Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus

Seit Friedrich Dürrenmatts Physikern ist niemandem mehr auf der Welt klar, wer in einem System innen und außen sitzt, und wer normal oder un-normal ist. Das sogenannte Irrenhaus ist eine Bühne des Ausnahmezustandes, es gibt zwar Richtlinien aber keine Richtung, ein Gesetz, aber keine Gesetzmäßigkeiten. Christine Lavants Text "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus" ist 1946 entstanden, wurde dann aber von der Autorin zurückgehalten und kommt erst jetzt, ein Vierteljahrhundert nach dem Tod der Christine Lavant im Zuge der Gesamtausgabe zum öffentlichen Vorschein. Die Aufzeichnungen sind in der Fiktion einer Autobiographie gehalten, ein erzählendes Ich geht an die Grenzen des Bewußtseins und versucht dabei, nicht die erzählerische Contenance zu verlieren. In einem n von Entrückung erlebt die Erzählerin Mitpatienten, Pflegepersonal und Ärzte im Kreislauf der Tage, Themen und Behandlungen scheinen wirklich im Kreis zu gehen, etwas Geradliniges oder gar ein Ausweg scheint nicht in Sicht. Volkstümlich gesprochen haben alle Personen einen leichten Huscher, mal religiös, dann wieder leicht illuminiert, auch die Sprache wechselt von klarer Beschreibung der Gefühle bis zu einem Diffusum an Reflexen. Immer wieder tun sich auch die Abgründe der Erkenntnis auf, das heißt, als Leser sieht man den Schlund der Leere, ohne seine genauen Ausmaße zu erkennen. Je nach Programm läßt sich der Text als Fallstudie an der Grenze des Bewußtseins, als lyrisches Zwischenreich magischer Begriffe oder als Abenteuerroman im Dschungel des persönlichen Chaos lesen. Im Nachwort werden auch die authentischen Erfahrungen der Christine Lavant mit der Psychiatrie, ihre Angst vor Entdeckung und Verfolgung im Dritten Reich, sowie ihre Scheu, den Text zu veröffentlichen, angesprochen.

Christine Lavant: Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider. Salzburg: Otto Müller Verl. 2001. 158 Seiten. 208,- ATS. 15,00. ISBN 3-7013-1031-9

Christine Lavant, geb. 1915 in St. Stefan/Lavanttal, starb 1973.

Helmuth Schönauer 10/10/01