Inferno Solitario

Das Hauptthema dieses Buches bestehend aus vier Texten ist vielleicht der Grat, an dem die Sprache in Stimme und Graphik aufgeschnitten wird. Die drei sogenannten Hörstücke entfalten als graphisch hingedruckter Text eine seltsame Aura. Einerseits sind die auftretenden Figuren auf die Stimme reduziert, andererseits entstehen gerade durch diese Stimmen die größten Persönlichkeiten. Und das Theaterstück läßt sich vielleicht als ein Hörstück mit Theaterkörpern auf der Bühne empfinden.

Zu Beginn wird eine Litanei vorgestellt, die im schweren Singsang des Alphabets das Leben in überschaubare Abschnitte zu gliedern versucht. Das Stück kann wahlweise mit einem oder zwei Sprechern aufgeführt werden, für den Leser ergibt sich auch die interessante Möglichkeit, sich selbst in zwei Leser aufzuspalten und dadurch dem Text einen zusätzlichen Vorstellungsraum zu verschaffen. Die aufdringliche Gegenwart, schroff zusammenkomponiert aus zwangs-gepauktem Schulwissen und eingedroschenen Schlagzeilen, bleibt auch dann noch chaotisch und unorganisierbar, wenn man sie wie Einträge in einem höheren Lexikon großräumig zu ordnen versucht.

"Inferno Solitario" ist ein Hörstück für eine Männer- und eine Frauenstimme. In drei Bildern werden der Sound der Welt, die Erinnerung an die Pläne aus der Jugendzeit und der unentwirrbare Hörknäul der Zukunft dargestellt. Besonders beeindruckend die abgeklärte Dissonanz reifer Stimmen, wenn sie über das aufgeregte Ankoppeln frisch erotisierter Jugendlicher räsonieren.

Im Hörstück "Silence, please" beschreiben zwei Schwestern aus Erinnerungsteilen den Mann, der sich gerade auflöst und offensichtlich sterben will oder schon gestorben ist. Obwohl Stille (silence, please) angebracht wäre, ist gerade in dieser Atmosphäre der permanente Smalltalk nicht zu bremsen, und auch die verlöschende Männerstimme ringt nach großen Worten. Aber es entfahren ihr nur Ungereimtheiten zu Schwerkraft und Licht. Dieses Hörstück sagt mit Komplementärsätzen das Unsagbare, worin die Sprache ja ihren Geist aufgibt.

Das Theaterstück "Mannsteufel" ist das Gegenstück zu Karl Schönherrs Weibsteufel. Schönherr gibt der Hauptperson, einem Provinz-Politiker mit Provinzleiden, auch den Namen. Eine seltsame Verschwörung von Provinzjournalismus, kriminellen Short Cuts und generelle Impotenz machen Schönherr zu einer recht kaputten Figur, die vergeblich die eigene Reputation als offensiver Macher zu retten versucht. "Es hängt ganz davon ab, wer kontrolliert. Und wer die Kontrolle verliert." (61) Allein die Regieanweisung zum vierten Bild ist schon ein Gedicht: "Politiker und Frau im Bett. Mann müht sich ergebnislos auf seiner Frau ab, läßt sich dann zur Seite fallen." (64) Diese kleine Anmerkung ist eigentlich perfekt verkürzt das ganze Stück.

Sepp Mall: Inferno Solitario. Drei Hörstücke und ein Theatertext.

Innsbruck: Skarabaeus 2002. 104 Seiten. 14,00.

ISBN 3-7082-3101-5

Sepp Mall, geb. 1955, lebt in Meran.

Helmuth Schönauer 12/06/02