GEGENWARTSLITERATUR 1218

Der Filmgänger

Filme haben immer auch etwas mit der Grenze von Realität zu tun, ein Grenzpolizist, der aufpaßt, daß es zu keinen illegalen Übertritten von Personen kommt, ist daher eine ideale Figur, um den Wahrnehmungskosmos des Filmgängers einzugrenzen.

Peter Reutterer nennt seinen Roman Kurzprosa, weil tatsächlich über hundert kurze Sequenzen erzählt werden, aber durch die Schnitttechnik und das Figurenset ergibt sich dann doch der Eindruck eines Romans.

Äußerlich wird der Roman von dem Grenzpolizisten abgesichert, der für Ordnung sorgt und im Klischee eines Westerns mit der Unordnung aufräumt. Die staatliche Macht bedient sich filmischer Muster, und der Film erzählt von der Staatsmacht an den Grenzen. Im Kernfleisch der Texte spielt ein gewisser Phil die tragende Rolle, er ist begeisterter Kinogeher und gleichzeitig Hauptfigur eines Erlebnisfilms mit sich selbst.

Im schnellen Schnitt werden Szenen aus dem inneren Österreichs erzählt, immer wieder geht das Licht an und Älpler benehmen sich rustikal, machen Witze über Nichtälpler, besaufen sich oder frönen einem sexuellen Notstand.

So wird etwa ein Steirer ganz wütend, weil eine Serviererin das Wort "Eiswürfli" nicht versteht. (90)

Phil tastet mit einem Auge die sogenannte Realität ab, während er wie ein Filmvorführer mit dem anderen durch die Erlebnisluke auf die Welt des Filmes lugt. Der Filmgänger schneidet beide Welten zu seinem persönlichen und unverwechselbaren Film zusammen, in dem er ständig beide Welten erlebt. Dabei sind durchaus Erlebnisschübe nach dem Muster der Schizophrenie möglich.

Die einzelnen Sequenzen sind in einer sparsamen Sprache angelegt und gleichen permanenten Regieanweisungen, die Sätze sind immer wieder zu Ellipsen verklumpt. "Hungrig nach den guten Bildern eines Autorenfilms", heißt es etwa (91), die Bemerkung geht schon fast in einen Wahrnehmungsbefehl über.

Peter Reutterers Filmroman über die Welt als Film überschreitet immer wieder die Grenze des Mediums, indem er dieses ständig säubert und vor Eintrübungen der Wahrnehmungen frei hält. Eine erlebnisreiche Lektüre, wie in einem Film!

Peter Reutterer: Der Filmgänger. Kurzprosa.

Weitra: Bibliothek der Provinz 2002.125 Seiten. 15,-.

ISBN 3-85252-451-2

Peter Reutterer, geb. 1956 in Waidhofen/Thaya, lebt in Bergheim/Szbg.

Helmuth Schönauer 03/12/02