Indien kann warten

So können Reisen auch ausgehen. Da will ein Ich-Erzähler mit dem Motorrad nach Indien fahren, bleibt aber an der unmittelbaren Umgebung kleben. Die Reise wird immer wieder hinausgeschoben, kleinere Aufbrüche enden hinter dem nächsten Paß, und eigentlich ist der Regen schuld, der im entscheidenden Augenblick unbarmherzig über den Motor kriecht und das komplette Zündsystem lahm legt.

Magnus Mills erzählt mit englischer Ironie von einem Helden, der in die Welt aufbricht und dabei nicht einmal über das Ortsende einer kleinen Siedlung hinaus kommt. Natürlich schwingt immer die Melancholie der Cechovíschen Schwestern mit, die ja auch immer von Moskau träumen und nie vom Landgut herunter kommen.

Diese ungewollt patriotische Erzählhaltung eröffnet raffinierte Blicke in die Kleinodien des ruralen Daseins. Denn jemand, der eigentlich nicht anwesend sein will, bemerkt instinktiv viel eher, was eigentlich gespielt wird, als jemand, der selbst in der Dorfkloake eine tragende Rolle ausübt.

Wenn dem Ich-Erzähler der Kopf vom Vortag brummt, dann spürt man als Leser seinen Kater beinahe leibhaftig, und verschärft wird dieser Kater noch durch die Ausweglosigkeit, weg zu kommen.

Mehr aus Verzweiflung als aus Sinngebung beginnt der Held alles mit einer grünen Farbe zu streichen, was sich in der Welt der Kleinhausbesitzer und besessenen Dauersiedler streichen läßt, und das ist immens viel. In einer Umgebung, in der durch die Bank der Lack ab ist, ist Streichen eine Aufgabe rund um die Uhr.

Magnus Mills erzählt auf groteske Weise, wie jemand allmählich seine Träume aufgibt und in den alltäglichen Trott einer permanenten Aufbruchsstimmung verfällt. Sein Held ist naturgemäß sehr tragisch, denn er realisiert seine Träume als Antithese, und das ist bekanntlich härter als die Realität.

Magnus Mills: Indien kann warten. Roman. A. d. Engl. von Katharina Böhmer.

Frankfurt/M: Suhrkamp 2002. 219 Seiten. Ä 18,90.

ISBN 3-518-41324-4

Magnus Mills, geb. 1954, lebt in London.

Helmuth Schönauer 10/09/02