Kommando: Aufarbeitung!

Auch Robert Menasse arbeitet in seinem Roman "Die Vertreibung aus der Hölle" alles artig auf.

Wie einst in den DDR-Zeiten der schwarzen Pumpe und des Bitterfelder Programms muß es für die österreichischen Romanschriftseller eine Zentrale geben, die momentan das Aufarbeitungs-Thema befohlen hat. Wer in Österreich einen Preis und etwas zum Essen dazu haben möchte, muß sich den bitteren Weg der Aufarbeitung herunterschreiben. So haben wir nach Norbert Gstrein, Ludwig Laher, Alois Hotschnig und dem Realo-Meister Josef Haslinger jetzt schon mindestens den fünften Aufarbeitungsroman innerhalb eines Jahres am Nachtkästchen für schwere Anlässe, irgend etwas Komisches muß da vorgehen.

Bei Robert Menasse (geb.1954, lebt in Wien und Amsterdam) ist es ein schwer-naiver Plot, der einen einschlafen läßt, noch ehe man das Buch vom Nachtkästchen genommen hat. Ein Maturatreffen (uuaaahhh!), fünfundzwanzig Jahre nach der Matura, alle sind da und fünfundzwanzig Jahre älter geworden. Tafelspitz und dreißig Suppen sind angesagt, aber es kommt nicht zum Verzehr, denn der Höhepunkt des Romans geschieht gleich auf den ersten Seiten, damit es der Leser hinter sich hat. Der Protagonist Viktor steht nämlich auf, er hat Geschichte studiert, und liest den anwesenden Lehrern die Leviten in Gestalt ihrer ehemaligen Parteinummer bei der NSDAP vor.

So, das ist ein starkes Stück, die Maturafeier endet abrupt, alle gehen nach Hause und der Leser sitzt da mit Viktor und den dreißig Suppen, nein Hildegund ist auch sitzen geblieben, damit Viktor jemanden hat, der er seinen Jammer mit der Aufarbeitung der Geschichte erzählen kann. Scheidungskind, 68-er Jahr, England-Fahrt, Rom-Fahrt mit urbi und orbi, alles wird sauber aufgearbeitet und dazwischen kommen artig die Verweise zu den Lehrern mit ihrem braunen Hintergrund. In dieses Desaster eines österreichischen Durchschnittslebens sind freilich wie bei gutem Rindfleisch Durchwachsungen eingeflochten. Viktor hat ja nicht umsonst studiert, sondern um am Beispiel des Lehrers von Spinoza zeigen zu können, wie sich wirklich gute Lehrer in Ausnahmesituationen zu verhalten haben. Immerhin spielten sich zu Spinozas Zeiten in Spanien große Vetreibungen und Pogrome ab, eine Vorstufe zum Nazi-regime gewissermaßen.

Viktor bringt seine Aufarbeitung schließlich zu Ende, vom Verlag kriegen wir auch ein schönes Motto mit: "Die Hölle erkennen wir immer erst rückblickend. Nach der Vetreibung. Solange wir in ihr schmoren, reden wir von Heimat."

Sicher ist Menasses Roman als tapfere Anstrengung zu würdigen, etwas zur großen Aufarbeitung beizutragen, aber sein Versuch ist eben religiös-professoral überheblich erbauend. Damit man den "Höllen-Roman" interessant nennen könnte, müßte er wenigstens erzähltechnisch oder inhaltlich irgend etwas Neues zeigen, für einen guten Unterhaltungs- oder Strandroman hat er zuviel Sand im Erzählgetriebe. Es ist halt ein echter Roman für Germanisten, die beim Orgasmus bekanntlich Kriterien jenseits der üblichen Lebenserfahrung anlegen.

Robert Menasse: Die Vertreibung aus der Hölle. Roman.

Frankfurt/M: Suhrkamp 2001. 492 Seiten. 350,- ATS. 25,46.

ISBN 3-518-41267-1

Robert Menasse, geb. 1954, lebt in Wien und Amsterdam.

Helmuth Schönauer 14/07/01