Hellblau

Thomas Meinecke ist nicht nur einer der interessantesten Schriftsteller der Gegenwart, er gilt als Vertreter der Pop-Literatur und hat durch seine Mischung aus ungeniertem und lekikalischem Erzählen so etwas wie einen neuen Sound begründet. Daß seine Texte an DJ-gestylte Compilationen historischer Art erinnern, wird niemanden verblüffen, der sich einmal von seiner Musikalitiät der schnellen Schnitte hat beeindrucken lassen. "Hellblau" ist der Erinnerungszustand, der den Musiken und ethnischen Identitäten zugrunde liegt. Der Schriftsteller Tillmann verbringt schreibend, trödelnd und "compilierend" einen Sommer in North Carolina, zwischen Hurrikan-Warnung, Wettervorhersage und Beobnachtung der Einsamkeit am Fuße eines Leuchtturms geht er der Geschichte der Musik nach. Was unterscheidet letztlich die verschiedenen Kulturen, gibt es so etwas wie einen Musikstrom, der zwischen den Kontinenten hin und her driftet, besteht ein Zusammenhang zwischen Geschichte und Musik der Geschichtserben? Im Roman werden die Zeitebenen aufgehoben, ein Ereignis aus 1931 kann unmittelbar auf eine Zeitungsnotiz der Gegenwart folgen, eine persönliche Meinung kann zum Trend werden, eine in sich kompakte Handlung kann völlig abstrus wirken, wenn sie in das entsprechende Erzählfeld gestellt ist. Thomas Meinecke erzählt offen und rasant, seine einzelnen Einstiege erinnern an den Mausklick im Internet, der sämtliche Informationshierarchien überspringen kann und gerade durch die zufällige Anordnung der Zugänge eine neue Gesamt-Information erschafft. So in etwa könnte ein moderner Bildungsroman ausschauen, spannend, witzig, informativ, erzählt wird nur, was sich anklicken läßt, der Rest bleibt dem Leser überlassen, der sich Information erschließen mag oder nicht. Und irgendwo wird auch augenzwinkernd jene Leiter miterzählt, die man nach Wittgenstein umwerfen muß, wenn die Erkenntnis an die Grenze gelangt ist. Hellblau ist ein wunderbarer Roman, dessen Erinnerungsfarbe lange hell, leicht und fröhlich im Leser leuchten bleibt.

Thomas Meinecke: Hellblau. Roman. Frankfurt/M: Suhrkamp 2001. 335 Seiten. 291,- ATS. 21,14. ISBN 3-518-41266-3

Thomas Meinecke, geb. 1955 in Hamburg, lebt in Oberbayern.

Helmuth Schönauer 25/11/01