GEGENWARTSLITERATUR (1203)

Die Bluff-Gesellschaft

Der Bluff ist letztlich eine Seifenblase, die noch während der Bewunderung zerplatzt. Seit gut zwanzig Jahren sticht nun Bärbel Schwertfeger solche Blasen auf und macht sich deshalb nicht nur bei den entlarvten Bluffern, sondern auch bei den Jüngern dieser Gurus zwischendurch nicht gerade beliebt. Denn das Problem sind nicht die Rattenfänger, sondern die Ratten, wie Reinhard K. Sprenger trocken über die Motivierungs-Jesusse schreibt.

Im ersten Abschnitt stellt die Autorin den Bluff als Phänomen unserer Zeit dar. Je aufregender die Geschichten, um so erstaunter und staunender die Leser. Die Medien sind nämlich das tragende Element der Bluff-Gesellschaft, ohne sie würde das große Konzert an Fake-Produzenten und Schaustellern nicht funktionieren.

Ein weiterer Grund für das weitverbreitete Bluff-Syndrom ist seine Einschätzung als letztlich netter Kavaliersdelikt, obwohl es sich genau genommen um handfeste Lügen mit entsprechendem wirtschaftlichen Schadensausmaß handelt.

Narzißten, die sich selbst und die Firma selbstverliebt in den Abgrund stürzen, getürkte Lebensläufe, zur Ich-AG aufgeblasene Datenblätter und die New Economy als Bluffer-Paradies sind weitere Stationen dieses Kapitels.

Im zweiten Teil geht es um konkrete Gurus und Firmen, die siech dem großen Geschäft des Scheins hingegeben haben.

Tsjakkaa lautet der Schlachtruf des niederländischen Bäckerei-Gurus Emile Rotelband, der eine Zeitlang mit seinem Wander-Zoo die Talk-Shows unsicher machte und allen die Angst nehmen wollte, die keine hatten. Der Finanzguru Bodo Schäfer erweist sich bei genauerem Hinsehen als Money-Münchhausen. Und die Lügen des Mr. Motivation Jürgen Höller sind mittlerweile beim Konkursgericht strafanhängig.

Generell haben Motivationstrainer einen Touch ins Irreale, denn die Praxis zeigt, daß die vermeintliche Erfolgsrezepte weder übertragbar noch dauerhaft sind. (262) Unter diesem Aspekt sind auch die Strukkis zu sehen, arme Schweine, die letztlich in einem durchstrukturierten Insidergeschäft so lange keilen müssen, bis kein Geschäft mehr zu machen ist. Das Erfolgsrezept der Strukturbetriebe erweist sich als Kettenbrief mit fatalem Ausgang für jene, die später ins Geschäft einsteigen.

Aber auch Gütesiegel, die ja etwas Gütiges und Wertvolles garantieren sollen, sind nur allzu oft phantasievolle Plaketten, die mit immensen Kosten irgendwie auf wertlose Produkte geklebt werden. Und auch die Diplom- und Titelbörse boomt, knackige Buchstabenkombinationen suggerieren die Absolvenz eines internationalen Studiums, weil ja zwischen Absolvenz und Absenz in der Welt der Begriffsblasen kaum ein Unterschied besteht.

Bärbel Schwertfegers Buch hat durchaus Züge eines Kriminalromans mit Fantasyeinschüben, nur daß der Plot jeweils aus der Realität stammt. Und für Konsumenten und Leser ist das Buch recht ernüchternd und aufschlußreich, denn es öffnet sich doch ein neues Fenster der Erkenntnis, wenn "das Gesims einmal abgeräumt ist", wie es im Volksmund heißt.

Bärbel Schwertfeger: Die Bluff-Gesellschaft. Ein Streifzug durch die Welt der Karriere.

Weinheim: WILEY-VCH 2002. 276 Seiten. 25,60.

ISBN 3-527-50038-3

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin und Journalistin.

Helmuth Schönauer 02/11/02