GEGENWARTSLITERATUR 1216

Die Wiederholung

Die Wiederholung ist ein Thema, das niemanden kalt läßt und immer in die Nähe der Verzückung oder des Verrücktwerdens führt. Man denke nur an jenen Film aus der Endlosschleife eines Murmeltieres, worin ein Reporter immer wieder denselben Tag erlebt und immer die Reportage dazu abliefern muß, oder an Gert Jonkes skurrile Erzählung von der Wiederholung eines Festes.

Alain Robbe-Grillet, der Altmeister des Roman nouveau, friert in seinem jüngsten Roman einerseits die Dinge ein, indem er sie minutiös beschreibt, anderseits taut er sie immer wieder auf, dupliziert und wiederholt sie, bis jeglicher Erzählstandpunkt aufgehoben ist.

"Tatsächlich wäre da jemand, zugleich Derselbe und der Andere, der Vernichter und der Hüter der Ordnung, die Erzählinstanz und der Reisende..., eine elegante Lösung des nie gelösten Problems: wer spricht jetzt hier?" (216)

Ehe diese zentrale Zusammenfassung geliefert wird, gibt es einen Spionage-, Agenten- und Nachkreihsroman der Weltklasse. Im devastierten Nachkriegsdeutschland soll die Hauptfigur in einem Haus absteigen, in dem vor hundert Jahren einmal Kierkegaard gewohnt und philosophische Schübe nach dem Muster Entweder-Oder bekommen hat. Vor diesem Haus soll sich ein Attentat ereignen, und der Beobachter soll berichten, ob alles gut gegangen ist.

Aber Handlung, Auftrag und Protokoll lösen sich auf. Einmal treten Kindheitserinnerungen von Inzest, Blindheit und Zwillingseigenschaft unerwartet ins Bewußtsein. Wände erweisen sich als interaktive Bilder, die in Handlung übergehen. Der historische Zusammenhang stellt sich als gigantisches Agentennetz heraus. In der größten Unordnung der Nachkriegszeit entstehen Ordnungen der irrealen Art. Kurzum, der Kosmos aus Thomas Pynchens Agentenwelt, das Labyrinth von Jorge Luis Borges und die mit der Stoppuhr abgemessene Detailgenauigkeit des Roman nouveau fordern die Frage nach den Erzählen und dem Lesen, nach der Fiktion überhaupt heraus.

Die Fiktion hat letztlich kaum ein umrissenes Thema, außer, daß alles noch im Fluß ist.

"Die immer schon gesagten alte Worte wiederholen sich wiederholen sich, sie erzählen von Jahrhundert zu Jahrhundert immer dieselbe alte Geschichte noch einmal von vorn und immer neu..."(216)

Die Wiederholung ist tatsächlich ein Roman, der im Leser einen Zustand außerhalb jeder Zeitkoordinate auslöst.

Alain Robbe-Grillet: Die Wiederholung. Roman. A.d. Französ. von Andrea Spingler. [La Reprise].

Frankfurt/M: Suhrkamp 2002. 241 Seiten. 25,60.

ISBN 3-518-41368-6

Alain Robbe-Grillet, geb. 1922 in Brest.

Helmuth Schönauer 24/11/02