TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 617

Wüstentaucher

Was für ein kühner Titel! Wüstentaucher ist jemand, der in der Trockenheit des Sandes abtaucht wie in Wasser, oder jemand, der in der Wüste untertaucht. Es sind lauter wüstenverzückte Helden, die Sven Lindqvist in diesem Literatur-Doku-Roman aufbietet, Träumer, Sinnsucher, Spezialisten für Randzonen.

Die Erzählmethode ist bestechend. Die wichtigsten Wüstenbücher von Andre Gide, Antoine de Saint-Exupery, Pierre Loti oder Isabelle Eberhardt liefern so etwas wie einen Wüsten-Erfahrungsschatz. Der Ich-Erzähler reist einerseits dokumentarisch die Originalschauplätze ab, andererseits wird er zu den erzählten Figuren, wenn nicht zur erzählten Materie überhaupt.

Allein der Beginn ist unvergeßlich, der Erzähler findet im Waschbecken sein eigenes Hirn, und wundert sich gar nicht, daß es zu Stein geworden ist.

Die Wüste ist nur als Pforte eine geographische Angelegenheit, sobald man sie betreten hat oder sie überfliegt, hat sich die Welt verändert.

Geschlechtertausch, um in verbotene Zonen zu gelangen und wohl auch den erotischen Erkenntnisstand aufzuweiten, Arbeit in der Schlammzone zwischen Trockenheit und abgebracktem Wasser eines Tiefbrunnens, historische Massaker und ihr allmähliches Versickern in die Ungnade der Geschichtsschreibung sind einige der Elemente, aus denen dieser Abenteuerroman der Leserealität zusammengesetzt ist.

Die Erkenntnisse werden in klaren poetischen Sätzen zusammengefaßt, wenn es etwa über die Stadt Laghouat heißt: "Zwei Gesellschaften stehen sich gegenüber. Die eine hat die Macht und das Wort. Die andere ist Herrin der Stille." (73)

Die Wüstentaucher haben einerseits ein verrücktes Schicksal, ehe sie in die Wüste gehen, so etwa zahlt Loti die Schulden seines Vaters und geht in die Wüste, oder sie kriegen in der Wüste einen eigenartigen Lebensdrall, man denke etwa an Saint-Exupery, der zwischen Fliegen und Wüstenfliegen unterscheidet.

Sven Lindqvists Buch, im Original 1990 veröffentlicht, knüpft imposant an die große skandinavische Tradition der Expeditionsliteratur an, man denke etwa an Per Olov Sundquists "Expedition". Und über allem steht die große Weisheit, daß die Literatur eine Wirklichkeit schafft, die der Realität am nächsten kommt.

Sven Lindqvist: Wüstentaucher. Auf den Spuren von Dichtern, Träumern und Generälen. A.d.Schwed. von Sandra Nalepka.

Innsbruck: Haymon 2002. 159 Seiten. 17,90.

ISBN 3-85218-398-7

Sven Lindqvist, geb. 1932 lebt in Stockholm.

Helmuth Schönauer 20/10/02