TIROLER GEGENWARTSLITERATUR (620)

Das Labyrinth

Das Labyrinth ist eine uralte Kunstform und wird wegen des Mythos vom aufgerollten Faden der Ariadne landläufig gerne mit dem Irrgarten verwechselt. Dabei liegen dem Labyrinth ziemlich genaue Kriterien des Formenprinzips zugrunde.(12)

# Es gibt eine äußere Begrenzungslinie, die nur eine Öffnung besitzt.

# Die Figur kann (gedanklich oder körperlich) zwischen den Linien abgeschritten werden.

# Der Weg ist kreuzungsfrei, d.h. er bietet keine Wahlmöglichkeit und wechselt immer wieder pendelnd die Richtung. Der Weg führt wiederholt sehr nah am Zentrum vorbei und mündet schließlich ausweglos und sackgassenartig in ein Zentrum.

# Ein Weg, der als Umweg vom Eingang ins Zentrum führt, füllt den Innenraum aus.

# Nur durch eine Wendung, einen Bogen von 180, kann der Weg fortgesetzt werden.

# Denselben Weg zurückgehend wird dieser jetzt vorausschauend erfahren.

# Der Mittelpunkt des Labyrinths ist nicht das geometrische Zentrum.

# Das Zentrum ist ein leerer Raum.

Ilse Seifrieds Buch ist einerseits ein penibel recherchiertes Nachschlagewerk, in dem beispielsweise alle wichtigen Labyrinth-Veranstaltungen dokumentiert sind, andererseits eine philosophische Aufsatzsammlung, worin die wichtigsten Trends und neuesten Forschungsergebnisse vorgestellt werden.

Der Zugang ist manchmal geographisch, wenn die wichtigsten Realisationsorte mit Fotos dargestellt sind, dann wieder kulturgeschichtlich, wenn die einzelnen Typen und ihre Wechselwirkung aufeinander analysiert werden, und schließlich persönlich, wenn die Erlebnisstrukturen, die bio-mythologischen oder feministischen Aspekte beleuchtet werden.

Das "wandeln" ist sowohl in der Bedeutung gehen als auch verändern zu sehen.

Des Wesen des Labyriths ist zu allen Zeiten aufregend und unzugänglich geblieben. Am knappsten formuliert vielleicht beim argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges: "Wenn wir wüßten, daß die Welt ein Labyrinth ist, dann wüßten wir, daß es ein Zentrum gibt. Egal b dort etwas Schreckliches wie der Minotaurus oder etwas Göttliches wohnt. Aber es gäbe ein Zentrum. Wenn wir hingegen annehmen, daß die Welt Chaos sei, dann wären wir wirklich verloren."

Ilse M. Seifried (Hrsg.): Das Labyrith oder die Kunst zu wandeln.

Innsbruck: Haymon 2002. 208 Seiten. 150 Fotos und Abbildungen. 34,-.

ISBN 3-85218-400-2

Ilse M. Seifried, geb. 1956 in Wien, ist Bewegungstherapeutin und Labyrinthforscherin.

Helmuth Schönauer 01/11/02