GEGENWARTSLITERATUR 1209

Polen

Legendär ist der Satz eines EU-Gründungsmitgliedes, wonach man eine zukünftige EU nicht auf Kohle und Stahl, sondern auf Kultur aufbauen muß. Ein kleiner Beitrag zu diesem kulturellen Aufbau ist der sogenannte Polenschwerpunkt, der heuer und nächstes Jahr zwischen literarischen Gremien Polens und Österreichs hin- und her geschoben wird, bis er hoffentlich tatsächlich Leser findet.

Die Polen-Doppelnummer der Literaturzeitschrift Podium ist ein gelungener Speck, um damit Lesemäuse zu fangen. In einem Vorspann begibt sich Beata Pawlak auf die andere Seite der Theke und sammelt Zitate, Vorurteile und spontane Ergüsse über die Polen. Die polnischen Frauen und ihre Zähmung für die Männer, das Verhalten des polnischen Kinopublikums sowie erste Entwürfe für eine polnische Romanstrategie führen stracks in den ersten Teil, in dem polnische Literatur der Gegenwart vorgestellt wird.

Bemerkenswert ist die literarische Landschaft wegen ihrer flächendeckenden Zerstreuung, eine Unzahl von Kleinverlagen bis hin ins flachste Land garantiert eine halbwegs gerechte Verteilung der literarischen Aufmerksamkeit, die nicht bloß auf die Hauptstadt Warschau beschränkt bleibt. Die Autorinnen und Autoren sind jeweils mit einem kleinen Lebenslauf vorgestellt, der in der Hauptsache aus der Anhäufung von Klein- und Kleinstpreisen besteht. Entweder hat die Redaktion übereifrigen Wert auf die Dokumentation dieser Preise gelegt, oder die polnische Literatur leidet unter einer gigantischen "Preis-itis". Kaum hat jemand eine Zeile geschrieben, hat er oder sie auch schon einen Preis. Es gibt mehr Preise als Bücher. Gerechterweise wird auch den Übersetzerinnen ein ähnlich gestalteter Preislebenslauf zuteil wie den Autorinnen.

Der beste Text aus diesem noch brodelnden Konglomerat aus zwanzig frischen Schreibansätzen stammt von Daniel Odija. Unter dem Titel "Straße" sind geographisch und erlebnisstrategisch ritualisierte Alltagshandlungen zum Gotterbarmen aufgeführt. An einem besonders wüsten Eck der Straße sind die Mückenschwärme so zahlreich, daß sich die Liebespaare sputen müssen, wollen sie lebend ihre Liebesakte beenden, ehe sie von den Mücken aufgefressen sind.

Im zweiten Teil sind Erfahrungen österreichischer Dichter aufgefädelt, in der Hauptsache Reiseeindrücke. Etwa ein schneller Blick Peter Paul Wiplingers aus einem Zug, der durch Polen fegt und Gedichte ausstößt.

Der polnische Teil ist eindeutig wilder und interessanter als der österreichische, der doch schon sehr abgehangen und wohl ausgewogen ist bis hin zu einer bloßen Verspieltheit, die beim Bearbeiten des Wortes Polen entsteht. In den nächsten Monaten werden einige polnische Schriftsteller zu Lesungen in Österreich auftauchen, so daß es hoffentlich regen und EU-aufbauenden Kulturkontakt geben wird.

Podium. Literaturzeitschrift. Thema Polen. Oktober 2002.

St. Pölten: Podium 2002. Nr. 125/126. 156 Seiten. 12,-.

ISBN 3-902054-15-8

Helmuth Schönauer 11/11/02