TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 633

Quart

"Die einen jammern jedes Jahr und die anderen sind jedes Jahr zufrieden und witzig." - Dieser trocken-sinnliche Satz über die Literaturszene stammt vom Tiroler Verleger Markus Hatzer und paßt jedes Jahr punktgenau zur Frankfurter Buchmesse. Diese Erkenntnis gilt aber auch für die neue Kulturzeitschrift "Quart", die im Hause Hatzer verlegt wird.

Es ist sicher für das Wohlbefinden des Lesers günstiger, wenn er angesichts von Quart sich zur Freude entschließt anstatt zur Jammerei. Und siehe, kaum hat man sich zum positiven Blick entschlossen, sieht man schon lauter gute Sachen.

Jede Zeitschrift besteht aus den Elementen Inhalt, Aufmachung und Umfeld.

Für den Inhalt von Quart gilt, daß nur Erstveröffentlichungen, Auftragswerke und Uraufführungen zum Zug kommen. Das ist sehr klug, denn üblicherweise besteht der Inhalt von Provinz aus permanentem Nachmachen und Abschreiben.

In der ersten Nummer gibt es eine Analyse eines Börsianers über den Zusammenhang von Börse, Fiktion und Literatur, eine Darstellung der Tonart des "Sozialkomponisten" Bert Breit, Skizzen eines futuristischen Umspannwerkes aus der Innsbrucker Innenstadt, eine Irrsinns-Fahrt zur Orgel von Halberstadt, auf der das 639 Jahre lange Stück "as slow as possible" von John Cage gespielt wird, eine Wanderung am Lineal durch das Herz der Alpen, sowie eine Originalbeilage Nr. 1, die CD mit Hörgenuß (51:45) von Wolfgang Mittterer und Erdem Tunakan: CARBON COPY .

Interessant, daß Mittterer mit drei T geschrieben wird, eine Hommage an die Gehrersche Rechtschreibreform und ein gutes Unterscheidungsmerkmal zum Dauerdichter Felix.

Sonst treten Autorinnen und Autoren graphisch zurück, es soll nämlich das Thema im Vordergrund stehen, nicht der Personenkult. Im Anhang gibt es einen wohltuend straff gehaltenen biographischen Set, bei dem allerdings der Komponist Mittterer mit seinen unendlich vielen Preisen hervorsticht, offensichtlich der geborene Preiskomponist.

Die Aufmachung ist bemerkenswert genial. Da das Auge heutzutage ohnehin nur auf der rechten Seite hängen bleibt, was man an den letzten Wahlergebnissen ablesen kann, gibt es die Texte rechts und auf der linken Seite sind die Anmerkungen, Schlüsselbegriffe und Metakommentare abgedruckt. Das gibt dem Heft sofort eine neue Dimension, es hat etwas von einem Hypertext, den man mit dem Auge als Mausklick auf jeder Seite durchstechen kann.

Und das Umfeld? Na ja, seien wir alle froh, daß wir eine Kulturzeitschrift haben. In Kärnten hat etwa der Landeshauptmann von Irak und Klagenfurt die dortige Brücke eingestellt. Der alte Denkfehler, Dinge historisch zusammenzudenken, die sich längst abgenabelt haben, liegt auch der Ausschreibung des Quartprojektes zugrunde, immerhin ist das Land Tirol Herausgeberin, und der arme Chefredakteur Andreas Schett kann gar nichts dafür, daß immer die Landeseinheit Südtirol - Brida - Nordtirol herhalten muß. (Wieder einmal: So lange es keine passable Zugverbindung Bozen - Innsbruck gibt und so lange man kein Buch von Innsbruck nach Bruneck schicken kann, ohne daß man dafür den vierfachen Wert des Buches als Porto hinlegen muß, ist jedes Gebrabbel von kultureller Einheit ein Schas, der endlich aus den Mündern diverser Sonntagsredner genommen werden sollte.)

Der Titel Quart wird vom Volksmund mittlerweile als Quark ausgesprochen. Aber so sollen Titel ja sein, leer, sinnlos, aber für das Register auffindbar. Man hätte die Zeitung auch Hofrat nennen können, aber Quart ist genau so lustig.

Also, die Zeitung ist ok, freuen wir uns einmal und halten wir dem Redakteursteam die Daumen, daß es auch weitere Projekte machen kann. Denn in Landesangelegenheiten wird man heutzutage schneller abgesäbelt, als man oft einen Gedanken formuliert hat. Dieses permanente Quartal-Absäbeln ist übrigens ein Hochleistungskriterium für Provinz, so gesehen paßt der Titel ja doch.

Quart Heft für Kultur. Tirol Nr. 1

Innsbruck: Skarabaeus 2003. 113 Seiten. 12,-.

ISBN 3-7082-3132-5

Helmuth Schönauer 15/01/03