Briefe vom Glitterberg

Oswald Perktold wird fallweise als der Lehrer mit dem Liegendunterricht oder als ehemals höchster Lehrstuhlinhaber des Oberlandes gehandelt. In Wirklichkeit ist Oswald Perktold einer der genauesten und geduldigsten Schriftsteller des Landes, Woche für Woche zaubert er mit seinem Erzählstil voller Sinnlichkeit und Besonnenheit Glossen vom Glitterberg zusammen. Aber es sind glücklicherweise keine Glossen sondern Briefe, sagt er einmal.

Die Briefe vom Glitterberg sind echte Erzählungen, die zuerst Schmunzeln, dann Nachdenklichkeit und schließlich heimliche Läuterung auslösen. Dabei geht es oft wie in einem Labor von Frankenstein zu, alles wird zerkocht und zergliedert und den Touristen in einer Show aufgewartet, denn Frankenstein dürfte Ahnen aus dem Gebirge gehabt haben.

Die Texte sind auf den ersten Blick Gebrauchstexte, um einen Zustand, wie er nach einer Woche unter dem Teppich gekehrt ausschaut, ans Freie zu lassen. Aber durch das zeitlose Erzählen über die Anlaßfälle hinaus, erzählen jene Geschichten, die man freiwillig im Kopf hängen läßt.

Oft sind es skurrile Erlebnisse, die einen didaktischen Ausflug auslösen, etwa wenn auf dem Weg zum sehenswerten Rheinfall die beiden Autos der Sonntagsexkursionisten auf fremdem Staatsgebiet zusammenstoßen. Wenn jemand Hanf dreht gegen die Langeweile, wird der Fachausdruck Canabis mit Genuß ausgesprochen. Und immer wieder steht auch die Fassungslosigkeit beim Verfassen der Texte zur Debatte, wenn der Autor etwa wegen vollkommener Leere im Grind den Schreibtisch ebenso leer macht, oder wenn kurz die drei Komponenten der Satire erläutert werden. a) Verrücktes aufschreiben und alle halten es für Satire; b) Verrückte Vorschläge machen und in Realität werden sie nachgemacht; c) Verrücktes erzählen und die Anwender glauben, man habe ihr Geheimnis entdeckt. - Die Briefe vom Glitterberg handeln vom Abenteuer des Beobachtens und Erzählens. Wegfahren ist genau so sinnlos wie Dableiben, denn der Weg zu sich führt um die Welt (Keyserling) oder besteht aus dem Anstarren einer Tapete Michaux). Oswald Perktold erzählt so nebenbei von den witzigsten Typen der Welt, und plötzlich weiß man als Leser seltsam wertvolle Sachen, die mit dem alltäglichen Wochengeschehen fast nichts mehr zu tun haben.

Oswald Perktold: Briefe vom Glitterberg. Glossen.

Innsbruck: Skarabaeus 2001. 179 Seiten. 18,-.

ISBN 3-7066-2275-0

Oswald Perktold, geb. 1939, lebt in Pettneu am Arlberg.

Helmuth Schönauer 05/02/02