstandpunkts in der Höhe einer Fernsehliege, denn aus der Realität kann sich niemand davon zappen.

Günter Seuren: Jenseits von Wimbledon. Roman

Frankfurt/M: Eichborn 2002. 215 Seiten. 17,90.

ISBN 3-821808713

Günter Seuren, geb. 1932, lebt in München.

Helmuth Schönauer 05/12/02

"Auf dem Bootssteg liegt Entenscheiße." (S. 168)