GEGENWARTSLITERATUR 1211

Jenseits von Anatolien

Geschichte wird von den Siegern geschrieben, Literatur von den Besiegten, heißt es sprichwortartig verkürzt. Dine Petrik schreibt daher in einer Mischform von Sachbuch und Fiktion, um ein wenig die politische Situation der Kurden darzustellen. Das Buch ist hochaktuell, geht es doch demnächst darum, der Türkei reinen Wein einzuschenken, was ihre EU-Ambitionen betrifft.

Die Gedankengänge sind assoziativ und frei angelegt. In kleinen Kapiteln von der Länge eines Zeitungsartikels kommen verschiedene Aspekte zu den Themen Geschichte, Minderheit, Unterdrückung, Überleben zur Sprache.

Das Buch ist auf mindestens drei Ebenen angelegt. Einmal sind es Reisen der Autorin in das Gebiet der heutigen Türkei, zum zweiten handelt es sich um historische Einschübe mit Jahreszahlen, Schlachten und kulturellen Strategien, und zum dritten sind Interviews von Betroffenen aus der gegenwärtigen Geschichte eingefügt.

Das sprunghafte Wechseln von einer Ebene in die andere braucht vielleicht ein paar Momente der Gewöhnung, aber dann tut sich durch den Mix an großer cineastischer Geschichtsschreibung und individuell geformter Erlebnischronik eine einzigartige Welt auf.

Da einerseits anonyme Kräfte angesprochen werden, etwa Deutschland 1915, wer ist das eigentlich?, und anderseits individuelle Schicksale wie das des Soziologen Ismail Besikci (S.45), wer ist denn das?, kommt trotz genauer Analysen doch so etwas wie ein historischer Fatalismus zum Vorschein. Die Kurden haben keinen Staat, aber es ist dies ein Ergebnis seltsamer Zufälle, heißt die Botschaft.

Neben diesen politischen Aussagen geht es in diesem Buch auch darum, wie man als Mini-Individuum in die Geschichte eines großen Komplexes reisen könnte, wie man analysiert und wach bleibt, wie man einen Standpunkt findet und durch ihn auch zu einem hoffnungsvollen Diskurs kommt. Lauter Fragestellungen, die notwendig sind, wenn man sich mit fremden Kulturen auseinandersetzt. Dine Petriks Buch ist also nicht nur eine Bestandsaufnahme über das sogenannte Schicksal der Kurden, es ist auch ein methodisch faszinierender Versuch, mit großen Problemen halbwegs in humanen Maßstäben zurecht zu kommen.

Dine Petrik: Jenseits von Anatolien. Eine Reise ins Oströmische Reich.

Wien: Promedia Verl. 2002. 191 Seiten. 17,90.

ISBN 3-85371-189-8

Dine Petrik, geb. 1942 in Unterfrauenhaid/Bgld., lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 21/11/02