Lasst Knochen sprechen

Als Leser muß man sich einen stabilen Lesemagen zurecht legen, denn bei einem Kathy-Reichs-Roman wird nicht zimperlich hin und her gesprungen zwischen dem Magen-Inhalt eines zerfetzten Leichnams und einem frisch gerührten Joghurt, das sich die Ich-Erzählerin neben der Leiche einlöffelt. Die Ich-Erzählerin, eine kanadische Leichenspezialistin, erzählt von ihren Fällen und wie sie so nebenher ein normales Leben führt. Da wird zuerst aufgezählt, welche Textilien von der Leiche übrig geblieben sind, um anschließend kund zu tun, was die Erzählerin bei dieser oder jener Gelegenheit getragen hat. Im neuen Fall geht es um den beinharten Krieg zwischen zwei Motorad-Gangs, die ein eigens Verwaltungswesen errichtet haben und intern eine undurchschaubare Mottorradkultur entwickelt haben. Als ein neunjähriges Mädchen auf dem Weg zur Balletschule von Querschlägern getroffen wird und auf dem Seziertisch der Erzählerin landet, hört sich jede Gemütlichkeit auf. In der Folge werden noch mehrere Tote auf den Erzähltisch kommen und zwischendurch werden alte Fälle ausgegraben und identifiziert. Die Bedohung ist allgegenwärtig, einmal taucht ein Auge in einem Marmeladeglas auf, das suggerieren soll: Wir beobachten dich! Gegen Ende kommt es zu einem brutalen Showdown, bei dem der Neffe der Heldin in Lebensgefahr gerät. Insgesamt kann dem Bandenwesen nur vordergründig der Garaus gemacht werden, es ist mit weiteren Knochen-Episoden zu rechnen. Während der Lektüre erlebt man ein halbes Archäologie-Studium, auf jeder Seite tun sich neue Erkenntnisse der Spurenanalyse auf und letztlich stehen alle Ereignisse in einem global-krimnalistischen Zusammenhang. Wenn etwas existiert hat, gibt es Spuren, und wenn es Spuren gibt, gibt es eine Lösung, heißt der forensische Gottesbeweis. Der Roman ist nicht nur spannend und höchst professionel ausgearbeitet, es besticht vor allem die Sicht vom Menschen, wonach dieser letzten Endes ein armseliges Stück Material ist, das jederzeit auf einem Seziertisch enden kann.

Kathy Reichs: Lasst Knochen sprechen. Roman. A.d. Amerikan. von Klaus Berr. Münchern: Blessing 2001. 345 Seiten. 321,- ATS. 23,32.

ISBN 3-89667-157-X

Kathy Reichs, geb. in Chicago, unterrichtet forensische Anthropologie an der Universität North Carolina.

Helmuth Schönauer 10/06/01