Johanna oder die Erfindung der Nation

Längst hat Felix Mitterer den Status eines Volkstheater-Coutouriers, der zweimal im Jahr seine aktuelle Stoffmode auf die Bühne bringt. Im heurigen Frühjahr trägt man die Jungfrau von Orléans und das Hauptaccessoir heißt Nation. - Nützen wir das neueste Stück der Mitterer-Monocompany wie immer dazu, positiv zu denken und das Schöne am Theater zu sehen.

Felix Mitterers hat für das Stück Johanna mehrere Ideen:

1. Eine bereits gängige Theaterfigur oder gar ein Theatermythos soll auf die Bühne gestellt werden.

2. Alle bisherigen Theateraufführungen zu dieser Figur sollen mitschwingen.

3. Das Stück soll kein Endstadium sein, sondern den status quo der Johanna zeigen.

4. Das Thema der Nation soll im Sinne eines Thesenstücks abgehandelt werden.

5. Die Grenzen des Theaters sollen technisch ausgereizt werden, indem etwa der obligate Felix-Reiter durch die Bühne reitet oder hundert Schwerter vom Schnürboden fallen.

Alle diese Ideen gehen natürlich auf, denn man sollte einfach einmal Felix Mitterer als Arbeitstier loben, das seine Arbeit ordentlich und pragmatisch macht. Gerade dieses Stück ist nicht von einem Genie sondern von einem Handwerker gemacht.

Durchaus erleuchtend ist der Spielvorschlag, Johanna in die Psychiatrie zu stecken, statt wie üblich hinzurichten. Und die Nation ist natürlich etwas Ungutes, schon der Grillparzer war damit nicht zufrieden, und angesichts Europas ist eine Nation natürlich ganz was Ungutes. Wie aber, wenn Europa nichts anders als eine große Nation ist? Diese Frage wird vermutlich im nächsten Stücke gestellt werden, denn auch ein Stück über Europa ist im Anflug wie ein Karpatentief.

Wenn solche Stücke als Auftragswerk geschrieben werden, stellt sich schon die Frage, ob nicht vielleicht das Theater eine kleine Krise hat. Also ein kurzes Couchgespräch mit Paul Lendvai gibt zur Nation sicher mehr her als diese Johanna. Doch Theater besteht ja nicht nur aus Höhepunkten sondern aus einer elendslangen, nie enden wollenden Spielzeit.

Das Stück ist pünktlich zur Uraufführung in Salzburg als Buch erschienen. Syliva Tschörners grandiose Stoffanalyse der Jungfrau von Orleans ist wahrscheinlich der geheime Sinn dieses Buches und ersetzt beinahe den Theaterabend.

Felix Mitterer: Johanna oder die Erfindung der Nation. Theaterstück. Mit einem Beitrag von Sylvia Tschörner.Innsbruck: Haymon 2002. 96 Seiten. 14,40. ISBN 3-85218-384-7

Felix Mitterer, geb. 1948 in Achenkirch, lebt in Irland.

Helmuth Schönauer 15/01/02