GEGENWARTSLITERATUR (1204)

Schluss mit lustig!

Judith Mair beginnt ihr durchaus lustiges Buch mit einer Abrechnung des "Fetisch des Wandels". Unter dem bezeichnenden Titel Auflösen, Ausdünnen, Abschaffen wird der Römische Politiker Gaius Petronius aus dem Jahre 66 n.Chr. zitiert. - "Wir übten mit aller Macht, aber immer wenn wir begannen zusammengeschweißt zu werden, wurden wir umorganisiert. Ich habe später im Leben gelernt, daß wir oft versuchen, neuen Verhältnissen durch Umorganisieren zu begegnen. Es ist eine phantastische Methode! Sie erzeugt die Illusion des Fortschritts, wobei sie gleichzeitig Verwirrung schafft, die Effektivität mindert und demoralisierend wirkt." (S.31)

Daher kommen auch die sogenannten Gurus der Wirtschaftstheorie und Unternehmenskultur auf den Prüfstand mit durchaus entlarvenden Ergebnissen. So wird die Methode Vera Birkenbihls, während einer Krise kurz aufs Klo zu gehen um durch Lachen die Glückshormone zu aktivieren, als das bezeichnet, was es ist, eine Aktivität, die dem Ort vollends gerecht wird. Auch die Hypermotivationskampagne eines Jürgen Höller endet ja letztlich nach einem finanziellen Desaster in der zynischen Formulierung: Arm kommt von arm an Motivation.

Und Sabine Asgodoms Spaß an der Arbeit (Stichwort: Leben macht die Arbeit süß) führt zu einem Happy-Sound von Flow, worin alles vermengt ist.

Und genau darum geht es, daß Arbeit sein muß, will sie nicht das Leben versauern. Spielregeln, die dem Menschen und der Arbeit gerecht werden, erleichtern schließlich beides: Leben und Arbeit, heißt die Devise. Zu diesem Zweck hat die Autorin zwanzig Regeln entwickelt, die auf den ersten Blick ironisch oder "rückwärtsgewandt" ausschauen. Aber bei genauerer Betrachtungsweise ist es gar nicht blöd, saubere Regeln aufzustellen, die so etwas wie Gefäße sind, in denen sich der Inhalt der Arbeit entfalten kann.

Das Regewerk beinhaltet folgende Elemente:

1. Dienstzeit

2. Uhrzeit

3. Pause

4. An Ort und Stelle

5. Einstellung

6. Spaß

7. Ordnung

8. Befindlichkeiten

9. Privatkontakte

10. Umgang

11. Garderobe

12. Vor dem Kunden

13. Nach der Arbeit

14. Das letzte Wort

15. Jeder kehrt vor seinem Haus

16. In ist out

17. Böse Wörter

18. Runder Tisch

19. Gewöhnlich ist gut

20. Minuspunkte

Mit diesen Regeln, die eher an eine Büroordnung eines Clerk von Robert Walser erinnern als an ein Office im Zeitalter der New Economy, wird so etwas wie ein verläßliches Koordinaten system der Abläufe garantiert. Gleichzeitig erfährt der Sound der Arbeitswelt eine Realisierung, die sich beschreiben und vernetzen läßt.

Ein schöner Seitenhieb auf das sogenannte semiologische ABC der Arbeitswelt nutzt Vilem Flusses "Dinge und Undinge" um den Irrlauf an Eycathern, Keyvisuals und anderen Livestyle-Wörtern als untauglichen Designer-Schaum zu entlarven.

Wer Leistung und Disziplin erbringt, hat immer hin was, womit man mit ihm rechnen kann. Wer nur mit emotionaler Intelligent und anderen Soft Skills punkten will, punktet letztlich in einem leeren Raum ohne irgendwelche Verbindlichkeit.

Häufig leidet man daran, daß man zwar viel Arbeit aber keine Aufgabe hat, wird Helmut Walters zitiert. Die Aufgabe beginnt mit der Zielsetzung einer Aufgabe, und hier können Regeln von Nutzen sein, meint Judith Mair, ernst und schelmisch zugleich. Denn Arbeit ist ja kein Event sondern einfach nur Arbeit.

Judith Mair: Schluss mit lustig! Warum Leistung und Disziplin mehr bringen als emotionale Intelligenz, Teamgeist und Soft Skills.

Frankfurt/M: Eichborn 2002. 176 Seiten. 17,40.

ISBN 3-8218-3962-7

Judith Mair, geb. 1972, ist Gründerin und Chefin des Gestaltungs-Büros Mair u.a. in Köln.

Helmuth Schönauer 01/11/02