MutterKind

Dieses auch graphisch zusammengepreßte Konglomerat aus Mutter und Kind hat eine doppelte Bruchlinie in sich. Einmal ist Kate das Kind ihrer Mutter, die gerade an Krebs stirbt und zum anderen kriegt Kate gerade ihr eigenes Kind. Eine subtile Geschichte vom Abnabeln der Generationen, scheint es auf den ersten Blick zu sein und es wird auch seltsam friedlich erzählt. Aber wie schon in dem hervorragenden Roman "Maschinenträume" ist es bei Jayne Anne Phillips nicht mit dem Schildern von Persönlichkeiten getan, hinter den Alltagsabläufen braucht sich jeweils etwas zusammen, was später einmal ein dunkles Gemisch namens Zeitgeschichte sein wird, bedrohlich, noch nicht fürs Museum abgehangen genug, aber auch noch nicht leblos genug, daß man es mit Tabus niederhalten könnte. So steht einmal der Besuch eines Kennedy-Museums auf dem Programm. Die Zeitgenossen haben noch die aktuelle Berichterstattung des Attentats von Dallas im Ohr und vor Augen, während die nächste Generation die Story völlig anders sieht, nämlich als Erzählung von Helden in einer unscheinbaren Zeit. Die Generationen sind zwar durch die gleichen Geschichten miteinander verbunden, aber sie erleben die Geschichten in einem sprichwörtlich Abgenabelten Kontext. Die gleichen Tupfer und Sterilisationsvorrichtungen sind im Einsatz, wenn die krebskranke Mutter versorgt werden muß, wir treffen das Inventar wieder, wenn das Kind abgenabelt oder gestillt werden soll, ja sogar die Abnabelungs-Atmosphäre scheint die gleiche zu sein. Jayne Anne Phillips erzählt kühl und sorgfältig, der Alltag geht den Figuren von der Hand, daß jedes Zeitgefühl eingeschlummert wird, es entsteht allmählich eine große Geschichte, die von gewöhnlichen Alltagsabläufen zusammengehalten wird. Geburt, Leben, Tod, alles ist zusammengeknetet in diesen seltsamen Begriff "MotherKind", so der Titel des Originals. In diesem Roman erfährt man eine Menge vom aufregenden Ablauf der scheinbar gewöhnlichen Zeit.

Jayne Anne Phillips: MutterKind. Roman. [MotherKind]. A. d. Amerikan. von Isabella König. Berlin: Berlin Verlag 2001. 428 Seiten. 19,90. ISBN 3-8270-0280-X

Jayne Anne Phillips lebt in Boston.

Helmuth Schönauer 31/12/01